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Zeitschrift für Politik 



Herausgegeben 
von 

Richard Schmidt und Adolf Grabowsky 

Leipzig Berlin 



Zehnter Band 

v. 10 




BERLIN 

Carl Heymanns Verlag 

1917 



Gedruckt bei Julius Sittenfeld, Hofbuchdrucker., Berlin "W 8 



LIBRARY 

748498 

UNIVERSITY OF TORONTO 






Verlags- Archiv 6292 



Inhaltsverzeichnis zum zehnten Band 



A. Abhandlungen Seite 

Friedlaender, Otto: Zur inneren Entwicklung der österreichischen 

Staatsverfassung 36 

Hübner, Rudolf: Joh. Gust. Droysens Vorlesungen über Politik. 
Ein Beitrag zur Entwicklungsgeschichte und Begriffsbestim- 
mung der wissenschaftlichen Politik 325 

Kaehler, Siegfried: Das Wahlrecht in Wilhelm von Humboldts 
Entwurf einer Ständischen Verfassung für Preußen vom 

Jahre 1819 195 

Kroner, Eichard: Politik und Weltpolitik 1 

Lehmann, Rudolf: Friedrich Nietzsche und das Deutschtum . . 377 
Steindorff, Georg: Die Ostgrenze Ägyptens und der Suezkanal . 169 

B. Zum Stand der politischen Probleme (Zusammen- 
fassende und vergleichende Übersichten) 

Greenfield, James: Das persische Problem 241 

Kosch, Wilhelm: Das nationale Problem Osteuropas .... 398 

Lehmann, Rudolf: Die Frauenbewegung und der Weltkrieg . . 288 
Mann, Traugott: Deutsche und österreichische Forschungs- und 

Bildungsarbeit in der Türkei 410 

Mueller, Herbert: Der russisch- japanische Vertrag vom 3. Juli 1916. 

Seine Entstehung und sein Inhalt 123 

Nagy von Eötteveny, Olivier: Ungarns gutes Recht .... 97 

Niedner, Johannes : Das Militärkirchenwesen 300 

Sieger, Robert: Ungarische Gravamina 434 

Strupp, Karl: Der Wirtschaftskrieg gegen Deutschland und die 

Neutralen 144 



IV Inhaltsverzeichnis zum zehnten Band. 

Seite 

0. Besprechungen 

Bachern, Julius : Erinnerungen eines alten Publizisten und Poli- 
tikers (Ludwig Bergsträßer) 324 

Bauch, Bruno: Vom Begriff der Nation (Richard Schwemer) . 473 
Bericht des ersten deutschen Kongresses über Bevölkerungsfragen 
zu Darmstadt, herausgegeben von Glässing (Wilhelm Schall- 
mayer) 458 

Bermann, Richard A. : Irland (Rudolf Imelmann) 309 

Bleyer, Josef : GroßschiffahrtswegDonau-Main-Rhein (Oskar Kende) 481 
Bleyer, Josef: Die zwischenstaatlichen Fragen des öffentlichen 

Donaurechtes (Oskar Kende) 480 

Bonus, Arthur: Religion als Wille (Hermann Mulert) .... 552 
Bornhak, Konrad: Der Wandel des Völkerrechts (Karl Strupp) 469 
Brandt, Otto: England und die Napoleonische Weltpolitik 1800 bis 

1803 (Felix Salomon) 516 

Britisches gegen deutsches Imperium. Von einem amerikanischen 
Iren. Mit einem Vorwort von Sir Roger Casement (Rudolf 

Imelmann) 313 

Brommer, Ignatz : Die österreichische Donau und die öster- 
reichische Elbe als Wasserstraßen (Oskar Kende) .... 476 
Bühler, Ottmar: Die subjektiven öffentlichen Rechte und ihr 
Schutz in der Deutschen Verwaltungsrechtsprechung (Rudolf 

Bovensiepen) 496 

Burgdörfer, F. : Das Bevölkerungsproblem (Wilhelm Schallmayer) 466 
Cahn, Ernst: Das Verhältniswahlsystem in den modernen Kultur- 
staaten (Hermann Lufft) 504 

van Calker, Wilhelm: Das Problem der Meeresfreiheit und die 

deutsche Völkerrechtspolitik (Karl Strupp) 471 

Dibelius, Wilhelm: Charles Dickens (Albert Ludwig) .... 520 
Die Baltischen Provinzen. Band I und IL Herausgegeben von 

Otto Grautoff (Valerian Tornius) 156 

Die Donauschiffahrt und die Erste k. k. priv. Donau-Dampfschiff- 
fahrtsgesellschaft (Oskar Kende) 476 

Die Erhaltung und Mehrung der deutschen Volkskraft (Wilhelm 

Schallmayer) 441 

Die Tarifverträge im Deutschen Reiche am Ende des Jahres 1914 

(Wilhelm Kulemann) 524 

Donaukonferenz in Budapest am 4. September 1916 (Oskar Kende) 479 
Ebbinghaus, Therese: Napoleon, England und die Presse (1800 

bis 1803) (Felix Salomon) 515 

Eltzbacher, Paul: Totes und lebendes Völkerrecht (Karl Strupp) 469 
von Engelhardt, Alexis Frhr. : Die deutschen Ostseeprovinzen 

Rußlands (Valerian Tornius) 152 



Inhaltsverzeichnis zum zehnten Band. V 

Seite 

Fraenkel, Hans: Dampfschiff und Eisenbahn am Niederrhein 

(Justus Hashagen) 535 

Frölich, Fr. : Die Stellung der deutschen Maschinenindustrie im 
deutschen Wirtschaftsleben und auf dem Weltmarkte (Emil 
Schiff) 526 

Gaertner, Alfred: Der Kampf um den Zollverein zwischen Öster- 
reich und Preußen von 1849 bis 1853 (Adolf Hasenclever) 506 

Goebel jr., Julius: The Recognition Policy of the United States 

(Albrecht Mendelssohn Barthoidy) 168 

Gopöevitf, Spiridion: Rußland und Serbien von 1804 — 1915 (Adolf 

Hasenclever) 322 

Hashagen, Justus: England und Japan seit Schimonoseki (Paul 

Leutwein) 164 

Heiderich, Fr. : Die Donau als Yerkehrsstraße (Oskar Kende) . 478 

Heinrich Ferdinand, Erzherzog: Die Wasserstraßen Mitteleuropas 

(Oskar Kende) 482 

Hoeber, Karl : Der Papst und die römische Frage (Maximilian Claar) 316 

Hönger, Alfred: Zeugnisse zum deutschen Aufstieg (Richard 

Schwemer) 473 

Hotowetz, Rudolf : Das österreichische Staatsproblem (Robert Sieger) 507 

Ingelmann, A.: Ständische Elemente in der Volksvertretung nach 
den deutschen Verfassungsurkunden der Jahre 1806 — 1819 
(Ludwig Bergsträßer) 501 

Joacbimsen, Paul: Vom deutschen Volk zum deutschen Staat 

(Richard Schwemer) 471 

Junge, Reinhard: Das Problem der Europäisierung orientalischer 

Wirtschaft. Erster Band (Willy Wygodzinski) .... 538 

Kaindl, Raimund Friedrich: Deutsche Siedlung im Osten (Carl 

Jentsch -J-) 163 

Kant, Immanuel: Zum ewigen Frieden. Herausgegeben von Karl 

Vorländer (Georg Lasson) 485 

Kirstein, F. : Der Geburtenrückgang, die Zukunftsfrage Deutsch- 
lands (Wilhelm Schallmayer) 467 

Kjellen, Rudolf: Die Großmächte der Gegenwart (Hermann Oncken) 156 

Kjellen, Rudolf: Die Ideen von 1914 (Hermann Oncken) . . . 156 

Kjellen, Rudolf: Die politischen Probleme des Weltkrieges (Her- 
mann Oncken) 156 

v. Kvassay, E.: Die Donau als Verkehrsstraße der verbündeten 

Staaten (Oskar Kende) 478 

v. Kvassay, E. : Die Ungarische Donau als ein Teil der Verkehrs- 
straße für die Großschiffahrt nach dem Orient (Oskar Kende) 478 

Lamprecht, Karl: Deutscher Aufstieg 1750 — 1914 (Richard 

Schwemer) 472 



VI Inhaltsverzeichnis zum zehnten Band. 

Seite 
Lenel, P. : Wilhelm von Humboldt und die Anfänge der preußischen 

Verfassung (Justus Hashagen) 501 

Leonhard, Rudolf: Die landwirtschaftlichen Zustände in Italien 

(Willy Wygodzinski) 537 

Literatur zur Donaufrage (Oskar Kende) 483 

Llorens, Eduardo C. : Der Krieg und das Recht (Albrecht Mendels- 
sohn Bartholdy) 161 

Löwenthal, Fritz: Der preußische Verfassungsstreit 1862 — 1866 

(Julius Heyderhoff) 502 

Marcuse, M. : Der eheliche Präventivverkehr (Wilhelm Schall- 
mayer) 465 

Martens, Heinrich : Die Agrarreformen in Irland (Rudolf Imelmann) 312 
Mendelssohn Bartholdy, Albrecht: Der irische Senat (Rudolf 

Imelmann) 310 

Meusel, Friedrich: Edmund Burke und die französische Revolution 

(Max Fischer) 512 

Meyer, Eduard: Weltgeschichte und Weltkrieg (Franz Schnabel) 160 
Meyer, Eduard: Nordamerika und Deutschland (Paul Darmstädter) 167 

Miquels Reden. I. Band (Fritz Härtung) 552 

Molden, Ernst: Zur Geschichte des österreichisch-russischen Gegen- 
satzes. Die Politik der europäischen Großmächte und die 

Aachener Konferenzen (Richard Charmatz) 163 

Nawratzki, Curt: Die jüdische Kolonisation Palästinas (Martin 

Hartmann) 540 

Neißer, A. : Die Geschlechtskrankheiten und ihre Bekämpfung 

(Wilhelm Schallmayer) 464 

Neumann -Frohnau, Jos.: Die Freiheit der Meere (Karl Strupp) 471 
Niedner, Johannes : Der Krieg und das Völkerrecht (Karl Strupp) 469 

Pokorny, Julius: Irland (Rudolf Imelmann) 315 

Pollack, Walther: Perspektive und Symbol in Philosophie und 

Rechtswissenschaft (Rudolf Bovensiepen) 488 

Rägöczy, Eg. : Das Projekt eines nord-südlichen Großschiffahrts- 
weges zur Verbindung der Nordsee (bei Bremen) mit dem 
Main, der Donau und dem Schwarzen Meere (Oskar Kende) 481 
Rohrbach, Paul: Das Baltenbuch (Valerian Tornius) . . . . 156 
Schäfer, Dietrich : Das deutsche Volk und der Osten (Carl Jentsch -}-) 163 
Schiff, Emil : Staatliche Regelung der Elektrizitätswirtschaft 

(Clemens Heiß) 528 

Schwedische Stimmen zum Weltkrieg. Übersetzt und mit einem 

Vorwort versehen von Friedrich Stieve (Adolf Hasenclever) 166 
Siebert, F. : Der völkische Gehalt der Rassenhygiene (Wilhelm 

Schallmayer) 462 



Inhaltsverzeichnis zum zehnten Band. "VII 

Seite 
Siemens, H. W. : Die biologischen Grundlagen der Kassenhygiene 

und der Bevölkerungspolitik (Wilhelm Schallmayer) . . . 461 
Skalweit, B. : Die englische Landwirtschaft (Willy Wygodzinski) 535 
Spargo, John: Karl Marx. Sein Leben und Werk (Gustav Mayer) 323 
Stoffers, G. : Kinderreiche Mütter (Wilhelm Schallmayer) . . . 467 
Tecklenburg, Adolf: Die Entwicklung des Wahlrechts in Frank- 
reich seit 1789 (Hermann Lufft) 503 

Thurneysen, R. : Irland und England (Rudolf Imelmann) . . . 314 
Triepel, Heinrich: Die Zukunft des Völkerrechts (Karl Strupp) 469 
Triepel, Heinrich: Die Freiheit der Meere und der künftige 

Friedensschluß (Karl Strupp) 471 

Über den gesetzlichen Austausch von Gesundheitszeugnissen vor 
der Eheschließung usw. Verhandlungsbericht, herausgegeben 
von der Berliner Gesellschaft für Rassenhygiene (Wilhelm 

Schallmayer) 459 

Veröffentlichungen der Deutschen Gesellschaft für Bevölkerungs- 
politik I: Bericht über die Versammlung am 18. Oktober 1915 

(Wilhelm Schallmayer) 455 

von Vietinghoff gen. Scheel, Leopold: Die Sicherheiten der 

deutschen Zukunft (Carl Jentsch -f) 162 

Weiser, Chr. Fr.: Die Hoffnung des Iren (Rudolf Imelmann) . 313 
Weiser, Chr. Fr.: Shaftesbury und das deutsche Geistesleben 

(Albert Ludwig) 510 

Wiedenfeld, Kurt: Der Sinn deutschen Kolonialbesitzes (Paul 

Leutwein) 523 

Wolzendorff, Kurt: Staatsrecht und Naturrecht in der Lehre vom 
Widerstandsrecht des Volkes gegen rechtswidrige Ausübung 

der Staatsgewalt (Gerhard Anschütz) 494 

Zimmermann, Alfred: Die Donau als Binnenwasserstraße Österreich- 
Ungarns (Oskar Kende) 476 



Sach- und Namenregister 553 



Aiitorenregister 



Seite 
Ansckütz, Gerh., Geh. Justiz- 
rat Prof. Dr 494 

Bergsträßer, Ludwig, Prof. 

Dr 324, 501 

Bovensiepen, Rudolf, Land- 
richter Dr. . . . 488, 496 
Charmatz, Eichard . . . 163 
Claar, Maximilian, Prof. Dr. 316 
Darmstädter, Paul, Prof. Dr. 167 

Fischer, Max, Dr 512 

Friedlaender, Otto, Dr. . . 36 

Greenfield, James, Dr. . . 241 

Hartmann, Martin, Prof. Dr. 540 

Härtung, Fritz, Prof. Dr. . 552 
Hasenclever, Adolf, Prof. 

Dr - 166, 322, 506 

Hashagen, Justus, Prof. 

Dr 501, 535 

Heiß, Clemens, Dr. . . . 528 
Heyderhoff, Julius, Dr. . . 502 
Hübner, Eudolf, Geh. Justiz- 
rat Prof. Dr 325 

Imelmann, Rudolf, Prof. Dr. 309 

Jentsch f, Carl, Dr. ... 162 

Kaehler, Siegfried, Dr. . . 195 

Kende, Oskar, Prof. Dr. . 474 

Kosch, Wilhelm, Prof. Dr. . 398 
Kroner, Richard, Privatdoz. 

Dr 1 

Kulemann, Wilhelm, Land- 
gerichtsrat a. D. ... 524 
Lasson, Georg, Pastor . . 485 



Seite 

Lehmann, Rudolf, Prof. Dr. 

288, 377 
Leutwein, Paul, Dr. . 164, 523 
Ludwig, Alb., Realgymnasial- 
direktor Dr. . . . 510, 520 
Lufft, Hermann, Dr. . 503, 504 
Mann, Traugott, Dr. . . . 410 
Mayer, Gustav, Dr. . . . 323 
Mendelssohn Bartholdy, Al- 
brecht, Prof. Dr. . 161, 168 
Mueller, Herbert, Dr. . . 123 
Mulert, Hermann, Privatdoz. 

Lic 552 

Nagy von Eötteveny, Olivier, 

Prof. Dr 97 

Niedner, Joh., Geh. Justizrat 
Oberverwaltuugsgerichts- 

rat Prof. Dr 300 

Oncken, Hermann, Prof. Dr. 156 
Salomon, Felix, Prof. Dr. . 515 
Schallmayer, Wilhelm, Dr. . 441 

Schiff, Emil 526 

Schnabel, Franz, Dr. . . . 160 
Schwemer, Richard, Prof. Dr. 471 
Sieger, Robert, Prof. Dr. 

434, 507 
Steindorff , Georg, Geh. Hofrat 

Prof. Dr 169 

Strupp, Karl, Dr. . . 144, 468 
Tornius, Valerian, Dr. . . 152 
Wygodzinski, Willy, Prof. 
Dr 535, 538 



Abhandlungen 



i. 
Politik und Weltpolitik 

Von Richard Kroner 

„Der Friede ist der Zweck des Krieges." 
Cervantes, Don Quixote. 

Es muß als ein Wagnis erscheinen, in einer Zeit höchst- 
gespannter politischer Erregung und Leidenschaft über Politik 
eine im landläufigen Sinne unpolitische Betrachtung anzustellen. 
Wird der Verfasser sich die Ruhe und Kühle des Blicks zutrauen 
dürfen, um über das, was alle Welt in Parteien zerspaltet, 
unparteiisch zu reden? Darf er seinen Lesern die Muße und 
die Gewilltheit zumuten, sich einer derartigen Betrachtung zu 
widmen? Wir wollen durch die Ausführung des Versuchs auf 
beide Fragen eine Antwort geben. 

Man hat mit Recht als eine der Wirkungen, die dieser 
gewaltige Krieg für uns Deutsche im Gefolge haben wird, die 
Stärkung unseres politischen Selbstbewußtseins hervorgehoben. 
Der Krieg hat auch denen, die vorher wenig Interesse hatten 
für Fragen der äußeren Politik, gezeigt, wie sehr diese Fragen 
das eigene Lebensinteresse jedes einzelnen berühren, er hat 
darüber hinaus unsere Augen geöffnet für den Zusammenhang 
unseres Volkslebens mit dem Leben anderer Völker, für die 
weltpolitische Stellung, die unser Staat inmitten der Staaten- 
gesellschaft des ganzen Erdenrunds einnimmt, und die er jetzt 
in zähem Kampfe sich zu erhalten und zu verbessern bestrebt 
ist. Wir sind durch die harte und bittere Erfahrung belehrt 
worden, daß die unermüdliche, aufwärtsstrebende, tatkräftige 
Arbeit, die unser Volk im Frieden geleistet hat, für sich allein 
nicht genügte, um uns dem erstrebten Kulturziele näher zu 
bringen und uns den Platz unter den Völkern zu sichern, 
den wir beanspruchen können; daß es vielmehr einer ebenso 

Zeitschrift für Politik. 10. 1 



Krön er, Politik und Weltpolitik. 



hingebungsvollen Kriegsarbeit bedarf, um uns auch nur die 
Möglichkeit zu geben, auf der Bahn weiter voran zu schreiten, 
die wir eingeschlagen hatten. Dies Erlebnis hat uns alle im 
Tiefsten erschüttert, es hat unsere Augen und Herzen hin- 
gewendet zu dem Ganzen, das wir als Staat sind, und das 
jetzt alle Kräfte der Einzelnen an sich gezogen hat, um sich 
in der Welt zu behaupten. Das Staatsbewußtsein ist zugleich 
mit der Liebe zum Vaterlande in erhöhtem Maße und in neuer 
Lebendigkeit in uns wach geworden. Wir waren als friedliche 
Arbeiter leicht geneigt, uns dem Wahne zu überlassen, als ob 
die Staatengesellschaft auch eine so starke, festgefügte und 
gesicherte Einheit darstelle, wie unser eigener Staat, und als 
ob sie als Einheit ebenso sehr ein einheitliches, alle Glieder 
verbindendes, gemeinsames Arbeitsziel anstrebe, wie wir das 
innerhalb unseres Staates taten. Gewiß waren wir stolz, als 
Deutsche voran zu kommen. Aber wir waren Deutsche genug, 
um den Fortschritt, den wir machten, zugleich als Fortschritt 
der Welt zu fühlen, um jeden Erfolg, den wir, auf welchem 
Gebiete es sei, errangen, zugleich als einen Erfolg menschlichen 
Ringens und Schaffens überhaupt, als einen Beitrag zu dem 
großen Werke der Menschheitskultur zu werten. Die Menschen- 
gesellschaft stellte sich uns nicht als eine Vereinigung von 
Wettkämpfern dar, deren alleiniges Augenmerk darauf gerichtet 
ist, den Mitbewerber im Kampfe um den Wettpreis auszustechen, 
sondern sie bedeutete uns eine Arbeitsgemeinschaft, deren Mit- 
glieder zum gleichen Ziel strebend sich gegenseitig halfen und 
förderten. Das „Europa der friedlichen Arbeit", das nach des 
Kanzlers Worten Frucht dieses Krieges werden soll, war im 
Frieden schon für uns ein Glaubensartikel, eine Voraussetzung 
für die Freude, die wir an unserer eigenen Arbeit empfanden. 
Wir wollen nun hier nicht untersuchen, ob wir Deutsche 
mit diesem Glauben und dieser Empfindung in der Welt allein 
gestanden haben, oder ob wir gleichdenkende Gesinnungs- 
genossen unter den anderen Völkern besaßen. Wir wollen 
auch nicht darüber zu Gericht sitzen, wer den schönen Traum 
zerstört und die Schuld an dem Unglück auf sich geladen, 
das über Europa hereingebrochen ist, oder darüber reden, wie 
künftighin ein Staatensystem aussehen muß, das sich vor 
solchen Erschütterungen schützen kann. Wir wollen hier nicht 
Politik treiben, sondern über das Wesen der Politik und Welt- 
politik wollen wir zur Klarheit gelangen, um dann vielleicht 
auch über das dunkle Wesen des Krieges einiges Licht auszu- 



Krön er, Politik und Weltpolitik. 



breiten. Jeder denkende Mensch muß heute das Bedürfnis 
haben, sich Rechenschaft zu geben über die Gründe, die dazu 
führen mögen, an die Stelle einer Gemeinschaft gleichstrebender, 
gemeinsame Kulturziele in friedlicher Arbeit verfolgender Staaten, 
wie es die europäischen Großmächte waren, zwei Gruppen von 
Kämpfern zu setzen, die all ihre physische und sittliche Energie 
aufbieten, um sich gegenseitig nach Möglichkeit zu schaden und 
zu schwächen. Es gibt eine unpolitische Betrachtung, die mit 
uns dasselbe Problem sich vorlegt, und es mit gleicher Un- 
parteilichkeit und sachlicher Strenge zu lösen versuchen kann: 
die historische Betrachtung. Aber für sie ist wohl die Zeit 
noch nicht gekommen, teils weil die nötigen Unterlagen fehlen, 
teils weil sie uns so sehr ins Gegenwärtige verstrickt, daß ein 
Hinübergleiten ins politische Gebiet fast unabwendbar ist. Wie 
dem auch sei, wir wollen hier so wenig Geschichte als Politik 
treiben, wir wollen nicht die besonderen Gründe, die zu 
diesem Kriege geführt haben, aufdecken, sondern wir wollen 
die allgemeinen Gründe erforschen, die den Krieg über- 
haupt zur Folge haben, und uns ein Verständnis für die Rolle 
eröffnen, die er im Leben der Völker spielt. Zu diesem Zwecke 
müssen wir uns über die Eigentümlichkeit des Gebildes, das 
wir Staat nennen, sowie des anderen, das wir Staatengesellschaft 
genannt haben, und das man oft schlechthin als Welt be- 
zeichnet, klar werden; wir müssen die Handlungen des Staates, 
sowohl in ihrer Beziehung zu den Staatsbürgern als in ihrer 
Beziehung zu anderen Staaten und zur Staatengesellschaft, d. h. 
die politischen und weltpolitischen Handlungen und 
Willensziele einer allgemeinen Betrachtung unterziehen. 

Der Krieg hat es vor aller Augen gestellt, daß die Staaten- 
gesellschaft ein bei weitem lockereres Band umschließt als den 
Einzelstaat. Er hat auch die hartnäckigsten Pazifisten davon 
überzeugt, daß die vorhandene Gemeinsamkeit der Interessen 
und Kulturziele nicht ausreicht, um den Frieden zu wahren, 
um eine geschlossene Gemeinschaft herzustellen. Der Glaube 
an die Staatengesellschaft als die solidarische Gemeinschaft der 
Kulturmenschheit hat in demselben Maße abgenommen, als der 
Glaube an die Wesenhaftigkeit des eigenen Staats, an die Be- 
deutung seiner Macht und Einheit durch das Erlebnis dieses 
Krieges gewachsen ist. Das scheint darauf hinzudeuten, daß 
die Ziele des Staates sich nicht ebenso leicht in die der Staaten- 
gesellschaft einordnen lassen als die Ziele des einzelnen Staats- 
bürgers in die seines eigenen Staats, daß eine Gegensätzlichkeit 






Kroner, Politik und Weltpolitik. 



besteht zwischen dem staatlichen Einzelgebilde und dem größeren 
Ganzen, das sich darüber erhebt. Diese Gegensätzlichkeit öffnet 
dem Blicke eine tiefe Kluft, welche die menschlichen Verhält- 
nisse zerreißt, eine Kluft, die nicht erst . durch menschliche 
Schwäche oder menschliche Schuld, nicht allein durch Kurz- 
sichtigkeit des Verstandes oder Bosheit und Eigensucht des 
Willens entsteht, sondern sehr viel tiefer hinabreicht bis in 
das innerste Wesen der Dinge. Indem wir versuchen werden, 
den Schleier zu lüften, der diese Kluft für gewöhnlich unseren 
Augen verhüllt, hoffen wir auch dem gegenwärtigen Zeitgeiste 
einen Dienst zu erweisen. Denn die theoretische Einsicht in 
die Gründe unserer menschlichen Zerrissenheit befreit uns von 
der Heftigkeit und Blindheit eines Hasses, der diese Gründe 
allein in dem Übelwollen und in der Schlechtigkeit des be- 
kämpften Gegners erblickt und ihn allein für die ganze Schwere 
und Tragik eines Schicksals verantwortlich macht, dessen Ur- 
sprung doch zuletzt in einem aller menschlichen Willkür völlig 
entzogenen Quellgebiet zu suchen ist. Aber auch Kämpfe im 
eigenen Lande um auseinander laufende politische Ansichten, 
die das Verhältnis des Staats zur Idee der Staatengesellschaft 
betreffen, und die man heute meist mit dem Namen nationaler und 
internationaler Gesinnung belegt, je nachdem der eigene Staat 
oder die Idee der Staatengesellschaft in den Mittelpunkt der 
Wünsche und Bestrebungen rückt, lassen sich durch die leiden- 
schaftslose, nur der Klärung des Geistes gewidmete Betrachtung, 
die wir vorhaben, auf ihr wahres Maß zurückführen. Wenn 
die Philosophie auch nicht die Parteien, die miteinander streiten, 
mögen sie nun Staaten oder innerpolitische Parteien sein, zu 
versöhnen vermag, so kann sie doch den Streit in eine 
ruhigere und erhabenere Sphäre hinübertragen, indem sie seinen 
über alle Parteiung der Menschen weit hinausreichenden Ur- 
grund aufdeckt. Die Bitterkeit und Schroffheit des Gegensatzes 
wird erheblich gemildert, wenn der Geist sich bewußt wird, 
daß nicht der einzelne Mensch mit dem einzelnen Menschen, 
nicht die einzelne Partei mit der einzelnen Partei, nicht der 
einzelne Staat mit dem einzelnen Staate allein kämpft, sondern 
daß in diesem Kampf Gewalten miteinander ringen, die sehr 
viel allgemeiner und wesenhafter sind als die zeitlichen, histori- 
schen Personen und Gruppen, in denen jene Gewalten zu vor- 
übergehendem Dasein gelangen. Der Mensch kann und darf 
nicht aufhören zu kämpfen. Aber er soll bei allem Kampfe 
sich bewußt bleiben, daß die Aufgabe, die er zu lösen hat, und 



Kroner, Politik und Weltpolitik. 



die er nur im Kampfe lösen kann, auf einem inneren Zwiespalt 
des Geistes selbst beruht, auf einer Entzweiung, die nicht 
nur die Menschen untereinander entzweit, sondern tiefer gesehen 
das Wesen des Menschen überhaupt. Diese Einsicht wird zur 
Selbstkritik, zur Achtung vor dem Gegner und schließlich zur 
Versöhnung der Streitenden kein Geringes beitragen, und sie 
wird der Würde des Menschen mehr entsprechen als persönliche 
Verdächtigung, Wille zur Vernichtung des Gegners und blinder 
Haß. Denn es ist ein Wahn, zu glauben, das, was uns das 
Leben selbst auferlegt, werde uns allein durch die Eigensucht 
und Selbstsucht frevelhafter Menschen zugefügt. 

Das Wesen des Staates und des politischen Lebens suchen 
wir zunächst zu verstehen. Der Weg, den wir zu diesem Zweck 
einschlagen, kann in dem Rahmen, in dem wir uns hier zu 
halten beabsichtigen, nicht der einer Ableitung aus Prinzipien 
sein. Wir müssen vielmehr von den uns historisch vorliegenden 
Gebilden, die wir Staaten nennen, ausgehen und von ihnen 
zu prinzipiellen Erkenntnissen aufsteigen. Wir sehen die Staaten 
im Frieden das Leben ihrer Bürger durch Aufstellung und 
Ausführung von Gesetzen, zu denen wir auch die Rechtsordnung 
rechnen können, regeln, um dadurch die Entfaltung aller Kultur 
schaffenden Kräfte zu ermöglichen und zu unterstützen. Er- 
zeugen kann der Staat weder diese Kräfte noch die Kultur- 
werke selbst. Er kann nur die Hindernisse, die sich teils in 
den Dingen, teils in den Menschen den Kultur schaffenden 
Kräften entgegenstellen, aus dem Wege räumen, das Arbeitsfeld, 
auf dem sie sich betätigen wollen, gegen Angriffe sichern und 
hier und da einmal seine Hilfe leihen. Wir glauben das Wesen 
des Staates nicht zu groß und nicht zu gering zu bemessen, 
wenn wir ihn den Wächter der Kultur nennen. Wie weit 
dieser Dienst an der Kultur im einzelnen reicht, wollen wir 
nicht untersuchen. Die historischen Staaten weichen darin 
voneinander ab, der eine steckt sich die Grenzen weiter als 
der andere, keiner aber kann nach innen hin — und allein 
auf diese innere Seite des Staatslebens, auf die innerpolitische 
richten wir zunächst unseren Blick — etwas anderes wollen, 
als seine Bürger zu möglichst fruchtbringender Arbeit vereinen, 
ihr Zusammenleben zu diesem Zwecke rechtlich ordnen und 
ihre Tätigkeit durch Gesetzgebung und Verwaltung nach Mög- 
lichkeit fördern. Wächter der Kultur ist der Staat, nicht etwa 
bloß Wächter des Wohls seiner Bürger. Nicht wacht er über 
das Wohl der Einzelnen, das ja jeder Einzelne auf seine Weise 



Kroner, Politik und Weltpolitik. 



sucht, und das somit die Gesamtheit der Einzelnen nicht zu 
einem Ganzen verbindet, sondern im Gegenteil zersplittert. 
Soweit er aber auch Wächter des Wohls der Bürger ist, soweit 
ist er es noch als Wächter der Kultur, die in gewissem Sinne 
das Gesamtwohl der Einzelnen bezweckt. Freilich bedarf es 
zur näheren Bestimmung dessen, was wir da Gesamtwohl 
nennen, erst der näheren Bestimmung des Wortes Kultur. 
Denn Wohl ist ein so weit umfassender und leerer Ausdruck, 
daß dadurch nie und nimmer das Wesen der Kultur erschlossen 
werden kann. Wir machen also den Staat nicht zum „Nacht- 
wächterstaat", indem wir ihn zum Kulturwächter machen. Wir 
lassen ihn aber auch nicht selbst die Arbeit der Kultur ver- 
richten, wir machen ihn nicht zum Subjekte der gesamten 
Kulturtätigkeit. Der eine Begriff scheint uns zu eng, der 
andere zu weit zu sein. Der Staat ist nicht so wenig, wie die 
wollen, die von ihm nur Schutz des Eigentums und der per- 
sönlichen Freiheit verlangen, er ist nicht soviel, wie die glauben, 
die in ihm das Universum der Kultur erblicken, den Inbegriff 
aller Kulturleistung und den Urheber aller Kulturwerke. Der 
Staat ermöglicht die Kultur und beschützt sie. Dadurch leistet 
er freilich selbst ein Stück Kulturarbeit, nämlich eben politische. 
Wir würden den Begriff Kultur zu eng umgrenzen, wenn wir 
von ihm die staatliche Tätigkeit ausschlössen. Wir müssen 
deshalb den Begriff des Staates genauer dahin bestimmen: er 
ist ein Wächter der gesamten Kulturarbeit, auch seiner selbst; 
diesen Wächterposten aber füllt er aus, indem er selbst die 
politische Kulturarbeit leistet. Die kulturschützende 
Tätigkeit des Staates ist nicht nur eine Hilfstätigkeit — ge- 
messen am Ziele der Kultur — sondern sie ist selbst auf das 
Kulturziel hingerichtet und leistet ihren Beitrag zu seiner Ver- 
wirklichung, einen Beitrag, der auf keine andere Weise geleistet 
werden kann, und der einen selbständigen, eigentümlichen Bau- 
stein bildet am Bauwerke der Kultur. Die Regelung des mensch- 
lichen Lebens und Schaffens durch Gesetz und Recht trägt 
auch abgesehen von der anderweitigen Kulturtätigkeit, der sie 
dient, die sie schützt, ihren Wert in sich selbst. Diese Be- 
hauptung läßt sich freilich nur begründen, wenn wir den 
Maßstab besitzen, nach dem wir den Wert einer Kulturleistung 
abschätzen können, oder wenn wir m. a. W. wissen, was Kultur 
bedeutet, wie dieser Begriff zu bestimmen ist. Wir wollen 
jedoch eine allgemeine Definition der Kultur hier nicht ein- 
einführen, sondern weiter unseren Weg fortsetzen und die 



Kroner, Politik und Weltpolitik. 



Tätigkeit des Staats auf Grund der realen Staatsgebilde analy- 
sieren. Dabei werden wir auch zum Begriffe der Kultur hin- 
gelangen. 

Es ist offenbar, daß der Staat einem selbständigen Zweck 
dient, daß seiner Tätigkeit ein eigentümlicher Kulturwert inne- 
wohnt. Gerade in unseren Tagen, in denen der Staat zur Er- 
haltung seiner selbst von seinen Bürgern jedes Opfer fordert, 
auch das schwere Opfer der Aufgabe ihres Berufes, ihrer kultur- 
schaffenden Tätigkeit, in denen er alle Kräfte der Einzelnen 
aufbietet um seiner selbst willen, um des Zweckes willen, den 
er als Staat verfolgt, ist diese Seite des Staates blitzartig be- 
leuchtet worden. Gewiß ist der Krieg nicht geeignet, den Zweck 
des Staats richtig zu kennzeichnen, weil er ein Ausnahmezustand 
ist. Aber andererseits könnte der Staat auch im Kriege nicht 
von seinen Bürgern solche Opfer fordern, wenn es seinem Wesen 
widerspräche, einen unabhängigen Wert in sich selbst zu ver- 
wirklichen. Im Kriege tritt nur dieses sein Wesen besonders 
deutlich zutage. Die Opferfreudigkeit der Einzelnen, die Hin- 
gabe an das Leben des Staates, die unsere Tage verklärt, bietet 
eine Gewähr dafür, daß wir mit Recht dem Staate einen Eigen- 
wert zusprechen, einen Wert, der sogar den aller anderen Kultur- 
tätigkeit zeitweilig zu überstrahlen vermag. Im Kriege scheint 
der Staat über seine Aufgabe, Kultur Wächter zu sein, hinaus- 
zuwachsen und einen höheren Zweck zu verfolgen, in dessen 
Dienst nun umgekehrt alle außerpolitische Kultur sich stellt. 
Wacht er schon im Frieden nicht nur über die außerpolitische, 
sondern auch über seine eigene, politische Kulturarbeit, so wird 
im Kriege der Selbstschutz zu seiner Hauptaufgabe. Ja, dieser 
Selbstschutz scheint zuzeiten eines Krieges geradezu mit dem 
Schutze der gesamten Kultur zusammenzufallen, der Staat dann 
zum Träger der Kultur zu werden und ihren Wert ganz in den 
seinigen aufzunehmen. Doch davon später. 

Zunächst wollen wir die dem Staate eigentümliche, ihm allein 
zufallende Aufgabe näher betrachten und als Kulturaufgabe näher 
verstehen lernen. Der Staat, sagten wir, regelt das Leben der 
Einzelnen um des allen gemeinsamen Kulturzwecks willen und 
verfolgt damit selbst einen besonderen Kulturzweck. Also heißt: 
das Leben der Einzelnen regeln, am Kulturzwecke mitarbeiten. 
Sofern die Einzelnen sich als Bürger des Staats wissen und tätig 
an seinem Aufbau, seiner Erhaltung und Durchsetzung beteiligt 
sind, ist in ihnen nicht nur der Staat tätig, sondern das Subjekt 
der Kultur überhaupt. Ein bestimmtes Wissen, ein bestimmtes 



8 Kroner, Politik und Weltpolitik. 

Wollen in den Einzelnen ist es, das den Staat erzeugt, und 
zwar ein Wissen und Wollen, das sich auf die Regelung des 
Lebens der Einzelnen richtet, das die Vereinigung der einzelnen, 
besonderen, verschiedenen Bürger zu einer einheitlichen 
Gemeinschaft, die allen gemeinsam (allgemein) und für alle 
dieselbe (identische) ist, zum Gegenstand hat. Diese Ver- 
einigung muß also selbständiger Kulturzweck sein. Auf dem 
Wege zur Verwirklichung des Kulturziels überhaupt muß es 
hegen, daß die Einzelnen zusammengefaßt werden zu einer Ge- 
meinschaft, die jedermanns Willen mit jedem anderen Willen 
verträglich macht, in der die realen Besonderheiten der Ein- 
zelnen soweit eingeschränkt und einem idealen Allgemein willen 
untergeordnet werden, daß gemeinsames Arbeiten möglich wird. 
Denken wir uns die Einzelnen sich selbst überlassen, ohne jede 
Beschränkung durch Gesetz und Recht, so entstünde ein soziales 
Chaos, in dem alle gegen alle kämpfen, ein Zustand absoluter 
Zersplitterung aller Kräfte. Ob ein solcher Zustand real möglich 
wäre oder nicht — danach fragen wir hier nicht. Wir begründen 
auch die Notwendigkeit seiner Aufhebung nicht damit, daß er 
sich „von selbst" auflösen muß, daß die Einzelnen nur zu 
existieren vermögen in der Gemeinschaft, und daß sie, um sich 
zu erhalten, gleichsam einen Vertrag schließen, in dem sie sich 
gegenseitig verpflichten, sich Gesetz und Recht zu unterwerfen. 
Diese Notwendigkeit wäre eine Folge des Selbsterhaltungstriebs, 
der in jedem Organismus lebt, sie wäre eine Art von Natur- 
notwendigkeit. Ob eine solche besteht oder nicht, lassen wir 
dahingestellt. Keinesfalls ist sie fähig, die Kulturbedeutung 
des Staats, seine Kulturnotwendigkeit zu erfassen und zu 
erweisen. Diese kann nur auf Grund der Einsicht erkannt 
werden, daß in der Zusammenfassung der Kräfte, in der Unter- 
ordnung der Einzelnen unter den Allgemeinwillen ein über den 
Wert des Lebens der Einzelnen und selbst der Gattung im bio- 
logischen Sinne hinausreichender Wert liege, den wir Kultur- 
wert nennen, daß ein alle organischen Lebenszwecke über- 
strahlender Kultur zweck durch die Gemeinschaftsbildung 
verwirklicht werde. 

Da die Einzelnen, sofern sie Einzelne und nichts weiter 
sind, um diesen Kulturwert und Kulturzweck nicht wissen 
können, da vielmehr dies Wissen in ihnen nur entstehen kann, 
sofern sie sich als Glieder der Gemeinschaft wissen, oder* so- 
fern ihnen die Gemeinschaft als Wert und Zweck bewußt ist, 
d. h. sofern ein Bewußtsein von der Identität, Einheit und 



Krön er, Politik und Weltpolitik. 



Allgemeinheit der Gemeinschaft vorhanden ist, so sind wir 
berechtigt, in diesem Gemeinschaftsbewußtsein die Quelle 
des Staates zu suchen. Der ideale Allgemeinwille existiert nicht 
nur als Staat außerhalb des Bewußtseins der Einzelnen, sondern 
er existiert auch innerhalb desselben als eine bestimmte Willens- 
sphäre, als Forderung, als ein um seiner selbst willen anzu- 
strebender Zweck. In dieser Forderung, in dieser idealen Willens- 
sphäre des Bewußtseins haben wir ein Letztes zu erkennen, 
über das hinaus wir nicht weiter forschen können. Wir würden 
diese Erkenntnis in keiner Weise vertiefen, wenn wir etwa den 
allgemeinen W T illen irgendwie aus dem besonderen ableiteten. 
Jeder derartige Versuch übersieht die große Kluft zwischen den 
beiden Richtungen oder Sphären des Bewußtseins. So falsch 
es ist, die Forderungen des Staates als einen gleichsam von 
außen an das Individuum herantretenden Zwang aufzufassen, 
der dem Willen des Einzelnen Gewalt antut, so falsch ist es 
doch auch, den Gegensatz zwischen dem Einzelwillen und dem 
Allgemeinwillen oder zwischen der realen und der idealen Be- 
wußtsein ssphäre gänzlich wegzuleugnen. Diese Kluft besteht. 
Aber sie besteht freilich im Bewußtsein selbst, nicht zwischen 
dem Bewußtsein und einer äußeren Macht. Der Staat würde 
niemals Macht besitzen, wenn ihm nicht ein Bewußtsein ent- 
spräche, das seine Forderungen innerlich anerkennt und gut- 
heißt, ehe es sie äußerlich erfüllt. Gäbe es nicht dieses Be- 
wußtsein, so wären alle Staatsbürger Staatsgefangene, alle Be- 
folgung der Staatsgebote eine Zuchthausarbeit, ja selbst diese 
Vorstellung enthielte noch zuviel Staatliches in sich und ließe 
sich im Ernst nicht durchführen, da die Aufhebung des idealen 
Willens der Einzelnen den Staat mitsamt der staatlichen Straf- 
anstalten aufhebt. 

Obgleich das Gemeinschaftsbewußtsem die Quelle und 
Grundlage des Staates ist, so ist es dennoch nicht der Staat 
selbst. Das Gemeinschaftsbewußtsein ist nur eine Sphäre des 
Bewußtseins, nur eine Richtung des Willens, der Staat aber 
ist sozusagen ein selbständiges Wesen mit eigenem Bewußtsein 
und eigenem Willen. Zwar läßt sich nicht leugnen, daß der 
Staat irgendwie den Allgemeinwillen in sich darstellt im Gegen- 
satz zum Einzelwillen, dennoch hat er selbst etwas von einem 
Einzelwillen an sich. Zwar entspricht dem Staate im Bewußt- 
sein die ideale Sphäre, er verkörpert sie gleichsam in sich selbst, 
dennoch wäre es verkehrt, ihm eine bloß ideale Wesenheit zu- 
zuschreiben, da er ja in einzelner, besonderer und verschiedener 



10 Kroner, Politik und Weltpolitik. 

Weise wirkt, da er die Macht besitzt, seinen Willen im einzelnen 
Fall in die Tat umzusetzen. Er entfaltet eine gesetzgebende 
Tätigkeit und sorgt für die Ausführung der Gesetze. Er erklärt 
Krieg und schließt Frieden. Kurz, er fünct ein eigenes Dasein 
und Leben, getrennt von dem der Individuen, in das ihre 
mannigfach eingreifend und wiederum von ihnen manu igf ach 
beeinflußt und getrieben. Um die eigentümliche Wesenheit des 
Staates, um seine Doppelnatur als Allgemeinwille und Sonder- 
wille, als ideales Bewußtsein, das reale Macht besitzt, zu ver- 
stehen, müssen wir von der Aufgabe ausgehen, die der Staat 
zu lösen hat. 

Es genügt nicht, den Staat als die aus dem Bewußtsein 
gewissermaßen herausgestellte, verselbständigte ideale Sphäre, 
als den einheitlichen, allgemeinen und identischen Willen in 
corpore anzusehen, vielmehr ist damit das Problem des Staates 
recht eigentlich erst umschrieben. Denn was heißt es doch: 
aus dem Bewußtsein herausstellen? Was soll das Verkörpern 
besagen? Zunächst sind diese Ausdrücke nur Bilder, für die 
wir Begriffe suchen müssen. Wir müssen davon ausgehen, im 
Staat das Werk, die Schöpfung, das Erzeugnis des Bewußtseins 
zu erkennen. Ein seltsames Erzeugnis freilich! Eine Einrich- 
tung der Menschen und doch ihrer Willkür völlig enthoben, 
sein eigenes Dasein neben dem ihrigen führend, mit eigenem 
Leben und Willen gleich dem ihrigen ! Etwas Abstraktes schein- 
bar, eine Idee, ein bloß gedachtes Wesen und dennoch aus- 
gestattet mit der Macht, seinen Willen in Handlungen umzu- 
setzen, fähig, die Individuen sich zu unterwerfen! Wahrlich, 
die Probleme, die dieses Gebilde uns aufgibt, lassen sich nicht 
mit Redensarten wie Kollektivindividuum oder dgl. lösen. Sie 
verlangen ein ernstliches Eindringen in die Tiefen des Bewußt- 
seins, das den Staat erzeugt, für das allein der Staat wie alles 
andere in der Welt, ja die Welt selbst existiert. Wir müssen 
zurückgehen auf jene ursprüngliche Spaltung des Bewußtseins 
in eine reale und eine ideale Sphäre und müssen einsehen, daß 
der Staat diese Spaltung zu überwinden und das entzweite 
Bewußtsein mit sich selbst zu versöhnen versucht. 

Der Allgemeinwille ist dem Einzel- oder Sonderwillen ent- 
gegengesetzt: in dieser Entgegensetzung bezeichnen wir beide 
als Sphären oder Pole des Bewußtseins. Das Bewußtsein 
findet sich ursprünglich in diese Zweiheit zerspalten. Der Kampf 
aller gegen alle ist nicht nur ein Kampf der Einzelnen gegen die 
Einzelnen, der Besonderen und Verschiedenen gegeneinander, 



Krön er, Politik und Weltpolitik. 11 

sondern die Einzelnen kämpfen zugleich gegen die Einheit, die 
Besonderen gegen das Allgemeine, die Verschiedenen gegen 
das Identische in ihrem eigenen Bewußtsein. Die Beilegung 
dieses Kampfes bedeutet daher nicht nur die Einigung oder 
Versöhnung der Einzelnen untereinander, sondern im tieferen 
Sinne die Beilegung des Zwistes zwischen den Sphären des Be- 
wußtseins. Allein im Bewußtsein findet ja die Einigung oder 
Versöhnung statt. Sie besagt nichts anderes als die Anerkennung 
des Allgemein willens durch den besonderen, als die Einordnung 
des Einzelnen in die Einheit. Diese Anerkennung und Ein- 
ordnung aber vollzieht sich im Bewußtsein. Dem Staate kann 
daher die Schlichtung des sozialen Kampfes und die Verwand- 
lung des Chaos der Individuen in den Kosmos der Staatsbürger 
nicht dadurch gelingen, daß er lediglich den Allgemeinwillen, 
die ideale Sphäre des Bewußtseins verkörpert, sondern allein 
dadurch, daß er eine Vereinigung der beiden Willens- 
sphären darstellt, dadurch, daß idealer und realer Pol des 
Bewußtseins in ihm zusammengefaßt werden. Dieses Zusammen- 
fassen, dieses Vereinigen ist auch erst der wahre Sinn des Wortes 
„verkörpern", das bildhaft den Allgemeinwillen als Seele und 
den Sonderwillen als Körper vorstellt. Aber die Einheit, die 
im Staate erzeugt ist, wird durch dieses Bild noch nicht adäquat 
erfaßt: sie ist mehr als bloß Einheit von Körper und Seele: 
ihrem Begriffe nach ist sie die Einheit des Bewußtseins selbst, 
das in jene Sphären oder Pole sich entzweit findet und seine 
Versöhnung sucht. Denn obwohl das Bewußtsein entzweit ist, 
obwohl die Richtungen seines Wollens nach realer und idealer 
Seite hin auseinanderstreben, ist es dennoch Einheit. Es könnte 
gar nicht entzweit sein, wenn es nicht Einheit wäre. Der Staat 
ist insofern ein Gegenbild des Bewußtseins, das ihn erzeugt. 
Er muß es sein, denn das Bewußtsein will sich in ihm ver- 
söhnen. Der Staat ist seiner Idee nach nichts anderes als 
das versöhnte Bewußtsein selbst, ein Bewußtsein, dessen 
realer Wille nicht mehr dem idealen entgegengesetzt, sondern 
mit ihm im Einklang ist, ein Bewußtsein, das sich als eine 
Mannigfaltigkeit von einzelnen, besonderen und verschiedenen 
Subjekten weiß, zugleich aber als ein einheitliches, allgemeines 
und identisches Ganzes. 

Jetzt können wir auch allgemeiner formulieren, was der 
Zweck der Kultur, und wer das Subjekt der Kultur sei — voraus- 
gesetzt, daß wir ein Recht haben, die am Staatsbegriffe ge- 
wonnene Einsicht zu verallgemeinern, was durch die analytische 



12 Krön er, Politik und Weltpolitik. 

Betrachtungsart, die wir anwenden, nicht ohne weiteres verbürgt 
wird. Da wir hier aber kein philosophisches System ent- 
wickeln, müssen wir uns mit dieser Voraussetzung abfinden. 
Wenn wir die den Staat erzeugende Tätigkeit des Bewußtseins 
als ein Vereinigen der entgegengesetzten Sphären und darin 
einen Akt der Selbstversöhnung des entzweiten Bewußtseins 
erkennen, so dürfen wir sagen: Kultur ist diejenige 
Tätigkeit, durch welche sich das in entgegen- 
gesetzte Sphären entzweite Bewußtsein zu ver- 
söhnen versucht, indem es die Sphären irgendwie 
vereinigt. 

Aber wir dürfen uns mit der erreichten Erkenntnis noch 
nicht zufrieden geben. Wir müssen die spezifische Art der 
Sphärenvereinigung, die wir im Staat vor uns haben, noch 
besser kennen lernen. Die bisherige Darstellung kann den 
Anschein erwecken, als ob der Staat die Aufgabe der Kultur, 
die Aufgabe der Selbstversöhnung des entzweiten Bewußtseins 
uneingeschränkt zu lösen vermöchte, als ob er die Versöhnung 
vollzöge, während er doch nur eine Station auf dem Wege zum 
Ziele ist, nur ein Versuch wie alle Kulturwerke. Wir sagten, 
der Staat sei der Idee nach versöhntes Bewußtsein: aber er 
erreicht seinem Begriffe als Staat nach diese Idee nicht. 
Indem wir zeigen, wie weit er hinter der Idee zurückbleibt, 
umgrenzen wir erst seinen Begriff. Die Idee bezeichnet die 
in vollem Umfange gelöste Aufgabe, der Begriff den Lösungs- 
versuch. Der Staat ist Staat durch die eigentümlichen Grenzen, 
die ihm gesteckt sind, und die das politische Versöhnungswerk 
unterscheiden von anderen Schöpfungen des kulturerzeugenden 
Bewußtseins, von Wissenschaft, Kunst und Religion, die gleich- 
falls Versuche des Bewußtseins sind, sich zu versöhnen. Indem 
wir also die Idee auf den Begriff einschränken, umreißen wir 
strenger und exakter die Art der Sphärenvereinigung, die wir 
im Staate vor uns haben. 

Wäre der Staat versöhntes Bewußtsein, würde er die Auf- 
gabe, die sich das entzweite Bewußtsein in ihm stellt, im ab- 
soluten Sinne lösen, so gäbe es keinen Unterschied zwischen 
dem Willen der im Staate geeinten Einzelnen und dem des 
Staates. Die Realität des Staatswillens wäre die Realität des 
Willens seiner Bürger. Nun aber ist der Staat nur ein Lösungs- 
versuch. Es gelingt dem Bewußtsein nicht, in ihm die volle 
Vereinigung seiner Sphären herzustellen. Und zwar weicht der 
Staat in zweierlei Hinsicht vom Idealgebilde des versöhnten 



Krön er, Politik und Weltpolitik. 13 

Bewußtseins ab: einmal darin, daß die Sphäre der Idealität in 
ihm die der Realität an Gewicht und Bedeutung überstrahlt, 
und zweitens darin, daß es nicht die absoluten Pole des Bewußt- 
seins sind, die miteinander verschmolzen werden, sondern daß 
sowohl die Idealität als die Realität des Bewußtseins einer Ein- 
schränkung und Abschwächung unterliegen, ehe sie sich zum 
Gebilde des Staates vereinigen. Wir wollen beide Momente 
näher betrachten. 

Zunächst fragen wir, inwiefern die ideale Sphäre des 
Bewußtseins bevorzugt ist. Die Antwort liegt nahe. Wir 
brauchen uns nur darauf zu besinnen, daß wir ja das Gemein- 
schaftsbewußtsein als Quelle des. Staates erkannt haben. Wir 
haben diese Einsicht zunächst zurücktreten lassen, um den Staat 
als Versöhnungswerk, als Vereinigung der entgegengesetzten 
Richtungen des Willens zu verstehen. Jetzt müssen wir wieder 
darauf achten, daß der Staat, obwohl er beide Richtungen 
vereinigt, dennoch in höherem Maße die ideale als die reale 
einschlägt, daß er, wie wir uns ausdrücken können, seiner 
Substanz, seinem Gehalt nach mehr das einheitliche, all- 
gemeine und identische Willensganze als die Mannigfaltigkeit 
des vereinzelten, besonderen und unterschiedenen Wollens vertritt. 
Wir sagten, der Staat sei der herausgestellte, der verkörperte 
Idealwille. Wir erklärten diese Worte, indem wir zeigten, daß 
der herausgestellte oder verkörperte Idealwille ebensosehr ein 
Realwille sei, daß nur durch die Vereinigung beider Pole der 
Staat entstehe. Nur so werde die Aufgabe der Versöhnung 
gelöst. Jetzt fragen wir, inwiefern der Staat diese Aufgabe 
nicht löst, inwiefern die gesuchte Versöhnung durch ihn nicht 
erreicht wird. Wir finden, daß die Vereinigung nur eine voll- 
ständige wäre, wenn sowohl dem idealen als dem realen Willen, 
sowohl dem Sonderbewußtsein als dem Gemeinschaftsbewußtsein 
in dem Versöhnungswerke, als das wir den Staat erkannt haben, 
das gleiche Recht zuteil würde. Nur wenn der Staat ebenso- 
sehr die Mannigfaltigkeit des einzelnen, besonderen und unter- 
schiedenen Wollens als dessen einheitliches, allgemeines und 
identisches Ganzes in sich faßte, nur wenn in ihm das Sonder- 
oder Individualbewußtsein zur gleichen Anerkennung käme als 
das Gemeinschaftsbewußtsein, ließe sich von einer absoluten 
Vereinigung, von einer vollständigen Versöhnung sprechen. 
Das ist aber offenbar nicht der Fall. Der Ausdruck des ver- 
körperten Idealwillens besagt vielmehr, daß es der Idealwille 
sei, der im Staate das Übergewicht habe über den realen, daß 



14 Kroner, Politik und Weltpolitik. 

nicht das Individualbewußtsein, sondern das Gemeinschafts- 
bewußtsein die Oberherrschaft in der Vereinigung besitze und 
den eigentlichen Kern des Gebildes Staat erfülle. Der Ideal- 
wille, der Allgemeinwille, das Gemeinschaftsbewußtsein wird als 
Staat herausgestellt. Allerdings wird durch das Herausstellen 
die reale Sphäre, das Sonderbewußtsein mit ergriffen : es über- 
trägt auf den Staat seine eigene Realität, es verleiht ihm einzelne, 
besondere, unterschiedene Willensziele. Aber all diese Ziele 
sind doch, auch wenn wir von der erst nachher zu betrachten- 
den Einschränkung der mit der idealen Sphäre im Staate ver- 
bundenen realen ganz absehen, lediglich Ausfluß der Einheit, 
Allgemeinheit und Identität des idealen Willens, der eben das 
Rückgrat des Staates ausmacht. Zwar bleibt es wahr, daß der 
Staat sich vom bloßen Gemeinschaftsbewußtsein dadurch unter- 
scheidet, daß er nicht mehr bloße Bewußtseinssphäre, bloßer 
idealer Wille ist, sondern die Einheit des entzweiten Bewußtseins 
versöhnt in sich trägt. Es bleibt wahr, daß der ideale Wille, 
zum Staat geworden, zugleich ein realer Wille ist, aber diese 
seine Realität tritt zurück hinter seine Idealität, sie ist bloß 
die Erscheinungsform, in die sich der ideale Wille hüllt. 
Die Versöhnung wird auf Kosten des einzelnen, besonderen 
und unterschiedenen Wollens hergestellt, das, auf den idealen 
Willen übertragen, mit ihm vereinigt, seiner eigenen Substan- 
tialität entkleidet und zur bloßen Dienerin herabgedrückt wird. 
Wir können uns die eigentümliche Bevorzugung der idealen 
Sphäre des Bewußtseins wieder an dem Bilde des verkörperten 
Allgemeinwillens klar machen. Der Allgemeinwille wird im 
Staate verkörpert : nicht aber wird der Sonderwille beseelt. Oder 
wenn wir vom Bilde zur Sache kommen: die Versöhnung des 
Bewußtseins wird im Staate nicht durch eine Idealisierung der 
realen Bewußtseinssphäre, sondern durch eine Realisierung der 
idealen erzeugt. Nicht die Mannigfaltigkeit des einzelnen, be- 
sonderen und verschiedenen Wollens bildet die Substanz des 
Staates und wird idealisiert, so daß die Einheit nur an ihm 
erscheint, indem sich alle Willensakte der Individuen wie im 
Drama zu einem harmonischen Ganzen zusammenfügen, sondern 
das einheitliche, allgemeine und identische Ganze des W T ollens 
erhält einen Körper, es betätigt sich in einer Mannigfaltigkeit ein- 
zelner, besonderer und unterschiedener Willensakte, d. h. es wird 
realisiert, das Bewußtsein gestaltet es zu einem realen Wesen aus. 
Wir wenden uns nun dem zweiten Momente zu, in dem 
der Staat vom Idealgebilde des versöhnten Bewußtseins abweicht: 



Krön er, Politik und Weltpolitik. 15 

der Einschränkung der in ihm verbundenen Bewußt- 
seinspole. Weder die ideale noch die reale Willensrichtung 
in ihrer Entgegensetzung gegeneinander, in ihrer absoluten 
Polarität werden im Staate vereinigt, sondern abgeschwächte 
Sphären, die sozusagen zwischen den Polen hegen. Nicht das 
absolute, sondern ein unterwerfendes Gemeinschaftsbewußtsein 
ist es, das im Staate verkörpert wird. Nicht das absolute, 
sondern ein unterworfenes Sonderbewußtsein ist es, das zum 
Körper des Staates wird. Wir stoßen also hier auf eine Grenze 
des Staates, die sich nach zwei Seiten hin bemerkbar macht: 
nach der realen und nach der idealen Seite hin. Da die beiden 
Bewußtseinssphären, wie wir gesehen haben, in dem politischen 
Versöhnungswerke eine ungleiche Rolle spielen, da die ideale 
in ihm mehr Gewicht hat als die reale, so werden wir die beiden 
Seiten, nach denen hin der Staat sich begrenzt, gesondert be- 
trachten müssen. Die Erkenntnis dieser Grenzen wird uns 
zugleich auf die Versuche fuhren, den Staat über sie hinaus 
zu erweitern; diese Versuche werden uns endlich einen Einblick 
in das Wesen des Krieges gewähren. 

Zunächst untersuchen wir das Wesen des im Staate mit 
dem Idealwillen verbundenen Real willens. Wir sagten, die 
Realität des Staates sei nur seine Erscheinungsform, nicht seine 
Substanz, nur seine Hülle, nicht sein Kern. Die reale W 7 illens- 
sphäre diene nur der Realisierung der idealen. Es kommt noch 
ein zweites Moment hinzu, um das Gewicht des realen Pols 
abzuschwächen: es ist nämlich nicht die ganze, die volle, oder 
wie wir zu sagen pflegen, die konkrete Realität des Wollens, 
die zur Erscheinungsform des Staatswillens wird, sondern es 
ist nur eine Sphäre innerhalb der realen Sphäre, nur ein Teil 
des einzelnen, besonderen und verschiedenen Wollens, der mit 
dem einheitlichen, allgemeinen und identischen vereinigt und 
versöhnt wird. Es ist ja gar keine Rede davon, daß die realen 
Willensziele des Sonderbewußtseins in ihrer Konkretheit Ziele 
des Staatswillens werden, daß die Einzelnen im Staate ihre Ver- 
söhnung untereinander und mit dem Gemeinschaftsbewußtsein 
finden. Die realen Willenssubjekte hören trotz des Bandes, 
das der Staat um sie schlingt, nicht auf, einen vom Staats- 
willen unterschiedenen Sonderwillen zu haben, der sogar mit 
dem Staatswillen feindlich zusammenstoßen kann. Es bleibt 
im Bewußtsein eine durch den Staat unversöhnte, reale Willens- 
sphäre zurück. Unter der Oberfläche des geregelten Kosmos, 
unter der Hülle der bürgerlichen Ordnung wuchert weiter ein 



16 Kroner, Politik und Weltpolitik. 

soziales Chaos, ein vielfältiger Kampf der Einzelnen. Und 
dieser Zersplitterung gegenüber erwächst von neuem ein tieferes 
Gemeinschaftsbevvußtsein, das auch noch diese Sonderkräfte 
mit sich zu vereinigen und eine absolute Versöhnung herbei- 
zuführen vermöchte. Wir werden im Folgenden auf dieses 
tiefere Gemeinschaftsbewußtsein, das nichts anderes als der 
absolute ideale Pol des Bewußtseins ist, zu sprechen kommen. 
Vorläufig verweilen wir bei der Betrachtung des realen Pols 
und seines Verhältnisses zum Staate. Die Grenze des Staats 
nach der realen Seite hin gibt Raum zu Zusammenstößen inner- 
halb des Bewußtseins, die durch die staatliche Realisierung des 
Idealwillens nicht beseitigt werden — ganz abgesehen davon, 
daß die Aufgabe dieser Realisierung niemals und nirgends zu 
Ende geführt werden kann, daß der Staat immer ein werdendes 
Gebilde ist, ein .Werk, an dem die Arbeit niemals abgebrochen 
werden darf. Der Staat vermag das entzweite Bewußtsein nicht 
völlig zu versöhnen, weil er nicht die konkrete Realität des 
Wollens mit dessen Idealität zu vereinigen vermag. Wir be- 
zeichnen diesen Mangel dadurch, daß wir die versöhnte Realitäts- 
sphäre als eine dem Ideal willen unterworfene ansehen. 
Das entzweite Bewußtsein versucht sich im Staate 
dadurch zu versöhnen, daß es dem Gemeinschafts- 
bewußtsein das Sonderbewußtsein unterwirft. 

Jetzt können wir erst die Realität des Staatswillens 
und das Verhältnis des Staats zu seinen Bürgern völlig 
verstehen. Da es nicht die ganze, nicht die konkrete Realität 
ist, die mit der Idealität des Willens verbunden wird, so muß 
die Realität des Staatswillens unterschieden sein von der in ihm 
geeinten Staatsbürger. Der Staat ist nicht das Ganze der Bürger, 
da die Bürger einen Überschuß an einzelnem, besonderem und 
verschiedenem Wollen über das Wollen des Staates hinaus haben. 
Die Realität des Staatswillens deckt sich nur insoweit mit der 
seiner Bürger, als in ihnen ein dem Gemeinschaftsbewußtsein 
unterworfenes Sonderbewußtsein, eine durch den Idealwillen von 
der konkreten abgetrennte reale Sphäre vorhanden ist. Dadurch 
wird die Realität des Staatswillens eine von der Realität des Indi- 
vidualwillens abgetrennte, unterschiedene, selbständige Willens- 
sphäre. Die Verkörperung oder Herausstellung des Allgemein- 
willens als Staat macht so den Staatswillen zu einem Sonder- 
willen, der dem Sonderwillen der im Staate geeinten Individuen 
gegenübertritt. Der Gegensatz von Staat und Staatsbürger wird 
dadurch erst begriffen als der Gegensatz von getrennten, selb- 



Kroner, Politik und Weltpolitik. 17 

ständigen Wes en, von denen jedes seinen eigenen Sonderwillen 
besitzt. Der Staat wird dem Staatsbürger gegenüber selber zum 
Einzelnen, zum Individuum. Er tritt wie eine fremde, äußere 
Macht an den Sonderwillen des Staatsbürgers heran. Da er 
aber zugleich verkörpertes Gemeinschaftsbewußtsein ist, da der 
Idealwille seine Substanz ausmacht, so kehrt die ursprüngliche 
Bewußtseinsspaltung in idealen und realen Pol in der politischen 
Vereinigung der Bewußtseinssphären wieder: statt eines ver- 
söhnten Bewußtseins haben wir eine Doppelheit : den Staat und 
die Staatsbürger. Der Staat steht gleichsam als der ideale Pol 
dem Bürger als dem realen Pol gegenüber. Im Staate sind zwar 
die Pole vereinigt: aber nicht in ihrer Absolutheit. Die reale 
Sphäre geht nicht in ihrer Fülle, nicht in ihrer Konkretheit 
in das Versöhnungsgebilde Staat ein: sie verselbständigt sich 
als der Sonderwille des Staatsbürgers. Wir wollen vorausneh- 
mend gleich hinzufügen: auch die ideale Sphäre geht nicht in 
ihrer Fülle, nicht in ihrer Totalität in den Staat ein: sie ver- 
selbständigt sich in dem Willen der Staatengesellschaft oder in 
dem der Menschheit. 

Wir haben die Grenze des Staats nach der realen Seite hin 
deutlich bezeichnet. Der Staat endet innerhalb des realen Willens 
seiner Bürger. Wir können diese Grenze auch die Grenze 
nach innen nennen. Ehe wir weitergehen und zeigen, welche 
Gestalt der Staat annimmt, wenn das entzweite Bewußtsein über 
diese Grenze seines politischen Versöhnungswerks hinaus einer 
innigeren Vereinigung seiner Sphären zustrebt, wollen wir der 
erreichten positiven Leistung noch gerecht werden, dem Gehalt 
an Versöhnung, der trotz der Einschränkung übrig bleibt. Die 
Realität des Staates, sagten wir, sei die dem Gemeinschafts- 
bewußtsein unterworfene Realität des Individualbewußtseins. 
Da aber die Realität des Staatswillens nicht mehr seiner Idealität 
entgegengesetzt, sondern mit ihr zu einem Ganzen verbunden 
ist, so ist die unterworfene Realität des Individualbewußtseins 
durch das Versöhnungswerk des Staates verbunden mit dem 
unterwerfenden Idealwillen. Das Bewußtsein des Staatsbürgers, 
insofern es staatsbürgerliches Bewußtsein, d. h. das Be- 
wußtsein ist, Staatsbürger, Glied des Staates, an seiner Statt 
selber der Staat zu sein, stellt eine politische Versöhnungs- 
sphäre des entzweiten Bewußtseins dar. In ihr schneiden sich 
die Sphären des Allgemein- und des Individualwillens, des Staats 
und des Bürgers. In ihr wissen die Einzelnen, Besonderen und 
Verschiedenen ihre Realität versöhnt mit der Idealität des Be- 

Zeitschrift für Politik. 10. 2 



18 Kroner, Politik und Weltpolitik. 

wußtseins, die Bürger wissen sich versöhnt mit dem Staate. 
Und umgekehrt saugt der Staat aus diesem Bewußtsein seine 
eigene Macht. Die Staatsmacht ist nichts anderes als der 
reale Wille der Staatsbürger, sofern sie staatsbürgerlich gesinnt 
sind. Die Staatsgesinnung der Individuen ist die Tragkraft 
des Staates. 

Die Dualität von Staat und Bürger weist uns den Weg, 
den der Staat einschlagen muß, um die Grenze zu über- 
schreiten, die ihm nach der realen Seite hin oder nach 
innen zu gesetzt ist. Wir fragen hier nicht danach, ob der 
Staat bis an das Ziel dieses Weges zu gelangen vermag. Wir 
betrachten lediglich die Gestalt, die er annehmen müßte, falls 
der Versuch glückte. Nachdem wir die Idee des Staates auf 
den Begriff eingeschränkt haben, gehen wir jetzt wiederum vom 
Begriff zur Idee zurück. Die Schranke zwischen dem Willen des 
Staats und dem der Bürger müßte fallen, in den Bürgern dürfte 
kein Wollen mehr außerhalb des staatlichen übrigbleiben. Die 
volle konkrete Realität des Bewußtseins müßte staatsbürgerlichen 
Charakter tragen. Während im begrenzten Staate ein Zusammen- 
leben der Individuen durch die Unterwerfung ihres Sonder- 
willens unter den allgemeinen lediglich ermöglicht wird, während 
der Staat nur das Minimum dessen zu leisten vermag, was 
notwendig ist, damit der soziale Kosmos nicht völlig ins Chaos 
zerfällt, müßte der nach innen unbegrenzte Staat auch das 
unter der Oberfläche der staatlichen Ordnung fortwuchernde 
Chaos aufheben und ein Maximum an Vereinigung der beiden 
Bewußtseinssphären erzeugen. Der Wille des Einzelnen müßte 
der Wille der Allgemeinheit sein und umgekehrt. Die Ziele 
des Staates müßten mit denen der Bürger bis in deren konkrete 
Besonderheit hinein völlig zusammenklingen, so daß kein Gegen- 
satz mehr ihr Wollen und Tun zersplitterte; alles, was der Bürger 
will und tut, müßte zugleich dasjenige sein, was der Staat von 
ihm zu wollen und zu tun fordert, um seinen eigenen Zweck, 
um sich selbst zu verwirklichen. Ein solches politisches Ver- 
söhnungswerk, das wir Idealstaat nennen können, würde 
hinsichtlich der Absolutheit des mit dem idealen verbundenen 
realen Bewußtseinspols nicht mehr vom Idealgebilde des ver- 
söhnten Bewußtseins abweichen. Die Realität des Ideal- 
staates wäre nicht mehr eine von dem Willen der Individuen 
abgetrennte, selbständige Realität. Sie wäre nicht mehr die 
unterworfene, sondern die mit dem Gemeinschaftsbewußtsein 
innig verschmolzene Realität des Individualbewußtseins. 



Krön er, Politik und Weltpolitik. 19 

Trotz dieser Erweiterung, die das politische Versöhnungswerk 
als Idealstaat erfährt, bliebe es jedoch noch immer begrenzt. 
Wir haben in ihm zunächst nur die Einschränkung des realen 
Bewußtseinspols aufgehoben, die des idealen blieb unberührt. 
Der Idealstaat braucht, soweit wir ihn bisher begriffen haben, 
noch nicht die Totalität des Ideal willens, den schrankenlosen 
Allgemeinwillen zu vertreten, wenn er auch die volle Konkret- 
heit des Realwillens der in ihm geeinten Individuen erfaßt. 
Wir wenden uns jetzt der Betrachtung dieser zweiten Grenze 
zu, indem wir das Wesen des im Staate mit dem Realwillen 
verbundenen Idealwillens untersuchen. 

So wie der Staat die realen Willenssubjekte nach der Seite 
ihrer Realität hin zerrissen läßt und seine ideale Ordnung nur 
wie eine Oberfläche über sie ausspannt, so befriedigt er auch 
nach der Seite der Idealität hin nicht das Bedürfnis, daß die 
Versöhnung der beiden Sphären erheischt. Die Allgemeinheit, 
Einheit und Identität des Staates ist nämlich keineswegs iden- 
tisch mit derjenigen, die sich im Gemeinschaftsbewußtsein an- 
kündigt. Der Staat ist gar nicht für alle realen Willenssubjekte 
dieselbe Gemeinschaft, er ist gar nicht allgemeiner, identischer 
Wille im strengen Sinne, sondern in sein ideales Wesen, inso- 
fern es ideal ist, also abgesehen von der Realisierung, die das 
Gemeinschaftsbewußtsein erfährt, wenn es reales Willenssubjekt 
wird, mischt sich eine Besonderheit, Einzelheit, Verschiedenheit 
hinein: Der Staat ist Gemeinschaft nur für eine Anzahl von 
Willenssubjekten, er ist Einzelner in einer Mannigfaltigkeit 
besonderer, verschiedener Staaten. So wie der Staat nicht die 
volle Realität seiner Bürger erfaßt, sondern ihnen als Einzel- 
wille gegenübertritt, so realisiert sich in ihm auch nicht die 
volle Idealität des Bewußtseins, sondern der Staat tritt anderen 
Staaten und dem allgemeineren Willen der Staatengesell- 
schaft als Einzelwille gegenüber. So wie die Realität des 
Staatsbürgers als Staatsbürgers nur die abstrakte Besonderheit 
eines allgemeinen Falles an sich trägt, während die Einzelheit 
und Verschiedenheit des konkreten Menschen unberücksichtigt 
bleibt, so erschöpft die Idealität des Staates nicht die absolute 
Einheit, Allgemeinheit und Identität des Willens in ihrer Totali- 
tät. Der Staatsbürger enthält als Staatsbürger nur so viel Be- 
sonderheit, als sich der Allgemeinheit des Staates unterwerfen 
läßt. Die übrigbleibende fällt aus der Staatsorganisation her- 
aus. Der Staat enthält nur so viel Allgemeinheit, als die 
Unterwerfung der Besonderheit des Staatsbürgers erfordert. 



20 Krön er, Politik und Weltpolitik. 

Die übrigbleibende übersteigt die Macht des Staats. Die Re- 
alität oder Besonderheit des Staatsbürgers schneidet aus der 
realen Sphäre des Bewußtseins eine ideale, allgemeine, die 
staatsbürgerliche heraus. Diese ist allein- die durch den Staat 
geregelte unterworfene Willensrealität. Die Idealität oder All- 
gemeinheit des Staates schneidet aus der idealen Sphäre des 
Bewußtseins eine reale, besondere, die Sphäre des Staatswillens 
heraus. Diese ist allein die regelnde, unterwerfende Willens- 
dealität des Staates. Der Staat reicht daher weder tief genug 
in die Realität hinab, noch hoch genug in die Idealität hinauf, um 
die Aufgabe der Versöhnung des Bewußtseins lösen zu können. 
Er vereinigt durch seine Tätigkeit des Unterwerfens nicht die 
polaren Gegensätze in ihrer absoluten Gegensätzlichkeit, 
sondern er erzeugt relativ entgegengesetzte Sphären zwischen 
den Polen und versucht, das Bewußtsein zu versöhnen, indem 
er diese relativen Gegensätze vereinigt. Die in der Staatsmacht 
realisierte Idealität ist als unterwerfende keine absolute, sondern 
trägt Züge der unterworfenen Realität in sich. Die im Staats- 
bürger dem Staate unterworfene Realität ist ebensowenig eine 
absolute, sondern trägt Züge der unterwerfenden Idealität 
in sich. Die Grenze des Staats, die ihm durch seine nur 
relative Idealität gestellt ist, können wir seine Grenze nach 
außen nennen. 

So wie wir das Maximum dessen, was der Staat zu leisten 
vermöchte, wenn er tief genug in die Realitätssphäre der Willens- 
subjekte hinabreichte, als Idealstaat kennzeichneten, so können 
wir das Maximum dessen, was er leisten würde, wenn er hoch 
genug in die Idealitätssphäre hinaufreichte, als Universal- 
staat begreifen. Der Universalstaat würde den absolut all- 
gemeinen, einheitlichen und identischen Staat darstellen, der 
sich nicht mehr gegensätzlich zu anderen Staaten verhalten 
würde. Der reale Staat, sagten wir, verdecke das soziale Chaos 
nur durch die Oberfläche der bürgerlichen Ordnung, unter der 
sich der soziale Kampf der einzelnen Willenssubjekte verbirgt. 
Der Staat läßt aber auch, können wir jetzt hinzufügen, ober- 
halb der bürgerlichen Ordnung ein soziales Chaos bestehen, in 
dem der Kampf der Einzelstaaten, das Auseinander- und Gegen- 
einanderstreben der zersplitterten staatlichen Willenssubjekte 
tobt. Zwischen diesen chaotischen Sphären, die in den abso- 
luten Polen des Bewußtseins ihre Gegenbilder haben, legt der 
Staat nur eine Zwischenschicht des Friedens und der 
Versöhnung ein. Der Idealstaat würde das Chaos unter 



Krön er, Politik und Weltpolitik. 21 

dieser Schicht, der Universalstaat das Chaos über ihr beseitigen. 
Dort würde der Staatswille den konkreten Willen seiner Bürger 
enthalten. Hier würde der Staatswille mit dem Totalwillen 
der Staatengesellschaft zusammenfließen. Dort würde der Gegen- 
satz zwischen Staat und Bürger, hier der zwischen Staat und 
Staatengesellschaft verschwinden. Dort würde der Bürger sich 
mit dem Menschen, hier die Staatengesellschaft sich mit der 
Menschheit decken. Der Idealstaat, sagten wir, wäre das ver- 
söhnte Bewußtsein hinsichtlich des realen Pols. Der Universal- 
staat wäre ebendasselbe hinsichtlich des idealen Pols. 

Wenn wir aber näher zusehen, so finden wir, daß weder 
die Idee des Idealstaates sich loslösen läßt von der des Uni- 
versalstaates noch umgekehrt diese von jener. Dem Begriff 
nach können wir zwar Idealstaat und Universalstaat unter- 
scheiden. Aber beide bezeichnen ja nur den Weg der Rück- 
verwandlung des Begriffs in die Idee, in der beide untrenn- 
bare Momente sind. Das Idealgebilde des versöhnten Bewußte 
seins kann nur derjenige Idealstaat sein, der zugleich Universal- 
staat ist und umgekehrt. Die Momente der Idee des Staates 
fordern sich gegenseitig, sowie seine Grenzen nach innen und 
nach außen ein und dieselbe Wurzel haben. Beidemale können 
beide nur miteinander bestehen und müssen miteinander ver- 
schwinden. Die Bürger können sich nur mit den konkreten 
Menschen decken, wenn sich auch die Staatengesellschaft mit 
der Totalität der Menschheit deckt. Die Grenzen des Staats 
sind beide durch die Eigentümlichkeit des Unterwerfens be- 
dingt. Es ist nicht Zufall, daß weder der reale noch der ideale 
Pol des Bewußtseins in das Versöhnungsgebilde Staat ohne 
Einschränkung eingehen, vielmehr fordert die Einschränkung 
des einen die des anderen. Man darf sich die Verbindung 
der Sphären, die das Bewußtsein im Staate erzeugt, um sich 
zu versöhnen, nicht so vorstellen, als ob gewissermaßen die 
Sphären erst eingeschränkt und dann miteinander verbunden 
würden. Vielmehr ist die politische Art der Verbindung ihrem 
Wesen nach eine einschränkende, durch sie und in ihr werden 
die Pole relativiert. Die Einschränkung betrifft also zunächst 
die Verbindung, sofern sie nicht Verschmelzung, sondern Unter- 
werfung ist, sie betrifft erst in zweiter Reihe die zu verbinden- 
den Pole. Indem das Sonderbewußtsein dem Gemeinschafts- 
bewußtsein unterworfen wird, statt mit ihm verschmolzen zu 
werden, verliert es nicht nur selbst seine Konkretheit, sondern 
es raubt auch dem Gemeinschaftsbewußtsein die Totalität. 



22 Krön er, Politik und Weltpolitik. 

Der Versuch, den Begriff des Staates über seine Grenzen 
hinaus bis zur Idee hin zu erweitern, überzeugt uns von dieser 
notwendigen Verkettung. Wir können den Staat nicht in den 
Idealstaat verwandeln, ohne daß er im selben Augenblicke auch 
Universalstaat würde. Was sollte die Allgemeinheit des Staats- 
willens noch einschränken, wenn die Schranke zwischen seiner 
Realität und der seiner Bürger gefallen ist, wenn sein Wille 
dem der Bürger nicht mehr als selbständiger Sonderwille gegen- 
übersteht? Sobald das Chaos unter der staatlichen Zwischen- 
schicht beseitigt wird, hört der Staat auf, zwischen den Polen 
des Bewußtseins zu schweben, er verschmilzt ganz mit dem 
realen Pol. Das ist aber nur möglich, wenn der ideale Pol 
in ihm ganz mit dem realen Pol verschmilzt, d. h. wenn zu- 
gleich das Chaos über der staatlichen Zwischenschicht beseitigt 
wird. Der Idealstaat ist der Universalstaat. 

Umgekehrt muß die Grenze des Staats nach innen hin 
schwinden, sobald sie nach außen hin aufgehoben gedacht wird. 
Wo der Gemeinschaftswille unbeschränkt wird, da kann kein 
Kampf der Individuen mehr neben ihm bestehen. Der Wille 
des Universalstaats als der absolut ideale Wille kann keine 
selbständige Willensrealität mehr außer sich dulden. In ihn 
muß ebensosehr der reale Pol in voller Konkretheit eingehen 
als der ideale seiner vollen Totalität nach. Sobald der Staat 
nicht mehr anderen Staaten gegenüber Individuum ist, hört 
er auch auf, es den Bürgern gegenüber zu sein. Der Wille 
der Menschheit unterwirft nicht mehr den Willen der in ihr 
geeinigten Menschen, sondern deckt sich mit ihrem Willen. 
Die Besonderheit des Staats im Gegensatz zur Besonderheit 
anderer Staaten oder, was dasselbe besagt, der Gegensatz von 
Staatengesellschaft und Einzelstaat wird nur zugleich 
mit dem Gegensatz von Staat und Bürger überwunden. Wir 
können diese Einsicht in einer weniger strengen und begriff- 
lichen Form dadurch dem Verständnisse näher bringen, daß 
wir daran erinnern, welche Gefahr für einen dem Anscheine 
nach historisch realisierten Universalstaat, wie z. B. den römi- 
schen, unausgesetzt droht, solange er nicht auch ein Idealstaat 
ist: die durch den Staatswillen nicht versöhnte, mit ihm nicht 
vereinte Sphäre der realen Willensziele seiner Bürger wird stets 
sozusagen Staaten im Staate zu erzeugen suchen, die Allgemein- 
heit, Einheit und Identität des Staates wird von innen her durch 
die im Staate nicht zur vollen Geltung kommende reale Sphäre 
der Staatsbürger erschüttert werden, Bürgerkriege werden 



Krön er, Politik und Weltpolitik. 23 

den Universalstaat wieder in relative Staaten entzweien. Der 
ungebundene, unversöhnte Teil der Realität, welche den Staat 
hindert, Idealstaat zu werden, wird auch die Universalität immer 
wieder einschränken zur relativen Idealität, in der jenem Teil 
sozusagen Rechnung getragen ist. Die Einschränkung, die in 
der Relativierung der idealen Sphäre liegt, hält der partiellen 
Unversöhntheit der realen Sphäre die Wage, sie ist selbst eine 
Unversöhntheit, eine Grenze der im Staate gefundenen Lösung 
der Versöhnungsaufgabe. Die unversöhnte Realität, können 
wir daher auch sagen, macht den Staat ebenso wie die unver- 
söhnte Idealität zum relativen Staat, sie überträgt auf ihn 
ihr eigenes Sonderbewußtsein, sie setzt ihn einerseits als Einzel- 
willen dem Einzelwillen der Staatsbürger entgegen und macht 
ihn andererseits zum Staat unter Staaten, zum Sonder- oder 
Einzelstaat. Der Universalstaat ist Idealstaat, d. h. er wäre 
nicht nur „Erdstaat", er vereinigte nicht nur alle Völker der 
Erde in sich, bliebe aber im übrigen, was der relative Staat ist: 
unterwerfender Staatswille, sondern er wäre ,, Weltstaat", er 
vereinigte in der Idee alle realen Willenssubjekte überhaupt 
ihrer vollen Realität nach in sich, er wäre absoluter Staat: 
versöhnender Staatswille. Daraus folgt unmittelbar, daß 
der Traum des ewigen Friedens, der aus dem sozialen 
Chaos oberhalb der staatlichen Zwischenschicht einen sozialen 
Kosmos schüfe, auf Erden nicht zu verwirklichen ist, solange 
nicht auch das soziale Chaos unterhalb jener Zwischenschicht 
verstaatlicht wäre. Der absolute Staat verliert als der Staat 
der Versöhnung seine Grenzen nach außen erst in dem Augen- 
blick, in dem er sie auch nach innen verliert. Diese Verkettung 
der Ideen wird uns für die Klärung des Zusammenhangs 
innerer und äußerer Politik ein Führer sein. 

Der absolute Staat überwindet aber nicht nur die dem 
relativen Staate durch die Einschränkung der in ihm verbun- 
denen Bewußtseinssphären gesetzten Grenzen, nicht nur die 
Grenzen nach innen und außen, deren genauen Zusammenhang 
wir durchschaut haben, sondern er überwindet gleichermaßen 
auch jenes andere Moment, in dem der Staat vom Idealgebilde 
des versöhnten Bewußtseins abweicht: das Übergewicht des 
Idealwillens, die Substantialität des Gemeinschaftsbewußtseins. 
Wir können diesen Punkt hier nur andeuten, da er uns aus 
der Betrachtung des politischen Versöhnuügswerks ganz heraus- 
führt. Wenn .im absoluten Staate der Einzelne will, was die 
Allgemeinheit will, wenn beider Willen völlig miteinander ver- 



24 Krön er, Politik und Weltpolitik. 

schmolzen sind, das Bewußtsein durch diese Verschmelzung 
seine Entzweiung überwindet, dann muß auch jene Einseitigkeit 
verschwinden, die in der Realisierung des Idealwillens zutage 
tritt. Der absolute Staat wird nicht mehr nur das Gemeinschafts- 
bewußtsein verkörpern, sondern auch das Individualbewußtsein 
beseelen. Das reale Wollen und Tun der Einzelnen wäre nicht 
mehr nur Erscheinung, Ausfluß der universalen Staatseinheit, 
sondern diese wäre ebensosehr nur Erscheinung an ihm; es 
gelangte selbst zu substantieller Geltung. Der absolute Staat 
wäre zugleich der Staat als vollendetes Kunstwerk. 

Nachdem wir die Gestalt kennen gelernt haben, die der 
Staat annehmen müßte, falls es dem Bewußtsein gelänge, sich 
auf politischem Wege absolut zu versöhnen, wenden wir uns 
den Versuchen zu, die der relative Staat unternimmt, um sich 
dem Idealgebilde zn nähern. Es bleibt bei Versuchen 
und muß bei Versuchen bleiben. Dadurch wird der Staat 
historischer Staat. Die Grenzen des historischen Staats sind 
die Grenzen der in ihm erzielten und relativen Versöhnung: 
es sind die Grenzen nach innen und nach außen, die im Bürger 
und in der Staatengesellschaft dem Staate gesetzt sind. In 
jedem historisch realen Staate bleibt daher ein Rest von Un- 
versöhntheit, von Entzweiung zurück. Da aber der Staat den 
Endzweck der Kultur an seiner Statt zu verwirklichen strebt, 
so muß er unausgesetzt über seine Grenzen nach innen und 
nach außen hinausstreben. Die versuchte Verwirklichung des 
Kulturzwecks überhaupt ist der Inhalt der Geschichte. Die 
versuchte Verwirklichung des absoluten Staats ist der Inhalt 
der politischen Geschichte. Jeder Staat muß danach streben, 
nach innen konkret, nach außen total zu werden, nach innen 
Idealstaat, nach außen Universalstaat. Nicht ein natür- 
liches Wachstum, wie man gesagt hat, verlangt diese Ausdeh- 
nung des Staates über seine Grenzen, sondern das Kulturziel 
der Versöhnung des entzweiten Bewußtseins, das Ziel des ewigen 
Friedens. Dies Ziel — so paradox es klingt — ist der Grund 
des Krieges, auf ihm beruht seine Kulturnotwendigkeit. Es 
ist nicht bloß eine schöne, aber verlogene Redensart, wenn alle 
kriegführenden Staaten heute beständig beteuern, sie wollen 
siegen, um der Welt den ewigen Frieden zu sichern. Es liegt 
eine tiefe Wahrheit in diesen Worten, deren sich freilich die 
Sprecher nicht immer bewußt sein mögen. Es liegt auch Wahr- 
heit darin, wenn ein jeder Staat behauptet, er kämpfe, um der 
Welt- die Kultur zu bringen. In der Tat: der absolute Zweck 



Krön er, Politik und Weltpolitik. 25 

der Kultur, diese höchste Aufgabe des geschichtlichen Lebens, 
ist es, um deren Verwirklichung willen sich vor unseren Augen 
dieses ungeheure Schauspiel des Weltkrieges vollzieht. Jeder 
Staat will der ,, Weltstaat" werden. Alle Handlungen des Staats, 
die darauf gerichtet sind, können wir weltpolitische nennen. 
Der Krieg ist so eine w eltpoliti sche Handlung. Aber ist der 
Krieg nicht das volle Gegenteil des Zustandes, zu dem er führen 
soll, ist er nicht das soziale Chaos oberhalb der staatlichen 
Zwischenschicht in schlimmster Form? Ist daher nicht unsere 
Behauptung gar zu paradox, steht das Mittel nicht in gar zu 
seltsamem Widerspruche mit dem angestrebten Ziele? Das 
Kulturbewußtsein, das sich versöhnen will, scheint, indem es 
auf dem staatlichen, auf dem politischen Wege die Grenze, die 
dem Staat nach außen hin durch sein Wesen gezogen ist, zu 
überschreiten versucht, einer desto ärgeren Entzweiung zu ver- 
fallen. Das politische Hinausgehen des Staats über sich selbst 
scheint den Weltfrieden in größte Ferne zu rücken. Der Zu- 
stand des Krieges ist nichts weniger als ein weltstaatlicher Zu- 
stand. Das trifft allerdings zu, so lange wir den Blick aus- 
schließlich auf den Universalstaat als Ziel hinrichten. Aber 
der Weltstaat, der absolute Staat soll ja zugleich Idealstaat sein. 
Nach dieser Seite gewährt der Krieg und vornehmlich dieser 
Krieg — für den unsere Begriffe deshalb außerordentlich gut 
passen, weil sich in ihm als Weltkrieg und Volkskrieg das 
Wesen des Staats und des Krieges in einer vielleicht früher 
nie gekannten Reinheit und Selbständigkeit enthüllt hat — 
eine ganz andere Ansicht. Hier finden wir, daß die Idee der 
Verstaatlichung aller Einzelkräfte, die Idee desZusammenklingens 
von Einzelwillen und Staatswillen, von Kulturtätigkeit und Staats- 
tätigkeit in einem extremen Grade durch den Krieg wirklich 
wird. Nichts anderes bedeutet ja das „Volk in Waffen" als 
die Einbeziehung aller besonderen Willensziele in das allgemeine 
Ziel des Staates: Universalstaat werden zu wollen. Hier be- 
stätigt sich uns also jene Verkettung der Ideen von Ideal- und 
Universalstaat in großartiger Weise. Indem der Staat danach 
strebt, nach außen Universalstaat zu werden, verdichtet sich 
sein Wille nach innen hin in der Richtung des Idealstaates. 
Es ist ein und dieselbe weltpolitische Handlung, welche die 
Grenzen des Staates nach außen und nach innen zu erweitern 
sucht. Wir verstehen deshalb jetzt, wieso der Staat über seine 
Aufgabe, Kulturwächter zu sein, im Kriege hinauswächst und 
ein Universum der Kultur in sich zu verwirklichen scheint, 



26 Kroner, Politik und Weltpolitik. 

indem er sich selber schützt. Aber diese Einsicht kann freilich 
die Wahrheit der anderen nicht abschwächen, die uns auf die 
Disharmonie zwischen Mittel und Zweck des kriegführenden 
Einzelstaates hinweist. Der Krieg scheint ja andererseits gerade 
das Universum der Kultur zu zerstören und alle Kultur über- 
haupt mit Vernichtung zu bedrohen. Wir müssen nach neuen 
Gründen forschen, um diese Disharmonie zu begreifen. 

Wir werden gut tun, unser Augenmerk zunächst einmal 
auf den politischen Kampf zu richten, der sich im Innern der 
Staaten abzuspielen pflegt, wie die historische Erfahrung uns 
lehrt. Was bedeutet dieser innerpolitische Kampf, den 
wir als politischen begrifflich sorgsam von dem sozialen 
Kampfe unterhalb der staatlichen Friedensschicht zu unter- 
scheiden haben, obwohl er sich aus derselben Quelle nährt? 
Er bedeutet einen Kampf um die Art der Regelung, die der 
Staatswille ausübt, und die wir zusammenfassend als Regierung 
bezeichnen. Da in dem realen Staate, den wir im Gegensatze 
zum Idealstaate den Rechtsstaat nennen können (der Ideal- 
staat bedürfte der unterwerfenden, d. h. rechtlichen Tätigkeit 
nicht mehr, weil in ihm alle freiwillig das wollen, was der 
Staat von ihnen verlangt), nicht alle Staatsbürger in ihrer 
vollen realen Tätigkeit verstaatlicht sind, da der Einzelwille 
und der Staatswille nicht identisch sind, sondern der Staatswille 
als unterwerfender Wille auftreten muß, so bedarf er realer 
Kräfte, die diese Unterwerfungstätigkeit ausüben, deren reale 
Kulturtätigkeit lediglich staatlichen Inhalt hat, er bedarf eines 
Organs, das regiert. Reale Willenssubjekte müssen lediglich 
dazu tätig sein, den Staatswillen zu vertreten, die Staatszwecke 
aufzustellen und durchzuführen. Solange der Staat nicht Ideal- 
staat ist, solange die Kulturtätigkeit nicht in der Staatstätigkeit 
aufgeht, können nicht alle Staatsbürger zugleich regieren und 
regiert werden, sondern das Regierungsorgan kann nur durch 
einzelne reale Willenssubjekte gebildet werden. Da aber anderer- 
seits in allen Willenssubjekten das Gemeinschaftsbewußtsein und 
so der Wille zum Staat lebendig ist — sofern sie überhaupt das 
Kulturziel bejahen — so werden alle auf den Staatswillen Einfluß 
auszuüben suchen, neben der politischen Regierungstätigkeit wird 
sich ein politisches Leben entfalten, in dem dieser Einfluß auch 
von denen, die den Staatswillen nicht selbst vertreten, angestrebt 
wird. Wir können hier das Wesen, die Ziele und Wege dieser 
nebenstaatlichen politischen Tätigkeit nicht ausführlich darstellen 
und philosophisch klären. Vielmehr soll uns die Betrachtung 



Krön er, Politik und Weltpolitik. 27 

dieser Sphäre lediglich dazu dienen, den weltpolitischen Kampf 
nach außen verständlich zu machen. Jener innerpolitische 
Kampf läßt sich nämlich als das historisch reale Gegen- 
gewicht gegen die Begrenzung des Staats nach innen be- 
greifen: Da der Idealstaat sich historisch nicht verwirklichen 
läßt, so tritt an seine Stelle das Mitbewerben der Staatsbürger 
um die Gestaltung des Staatswillens und dadurch der Kampf 
der Parteien. Die Tätigkeit der Parteien ist sozusagen der 
historisch einzig mögliche Ersatz für den Idealstaat im Frieden. 
Wir verstehen daher auch, warum der Kampf der Parteien 
* schweigt, sobald der Idealstaat sich im Kriege eine andere 
Form der Verwirklichung schafft, ja warum der Staat sich im 
Kriege gegen diesen Kampf, d. h. nach innen hin ebenso sehr 
schützen muß, als er sich nach außen schützt. (Belagerungs- 
zustand.) Von hier aus fällt sofort ein Licht auf die Gliede- 
rung der Parteien in solche, welche den Idealstaat von der 
realen Sphäre der Staatsbürger aus und in solche, welche 
ihn von der idealen Sphäre der Staatsmacht aus verwirk- 
lichen wollen. Wir können ohne irgendeinen Bezug auf histo- 
rische Parteinamen die erstere Bürger- oder Volkspartei 
die letztere Staats partei nennen. 

Der Kampf, der sich in der außerstaatlichen, oberhalb der 
staatlichen Zwischenschicht gelegenen Sphäre abspielt, entspricht 
nun genau dem innerstaatlichen. Wie dieser der historische 
Ersatz für den Idealstaat ist, so jener der historische Ersatz 
für den Universalstaat, Der außerstaatliche Kampf bildet das 
historische Gegengewicht gegen die Begrenzung des 
Staats nach außen: Da der Universalstaat sich historisch 
nicht verwirklichen läßt, so tritt an seine Stelle das Werben 
der Einzelstaaten um die Vertretung des polaren, absoluten 
Gemeinschaftsbewußtseins als des politischen Weltwillens, als 
des Willens des Weltstaats und dadurch der Kampf der Einzel- 
staaten. Da der Staatswille seinem Wesen nach keine Neben- 
regierung dulden kann, weil sonst seine Allgemeinheit, Ein- 
heit und Identität verloren geht, und er folglich aufhört, 
Staatswille zu sein, so kann keiner der Einzelstaaten einen 
staatlichen Willen über sich anerkennen. Jeder Einzelstaat muß 
derjenige zu sein streben, der seinen Willen den anderen Einzel- 
staaten auferlegt, der die Staatengesellschaft, soweit angängig, 
regiert. Dies Ziel ist daher das Ziel des siegreichen Friedens 
nach einem Weltkriege. Um ihn kämpfen heißt für den Einzel- 
staat: Darum kämpfen, Weltstaatswille zu werden. Wie aber 



28 Kroner, Politik und Weltpolitik. 

der Idealstaat vom historischen Standpunkte aus als utopistisch 
bezeichnet werden muß, und wie es sich daher bei dem inner- 
politischen Kampfe für die historisch und zugleich philosophisch 
denkenden Parteien nicht darum handeln kann, die Willens- 
sphäre der Staatsbürger vollkommen in die ideale der Staats- 
macht umzuwandeln, sondern nur darum, möglichst viel Ein- 
fluß auf die Leitung des Staatsschiffs zu gewinnen, so muß 
auch der Universalstaat vom historischen Standpunkte als 
utopistisch bezeichnet werden, und so kann es sich bei dem 
außerstaatlichen Kampfe für den historisch und philosophisch 
denkenden Einzelstaat nicht darum handeln, die relativ ideale 
Willenssphäre der Einzelstaaten in einem absoluten Weltstaats- 
willen völlig aufzuheben, sondern nur darum, möglichst viel 
Einfluß auf die Gestaltung der politischen Welt zu gewinnen, 
diese politische Welt, d. h. die Staatengesellschaft führend zu 
gestalten. Jetzt löst sich uns die Paradoxie, von der wir ge- 
sprochen haben. Jetzt begreifen wir, inwiefern der Krieg das 
Mittel ist, um den Universalstaat im Rahmen des historisch 
Möglichen zu verwirklichen. Wir räumen ihm mit dem gleichen 
Anrecht den Beruf zur Lösung dieser Aufgabe ein, mit dem 
wir dem innerpolitischen Kampfe die Bestimmung zuschrieben, 
die Grenzen des Staats nach innen hin niemals allzu starr 
werden zu lassen und den Idealstaat im Rahmen des historisch 
Möglichen zu verwirklichen. 

Aber der Zusammenhang zwischen innerer und äußerer 
Politik reicht noch weiter. Wir sahen, daß an die Stelle des 
Kampfes der Parteien, der in Friedenszeiten das historisch reale 
Gegengewicht gegen die innere Begrenzung des Staats bildet, 
im Kriege ein anderer Ersatz für den Idealstaat in den Vorder- 
grund tritt: die weitgehende Verstaatlichung der Tätigkeit der 
realen Willenssubjekte. Sie leuchtet uns am stärksten aus der 
Aufopferung des Kriegers entgegen, der in Heldentat und 
Heldentod seine reale Subjektivität im absoluten Sinne dem 
Staate dahingibt und so an seiner Stelle die Versöhnung er- 
reicht, die alle Kultur erstrebt. Der Römer, der einen besonders 
stark ausgeprägten Staatssinn besaß, nannte diesen Tod deshalb 
nicht nur ehrenvoll, sondern auch süß. Nicht die feindliche 
Kugel, sondern allein das Bewußtsein der Versöhntheit versüßt 
den Tod im Felde und verleiht ihm seinen Glanz. Der Volks- 
krieg, den wir führen, hat aber gezeigt, daß über die Waffen- 
tat hinaus die gesamte Volksarbeit einen staatlichen Charakter 
annimmt. Es ist klar, daß diese Verwandlung, die sich in der 



Krön er, Politik und Weltpolitik. 29 

Richtung vom Rechtsstaat zum Idealstaate hin vollzieht, mehr 
im Sinne derjenigen innerpolitischen Partei geschieht, welche 
den Idealstaat von der idealen Sphäre der Staatsmacht aus 
durch Erweiterung ihrer inneren Grenzen nach unten hin ver- 
wirklichen will, als im Sinne derjenigen Partei, welche ihn im 
Gegenteil von der realen Sphäre der Staatsbürger aus durch 
möglichst konkrete Teilnahme aller an der Staatsregierung zu 
verwirklichen strebt, mehr im Sinne eines Staatssozialismus, 
als im Sinne eines Volkssozialismus. Daher muß auch die 
Bürgerpartei eher geneigt sein, den Burgfrieden der Parteien 
zu brechen. 

Hierfür liegt aber noch ein tieferer philosophischer Grund 
vor. Wir haben bisher, als wir den historisch realen Ersatz 
für den Universalstaat erwogen, lediglich die Staatengesell- 
schaft ins Auge gefaßt und das Streben der Einzelstaaten nach 
der Führerstellung in ihr. Dabei gingen wir von der historischen 
Erfahrung aus, die wir philosophisch zu begreifen suchten. 
Wenn wir uns indessen erinnern, daß die Idee des Universal- 
staats durch das Fortbestehen der Einzelstaaten als selbständiger 
Willenssubjekte nicht nur eingeschränkt wird, sondern daß sie 
in ihrer Absolutheit betrachtet dies Fortbestehen vollkommen 
ausschließt, daß sie nur einen einzigen souveränen Staatswillen 
verlangt, der identisch ist mit dem Willen der einzelnen Bürger 
des Universalstaats, so erschließt sich uns eine sehr viel innigere 
Verknüpfung zwischen der Bürgerpartei und der Universalstaats- 
idee, als sie bisher ans Licht getreten ist. Der Einzelstaatswille 
und die ihm nahestehende Staatspartei innerhalb des Einzelstaats 
können sich nur die historisch mögliche Ausgestaltung des Uni- 
versalstaats im Sinne der Vormachtstellung eines Einzelstaats 
innerhalb der Staatengesellschaft zum Willensziel machen: sie 
können nur in Anlehnung an den relativen, historisch realen 
Staat politisch und weltpolitisch handeln wollen. Die Bürger- 
oder Volkspartei dagegen muß ihre Bestrebungen vom Rechts- 
staat auf den Universalstaat übertragen. Sie muß auch den 
Universalstaat von der realen Sphäre der Bürger und zwar der 
Bürger sämtlicher Einzelstaaten her zu errichten streben, sie 
muß ohne Berücksichtigung des historisch Möglichen unmittel- 
bar und geradezu auf die absolute Idee des Universalstaats 
losgehen. Da ein Universalstaatswille historisch nicht existiert, 
so kann sie in ihrem Bestreben keinen anderen Widerpart 
haben als den Willen des eigenen Staats und den der Staats- 
partei oder Staatsparteien. Vom historischen Standpunkte, so 



30 Krön er, Politik und Weltpolitik. 

werden wir wiederum ,urteilen müssen, will diese Partei etwas 
Utopistisches, obgleich sie aus einem tiefbegründeten Versöh- 
nungswillen heraus handelt. Daß sie sich in gewissem Sinne 
mit der Idee der Weltkirche, die auf anderem Wege nach 
demselben Ziele des Universalstaats hinstrebt, berührt, können 
wir hier nur andeuten, wie wir das Verhältnis von Staat und 
Kirche im Rahmen dieses Aufsatzes überhaupt gänzlich bei- 
seite lassen müssen, so gut es sich in den Rahmen unserer 
Begriffe einfügen läßt. Die innerpolitisch auch historisch wirk- 
same Bürger- oder Volkspartei ist außerstaatlich ganz zur Un- 
wirksamkeit verdammt, wofür der Staat als Wächter seiner 
eigenen Kulturarbeit, zumal im Kriege, sorgen muß. Der Zu- 
sammenstoß zwischen ihr und dem Willen des Einzelstaats 
beruht, wie wir sahen, nicht auf einem Übelwollen Einzelner, 
er trägt überhaupt keinen moralischen Charakter, sondern er 
ist zuletzt verankert in der Kluft des Bewußtseins selbst und 
gründet sich auf die philosophische Verkettung der Ideen. Die 
Politik ist die Kunst des Möglichen, hat man mit Recht gesagt. 
Politisch betrachtet wird man daher diejenigen, die etwas Un- 
mögliches wollen, Pfuscher nennen. So tief begründet ihr Wollen 
ist, so gefährdet es doch das erreichbare Ziel und ist deshalb 
als politische Handlung nicht nur relativ, sondern absolut, nicht 
nur vom Standpunkte einer politischen Partei, sondern vom 
politischen Standpunkte schlechthin bekämpfenswert. Es will 
die der Politik gezogene Grenze überschreiten. Soweit der 
Universalstaat politisch angestrebt werden kann, darf das nur 
vom Einzelstaate aus auf dem Wege der Weltpolitik geschehen. 
Die Bürgerpartei hat philosophisch angesehen politische Berechti- 
gung nur innerhalb des Einzelstaats. 

Man pflegt diejenigen Bestrebungen, die sich auf den 
Weltstaat hinrichten, bezeichnenderweise dann, wenn sie nicht 
vom Staatsgedanken getragen werden, weltbürgerliche und 
mit einem Fremd worte kosmopolitische Bestrebungen zu 
nennen. Sie sind ihrem wahren Charakter nach keine politi- 
schen, auch keine weltpolitischen, sondern eben bürgerliche, 
weltbürgerliche Willensziele oder Ideale. Der- Ausdruck welt- 
bürgerlich ist freilich paradox, da er den Weltstaat voraussetzt. 
Er ist aber grade sehr zutreffend, weil er die Verwandtschaft 
mit der Bürgerpartei klarlegt, und er ist sehr viel besser als der 
andere, den man anzuwenden pflegt, wenn man die politische 
Richtung der Bürgerpartei, soweit sie die Grenzen des Staates 
nach außen hin überschreitet, bezeichnen will, der Ausdruck: 



Kroner, Politik und Weltpolitik. 31 

international. Denn der Gegensatz von nationaler und 
internationaler Gesinnung kreuzt sich nur zufällig mit 
dem von staatlichen und welthürgerlichen Willenszielen, wie 
das politische Leben von Staaten beweist, die eine Vielheit 
von Nationen enthalten, also keine reinen Nationalstaaten 
und doch reine Einzelstaaten in dem von uns gebrauchten 
Sinne dieses Wortes, d. h. selbständige Sonderstaaten sind. Der 
Kosmopolit ist kein Politiker, auch nicht ein Weltpolitiker, 
sondern ein Weltbürger. Er ist ein Bürger, der sich wünscht, 
Bürger des Weltstaats zu sein, ohne diesem Wunsche politische 
Gestaltung geben zu können oder zu wollen. Der Weltstaat, 
als dessen Bürger sich der Weltbürger fühlt, ist nicht der 
politisch anstrebbare Führerstaat, das Haupt der Staaten- 
gesellschaft, sondern er ist der absolute Staat, dessen Idee 
über alles politisch Erreichbare hinausdringt. Da diese Idee 
nicht nur das Antlitz des in politischer Hinsicht Absoluten, 
sondern wie wir gesehen haben, auf Grund ihrer Absolutheit 
auch das Antlitz des absoluten Kulturziels überhaupt trägt, so 
verstehen wir, warum die weltbürgerliche Gesinnung weit mehr 
eine Kulturgesinnung überhaupt als eine politische Gesinnung 
ist, und warum sie sich auf alle Kulturgebiete übertragen läßt. 
Der Weltbürger will nicht Bürger eines noch so umfassenden 
und universalen Staats, sondern er will Glied der Menschheit, 
Mensch schlechthin, er will Bürger der Welt sein, er drückt 
damit in politischer Sprache dasselbe aus, was religiös gewandt 
soviel wie Gotteskindschaft ist. Weltbürgertum ist eine Art 
von Kulturideal schlechthin, es ist das vom politischen Leben 
her gewonnene höchste Kulturideal. Dichter, sofern sie Dichter 
sind, Philosophen, sofern sie Philosophen sind, Christen, sofern 
sie Christen sind, müssen alle ihrem Wesen nach weltbürgerlich 
gesinnt sein, wenn sie von ihrem Kulturideale aus sich ein 
politisches Ideal bilden. Dann wird das Utopistische dieses 
Ideals kein Vorwurf sein können. Die weltbürgerliche Gesinnung 
braucht auch keineswegs die nationale Gesinnung auszuschließen, 
worauf wir gleich zu sprechen kommen. Der historisch reale 
Staat aber kann nicht weltbürgerlich, nicht kosmopolitisch 
denken, er kann nur, wenn er weltpolitisch handeln will, seinem 
realen Wesen entsprechend realpolitisch denken. Daher 
muß realpolitische Weltpolitik stets einzelstaatliche Weltpolitik 
sein, und es ist durchaus kein Widerspruch, von deutscher 
Weltpolitik zu reden. Realpolitik ist nicht eine Politik 
unter möglichen anderen, ist keine realistische, noch weniger 



32 Krön er, Politik und Weltpolitik. 

eine einseitig wirtschaftlich gerichtete Politik, sondern sie ist 
die Politik. Realpolitik ist ebensosehr Idealpolitik, denn 
sie sucht das ideale Gemeinschaftsbewußtsein zu realisieren, 
sie sucht das höchste Kulturziel : die Versöhnung des entzweiten 
Bewußtseins auf politischem Wege zu erreichen. Das Gleiche 
gilt von der Machtpolitik, die an den Begriff der Staats- 
macht anknüpft. Ein machtloser Rechtswille ist aber kein 
Rechtswille, sondern ist nur das unrealisierte Gemeinschafts- 
bewußtsein. Der Weg vom Weltbürgertum zum Macht- oder 
Realstaat, den, wie Meinecke so schön gezeigt hat, die 
Deutschen im Verlaufe des 19. Jahrhunderts zurückgelegt haben, 
ist daher nicht der Weg von einem politischen zu einem 
anderen, sondern er ist der Weg von einem unpolitischen 
zu einem politischen Ideal, er bedeutet das politische Reif- 
werden des deutschen Volkes. 

Wir haben das Wesen der politischen und weltpolitischen 
Handlungen und Willensziele geklärt und die Kluft des Bewußt- 
seins aufgedeckt, die zum Kriege führt. Wir haben damit die 
Aufgabe gelöst, die wir uns ausgesteckt hatten, und sind am 
Ende. Wir wollen aber nicht abschließen, ohne noch einen 
Ausblick auf ein Problem getan zu haben, das wir mehrfach 
gestreift haben, und das sich mit dem behandelten nahe berührt, 
das des Verhältnisses von Staat und Nation. Nicht Natio- 
nalstaat, sondern Realstaat nannten wir das Gebilde, das als 
das Subjekt weltpolitischer Handlungen angesehen werden muß. 
Warum wird dennoch der Realstaat danach streben, National- 
staat zu werden, und warum wird er als Nationalstaat politisch 
am stärksten sein? Das Band, das Nation und Staat verbindet, 
ist die Kultur, das Kulturziel überhaupt. Man hat versucht, 
das Wesen der Nation aus der Naturbestimmtheit eines Volkes 
abzuleiten — mit ebenso wenig Recht und Erfolg, als man 
das Wesen des Staates als naturnotwendig begreifen wollte. 
Staat wie Nation sind Kulturgebilde. Während aber der Staat 
ein durch die Idee der politischen Verwirklichung des Gemein- 
schaftsbewußtseins abgegrenztes Kulturgebiet umschließt, trägt, 
wie uns die geschichtlichen Tatsachen lehren, jede Kultur- 
tätigkeit den Stempel der Nationalität des Kultursubjekts an 
sich. Nationalität ist also offenbar eine Bestimmung, die kein 
eigenes Kulturgebiet abgrenzt, sondern eine Besonderheit, Einzel- 
heit, Verschiedenheit bezeichnet, die jedem Kulturzweige eine 
eigentümliche Färbung verleiht. Nationalität ist also die Rela- 
tivität, die jedem Kulturwerke innewohnt, ist nichts anderes 



Kroner, Politik und Weltpolitik. 33 

als die historischelndividualität einer bestimmten Gruppe 
von Kulturträgern und Kultur werken. Historische Individualität 
besitzen die kulturverwirklichenden Willenssubjekte und die 
verwirklichten Kulturzwecke, insofern sie historisch real sind. 
Die nationale Kultur ist daher die historisch reale Kultur. 
Eine Nation ist das Subjekt einer realen Kultur, eine nationale 
Kultur können wir daher, insofern sie allen Kulturwerken 
historische Eigentümlichkeit verleiht, ein reales Kulturuni- 
versum nennen. Die Realität dieses Kulturuniversums wider- 
spricht so wenig seiner Idealität, wie die Realität des Staates 
der Staatsidealität widerspricht, sie begrenzt allein den Ver- 
söhnungsgehalt, sie relativiert die Absolutheit der verwirklichten 
Kulturzwecke. Die durch die Nationalität gezogenen Grenzen 
sind die Grenzen der historisch erreichbaren Versöhnung. Daß 
der historische Kulturschöpfer nicht das die Kultur verwirk- 
lichende Gesamtbewußtsein in Tat und Wirklichkeit zu ver- 
söhnen vermag — dies ist es, wodurch die historische Kultur 
zur relativen und nationalen wird. Die nationale Kultur ist 
nicht die vollzogene, sie ist immer nur die versuchte Versöh- 
nung. Jede historisch wirkliche Kultur ist und muß immer 
nationale Kultur sein. Welche Beziehung aber hat die Nation 
zum Staate? Zunächst schon die, daß ja auch die staatliche 
Tätigkeit Kulturtätigkeit ist und so in das Universum der Kultur 
hineingehört. Auch die Staatstätigkeit muß daher einen Stempel 
historischer, nationaler Eigentümlichkeit an sich tragen, selbst dort, 
wo mehrere Nationalitäten in einem Staate vereint sind, und wo 
sich daher in der politischen Kulturtätigkeit mehrere nationale 
Farben vermischen werden. Der Zusammenhang des Staates 
mit der Kultur, deren Wächter er ist, wird aber um so enger 
sein können, je weniger buntgefärbt die zu schützende Kultur 
ist, je mehr sie ein einziges reales Kulturuniversum ausmacht, 
dessen nationales Gepräge der Staat selbst an sich trägt. Die 
Beziehung zwischen Nation und Staat ist jedoch noch sehr viel 
inniger. Wir haben gezeigt, daß in einem Kriege, der eine 
weltpolitische Handlung bedeutet, der Rechtsstaat sich dem 
Idealstaate nähert, und daß diese Annäherung eine Annäherung 
des Staats an das reale Kulturuniversum zur Folge hat. Der 
Staat kann zeitweise die Neigung zeigen, dies Kulturuniversum 
selber zu verwirklichen. Im Kriege wird daher die Gleichheit 
und Einheit der Nationalität von politischer Kulturtätigkeit 
einerseits und außerpolitischer andererseits von besonderem 
Werte sein. Dieser Zusammenhang wird noch wesentlicher, 

Zeitschrift für Politik. 10. 3 



34 Kroner, Politik und Weltpolitik. 

wenn wir erwägen, daß in einem solchen Kriege ein Staat seine 
Befähigung zur Führerschaft in der Staatengesellschaft auszu- 
weisen hat. Denn diese Führerschaft bedeutet doch die hi- 
storisch allein mögliche politische Verwirklichung des Universal- 
staates und somit desjenigen politischen Idealgebildes, das der 
Idee des absoluten Kulturuniversums entspricht. Nur 
der Nationalstaat kann diese Befähigung erringen, weil nur 
er Wächter eines realen, historischen Kulturuniversums ist. 
Nur auf den Nationalstaat paßt das Hegeische W ort, der Staat 
sei der irdische Gott, wofern man unter Gott die Idee des 
absoluten Kulturuniversums versteht, in dem Gott und Welt 
eins werden, dessen Angehörige daher ebensosehr Bürger der 
Welt als Kinder Gottes sind. Nur der Nationalstaat kann sich 
zu dem „Weltreiche der Arbeit" erweitern wollen, das der 
Kaiser einst mit ebenso viel historischem Weitblick wie philo- 
sophischem Tiefsinn als das Ziel seines politischen Strebens 
verkündete, unter Verzicht auf einen Weltstaat, der auf Erobe- 
rung gegründet wäre, und wie die Geschichte lehrte, bald 
zerfallen müßte, unter Verzicht also auf die Herstellung eines 
Universalstaates, der die relativ ideale Willenssphäre eines 
Einzelstaates zu einem absoluten Weltstaatswillen ausgestaltete, 
von dessen historischer Unmöglichkeit wir uns philosophisch 
überzeugt haben. 

Eine Bemerkung über das heute vielfach mißbrauchte Wort 
Weltkultur möge diesen Aufsatz beschließen. Jede Kultur, 
die echte Kultur ist, ist ebensosehr Weltkultur als nationale 
Kultur, denn eine jede verwirklicht auf ihre historische Weise 
das absolute Kulturziel. Eine Kultur wird um so mehr Welt- 
kultur sein, je mehr sie Kultur ist, d. h. je mehr sie dazu 
beiträgt, das Bewußtsein zu versöhnen. Daher kann eine natio- 
nale Kultur auch dann Weltkultur sein, wenn sie von Welt- 
bürgern geschaffen wird, die nicht das Glück genießen, in einem 
Staate zu leben, der den Anspruch erheben darf, Weltstaat im 
Sinne eines Führerstaates zu sein. So beschaffen war unsere 
große deutsche Weltkultur vor hundert Jahren, die unsere eigene 
wie jede andere heutige Kultur an Versöhnungsgehalt so 
sehr überstrahlt, und die zuletzt doch auch unsere heutige 
Anwartschaft auf die politische Führerstellung erst im Tiefsten 
rechtfertigt. Weltkultur kann nie durch Politik, auch nicht 
durch Weltpolitik erzeugt werden. Wohl aber kann die Welt- 
geltung eines Nationalstaates, d. h. die Führerrolle, die er in 
der Staatengesellschaft spielt, dazu beitragen, die Kultur, welche 



Krön er, Politik und Weltpolitik. 35 

die Nation besitzt, über die Welt zu verbreiten, wenn auch ihr 
eigener Gehalt dazu das Meiste beitragen wird. Hoffen wir, 
daß dem Schritte, den wir durch diesen Krieg auf dem Wege 
zur Erreichung der politischen Führerschaft vorwärts getan 
haben, bald ein Fortschritt auch auf den übrigen Gebieten der 
Kulturarbeit folgen möge, damit wir und die Fremden unsere 
nationale Kultur mit Recht wieder als Weltkultur preisen 
können. 



. ■ 



IL 

Zur inneren Entwicklung der österreichischen 
Staatsverfassung 

Von Otto Friedlaender 

Regieren ist eine Kette logisch verbundener positiver Willens- 
äußerungen und Willensakte. Es genügt nicht, daß die Regie- 
rung verneinend wirke und diese oder jene Idee oder Einrichtung 
ablehne — von einer Regierung muß schaffende Tätigkeit, muß 
Führung verlangt werden, die bestimmte Ziele zu erreichen und 
nicht nur Gefahren zu vermeiden sucht. 

Fast in der ganzen zivilisierten Welt ist heute die Klage 
allgemein, daß die Regierungen diese schaffende Tätigkeit und 
das klare Fortschreiten auf bestimmte Ziele vermissen lassen 
und sich damit begnügen, unmittelbar drohenden Schwierig- 
keiten auszuweichen und über den nächsten gefährlichen Augen- 
blick hinwegzukommen. In jedem Land hat man dafür 
irgendein meist satirisches Wort gefunden: man nennt es in 
Osterreich „fortwursteln", in England ,,muddle through", in 
Frankreich klagt man über die Provisorienwirtschaft und so 
ähnlich in der ganzen Welt. Nahezu überall herrscht heute 
das parlamentarische oder konstitutionelle System. Es ist nun 
merkwürdig, daß je konsequenter das demokratische Repräsen- 
tativsystem in einem Lande durchgeführt ist und je stärker 
der Einfluß der Parlamente auf die Regierungstätigkeit fühlbar 
wird, um so mehr über diese „Unfähigkeit" und Kleinlichkeit 
der Regierung geklagt wird. In Deutschland z. B. — wo dieser 
Nachteil übrigens noch am wenigsten empfunden wird — be- 
ginnen diese Symptome der Zielunsicherheit und Schwäche mit 
dem Sturze Bismarcks. Dies ist gerade der Zeitpunkt, wo (wie 
Delbrück x ) sehr klar nachweist) die Macht des Reichstages sich 
wesentlich steigert. Delbrück hat den Nachweis erbracht, daß 
nicht der Kaiser, sondern der Reichstag Bismarck gestürzt hat 2 ). 



') Delbrück, Regierung und Volkswille. Berlin 1914. Stilke. 

2 ) Delbrück a. a. 0. und Preußische Jahrbücher Band 147 und 153. 



Friedlaender, Zur inneren Entwicklung der österr. Staatsverfassung. 37 

Nur mit Schlagworten sei an die Polenpolitik, Reichslandfrage, 
Katholikenpolitik usw. erinnert, um zu zeigen, daß auch 
Deutschland unter dem Fortwursteln leidet. Dann und wann 
reißt freilich die große Tradition oder das „persönliche Regi- 
ment" zu einem zielbewußten Entschlüsse hin, wie in der 
Flotten- und Kolonialpolitik. 

In England kannte man noch vor zwanzig Jahren die 
Widrigkeiten des „muddle through" nicht. Seitdem der Sprung 
von der aristokratischen Oligarchie zur aufrichtigen Demokratie 
gemacht worden ist, ist das englische Parlament ein „Debattier- 
klub" geworden, der konsequentes und weitausschauendes 
Handeln nicht mehr kennt. Auf Frankreich und Italien sei 
nur nebenbei hingewiesen, denn dort ist diese Erscheinung so 
deutlich, daß Erläuterungen sich erübrigen. Als interessantes 
Gegenstück kann die Wahlrechtsfrage in Ungarn dienen. Dort 
herrscht eine sehr zielbewußte aristokratische Oligarchie, deren 
Zielsicherheit und Festigkeit man durch ein demokratisches 
Wahlrecht brechen will. 

Man wird nun einwenden, daß Österreich, das doch mit 
seinem § 14 und der großen persönlichen Macht des Monarchen 
keine demokratische Verfassung im Sinne der Weststaaten hat, 
wohl am schwersten unter dem „Fortwursteln" leidet. Bei 
Beurteilung dieser Frage kommt es aber nicht nur auf die 
objektive Kraft der demokratischen Einrichtungen an, sondern 
auch auf die Kraft der Regierung. Denn eine schwache Regie- 
rung ist auch durch geringeren Kraftaufwand beeinflußbar. 
Wer österreichische Regierungsverhältnisse kennt, wird daher 
diesen Einwand kaum machen. Der Druck, den die Parteien, 
besonders die nationalen, außerhalb des Parlamentes auf die 
Regierung ausüben (ganz abgesehen von dem offiziellen), hat 
nicht einmal in Frankreich stärkere Wirkungen und ist um so 
fühlbarer, als in Österreich weder eine geschlossene „öster- 
reichische" Aristokratie, noch Plutokratie als Gegengewicht vor- 
handen ist. Wir haben ja bekanntlich keinen „österreichischen", 
sondern einen böhmischen, steirischen, tirolischen Adel, der 
sich teils führend, teils geführt den demokratischen Parteien 
angliedert und ihr Gewicht erhöht. 

Daß der Verfall der Regierungstätigkeit mit der heute 
üblichen Form des demokratischen Verfassungssystems zu- 
sammenhängt, ist kaum streitig. Bedeutende Männer aller 
Völker, wie z. B. Delbrück in Deutschland, französische Politiker, 
wie Briand, Poincare, Engländer, wie Wells, Shaw, Belloc, 



38 Friedlaender, Zur inneren Entwicklung der österr. Staatsverfassung. 

Chesterton und viele andere sind dieser Meinung. Alle die 
hervorragenden Gelehrten und Politiker, die heute das Pro- 
portionalwahlrecht vertreten, begründen ihre Stellungnahme 
mit den Fehlern der heute üblichen demokratischen Systeme. 
Man mag welchen modernen Politiker unä Staatsrechtler immer 
hören oder lesen, man findet überall die Klage über die Sach- 
unkenntnis und das Demagogentum der heutigen Parlamente. 

Als Gegenmittel wird, wie erwähnt, das Proportionalwahl- 
recht propagiert, andere sagen, man müsse sich eben mit den 
Fehlern unseres Systems abfinden, es gäbe nichts besseres. 
Je verbreiteter Bildung und politische Einsicht würden, um so 
besser würden die Parlamente funktionieren. Dies ist besonders 
die Meinung der führenden Sozialdemokraten. Auch hört man 
oft den Ausspruch, daß die Kompromisse, zu denen die stets 
wechselnden Majoritäten und opponierenden Minoritäten zwingen, 
die notwendige Rücksichtnahme auf alle Standpunkte die Gegen- 
sätze abschleife und zu einer ruhigen, abgeklärten Regierung 
führe. 

In dieser Richtung haben wir heute die Illusionen wohl 
verloren. Wir haben das Versagen parlamentarischer Einrich- 
tungen, ihren Mangel an Schaffenskraft und die katastrophalen 
Folgen dieser Zustände in der letzten Zeit vor dem Kriege 
besonders deutlich gesehen; wir haben beobachtet, wie die 
Regierungen, die mit den halben Kompromißmaßnahmen nicht 
auskommen konnten, auf Umwegen und vielfach unter dem 
Einflüsse unverantwortlicher Personen ganze Maßnahmen trafen, 
und die Halbheiten, die unter öffentlicher Kontrolle entstanden, 
mit Umgehung dieser Kontrolle willkürlich ergänzt haben. 
Kurz : die ungenügende Leistungsfähigkeit der parlamentarischen 
Regierungen hat Kamarillen gezüchtet, von Aristokraten, Frei- 
maurern, Bankiers, Beamten oder welcher Klasse immer, die 
im Geheimen und ohne jede Kontrolle in der Tat führend sind. 
Der Krieg hat uns dies in England, in Frankreich, in den 
Balkanstaaten, am klarsten aber in Italien gezeigt. Wir sehen, 
wie eine geschlossen auftretende und zielbewußte kleine Gruppe, 
die über entsprechende Geldmittel verfügt, das nervöse und 
unsichere Parlament mit sich zieht. Daß dies nicht der Zweck 
demokratischer Regierungsformen ist, leuchtet ein. 

Wo liegen nun die Fehlerquellen unserer heutigen demo- 
kratischen Systeme? Dazu müssen wir uns zunächst fragen, 
was uns denn eine demokratische Verfassung leisten soll. 



Friedlaender, Zur inneren Entwicklung der österr. Staatsverfassung. 39 

I. 

Der moderne Staat ist ein Zweckverband. Der einzelne 
Staat leitet seine Lebensberechtigung vor allem daraus her, daß 
er seine Bürger zufriedenstellt und dieses Ziel besser erreicht, 
als ein anderer Staat es erreichen könnte. Unirdische Ziele, 
denen die Staatsbürger aus idealen Gründen ihr Wohlergehen 
opfern müssen, liegen unserer Staatsauffassung zwar nicht 
immer in der Theorie, wohl aber in der Praxis fern. Die 
Zufriedenheit möglichst aller Staatsbürger ist ein wesentlicher 
Teil der modernen Staatsidee. Daher sind wir auch bestrebt, 
nicht nur eine Majorität von Staatsbürgern, sondern möglichst 
alle zufrieden zu stellen. Wir wollen die Unterdrückung von 
Minoritäten nicht zulassen, denn wir haben aus der politischen 
Erfahrung gelernt, wie leicht aus Minoritäten Majoritäten werden 
und daß die Hintansetzung von Interessen einzelner Gruppen 
irgendwie der Gesamtheit schadet. Von dem Rechte auf Zu- 
friedenheit schließen wir eigentlich nur Elemente aus, die den 
Bestand des Staates selbst, nicht aber solche, die nur seine 
Regierungsform bekämpfen. Wenn wir also die Minorität nicht 
unterdrücken, so tun wir das weniger, um irgend ein Ideal der 
Gerechtigkeit zu verwirklichen, als um möglichst breite Massen 
zufrieden zu stellen. Das ethische Ideal der Gerechtigkeit liegt 
vielleicht in ganz anderer Richtung, als das der allgemeinen 
Zufriedenheit. Auf welche Weise wird nun dieser Zweck erreicht? 
Man erforscht den ,, Volkswillen" und sucht in dessen Sinne 
zu regieren, um auf diese Art die größtmögliche Zahl zufrieden 
zu stellen. 

Die neuere Forschung und vor allem die Erfahrung 
hat uns aber gezeigt, daß das Bestehen eines Massenwillens 
neben dem Individual willen nicht nachweisbar ist 1 ). Das 
mystische Wesen ,,Volk", das unabhängig vom Individuum 
organisch lebt, will, urteilt und zweckbewußt handelt, an das 
Abraham Lincoln und Theodor Parker und noch die jüngste 
amerikanische Generation 2 ) glauben, ist eine sehr zweifelhafte 
Größe geworden. Unstreitig ist jedenfalls, daß Ideen und 



x ) Delbrück, Geist und Masse in der Geschichte, Preuß. Jahrb. 1912. 
Klein: Organisationswesen der Gegenwart. Berlin 1913. H. G. Wells, Is 
there a people? Leipzig. Tauchnitz. Dieser 'Auf satz ist wie die anderen 
zitierten Essays von H. G. Wells in einem Sammelband: „An Englishman 
looks at the world" bei Tauchnitz erschienen. Diese Aufsätze geben einen 
guten Überblick über Wells' politische und soziale Ideen. 

2 ) AVie etwa Frank Norris. 



40 Friedlaender, Zur inneren Entwicklung der österr. Staatsverfassung. 

Initiative nur immer von Individuen kommen und durch die 
Massenpsychologie höchstens eine Veränderung oder Verschie- 
bung erfahren, so wie etwa ein Lichtstrahl im Kristall gebrochen 
und vervielfältigt wird, ohne vom Kristall erzeugt zu werden. 
Hätte aber das Volk selbst einen solchen überindividuellen 
Willen, dann fehlte ihm doch immer das Organ, diesen so 
auszudrücken, daß er der Bewältigung schwieriger Probleme 
gewachsen wäre. Wir können ihn ja nur in der primitiven 
Form des „Ja" und ,,Nein" erforschen und fixieren. Nun 
sollte man meinen, es sei ja ganz gleichgültig, ob man das 
Volk als ein mystisch organisches Wesen, oder als Summe von 
Individuen auffasse; die Zusammenfassung des Willens der 
Individuen ergebe eben den Volks willen, den die Regierung 
als berufener Führer ausführe. Wenn wir aber das Volk nicht 
als jenen mystischen, gottähnlichen Organismus auffassen, der 
in der „last analysis always is right", oder wenn wir nur die 
Unmöglichkeit einsehen, diesen Volkswillen hinreichend zu er- 
forschen und für uns zu nützen und im Volkswillen daher in 
seiner, für uns erfaßbaren Form lediglich eine Summe von 
Individualwünschen sehen, deren Durchschnitt wir durch die 
Einrichtungen unserer Verfassung erfahren und in unserer 
Regierung verwerten wollen — wenn wir von diesem Stand- 
punkte ausgehen, dann müssen wir uns fragen: 1. Ob denn 
dieser Volkswille, der nur aus der Summe der Individual- 
wünsche der Masse besteht, wirklich den Aufgaben gewachsen 
ist, die wir ihm stellen. 2. Ob unsere Methode den Volkswillen 
zu erforschen, die richtige ist und ob daher unsere Regierungen 
sich in der Tat mit dem Volkswillen in Einklang befinden. 

W T elche Aufgaben stellen nun unsere heutigen Verfassungen 
dem Volkswillen. Sie verlangen von ihm, daß er regiere, und 
zwar zu dem Zweck, damit die Regierung in Übereinstimmung 
mit dem Volkswillen bleibe. Regieren setzt aber positives 
politisches Handeln voraus. Nun wird diese positive politische 
Tätigkeit der breiten Masse mehr oder minder vollständig über- 
tragen. Wir muten ihr zu, daß sie durch ihre Vertreter ihren 
Willen ausspreche und ausführe. Daß sie dazu allein und 
selbständig nicht fähig ist, hat uns die Geschichte unserer 
Verfassungen bewiesen. Eine ganze Reihe von Faktoren haben 
sich mehr oder minder offiziell zwischen das Volk und die 
Regierungsfunktionäre teils Willen suggerierend, teils inter- 
pretierend hineingeschoben. Wir haben die frühesten Parla- 
mente unserer Verfassungsära gesehen, die aus Lokalgrößen 



Friedlaender, Zur inneren Entwicklung der österr. Staatsverfassung. 41 

bestanden, auf die die Wähler Vertrauen hatten, und aus 
lokalen Gewalthabern der bisher herrschenden Klassen, deren 
Autorität noch unerschüttert war. Diese letzteren Elemente 
fanden sich in- oder außerhalb der Parlamente schnell zu einer 
gemeinsam operierenden Gruppe zusammen, die die anderen 
unorganisierten, ungeübten, zersplitterten Elemente schnell unter- 
drückt — , es kommt meistens dabei zu gewaltigen Konflikten, 
welche die Verfassung lahmlegen. 

Dieses Wechselspiel pflegt bei Einführung neuer demo- 
kratischer Verfassungen so regelmäßig einzutreten, daß wir 
heute nach einer Revolution eine Gegenrevolution mit einer 
gewissen Sicherheit erwarten. Meistens wiederholen sich sogar 
diese politischen Stöße und Gegenstöße. In Frankreich z. B. waren 
diese Aktionen und Reaktionen, da sie auch die Dynastie er- 
faßt hatten, besonders heftig. Hatten auch die Staatsstreich- 
versuche unter Ludwig XVI. keinen Erfolg, so hat doch das 
Kaiserreich und die Restauration — das erste mit Hilfe der 
militärischen, das zweite mit Hilfe der kirchlichen und aristo- 
kratischen Organisationen — vollen Erfolg. Auch die zweite 
Republik erlag noch diesen historischen Organisationen und 
erst die dritte konnte unter schweren Kämpfen ihren Bestand 
sichern. In Osterreich wiederum folgte unmittelbar auf den 
Kremsierer Reichstag der Staatsstreich vom März 1849, und 
auch hier konnte sich erst die dritte Verfassung dauernd durch- 
setzen. Zum letztenmal sahen wir dieses Wechselspiel erst in 
jüngster Zeit in der Türkei und in China. Die Demokratie, 
die große Masse kann sich gegen organisierte, historische 
Klassen, wenn dieselben auch schwach sind, eben erst dann 
halten, wenn die Masse organisiert ist und auf diese Art ihre 
Macht geltend machen kann. Diese Organisation bieten unsere 
modernen, demokratischen Verfassungen nicht. Sie geben 
lediglich der Masse Gelegenheit, ihre Kraft geltend zu machen. 
Diese Kraft wird aber erst durch die politische Organisation 
befähigt, dauernd wirksam zu bleiben, und diese politische Or- 
ganisation haben die Parteien geschaffen. Diese schieben 
sich mit ihren Führern, ihrem Wahlfond, ihren Agitatoren 
zwischen die Regierung und das Volk. Sie kommen dem 
kleinen Mann entgegen, indem sie ihm den kleinen Mann seines 
Vertrauens als Kandidaten aufstellen, wodurch zwar die Disziplin 
der Partei gewinnt, die Vertretung der Interessen des Wählers 
aber leidet. Es besteht bald gar kein Zusammenhang mehr 
zwischen den wirklichen Absichten der Parteiführung, dem 



42 Friedlaender, Zur inneren Entwicklung der österr. Staatsverfassung. 

offiziellen Parteiprogramm, den Versprechungen der einzelnen 
Abgeordneten x und den Phrasen der Agitation. Die Partei führt, 
der Wähler wird geführt und seine politische Willenstätigkeit 
darauf beschränkt, zwischen den Parteien zu wählen, die eine 
abzulehnen, indem er für die andere stimmt, und etwa seine 
Unschlüssigkeit oder Mißbilligung dadurch auszudrücken, daß er 
nicht stimmt. Wells *) sagt, scharf pointiert, daß beim Parteisystem 
der Wähler den Mann wählt, der ihm am wenigsten unan- 
genehm ist. Auf diese Art kann kaum mehr davon die Rede 
sein, daß ein Parlament ein getreues Abbild des Volkswillens biete. 

Die Partei leistet also wohl den Dienst, die große Masse 
zu organisieren und ihr dadurch erhöhte Widerstandskraft zu 
verschaffen, gibt aber deren Willen nur mangelhaft wieder. 
Wieso dies kommt, soll später eingehend untersucht werden. 

Haben wir nun an diesem verallgemeinerten Abrisse der 
neueren Verfassungsentwicklungen die Unzulänglichkeit des 
Volkswillens in der politischen, positiven Willenstätigkeit gesehen, 
so müssen wir uns fragen: Warum versagt da der Volkswille? 
Wir haben gesehen, daß unsere demokratischen Verfassungen 
notwendigerweise zur Massenorganisation in der Form des Partei- 
systems führen. Die Organisation des Volkswillens durch die 
Parteien fälscht aber die Wiedergabe dieses Willens und die 
Geschichte hat uns bisher noch keine andere Form der Orga- 
nisation des Volkswillens aus eigener Kraft, als die durch 
Parteien gezeigt. Wir bewegen uns hier also in einem bösen 
Zirkel. Die Ursachen müssen da nicht nur im Parteisystem 
liegen, wir müssen dieses vielmehr als Folge betrachten und 
die Ursachen der mißlichen Zustände in den Grundlagen unseres 
Verfassungssystems suchen. 

Wir haben gesagt, daß dem Volkswillen positive politische 
Willenstätigkeit zugemutet wird. Positive politische Willens- 
tätigkeit heißt aber nicht nur ein Ziel wollen, sondern auch 
den Weg. Positiver politischer Wille ist Wille zur Realisierung. 
Wenn ich sage: ich will essen, so hat dieser äußerlich positive 
Satz einen rein negativen Sinn, nämlich: „Ich will nicht 
hungern." Wenn ich diesem Worte einen positiven politischen 
Inhalt geben will, so muß ich sagen : Ich will, daß die Lebens- 
mittel billiger werden und will daher geringere Lebensmittel- 
zölle oder Verbesserung der Arbeitsgelegenheit, Erhöhung der 
Löhne, Förderung des Exportes u. dgl. Noch deutlicher ist viel- 



*) H. G. Wells, The disease of parliaments. Leipzig. Tauchnitz. 



Fried laender, Zur inneren Entwicklung der österr. Staatsverfassung. 43 

leicht dieser Unterschied zwischen positivem und negativem poli- 
tischen Willen bei der Gegenüberstellung des negativen Willens- 
ausdruckes, „ich will keinen Krieg", und des positiven, ,,ich 
will Frieden", d. h. also, ich will jene ruhige, resignierende 
Politik, die mir sicheren Frieden verbürgt. In diesem uns 
naheliegenden Beispiel liegt die große innere Differenz zwischen 
positivem und negativem Willen klar zutage. Der politische 
Wille der großen Masse ist aber nahezu immer ein 
rein negativer, wenigstens in allen Fragen, die über 
den engen Lokalhorizont hinausgehen. Das ist zunächst der 
Fall, weil die Einsicht und die Bildung der überwiegenden 
Majorität nicht ausreicht, um positive Gedankengänge der Groß- 
staatenpolitik zu erfassen. Selbst der durchschnittliche Gebildete, 
der nicht Zeit hat, einige Stunden des Tages der Lektüre von 
Zeitungen, Zeitschriften und der grundlegenden Werke der 
verschiedenen Wissensgebiete, die auf die moderne Politik Ein- 
fluß nehmen, zu lesen, ist dazu unfähig. Die Wenigen aber, 
die sich positiven politischen Willen zutrauen, sind vor allem 
als Masse nicht ausgiebig und dann in ihren Urteilen allzusehr 
zersplittert. Hingegen haben wir bei jedermann, vom Tage- 
löhner bis zum Hochgebildeten, einen ganz ausgeprägten ne- 
gativen politischen Willen: Ich will nicht hungern, ich 
will nicht müßig gehen, ich will von der Polizei nicht belästigt 
werden, ich will keine fremde Sprache reden, ich will in der 
Religionsübung nicht behindert werden usw., usw. Das sind 
negative politische Leitsätze, die wir in großen Massen verbreitet 
und ganz klar erfaßt finden. Wenn Hegel also sagt, daß das 
Volk derjenige Teil des Staates ist, der nicht weiß, was er will, 
so muß man diesen Satz doch dahin ergänzen, daß das Volk 
ganz wohl weiß, was es nicht will. 

Die Geschichte bietet eine Reihe treffender Beispiele des 
negativen Willens als Massenbeweger. So sind vor allem 
nationale Volksbewegungen in ihrem Ursprünge immer 
negativ, d. h. aus einem Widerspruche gegen Unterdrückung 
entstanden und durch diesen Widerspruch erhalten und gefestigt. 
Der nationale Gedanke der großen Masse entspringt einer Ver- 
teidigungsidee, in der die Nation oft erst zum Bewußtsein ihrer 
Existenz gelangt. So entsteht z. B. im 11. Jahrhundert durch 
die Germanisierungsversuche der Königinnen, Beamten und 
Adeligen deutschen Stammes in Ungarn und in Böhmen die 
nationale Bewegung. Sie entsteht in Frankreich durch den 
Feldzug der Alliierten nach der großen Revolution, in Deutsch- 



44 Friedlaender, Zur inneren Entwicklung der Osten-. Staatsverfassung. 

land und Spanien durch den französischen Imperialismus, der 
in den Unterdrückungsversuchen Napoleons gipfelt. Besonders 
interessant ist das Beispiel der Vereinigten Staaten Amerikas, 
in deren Kämpfen gegen die englische Unterdrückung wir nicht 
nur den bewußten amerikanischen Nationalismus, sondern die 
Nation selbst haben entstehen sehen. Aber nicht nur National- 
bewegungen fußen auf dem negativen Massenwillen, auch die 
größte religiöse Bewegung Europas, die Reformation, ist 
bekanntlich zunächst ein Widerstand gegen den päpstlichen 
Gewissenszwang, Mißbräuche des Klerus usw. gewesen. Am 
deutlichsten tritt der negative Massenwille bei politischen 
Revolutionen hervor. Viele von ihnen sind bekanntlich veran- 
laßt durch den Widerwillen gegen drückende Steuern und soziale 
Mißstände. Auch der Freiheitsbegriff, der als Schlagwort bei 
großen Volksbewegungen sich so oft wirksam erwiesen hat, ist 
als absoluter Begriff gänzlich undefinierbar und läßt sich immer 
nur, so oft er in einzelnen Fällen auftaucht, relativ definieren, 
d. h. als Widerspruch gegen bestimmte Gebundenheiten. Darauf 
weist auch Chamberlain : ) hin, wenn er von den grundlegen- 
den sittlichen Forderungen der französischen Revolution sagt: 
„Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit sind von den Verfechtern 
des Revolutionsideales nie bejahend, sondern in Wirklichkeit 
stets und nur verneinend gemeint worden." — Diese Ideale 
besäßen gar keinen positiv faßbaren politischen Sinn. 

Aber auch ein anderes, jüngeres Kapitel der französischen 
Geschichte liefert uns ein interessantes Beispiel für den nega- 
tiven Charakter des Massenwillens. Es sind dies die Wahlen 
zur Nationalversammlung von Bordeaux im Februar 1871. Nie- 
mals war eine Zeit einem wahren Ausdrucke des Volkswillens 
günstiger : Ereignisse, die in ihrer Stärke und Einfachheit jeden 
Wähler berührten, wenige politische Probleme, die jedermann 
verstand und zu denen jeder Stellung nehmen konnte — eine 
tiefe Erregung, die jedem politisches Tätigwerden zum Bedürfnis 
machte — das waren die Vorbedingungen dieser Willenskund- 
gebung. Dazu kam noch, daß keine starke agitatorische Vor 
arbeit betrieben werden konnte: „Der Parteigeist war diesem 
Ausdrucke des Volkswillens fremd geblieben 2 )." Wohl nie- 
mals konnte also ein Parlament ein reinerer Ausdruck des 



') H. St. Chamberlain, Politische Ideale. München 1915. Bruckmann. 

2 ) Gabriel Hanotaux, Geschichte des zeitgenössischen Frankreich, 
(deutsch) Berlin 1903. Grote. 1. Band 4. Kapitel. 



Friedla ender, Zur inneren Entwicklung der österr. Staatsverfassung. 45 

Volkswillens sein als dieses. Und was war das Ergebnis? 
„Kaum war die Versammlung zusammengetreten, als sie zu- 
nächst eine lebhafte, übertriebene Erregung gegen die sog. 
„Diktatur Gambettas" und besonders einen heftigen Groll 
gegen eine kaiserliche Diktatur an den Tag legte. Sie war 
gegen Paris mißtrauisch, welches sie beschuldigte, den Krieg 
unnötig verlängert, das Land irregeführt und bei den Wahlen 
radikal gestimmt zu haben. Diese Gefühle sind besonders 
negativer Art. In ihrem Sinne vollzogen sich die ersten 
politischen Handlungen 1 )." 

Schließlich möge noch ein kurzer Überblick über die An- 
fänge der österreichischen Verfassung zur Illustration der Rolle 
dienen, die der negative Wille in Massenbewegungen spielt; 
gleichzeitig aber auch als Beispiel, wie schwach die Kraft 
positiver Ideen in den Massen wirkt: 

Der Unwille gegen Metternich, den Absolutismus, die 
wirtschaftliche Krise hatten zur Märzrevolution des Jahres 1848 
in Osterreich geführt. Die Zusage einer Verfassung und der 
Demission Metternichs befriedigen diesen negativen Volkswillen. 

Die Erfüllung der positiven Seite dieses Willens, nämlich 
die Publikation der Pillersdorf sehen Aprilverfassung, die „den 
vollen Bruch mit der Vergangenheit bedeutete, denn sie ge- 
währte alle geforderten Arten der Freiheit", wurde „anfangs mit 
Gleichgiltigkeit aufgenommen" 2 ). Lebendig wird der Volkswille 
da auch erst wieder in negativer Form. Der Unwille 
gegen Mängel der Verfassung führt zum Maiaufstand. Eine 
Bewegung, die für die positiven wertvollen Zugeständnisse 
dieser Konstitution eingetreten wäre, kam nicht zustande. Man 
war sich in weiten Kreisen über das Unsinnige dieser negativen 
Bewegung klar, aber eine positive Idee war nicht imstande, 
Massen in Schwung zu bringen. Dieselbe Erscheinung sehen 
wir im Kremsierer Reichstag von 1849. Die parlamentarischen 
Verhältnisse hatten es mit sich gebracht, daß zunächst die 
Bauernbefreiung in Angriff genommen wurde. Kaum war 
dieses Werk vollendet, so erfolgte der Staatsstreich vom März 
1849. Nun war es ganz unmöglich, die Bauern, die von der 
Verfassung doch den größten Nutzen gehabt hatten, zu einer 
Bewegung zur Aufrechterhaltung dieser Verfassung zu veran- 



*) Hanotaux a. a. 0., 5. Kapitel. 

2 ) Charmatz, Österreichs innere Geschichte von 1848 — 1907. Leipzig 
1911, S. 10. 



46 Friedlaeuder, Zur inneren Entwicklung der österr. Staatsverfassung. 

lassen. Ihr negativer Wunsch war erfüllt — die Last der 
Grundherrschaft und Robott mußte nicht mehr ertragen werden, 
und mit diesem negativen Wunsche waren ihre gesamten 
politischen Ambitionen befriedigt. 

Es hätte keinen Sinn, diese historischen Beispiele ins End- 
lose auszuspinnen. Sie sind wohl stark genug, um die Rolle 
des negativen Willens bei Massenbewegungen zu charakterisieren 
und unsere abstrakten Bewegungen, die uns zur Erkenntnis 
dieser Willensart als der stärksten Form des Volkswillens geführt 
haben, hinreichend zu unterstützen. 

Dieser klar ausgesprochene negative Wille reicht 
aber zur Regierung nicht aus; denn zwischen negativem und 
positivem Willen liegt die große Kluft zwischen Wunsch und Ziel, 
die von der Negation niemals überbrückt werden kann, sondern 
nur von positiver Tätigkeit, von einer Führung. Wenn es sich 
aber um diese Führung handelt, finden wir im Volkswillen 
einen klaren positiven Charakter; — das ist also dann, wenn 
es gilt sich einem Führer zu unterwerfen und ihm Gefolge zu 
leisten — dann, wenn sich der Wille selbst verleugnet. 

Diese Tatsache ist uns allen bekannt und es ist daher 
unnötig, sie durch viele historische Beispiele zu beweisen. — 
Nur ein Beispiel möge hier Platz finden, welches auch aus den 
französischen Februarwahlen des Jahres 1871 stammt, die 
wir früher als eine klassische Kundgebung des Massenwillens 
charakterisiert haben. Auf eine einzige positive Idee einigten 
sich damals alle Wähler, und zwar auf die Notwendigkeit einer 
sachkundigen und energischen Führung. So wurde Thiers in 
26 Wahlkreisen von 2 Millionen Stimmen gewählt. Gambetta 
wurde neunmal gewählt. Ebenso General Trochu. Abgesehen 
von diesen hervorragenden Männern, wählen fast alle De- 
partements Persönlichkeiten, die durch ihre Stellung und 
ihr Ansehen ihnen geeignete Führer zu sein scheinen. So gab 
es unter 630 Abgeordneten 200 Angehörige des alten Adels, 
darunter Angehörige des Hauses der Bonaparte und der Bour- 
bonen. Sämtliche Parteien hatten einen Überfluß an bedeutenden 
und berühmten Namen. Daher kann man wohl diese Wahl 
mit Recht als eine der charakteristischsten Demonstrationen 
des Massenwillens zugunsten einer Führung nennen, die um so 
überzeugender wirkt, da sie nicht so sehr begeisterte Zustimmung 
für eine faszinierende Persönlichkeit wie das allgemeine Be- 
dürfnis nach Führung ausdrückt. So können wir nun die 
Merkmale des greifbaren und erkennbaren Volkswillens 



Friedlaender, Zur inneren Entwicklung der österr. Staatsverfassung. 47 

zusammenfassen, indem wir sagen, daß er hauptsächlich als 
negativer Willen ausgesprochen ist und das Bedürfnis hat, 
sich einer ihm genehmen Führung zu unterwerfen. 

II. 

Gelingt es nun unseren heutigen Verfassungseinrichtungen, 
diesen Volkswillen zum Ausdruck zu bringen und ihm die 
Führung, die er braucht, zu bieten, und stehen unsere Regie- 
rungen in Einklang mit ihm? Auf diese Frage gibt es nur 
eine Antwort und das ist eine Tatsache, — der Erfolg : Befriedigt 
uns unsere Regierung, spricht sich in ihr unser Wille aus, haben 
wir in ihre Führung Vertrauen, sind wir gut und so wie wir 
es wünschen vertreten? Niemand kann auf diese Frage mit 
einem glatten Ja antworten. Keine Zeit hat mehr Straßen- 
aufstände und politische Gewalt gesehen, als die letzten fünfzig 
Jahre, man hat eine Unzahl neuer Methoden gewaltsamen Wider- 
standes gefunden: den politischen Streik, die passive Resistenz, 
die Sabotage, die Obstruktion — alle weniger blutig als pein- 
lich und allgemein fühlbar. So wie die Pazifisten den bewaffneten 
Frieden einen ständigen Krieg mit Unterbrechungen nannten, 
so können wir sagen, daß wir in den letzten Jahrzehnten in 
einem fortdauernden, mehr oder weniger stillen Bürgerkrieg 
lebten. Gerade aber das glaubten wir durch unsere Verfassungs- 
einrichtungen zu vermeiden: „Die Masse regiert nicht, weil sie 
weise ist, sondern weil sie die Macht hat", sagt Delbrück l ). 
Wenn sie aber die Macht hat, wieso wird sie aller dieser Wider- 
stände nicht Herr? Hätte sie wirklich die Macht, so müßte 
doch ein so starker, einheitlicher Wille hinter der politischen 
Führung stehen, daß sie sich Gehorsam verschaffen müßte. 
Aber der Volkswille, die Masse ist eben nicht im Einklang mit 
seiner Vertretung. 

Wir haben in den vorstehenden Betrachtungen gesehen, 
daß der Volkswille in den Parlamenten nur unzulänglich zum 
Ausdrucke kommt. Wir sehen ferner an diesen fortgesetzten 
Erscheinungen der Unzufriedenheit und des Widerstandes, daß 
die Parlamente sogar einen Willen ausdrücken, der offenbar im 
Widerspruche mit dem Volkswillen steht. Nur kurz sei in dieser 
Richtung auf einige Beispiele der jüngsten Geschichte hin- 
gewiesen. In Frankreich hatten die letzten Wahlen vor dem 
Kriege eine klare Majorität gegen die Rüstungs- und Kriegs- 



: ) Delbrück, Regierung und Volkswille. 



48 Friedlaender, Zur inneren Entwicklung der österr. Staatsverfassung. 

politik ergeben. Wenige Monate später wird der Ausbruch des 
Krieges mit leidenschaftlicher Zustimmung aufgenommen und 
der Krieg wird dauernd mit Energie und Erbitterung geführt. 
In Deutschland hatten die letzten Wahlen 4y 2 Millionen sozial- 
demokratischer Stimmen gezeitigt. Welche Folgerungen das 
Ausland und auch viele Deutsche aus dieser Tatsache gezogen 
hatten, wissen wir und wir haben auch mit angesehen, wie 
falsch diese Folgerungen waren. Brauchen wir schließlich ein 
deutlicheres Beispiel als Österreich? Wir sehen da auf der 
einen Seite das Parlament voll zentrifugaler Tendenzen, Über- 
druß, Radikalismus und Staatsverneinung und sehen heute ein 
staatsbejahendes, einiges Volk, in dem geringe Ausnahmen ver- 
schwinden. Und gerade diese Ausnahmen, deren wahres Ge- 
wicht wir heute kennen lernen, bestimmten die Tonart unseres 
Parlamentes. Dieser Widerspruch in der österreichischen Politik 
ist aber nicht erst durch den Krieg entstanden oder offenbar 
geworden; schon im Frieden hatten ihn viele beobachtet und 
damals schon haben Otto Bauer und Karl Renner auf diesen 
eigentümlichen Widerspruch zwischen „parlamentarischem Ge- 
bahren und realer Macht nationalistischer Taktik" hingewiesen: 
„Während sich die politischen Vertretungen der Nationen, die 
nationalen Parteien, in denen gleichsam der Sonderwille der 
Nationen gipfelt, in den Vertretungskörpern unversöhnlich 
einander gegenüberstellten, war von dieser absoluten Gegenüber- 
stellung draußen im Leben gar nie die Rede 1 )." 

Aus allen diesen Beobachtungen und Erwägungen geht 
jedenfalls hervor, daß Wahlen und Parlamente uns ein ganz 
falsches Bild des Volkswillens geben. Wieso? 

Weil offenbar die Methode, nach der wir den Volkswillen 
erforschen und die Art, wie wir ihn in der Regierung 
tätig werden lassen, eine falsche ist. Wir haben früher 
den Charakter des Volkswillens untersucht und haben ihn als 
klar ausgesprochenen negativen Willen erkannt, der bereit ist 
sich führen zu lassen. Gibt nun unser herrschendes Wahlrecht 
dem Volke die Möglichkeit diesen so klaren negativen Willen 
auszusprechen ? Kann der Wähler sagen — : diesen Mann mag 
ich nicht; dieses Gesetz gefällt mir nicht; — nur das und 



x ) Karl Renner, Österrreichs Erneuerung. Wien 1916. J.Brand. Es 
ist bemerkenswert, daß diese Beobachtungen von Sozialdemokraten stammen. 
Die Konstatierung eines Widerspruches zwischen der Volksmeinung und ihrer 
parlamentarischen Wiedergabe ist von dieser Seite vielleicht besonders be- 
zeichnend. 



Friedlaender, Zur inneren Entwicklung der österr. Staatsverfassung. 49 

sonst nichts? Nein, das kann er nicht — er kann nicht „nein" 
sagen. Unser Wahlrecht nötigt den Wähler über seinen poli- 
tischen Willen, in seiner Willensäußerung weit hinauszugehen. 
Er kann nicht sagen : — ich will den B. nicht, sondern er muß 
sagen : ich will den A. Das führt zu absurden Konsequenzen. 
Ein Wähler z. B., der für nationalen Ausgleich ist, hat etwa 
die Wahl zwischen einem deutschen, einem tschechischen und 
einem sozialdemokratischen Kandidaten. Er kann nicht sagen : 
ich will den nationalen Kampf nicht — nein — er muß seinen 
Willen dadurch ausdrücken, daß er seine Stimme dem Sozial- 
demokraten gibt und damit auch sagt : ich bin Antimonarchist, 
antiklerikal u. dgl. — hundert Dinge, die ihm vielleicht ganz 
ferne liegen, von denen er oft gar nichts weiß und für die 
sein Vertreter eintritt. Wir sehen also — jeder kann ja für 
sich die Beispiele ins Unendliche ergänzen — daß wie immer 
wir wählen, wir mit unserer Stimmabgabe viel mehr sagen, als 
wir sagen wollen, und das was wir wirklich sagen wollen, nicht 
sagen können. Wir sind nicht imstande, unserem ganz klaren, 
negativen, politischen Willen, unserer Ablehnung Ausdruck zu 
geben, und hier liegt wohl der Hauptgrund der Volksfremdheit 
unserer Volksvertretungen. 

Zu welchen Konsequenzen führt nun unser demokra- 
tisches System, das dem negativen Willen der Massen 
keinen Ausweg bietet? Es muß sich dieser stärksten und 
ausdauerndsten treibenden Kraft des Massenwillens dennoch 
bedienen und irgendwie muß er auch in einem solchen System 
zur treibenden Kraft werden. Wir haben gesehen, daß negative 
Programme mit nahen, relativ leicht erreichbaren Zielen (wie 
z. B. in Österreich das der Bauernbefreiung) zwar große Massen 
konzentrieren können, die aber zerfallen, wenn das Programm 
erfüllt ist. Eine große und kostspielige Organisation braucht 
aber dauerhaftere Grundlagen. Freiwillige Massenorganisation 
ist nur mit negativen Zielen erreichbar, dauernde Konzen- 
trierung nur bis zur Erfüllung des Zieles. Je weiter, je schwerer 
erreichbar das Ziel ist, desto dauerhafter wird die Organisation 
sein. Diesem Grundgedanken passen sich die Parteiprogramme 
an oder besser gesagt : es haben sich im Wettstreite der Parteien 
nur diejenigen Programme gehalten, die populäre, negative 
Ideen enthielten, deren Realisierung eine möglichst langzielige 
war. Die führenden Ideen werden immer reinere Negationen, 
die Endziele immer utopischer, so daß dem demokratischen, 
parlamentarischen Zeitalter der letzten Jahrzehnte solche nega- 

Zeitschrift für Politik. 10. 4. 



50 Friedlaender, Zur inneren Entwicklung der österr. Staatsverfassung. 

tive Utopien ihr politisches Gepräge gegeben haben. Diese 
utopischen Negationen spielen in der parlamentarischen Politik 
zweierlei Rolle. 

Bei der einen Gruppe von Parteien dienen sie hauptsächlich 
als Vorspannideen für ein positives Programm 1 ), auf wel- 
ches mit ihrer Hilfe die Wähler konzentriert werden. Unter diesen 
Parteien steht an erster Stelle die Sozialdemokratie. Sie leugnet 
fast sämtliche Grundideen der anderen Parteien und der be- 
stehenden Regierungsform — ein Programm, das noch durch 
eine negative parlamentarische Taktik ergänzt wird, so daß 
selbst der Wähler, dem die Negationen des Programmes zu 
weit gehen, dem Sozialdemokraten ruhig seine Stimme geben 
kann, da er weiß, daß sie zunächst nur die Ablehnung aller 
anderen Parteien ausdrückt. Dieser verneinende Charakter im 
Programme und Taktik, der jeder Negation des Wählers Raum 
gibt, ist eine der wichtigsten Erfolgsgrundlagen der sozial- 
demokratischen Partei 2 ). Bei dieser sind aber, wie gesagt, die 
Negationen in der Praxis des politischen Lebens nur Vorspann 
für ein positives Programm, das auf die verschiedenste Art 
möglichst wirksam durchgeführt wird 3 ). 

Es gibt aber auch Parteien, bei denen die utopische Ne- 
gation den einzigen Träger der Politik bildet. Sie benützen 
sie nicht nur als demagogisches Lockmittel, sondern ihre Rolle 
im politischen Leben besteht fast ausschließlich in der Ver- 
tretung dieser Negation. 

Unter diesen Parteien stehen an erster Stelle die nationa- 
listischen. 

Es mag verwunderlich erscheinen, daß hier vom Nationa- 
lismus als einer negativen Idee gesprochen wird. Dies 
muß daher kurz gerechtfertigt werden. Früher wurde schon 
darauf hingewiesen, daß nationale Gedanken ihre Entstehung 
in der Regel dem Unwillen gegen Unterdrückung verdanken. 
Aber auch wenn die Befreiung der Nation so vollständig wie 

*) Wenn im folgenden von Parteiprogrammen gesprochen wird, so 
wird dabei nicht an offizielle Programme und Wahlaufrufe gedacht, sondern 
an jene Ideen und Prinzipien, die für die politische Tätigkeit, die Agitation 
und die Wahlerfolge der Parteien bezeichnend sind. 

2 ) Diese Betrachtung erklärt auch das Rätsel, wieso die 47 2 Millionen 
sozialdemokratischer Wähler sich oft so gar nicht im Sinne des Programmes 
ihrer Partei verhalten. 

3 ) Bei der Gruppe der positiven Programme mit negativen Vorspann- 
ideen ist, — wenn auch in weitem Abstand, — etwa auch das österreichische 
christlich-soziale mit seinem Antisemitismus als Beispiel zu nennen. 



Friedlaender, Zur inneren Entwicklung der österr. Staatsverfassung. 51 

möglich ist, stirbt ja der Nationalismus nicht. Die, Form aber 
ist charakteristisch, die sein Programm unter dem Einflüsse 
des demokratischen Parlamentarismus dann angenommen hat. 
Es geht nämlich nicht so sehr auf höchste innere und äußere 
Vervollkommnung, sondern in erster Linie auf weitere Be- 
kämpfung nationaler Gegner. Wo ist aber dieser Gegner einer 
freien Nation? Da macht nun der Nationalismus den Sprung 
in die Unendlichkeit: Jeder Nationsfremde ist nationaler Gegner. 
Daher ist das utopische Endziel jedes Nationalismus die Ver- 
nichtung aller anderen Nationen. Der Witz vom ungarischen 
Globus paßt auch auf jedes andere nationalistische Programm. 
Durch diese Negation wird die nationale Eigenart zur ethischen 
Qualität: Die fremdnationalen Dinge sind schlecht, weil sie 
fremd sind — folglich ist alles Eigene schon deshalb gut, weil 
es national ist. Diese Darstellung mag erzwungen erscheinen 
und darum soll dieses Problem auch von einer anderen Seite 
angesehen werden: Ist nämlich der Nationalismus in seiner 
modernen Form überhaupt verständlich, wenn man ihn nicht 
als negative Idee auffaßt? Der Nationalismus ist in seiner in- 
stinktiven Grundlage eine Form der Liebe für Heimat, Vater- 
land und Muttersprache — an und für sich also eine der selbst- 
verständlichsten Empfindungen des Menschen, die nur gefähr- 
lich werden kann, wenn sie verletzt wird, die aber jeder im 
anderen voraussetzt und respektiert. Ganz richtig sagt F. W. 
Förster *), daß der positive Nationalismus ein ständiges Aus- 
schreien von Selbstverständlichkeiten sei, so, als ob jemand 
fortwährend erzählte, er liebe seine Mutter, wenn auch niemand 
das Gegenteil behaupte, und diese ständige Betonung solcher 
Selbstverständlichkeiten sei überflüssig und geistlos. Diese An- 
schauung wäre einwandfrei, wenn eben der Nationalismus ein 
positives Programm und daher lediglich die Konstatierung einer 
unbestrittenen Tatsache wäre. Das ist er aber nicht, er ist 
vielmehr eine Negation. Er sagt nicht nur: ich liebe meine 
Mutter, sondern: ich hasse die Mutter meines Nächsten. Er 
sagt nicht nur : ich habe Lebensberechtigung, sondern : der 
andere hat keine. Er sagt nicht: ich verdiene denselben Lohn 
wie der andere, weil ich dasselbe leiste, sondern: der andere 
darf nicht mehr Lohn verdienen als ich, auch wenn er mehr 
leistet. Damit wird die Grenze der Selbstverständlichkeit weit 
überschritten und der Nationalismus gewinnt durch diese Lehre 



') F. W. Förster: Das österreichische Problem. Wien 1916. Heller. 

4* 



52 Friedlaender, Zur inneren Entwicklung der österr. Staatsverfassung. 

der grenzenlosen und unendlichen Negation, die noch durch den 
menschlichen Urinstinkt des Fremdenhasses und durch ein gutes 
Teil Geistesträgheit (Widerstand gegen fremde Sprachen und 
Sitten) unterstützt wird, demagogische Kraft 1 ). 

So steht also der Nationalismus an der Spitze jener nega- 
tiven Utopien, die unser demokratisches System hervorgebracht 
hat und die unser politisches Leben beherrschen. Man kann 
daher mit einigem Recht behaupten, daß die beiden mächtigsten 
politischen Bewegungen der neueren Zeit, die Sozialdemokratie 
und der Nationalismus, ihre negierende und utopische Form 
unter dem Einflüsse der modernen Methoden des demokratischen 
Parlamentarismus ausgebildet und angenommen haben oder 
daß die negativ - utopischen Teile ihres Programmes Voraus- 
setzungen ihrer Erfolge waren. 

Zwischen den Parteiengruppen, bei denen die negativen 
Utopien als Vorspannideen wirken, und jenen, welche lediglich 

J ) Zu einer ganz ähnlichen Charakteristik des modernen Nationalismus, 
wie sie hier vom Standpunkte des praktischen Beobachters gegeben wurde, 
kommt auch auf dem Wege jmilosophischer Konstruktion Ruedorff er. (Grund- 
züge der Weltpolitik in der Gegenwart. Stuttgart 1915.) Die utopische Un- 
endlichkeit des Zieles faßt er in folgende Worte : „ Um den ideellen Endpunkt 
dieses Strebens (der Nationen) zu bezeichnen, haben wir .... keine andere 
Idee, als die der Menschheit." Die Menschheit sei die Totalität aller Menschen 
und dieselbe sei „der ideelle Zielpunkt, nicht als je zu erreichender oder je 
erreichbarer Zustand, das Streben der Nation" (S. 18). Dieses Streben nach 
dem unendlichen Ziele sei jeder Nationalbewegung eigen. Nur die schwachen 
Nationen hätten keine Allpartei: ,,der Name enthält ein Programm; daß 
alles deutsch, französisch, slawisch werden soll, ist sein letzter Inhalt" (S. 21). 
Ebenso unendlich wie das räumliche, sei auch das zeitliche Ziel der Nationen. 
„Den Nationen ist keine Frist gesetzt .... ihr Ziel ist freilich ein unend- 
liches und nie zu erreichendes, aber auch die Zeit, über die sie verfügen, ist 
unendlich" (S. 35). 

Die negative Idee des Nationalismus drückt er folgendermaßen aus: 
„Wenn die Nationen Wege zur Menschheit sind, jede sich für den einzigen 
richtigen Weg halten muß .... ergibt sich aus dem Wesen des Lebens- 
dranges selbst eine Idealkonkurrenz der Völker die .... ein ewiger und 
unvermeidlicher, und notwendig, gut zu heißender Kampf ist. Dann liegt 
in den Beziehungen der Völker zueinander zu allerunterst ewige und absolute 
Feindschaft" (S. 23). „Die nationale Menschheitsidee geht aus von einem 
Gegeneinander" (S. 27). 

Einen praktischen Beleg für den negativen Inhalt des Nationalismus 
finden wir in der Haltung der österreichischen Nationalitäten im Kriege. 
Kj eilen (Die politischen Probleme des Weltkrieges. Leipzig 1916) drückt 
dies folgendermaßen aus : „Es zeigte sich, als die große Probe kam, daß der 
Rassengedanke bei den Slawen Österreichs nicht viel mehr als die Kehrseite 
hres Hasses gegen die Deutschen oder die Magyaren war" (S. 94). (Ruedorffer 
und Kj eilen sind Anhänger der Lehren des modernen Nationalismus.) 



Friedlaender, Zur inneren Entwicklung der österr. Staatsverfassung. 53 

negative Utopien vertreten, stehen noch eine Reihe von Parteien, 
die anscheinend ein positives Programm vertreten und keine 
utopischen Ziele verfolgen. Es sind dies die liberalen, kleri- 
kalen, konservativen u. dgl. Parteien. Trotz des positiven und 
praktisch begrenzten Programmes ist aber die wichtigste Grund- 
lage ihrer Tätigkeit und Agitation dennoch eine wesentlich 
negative. Sie besteht nämlich in erster Linie in der Bekämpfung 
bestimmter anderer Parteien. Die Ziele dieses Kampfes sind 
keine utopischeD, jedoch genügend ferne liegende, um dauern- 
den Bestand zu gewährleisten. Die Lebensdauer einer solchen 
Partei ist bedingt durch die Lebensdauer der bekämpften Partei, 
und wenn diese auf einer tragfähigen Grundlage aufgebaut ist, 
dann ist auch die Dauer der Gegenpartei gesichert. In dieser 
eigentümlich verschobenen Form hat sich der negative Wille 
der Massen innerhalb unseres Verfassungssystems durchgesetzt. 
Wieso entsteht nun der Widerspruch zwischen dem Volks- 
willen und der parlamentarischen Politik oder inwiefern sind 
die negativen Utopien, die den Inhalt der modernen Politik 
bilden, geeignet, den Volkswillen wiederzugeben? Eine Partei 
mit negativen Vorspannideen, die ein dem Wähler mehr oder 
minder gleichgültiges positives Programm verfolgt, gibt schon 
an und für sich den A 7 olkswillen nicht wieder. Das positive 
Programm wird zwar unter den Wählern auch Anhänger haben, 
aber sie dürften an Zahl weit geringer sein, als die der nega- 
tiven Ideen. Die Freunde des positiven Programmes werden 
wieder aus ganz verschiedenen Gründen für ganz verschiedene 
Teile desselben Vorliebe haben, so daß schließlich nur ein ganz 
geringes Häuflein von Anhängern des gesamten positiven Pro- 
grammes übrig bleibt. Was die Anhänger des negativen Teiles 
des Programmes betrifft, so gilt von ihnen dasselbe, wie von 
den Anhängern der rein negativen, utopischen Parteien: Sie 
haben zwar den negativen Willen, den das Parteiprogramm 
ausdrückt, aber die Fälschung dieses Willens kommt dadurch 
zustande, daß eben diese negativen Willensäußerungen nur 
Bruchteile des politischen Gesamtwillens der Wähler sind, 
die aus dem Zusammenhange und vor allem aus der Rangord- 
nung ihrer sonstigen Meinungen und ihrem Verhältnisse zu 
den Temperamenten herausgerissen sind. Während also der 
Anhänger der Partei mit positivem Programm einen Vertreter 
hat, der weit mehr verlangt und anstrebt als der Wähler will 
und nur ahnt, vertritt der Abgeordnete des Wählers der rein 
negativen Partei nur diese eine Negation seines Wählers — 



54 Fr iedla ender, Zur inneren Entwicklung der österr. Staatsverfassung. 

diese aber unterstützt durch dessen volles politisches Gewicht 
und nicht nur durch das Teilgewicht, das der Wähler 
auf diese Negation legt. Er vertritt ihn z. B. nur als Tschechen 
oder Polen und nicht als Kaufmann, Steuerzahler, Bauern, 
Familienvater und was er sonst noch sern mag. So haben wir 
auf der einen Seite eine ausdehnende, auf der anderen eine 
einschränkende Fälschung der öffentlichen Meinung — weniger 
dadurch, daß etwas gesagt und vertreten wird, was der Wähler 
nicht meint, als dadurch, daß die Gewichtsverteilung auf diese 
Meinungen eine falsche ist 1 ). 

Dieser Zustand der Entfremdung zwischen Volksvertretung 
und öffentlicher Meinung nimmt zu, je älter demokratische 
Verfassungen und mit ihnen die Parteigebilde werden. Da 
deren Existenzbedingung ja immer die Verneinung eines Prin- 
zipes, eines Gegners oder eines Zustandes ist, ist es auch für 
das dauernde Bestehen einer Partei lebenswichtig, daß diese 
Negation — diese Unzufriedenheit ihrer Wähler, aus der sie 
entstanden ist — dauernd erhalten und möglichst fühlbar bleibe. 
Die Agitation muß daher unablässig bemüht bleiben, diese Un- 
zufriedenheit wach zu halten, von der die Partei politisch lebt. 
Es fällt nicht schwer, durch Vergleiche der bestehenden Ver- 
hältnisse mit dem utopischen Idealzustand die Mißstimmung 
lebendig zu erhalten und sie zur Zeit der Wahlen so aufzu- 
reizen, um wieder die nötigen Wähler zu finden. Auch die 
Trägheit spielt ja da eine große Rolle, und es kostet nicht viel 
Mühe, eine alte gewohnte Unzufriedenheit — mag sie auch 
für alle Tage fast überwunden sein — gelegentlich wieder zu 
erwecken. Jedenfalls ist es dem Wähler bequemer, wieder 
irgendeinem alten Verdruß Ausdruck zu geben, als bei jeder 
Wahl zu neuen unbequemen Problemen Stellung zu nehmen. 
Auch eine Menge anderer psj^chologischer Momente — wie 
etwa Ehrenstandpunkte, eine gewisse sportliche Kampf- und 
Rekordlust u. dgl. mehr — halten den Wähler bei der ange- 
stammten Partei. 

Der Schaden dieser Zustände ist ein doppelter: 



') Es ist wohl unmöglich, diesen Zustand durch das Proportionalwahl- 
recht zu bessern. Dieses kann nur die Größe und die Zahl der Parteien 
verändern, nicht aber die Tatsache der falschen Gewichtsverteilung. Es ist 
auffallend, daß man bei allen Bestrebungen zur Reform der Wahlrechte und 
Volksvertretungen so wenig an die kritische Erforschung des psychologischen 
Zustandekommens der Wahlen denkt und immer von der Annahme ausgeht, 
daß alle Staatsbürger vorbehaltlose Anhänger von Parteiprogrammen seien. 



Friedlaender, Zur inneren Entwicklung der österr. Staatsverfassung. 55 

Erstens läßt diese Methode die Bevölkerung niemals zur 
Ruhe kommen, und es können alte Unzufriedenheiten unter 
diesen Umständen nur sehr schwer in opportunistischen Kom- 
promissen und durch Gewöhnung ihr Ende finden, da sie immer 
wieder wachgehalten werden. (Irland, Elsaß u. dgl. mehr.) 

Zweitens wird längst erstorbene oder verdrängte Unzu- 
friedenheit, die zu Wahlzwecken wieder erweckt wurde und 
nur diese, nicht aber die anderen Bedürfnisse der Wähler im 
Parlamente vertreten, so daß die Partei in der Kundgebung 
dieser Unzufriedenheit erstarrt — in einer Unzufriedenheit, mit 
der es vielleicht den Großvätern einmal ernst war — während 
die Wähler dieser Partei längst andere Interessen als wichtiger 
empfinden und uur aus Trägheit oder infolge der Agitation 
weiter für diese Partei stimmen. 

Daher kommt es, daß oft die leidenschaftlichen Kund- 
gebungen von politischen Parteien uns den Eindruck der Un- 
wahrheit und Langweile machen und die Bevölkerung ganz 
kalt lassen. Vogüe hat mit einem klassischen Wort lateinischer 
Sentenzkunst unsere Parlamente mit ihrem ewigen Wiederholen 
toter Phrasen und erstarrter Proteste als „Les morts qui parlent" 
bezeichnet 1 ). So ist zwar der negative Wille auch die 
treibende Kraft unseres modernen Parlamentarismus geworden, 
doch kommt er in unserem System, da ihm der gerade Weg 
verlegt wird, so erstarrt und verfälscht zum Ausdruck, 
daß seine Wiedergabe durch die Parlamente im Widerspruche 
mit dem Volks willen steht. Der wahre negative, kriti- 
sierende Wille ist aber lebendig und nicht starr, tot und 
unveränderlich — er nimmt zu jedem Ereignis, zu jeder Er- 
fahrung Stellung, da er der Wille lebender Menschen 
ist, und diesen lebendigen negativen Willen kann 
und will unser heutiges demokratisches System 
nicht ausdrücken. 

III. 

Hat nun aber unser System dem Volke die Führung, die 
es braucht, geboten? Man sollte meinen, daß das demokratische 
Repräsentativsystem eine große Anzahl ganz hervorragender 
Führernaturen hervorgebracht hätte, und gerade das Gegenteil 
ist der Fall. Je breiter die demokratische Basis wurde, desto sicherer 



*) Vte. E.-M. De. Vogüe, Les morts qui parlent. Paris (in verschiedenen 
Ausgaben). 



56 Friedlaender, Zur inneren Entwicklung der österr. Staatsverfassung. 

kam die Mittelmäßigkeit in die Höhe 1 ). Sämtliche großen Staats- 
männer der vergangenen 50 Jahre entstammen noch der olig- 
archischen und absolutistischen Ära. ßismarck, Disraeli, Cavour, 
Andrassy waren alle schon als anerkannte Größen ins demo- 
kratische Zeitalter eingetreten und sintl mit den Volksver- 
tretungen im ständigen Kampfe gelegen. Das darauffolgende 
Zeitalter der Demokratie hat gerade nicht in Männern, die 
aus ihr hervorgegangen sind, sondern in hervorragenden Mon- 
archen seine großen Staatsmänner gefunden. Hingegen 
sehen wir, in allen Armeen, soweit sie sich vom parlamen- 
tarischen Einflüsse freigehalten haben, ganz bedeutende Män- 
ner. Auch der gewiß undemokratische Handel hat in den 
letzten Jahrzehnten ganz überragende Persönlichkeiten hervor- 
gebracht. Wir sehen also, daß es nicht Mangel an Begabungen 
sein kann, der dieses Versagen unseres demokratischen Systems 
verschuldet. Es muß wohl ein Mangel dieses Systems sein, 
daß es nicht die hervorragendsten und verdienstvollsten Männer 
in die führenden Stellungen gebracht hat. 

Wir wollen also in Kürze die Ausleseprinzipien betrachten, 
nach denen das demokratische Repräsentativsystem seine füh- 
renden Männer wählt. Es ist ganz selbstverständlich, daß vor 
die Übertragung der schwersten politischen Aufgaben schwere 
Proben gesetzt werden; doch muß diese Prüfung wirklich, jene 
Fähigkeiten der Kandidaten auf die Probe stellen, die sie zur 
Führung ihres Amtes brauchen, und darf nicht wertvolle Per- 
sönlichkeiten unterdrücken. Da sehen wir nun, daß in erster 
Linie diejenigen Personen in diesem System Erfolge haben, 
welche rhetorische Begabung, eine übergroße Nervenkraft, eine 
fast bornierte Energie und schließlich eine sehr gefügige Ge- 
sinnung haben. Wollen wir es drastisch ausdrücken, dann 
können wir sagen, daß das demokratische System verlangt, daß 
ein Mann Schauspieler, Stierkämpfer und Sophist in einer 
Person sei, um Erfolg zu erzielen. Diese Eigenschaften werden 
selten vereinigt vorkommen. Sie sind sogar gefährlich, wenn 
etwa die fügsame Gesinnung aus niedrigen Motiven entspringt 
oder wenn gar die staatsmännische Intelligenz fehlt. Wer aber 
kann bei unserem System Moral und politische Begabung des 
Kandidaten prüfen? Es hat freilich Männer gegeben, die allen 



*) Dieses Sinken des Niveaus der Parlamente konstatiert auch Preuß, 
Das deutsche Volk und die Politik. Berlin 1915. Er beschränkt aber diese 
Kritik auf die Zentralmächte und führt sie da auf den Mangel parlamenta- 
rischer Regierung zurück. 



Friedlaender, Zur inneren Entwicklung der österr. Staatsverfassung. 57 

diesen Anforderungen genügen konnten, sie sind aber Ausnahme- 
erscheinungen. Sehen wir aber das Problem von der anderen 
Seite an! Wie selten hat der staatsmännisch intelligente, ge- 
bildete Mann Energie und Nerven eines Stierkämpfers und 
den Mund eines Komödianten?! Damit fehlen ihm aber nicht 
nur die Mittel, durch das demokratische Repräsentativsystem 
im Wege der Wahl zur Macht zu gelangen, sondern auch, sich 
innerhalb des heutigen Systems an hervorragender Stelle tätig 
zu behaupten. Männer, wie etwa Kaunitz und Stadion — die 
berühmten Neurastheniker — sind heute sowohl als führende 
Beamte wie als Abgeordnete unmöglich — es sind Begabungen, 
die uns verloren gehen. Fassen wir diese Ausleseergebnisse 
zusammen, so sehen wir, daß Ungeeigneten der Zugriff zur 
Macht nicht unbedingt verwehrt, wohl aber vielen Begabten 
unmöglich gemacht wird. Die Menschen werden nicht nach 
ihrer vollen Kraft ausgenützt und das System ist, um Erfolge 
zu erzielen, auf Ausnahmsmenschen angewiesen — auf geistige 
und körperliche Abnormitäten, die an Seltenheit und Krank- 
haftigkeit dem Wunderkinde näher kommen als dem Genie. 
Nur solche Persönlichkeiten können innerhalb dieses Systems 
mitreißen und einigend wirken. Fehlen sie, dann ist nur 
mehr eine ungeheure Häufung von Negationen, historischen 
Trägheitsmomenten und Vorurteilen vorhanden. Auf solche 
zufällige Ausnahmeerscheinungen ist das demokratische Re- 
präsentativsystem angewiesen, um Erfolg zu erzielen. Daher 
kommt der für alle Demokratien so bezeichnende Wunsch nach 
führenden Persönlichkeiten (,,Men no measures"). 

Die neuere soziale Entwicklung ist aber auf anderen Ge- 
bieten einen ganz anderen Weg gegangen, den man den Weg 
zur Überwindung des Übermenschen nennen kann. So 
wie man in den Naturwissenschaften den Zufall genialer In- 
tuition durch systematische Massenexperimente, Massenbeobach- 
tungen, Versuchsreihen u. dgl. m. mit Erfolg surrogiert hat,. 
so hat man auf sozialem Gebiete durch die moderne Organisation 
den Geist und die Energie beherrschender Persönlichkeiten durch 
planvolle Häufung durchschnittlicher Energien und Geistes- 
kräfte ersetzt. Die Rolle des Genies ist damit nicht ausgespielt 
und nicht weniger bedeutungsvoll. Nur ist man mit diesen 
Methoden zu gedeihlichem Fortschritte auch ohne geniale In- 
dividuen fähig und ist nicht hilflos, wenn sie verschwinden. 
Das Genie ist nicht überflüssig, es ist nur entbehrlich geworden. 
Oft wird bei Betrachtungen anläßlich des Weltkrieges darauf 



58 Friedlaender, Zur inneren Entwicklung der österr. Staatsverfassung. 

hinge wiesen, daß es ein auffallender Unterschied gegen die 
napoleonische Zeit sei, eine wie wenig bedeutungsvolle Rolle 
Persönlichkeiten in diesem Kriege spielen, so daß das Ver- 
schwinden nahezu keines führenden Mannes hüben oder drüben 
die politische oder militärische Lage 'wesentlich verändern 
könnte. Man folgert daraus bald, daß es heute keine wahrhaft 
großen Männer gebe, bald wieder, daß die Masse den Mann 
ersetzt habe. Beide Ansichten dürften den Kern der Sache 
nicht treffen. Viel naheliegender erscheint die Erklärung, daß 
eben die moderne Organisation imstande ist, das Werk be- 
deutender Männer auch ohne diese selbst entsprechend fort- 
zusetzen und auszubauen und auf diese Art in gewissem Um- 
fange zu ersetzen — daß sie aber auch fähig ist, das Wirken 
bedeutender Männer sofort in sich aufzunehmen und sich ihm 
anzupassen. Die moderne Organisation beseitigt für die über- 
ragende Persönlichkeit die Gefahr ihrer steilen Isoliertheit, 
indem sie ihrem Wirken Breite und Fundierung gibt. Große 
Männer ohne die Stütze einer guten und starken Organisation, 
die die Verbindung mit dem Durchschnittsniveau herstellt, 
wirken in der Geschichte ähnlich wie Katastrophen in der 
Natur. Sie hemmen oder überstürzen einzelne Entwicklungen 
ohne Zusammenhang mit der Umgebung und es sind eine 
Reihe heftiger Stöße und Gegenstöße auf den verschiedensten 
Gebieten nötig, um das Durchschnittsniveau wieder herzustellen. 
Diese heftigen Bewegungen vermag die moderne Organisation 
auszugleichen. Gerade gegenteilig wirkt aber unser demokrati- 
sches Repräsentativsystem, indem es die bedeutenden Persönlich- 
keiten, die es braucht, isoliert und unvermittelt heraushebt, 
ihnen dadurch die Stütze entzieht und ein harmonisch zu- 
sammenhängendes Wirken derselben unmöglich macht. Der 
große Verbrauch an Staatsmännern, den alle Demokratien auf- 
weisen, die krampfhaften Aktions- und Reaktionskrisen, in 
denen sie sich fortgesetzt befinden, sprechen für diese Ansicht. 
Unsere neuzeitliche Demokratie ist nämlich im modernen 
Sinne gar keine Organisation, sie ist vielmehr nur das Ergebnis 
des Druckes einer Masse, die zum Zwecke der Erbringung 
politischer Leistungen notdürftig gegliedert wurde. Die Kräfte 
dieser Masse sind kaum erforscht und werden daher weder 
zweckbewußt angewandt noch sparsam ausgenützt. Unsere 
Verfassungen sind von den Grundsätzen moderner Organisation 
ebensoweit entfernt, wie eine moderne Armee, die von der 
höchsten Einheit bis zu Schwärm und Rotte planvoll gegliedert 



Friedlaender, Zur inneren Entwicklung der österr. Staatsverfassung. 59 

ist, vorn Riesenheere des Xerxes, über das seine Führer so 
wenig Überblick hatten, daß sie es in Viehhürden treiben 
mußten, um nur seine Zahl beiläufig kennen zu lernen. 

IV. 

Unserem demokratischen System fehlt vor allem die Grund- 
lage jeder leistungsfähigen modernen Organisation: eine durch- 
greifende systematische Arbeitsteilung. Selbst die primi- 
tivste Forderung nach Trennung von Erzeuger und Verbraucher, 
von Schöpfer und Kritiker erfüllt unser demokratisches System 
nicht. Wir haben früher gesagt, daß die Grundidee unserer 
Verfassung die ist, daß die Politik eines Staates seine Bürger 
dann zufriedenstellen wird, wenn sich die Bürger diese Politik 
selber machen. Die Masse ist also bei unserer Verfassung 
nicht nur Verbraucher und Kritiker politischer Werte; Grund- 
gedanke unserer demokratischen Verfassung ist vielmehr, daß 
alle Wähler, ob fähig oder unfähig, mitregieren d. h. die poli- 
tischen Werte für ihren Verbrauch selbst erzeugen, ja der Sinn 
aller unserer Einrichtungen ist sogar darauf gerichtet, diese 
aktive Mitwirkung möglichst intensiv zu gestalten. Man denke 
z. B. an Wahlpflichtgesetze. 

Unser heutiges System ist also sozusagen eine Häufung 
geschlossener politischer Wirtschaften — politischer Klein- 
betriebe, welches das Staats- und Gemeingefühl dadurch schädigt, 
daß immer wieder das Individuum als Gegensatz zur Gesamt- 
heit ausgespielt wird und umgekehrt. Größere politische Gesamt- 
werte sollen durch Sammeln kleiner Teilwerte erzeugt werden. 
So erscheint uns heute der Staat gleichsam als ein großer 
Verleger politischer Heimarbeit und nicht als politischer Groß- 
betrieb. Er arbeitet immer mit vielen Individuen und nicht 
mit Massen. Was die Praxis an politischer Arbeitsteilung und 
Großbetrieb gebracht hat, ist gar nicht oder schlecht und ein- 
seitig organisiert und Arbeitsteilung, bei der es an der Orga- 
nisation mangelt, ist schlechter als ungeteilte Arbeit. Es ist 
gewiß eines der Erfolgsmomente der sozialdemokratischen Partei, 
daß sie die erste war, die politische Arbeitsteilung im großen 
Maßstabe und sinngemäß organisiert hat. Während Großbetrieb 
und Arbeitsteilung auf anderen Gebieten so sehr als Elemente 
der Demokratie empfunden werden, daß man sie mit dieser 
oft verwechselt (man nennt z. B. Straßenbahnen, Posteinrich- 
tungen u. dgl. m. demokratische Institutionen), ist es merk- 
würdig, daß sie auf politischem Gebiete als undemokratisch 



60 Fried laender, Zur inneren Entwicklung der österr. Staatsverfassung. 

empfunden werden. Es dürfte sich aber wohl nur darum 
handeln, eine gute Organisation politischer Arbeitsteilung zu 
finden, um dieses Vorurteil zu entkräften. Praktisch läßt sich 
der Mangel an Arbeitsteilung in unserem demokratischen System 
folgendermaßen kurz zusammenfassen: Unserem System fehlt 
eine organisierte Führung, die sich organisch aus ihm selbst 
heraus ergänzt, und ebenso fehlt ihm eine richtig fundierte und 
am richtigen Orte angesetzte Kritik, die die Führung zügelt 
ohne sie zu verhindern. 

Der heutige Zustand ist etwa folgender: Der Abgeordnete 
ist nicht Führer seiner Wählerschaft, sondern Vertreter irgend 
einer Negation derselben. Mit diesem negativen Programm ist 
er zur Kritik einer Führung, nicht aber zur Mitwirkung an der 
Führung des Staates befähigt. Zu dieser Mitwirkung ist er 
aber in unserem System berufen. Indes, durch sein negatives 
Programm ist ihm schon die Erfüllung der ersten Vorbedingung 
des Regierens unmöglich gemacht 1 ). 

Es kann nämlich seine Ideen mit denen der anderen Par- 
teien nicht zu einem brauchbaren Kompromiß vereinigen. 
Positive Ideen sind vereinbar und können sich gegenseitig be- 
fruchten — , negative Ideen, wie sie von unseren Parteien vor- 
wiegend vertreten werden, schließen einander aus. Eine Negation 
lebt vom Bestand der Ideen und Einrichtungen, die sie verneint. 
Eine Vereinigung, ein Kompromiß zwischen einem Begriff und 
seiner Negation, gibt es nicht. So sehen wir, wie sich heute 
die Tätigkeit der Parlamente in einem Kreislauf von Vernei- 
nungen dreht, die einander bedingen, hervorrufen und sich nie 
in einer höheren Einheit treffen können. Ist es so den Parla- 
menten schwer möglich, aus sich selbst heraus zu regieren, so 
ist es fast ebenso für die Regierung unmöglich, mit dem Par- 
lamente zu regieren. Denn ebensowenig wie die Parteien ihre 
einander ausschließenden Negationen vereinigen können, kann 
dies die Regierung. So kommt es zu jener Politik, die man 
eine Politik der Kompromisse nennt, die aber richtig eine Politik 
der Kompensationen heißen würde, d. h. die Regierung stellt 
nicht mehrere Parteien durch ein Kompromiß zufrieden, sondern 
macht den Schmerz der einen gut, indem sie auch der andern 
Schmerz zufügt, oder macht einer eine Konzession, weil sie 

') Daß die Tätigkeit der parlamentarischen Parteien wirklich vorwiegend 
negativ ist. merkt man am besten dann, wenn eine Oppositionspartei zur 
Kegierung kommt; sie ist dann niemals imstande, im Sinne ihrer oppositio- 
nellen Kundgebungen zu regieren. 



Friedlaender, Zur inneren Entwicklung der österr. Staatsverfassung. 61 

auch der andern eine gemacht hat. Ihre Politik folgt also 
nicht einer Mittellinie, sondern einer Zickzacklinie. So kommt 
die Regierung zu jenem „verneinenden Wirken", zu jenem 
Mangel an schaffender Tätigkeit, zu jener Defensivtaktik und 
Ausweichpolitik, die wir zum Ausgange unserer kritischen Be- 
trachtung genommen haben. Aber nicht genug daran: Dadurch, 
daß die Regierungen genötigt sind, sich auf Parteien (wie radikal- 
nationalistische) zu stützen, die utopische Negationen vertreten, 
nehmen sogar ihre Programme notwendigerweise solche Nega- 
tionen in sich auf, oder diese werden mindestens von den Re- 
gierungen demagogisch ausgenützt. Der Geist der utopischen 
Negation dringt auf diesem Wege auch in die äußere Politik 
(man denke an die demagogische Revanchepolitik in Frankreich, 
an die Deutschenhetze in England u. dgl. m.), und so ist es 
nicht zuletzt unser modernes Verfassungssystem, das daran 
Schuld trägt, wenn so viele Staaten sich in negative und un- 
erfüllbare außenpolitische Programme verrannt haben, die ein- 
ander ausschließen, die zum Kriege führen mußten und die nun 
den Krieg so schwer sein Ende finden lassen l ). Es ist hier 
nicht der Raum, mehr als eine Andeutung dieses Gedanken- 
ganges zu geben. Dennoch scheint er ein Schritt auf dem 
Wege zur Beantwortung der heute oft gestellten Frage zu sein, 
wieso es komme, daß die positiven und begrenzten Kriegsziele 
der einzelnen Kriegführenden so sehr hinter den unrealisier- 
baren, negativen Vernichtungszielen zurücktreten. Der Mangel 
einer planmäßigen Arbeitsteilung in unserem Verfassungssystem 
bringt es also mit sich, daß eine unglückselige Verquickung 
von Führung und Kritik eintritt. Der negative Wille, der von 
den Parlamenten vertreten wird, wirkt nicht ablehnend oder 
kritisierend auf unsere Regierung, vielmehr, da die Parlamente 
die Regierung nicht nur kritisieren, sondern selbst regieren, 
wird er zum Inhalt der Regierung selbst. Das Problem des 
Aufbaues einer zufriedenstellenden demokratischen Verfassung 
ist also nicht nur durch eine wahrheitsgetreue Erschließung 
des negativen Volkswillens bedingt, sondern auch dadurch, 
daß dieser in der Regierung in zweckentsprechender Weise 
tätig werde. 

Aber noch eine weitere Behauptung möchte ich hier auf- 
stellen. Es scheint überhaupt ausgeschlossen auf den positiven 

r ) Es ist in diesem Zusammenhange bemerkenswert, daß Prankreich — 
das Vaterland des modernen demokratischen Verfassungssystems — auch das 
Vaterland des nationalen Chauvinismus ist. 



62 Friedlaender, Zur inneren Entwicklung der österr. Staatsverfassung. 

Volkswillen eine Verfassung aufzubauen, die zufriedenstellend 
wirkt. Positiver Volkswille ist nämlich eine Häufung inkon- 
gruenter und inkommensurabler Individualmeinungen, die inner- 
lich ihrer Entstehung und Wertverteilung nach verschieden 
sind und die nur auf Grund ganz äußerlicher Ähnlichkeiten 
gruppiert und zu einem angeblichen Volks willen gestaltet werden. 
Der Wähler, der seinen positiven Willen ausdrückt, kann ihn 
ja nicht direkt, sondern nur in Form eines Kompromisses aus- 
drücken, indem er etwa einen Abgeordneten wählt oder einem 
Gesetze zustimmt. Auf Grund der Ähnlichkeit dieser Kom- 
promisse werden dann diese Meinungen gruppiert. Diese Ähn- 
lichkeit ist deshalb eine rein äußerliche, weil unter dem An- 
scheine eines Kompromisses dennoch jeder nur seine Individual- 
meinung ausspricht. Er wählt einen Abgeordneten wegen einer 
bestimmten Eigenschaft oder eines bestimmten Prinzipes, er 
stimmt einem Gesetze wegen eines bestimmten Paragraphen zu 
und alles übrige was der Abgeordnete tut und was das Gesetz 
bestimmt, ist dem Wähler entweder gleichgültig oder es be- 
friedigt ihn nicht. Auf jeden Fall fühlt er sich dafür nicht 
verantwortlich, weil es außerhalb des Rahmens des von ihm 
ausgesprochenen Willens liegt. Das Kompromiß ist eben nur 
ein scheinbares. Der Wähler glaubt durch dasselbe seinen 
eigenen Willen auszusprechen. Er schließt innerlich kein 
Kompromiß und steht dem Staate als Individuum gegenüber. 
Dieser positive Individualwille kann natürlich vom Staate nie 
befriedigt werden. Denn Regierungsmaßnahmen sind Massen- 
produkte, die für alle Individuen gleich sind, die daher Indi- 
vidualwünsche niemals berücksichtigen und befriedigen können- 
Verschiedene Individuen erhalten also auf ihre individuell ver- 
schieden betonten Wünsche eine Pauschalerfüllung, die keines 
von ihnen voll befriedigt. Negativer Volkswille hingegen ent- 
steht zwar auch aus Individualmeinungen, die nach Entstehung 
und Wertverteilung verschieden sind, ist aber ein Produkt, das 
aus kongruenten und gleichartigen Teilen besteht. Selbst 
also ein aus gleichartigen Teilen bestehendes Massenprodukt, kann 
er auch durch eine Pauschalerfüllung befriedigt werden. Der 
Wähler kann bei Abgabe seiner negativen Stimme gar nicht 
hoffen, daß sein Wille in individueller Form in der Regierung 
zum Ausdruck komme, sondern er kann vielmehr nur Möglich- 
keiten, die ihm unangenehm sind, ausschließen und seiner Kritik 
Ausdruck geben. So wird er genötigt, innerlich ein Kom- 
promiß zu schließen und sich mit den Interessen anderer abzu- 



Friedlaender, Zur inneren Entwicklung der österr. Staatsverfassung. 63 

finden. Kann also sein Wille in individueller Form sich zwar 
nicht durchsetzen, so wird dennoch sein negativer Wunsch 
genau in der Form erfüllt in der er ihn ausspricht (voraus- 
gesetzt, daß er genügend Anhänger findet) und daher wird er 
sich auch für das Resultat seiner Abstimmung verantwortlich 
fühlen. Denn bei unserem System ist ja der Grundmangel 
der Repräsentativverfassungen vermieden : die Stellvertre- 
tung im Willen, die schon von Condorcet als unmöglich 
erkannt worden ist, die bisher noch kein System vermieden 
hat und über die man sich nur mit der sophistischen Phrase 
vom Abgeordneten als Vertreter des Gesamtstaates getäuscht 
hat, ohne sie dadurch als Grundlage des Repräsentativgedankens 
zu beseitigen. Der negative Wille wirkt aber direkt und ohne 
Stellvertretung auf die Regierung ein — in derselben Form, 
in der er ausgesprochen wurde. 

Wenn der einzelne beim Ausspruch negativen politischen 
Willens aber genötigt ist, sein Kompromiß mit der Gesellschaft 
und dem Staate zu schließen — so wird er nicht wie beim 
System der positiven Willensäußerung gegen die Masse als 
Individuum ausgespielt, sondern in die Masse eingeordnet, ohne 
aber dabei seinen Einfluß auf das Ganze zu verlieren. Die 
Vorteile der Demokratie gehen also nicht verloren und die 
Möglichkeit, daß die Regierung die Masse zufrieden stelle, wächst 
ebenso wie das Gemeingefühl der einzelnen. Aber auch vom 
Standpunkte der Regierung ist das System des negativen Willens 
vorzuziehen, denn es gibt ihr innerhalb bestimmter Grenzen, 
die es ihr zieht, Spielraum, während eine Regierung, die auf 
dem positiven Willen aufgebaut ist, in einem unendlichen 
Raum — bildlich gesprochen — blind einher geht und von 
stoßweisen Äußerungen des Volkswillens, der für sie sieht, hin 
und her geschoben wird. Der negative Wille, die Kritik der 
Masse, ist auch ein viel greifbareres, leichter verwertbares Material. 
Positiver Volkswille ist einem Haufen Sand vergleichbar, der 
zwar das Gewicht eines ihm an Volumen gleichen Steinblockes 
besitzt und dessen einzelne Teile dieselbe Härte haben, wie 
dieser, aus dem man aber dennoch niemals bauen kann. Der 
negative Volkswille hingegen setzt sich aus gleichförmigen und 
gleichartigen Teilen zusammen, die man zu einem festen Bau- 
werk aneinanderfügen kann. Die modernen Organisations- 
prinzipien der Arbeitsteilung und des Großbetriebes, die eine 
Trennung der schöpferischen und kritischen Tätigkeit voraus- 
setzen und mit Massenprodukten arbeiten, sind auch nur mit 



64 Friedlaender, Zur inneren Entwicklung der österr. Staatsverfassung. 

Anwendung des negativen Willens in die Staatsverfassung über- 
tragbar. Ohne diese Prinzipien aber werden die modernen 
Großstaaten binnen kurzem nicht mehr regierbar sein. 

Wir können den Gedankengang aus der bisherigen Dar- 
legung also folgendermaßen zusammenfassen: 

Unsere geltenden Verfassungen sind auf den positiven 
Volkswillen gegründet und somit darauf angewiesen, diesen zu 
erschließen. Die Masse wird zur Kundgebung positiven Willens 
genötigt, obwohl sie nur fähig ist, negativen Willen und Kritik 
auszusprechen und diesen daher auch ausspricht. Da dieser 
negative Wille aber in unserem geltenden System mangels 
Arbeitsteilung nicht verwertbar ist, wird er durch Veränderungen, 
Interpolationen etc. in die Form eines positiven Willens gebracht 
und somit verfälscht, ohne daß dadurch sein innerer negativer 
Charakter verloren ginge. 

Als positiver Wille ist er somit falsch, als Ablehnung und 
Kritik aber in unserem System, das Schöpfer und Kritiker 
nicht trennt, unbrauchbar. Die Nötigung zur Kundgabe posi- 
tiven Volkswillens und die Unmöglichkeit negativen, kritischen 
Volkswillen als solchen zu verwerten, erkennen wir daher als 
die Grundmängel unseres Verfassungssystems. 

Das Problem einer zufriedenstellenden demokratischen Ver- 
fassung konzentriert sich also in dem des negativen Willens: 
dieser muß vor allem richtig zum Ausdruck kommen. Ferner 
muß eine solche Verfassung auf Grundlage planmäßiger Arbeits- 
teilung aufgebaut sein, so daß gegenüber einer organisierten 
Führung der negative Massenwille kritisierend und ab- 
lehnend in Erscheinung treten kann. 

V. 

Hat es nun einmal eine Verfassung gegeben, die auf dem 
negativen Volkswillen beruhte und in der dieser einer Führung 
gegenüber in ablehnender oder kritisierender Form zum Aus- 
druck kam? Ja — es war die englische Verfassung im 19. Jahr- 
hundert — das uns vorbildliche Verfassungsideal *). Es gab in 
dieser Zeit zwei Parteien, die unbedingt staatserhaltend waren, 
einig in der Wahl der Regierungsmittel und Regierungsbasis 
und im großen und ganzen programmlos, die Aufgaben der 



] ) Die hier folgende Darstellung der englischen politischen Praxis be- 
ruht zum Teil auf eigener Beobachtung. Als literarische Quellen nenne ich 
vor allem Lowells „Constitution of England", Delbrücks „Regierung und 
Volkswille" und H. G. Wells politische Essays. 



Friedlaender, Zur inneren Entwicklung der österr. Staatsverfassung. 65 

Führung des Staates so gut und objektiv wie möglich lösten. 
Eine Partei regierte, die andere kontrollierte durch Opposition. 
Sie opponierte prinzipiell gegen jede Regierungshandlung. Die 
eine Partei regiert so lange, bis irgendeine ihrer Maßregeln 
allgemeines Mißfallen findet, d. h. von dem überwiegenden 
Großteile der Wähler abgelehnt wird. Der Wähler wählt nun 
die Gegenpartei, die gegen die allgemein abgelehnten Maßregeln 
wie üblich opponiert hat und gibt hierdurch nur seinem nega- 
tiven politischen Willen Ausdruck. Er wird nicht genötigt über 
seinen Willen, in seiner Äußerung hinauszugehen. Er weiß, 
die neue Partei wird ebenso regieren, wie die frühere, sie wird 
nur das Gesetz nicht machen, das bei der Vorgängerin all- 
gemeines Mißfallen hervorgerufen hat. Aber nicht nur sachlich 
herrschte das Ablehnungssystem, sondern auch persönlich. Da 
der Wähler ganz gut weiß, daß innerhalb des festgefügten 
Parteisystems ein unabhängiger Kandidat, ein machtloser Außen- 
seiter bleiben muß, beschränkt er sich darauf unsympathische 
Kandidaten, die ihm die Partei vorschlägt, abzulehnen. Das 
Ablehnungsprinzip geht aber in England auch bis in die par- 
lamentarische Technik. So wird die ganze Justizgesetzgebung 
im Wege der ,,rules" gemacht, bei denen die Gesetz werdung 
nur dadurch bedingt ist, daß ihr Inhalt nicht von einer quali- 
fizierten Minorität abgelehnt werde. Auch sonst nimmt die 
parlamentarische Technik auf die Tatsache Rücksicht, daß eine 
Versammlung von mehreren hundert Männern ihre Hauptfähig- 
keit eben in der Negation hat. Kurze, sehr prinzipiell gehaltene 
Gesetzentwürfe werden dem Hause vorgelegt, auf die man nur 
mit ja oder nein reagieren kann. Wir sehen also, daß sowohl 
persönlich wie auch sachlich der Wähler zur Zeit der großen 
und mit Recht bewunderten englischen Parlamentszeit auf reine 
Ablehnung beschränkt war und auch die parlamentarische 
Technik dieses Prinzip in hohem Grade aufgenommen hatte. 
Dabei genoß das Land eine vorzügliche und für damalige Ver- 
hältnisse sehr demokratische Regierung, der auch führende 
Persönlichkeiten nicht fehlten. Da aber, wie alles in England, 
diese Verfassung aus rein praktischen Erwägungen und Not- 
wendigkeiten entstanden war — via facti würden wir sagen — , da 
sie theoretisch nie erfaßt worden war, fehlte mangels Erkennt- 
nis des Wesens der Sache die Möglichkeit, diesen Zustand in 
seiner Vortrefflichkeit zu erhalten. 

Es sei daher kurz betrachtet, wie er verloren ging. Wir 
haben gesehen, daß beide Parteien eine gemeinsame, sozusagen 

Zeitschrift für Politik. 10. 5 



66 Friedlaender, Zur inneren Entwicklung der österr. Staatsverfassung. 

außer Streit gesetzte Basis haben und daß ihre abwechselnde 
Regierungstätigkeit von der stets entgegenwirkenden und da- 
durch kontrollierenden Opposition, sowie durch die drohende 
Ablehnung der Wähler im Einklänge .mit dem Volkswillen 
erhalten wurde. 

Durch eine demokratischere Gestaltung des Wahlrechtes 
wurden nun Kreise zur Regierung herangezogen, für die die 
gemeinsame, außer Streit gesetzte Basis der beiden Parteien 
gar nicht außer Streit war. Die beiden Parteien gemeinsame 
Basis abzulehnen, war aber natürlich innerhalb des Zweiparteien- 
systems nicht möglich, andererseits dachten auch die Regierungs- 
parteien — mangels Erkenntnis des bisherigen Zustandes — 
nicht daran, ihre gemeinsame Basis (die übrigens ja nur de 
facto und nicht expressis verbis bestand) zu modifizieren. 
Diese wurde vielmehr mit der Zeit auf Dinge ausgedehnt, die 
auch für den alten Wählerkreis nicht außer Streit standen. 
Kurz, die Opposition hörte in wesentlichen Dingen auf, Oppo- 
sition zu sein. Die wesentlichen Dinge waren: die äußere 
Politik , die Rüstungs- und die Sozialpolitik. Der Wähler 
hatte also in diesen Fragen innerhalb der zwei Parteien keine 
Ablehnungsmöglichkeit. Die Folge war, die Wahl einer zu- 
nehmenden Zahl unabhängiger Kandidaten und die Entstehung 
einer neuen Partei. Mit der Zielsicherheit und Klarheit der 
Regierung war es aber nun vorbei, da sie zwischen den Parteien 
lavieren mußte. Auch die Wähler wurden unzufrieden. Die 
Wahlbeteiligung steigt nach Lowell 1 ) von 1900 bis 1906 von 
rund 70% auf rund 80%, d.h.: 10% der Wähler, die bisher 
so zufrieden waren, daß sie es gar nicht für nötig hielten, sich 
politisch zu betätigen, sehen sich offenbar durch unangenehme 
Erfahrungen genötigt, tätig zu werden. Gegen die Wahl unab- 
hängiger Kandidaten hat der Engländer eine berechtigte Ab- 
neigung; die labour party will der bürgerliche Engländer nicht 
wählen, denn dies würde weit über seinen politischen Willen 
hinausgehen, der nur auf Ablehnung der Regierungsparteien 
gerichtet ist. Auch innerhalb der Parteien fängt man an, sich 
unsicher zu fühlen. Besonders die zu große, gemeinsame Basis 
wird drückend empfunden. Charakteristisch sind dafür die 
Klagen Bellocs 2 ) und Mac Kechnies 3 ) über die Parteityrannei. 

*) Lowell, The Constitution of England. London 1909. 

2 ) Belloc and Chesterton, The party System. London 1913. 

3 ) W. S. Mac Kechnies, The new democracy and the Constitution. 
London 1912. J. Murray. 



Friedlaender, Zur inneren Entwicklung der österr. Staatsverfassung. 67 

Sie haben Ansichten, die sowohl von der Regierung, wie von 
der eigenen Partei abgelehnt werden, weil dieselben innerhalb 
der gemeinsamen Basis keinen Platz haben, und dennoch stehen 
diese Probleme für viele Leute gar nicht außer Streit. Die 
Entwicklung ist nun eine sehr rasche. Der unruhige Wähler 
wechselt fortwährend die Partei, ohne daß er eine Wirkung 
dieses Wechsels merken würde. Die Regierung fühlt, daß der 
Wähler im großen und ganzen machtlos ist, da ja doch nur 
die beiden Parteien den Ausschlag geben, die sich gegenseitig in 
die Hände arbeiten. Die Regierung wird sprunghaft: schüchtern 
und halb, wenn sie lavieren muß, trotzig und selbstherrisch, 
wenn sie sich sicher und ohne aufrichtigen Gegner sieht. Nun 
kommen alle kontinentalen Übelstände nach England: die 
besseren Elemente ziehen sich zurück und der Demagoge, der 
Querkopf, die Mittelmäßigkeit beherrschen das Feld. Das 
Parlament ist volksfremd geworden, die Unzufriedenheit ist 
allgemein: schwere politische Streiks, Gehorsamsverweigerung 
der Armee, revolutionäre Gesinnung bis in die Spitzen der 
Gesellschaft sind die Zeichen dafür, daß das Parlament mit 
allen Kreisen der Nation die Fühlung verloren hat 1 ). 

Wir haben uns solange mit der Betrachtung der Größe 
und des Verfalles der englischen Verfassung befaßt, weil es 
für uns wichtig ist zu zeigen, daß diese einzige Verfassung 
eines modernen Großstaates, die durch Jahrzehnte schlechthin 
vollkommen war, auf dem Prinzip der Ablehnung und nicht 
auf dem des schöpferischen Willens der Wähler beruhte. Auch 
in England scheint man dies nun zu erkennen, so wirft Wells 
in seiner intuitiven Art einmal das Wort hin: ,,We do not 
have elections, we have rejections" 2 ), verfolgt aber den Gedanken 
nicht weiter und verlegt gerade den Schwerpunkt seiner Kritik 
darauf, daß der Wähler genötigt sei, einen Mann zu wählen, 
den er weder als Führer, noch als Interpreten seiner Absichten 
ansehen kann — ein Fehler, der gerade nicht im Wesen des 
Ablehnungsprinzipes, sondern in der Nötigung zur positiven 
Willenskundgebung liegt. An diesem kurzen Abriß der neueren 
Entwicklung des englischen Verfassungswesens haben wir nun 
auch die schwachen Punkte dieses Systems erkennen können. 

Nur kurz sei noch darauf hingewiesen, daß auch innerhalb 
unserer großen wohlorganisierten Parteien sich das Ablehnungs- 

*) Prof. E. 0. Meyer, Deutsche Freiheit und englischer Parlamen- 
tarismus. München 1915. Brückner. 

2 ) H. G. Wells, The labour unrest. Leipzig. Tauchnitz. 

5* 



68 Friedlaender, Zur inneren Entwicklung der österr. Staatsverfassung. 

prinzip vollkommen durchgesetzt hat. So sind z. B. heute die 
sozialdemokratischen Parteien 1 ) aller Länder von einer kleinen 
Führergruppe vollkommen beherrscht, deren einziger Kontakt 
mit den Parteimitgliedern darin besteht, daß die Führer Gefahr 
laufen, von den Wählern abgelehnt zu Werden, wenn sie un- 
populär werden sollten. Wir sehen, daß diese Art der Führung 
die Festigkeit des Aufbaues der Partei nicht nur nicht beein- 
trächtigt, sondern daß die Partei an Beliebtheit und Erfolgen 
zunimmt. Auf die ähnlich geführten katholisch-klerikalen Parteien 
und etwa die preußische konservative Partei sei nur nebenbei 
hingewiesen, weil ja bei diesen Parteien das demokratische Prin- 
zip nicht zum Wesen ihres politischen Programms gehört. Auch 
die demokratischste moderne Einrichtung, das Referendum, 
scheint mir im Wesen auf dem Gedanken der Ablehnung 
zu beruhen. Mindestens wird hierbei vom Wähler keinerlei 
schöpferische Tätigkeit verlangt. 

Mit dem Ablehnungsprinzip allein können freilich unmög- 
lich alle Fehler unserer Verfassungszustände saniert werden. 
Überblicken wir die Hauptfehler unserer modernen Verfassungen, 
so können wir sie in einige Grundtypen zusammenfassen. Da 
ist vor allem die Volksfremdheit und der zunehmende Radika- 
lismus der Volksvertretungen, der Mangel an Sachkunde und 
das Überwiegen von Lokalinteressen bei den Abgeordneten, 
sowie die schlechte Vertretung und Wirksamkeit der Minoritäten. 

Was die Volksfremdheit und das Zunehmen des Radika- 
lismus betrifft, so haben wir gesehen, daß diese Fehler in erster 
Linie Folgen der Nötigung der Wähler zu positiver politischer 
Willensäußerung und der sich daraus ergebenden Form des 
Parteiensystems sind. Teilweise begründet dieser Mangel auch 
die allerorts beklagte geringe Sachkunde der Abgeordneten 2 ). 
Denn bei dem heutigen Wahlsystem geben ja nur äußerliche 
Fähigkeiten des Kandidaten den Wählern die Beurteilungs- 
kriterien für dessen Qualität. Die Hauptursache des beklagten 
Mangels an Sachkunde liegt aber ebenso wie die des Über- 
wiegens der Lokalinteressen in der Wahlkreisrepräsentation. 
Der einzelne Abgeordnete sieht sich naturgemäß in erster Linie 
als Vertreter seines Wahlkreises, von dessen Stimmen er ja 
abhängt, und nicht als Mitregent und Vertreter des ganzen 
Reiches. Er sucht daher zunächst die Lokalinteressen seiner 



') Robert Michels, Zur Soziologie des Parteiwesens in der modernen 
Demokratie. Leipzig 1911. 

z ) Emil Faguet, La culte de l'incompetence. Paris. B. Grasset. 



Friedla ender, Zur inneren Entwicklung der österr. Staatsverfassung. 69 

Wähler zu befriedigen, die diesen natürlich näher liegen, als 
die großen staatlichen Aufgaben. In natürlicher Interessen- 
solidarität unterstützen sich die Abgeordneten gegenseitig, in 
der Geltendmachung von Lokalwünschen, so daß die Diskussion 
rein lokaler Interessen einen ganz ungerechtfertigt großen Raum 
in allen offiziellen und einen ganz überwiegenden in den un- 
offiziellen (aber deshalb keineswegs minder bedeutungsvollen) 
Beziehungen der Abgeordneten zur Regierung einnimmt. 

Speziell in Österreich kommt aber noch ein Grund hinzu, 
der die Bevölkerung und die Abgeordneten förmlich nötigt, 
mit lokalen Angelegenheiten in das Parlament zu kommen. 
Das ist nämlich (worauf in neuester Zeit Karl Renner besonders 
eindringlich hingewiesen hat) der Mangel lokaler Selbstverwal- 
tung und die konkurrierende Kompetenz von Staats- und Landes- 
verwaltung. Dieser Zustand bringt es mit sich, daß Lokal- 
verwaltungsangelegenheiten auf dem gesetzlichen Wege in 
absehbarer Zeit fast unmöglich erledigt werden können. Daher 
nimmt man in kleineren Angelegenheiten womöglich die un- 
offizielle Vermittlung von Abgeordneten in Anspruch, während 
man größere Probleme, wenn nur irgend möglich, mit Vorliebe 
in die Kompetenz des Reichstages schiebt. Bei der Überflutung 
des österreichischen Parlamentes mit lokalen Angelegenheiten 
dürfte diese Frage der Lokalverwaltung eine große Rolle spielen. 
Im gleichen Maße ist nur in Frankreich das Parlament mit 
Lokalfragen überlastet und auch dort ^herrschen in der Orga- 
nisation der Lokalverwaltung ähnliche Übelstände wie in Öster- 
reich. Es ist also wohl zweifellos, daß diese Verwaltungsfrage 
bei der Lösung der besprochenen Probleme von großer Be- 
deutung ist. 

Das Hervortreten lokaler Interessen und die gegenseitige 
Hilfeleistung der Abgeordneten bei ihrer Befriedigung zeigte 
sich in Osterreich wohl am krassesten in der grotesken Lokal- 
bahnvorlage, deren Diskussion das Parlament zur Zeit der 
schwersten inneren und äußeren Krisen beschäftigt hat und in 
der Zerreißung und Zerstörung der großen Wasserstraßenprojekte 
zugunsten lokaler wahltechnischer Manöver einzelner Gruppen. 

Wir haben ferner die Erfahrung gemacht, daß einzelne 
Berufsgruppen, wie Kaufleute und Intelligenzarbeiter, die natur- 
gemäß in keinem Wahlkreise eine Majorität bilden, zusammen 
aber eine große, auch der Masse nach beachtenswerte Gruppe 
darstellen, im Parlamente schlechthin unvertreten sind. Einzelne 
Parteien haben sich zwar, um die Stimmen dieser Berufsgruppen 



70 Friedlaender, Zur inneren Entwicklung der österr. Staatsverfassung. 

zu erlangen, der Vertretung ihrer Interessen angenommen, damit 
aber natürlich dieselben genötigt, ihr ganzes Programm durch 
ihre Stimmen zu unterstützen und somit weit über ihren Willen 
hinauszugehen. 

Schließlich war es infolge des Wahlkreissystems möglich, 
daß einzelne Abgeordnete gewählt wurden, die weder moralisch, 
noch geistig auf einer, der Volksvertretung würdigen Höhe 
standen und die Arbeit verhinderten, ohne daß die erdrückende 
Majorität ihrer Herr zu werden vermochte. Bei unserem heutigen 
System ist es schlechtweg Privatsache eines Wahlkreises, d. h. 
einer Gruppe von oft nur 5000 — 6000 Leuten (denn die Majorität 
genügt ja), wen sie ins Parlament senden will. Ist der Grund- 
stock dieser wenigen tausend Menschen verelendet, verarmt und 
daher käuflich, fanatisch oder leichtgläubig, so können die 
tollsten destruktivsten Elemente gewählt werden, die eine ganz 
unbedeutende Gruppe vertreten und der Allgemeinheit uner- 
meßlich schaden. 

Es sei schließlich noch auf die Fehler des uneingeschränkten 
Majoritätsprinzipes hingewiesen. Es gibt keine Möglichkeit, 
Minoritäten an der Macht der Regierung teilnehmen zu lassen, 
und außerdem sind große Minoritäten (Minoritäten, die nach 
der Zahl ihrer Wähler oft stärker sind, als die Majoritäten) 
unvertreten. Dieser Umstand nötigt direkt Minoritäten zur Ob- 
struktion und treibt Wähler auf die Straße. Vorübergehend 
mag hier darauf hingewiesen werden, daß Revolutionen immer 
nur von Minoritäten und nicht von Majoritäten gemacht werden 
und dennoch oft Erfolg bringen. Die Minorität hat eben oft 
größere Machtmittel als die Majorität. Daraus sieht man, daß 
aus der Masse nicht nur kein Schluß auf den Verstand, sondern 
auch keiner auf die Macht möglich ist. 

Als Gegenmittel, sowohl gegen die Übelstände des Wahl- 
kreissystems, wie des Majoritätsprinzips, wird heute von fast 
allen bedeutenden Politikern das Proportionalwahlrecht mit 
großen Wahlkreisen und Listenwahl empfohlen. Es ist ein 
geistvolles und nicht einmal allzu kompliziertes System, um alle 
in einem großen Wahlkreise (der in einem halbwegs homogenen 
Staatskörper ja ein Abbild der Gesamtheit ist) wahlberechtigten 
Bürger zu vertreten. Jede Minorität, die noch über eine Minimal- 
zahl von Stimmen verfügt, erhält ihre Vertretung. Zweifellos 
werden durch das Proportionalsystem die ärgsten Schäden des 
Majoritäts- und Wahlkreissystems beseitigt. Aber an die Stelle 
der Lokalinteressen treten nun die Spezialinteressen. Das Pro- 



Friedlaender, Zur inneren Entwicklung der österr. Staatsverfassung. 71 

portionalwahlrecht „führt zu einer Herauskehrung einzelner 
Wünsche, die mit dem Wohle des ganzen, auf das doch die 
Wahl gerichtet sein soll, nichts mehr zu tun haben und ihm 
direkt entgegenwirken l ). Diese Meinung wird von Delbrück 
vertreten, der an einigen Beispielen, die der Komik nicht ent- 
behren, nachweist, wie weit unter der Herrschaft dieses Wahl- 
rechtes die Spezialisierung der Vertretung geht und wie sehr 
Interessen in den Vordergrund gestellt werden, die mit dem 
Staatsinteresse gar nichts zu tun haben. Wir haben zunächst 
diesen Standpunkt Delbrücks angeführt, um zu zeigen, daß das 
Proportionalsystem auch von einem anderen Gesichtspunkte 
aus gesehen, grundlegende Mängel hat. Wir wollen uns aber 
nicht auf dieses Argument, das von maßgebendster Seite u. a. von 
H. U. Kantorowicz 2 ) für unzutreffend erklärt wird, beschränken. 

Was beim Proportional Wahlrecht unserem Gedankengange 
besonders zuwiderläuft, ist, daß dieses Wahlrecht die Nötigung 
des Wählers zur positiven Willensäußerung noch verschärft und 
ihm dabei noch den moralischen Halt der Parteiorganisation 
lockert. Noch schärfer treten sich also hier Individuum und 
Gesamtheit als Gegensätze gegenüber. Noch viel weniger ist 
es dem Wähler möglich, ,,nein" zu sagen, als bei unserem alten 
Wahlrechte. Er muß irgendeinen Willen äußern, und da der 
politische Wille der großen Masse der einzelnen auf Lokal- 
und Spezialfragen beschränkt ist, wird auch das Proportional- 
wahlrecht auf einem anderen Wege die Kirchturmpolitik wieder 
in die zentralen Vertretungskörper bringen. 

Schließlich möge noch darauf hingewiesen werden, daß 
auch das Proportionalwahlrecht die Frage der politisch Gleich- 
gültigen ganz unberührt läßt. Die Wahlresultate kommen ohne 
jede Rücksicht auf Stimmenthaltungen zustande. Es ist auf- 
fallend, daß diese Frage von allen Wahlreformvorschlägen fast 
ganz vernachlässigt wird. Nahezu niemals sucht man bei der- 
artigen Erwägungen mit dieser politischen Tatsache zu rechnen 
und fast immer behandelt man sie als Krankheit, die geheilt 
werden muß. 

VI. 

Wir haben in längeren Ausführungen die Grundmängel 
unseres modernen demokratischen Repräsentativsystems zu er- 
kennen und darzustellen gesucht. 

J ) Delbrück, Regierung und Volkswille. 

2 ) „Demokratie und Proportionalwahlsystem", Zeitschrift für Politik, 
ID. Band S. 552. 



72 Frledlaender, Zur inneren Entwicklung der österr. Staatsverfassung. 

Wir werden uns nun bemühen müssen, ein Wahlsystem 
zu finden, das es zwar ermöglicht auf der breitesten demokrati- 
schen Basis mit dem Volkswillen in Fühlung zu bleiben, dem- 
selben aber nichts zumutet, was er nicht leisten kann und vor 
allem sowohl dem Wähler die Möglichkeit gibt, seiner Ablehnung 
Ausdruck zu geben, wie auch der Regierung die Fähigkeit, 
diese Ablehnung und Kritik zu verwerten, das ferner die Nach- 
teile der Wahlkreisvertretung beseitigt und das eine A r olks- 
vertretung ergibt, von der man mindestens sagen kann, daß 
sie mit dem Willen des Gesamtstaates nicht im Widerspruche 
stehe. Wir haben gesehen, daß die ältere englische Verfassung 
auf dem Ablehnungsprinzip beruhte, wir haben ferner gesehen, 
daß auch das Referendum und die Führung großer, musterhaft 
organisierter Parteien, die von breiten Bevölkerungsschichten 
getragen werden, auf dem Ablehnungsprinzip beruhen. Wir 
folgern daraus, daß es keine Utopie sei, ein ganzes 
Verfassungssystem auf dieser Basis aufzustellen. 
Das Nächstliegende wäre nun zweifellos, sich an das Muster 
der älteren englischen Verfassung zu halten, jedoch hat das 
Zweiparteiensystem nicht die geringste Aussicht auf Realisierung 
unter österreichischen Verhältnissen. Die historische Entwick- 
lung hat es mit sich gebracht, daß die Monarchie, sowohl der 
Nationalität wie der Gesinnung nach, in so viele Gruppen 
zerfällt, deren Interessen und Absichten vorläufig unvereinbar 
sind, daß es ganz aussichtslos erscheint, alle diese auseinander- 
strebenden Geister in zwei Gruppen zusammenzufassen. Ein 
Zweiparteiensystem ist nur in politisch sehr beruhigten und 
saturierten Staaten denkbar, in denen bereits eine große, ge- 
meinsame Basis von grundlegenden politischen Überzeugungen 
und eine durch Tradition befestigte herrschende Klasse vor- 
handen ist. Wir haben an dem Verfall der englischen Ver- 
fassung klar gesehen, daß durch die geringste Verschiebung, 
sei es in der gemeinsamen Basis der Regierungsparteien, sei 
es im Wählerkreis oder durch neuauftauchende Probleme, der 
ganze Aufbau des Zweiparteiensystems erschüttert werden kann. 
Zudem ist das befriedigende Funktionieren einer solchen Ver- 
fassung, durch Pflichtbewußtsein und Ernst der Abgeordneten, 
sowie durch Objektivität der Regierung bedingt. Das sind 
ethische Forderungen, die man stellen, aber auf deren Er- 
füllung man nicht sicher rechnen kann. Verschiedene Leute 
werden sich die Erfüllung dieser ethischen Forderungen ver- 
schieden vorstellen. Wir sehen also, daß die Vorbedingungen 



Friedlaender, Zur inneren Entwicklung der österr. Staatsverfassung. 73 

eines solchen Regierungssystemes nicht nur weitgehende Gleich, 
heit der politischen Interessen, sondern auch eine große Homo- 
genität des Geistes- und Gefühlslebens ist, die wir am Kontinent 
nirgends finden. Wir müssen daher ein unter unseren Ver- 
hältnissen realisierbares System, auf Grund der angedeuteten 
Prinzipien suchen, das eine Gewähr der Stabilität bietet. Eines 
sehen wir aber an dem englischen Beispiel ganz klar: Wir 
brauchen zu einem Regierungssystem im Sinne unserer Prinzi- 
pien eine historisch fest fundierte und bewährte führende 
Gruppe. Denn wo kein Wille und keine Führung ist, kann 
die Masse nicht ablehnend ihren Willen geltend machen. Es 
stellt sich uns nun die Frage: Sollen wir das Entstehen einer 
solchen Führung dem Zufall überlassen und wenn wir dies 
nicht wollen, wo können wir die Grundlage zur Organisation 
einer geeigneten Führung finden? 

Delbrück l ) bezeichnet das deutsche Regierungssystem als 
Dualismus und als dessen beide Komponenten, einerseits den 
Volkswillen mit dem Reichstag als Spitze, andererseits den 
Beamten- und den Offiziersstand mit dem Monarchen als Spitze. 
Er weist nach, daß in der Tat die Führung Deutschlands, die 
gesamten großen politischen Initiativen, vom Beamtentum und 
von der Armee ausgingen, daß die Rolle des Volkswillens eine 
zwar große, aber mehr passive ist, und daß dieser sich im 
wesentlichen nur modifizierend, zustimmend und ablehnend 
geäußert hat. (Auch diese, aus jahrzehntelanger eigener, politischer 
und wissenschaftlicher Erfahrung geschöpfte Beurteilung, seitens 
Delbrücks, ist eine Unterstützung der von uns vorgebrachten 
Charakteristik des Volkswillens.) Dieser Dualismus ist noch 
stärker in Osterreich ausgeprägt. Er ist übrigens auch in Frank- 
reich vorhanden, nur kämpft er dort um seine Existenz. Der 
Beamten- und Offiziersstand ist also die führende Klasse in 
allen kontinentalen Staaten des germanischen Kulturkreises, zu 
dem ja auch Frankreich gehört. Für den Historiker ist das 
nicht überraschend, denn unser Beamtenstand und der englische 
Adel, der dort die herrschende Klasse bildet, entspringen beide 
derselben Wurzel, nämlich der Lehensverfassung und sind ver- 
schiedene Entwicklungen derselben Einrichtung. Das kontinentale 
Beamtentum hat aber den Vorteil, daß es sich nicht nur aus 
einem eng begrenzten Kreise, sondern aus den verschiedensten 
Kreisen ergänzt und daß dabei auch persönliche Verdienste 

x ) Delbrück, Regierung und Volkswille. 



74 Friedlaender, Zur inneren Entwicklung der österr. Staatsverfassung. 

und Tüchtigkeit eine große Rolle spielen. Über diesen letzteren 
Umstand ist man heute vielfach durch das viele Reden und 
Schreiben über Protektion geneigt, hinwegzugehen, aber Tat- 
sache ist dennoch, daß sowohl in Deutschland wie in Österreich 
neben einer großen Zahl von Beamten, die aus Beamtenfamilien 
hervorgehen und in den Beruf sozusagen hineingeboren sind, 
eine beträchtliche Anzahl Beamte stehen, die ihr Vorwärts- 
kommen nur Verdienst und Tüchtigkeit verdanken.. Was in 
der Regel den Anlaß zu den Beschwerden über die Protektion 
im Beamtenstande gibt, ist weniger das Vorwärtskommen der 
Unfähigen, wie das Zurückbleiben von Fähigen. Wir lenken 
auf diesen Punkt die Aufmerksamkeit, weil er uns auf ein, 
für die Stellung des Beamtenstandes höchst charakteristisches 
Moment hinweist. Bei uns ist nämlich der Aufstieg in einen 
höheren Rang gleichbedeutend mit dem Aufstieg in eine höhere 
Gesellschaftsklasse und daher werden oft unbillige Anforderungen 
an die Qualität des Bewerbers gestellt, in bezug auf jene Eigen- 
schaften, die man beim Offizier die „außerdienstliche Eignung" 
nennt. Dieser Umstand erklärt das Zurückbleiben Fähiger, 
zeigt uns aber außerdem den Grundunterschied zwischen der 
sozialen Struktur unserer und der englischen Gesellschaft und 
bringt einen Beweis mehr für die Anschauung, daß unser 
Beamtenstand in der Tat herrschende Klasse ist. Bei uns 
richtet sich nämlich die äußerliche soziale Wertung in erster 
Linie nach Rang und Titel. Jedermann, der eine Erhöhung 
seines sozialen Ansehens anstrebt, strebt zunächst nach höherem 
Rang und Titel. Bei uns ist gesellschaftlich ein Major mehr 
als ein Leutnant, ein Hofrat mehr als ein Hofsekretär — unser 
Adel aber bildet nicht die Spitze der Gesellschaft, er steht viel- 
mehr außerhalb derselben. Weder Politik, noch Kunst und 
Wissenschaft kulminieren in ihm. In England hingegen ist 
Rang und Titel für gesellschaftliche Wertung gleichgültig. Ein 
Minister ist nicht mehr, wie sein Sekretär, ein Lord nicht mehr 
als ein titelloser Landedelmann, wenn sie nur alle Gentlemen 
sind. Der höchste Rang, der höchste Titel können an und 
für sich keine gesellschaftliche Stellung erringen, sondern nur die 
Qualität als Gentleman. Man muß mindestens dafür gehalten 
werden können. Die Gesellschaft kulminiert daher logischer 
Weise im alten Adel. Wir sehen also, daß in England wirk- 
liche oder scheinbare Zugehörigkeit zum Adel, bei uns aber 
die Einnahme eines gewissen Ranges der Beamten oder Offiziers- 
hierarchie die gesellschaftliche Wertung in erster Linie bestimmt. 



Friedlaender, Zur inneren Entwicklung der österr. Staatsverfassung. 75 

Auch aus diesem charakteristischen äußerlichen Moment geht 
hervor, daß in der Tat unser Beamten- und Offiziersstand als 
führende Klasse dem englischen Adel entspricht 1 ). Für die 
politische Führung kommt freilich nur das Beamtentum in 
Betracht, denn der Offiziersstand scheidet da, infolge seines 
besonderen Gehorsamverhältnisses zum Monarchen, aus. 

Daher erscheint das Beamtentum berufen unter demo- 
kratischer Kontrolle jene leitende Rolle zu spielen, die der 
englische Adel im Zweiparteisystem spielt. Jede Idee einer 
Verfassung wird gut tun, ihren Schwerpunkt in diese Gruppe 
zu verlegen und sie in ihrer herrschenden Stellung zu festigen. 
Man wird vielleicht dieses Vorschieben des Beamtentums sehr 
undemokratisch und reaktionär finden. Aber wenn man den 
Gedanken kritisch vertieft, wird er sympathischer. Daß wir 
in einer Zeit der schwierigsten politischen und sozialen Probleme, 
ohne eine sachkundige und gewissenhafte Führung, nicht aus- 
kommen, ist offenbar. Die breite Masse kann, mangels der 
nötigen Einsicht und Spezialbildung, nicht führen. Unserem 
Adel fehlt der Zusammenhang mit dem Volk und die politische 
Tradition. Was uns da außer dem Beamtentum bleibt, ist 
Demagogie und Plutokratie, eine Entwicklung, die wir in Eng- 
land und Frankreich und am häßlichsten in Amerika gesehen 
haben. Wir gehen großen Krisen entgegen — wollen wir da 
in die Hände der Plutokraten und der Straßenredner kommen — 
denn die Plutokraten von morgen sind niemand anderes als 
die Armeelieferanten und Preistreiber von heute. Man muß 
in solchen Fragen weniger sozial ethisch, als historisch denken. 
Man kann keiner Gruppe die Führung zumuten, die in diese 
Rolle nicht hineingewachsen ist und da ist denn das Beamtentum 
der einzige Stand, bei dem traditionelle Autorität, Sachkunde 
und staatsbejahender Geist vereint zu finden sind. Auch daß 
das Beamtentum gar so volksfremd sei, ist bei näherer Be- 
trachtung keine stichhaltige Behauptung; rekrutieren sich doch 
die Beamten aus allen Kreisen der Bevölkerung und Männer, 
die weder von Namen, noch Familie unterstützt wurden, stehen 

*) Diese besondere soziale Stellung unseres Beamtentums charakterisiert 
Kohrbach, Der deutsche Gedanke (Leipzig 1915) folgendermaßen: „Unsere 
Beamten wie unsere Offiziere bekommen aber nur die Hälfte des Gehaltes 
in bar. Die andere Hälfte wird ihnen in Gestalt einer sozialen Vorzugs- 
stellung und der sich daraus ergebenden Vorteile für Verheiratung, äußeres 
Ansehen usw. gezahlt. Bei uns spielt das höhere Beamtentum so unbestritten 
eine führende Rolle, daß darin ein starker Ausgleich für das schmale Gehalt 
liegt" (S. 105). 



76 Friedlaender, Zur inneren Entwicklung der österr. Staatsverfassung. 

oft an den höchsten Stellen. Materiell aber steht die über- 
wiegende Majorität der Beamten zweifellos den breiten Massen 
näher, als den Spitzen und ist daher um so abgeneigter, eine 
geistlose Plutokratie zu fördern. Historisch und gesellschaftlich 
also erscheint das Beamtentum als die einzige Gruppe, der die 
politische Führung des Volkes mit Aussicht auf Erfolg zu- 
getraut werden könnte *) und es ist alle Aussicht, daß sie sich 
in dieser Rolle bewähre, wenn eine demokratische Kontrolle 
hinzutritt, die ständig belebt, kritisiert und aneifert. 

Das bisher Gesagte ließe möglicherweise die Deutung zu, 
daß man dem Beamtentum nur genügende Macht und freien 
Spielraum lassen müsse, damit es uns wie ein entfesselter 
Prometheus das göttliche Feuer vom Himmel hole und andere 
nützliche Verrichtungen vollführe. Eine solche Erwartung würde 
sicher enttäuscht werden. Es würde im Gegenteil wohl viele 
Jahre, ja es würde vielleicht eine ganz neue Generation von 
Beamten brauchen, um auf den Resten der alten Tradition das 
neue Gebäude aufzuführen; denn unser Beamtentum ist zweifel- 
los sehr degeneriert und geschwächt. In erster Linie hat aber 
zu seinem Verfall die sogenannte politische Korruption bei- 
getragen, welche eine Folge unserer schlechten Methoden der 
Demokratie ist; denn es muß hier noch einmal betont werden — : 
Es ist nicht die Demokratie an sich, die schlecht ist, es ist nur 
das Verfahren — die Methode der Ausübung der Volks- 
herrschaft verfehlt. 

Das Beamtentum ist also nicht aus sich selbst zugrunde 
gegangen, sondern durch ein System, dem es diente, durch 
einen Einfluß von außen. Die demokratische Methode, von 
der wir Befruchtung und Kontrolle erwartet hatten, hat 
dieser Erwartung nicht entsprochen: Das Parlament hat nicht 
nur kontrolliert, sondern vor allem einseitig beeinflußt — 
nicht im Sinne großer Parteiideen und Prinzipien, son- 
dern im Sinne lokaler Ambitionen und individueller Be- 



x ) In Österreich liegen die Vorbedingungen für die Erfüllung einer 
solchen Aufgabe durch das Beamtentum günstiger als in Deutschland, da 
keine Klasse vorhanden ist, die imstande wäre, das Beamtentum einseitig 
zu beeinflussen, wie dies in Deutschland der Fall ist und von Rohrbach (a. a. 0.) 
folgendermaßen dargestellt wird : „Soll es im politischen Leben dahin kommen, 
daß eine einzelne Klasse imstande ist, Staatseinrichtungen für ihre speziellen 
Vorteile arbeiten zu lassen, so müssen notwendig zwischen ihr und dem 
Beamtentum nahe und wirksame Beziehungen existieren. Solche sind bei 
uns zwischen dem grundbesitzenden Adel und der höheren Verwaltung vor- 
handen" (S. 107). 



Friedlaender, Zur inneren Entwicklung der österr. Staatsverfassung. 77 

dürfnisse, die bei der zentrifugalen Tendenz des Systems der 
kleinen Wahlkreise und den anderen Fehlern unserer demo- 
kratischen Methoden die Politik beherrschten. Aber mit eben 
derselben Anpassungsfähigkeit, mit der das Beamtentum sich 
dem Einfluß dieses Systems gefügt hat, wird es sich auch einem 
gesünderen System akkommodieren. Das österreichische Beamten- 
tum, das noch vor wenigen Jahrzehnten vorbildlich und muster- 
haft war, ist kaum ganz zugrunde gegangen. Wenn man heute 
so oft den Vorwurf hört, daß die bedeutendsten Köpfe unserer 
Beamtenschaft müßig gehen müssen, so ist das eine Unter- 
stützung unserer Ansicht. Man kann einem Organismus nicht 
zumuten, daß er Wunderbares leiste, wenn man ihm seine 
Stützen nimmt. Diese Stützen wurden aber nicht dem Beamten- 
tum, sondern einem politischen System geopfert — gegen den 
Willen der Bevölkerung, gegen den Willen der Beamten. 

So darf man wohl auf diese äußere Regeneration der 
Bureaukratie hoffen. Aber auch eine innere ist zu erwarten, 
deren Darlegung gleichzeitig die Widerlegung des möglichen 
Vorwurfes in sich schließt, ein Vorschieben der Bureaukratie 
sei unhistorisch, da die moderne Entwicklung gegen das Be- 
amtentum gehe. Diese heute so oft vorgebrachte Behauptung 
ist schon im Verhältnis zu den unbestrittenen Tatsachen para- 
dox. Wir haben gerade in den letzten Jahrzehnten in allen 
zivilisierten Ländern, mit Einschluß Englands, ein großes An- 
wachsen der Berufsbureaukratie beobachtet. Wir haben gesehen, 
daß bureaukratische Verwaltungsformen in Organisationen und 
Unternehmungen eingedrungen sind, deren Bureaukratisierung 
man für einen Widerspruch zu ihrem Wesen gehalten hat. 
Die großen Organisationen des Kapitals: die Banken, die Aktien- 
gesellschaften, die Kartelle sind heute bureaukratisch verwaltet. 
Eine Bank und ein Ministerium sind heute voneinander nicht 
mehr wesentlich verschieden. Daher ist es auch möglich, daß 
ein Ministerialbeamter Bankdirektor und ein Bankdirektor 
Minister wird. Er wechselt ja nur die Bureaus und die Ressorts, 
die Art der Tätigkeit bleibt dieselbe — er kommt von einem 
Beamtenkörper in den anderen. Auf der anderen Seite gehen 
die Forderungen der Sozialdemokratie, soweit sie bei uns heute 
praktisch sind, auf eine Bureaukratisierung des ganzen Staates 
aus und erstreben eine Aufsaugung der gesamten, heute noch 
individuellen Unternehmertätigkeit durch diesen bureaukratischen 
Organismus. Sogar die Politik ist von der Sozialdemokratie 
bureaukratisiert worden. Der Abgeordnete ist ein speziell 



78 Friedlaender, Zur inneren Entwicklung der österr. Staatsverfassung. 

qualifizierter und entlohnter Parteibeamter, der durch langjährige 
agitatorische, journalistische und wissenschaftliche Vorbildung 
geschult, im Dienste der Partei schließlich zum Abgeordneten 
avanciert 1 ). 

Daß man diesen Tatsachen gegenüber an dem Schlagwort 
von der „totgeweihten Bureaukratie" festhält, hat wohl den 
Hauptgrund nicht so sehr in den mangelhaften Leistungen 
der Beamten Verwaltung, als in einer demagogischen Phrase: 
der Parlamentarier liebt es, die Schuld an allen Schmerzen 
seiner Wähler, die er nicht beheben kann, dem Beamten auf- 
zuwalzen. Der Beamte hat nicht die Möglichkeit, in öffentlicher 
Rede und Presse sich zu verteidigen, er ist außerdem zur 
Zurückhaltung und einer gewissen Objektivität verbunden, da 
er ja einer ganzen Reihe von Vorgesetzten Verantwortung 
schuldet und er ist daher weniger beliebt als der Abgeordnete, 
der nur seinem guten Gewissen verantwortlich ist. Wir sehen 
daher eine lange Reihe unmäßiger Angriffe gegen das Be- 
amtentum, die nicht erwidert werden und dessen zunehmende 
Unbeliebtheit. So kommt es, daß in jener „Welt der Schein- 
barkeiten", die von der Presse und der Demagogie „für die 
öffentliche Meinung aufgerichtet" und von dieser „als Tatsache 
aufgefaßt wird 2 ), die Bureaukratie zum Verfalle reif ist. 

Wir mußten, um den Einwand vom „totgeweihten Beamten- 
tume" zu widerlegen, weit vom Thema abkommen. Wir han- 
delten von der inneren Regeneration des Beamtentumes und 
hatten die Ausbreitung des bureaukratischen Systems festgestellt. 
Bei dieser Ausbreitung auf Tätigkeitsgebiete, die früher der 
Bureaukratie fremd waren, ist ein neuer Typus des Beamten 
und der bureaukratischen Verwaltung entstanden. Wir finden 
in Aktiengesellschaften u. dgl. eine Verwaltung unter ständiger 
Kontrolle der Interessenten. Gewinnt außerdem der Staat auf 
eine solche Organisation Einfluß, so tritt zur Kontrolle durch 
die Interessenten die Kontrolle durch den Staat im Interesse 
der Allgemeinheit 3 ). In diesem neuen Typus der Organisationen, 
der sich immer mehr ausbreitet, glauben wir die Entwicklungs- 
richtung zu finden, in der wir die innere Regeneration der 



') Michels a. a. 0. 

■) Ruedorffer. Grundzüge der Weltpolitik. Berlin 1913, S. 242 ff. 

3 ) Hans Kelsen nennt diesen neuen Typ bureaukratiscker Verwaltung 
mit einem sehr glücklichen Ausdruck „demokratische Verwaltung" im Gegen- 
satze zu „demokratischer Gesetzgebung". 



Friedlaender, Zur inneren Entwicklung der österr. Staatsverfassung. 79 

Bureaukratie erwarten 1 ). Es ist wahrscheinlich, daß diese mo- 
derne bureaukratische Selbstverwaltung die alte Form der Bureau- 
kratie mit der Zeit verdrängen wird und dies wäre wohl eine 
so grundlegende Änderung ihres Wesens und ihrer Arbeitsweise, 
daß die innere Regeneration in diesem Falle mit Wahrschein- 
lichkeit erwartet werden kann. Den prinzipiellen Gegner der 
Bureaukratie wird man dennoch nicht überzeugen können, daß 
uns von ihr irgend etwas Gutes kommen könne — er findet 
eine zu starke Stütze in der Menge derer, die das Beamtentum 
nicht heben, denn in dem Widerwillen gegen die Bureaukratie 
begegnen sich Menschen von gutem und schlechtem Geschmack. 
Es ist aber hoffentlich gelungen zu beweisen, daß das Beamten- 
tum tatsächlich eine Grundlage unseres Staates ist, über die 
man bei keinerlei Rekonstruktion ohne Schaden für das Ganze 
hinweggehen kann — daß es ferner wenigstens nicht unver- 
nünftig sei, auf Grund der historischen Entwicklung eine noch 
zunehmende Bedeutung der Buraukratie zu erwarten und auf 
eine Stärkung ihrer inneren Qualität und äußeren Autorität zu 
rechnen. • 

Die zweite Grundlage der Entwicklung unserer Verfassung 
haben wir in der Demokratie zn rinden geglaubt. Es drängt 
sich nun die Frage auf, warum man denn die Demokratie, deren 
viele Fehler und Fehlerquellen uns in den vorhergehenden 
Betrachtungen oft aufgefallen sind, durchaus beibehalten wolle. 
In allen Sprachen wird ja heute von ganz hervorragenden 
Politikern und Journalisten für die Oligarchie, ja selbst für den 
Absolutismus geschrieben und gesprochen. 

VII. 

Bei Freunden und Gegnern der Demokratie findet man 
jedoch in der Regel in der journalistischen, ja sogar in der 
wissenschaftlichen Diskussion eine eigentümlich enge Auffassung 
der Demokratie, die immer den Schwerpunkt in die parla- 
mentarischen Einrichtungen verlegt und deren Hauptaufgabe 
in der Kontrolle der Regierung sieht. Unsere moderne Demo- 
kratie besteht aber aus einem ganzen Komplex von Einrich- 
tungen, die teils dazu dienen, jedem gleichen Anteil an der 



*) Sollte der von Naumann („Mitteleuropa") vorgeschlagene wirt- 
schaftliche Syndikalismus unter Staatskontrolle in Erscheinung treten, was 
im Bereiche der Möglichkeit liegt, so wäre dies wohl die erste umfassende 
Realisierung dieses neuen demokratischen Typs der Bureaukratie. 



80 Friedlaender, Zur inneren Entwicklung der österr. Staatsverfassung. 

Macht im Staate, teils gleiche Voraussetzungen im Wettbewerbe 
nach Macht zu verschaffen. Preßfreiheit, Lehrfreiheit, Selbst- 
verwaltung, Freizügigkeit und unentgeltlicher Volksunterricht — 
alle diese und ähnliche Einrichtungen sind nicht minder bedeut- 
same Voraussetzungen und Bestandteile der Demokratie, als 
das Parlament. Man dürfte sogar kaum fehl gehen, wenn 
man in den eben aufgezählten Einrichtungen die treibenden 
Kräfte, das Leben der demokratischen Verfassung erblicken 
würde. So verdanken wir z. B. die zahlreichen Anregungen 
zu Fortschritten in der sozialpolitischen, ökonomischen, juristi- 
schen und anderen Gesetzgebung und deren Popularisierung in 
hervorragendem Maße der Presse und dem Koalitionsrechte, 
während (wie wir schon einmal erwähnt haben) die Parlamente 
auf diese neuen Ideen eher hinderd als fördernd eingewirkt 
haben. Von diesem Staudpunkte aus gesehen, kommt dem 
Parlamente eine ganz andere Bedeutung zu, als wenn man in 
ihm den Mittelpunkt der demokratischen Verfassung sieht. Es 
stellt sich uns dann einfach als ein Vermittlungsmechanismus 
dar, der die Volkskräfte der Regierung zur nutzbaren Verwertung 
zuführen soll. Das Parlament ist lediglich ein Instrument, ein 
technisches Hilfsmittel der Demokratie und nicht ihre Seele. 
Man sollte daher Vorschläge zur Reform der Parlamente mit 
eben derselben Ruhe und jenem Mangel an Sentimentalität 
aufnehmen, mit dem man etwa Vorschläge zur Verbesserung 
einer Maschine aufnimmt. Freilich ist das Parlament als 
Bestandteil der Demokratie an und für sich unentbehrlich, 
aber man darf nie aus dem Auge verlieren, daß es eben nur 
ein notwendiger Bestandteil, und nicht die bewegende Kraft 
des Ganzen ist. Deswegen also, weil ein Teil des demokrati- 
schen Staatsorganismus — das Parlament — eine im wesent- 
lichen kontrollierende Tätigkeit entfaltet, die Hauptfunktion 
der gesamten Demokratie in der Kontrolle zu sehen und daher 
die Meinung zu vertreten, weil diese Art der Kontrolle veraltet 
und kraftvergeudend sei und ersetzt werden könne, sei die 
Demokratie als System zu verwerfen, ist, wie man sieht, eine 
recht enge Betrachtungsweise. Hat also die Demokratie als 
Ganzes eine viel umfassendere Bedeutung und Funktion als 
die Kontrolle, so kann man auch nicht einmal in ihrem Ver- 
hältnis zur Regierung in der Kontrolle ihre Hauptfunktion sehen. 
Vielmehr dürfte ihr Schwergewicht auf zwei anderen Funk- 
tionen beruhen und zwar auf der Teilung der Verantwortung 
und dem Bedürfnis der Regierungen nach Sicherheit und Stabil!- 



Friedlaender, Zur inneren Entwicklung der österr. Staatsverfassung. 81 

tat. Wenn wir es mit den populären Schlagworten der Agi- 
tation benennen: „Verantwortungsscheu 1 ) und Feigheit der 
Regierungen." Es ist .eben das Unglück mancher sozialen 
Erscheinungen, daß sie immer nur als Sünden, und nicht als 
Probleme gewertet und daher ignoriert werden. Wie tief wir 
es auch immer verachten wollen, es ist dennoch Tatsache, daß 
es heute keinen Staatsmann gibt, der es wagen würde, die 
ungeteilte Verantwortung einer Regierungshandlung zu tragen 
und nach seinen Ideen, ohne Rücksicht auf Widerstände und 
Rückschläge in der Bevölkerung, zu regieren — einen Staats- 
mann, der nicht das Bedürfnis hätte, sich zu überzeugen, daß 
seine Regierungsmethode im allgemeinen gebilligt werde und 
keine gewaltsamen Widerstände zu befürchten seien. Dieses 
letztere Stabilitätsbedürfnis der Regierungen war schon vor- 
handen, bevor noch der Wunsch nach Demokratie im Volke 
verbreitet war. Das ängstlich sorgsame Beobachten der Stimmung 
der Bevölkerung, das die Minister des 18. und beginnenden 
19. Jahrhunderts durch ihre Polizei betrieben, ist das erste 
Symptom jenes Bedürfnisses nach Kontakt mit den Massen — 
nach Sicherheit. Die moderne Demokratie ist die Lebens- 
versicherung der Regierungen. Die Regierung braucht sie 
nötiger als das Volk. 

Eine Regierung, die ohne demokratische Verfassungsein- 
richtungeh auskommen wollte, müßte in erster Linie die Zu- 
friedenheit der relativ größten und gefährlichsten Masse — des 
großstädtischen Proletariates zu erlangen trachten. Wer nur mit 
dem Proletariat und für dieses regieren will, kann die Demo- 
kratie vielleicht nicht in ihrer äußeren Form, wohl aber ihrem 
Wesen nach abschaffen. Einen anderen Weg gibt es nicht. 
Es wäre aber zweifellos unter den heutigen Umständen kein 
Glück für einen Staat, wenn seine ganze Politik nach proleta- 
rischen Gesichtspunkten eingerichtet würde. Die Demokratie 
ist aber der einzige Weg, um dem Proletariat das entsprechende 
Gegengewicht zu bieten. Sie schützt die Politik des Staates 
vor gänzlicher Proletarisierung, sie wirkt kräfteausgleichend. 

Während ein Absolutismus oder eine Oligarchie doch nur 
immer auf einer auch noch so mächtigen Gruppe beruhen, 
hat die Demokratie wenigstens die Möglichkeit, sich auf die 
Gesamtheit der Staatsbürger oder einen möglichst großen Teil 
aller Gruppen zu stützen und so die Verantwortung immer auf 

') Emil Faguet, l'horreur de la responsabilite. Paris. B. Grasset. 
Zeitschrift für Politik. 10. 6 



82 Friedlaender, Zur inneren Entwicklung der österr. Staatsverfassung. 

die höchstmögliche Zahl zu verteilen und größte Sicherheit zu 
bieten. Aufgabe der Herrschaftsorganisation ist es aber, diese 
Vorteile der Demokratie tatsächlich zur Geltung zu bringen. 

Wir sehen aber bei unserer heutigen Methode der Demo- 
kratie, daß — wie schon im anderen Zusammenhange dargetan 
wurde — die Gewähr der Sicherheit und Stabilität nicht gegeben 
ist. Außerdem wird die Verteilung der Verantwortung nicht 
wirksam. Als einmal die österreichische Regierung die Parole 
ausgab, die Bevölkerung sei in erster Linie für die jämmer- 
lichen parlamentarischen Zustände verantwortlich und nicht die 
Regierung, wurde trotz der offenbaren Logik dieser Ansicht, 
von der gesamten Presse mehr oder minder heftig diese Ver- 
antwortung abgelehnt. Man sieht also, daß die heutige demo- 
kratische Methode dem Volke offenbar nicht das Gefühl gibt, 
an der Regierung mitzuwirken und dafür die Verantwortung 
zu tragen. Das kann uns ja nach unseren bisherigen Erwä- 
gungen nicht überraschen. Wenn jemand einen Abgeordneten 
wählen muß, den er nicht kennt, sich für ein Programm ent- 
scheiden muß, das er nicht versteht und nach dem sich niemand 
richtet, und wenn er mit diesen untauglichen Mitteln sein Urteil 
über Fragen aussprechen soll, die er nur zum Teil versteht, 
oder die ihn gar nicht interessieren, dann wird er sich für das 
Ergebnis seines Votums auch nicht verantwortlich fühlen. Wenn 
ich mein Pferd von einem Tischler beschlagen lasse, dann trägt 
nicht der Tischler die Verantwortung, wenn das Pferd vernagelt 
wird. Wollen wir, daß jene Kräfte und Stützen, die uns die 
Demokratie bieten soll, wirklich wirksam werden, dann muß 
die Demokratie mit ihsen stärksten Kräften und Fähigkeiten 
herangezogen werden. Sie muß in jeder Lage so tätig werden, 
daß sie das Höchste leistet, dessen sie fähig ist. Als die stärkste 
politische Kraft der breiten Massen haben wir den negativen 
politischen Willen erkannt. 

Damit soll nicht behauptet werden, daß der einzelne 
positiven, politischen Willen nicht besitze. Die Grundlage des- 
selben ist aber die Möglichkeit, sich über die in Frage stehenden 
Probleme ein Urteil bilden zu können. Die Möglichkeit dieser 
Urteilsbildung ist wieder durch die Reichweite der Sinne und 
Interessen des einzelnen begrenzt. Wenn auch die modernen 
Verkehrseinrichtungen diese Tragweite vergrößert haben, so 
kommt die erhöhte Fähigkeit der Sinne doch nur einem geringen 
— geistig und materiell weniger an die Scholle gebundenen — 
Bruchteile der Bevölkerung zustatten und ist auch keinesfalls 



Friedlaender, Zur inneren Entwicklung der österr. Staatsverfassung. 83 

bedeutend genug, um dem einzelnen das sinnliche Erfassen 
aller, den Raum einer modernen Großmacht betreffenden Pro- 
bleme zu ermöglichen. 

Dabei sehen wir ganz davon ab, daß es einem, auch von 
anderen Gedanken in Anspruch genommenen Verstand physisch 
unmöglich ist, diese Riesenaufgabe zu bewältigen. Der negative 
Wille wird — und das ist ja die größte Zahl der Fälle — 
dann in Erscheinung treten, wenn nur Folgen empfunden, 
aber deren Ursachen nicht erkannt werden. Der positive 
Wille aber wird sich zeigen, wenn Folge und Ursachen klar 
zutage liegen. 

Es zeigt sich also, daß der positive Wille auf mehr minder 
lokale Fragen oder auf bestimmte Interessenkreise beschränkt 
ist. Plato hat bekanntlich diese Begrenzung des positiven 
Willens der Staatsbürger durch die Interessen und Sinne erkannt 
und sie mit dem Worte ausgedrückt, daß der Staat soweit wie 
die Stimme reiche. Das ist seitdem nicht anders geworden 
und es bleibt daher als politische Triebkraft für große Massen 
nur der negative Wille übrig. Aufgabe der modernen Groß- 
staatsverfassung ist es nun, die Synthese des platonischen 
Kleinstaates mit den modernen großen Staaten herzustellen, 
indem sie dem positiven Willen seinen notwendigerweise be- 
schränkten Wirkungskreis verschafft und diese kleinen, teils 
lokal, teils auf Grund gemeinsamer Interessen organisierten 
Einheiten in einem größeren, ihnen allen gemeinsamen Körper 
zusammenfaßt, als dessen einigenden Geist wir den negativen 
oder kritisierenden Willen zu erkennen glauben. 

Wenn aber die Zentralvertretung auf den negativen Willen 
der Wähler basiert wird, so werden aus ihrer Kompetenz 
möglichst alle Fragen auszuscheiden haben, in denen die Wähler 
positiven Willen besitzen — also vor allem, die lokalen Fragen. 
Das ist auch schon deshalb wünschenswert, um diesen großen 
Vertretungskörper vor der Versuchung zu bewahren, in Lokal- 
fragen zu versumpfen. 

So sehen wir das uns vorschwebende Staatsideal als eine 
Menge von Selbstverwaltungskörpern, die teils lokal, teils nach 
Interessen gegliedert sind und die auf positiver Wahl beruhen. 
Sie werden durch eine mit diesen Körpern organisch verbundene 
Bureaukratie zusammengefaßt, die selbst zentralistisch organisiert 
in der Regierung gipfelt. Diese wieder hat das Zentralparlament 
zur Seite, das mit allen üblichen Kompetenzen moderner demo- 
kratischer Parlamente ausgestattet, an der Regierung teilnimmt 



84 Friedlaender, Zur inneren Entwicklung der österr. Staatsverfassung. 

und diese kontrolliert. Dieses Parlament ist auf dem negativen 
Volkswillen basiert. Seine Kompetenz ist als auf die wichtigsten 
und umfassendsten Probleme wie Krieg, Wirtschaft, Äußeres, 
Justiz, Staatsverkehrswege etc. beschränkt gedacht. Als Grund- 
satz mag gelten, daß in die Kompetenz des Zentralparlamentes 
nur das fallen soll, was in sie fallen muß und nicht alles das, 
was in sie fallen kann. 

VIII. 

Soll schon die Kompetenzbestimmung der Zentralvertretung 
dem Überwiegen von lokalen Interessen vorbeugen, so muß 
noch um so mehr für die Loslösung der Abgeordneten von 
lokalen und spezialen Interessen gesorgt werden, das heißt, es 
muß an die Stelle der kleinen Wahlkreise mit Einzelwahl, der 
große Wahlkreis mit Listenwahl treten. Um schließlich zu 
erzielen, daß diese größten und grundlegenden Fragen der Politik 
von entsprechend fähigen Personen behandelt werden, wird es 
nötig sein, eine Methode zu finden, um vor allem solche Leute 
zur Vertretung heranzuziehen, die fähig und willig sind, ihren 
parteimäßig und beruflich begrenzten Standpunkt mit den In- 
teressen der Gesamtheit in Einklang zu bringen. 

Als Hauptproblem tritt uns aber natürlich hier die Auf- 
gabe entgegen, den negativen Willen zu erforschen und 
fruchtbar zu machen, indem Wahl und Abstimmung nicht da- 
durch zustande gebracht werden, daß die größte Zahl der ab- 
gegebenen Stimmen, sondern dadurch, daß die Zahl der nicht 
abgegebenen Stimmen die Wahl entscheidet. Bei einer nega- 
tiven Wahl muß mit „nein" gestimmt werden. Ein Vorschlag 
ist also dann angenommen, wenn nicht eine Majorität oder 
wenn man will eine qualifizierte Minorität der Wahlberechtigten 
dagegen stimmt. Dazu ist nun in erster Linie ein Vorschlag 
nötig, der abgelehnt werden kann. Es wird also bei diesem 
System nicht ein Abgeordneter gewählt, sondern ein vorge- 
schlagener Abgeordneter abgelehnt, bzw. durch Stillschweigen 
einer einfachen oder qualifizierten Majorität angenommen. Auch 
diese Idee ist nicht so neu wie sie aussieht. Auch heute wird 
ja der Abgeordnete nicht „quasi per inspirationem" gewählt, 
sondern es wird zu einem von der Parteiführung vorgeschlagenen 
Kandidaten Stellung genommen. Man sieht also, daß die hier 
vorgeschlagene Form der Wahl lediglich die Legalisierung eines 
bestehenden Zustandes und seine Befreiung von Beiwerk und 
Formen ist, durch die das Resultat gefälscht wird; — es wird 



Friedlaender, Zur inneren Entwicklung der österr. Staatsverfassung. 85 

sozusagen der Kern der modernen demokratischen Gepflogen- 
heiten rein präpariert. Es stellt sich uns jetzt aber die scheinbar 
wesentliche Frage, wer denn die Liste, die den Wählern zur 
Ablehnung vorgelegt wird, zusammenstellen soll. Das historisch 
Konsequenteste wäre es wohl, unmittelbar im Anschlüsse an die 
heutigen Zustände die führenden politischen Parteien mit der 
Zusammenstellung dieser Listen zu betrauen. Das wäre dann 
also ein politisches Monopol zugunsten bestimmter Parteien. 
Auch dieser Gedanke ist nicht neu. Es sei nur daran erinnert, 
daß man vor wenigen Jahren in Ungarn die Wahlfonds ver- 
staatlichen wollte, um die Parteien von privaten Gönnern un- 
abhängig zu machen. Diese Verstaatlichung der materiellen 
Grundlage ist nahezu identisch mit der Verstaatlichung der 
Partei. Was gegen diese politischen Monopole einzuwenden ist, 
liegt zu sehr auf der Hand, als daß wir uns damit befassen 
müßten. Immerhin wäre es eine mögliche und historisch fun- 
dierte Übergangsform. Es wäre auch denkbar, daß Berufs- 
gruppen, gewählte Kommissionen oder andere Körperschaften, 
die die nötigen intellektuellen Fähigkeiten und Erfahrungen 
haben, diese vorzuschlagenden Listen ausarbeiten. Im Sinne 
unseres Systems läge am ehesten, daß die durch positive W T ahl 
zusammengesetzten Selbstverwaltungskörper diese Listen in Über- 
einstimmung mit der Regierung entwerfen. Doch wie gesagt, 
die Frage wer die Liste aufstellt, ist nur scheinbar wesent- 
lich; denn jeder wird sich von dem gleichen Gesichtspunkte 
leiten lassen müssen, von dem Bestreben, daß die Liste ange- 
nommen wird, daß keiner der vorgeschlagenen Kandidaten ab- 
gelehnt werde, daß daher jede, im Wahlkreise vorhandene Gruppe 
ihre Vertretung finde, selbstverständlich einen Vertreter, der 
auch den anderen Gruppen annehmbar scheint. Wir haben ja 
einen großen Wahlkreis vor uns, in dem es selten eine kom- 
pakte Majorität geben wird, auf die man sich zur Bekämpfung 
der Minoritäten stützen kann. 

Mit Absicht wird davon abgesehen, Detailvorschläge zu 
machen. Darum bleibt z. B. auch die Frage, ob Kompromiß- 
listen oder konkurrierende Listen aufzustellen seien, außer Be- 
tracht. Es ist ja vergebene Mühe und wirkt fast kindlich, 
wenn man eine Anregung, die vielleicht als solche niemals oder 
unter ganz veränderten Voraussetzungen verwirklicht wird, rein 
ideal und ohne tatsächliche Unterlagen ins Kleine ausarbeitet. 
In Wirklichkeit ist es dann doch ganz anders. 



86 Friedlaender, Zur inneren Entwicklung der österr. Staatsverfassung. 

Wenden wir uns nun aber der Frage zu, wo man die 
Personen finden kann, die die von uns für Abgeordnete ge- 
forderten hohen Qualitäten haben und dabei von öffentlichem 
Vertrauen unterstützt werden. Noch vor 30 oder 40 Jahren 
hätte die Zusammenstellung einer solchen Liste unübersteigliche 
Schwierigkeiten gemacht. Heute ist das kaum mehr zu be- 
fürchten, denn die Organisationen der verschiedenen Stände 
bieten uns sachkundige, gebildete Leute, die das Vertrauen 
weiter Kreise genießen. So wird es nicht schwer fallen, die 
Vertreter der Arbeiter in den Gewerkschaftsbeamten, die Ver- 
treter der Bauern in den Funktionären der bäuerlichen Ge- 
nossenschaften, Raiffeisenkassen u. dgl. mehr, die der Kaufleute 
in den Handelskammern zu finden usw. Es leuchtet auf den 
ersten Blick ein, daß eine auf diese Art zusammengesetzte Ver- 
tretung größte Sachkunde, Ernst und damit Autorität hätte. 

Diese Liste wird den Wählern des Kreises zur Ablehnung 
vorgelegt. Jeder Wahlberechtigte kann eine beliebige Zahl 
Abgeordneter oder die ganze Liste ablehnen. Eine Minorität, 
die so zu bemessen wäre, daß auch kleinere Gruppen ihrem 
Willen Geltung verschaffen können, genügt, um einen Abge- 
ordneten abzulehnen. Das Wesen dieser Idee liegt aber darin, 
daß bei unserem System nicht jede Gruppe nach ihren rein 
egoistischen Interessen ihre Vertreter erhält, sondern daß nur 
solche Personen Aussicht haben, angenommen zu werden, die 
auch bei den anderen Gruppen nicht mißliebig sind. So kann 
also z. B. weder ein Scharfmacher von industrieller Seite noch 
ein solcher von Seite der Arbeiter Aussicht auf Erfolg haben 
— er würde unweigerlich von der Gruppe, die entgegengesetzte 
Interessen hat, abgelehnt werden. Die Grundlage der Wahl 
erscheint also gegen heutige Verhältnisse wesentlich verändert. 
Nicht mehr der Rhetoriker, sondern gerade der ruhige ernste 
Fachmann hätte die größte Aussicht auf Erfolg. A r on vorn- 
herein wird in einer so zusammengesetzten Versammlung ein 
ruhiger mäßiger Ton und eine Neigung zum gegenseitigen 
Verständnis vorherrschen. Auch der nationale Radikalismus 
erfährt auf diese Art eine wesentliche Eindämmung. Doch um 
diesen letzteren Zweck besonders sicher zu erreichen und um 
eine wirkliche Vertretung des ganzen Staates zu erhalten, ist 
noch eine andere wahltechnische Maßnahme erforderlich: die 
gesamten Listen aller Wahlkreise müßten nach erfolgter An- 
nahme in den einzelnen Kreisen noch einmal im ganzen Staate 
zur Ablehnung aufgelegt werden, so daß jedermann die Mög- 



Friedlaender, Zur inneren Entwicklung der , österr. Staatsverfassung. 87 

lichkeit hätte, zu jedem Mitglied der Volksvertretung Stellung 
zu nehmen. Eine entsprechend größer, wie im einzelnen Wahl- 
kreis zu bemessende Minorität wird nun die Macht haben, wie- 
der einzelne oder alle Abgeordnete abzulehnen. So ergibt sich 
dann eine Volksvertretung, von der wir sicher annehmen können, 
daß sie mit der überwiegenden Majorität der Wähler nicht im 
Widerspruch steht und daher den ganzen Staat vertritt. 

Das Wesen des geschilderten Systems liegt 1. darin, daß 
der Schwerpunkt des politischen Kampfes außerhalb des Par- 
lamentes, nämlich in die Zusammenstellung der Liste und die 
Wahl verlegt wird, während die Versammlung, die an der Re- 
gierung teilnehmen soll, bereits das geklärte Resultat dieser 
Gärung ist. 2. Darin, daß unter demokratischer Kontrolle e^ne 
Führung öffentlich und offiziell auftreten kann, ohne ihre Ab- 
sichten und ihre Tätigkeit verschleiern zu müssen, während bei 
unserem heutigen System, das auf der Theorie des schöpferischen 
Volkswillens beruhte, diese Führungstätigkeit eine eigentlich 
illegitime war, die versteckt vor sich gehen mußte und sich, 
damit auch öffentlicher Kontrolle und Kritik entzog. 

Schon früher wurde darauf hingewiesen, daß unser System 
die Frage des Radikalismus zu lösen scheint, aber auch eine 
andere, nicht minder wichtige Frage, erfährt dadurch ihre 
naturgemäße Lösung, nämlich die Frage der „Gleichgültigen". 
Es gibt bekanntlich 15 bis 35 °/ Wahlberechtigte, die ihr 
Wahlrecht nicht ausüben und die beim alten System dadurch, 
ob sie es wollten oder nicht, den Radikalismus unterstützten. 
Diese Leute aber sind gerade die Mäßigen und Ruhigen, die 
geführt sein wollen. Indem sie sich der Wahl enthielten, ließen 
sie den Radikalen freies Spiel und wenn sie sich einmal be- 
wogen fühlten zu wählen, standen ihnen nur radikale Parteien 
zur Verfügung. Die vielen Gleichgültigen, die geführt sein 
wollen, die Ruhe und nichts als das wollen, werden bei unserem 
System ein politischer Aktivposten. Sie erhalten die Führung 
und die Ruhe, die sie wünschen und sie wirken durch ihre 
Passivität staatserhaltend, ohne politisch tätig zu werden. So 
scheint es, daß unser System zwei alte Grundprobleme der 
Politik löst: — das des Radikalismus und das der Gleichgültigkeit. 

Auch die Aufnahme des Referendum unter Anwendung 
des Ablehnungsprinzips könnte unserem System von Vorteil 
sein. Es wäre denkbar, daß ein solches Veto-Referendum, das 
nur die negativen Stimmen zählt, zufriedenstellendere Resultate 



88 Friedlaender, Zur inneren Entwicklung der österr. Staatsverfassung. 

ergeben würde, als eines, das positive und negative Stimmen 
vergleicht. 

Ganz kurz sei noch im folgenden eine Grundlage unseres 
Systems betrachtet, deren Wichtigkeit Tecklenburg J ) im Anschluß 
an die französischen Wahltheoretiker der Revolutionszeit neuer- 
dings betont hat: nämlich seine mathematische Konstruktion. 
Diese ist im Vergleich zu den positiven Wahlrechtssystemen 
sehr vereinfacht. Wie bei diesen wird jede Stimme mit 1 
bewertet, nur wird hier auch die nicht abgegebene Stimme 
ebenfalls so hoch bewertet wie die abgegebene. Voraussetzung 
jeder Wahl ist also eine genaue Feststellung der anwesenden 
Wahlberechtigten. Aus dem Verhältnis der Zahl der abgegebenen 
negativen Stimmen zur Zahl der Wahlberechtigten ergibt sich 
dann, ob der zur Abstimmung gestellte Vorschlag angenommen 
oder abgelehnt worden ist. 

Wir haben uns früher für das Prinzip ausgesprochen, 
daß schon der Einspruch einer qualifizierten Minorität die 
Ablehnung herbeiführen soll. Dies aus folgenden Gründen: 
Erfahrungsgemäß enthalten sich mindestens 25 % an " er Wähler 
jeder politischen Tätigkeit. Wahlbeteiligungen von 80% sm d 
selbst in England selten; in der Schweiz gehen die Wahl- 
beteiligungen meist nicht über 70% hinaus und in Osterreich 
zum Beispiel war selbst mit Wahlpflichtgesetzen eine Beteiligung 
von mehr als 82% nicht erzielbar. Unter der Herrschaft eines 
Systems, das keinerlei moralischen oder tatsächlichen Druck 
auf den Wähler ausübt, sein Wahlrecht auszunützen, und unter 
dem auch die demagogische Agitation nachlassen wird, muß 
eher auf eine Zunahme der politisch Gleichgültigen gerechnet 
werden, so daß es gewiß nicht übertrieben ist, deren Zahl bei 
unserem System auf etwa 30% zu veranschlagen. Unter den 
restlichen 70 % sm< ^ erfahrungsgemäß mindestens 25 % sicherer 
Stimmen für die Regierung. Würde man daher die wirksame 
Ablehnung an die Bedingung knüpfen, daß die Majorität 
der Stimmberechtigten diese ausspreche, so wäre dies nur ein 
verhüllter Regierungsabsolutismus, der möglicherweise zu einer 
Unterdrückung großer Minoritäten und damit zu einer An- 
sammlung von Unzufriedenheiten führen könnte, die keinen 
gesetzlichen Ausweg zu finden vermögen und dadurch gefährlich 
werden können. Daher scheint es nicht ungerechtfertigt, dem 



*) „Die Wertung der Stimmen bei derWahl." Zeitschr. f. Pol., VII. Bd. S. 390. 



Friedlaender. Zur inneren Entwicklung der österr. Staatsverfassung. 89 

Votum einer Minorität von etwa 25% ablehnende Kraft zu- 
zuerkennen. Die Befürchtung, daß auf diese Art leicht eine 
Obstruktion der Vorschläge eintreten könnte, ist kaum stich- 
haltig. Dem wirkt nämlich das System der großen Wahlkreise 
entgegen. Bekanntlich steigt ja die Schwierigkeit der Agitation 
und Wahlmache mit der Größe der zu bearbeitenden Masse in 
geometrischer Progression. Es ist unendlich leichter, in einem 
Wahlkreise von 10000 Stimmen 2500 in einem bestimmten Sinne 
zu einigen, als dies in einem Wahlkreise von 100000 Stimmen 
mit 25000 Wählern zuwege zu bringen. Eine künstliche 
Stimmungsmache, die nicht auf einer wirklich schwer emp- 
fundenen Unzufriedenheit der Bevölkerung beruht, wird also 
dieses Wahlresultat kaum erzielen können. Rein mathematisch 
betrachtet, tritt also, wenn eine bestimmte Zahl von ablehnenden 
Stimmen vorliegt, eine Überwertung dieser Stimmen ein. Dies 
hat aber nicht zur Folge, daß der Majorität der Wähler der 
Wille der Minorität aufgedrängt wird, sondern es muß nur ein 
neuer Vorschlag mit mehr Rücksicht auf die Interessen dieser 
Minorität aufgestellt werden. 

Diese kurzen Darlegungen machen wohl die mathematisch 
zu erschließenden Aussichten des Systems verständlich. Daß 
eine Berechnung der Stimmkraft der einzelnen u. dgl. in dem- 
selben Sinne wie bei positiven Wahlsystemen hier nicht gut 
stattfinden kann, ist wohl klar, weil der Einfluß der Stimmen 
auf das Endresultat kein konstitutiver, sondern nur ein modifi- 
zierender ist und zahlenmäßig daher nicht dargestellt werden 
kann. 

Tecklenburg stellt auch die Forderung auf, daß jeder 
Vorschlag zur Reform von Wahlsystemen den sozial wertvollen 
Elementen einen Vorrang sichere, mindestens aber anerkannt 
schädliche Elemente (Verbrecher u. dgl.) vom Einflüsse auf 
die Regierung ausschließe. Dieser letztere Teil der Forde- 
rung ist ja unschwer erfüllbar. Hingegen stellt ihr erster Teil 
eine recht undankbare Aufgabe. Wir leben in einer Zeit der 
Umwertung aller sozialen Werte und es ist daher heute nahezu 
unmöglich, darüber Klarheit zu gewinnen, welche Elemente 
der Gesellschaft sozial dauernd wertvoll sind. Klarer denn je 
haben wir im Kriege erkannt, daß sozialer Wert nicht das 
Privileg bestimmter Bevölkerungsschichten und Stände ist, 
sondern daß wir in allen Teilen der Gesellschaft wertvolle und 
minderwertige Elemente finden, die aber nach äußeren typischen 
Merkmalen nicht erkennbar sind. 



90 Friedlaender, Zur inneren Entwicklung der österr. Staatsverfassung. 

Was will denn aber ein System der Stimmwertung eigent- 
lich? Es will den wertvollen Elementen im Staate die Führung 
sichern. Es ist ein primitiver Versuch einer politischen Arbeits- 
teilung, ein Versuch, schaffende und kritisierende Elemente 
auseinander zu halten. Dieses Bestreben findet aber in dem 
von uns vorgeschlagenen System seine Erfüllung in einer viel 
klareren Form als sie jemals ein Verfahren der Stimm wertung 
bieten könnte. Nicht nur in bestimmten Klassen, sondern in 
der gesamten Bevölkerung sucht es durch Zusammenwirken 
von Selbstverwaltung und Bureaukratie die zur Führung ge- 
eigneten Elemente zu finden und es gibt ihnen auch die 
Möglichkeit, diese Führung auszuüben. Besondere Stimmwertung 
ist also in unserem System kaum nötig, da es das Ziel einer 
solchen auf anderem Wege erreicht. 

IX. 

Die oben so eingehend befürwortete maßgebende Stellung 
des Beamtentums scheint keiner besonderen Verfassungs- 
maßnahmen zu ihrer Durchsetzung zu bedürfen. Sie ist in 
hohem Maße vorhanden und wird befreit von der kleinlichen 
politischen Beeinflussung und unterstützt von der historischen Ent- 
wicklung an innerer und äußerer Bedeutung zunehmen. Vor allem 
aber wird, wie immer auch die Listen der zur Wahl gestellten 
Abgeordneten hergestellt werden, der Einfluß der Regierung dabei 
ein bedeutender sein. Sie wird da wahrhaft als Führung auf- 
treten. Außerdem werden es die österreichischen Verhältnisse 
immer mit sich bringen, daß die Regierung sich aus Beamten 
zusammensetze, wie dies in einem zahlreiche Gegensätze um- 
fassenden Staatskörper nicht anders denkbar ist. Wenn wir 
aber unsere heutige demokratische Methode des Parlamentaris- 
mus beibehalten, dann ist die Beamtenregierung unmöglich. 
Denn es stehen sich da zwei Standpunkte gegenüber, die sich 
nie vereinigen können : auf der einen Seite ein destruktiver 
Radikalismus, auf der anderen ein konstruktiver Konservatis- 
mus. Zwischen diesen Tendenzen gibt es kein Kompromiß — 
die Regierung kann Parteien kaufen, aber sie kann kein Partei- 
programm ihrem Existenzprinzip anpassen und umgekehrt. 
Zwischen diesen Standpunkten gibt es nur Kampf. Einer der 
beiden Faktoren .muß weichen — muß sich innerlich ändern: 
Die Frage steht nun so. Soll sich die Regierung dem Parlament 
anpassen oder das Parlament der Regierung? Sollte die Re- 



Friedlaender, Zur inneren Entwicklung der österr. Staatsverfassung. 91 

gierung sich unserem heutigen Parlament anpassen, so müßte 
sie eine parlamentarische werden, d. h. sie müßte destruktive 
Tendenzen in sich aufnehmen, die einzelnen Ressorts würden 
in den Dienst einzelner, miteinander unversöhnlicher Parteien 
gestellt werden, ihr Zusammenhang untereinander ginge verloren. 
Wir haben das alles mitgemacht, denn es ist versucht worden. 
Wir leiden noch heute unter den Folgen. 

Wir haben daher den entgegengesetzten Vorschlag gemacht: 
das Parlament der Regierung anzupassen. In der Überzeugung, 
die heute erwiesen ist, daß die destruktiven Tendenzen in der 
Mehrzahl der Bevölkerung keine Stütze haben ; daß eine kon- 
struktive und zusammenfassende Regierung in der Bevölkerung 
eine Basis finden könnte, wenn dem Volke die Möglichkeit 
gegeben wäre, seinen vorhandenen Willen so wie er ist auszu- 
drücken, in der Überzeugung, daß es nur eine falsche Methode 
ist, die eine Volksvertretung mit zentrifugalen Tendenzen ge- 
schaffen hat. 

Unsere Methode würde einer sachkundigen und ernsten 
Regierung ein ebensolches Haus zur Seite stellen, mit dem 
die Regierung arbeiten könnte, auch wenn sich Gegensätze 
einstellen ; denn dieses Haus wäre aus dem Willen, Gegensätze 
zu besiegen, hervorgegangen. 

Wenn, wir dennoch glauben, daß auch in dem von uns 
vorgeschlagenen Parlament, die Beamtenregierung oder sagen 
wir lieber die „Regierung der Sachkundigen" am Platze wäre, 
so kommt dies daher, daß wir überzeugt sind, daß sich in der 
ganzen Welt das englische und französische Prinzip des Majoritäts- 
wechsels und der Majoritätsregierung überlebt hat. Die ein- 
fachen Parteigebilde müssen mit dem steten Auftauchen neuer 
Fragen, mit der Ausdehnung der Staatszwecke auf entgegen- 
gesetzte und weit voneinander abliegende Gebiete aufhören. 
Es wird mit der Zeit ganz unmöglich werden, von einem 
Standpunkte aus, ein politisches Schema aufzustellen, das alle 
Probleme umfaßt. Es wird immer Parteien geben, denn es 
wird infolge gleicher Interessenlagen immer typische, weitver- 
breitete Ansichten geben, aber es wird mit der Zeit ein un- 
möglicher Zustand werden, daß Meinungen über Handelspolitik 
in ein unlösbares Junktim, mit religiösen Überzeugungen gebracht 
werden und Meinungen etwa über den Bau von Wasserstraßen 
oder über Anleihepolitik, mit bestimmten sozialen Programmen 
u. dgl. m. Es wird vielmehr neben der vertikalen Gliede- 



92 Fried laender, Zur inneren Entwicklung der österr. Staatsverfassung. 

rung der Parteien (wie man dies heute schon vielfach sieht) 
eine horizontale eintreten. Die Parteigruppierung und dem- 
entsprechend die Zusammensetzung der Majorität zu den ver- 
schiedenen typischen Fragenkomplexen,, wird eine ganz ver- 
schiedene sein. Dann müßte eigentlich nach dem englischen 
System zu jeder Frage, die einem anderen Komplex angehört, 
ein neues Ministerium kommen, oder es müßten etwa mehrere 
Ministerien nebeneinander bestehen, z. B. eines für die soziale 
Majorität, ein anderes für die handelspolitische, ein drittes für 
die in Kulturfragen. Da wird es nur eine Lösung geben : eine 
Regierung der Objektivität und Sachkunde, deren einziges 
Programm das Allgemeinwohl ist — das Beamten ministerium. 
Das englische System war übrigens bei uns und nirgends auf 
dem Kontinent wahrhaft eingelebt. Das Vertrauensverhältnis 
zwischen Regierung und Parlament hat es bei uns nie gegeben, 
wie es den Regierungsabsolutismus auf Widerruf niemals gab. 
Nie haben kontinentale Parlamente darauf verzichtet, eine Re- 
gierung in den Details ihrer Tätigkeit zu kontrollieren und zu 
bevormunden ; niemals hatte eine kontinentale Regierung eine 
Blankovollmacht für die Ausübung der alltäglichen Regierungs- 
geschäfte. Da die kontinentalen Regierungen also niemals bevoll- 
mächtigte Vertrauensträger des Parlamentes waren, war auch 
das Spiel mit der Vertrauensfrage immer nur eine inhaltslose 
Kopie fremder Formen. 

Es ist unbedingt nötig, daß wir die sinnlose Nachahmung 
englischer und französischer Vorbilder überwinden und unsere 
Muster dort suchen, wo Erfolg und Leistungsfähigkeit ist und 
wo ähnlich geartete Verhältnisse die Handhabe zur Übertragung 
bieten. In einer Zeit, in welcher in der deutschen liberalen 
und sozialistischen, zurzeit meistgelesenen Presse, mindestens 
eine halbe Spalte täglich der Befreiung von der englischen und 
französischen Mode gewidmet ist, — obwohl doch diese An- 
gelegenheit nicht so dringend scheint, da die klimatischen und 
ästhetischen Voraussetzungen im Wesen in ganz Europa die 
gleichen sind — in dieser Zeit findet sich in dieser Presse kein 
Wort, das zur Befreiung von englischen und französischen Ver- 
fassungsformen und Parteiprogrammen auffordert. 

Im Gegenteil verlangt mindestens zweimal in der Woche 
ein Leitartikel Verfassungsreformen, die auf eine Kopierung 
der westländischen Muster hinauslaufen. Derselbe Artikel, der 
für Deutschland die höhere Kulturstufe in Anspruch nimmt, 



Friedlaender, Zur inneren Entwicklung der österr. Staatsverfassung. 93 

sieht den kulturellen Fortschritt in Verfassungsreformen im Sinne 
der Weststaaten. 

Das ist kein gesunder Zustand. Unser inneres Verhältnis 
zu den Weststaaten ist vergleichbar der konfliktreichen Psyche 
des moralisch schwächeren Teiles in einer leidenschaftlichen 
Ehe: Schwankend zwischen Haß, Liebe und Nachahmung des 
anderen Teiles. Ahnlich ist unser Verhältnis zu unserer Ver- 
gangenheit. Wir können uns von unserer eigenen Jugend nicht 
trennen und suchen unsere vergangenen Reize nachzuahmen. 
Das sind moralische Schwächen, die überwunden werden müssen. 
Wir müssen uns entschließen über das gefährliche Alter hin- 
auszukommen, müssen uns die Leidenschaft in der Liebe und 
die Leidenschaft für unsere Jugend abgewöhnen. Wir müssen 
den Mut bekommen, aus uns und unserer Gegenwart zu reden 
und aufhören, mit dem Munde Fremder und Toter zu reden. 

Der Hauptzweck dieses vorliegenden Versuches ist nicht 
die Propagierung der in ihm enthaltenen positiven Vorschläge, 
sondern die Anregung, unsere Regierungsformen unseren 
Verhältnissen anzupassen. Vieles, was hier in den Prämissen 
gesagt wurde, nimmt für kontinentale Verhältnisse allgemeine 
Gültigkeit in Anspruch. Die Folgerungen allerdings sind auf 
österreichische Verhältnisse zugeschnitten. Es wurde versucht, 
eine Lösung der Frage anzubahnen, wie eine Regierungsmethode 
gefunden werden könne, die Gegensätze ausgleicht und die 
überwiegenden zentripetalen Tendenzen in ihrer ganzen Kraft 
ausnützt, die eine doppelte Stütze auf sachlicher Autorität und 
breitester demokratischer Basis hätte. Mit Absicht blieb hier 
die nationale Frage außer Betracht. Ihre Lösung ist eine un- 
mittelbare Bedingung des staatlichen Weiterlebens. Unser kräfte- 
ausgleichendes System wäre wahrscheinlich nicht ungeeignet, 
dieselbe anzubahnen, jedenfalls aber sehr geeignet, eiuen wie 
immer geschaffenen Ausgleich zu erhalten. Handelt es sich 
also bei den vorstehenden Betrachtungen auch in erster Linie 
um einen möglicherweise fruchtbaren Keim einer Zukunfts- 
idee, so wohnt ihnen vielleicht dennoch etwas Aktualität 
inne: Osterreich war der einzige Staat, der im Kriege auf die 
Funktion der parlamentarischen Einrichtungen gänzlich ver- 
zichtet hat und wohl verzichten mußte. Dennoch wird in nicht 
mehr gar zu ferner Zeit die Rückkehr zu konstitutionellen Re- 
gierungsformen nötig werden. Die Regierung wird so wichtige 
Verfügungen und Entschließungen treffen müssen, daß sie das 
Bedürfnis fühlen wird, ihren Maßnahmen formell und öffentlich 



94 Friedlaender, Zur inneren Entwicklung der östeir. Staatsverfassung 

in der Billigung und Unterstützung breiter Massen den nötigen 
Rückhalt zu verschaffen. Die Rückkehr zu den alten ver- 
fassungsmäßigen Einrichtungen ist sehr schwierig. Während 
des Krieges sind Wahlen ausgeschlossen, da die wichtigsten 
Wähler abwesend sind. Das Land aber in der Erregung des 
eben beendeten Krieges in den Wahlkampf zu stürzen ist nach 
allen Erfahrungen, die man seit jeher mit der Volksstimmung 
unmittelbar nach einem Kriege gemacht hat, zu gewagt. Das 
alte Parlament einzuberufen, wäre auch nicht ratsam: Große 
Parteien sind kompromittiert, einige übermütig, andere ent- 
täuscht, gehässig, unorientiert ; für die große sozialdemokratische 
Partei wäre die Stellungnahme jedenfalls viel schwieriger als 
zur Zeit des Kriegsausbruches und gerade auf diese müßte sich 
die Regierung zunächst stützen. Da liegt der Gedanke nahe, 
daß der Monarch seinen Ministern einen Rat bewährter Männer 
aller Parteien aus allen Teilen des Reiches zur Seite stellt, um 
vor und mit ihnen diese grundlegenden politischen Beschlüsse 
öffentlich zu beraten und zu fassen und auf diese Art auch 
der Finanzgebarung die für den Kredit so notwendige Öffent- 
lichkeit zu verschaffen. Das von uns vorgeschlagene System 
wäre nun sehr geeignet, einem solchen Kollegium eine demo- 
kratische Basis zu bieten und es populär zu machen, ohne das 
Volk in die gewaltige Aufregung eines aktiven Wahlkampfes 
zu versetzen. Für die Regierung läge aber darin die Nötigung, 
dieses Parlament nicht etwa volksfremd oder allzu gefügig und 
kraftlos zusammenzustellen. 

X. 

Alle diese opportunistischen und logischen Erwägungen 
haben ja nichts Anziehendes und Reizvolles. Aber wir stehen 
heute alle vor harten, trockenen Notwendigkeiten und vor Ent- 
scheidungen, in denen man sich am besten auf einen nüchtern 
beobachtenden Verstand verläßt. 

Gerade Österreich steht heute vor einer schweren Wahl. 
Starke innere Sympathien und kulturelle Zusammenhänge locken 
zur Nachahmung westlicher Vorbilder. Diese Empfindungen 
werden noch unterstützt durch das Bedürfnis, Selbständigkeit, 
ja einen gewissen Gegensatz gegen Deutschland zu betonen. 
Auf der anderen Seite steht der Erfolg des preußischen Systems, 
dem aber in Österreich die starken Wurzeln historischer Tradition, 
sowie nationale und soziale Voraussetzungen fehlen. Da bleibt 
nur eine Möglichkeit: den eigenen Weg zu finden. Doch sehen 



Friedlaender, Zur inneren Entwicklung der österr. Staatsverfassung. 95 

wir heute klarer, in welcher Richtung er Hegt. Unser demo- 
kratisches System hat Elemente zweier verschiedener Herrschafts- 
systeme in sich aufgenommen: Das eine ist demokratisch nur 
in der Auswahl der Herrschenden, die es ohne Rücksicht auf 
Unterschiede der Geburt und des Vermögens, nach Verdienst 
und Fähigkeit nimmt, wo es sie findet. Zweck dieses Systems 
ist höchste Leistung des Staates nach außen und Gerechtigkeit 
gegen den einzelnen. Die reinste Form dieses Systems finden 
wir in der katholischen Kirche, eine modernere, weniger reine 
Form in Preußen. — Das andere System ist demokratisch in 
der Herrschaftsorganisation selber. Es verzichtet auf irdisch 
unvollkommene „Gerechtigkeit", richtet nicht über Verdienst 
und Fähigkeit, gibt jedermann gleiche Macht an der Regierung 
des Staates, beseitigt wenn möglich jede Unterordnung, schränkt 
die Staatszwecke und alle Gemeinsamkeit möglichst ein, zu- 
gunsten der Freiheit, des Individuums, — der „Freiheit vom 
Staate". Das allgemeine gleiche Wahlrecht stammt aus diesem 
Gedankenkreis. In reiner Form finden wir dieses System nirgends, 
da es in dieser die Negation des Staates ist. Es muß zugegeben 
werden, daß dieses System hohe ethische Ideale verwirklicht, 
daß es das christliche Verzichten auf irdische Gerechtigkeit 
lebendig macht, daß die Befreiung des Individuums geistig be- 
lebend und idealisierend wirkt, während alle Organisation materia- 
listisch und im gewissen Sinne geisttötend ist; es muß zugegeben 
werden, daß die westlichen Länder diesem Ideal mit ihrer Ver- 
fassung näher kommen als wir — aber: Vom modernen Staate 
werden Kraftleistungen verlangt, die nur durch Massenorgani- 
sation erbracht werden können, die materiell für den einzelnen 
nur durch Organisation erträglich werden. Die Leistungsfähig- 
keit der Organisation aber wird um so größer, ihr materieller 
Druck für den einzelnen um so geringer, je fester und strammer 
ihre Verfassung ist. Diese Überlegung zwingt uns dem Zug 
unseres Herzens, der nach dem Westen geht, weniger zu ge- 
horchen, als dem unseres Verstandes, der uns auf unseren nörd- 
lichen Nachbar als Vorbild hinweist. 

Nur zu einem Zweck sollte diese Betrachtung mindestens 
beitragen: Sie sollte die Aufmerksamkeit auf die schweren 
inneren Fragen lenken, die in der nächsten Zukunft zu lösen 
sein werden und von denen wir durch allzu einseitige Beschäfti- 
gung mit ökonomischen und außenpolitischen Problemen zurzeit 
über Gebühr abgelenkt werden. Der Staatskörper braucht innere 
Kräftigung, um in den kommenden Krisen der Gefahr der 



96 Friedigen der, Zur inneren Entwicklung der österr. Staatsverfassung. 

Plutokratisierung und der Demagogie zu entgehen. Wir dürfen 
nicht in Systemen erstarren, die schon vor Jahrtausenden ver- 
sagt haben und heute an der größten Katastrophe der Mensch- 
heit mitschuldig sind. Wir haben unsere Vorbilder — und das 
war ja im allgemeinen der Fehler der* letzten Jahrzehnte — 
nur mechanisch fortgebildet und nicht geistig entwickelt. Wir 
müssen die Überzeugung gewinnen, daß unsere heutigen demo- 
kratischen Methoden keine gegebenen Größen, keine Dogmen, 
daß sie unvollkommen und im Werden begriffen sind und daß 
wir sie ihrem Wesen nach entwickeln, verbessern und unseren 
Verhältnissen anpassen müssen. 



Zum Stand der politischen Probleme 

Zusammenfassende und vergleichende Übersichten 



I. 
Ungarns gutes Recht 

Eine Antwort auf die Ausführungen der Herren Professoren Sieger, Weber 
und v. Philippovick 

Von Olivier Nagy von Eötteveny 

I. 

Das zwischen der österreichisch-ungarischen Monarchie und dem Deut- 
schen Reich vor Jahrzehnten geschaffene Bündnis wurde durch den Krieg 
nicht nur im läuternden Feuer der Waffenbrüderschaft gestählt, sondern es 
hat sich auch der gesellschaftliche Verkehr dieser Machtfaktoren Mitteleuropas 
überaus innig gestaltet. Wenn vielleicht auch der Tummel des Krieges 
manchen wenig geeignet erscheinen mag. der Vertiefung des gegenseitigen 
Verständnisses schon jetzt mehr Zeit zu widmen, so übt doch der Umstand, 
daß sich unsere tapferen Krieger auf dem Schlachtfeld zusammenfanden und 
ihre hervorragenden Eigenschaften gegenseitig kennen und schätzen lernten, 
auch auf die Millionen nicht kämpfender einen günstigen Einfluß, und es ist 
eine erfreuliche Tatsache, daß nicht nur die vielleicht manchmal in Jahren 
des Friedens fühlbar gewordene leise Entfremdung als überwunden gelten 
kann, sondern vielmehr aus dem heutigen Verständnis und der herrschenden 
Eintracht sich auch für die Zukunft die Umrisse einer wirklich engen Waffen- 
brüderschaft entrollen. 

Eine weitere Fortsetzung dieses Gremeingefühls ergibt sich daraus, daß 
die Organe der deutschen, österreichischen und ungarischen Presse, in wissen- 
schaftlichen Zeitschriften nicht minder wie in den Tagesblättern, sich die 
eingehende Erörterung der gegenseitigen Verhältnisse zur Aufgabe gestellt 
haben. 

Dabei gilt es als selbstverständlich, daß auf der Seite, wo sich dies- 
bezüglich ein größerer Mangel fühlbar machte, auch die Zahl der zu lösen- 
den Probleme eine größere sein muß. Ist doch allgemein bekannt, daß man 
im Westen Europas über die östlichen Verhältnisse weniger genau orientiert 
ist, als umgekehrt, was sich daraus erklärt, daß der Zug der Zivilisation die 
Richtung von Westen nach Osten aufweist, und demnach alles, was im Westen 
geschaffen wird, dem auf entsprechender Bildungsstufe stehenden Einwohner 
Zeitschrift für Politik. 10. 7 



98 von Eötteveny, Ungarns gutes Recht. 

des Ostens im allgemeinen viel besser bekannt ist, als dies beim Durchschnitts- 
mensch des Westens betreffs der östlichen Verhältnisse der Fall zu sein pflegt. 
Als weitere Folge dieses Umstandes ergibt sich, daß auch die gebildete Be- 
völkerung Ungarns mit den Lebensverhältnissen des Deutschen Reiches viel 
eingehender vertraut ist, als umgekehrt. Doch soll dies den Deutschen durch- 
aus nicht zum Vorwurf gereichen. Denn wie eben das Ungartum sich um 
die Kenntnis der deutschen Verhältnisse viel eifriger bemüht, und sich in 
deutsches Wesen und deutsche Kultur viel mehr vertieft, und daher auch 
ungleich stärker unter ihrer Einwirkung steht, als dies von ihm bezüglich 
der Gewohnheiten, der Geschichte und der Sprachforschung der Balkanvölker 
behauptet werden kann, so ist es auch leicht verständlich, daß die Deutschen 
als führende Nation des Westens über die Verhältnisse des Ungartums nicht 
so genau orientiert sein können, wie über die der andern westlichen Nationen. 

Diesem Umstand ist es zuzuschreiben, daß in der deutsch-österreichisch- 
ungarischen Verbrüderungsaktion Ungarn die meisten Mißverständnisse zu 
beseitigen und die meisten irrtümlichen Informationen zu berichtigen hat, 
weil Ungarn, ohne deswegen auf ein besonderes Verdienst Anspruch zu er- 
heben, über seine Bundesgenossen viel eingehender unterrichtet ist, als diese 
über Ungarn. 

Die ungarische Kultur wuchs zwar einige Jahrhunderte hindurch an der 
Brust der italienischen Renaissance empor, denn Ungarns mächtige nationale 
Könige, allen voran Ludwig der Große (1342—1382) und Matthias Hunyady, 
auch Corvinus genannt (1456 — 1490). standen nicht bloß durch ihre Familien- 
beziehungen, sondern auch durch die Herkunft ihrer Bildung unter italieni- 
schem Einfluß: mit der Thronbesteigung der Habsburger am Anfang des 
XVI. Jahrhunderts gelangte Ungarn jedoch in die Interessensphäre der deut- 
schen Kultur, die übrigens unserm Volk nicht neu war, da schon Gisella 
von Bayern, die Gattin des ersten ungarischen Königs Stephan des Heiligen 
(1000 — 1038), eine deutsche Prinzessin war, und seitdem die deutsche Kultur 
des Mittelalters von großem Einfluß auch in Ungarn war. Dies wurde nun 
im XVI. Jahrhundert beständig, und das Deutschtum, als eine mit den Ungarn 
im unmittelbarsten Nachbarverkehr stehende Kulturrasse, ließ seine Kultur 
unentwegt auf Ungarn ausstrahlen. Dem ist es zu verdanken, daß von den 
fremden Sprachen, welche jetzt in Ungarn verbreitet sind, die deutsche es 
ist, welche am meisten gesprochen wird, abgesehen von den in Ungarn lebenden 
einheimischen Deutschen, auch dort, wo die deutsche als fremde Sprache nur 
angelernt wurde. Weiter folgt daraus, daß die deutsche Wissenschaft auf die 
ungarische stets von größtem Einfluß war; ziehen wir heutzutage entweder 
die Sozial-, oder die Naturwissenschaften in Betracht, so wird man finden, 
daß die Werke, Erfindungen und literarischen Produkte deutscher Gelehrter 
in Ungarn eine verhältnismäßig weit größere Beachtung erfahren, als die 
der Franzosen und Engländer. 

Aus diesen Tatsachen ergibt sich von selbst die Forderung, daß bei 
intensiverer Ausgestaltung des deutsch-österreichisch-ungarischen Einverneh- 
mens der größere Teil der Aufklärungsarbeit Ungarn zufällt, da es, wie wir 
sahen, weit weniger notwendig ist, die Ungarn oder besser gesagt, die in- 
tellektuellen Kreise Ungarns über die deutschen Verhältnisse aufzuklären, 
weil sie über diese bereits durch die Schule, durch Lektüre und Reisen ein- 
gehend unterrichtet sind, während die deutsche Intelligenz aus den vorher 
erörterten Ursachen über die inneren Verhältnisse Ungarns, über seine staats- 
rechtliche und wirtschaftliche Stellung und seine Geschichte nicht so genau 



von Eötteveny, Ungarns gutes Recht. 99 

orientiert ist. Ans diesem Grunde ergreift auch das Ungartum mit Freude 
die Gelegenheit, um berufenen Ortes ein Bild seiner Stellung zu entwerfen. 
Dies ist sogar patriotische Pflicht eines jeden Feder führenden Ungars, denn 
es ist von größter Wichtigkeit, daß jene kulturelle und moralische Macht, 
welche das Deutschtum auf der Welt repräsentiert, die Geschichte und die 
Rechte Ungarns nicht in einer falschen Beleuchtung erkenne, sondern daß 
sie auf Grund einwandfreier Tatsachen zu der festen Überzeugung gelange: 
so wie im Kriege die ungarische Basse ihren Platz heldenmütig behauptet 
hat und das Blut kernungarischer Eegimenter außerhalb der Grenzpfähle 
des Königreichs Ungarn, sowohl in Galizien, als auch an der italienischen 
Front in Strömen vergossen hat und das Ungartum die Zukunft der öster- 
reichisch-ungarischen Monarchie mit der ganzen Hingebung und mit dem 
äußersten Opfermute beschirmte, ebenso wird es auch in den glücklichen 
Jahren des Friedens mit reinster Hingebung außer an Österreich auch an 
seinem treuen deutschen Waffenbruder hängen, vor dessen hoher Kultur es 
sich verbeugt, und von dem zu lernen es stets für eine Tugend hielt. Doch 
kann ihm deswegen keinesfalls zugemutet werden, seine nationale Selbständig- 
keit aufzuopfern, schon aus dem Grunde nicht, weil es eben in erster Reihe 
die guten Eigenschaften der ungarischen Rasse sind, welche die Deutschen 
im Weltkriege achten und schätzen lernten, und weil das Ungartum, falls es 
seinen Rassecharakter einbüßte, den Boden unter den Füßen verlieren winde, 
um dessentwillen es schätzen gelernt wurde. 

An diesem friedlichen, mit der Feder geführten Kampfe möchten also 
auch wir mit einigen bescheidenen Worten teilnehmen. Die Zeitschrift für 
Politik ist ein Organ, welches auch in den wissenschaftlichen Kreisen Ungarns 
viele Leser aufweisen kann, die größte Zahl seiner Leser ist aber natürlich 
im Deutschen Reich zu finden, und daher ist es auch für uns nicht gleich- 
gültig, mit welcher Tendenz und aus welchen Motiven die in den Spalten 
dieser Zeitschrift über Ungarn erscheinenden Artikel geschrieben sind, in 
welcher Beleuchtung darin das Ungartum dem deutschen Leser vorgeführt 
wird, da es sonst leicht geschehen könnte, daß einige gegen die ungarische 
Rasse, ob mit Recht oder Unrecht eingenommene Schriftsteller der deutschen 
öffentlichen Meinung ein Bild von uns, unserer Vergangenheit und unseren 
Bestrebungen geben würden, das zu allem anderen eher geeignet ist als zu 
dem, uns die Sympathie Deutschlands zu sichern. 

Im neunten Bande dieser Zeitschrift sind nun drei politische Studien 
erschienen, die aus der Feder von österreichischen Universitätsprofessoren 
stammen. Die erste, deren Verfasser Dr. Robert Sieger, Universitäts- 
professor in Graz ist, führt den Titel: „Der österreichische Staats- 
gedanke und das deutsche Volk", die zweite: „Deutschland und 
Österreich- Ungarn" hat den Universitätsprofessor in Prag, Dr. Ottocar 
Weber zum Verfasser, während der dritte Aufsatz aus der Feder des Herren- 
hausmitgliedes und Universitätsprofessors in Wien, Dr. Bugen v. Philippo- 
vich unter dem Titel: „Österreichs und Ungarns Zollgemeinschaft" 
erschien. 

Alle drei Verfasser verdienen sowohl aus persönlichen Gründen, wie 
auch infolge des verbreiteten Rufes der wissenschaftlichen Anstalten, denen 
sie angehören, vollste Beachtung. Was durch sie in den Spalten einer wissen- 
schaftlichen Zeitschrift zur Veröffentlichung gelangt, gehört nicht zu dem 
im Strudel der Tagesereignisse verschwindenden oberflächlichen Berichte, 
sondern muß als aus reiflicher Überlegung hervorgehende Arbeit ernster 

7* 



100 von Eötteveny, Ungarns gutes Recht. 

Gelehrter betrachtet werden, für die sie natürlich auch die volle Verant- 
wortung zu übernehmen haben. Und da auch das Publikum dieser Zeitschrift 
die darin enthaltenen Angaben durch dieselbe Brille betrachtet, ist es nur 
selbstverständlich, wenn ihre zum Ausdruck gelangten Schlußfolgerungen als 
wissenschaftlich einwandfrei gelten. Wollten wir jedoch dies zugeben und 
dem Standpunkt der erwähnten Gelehrten beipflichten, so hätte das Ungar- 
tum, diese auf eine über mehr als tausendjährige, ruhmreiche Vergangenheit 
zurückblickende Nation Europas ■ — der heutige ungarische Staat entwickelte 
sich nämlich schon im IX. Jahrhundert — eine so armselige staatsrechtliche, 
wirtschaftliche und soziale Stellung, mit dem als einem Machtfaktor sich zu 
verbinden es sich für eine so hochstehende Rasse, wie die deutsche, sicher 
nicht lohnen würde. Da wir jedoch überzeugt sind, daß die überwiegende 
Mehrheit des Deutschtums die Mission und die historische Vergangenheit des 
Ungartums viel höher einschätzt, besonders wenn es uns im Verlaufe des 
weitern gelingen wird, dies mit stets sine ira et studio vorgebrachten 
Fakten zu erhärten, so erfüllen wir bloß eine Pflicht, wenn wir auf die Irr- 
tümer der genannten Verfasser hinweisen, wo es sich um solche handelt, 
aber auch auf die von irreführender Tendenz geleiteten Erörterungen auf- 
merksam machen, wo eine solche festgestellt werden kann, und auf diese 
Weise unsererseits, im Bewußtsein unseres guten Rechts, die richtige Antwort 
erteilen. Der Gedankengang der drei zu besprechenden Aufsätze jedoch ist 
ein verschiedener und auch die Art der Schlußfolgerungen nicht die gleiche, 
so daß es fast unmöglich ist, auf alle drei Aufsätze zugleich die Antwort zu 
erteilen. Wir werden es daher unternehmen, die Unhaltbarkeit ihrer Gründe 
und ihre der ungarischen Nation gegenüber von wenig Wohlwollen zeugenden 
Schlußfolgerungen zu untersuchen und zu zergliedern. 

IL 

Die Grundlage der Schlußfolgerungen Siegers ist entsprechend der 
Fakultät des Verfassers, der Professor der Geographie in Graz ist, eine 
geographische. Sein Ausgangspunkt beruht nicht auf juristischer Distinktion, 
und doch kommt er in seinen weitern Erörterungen zu Schlüssen, welche 
bereits rein juristischen Charakter aufweisen. Allein selbst von geographi- 
schem Standpunkt aus wäre es falsch, Siegers Schlußfolgerungen in allem 
beizupflichten. Wir wollen zwar nicht in denselben Fehler verfallen und 
unsererseits als Juristen geographische Erklärungen geben, doch können wir 
der Auffassung des Verfassers, daß die österreichisch-ungarische Monarchie, 
oder wie er sie mit Vorliebe nennt, die Donaumonarchie, von Natur aus zu 
einer einheitlichen Staatenbildung prädestiniert sei, nicht beizollen. Wir 
werden auch sogleich die Gründe hierfür anführen. Ungarn wird von natür- 
lichen Grenzen umgeben. Die Gebirgskette der Karpathen umringt es bei 
Deveny beginnend im Westen, Norden, Osten und Südosten, während im 
Süden die Donau und die Save die natürliche Grenze bilden. Bloß im 
Westen, gegen Niederösterreich und Steiermark, sind solche natürliche Grenzen 
nicht vorhanden. Diese geographische Gestaltung hat aber seine Wirkung 
auch während der ganzen Geschichte des ungarischen Staates geäußert, denn 
all jene Gebiete, welche im Verlaufe des Mittelalters unter die Hoheit des 
ungarischen Staates gelangten, doch außerhalb der erwähnten natürlichen 
Grenzen sich befanden, verblieben nicht ständig in seinem Verbände; viel- 
mehr wurden sie durch den ersten Ansturm von ihm losgerissen, während 
das Innere des Landes noch jeder fremden Gewalt, die es zu erobern oder 



von Eötteveny, Ungarns gutes Recht. 101 

zu zerstückeln trachtete, erfolgreich widerstand. An der Einheitlichkeit der 
geographischen Lage des ungarischen Reiches scheiterten alle darauf gerich- 
teten Versuche und Bestrebungen. Es ist eine historische Tatsache, daß das 
heutige Galizien, die Bukowina und ein großer Teil Rumäniens, ferner das 
jetzt eroberte Serbien, ja sogar Bulgarien, wahrend der Regierung der ein- 
einheimischen Arpädendynastie zu Ungarn gehörten. Doch als sich die Macht 
der Türken auszudehnen begann, gingen diese Vasallenländer Ungarns ebenso 
verloren, wie später auch Bosnien, welches eine Zeitlang, unter König Matthias 
Hunyady, infolge seiner genialen Feldherrnkunst und seiner diplomatischen 
Geschicklichkeit der türkischen Invasion trotzte, aber nach der Niederlage 
bei Mohäcs im Jahr 1526 sich dennoch von der ungarischen Krone lostrennte. 
Wie steht es damit auf dem vorhin fixierten eigentlichen Gebiete 
Ungarns? Die Türken nahmen zwar nach der Schlacht bei Mohäcs einen 
großen Teil des Landes in Besitz und hielten es auch anderthalb Jahr- 
hunderte hindurch in ihrer Hand; sobald aber ihre Kraft erlahmte und sie 
aus dem Lande vertrieben wurden, kam auch die durch seine geographische 
Gestaltung gebotene Einheitlichkeit Ungarns wieder zur Geltung. Vergeblich 
versuchten absolutistische Bestrebungen es zu zerstückeln, das letztemal, als 
der nach 1848 einsetzende Absolutismus, welcher nicht bloß das zur gleich- 
berechtigten Kronprovinz erhobene Kroatien-Slavonien von Ungarn lostrennte, 
sondern auch die südlichen Komitate unter den Namen Temeser Banat und 
Serbische Wojwodschaft losriß, verlieh wieder die alle Hindernisse beseitigende 
Kraft der geographischen Gestaltung den auf den staatsrechtlichen und 
historischen Tatsachen des einheitlichen Ungarns ruhenden nationalen Be- 
strebungen eine sozusagen beispiellose Hilfe. Aus diesem Grunde können 
wir Siegers Auffassung nicht beistimmen, daß die österreichisch-unga- 
rische Monarchie als solche eine geographische Einheit bildet, ja sogar 
der jetzt tobende Weltkrieg hat das Prinzip der natürlichen Grenzen im 
Sinne unserer Erörterungen von neuem bestätigt, indem es uns während des 
Feldzuges nicht gelang, Galizien vor der russischen Invasion zu bewahren, 
doch zerschellte die Macht des Feindes an den Karpathen, also an den natür- 
lichen Grenzen Ungarns. Daher bleibt nichts anderes übrig, als sich mit 
der Tatsache abzufinden, daß nicht die Monarchie, sondern Ungarn 
ein geographisch einheitlich gestaltetes Gebiet darstellt. Dies bezeugt auch 
die Geschichte Ungarns. Während nämlich die einzelnen Gebiete und Pro- 
vinzen Österreichs zu verschiedenen Zeiten unter das kaiserliche Szepter 
gelangt sind und in geographischer Hinsicht eine Gestaltung aufweisen, 
welche schon bei einem flüchtigen Blick auf die Landkarte als bizarr be- 
zeichnet werden muß, vertritt Ungarn mit seiner abgerundeten geographischen 
Form sozusagen einen Typus für eine vollendete geographische Einheit. Der 
Kern Österreichs besteht aus den Alpenländern, denen im 16. Jahrhundert 
Böhmen angegliedert wurde, während Galizien und die Bukowina nur bei 
der letzten Teilung Polens, also am Ende des 18. Jahrhunderts von den 
damaligen Herrschern erworben wurden. Schon diese ebenso zeitlich, wie 
auch vom Machtstandpunkt aus divergierenden Ursachen zustande gekommene 
Staatenbildung trägt den Stempel der Zerfahrenheit an sich. Dies gelangt 
aber auch in der Terminologie des österreichischen Staatsrechtes zum Aus- 
druck, welches die Benennung „Österreich" offiziell bis in die 
jüngste Zeit vermied und bloß die Bezeichnung „die im Reichs- 
rate vertretenen Königreiche und Länder" als die offizielle Be- 
nennung Österreichs gebrauchte. Doch wird der angeführte Satz 



102 von Eötteveny, Ungarns gutes Recht. 

ebenso durch die nationale Zersplitterung Österreichs bewiesen, welche ins 
Auge fallend ist. Denn diese Zersplitterung konnte unter Preisgebung der 
Erfordernisse der deutschen Sprache und Kultur den Konstitutionalismus 
bloß durch solche den Nationalitäten gewährte Konzessionen aufrecht erhalten, 
welche das vorher einheitliche Österreich in seinen Grundlagen erschüttern 
mußten. Charakteristisch ist in dieser Hinsicht folgendes. Während der 
Ausgleich von 1867 zwischen Ungarn und Österreich auf der prinzipiellen 
Grundlage aufgebaut ist, daß in Ungarn das ungarische, in Österreich dagegen 
das deutsche Element die Führerschaft besitzen sollte, als dessen natürliche 
Folge der ungarische Nationalstaat — den manche österreichischen Politiker 
und Gelehrte mit so scheelen Augen betrachten — im Laufe des derzeit 
verflossenen halben Jahrhunderts erstarkte, geriet Österreich schon kurz 
nach dem Ausgleich, unter dem Kabinett Hohenwarth auf die abschüssige 
Bahn, welche das schrittweise Aufgeben der Führerposition der Deutschen 
mit sich und das Kaisertum einer vollständigen Föderalisation immer näher 
brachte. Diesen diagonalen Auffassungen über die Rechte und Stellung der 
Staatssprache ist es auch zuzuschreiben, daß trotzdem in Ungarn der Sprach- 
gebrauch der nichtungarischen Einwohner selbstverständlich keinem Verbot 
unterworfen ist, ja sie gebrauchen ihre Sprachen in jeder, besonders in 
kultureller Beziehung einwandfrei; dennoch ist die Gesetzgebung, die Ver- 
waltung und die Justizorganisation vollständig ungarisch, in Österreich 
dagegen ging die deutsche Hegemonie in allen Provinzen, die nicht eine 
rein deutsche Bevölkerung aufweisen, verloren. Ist es doch allgemein be- 
kannt, daß beispielsweise die Polen in Galizien eine so ausgedehnte sprach- 
liche Autonomie besitzen, daß dadurch diese Provinz den Deutschen gegen- 
über ein völlig fremdes Wesen aufweist, während in Böhmen, dessen wert- 
vollste Gebiete doch meistens von Deutschen bewohnt sind, das Deutschtum 
die Führerschaft seit 1867 Schritt für Schritt den Tschechen überlassen 
mußte. Diese beherrschen nicht nur den dortigen Landtag, sondern zogen 
auch durch den Ausbau ihres nationalen Schulsystems von der Volksschule 
angefangen bis zur Universität eine rein tschechische Intelligenz auf, die 
mit den Deutschen nicht nur nicht sympathisiert, sondern ihnen ausgesprochen 
feindlich gegenübersteht. 

Wenn wir über all diese Momente unterrichtet sind, fällt es wirklich 
schwer zu verstehen, wie Sieger den einheitlichen Charakter des ungari- 
schen Nationalstaates in Zweifel ziehen und die Einheitlichkeit der österreich- 
ungarischen Monarchie verkünden kann, da doch die Österreicher die 
dominierende Kraft der deutschen Kultur nicht einmal in Österreich selbst 
zu erhalten imstande waren. Warum berührt es sie also so schmerzlich, daß 
die Grundprinzipien des Dualismus in den ungarischen Teilen der Monarchie 
zur Geltung gelangen konnten? Hätte nämlich Ungarn den Nationali- 
tätsminoritäten gegenüber dieselbe Politik befolgt, wie Öster- 
reich seit 1867 (was in Ungarn übrigens jeder historischen Grundlage 
entbehrt, da ja dies Land, wie wir sahen, eine einheitliche Staatenbildung 
und kein Konglomerat von im Verlauf der Jahrhunderte erworbenen Pro- 
vinzen darstellt), so wäre die ganze Monarchie erst auf die schiefe 
Bahn des Föderalismus geraten und der Zerstückelung anheim- 
gefallen. Bei dieser Gelegenheit müssen wir also der Überzeugung eines 
jeden Ungarn Ausdruck geben, daß der Kern der Monarchie eben aus den 
erwähnten Ursachen in Ungarn und seiner staatlichen Einheitlichkeit 
zu finden ist, welche gerade durch Ungarns tausendjährige Geschichte und 



von Eötteveny, Ungarns gutes Recht. 103 

zielbewußte nationale Politik bewahrt wurde. Aus diesem Grunde kann also 
der österreichische Staats gedanke in jener Form, wie dies Sieger 
meint, weder von mir, noch von keinem vernünftig denkenden Ungarn über- 
haupt zugestanden werden. 

Es gibt jedoch eine ungarische Staatsidee, welche darin besteht 
daß Ungarn einen Einheitsstaat bildet, der mit dem unter dem Regime 
Sr. Majestät stehenden andern Staate (nämlich Österreich) seit Jahrhunderten 
in staatsrechtlichem Verhältnis steht, und deshalb im Interesse dieser Gemein- 
samkeit schon oft zur Aufopferung so mancher Erfordernisse der ungarischen 
Staatlichkeit und zu anderweitigen Konzessionen bereit war. Dies beweist 
auch der Umstand, daß die Dienstsprache der gemeinsamen österreichisch- 
ungarischen Institutionen (äußere Vertretung und Kriegswesen) die deutsche 
ist, ferner, daß diese Behörden ihren Sitz nicht in der ungarischen, sondern 
in der österreichischen Hauptstadt haben usw. Doch wäre es verfehlt, daraus 
den Begriff des österreichischen Staatsgedankens ableiten zu wollen, daher 
ist auch die Behauptung Siegers als grundfalsch zu verwerfen, als ob das 
Prinzip der pragmatischen Sanktion, demzufolge Ungarn sowie die andern 
Länder Sr. Majestät indivisibiliter ac ins eparabilit er zum unveräußer- 
lichen Besitz der Habsburger gehören, mit der ungarischen Staatsidee im 
Gegensatz stände, und letztere somit gewissermaßen als ein engerer Staats- 
gedanke dem die Monarchie in sich schließenden weitern Staatsgedanken 
gegenüberstände. Als die pragmatische Sanktion im Jahre 1722 geschaffen 
wurde, zog die ungarische Gesetzgebung in richtiger Erkenntnis die 
Konsequenz aus der historischen Tatsache, daß die Angehörigen der Habs- 
burger Dynastie damals bereits seit zwei Jahrhunderten auf den ungarischen 
Thron gewählt wurden. Durch die darauf erfolgte Anerkennung des Erb- 
rechts wurde also die Konsolidierung Ungarns angestrebt. Es versteht sich 
von selbst, daß durch die Grundbestimmung der pragmatischen Sanktion, 
derzufolge der König von Ungarn mit dem Herrscher der österreichischen 
Provinzen identisch ist. teilweise eine gewisse beständige Gemeinsamkeit 
herbeigeführt wurde, welche auch in Institutionen zum Ausdruck gelangte, 
doch wäre es ein schwerer Irrtum, zu glauben, daß die beiden 
Länderkomplexe dadurch nun schon miteinander verschmolzen 
wären. Dies wurde in Ungarn resp. durch ungarische Gesetze niemals an- 
erkannt, und daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern. Gerade in 
jenen, mit Waffen geführten Kämpfen des XVII. — XTX. Jahrhunderts gegen 
den sogenannten weiteren Staatsgedanken (also das Prinzip der Reichs- 
einheit), welche der österreichische Zentralismus als Insurrektionen und Auf- 
stände bezeichnet, die ungarische Geschichte dagegen als nationale Freiheits- 
kämpfe verherrlicht, hat das Ungartum für die ungarische Staatlichkeit 
jahrhundertelang sein Blut vergossen. Weder unter den Nationalhelden 
Bocskay und Bethlen, noch zur Zeit Räköczys (XVH. und XVHI. Jahrhundert), 
als solche Kämpfe stattfanden, noch auch im Jahre 1848 erhob die ungarische 
Nation die Waffen gegen ihre Dynastie, denn alle ungarischen Freiheitshelden 
bestanden selbst im Besitze der Macht entschieden darauf, einzig für die 
Freiheit des Vaterlandes und nicht gegen den König zu kämpfen, und auch 
am 4. April 1849 wurde das Debrecziner Parlament erst dadurch zur Freiheits- 
erklärung und Dethronisierung der Dynastie gedrängt, weil ein Monat vorher, 
am 4. März 1849 die sogenannte Olmützer Verfassung ausgegeben wurde, 
durch die der österreichische Ksiserstaat dekretiert und Ungarn aus der Reihe 
der selbständigen Staaten einfach gestrichen und dem Kaiserstaat einverleibt 



104 von Eötteveny, Ungarns gutes Eecbt. 

wurde. Gerade der Umstand, daß die durch das türkische Joch aufs äußerste 
geschwächte ungarische Nation jahrhundertelang für seine Unabhängigkeit 
und staatliche Selbständigkeit zu kämpfen vermochte, liefert den glänzend- 
sten Beweis, daß die ungarische Staatsidee tatsächlich ein lebendig 
wirkender Gedanke ist und nicht bloß ein Traum nationaler 
Chauvinisten, demgegenüber der österrefchische Staatsgedanke 
in jenem Sinne, als ihn Herr Professor Sieger für lebensfähig hält, selt- 
samerweise stets bloß in Einverleibungsversuchen gegen Un- 
garn und in den darauf gerichteten Bestrebungen zur Geltung 
gelangen konnte und sogleich alle Kraft einbüßte, sobald es sich um eine 
zielbewußte Gruppierung der einander gegenüber feindlich gesinnten Natio- 
nalitäten des eigentlichen Österreich handelte. 

Daher ist auch die Behauptung Siegers, daß der ungarische National- 
staat erst 1867 anerkannt wurde und seine Selbständigkeit nur seither un- 
unterbrochen zunehme, unhaltbar. Denn 1867 wurde bloß die seit Jahr- 
hunderten währende Tatsache neuerdings konstatiert, und in den seither ver- 
flossenen Jahrzehnten wurden die Resultate dieser früheren Jahrhunderte 
weiter entwickelt. Ganz unbegründet ist ferner auch jene Formulierung des 
österreichischen Staatsgedankens, nach welcher Österreich durch Niederringen 
des Orientalismus die mitteleuropäische Kultur zu verwirklichen hat und zwar 
für alle Völker des Reiches. Erstens existiert der staatsrechtliche Begriff 
„alle Völker des Reiches" gar nicht. Die ungarische Verfassung kennt in 
Ungarn bloß eine einzige Art der Staatsbürgerschaft und zwar die ungarische, 
welcher die Untertanen sämtlicher Länder der heiligen ungarischen Krone, 
als auch die Kroaten angehören. In staatsrechtlicher Beziehung sind 
die Österreicher in Ungarn ebenso Ausländer, wie die Deutschen. 
In der österreichisch-ungarischen Monarchie gibt es überhaupt 
zwei Arten von Staatsbürgerschaft, die österreichische und die 
ungarische, weshalb notwendigerweise jeder Bürger der Monarchie ent- 
weder österreichischer oder ungarischer Staatsbürger ist. Daraus folgt, 
daß es keine österreichisch-ungari sehen Staatsbürger gibt, eben- 
sowenig als auch kein österreichisch-ungarisches Staatsgebiet 
existiert. Hingegen existieren zwei Reiche: Ungarn und Österreich. 
Daher kann es auch keine „Völker des Reiches" geben in dem Sinne, als 
diesen Begriff Sieger aufstellt (abgesehen davon, daß das Wort „Volk" ein 
geographischer und kein politischer Begriff ist), sondern man kann nur von 
einem Volk Ungarns oder einem Volk Österreichs sprechen. Was will aber 
der Verfasser damit eigentlich sagen, wenn er als Aufgabe des österreichischen 
Staatsgedankens den Sieg der deutschen Kultur über den Orientalismus be- 
zeichnet? Wie er sich dies in Österreich vorstellt, wissen wir nicht und geht 
uns Ungarn auch weiter nichts an. Doch was Ungarn hetrifft, ist es unsere 
Pflicht, hierauf folgende Tatsachen zu erwähnen. 

In Ungarn ist jeder einsichtige Mensch mit der ruhmreichen Vergangen- 
heit der deutschen Kultur vertraut und von ihrer weltumspannenden Macht 
und ihrer befruchtenden Einwirkung überzeugt, und somit ist die Schicht, 
in deren Hand das Los des Landes ruht, von der Bedeutung und der Macht 
der deutschen Kultur durchdrungen. Kein gebildeter Ungar hat sich je den 
Segnungen der deutschen Kultur verschlossen. Wir erlernen die deutsche 
»Sprache, ergötzen uns an ihren Klassikern uud bringen die Ergebnisse der 
deutschen Wissenschaft unseren Verhältnissen entsprechend auf den ver- 
schiedensten Gebieten zur Anwendung. Doch kann all dies nicht dazu führen, 



von Eötteveny, Ungarns gutes Eecht. 105 



Ungarn seiner Sprache und seines nationalen Charakters zu entkleiden, damit 
es seiner tausendjährigen Geschichte untreu werde, wie wir auch fest über- 
zeugt sind, daß uns dies kein wahrer Anhänger der deutschen Kultur, über- 
haupt kein wirklicher Deutscher zumuten wird. Besteht doch die werbende 
Kraft des Deutschtums eben darin, daß seine hoch entwickelte Kultur auch 
auf fremde Nationen von großem Einfluß war. Wer würde denn beispiels- 
weise daran denken, die Türkei oder Bulgarien, deshalb, weil 
heute die beiden Verbündete des Deutschen Reiches sind, ger- 
manisieren zu wollen? Ebensowenig kann Ungarn die deutsche 
Kultur in dem Sinne annehmen, daß es dadurch seiner Unab- 
hängigkeit und seiner Vergangenheit entsage. Wir sind dazu be- 
rufen, die Kultur des Westens dem Osten zu vermitteln. Die Geschichte 
hat Ungarn die Aufgabe zugewiesen, als Bindeglied zwischen 
der Kultur des Westens und dem Osten zu dienen. Jahrhundertelang 
haben wir den Westen mit unserem Leib beschirmt gegen alle Anoriffe des 
Ostens. Wir bluteten unter den schweren Streichen der Tataren im XLH. Jahr- 
hundert und litten unter der Türkeninvasion im XVI. und XVEE. Jahrhundert. 
In einer Hand hielten wir stets das Schwert und bloß die andere konnte die 
Pflugschar führen. Zum Bücherlesen ließ uns das Schicksal damals wenig 
Zeit, denn es bestand unsere welthistorische Mission darin, daß wir den 
Schutzwall gegen die östliche Barbarei bildeten und diese fernhielten, so daß 
sich die Kultur im Westen friedlich entwickeln konnte. Unser Orientalismus 
besteht in der Ausführung dieser kulturellen Aufgabe, und es kann jedem 
klar und objektiv Denkenden anheimgestellt werden, ob damit das Ungartum 
seine Mission richtig erfüllt hat? 

Sieger erwähnt ferner, daß die Deutschösterreicher vor 1867 die Träger 
der Gesamtstaatsidee waren, ihre Stellung im Gesamtstaat somit nicht 
dieselbe war, wie die der Ungarn in Ungarn oder der Tschechen in Böhmen, 
da sie das führende Element im Gesamtstaat bildeten, welches die Verbindung 
mit Westeuropa vermittelte. Es war daher verhängnisvoll, sagt der Verfasser, 
die Sprachen der andern Völker neben der deutschen Sprache sozusagen als 
Vulgär- und Lokalsprachen anzusehen und zu dulden. Bei diesem Satz muß 
vor allem auf die Tendenz hingewiesen werden, welche im Verlaufe der ganzen 
Siegerschen Studie daraufhin abzielt, Ungarn und Böhmen unter einen Hut 
zu bringen. Es muß dieses Verfahren ausgesprochen als Tendenz angesehen 
werden, da von einer Unwissenheit beim Verfasser doch nicht die Rede sein 
kann. Es ist eine historische Tatsache, daß Böhmen einst auch ein selbständiger 
Staat war. Aber es ist auch Tatsache, daß nach dem Tode des letzten Jagel- 
lonen, Ludwig n., in der Schlacht bei Mohäcs, auch Böhmen, ebenso wie 
Ungarn, unter das Zepter der Habsburger gelangte, als es am 23. Oktober 
1526 Erzherzog Ferdinand von Österreich zum König wählte, während der- 
selbe von Ungarn am 1. Dezember 1526 auf den Thron berufen wurde. Doch 
ist es demgegenüber eine ebenso unbestreitbare Tatsache, daß das Königs- 
wahlrecht Ungarns noch Jahrhunderte hindurch weiter bestehen blieb, und 
auch bei der Einführung der Thronerblichkeit Ungarn gegenüber eine in 
vieler Hinsicht wesentlich abweichende pragmatische Sanktion zustande kam, 
als den österreichischen Erbländern gegenüber, welche z. B. auch die 
wichtige Bestimmung enthält, daß sich die Dynastie für ewige 
Zeiten zur Anerkennung der Verfassung Ungarns verpflichtet; 
Böhmen hingegen büßte seine Selbständigkeit in der Schlacht am Weißen 
Berge ein, so daß Ferdinand H. in der am 10. Mai 1627 erlassenen „Ver- 



106 vonEötteveny, Ungarns gutes Recht. 

neuerten Landesordnung für Böhmen" das erbliche Königstum selbstherrlich 
verkündete, und erklärte, Zuwiderhandelnde als Hochverräter zu bestrafen. 
Der böhmische Landtag blieb zwar auch nach diesem Gewaltakt des Herr- 
schers weiter bestehen, doch seine wichtigste Befugnis, das jus legis feren- 
dae, wurde dem Kaiser vorbehalten. Auf diese Weise wurde für Böhmen 
de facto die absolute kaiserliche Gewalt dekretiert. Deshalb entbehrt es 
jeder rechtlichen Grundlage, von Böhmen als von einem mit Ungarn in eine 
Kategorie gehörigen Lande zu sprechen, und es ist irreführend, wenn der 
Fremde beim Lesen geneigt wird, daraus den Schluß zu ziehen, als ob etwa 
auch Ungarn bloß in dem Maße selbständig sei, wie dies Böhmen auf Grund 
seiner Landesautonomie zukommt. Eine Landesautonomie besitzt in Öster- 
reich auch jedes andere Kronland, Böhmen ebenso wie Tirol oder Kärnten. 
Einen Landtag und somit eine beschränkte gesetzgebende Gewalt genießt 
das Land Vorarlberg ebenso wie Böhmen, denn über allen diesen steht die 
österreichische Reichsgewalt, dessen Organder österreichische Reichsrat 
und die österreichischen Zentralreichsbehörden bilden. Dagegen kann 
es bloß als bewußte Tendenz angesehen werden, wenn Ungarn mit den Ge- 
nannten in eine Reihe gestellt wird, eine Tendenz, welche dahin abzielt, die 
Nichtorientierten zu verleiten, auch Ungarn für ein Glied des angeblich 
existierenden Gesamtstaates zu halten. 

Aus diesem Grunde muß auch die Behauptung Siegers auf das Ent- 
schiedenste zurückgewiesen werden, daß seit 1867 den Lokalsprachen, 
darunter also auch der ungarischen Sprache, auf Kosten der deut- 
schen Konzessionen gewährt wurden. Von wem rühren denn diese Kon- 
zessionen her? Wer war denn zu ihrer Gewährung ermächtigt? Soviel ist 
uns bekannt, daß sozusagen eine jede österreichische Regierung — z. B. Hohen- 
warth, Badeni, Gautsch — sich sehr den Kopf zerbrach, um den Deutschenhaß 
der österreichischen Slawen mittels der kompliziertesten Sprachenverord- 
nungen wenigstens einigermaßen zu mildern und ihnen auf Kosten der 
deutschen Sprache einen weiteren Wirkungskreis zuzusichern. Doch hat 
bisher noch nie etwas darüber verlautet, daß die Deutschen in Österreich 
gezwungen gewesen wären, der ungarischen Sprache als Vulgärsprache Kon- 
zessionen zu gewähren. Dies ist ein Novum! Auf Grund der ungarischen 
Verfassung können für Ungarn Gesetze einzig und allein durch 
die ungarische Gesetzgebung und den König von Ungarn ge- 
schaffen werden, und selbstverständlich sind auch die zur Beratung der 
gemeinsamen österreichisch-ungarischen Angelegenheiten berufenen Delega- 
tionen im Sinne der ungarischen Verfassung nichts anderes, als Parlaments- 
ausschüsse; auch können bloß Parlamentsmitglieder zu Mitgliedern der 
Delegationen gewählt werden, die also ihr Mandat nur vom Parlament erhalten. 
Oder hat die deutsch-österreichische Rasse der ungarischen etwa auf regie- 
rungsverwaltlichem Wege Konzessionen zugestanden? Durch welche 
Regierungs erlasse wäre dies möglich gewesen? Unseres Wissens kann für 
das Gebiet Ungarns bloß ein ungarischer Minister (für Kroatien- 
Slawonien in bestimmten Angelegenheiten auch der Banus, der aber auf 
Vorschlag und mit Gegenzeichnung des ungarischen Ministerpräsidenten vom 
König ernannt wird) Verordnungen erlassen, und sogar in den Fragen 
der gemeinsamen Wehrmacht werden die wichtigsten Verordnungen nicht 
durch den gemeinsamen Kriegsminister, sondern vom ungarischen Honved- 
minister erlassen, und auch die für die gemeinsame Armee bestimmten 
Rekrutenaushebungen können nur auf Grund des (mit dem österreichischen 



von Eötteveny, Ungarns gutes Recht. 107 

konformen) bezüglichen, besonderen ungarischen Gesetzes erfolgen. Mithin 
muß aus diesem Grunde Siegers Behauptung, wonach die ungarische Staats- 
sprache seit 1867 auf Kosten der deutschen Sprache ebenso wie die tschechische 
oder polnische Sprache Raum gewonnen hätte, direkt als irreführend be- 
zeichnet werden. 

Wenn dem aber so ist, ist jene Klage des Verfassers, daß zwei Millionen 
Deutsche ihrer früheren Aufgabe entfremdet und dem Magyarenstaate 
eingegliedert worden wären, vollkommen unverständlich. Worin bestand denn 
diese „frühere Aufgabe"? Eine staatsrechtlich-selbständige Rolle 
hatte das Deutschtum in Ungarn auch vordem nicht, denn es bildete in 
Ungarn nie ein gesondertes staatsrechtliches Territorium. Es kann daher 
nur von seiner Kulturaufgabe gesprochen werden. Dieser zollt jeder ein- 
sichtige Ungar volle Anerkennung. Ist es doch allgemein bekannt, daß — 
wie wir schon früher bemerkten — schon der erste König von Ungarn 
(1000 — 1038), dessen Gemahlin eine bayerische Prinzessin war, durch An- 
siedlung von Deutschen dem Eindringen der westlichen Kultur die Wege 
ebnete, und diese Politik wurde auch von seinen Nachfolgern auf dem Königs- 
thron unentwegt fortgesetzt. Der überwiegende Teil der Deutschen Ungarns 
wurde eben unter der ungarischen Nationaldynastie, unter den Arpäden an- 
gesiedelt, was ein glänzender Beweis dafür ist, daß das Ungartum die Deutschen 
nicht nur nicht mit feindlichen Augen betrachtete, sondern im Gegenteil ihrer 
kulturellen Überlegenheit volle Anerkennung zollte. Dies beweist auch der 
Umstand, daß die in Ungarn seit Jahrhunderten eingesiedelten Deutschen 
ihre Muttersprache meistens bis jetzt behielten. Doch blieb es stets ein 
Grundprinzip der ungarischen Verfassung, den einzelnen Nationalitäten, trotz- 
dem hinsichtlich der politischen Rechte die Einwohner sämtlicher Rassen 
gleichgestellt waren, keine politische, insbesondere territoriale Selbständigkeit 
zu gewähren; und daß dies keine schlechte Politik war, wird a contrario 
gerade durch das Beispiel Österreichs bewiesen. Die von den ungarischen 
Deutschen zu lösende „frühere Aufgabe" kann daher in nichts anderem 
bestehen, als darin, der deutschen Sprache und Kultur zu dienen, w r oran sie 
in Ungarn niemals verhindert wurden, geschweige denn heute. Wenn Prof. 
Sieger einmal nach Ungarn kommt und z. B. die sächsischen Städte besucht, 
wird er selbst erfahren, daß diese hochkultivierte, edle Rasse schon seit rund 
700 Jahren ein Glied des ungarischen Staates bildet und ihre Sprache und 
Kultur bis auf den heutigen Tag ungehindert weiter gepflegt hat. Und er 
wird auch zugleich sehen müssen, daß die deutsche Literatur in Ungarn ein 
solches Lesepublikum besitzt, wie sonst vielleicht nirgends auf dieser Welt 
in einem nichtdeutschen Staat. Die hiesigen Deutschen sind eben Glieder 
des ungarischen Staates und nicht des „Magyarenstaates". Denn wir 
glauben uns kaum zu irren, wenn wir auch in dieser Distinktion einen Stachel 
sehen, als ob die magyarische Rasse die deutsche zu unterdrücken trachte. 

Als einseitige Schilderung muß auch die Behauptung Siegers angesehen 
werden, wonach der militärische Apparat der Monarchie für die einseitigen 
Zwecke Ungarns in Anspruch genommen worden wäre, wie dies seinerzeit 
auB Anlaß des rumänischen und des serbischen Zollkrieges geschehen sein 
soll. Versteht der Verfasser darunter das, daß zur Zeit innerer Gährungen 
die in Ungarn stationierten Truppen der gemeinsamen Armee zur Aufrecht- 
erhaltung der Ordnung herangezogen werden, so gehen wir darauf ein. Gilt 
es doch als Grundprinzip des Wehrgesetzes, daß es zu den Aufgaben des 
Heeres gehört, im Frieden die innere Ordnung aufrecht zu erhalten. 



108 von Eötteveny, Ungarns gutes Becht. 

Wenn jedoch der Verfasser daraus den Schluß ziehen will, daß die 
Wehrmacht der Monarchie in diesem Fall für das Sonderinteresse Ungarns 
— eventuell gar im Gegensatze zu den Interessen der österreichisch-unga- 
rischen Monarchie — eintrat, so brauchen wir unsere Erinnerungskraft nicht 
allzu sehr anzustrengen, um an einem kritischeren Falle darzutun, was un- 
garische Truppen für Österreichs Sonderinferesse geleistet haben. 
Gehört es doch schon zu den allgemein bekannten Tatsachen und wird auch 
in der Kriegsgeschichte bestätigt werden, daß vor ein bis zwei Jahren in 
Galizien in den furchtbaren Kämpfen gegen die Russen nicht nur die 
ungarischen Truppen des gemeinsamen Heeres, sondern auch die unga- 
rische Honved (Landwehr), wie auch die Regimenter des ungarischen 
Landsturmes ihr Blut vergossen, sowie auch heutzutage und seit Kriegsbeginn 
ein beträchtlicher Teil der gegen Italien kämpfenden Armeen aus Ungarn 
besteht. Dies haben wir nicht erwähnt, um uns damit zu brüsten, denn es 
ist ja die naturgemäße Konsequenz der zwischen den beiden Staaten be- 
stehenden Verteidigungsgemeinschaft. Doch zeugt es nicht von zartem Takt- 
gefühl, wenn der Verfasser die in Friedenszeiten entfaltete Tätigkeit der 
gemeinsamen Armee im Interesse der inneren Ordnung Ungarns (nebenbei 
bemerkt ist es ganz unerfindlich, worin denn diese Tätigkeit bei den erwähnten 
Agrarbewegungen bestanden haben soll) uns zum Vorwurf macht, gerade zu 
einer Zeit, wo Ungarns Söhne zu vielen Tausenden für die Verteidigung 
des zu Österreich gehörigen Galizien, des österreichischen Küstenlandes 
und der österreichischen Kronländer Tirol, Krain und Kärnten verbluten. 

In der Verteidigung der Gesamtstaatsidee versteigt sich Sieger sogar 
so weit, daß er mit Berufung auf eine Rede des ungarischen Ministerpräsi- 
denten Grafen Stephan Tisza, in der dieser das einmütige Eintreten 
sämtlicher Nationalitäten Ungarns für die ungarische Staatsidee betonte, die 
Behauptung aufstellt, daß dies weniger aus Begeisterung für den ungarischen 
Staat, als vielmehr aus Anhänglichkeit für die Dynastie und den Gesamt- 
staat erfolgt sei. Interessant ist es immerhin, daß leider nicht die sämt- 
lichen Nationalitäten Österreichs von der Huldigung für den Gesamtstaat so 
durchdrungen waren, wie dies von den Nationalitäten Ungarns behauptet 
wird. Ist es doch bekannt, daß es dort auch Nationalitätengruppen gab, 
welche sich auf dem Schlachtfelde nicht gerade mustergültig verhielten. 
Woraus folgert also der Verfasser, daß die Gesamtstaatsidee, welche nicht 
einmal in ihrer Heimat, in Österreich, imstande war, sämtliche nichtdeutsche 
Rassenangehörige zu durchdringen, auf die ungarländischen Nichtmagyaren 
von so überwältigendem Einflüsse gewesen sein sollte, wie er es vorgibt? Nein! 
Niemand hierzulande kämpfte für die Gesamtstaatsidee, sondern für 
das ungarische Staatsideal, d.h. die diesem zugrunde liegende tausend- 
jährige Vergangenheit, für die gemeinsam genossene Freude und das gemein- 
same Leid und die ehrwürdigen Traditionen vieler Jahrhunderte. Das sind 
die Faktoren, welche die nichtmagyarischen Rassenangehörigen mit den 
Magyaren verbinden und zusammenschweißen! Und hoch über all diesem 
werden sämtliche Staatsbürger Ungarns vereint durch die an- 
gestammte Königstreue, welche den Träger der heiligen Stephans, 
kröne — worauf schon hingewiesen wurde — auch dann mit Glorien- 
schein und Huldigung umgab, wenn das Land gezwungen war, 
zur Wahrung seiner verbürgten Unabhängigkeit die Waffen zu 
erheben, was in jedem Fall stets bloß gegen die verantwort- 
liche Regierung und niemals gegen die Person des Königs ge- 
richtet war! 



von Eötteveny, Ungarns gutes Kecht. 109 



Nicht uninteressant ist es weiter, daß von österreichischer Seite schon so 
oft Klage erhoben wurde, daß Ungarn zu den gemeinsamen Ausgaben nicht 
den gleichen Beitrag leistet wie Österreich. Wer aber mit der wahren Sachlage 
im klaren ist, kann auch diese Besorgnis nicht teilen. Aus diesem Grunde 
muß es uns verwundern, daß auch Sieger gewisse versteckte Anklagen gegen 
die Verschiedenheit der Quote nicht unterdrücken kann. Der österreichisch- 
ungarische Ausgleich, der von beiden Staaten in je einem Grundgesetz nieder- 
gelegt ist, verfügt nämlich, daß die Deckung der gemeinsamen Ausgaben der 
beiden Staaten in erster Beihe aus den gemeinsamen Einnahmen zu bestreiten 
sind, und als solche repräsentieren sich, solange zwischen den beiden Staaten 
ein Zoll- und Handelsvertrag besteht, vor allein andern die gemeinsamen 
Zolleinnahmen. Doch auch außer diesen gibt es noch andere, wenn auch 
nicht so ergiebige gemeinsame Einnahmen, so z. B. die von den gemeinsamen 
österreichisch-ungarischen Konsulaten erhobenen Gebühren und andere. Dem- 
nach wird also bloß jener Teil der gemeinsamen Ausgaben im Verhältnis 
der Quote beglichen, welcher durch die gemeinsamen Einnahmen nicht gedeckt 
ist. Doch spielt hier vor allem der Umstand eine wichtige Bolle, ob die 
finanzielle Leistungsfähigkeit der beiden Staaten die gleiche ist? Und dies- 
bezüglich kann gegen Ungarn gewiß kein Vorwurf erhoben werden, daß es 
an den gemeinsamen Lasten nicht mit einem seiner Leistungsfähigkeit ent- 
sprechenden Anteil partizipiere. Denn in dieser Hinsicht hat Ungarn gleich 
bei der Schaffung des Ausgleichs im Jahre 1867 ein schönes Beispiel ge- 
geben dadurch, daß es die in der Zeit von 1850 bis 1867 ausschließlich von 
Österreich aufgenommenen Staatsschulden, welche von Österreich während 
der Suspendierung der ungarischen Verfassung, also in der Zeit der völligen 
Negation der ungarischen Staatlichkeit kontrahiert wurden, mit großer Opfer- 
willigkeit zum Teil auf sich nahm, und zwar in der Weise, daß der von 
Ungarn zu diesem Zwecke alljährlich zu entrichtende Beitrag in einer fixen 
Summe festgesetzt wurde. Dementsprechend hat sich Ungarn im XV. Gesetzes- 
artikel von 1867 verpflichtet, zur Tilgung der österreichischen Staatsschuld 
jährliche 29 Millionen 188 Tausend Gulden beizusteuern, von welchem Betrage 
11 Millionen 760 Tausend Gulden in Metallwährung zu leisten sind. Aber 
auch außer diesem Beitrag wird Österreich von Ungarn jährlich unter dem 
Titel des Bentenschuldenbeitrags mit 1 Million 150 Tausend Gulden unter- 
stützt. Diese Gesetze erfuhren eine gewisse Modifikation im XV. Gesetzes- 
artikel von 1908, demzufolge Ungarn zur österreichischen Staatsschuld einen 
j ährlichen Beitrag von 58 338 000 Kronen 52 Heller leistet, von dem 2 1 572 000 Kro- 
nen in Metallwährung zu entrichten sind. Außerdem zahlt aber Ungarn noch 
bis zur Tilgung der Amortisationsschuld der auf die Staatsdomänen aufge- 
nommenen Darlehen jährliche 1980000 Kronen Zinsenbeitrag. Auch hat 
damals Ungarn in die Verpflichtung eingewilligt, das den obigen Zinsen ent- 
sprechende Kapital in längstens 22 Jahren zu tilgen, was eine sehr beträcht- 
liche Summe, nämlich 1300 Millionen Kronen ausmacht. Im 1867er Ausgleich 
übernahm aber Ungarn außer den schon erwähnten Beiträgen auch 30°/ 
der von Österreich im Jahre 1863 bei der Österreichischen Nationalbank — 
der Bechtsvorgängerin der heutigen Österreichisch-Ungarischen Bank — in 
der Höhe von 80 Millionen Gulden kontrahierten Staatsschuld, von deren bis 
auf den heutigen Tag noch 30 Millionen Gulden betragenden Best auf Ungarn 
9 Millionen Gulden entfällt. 

Aus all diesen Momenten ist klar, daß Ungarn die finanziellen Lasten 
des Ausgleichs seinerzeit in völlig objektiver Weise auf sich nahm, indem es 



110 vonEötteveny, Ungarns gutes Recht. 

selbst an solchen Schulden partizipierte, hei deren Kontrahierung es gar nicht 
vorher gefragt wurde ; und wie vorteilhaft dieser Ausgleich eben für Öster- 
reich war, wird durch nichts so glänzend bewiesen, wie dadurch, daß Ungarn 
nicht einfach einen Teil der österreichischen Staatsschuld übernahm, sondern 
sich zur Beisteuerung einer jährlichen fixen Summe verpflichtete, Österreich 
hatte aber hierbei den Vorteil, daß der von Ungarn zu leistende Beitrag in- 
folge Konvertierung der alten österreichischen Staatsschuld in günstiger ver- 
zinste Tittres nunmehr einem wesentlich höheren Zinsenbeitrag von Seite 
Ungarns entspricht als vordem. 

Doch wie steht es um die heutige finanzielle Lage, oder besser gesagt, 
um die Leistungsfähigkeit der beiden Staaten bezüglich ihrer gemeinsamen 
Ausgaben, die keine Deckung durch die Zoll- und andere gemeinschaftlichen 
Einnahmen finden? Österreichs Bevölkerung zählt heute rund 29 Millionen, 
diejenige Ungarns aber 21 Millionen Seelen. Schon daraus ergibt sich, daß 
Österreichs Leistungsfähigkeit eine größere sein muß, als diejenige Ungarns. 
Auch das Nationalvermögen und dementsprechend das Volkseinkommen ist 
in Österreich ein größeres als in Ungarn, so daß es daher auch leicht im- 
stande ist, einen größeren Beitrag zu den gemeinsamen Ausgaben zu leisten. 
Auf Grund sorgfältiger Nachforschungen wird das jährliche Nationaleinkommen 
Österreichs von Friedrich Fellner, a. o. Professor für Nationalökonomie 
an der Budapester Universität, in seiner als Antrittsvorlesung in der Ungarischen 
Akademie der Wissenschaften neiüich vorgetragenen Ausführung auf rund 
vierzehneinhalb Milliarden, dasjenige Ungarns dagegen nur auf rund sieben- 
einhalb Milliarden geschätzt. Demnach ist es von selbst verständlich, daß 
Österreich für einen viel größeren Beitrag aufzukommen hat, als Ungarn. Es 
wurden übrigens im „Ausgleich" das Beitrags Verhältnis zu den gemeinsamen 
Ausgaben nur für je zehn Jahre festgesetzt, um die Quote der jeweiligen Lage 
der finanziellen Leistungsfähigkeit beider Staaten anzupassen. Die diesbezüg- 
lichen Gesetzvorlagen werden den Parlamenten der beiden Staaten durch die 
aus ihrer Mitte delegierten Quotendeputationen vorgelegt. Die Fachleute beider 
Parlamente haben somit ausreichend Gelegenheit, die der Leistungsfähigkeit 
zugrunde liegenden Umstände zu beurteilen, so daß ein einseitiger Zwang aus- 
geschlossen ist. Im Jahre 1867 betrug die ungarische Quote nur 30 °/ , die öster- 
reichische dagegen 70 °/ . Von dieser Zeit an wurde die ungarische Quote, trotz- 
dem das Volksvermögen sich zweifellos nicht nur in Ungarn, sondern in beiden 
Staaten vergrößert hatte, fortwährend erhöht, so daß sie heute (mit der 
Gültigkeitsdauer bis 31. Dezember 1917) 36,6 % für Ungarn und 63,4 °/ für 
Österreich beträgt. Daraus ist ersichtlich, daß eine fortschreitende 
Mehrbelastung Ungarns eingetreten ist, wogegen Österreich 
fast im alleinigen Genüsse der meisten gemeinsamen Institu- 
tionen ist. Denn abgesehen davon, daß sämtliche Zentralorgane und Be- 
hörden der gemeinsamen Institutionen ihren Sitz in Wien haben, ist auch 
die Amtssprache derselben die deutsche, und auch in der Anzahl der Ange- 
stellten ist Ungarn dem Quotenverhältnis entsprechend sieht beteiligt. Der 
Sitz der diplomatischen Vertreter fremder Staaten ist ebenfalls Wien. 
Ferner kommt auch der wirtschaftliche Nutzen der gemeinsamen 
Institutionen überwiegend der österreichischen Volkswirtschaft 
zugute, und erst nach langjährigen Kämpfen in den Delegationen 
konnte es durchgesetzt werden, daß auch die ungarische Industrie 
bei den Heereslieferungen der Quote entsprechend berücksich- 
tigt werde. Trotzdem wird auch jetzt noch fast die gesamte Ausrüstung 



von Eötteveny, Ungarns gutes Reckt. 111 

der gemeinsamen Kriegsmarine in Österreich beschafft und auch dort ver- 
ausgabt. Ferner befinden sich die sämtlichen höheren Anstalten des gemein- 
samen Heeres (Militärakademien, Arsenal etc.) in Österreich, wogegen Ungarn 
bloß einige Militärrealschulen untergeordneter Stellung erhielt. Dies alles 
sind so wichtige wirtschaftliche Vorteile, welche Österreich Ungarn gegenüber 
eine unvergleichlich günstigere wirtschaftliche Position sichern. Hiezu kommt 
der von der ungarischen parlamentarischen Opposition schon so oft vor- 
gebrachte Umstand, daß, obwohl die beiden Staaten in demselben Ver- 
hältnis, also je 50°/ ) zu den Kosten der Hofhaltung beitragen (jeder 
Staat je 11 Millionen 300000 Kronen jährlich), sich der Hof dennoch ständig 
in Wien aufhält, dort seine Revenuen verausgabt und auch in Friedenszeiten 
bloß 1 — 2 Wochen im Jahre ein in engerem Rahmen sich bewegendes Hof- 
leben in Budapest veranstaltet. 

Einen weiteren Vorwurf macht uns Professor Sieger daraus, daß die 
Dienst- und Kommando spräche der ungarischen Honved, obwohl sie sich 
nicht so besorgniserregend erwies, als von manchen angenommen wurde, 
der Sache dennoch nicht zum Vorteil gereicht haben soll. Auch in dieser 
Hinsicht kann Siegers Standpunkt nicht unwidersprochen bleiben, denn es 
ist das natürliche Recht eines jeden Staates, seine Sprache in seinen sämt- 
lichen Institutionen zu benutzen, und so ist auch die Forderung Ungarns, 
seine Wehrmacht mit ungarischer Dienst- und Kommandosprache zu versehen, 
durchaus natürlich und berechtigt. Daß dadurch die Schlagfertigkeit der 
Armee nicht im geringsten beeinträchtigt wird, hat sich am glänzendsten 
im jetzigen Weltkrieg erwiesen, wo ungarische Honvedregimenter im Ver- 
bände mit reichsdeutschen Truppen kämpften. Dies ist bloß an eine einzige 
Bedingung geknüpft, an diejenige nämlich, daß sich die Kommandanten der 
ungarischen Truppen mit den Deutschen verständigen können. Dagegen 
wurde aber noch von keinem einsichtigen Ungarn je Einspruch erhoben, und 
tatsächlich kann auch bei der ungarischen Honved niemand Stabsoffizier 
werden, der der deutschen Sprache nicht mächtig ist. Es war daher vom 
Verfasser nicht angebracht, die Frage der Wehrmacht von diesem Gesichts- 
punkt aus zum Gegenstand einer Klage zu machen, und dies außerdem noch 
mit der Klage über ein vor kurzem von der ungarischen Legislative ge- 
schaffenen Gesetz zu verbinden. Dabei handelt es sich nämlich darum, daß 
infolge der im vorigen Jahr erfolgten russischen Invasion in Galizien und 
der Bukowina, die Ergänzung des Heeres aus der dortigen Bevölkerung auf 
Schwierigkeiten stieß. Um aber auch die von dort rekrutierten Regimenter 
auf Kriegsstärke erhalten zu können, wurden mit Zustimmung der 
ungarischen Gesetzgebung ungarische Staatsbürger des Land- 
sturmes in diese Regimenter eingereiht. Dies war zweifellos ein 
sehr loyales Entgegenkommen von Seite des ungarischen Parlaments, denn 
der ungarische Landsturm ist nach den diesbezüglichen Ge- 
setzen ausschließlich zur Verteidigung Ungarns bestimmt, und 
somit konnte auch die Einreihung ungarischer Landsturmrekruten in das 
Heer eines andern Staates bloß durch die infolge des Krieges geschaffene 
schwierige Lage motiviert werden. 

Ausführliche Erörterungen widmet Sieger auch dem Kräfteverhältnis 
der einzelnen Gebietsteile der Monarchie. Wenn er sich aber auch bemüht, 
solche Gruppierungen zu konstruieren, welche an Stelle des heutigen Dualis- 
mus einen Trialismus oder ein anderes Staatengebilde ermöglichen würden, 
so ist er dennoch gezwungen einzusehen, daß dies unmöglich ist; denn bei 



112 von Eötteveny, Ungarns gutes Recht. 

welcher Gruppierung der verschiedenen Rassen gelingt es ihm nicht, dem 
Ungarntun) selbst nur in numerischer Hinsicht gleichwertige Gruppen 
gegenüberzustellen? Außerdem würden die meisten dieser Gruppen in kultu- 
reller Hinsicht tief unter dem Ungartum stehen. Er mußte daher selbst 
zugeben, daß bei der heutigen Lage es bloß die dualistische Staatenbildung 
ist, welche die staatsrechtliche Struktur der Monarchie erfolgreich lösen kann. 
Die Lebenskraft des Dualismus hat sich im Krieg glänzend er- 
wiesen, weshalb auch gar keine Veranlassung vorliegt, denselben gerade 
jetzt beiseite schieben zu wollen. Noch weniger Grund ist aber dazu vor- 
handen, bei einer Schwächung der ungarischen Staatlichkeit den Ungarn an 
Zahl und Kultur nachstehende Rassen gleiche Rechte sichern zu wollen, und 
darüber eben jetzt zu verhandeln. 

Leider erlaubt es uns der zur Verfügung stehende Raum nicht, uns 
noch weiter mit den Ausführungen Professor Siegers zu befassen, obwohl 
noch manche Stellen in seinem Aufsatze von ungarischer Seite eine Antwort 
erheischen würden. Doch glauben wir im obigen wenigstens seine auffallend- 
sten Irrtümer berichtigt und den mit Ungarns staatsrechtlicher Stellung 
weniger Vertrauten ein leicht verständliches Bild hierüber vorgelegt zu haben. 

DL 

Von den zum Gegenstand unserer Replik gewählten drei Studien sind 
die Ausführungen Professor Siegers scheinbar am breitesten motiviert, so daß 
wir der Widerlegung derselben den meisten Raum widmen mußten. Auch 
fordern die von ihm vorgebrachten Ideen eine Kritik weit mehr heraus, wie 
diejenigen des zweiten Verfassers, Herrn Professor Webers. Aus diesem 
Grunde werden wir uns diesmal damit begnügen, bloß auf einige besonders 
ins Auge fallende Irrtümer des Verfassers hinzuweisen. 

Ottocar Weber ist ordentlicher Professor für Geschichte an der deut- 
schen Universität in Prag. Wenn daher von ihm, als Historiker, auch keine 
besondere Neigung zu minutiösen juristischen Distinktionen vorausgesetzt 
werden kann, so unterliegen doch seine Schlußfolgerungen, infolge des engen 
Zusammenhanges des Staatsrechts mit der Staatsgeschichte, einer scharfen 
juristischen Kritik. 

Prof. Weber gibt zu, daß die Grundidee des österreichisch-ungarischen 
Ausgleichs von 1867, nämlich die Hegemonie der ungarischen Rasse in Ungarn 
und diejenige der deutschen Rasse in Österreich, nur teilweise erfüllt wurde, 
denn während sich die ungarische Rasse in Ungarn glänzend behauptete, 
hat die deutsche ihre Führerrolle in Österreich eingebüßt. Doch ist die 
Ursache dieser unerfreulichen Tatsache — und hier irrt sich der Verfasser — 
nicht im Ausgleich zu suchen, sondern einzig darin, daß Österreich schon 
seit dem Jahre 1867 mit seinen Nationalitäten zu liebäugeln begann und jene 
traditionelle österreichische Politik: Divide et impera! vom österreichischen 
Parlamentarismus jahrzehntelang einfach fortgesetzt wurde. Hierbei vergaß 
die österreichische Politik nämlich meistens, aus dem tausendjährigen Bestände 
des ungarischen Staates die allernatürlichste Konsequenz zu ziehen und in 
vollem Ernst darauf hinzuarbeiten, daß das Ungartum darin erstarken könne, 
was auch der Machtstellung der Monarchie nur zum Vorteil gereicht hätte. 
Der österreichische, später österreichisch-ungarische Minister des Äußern am 
Ende der 1860er Jahre, der von Geburt aus sächsische Staatsmann Graf 
Beust sah auch wirklich ein, daß Österreich eine erfolgreiche 
auswärtige Politik nur mit einem zufriedengestellten Ungarn 



von Eötteveny, Ungarns gutes Recht. 113 

führen kann, weshalb er auch bestrebt war. den Ausgleich mit Ungarn 
zu fördern. Als gebürtiger Sachse war er bei der Einleitung der Ausgleichs- 
aktion gewiß nicht von einer besonderen Sympathie für das Ungartum ge- 
leitet, zumal er vordem zu Ungarn gar keine Beziehungen hatte. Doch war 
er einsichtig genug einzusehen, daß es im Österreich des Jahres 1866 eine 
lebenskräftige, auf Grund seiner großen historischen Vergangenheit jeder 
Einverleibung widerstrebende Nation gab: die ungarische, welche mit bloßen 
Verordnungen nicht aus der Welt zu schaffen war, mit der man somit Frieden 
schließen mußte. Das war seinerseits die Grundidee des Ausgleichs, wobei 
es selbstverständlich ist, daß Beust mit der Schaffung des Dualismus in Öster- 
reich ;das Übergewicht nicht den Slaven, sondern dem deutschen Elemente 
sichern wollte. Er entsagte bloß jenem Wahn, den bis dahin die meisten 
österreichischen Politiker nie aufgeben wollten, daß die Habsburgermonarchie 
auch ohne die Germanisierung und Verschmelzung Ungarns bestehen könne. 
Leider konnte sich diese Politik, welche vom Grafen Beust inauguriert 
und in Ungarn von Franz Deäk und dem Grafen Julius Andrässy erfolg- 
reich gefördert wurde, in Österreich nicht lange behaupten. Denn schon 
während der Regierung des Kabinetts Hohenwarth war das Liebäugeln mit 
den Nationalitäten bereits so weit gediehen, daß dadurch die staatsrechtliche 
Struktur der Monarchie gefährdet wurde und sie dem Föderalismus zutrieb. 
Ist es da beispielsweise nicht merkwürdig, daß zu dieser Zeit gerade ein 
Ungar, nämlich Graf Julius Andrässy, der damalige gemeinsame Minister des 
Äußeren, der Politik der Monarchie die richtige Bahn wies, welche auch 
durch den jetzigen Krieg glänzend bestätigt wurde? Bekanntlich wollte sich 
damals die österreichische Kriegspartei auf die Seite Frankreichs stellen, da 
sie die Gelegenheit für günstig hielt, um für Königgrätz Revanche zu nehmen. 
Andrässy aber war es, der die leitenden Kreise auf die Gefahren dieses 
Abenteuers aufmerksam machte und fest entschlossen erklärte, daß die Be- 
stimmung unsere Monarchie auf die Seite der deutschen Völker gestellt habe. 
Wie sehr dies der Wahrheit entsprach, leuchtet auch aus den zwischen ihm 
und Bismarck geführten Verhandlungen hervor, welche dann später zu dem 
heutigen deutsch-österreichisch-ungarischen Bündnis führten. Aus all diesem 
ist ersichtlich, daß bei Ungarn und seinen Politikern stets hinreichende Vor- 
aussicht und politisches Feingefühl vorhanden war, um die Großmacht- 
stellung der Monarchie zu wahren, und diesem Interesse wurde selbst 
die Empfindlichkeit der ungarischen Nation oft genug untergeordnet. Denn 
man muß nicht glauben, daß sich Andrässys Politik damals sogleich einer 
allgemeinen Sympathie erfreut hatte. Trotzdem war aber genügend Einsicht 
bei uns vorhanden, und das ist es eben, was die Stellung des Ungartums 
auch heute kennzeichnet und festigt. Umsonst behauptet also Weber, daß 
das Ungartum auch in Ungarn nicht über eine Majorität verfüge, und dem- 
nach auch hier, wie in Österreich, nur eine Minorität herrsche. Die Lage 
bei uns ist nicht im entferntesten mit der österreichischen zu vergleichen, 
und zwar aus zwei Ursachen: erstens, weil von der Bevölkerung des ganzen 
ungarischen Reiches nach der Volkszählung vom Jahre 1910: 48%! und 
wenn wir von Kroatien-Slawonien absehen, sogar 54,5 % reinmagyarisch sind. 
Daraus folgt, daß das Ungartum auch der Kopfzahl nach tatsächlich das 
stark führende Element Ungarns bildet, demgegenüber selbst die in größter 
Kopfzahl vertretene ungarländische Nationalität, nämlich die Rumänen, bloß 
14 / betragen, nicht zu reden von dem Unterschied der Kulturstufe, auf 
welcher das rumänische Element gegenüber dem ungarischen steht. Dabei 
Zeitschrift für Politik. 10. o 



114 von Eötteveny, Ungarns gutes Recht. 

darf auch nicht außer acht gelassen werden, daß Ungarn ein bereits seit 
einem Jahrtausend bestehendes einheitliches Staatsgebilde darstellt, in 
dem die historisch-politischen Individualitäten, wie die öster- 
reichischen Provinzen gern bezeichnet werden, und welche die Föderalisierung 
Österreichs so sehr begünstigen, ein unbekannter Begriff sind. 

Die ausschließlich führende Rolle des Ungartums in Ungarn unterliegt 
daher gar keinem Zweifel. Leider verhält sich die Sache der Deutschen in 
Österreich ganz anders, denn auch Weber muß zugeben, daß in Österreich 
10 Millionen Deutschen 17 Millionen Slawen gegenüberstehen; und wenn auch 
die letzteren mehreren Nationalitäten angehören, so wird doch durch ihr 
Zusammenwirken die Kraft des Deutschtums stets gelähmt. Ungarn wird 
■ — und das wissen wir sehr gut — wegen seiner im allgemeinen 
konservativen Mittelklasse und seiner dem entsprechenden Ge- 
setzgebung im Auslande oft verurteilt. Als beispielsweise im Jahre 
1913 ein neues Wahlgesetz bei uns geschaffen wurde, welches die Prinzipien 
des allgemeinen geheimen und gleichen Wahlrechtes nicht akzeptierte, sondern 
auf der breiten Basis eines Bildungs- und Vermögenszensus aufgebaut war. 
sah sich Ungarn gerade von österreichischer Seite wieder häufigen Angriffen 
ausgesetzt, welche darin gipfelten, daß Ungarn eigentlich bloß eine Republik 
einiger feudalen Üligarchen darstelle. Doch kann es uns trösten und auch 
für die Zukunft als Richtschnur gelten, daß die Einführung des radikalen 
Wahlrechts Österreich von seinem alteingewurzelten Übel, dem Hader der 
Nationalitäten, nicht erlöst hat, und der österreichische Parlamentarismus 
derart diskreditiert wurde, daß die Legislative noch vor Ausbruch des Krieges 
vertagt werden mußte. Diesem Umstand ist es zuzuschreiben, daß Österreich 
nun schon seit zwei Jahren keine parlamentarische Körperschaft besitzt, welche 
in den großen Fragen des Weltkrieges seine Stimme erheben könnte. Wir 
verstehen daher die Eifersucht, die sich bei unseren österreichischen Brüdern 
regt, wenn sich in den heutigen Kriegstagen der ungarische Ministerpräsident 
Graf Stephan Tisza bezüglich der Fragen der Weltpolitik äußert und das 
ungarische Parlament somit gleichsam im Namen der Monarchie seine Stimme 
vernehmen läßt; doch war es wirklich nicht unsere Schuld, daß es dahin 
kommen mußte. Es liegt uns aber fern, uns in die innere Politik oder in die 
Parlamentsangelegenheiten Österreichs einmengen zu wollen; sapienti eat. 

Bloß auf noch eine Bemerkung Webers wollen wir hier eingehen, darauf 
nämlich, daß es kein Österreichertum gibt, sowenig, als es auch keine 
österreichische Sprache gibt. Ja. das ist es eben, was unsererseits stets für 
den gröbsten Fehler der österreichischen Politik gehalten wurde. Eine öster- 
reichische Sprache läßt sich freilich nicht fabrizieren, doch ist es eben die 
Aufgabe der mächtigen deutschen Kultur und der zu ihrer Verbreitung be- 
rufenen deutschen Sprache, die verschiedenen Nationalitäten Österreichs 
zu vereinen. Danach hätten die Deutschen Österreichs jederzeit handeln 
sollen, dann böte die Landkarte der Nationalitäten in Österreich kein so 
unerquickliches Bild. Leider wurde diese Binsenwahrheit von österreichischer 
Seite in der Begel dahin aufgefaßt, auch Ungarn in die österreichische Staats- 
idee einzubeziehen, doch hat sich dies als ein jeder historischen und recht- 
lichen Grundlage entbehrender Wahn erwiesen. Es ist auch kein Grund 
vorhanden, das Deutschtum in Ungarn in Schutz zu nehmen, denn Öster- 
reich braucht für die Deutschen Ungarns gewiß nicht besorgt zu sein. Das 
Ungartum weiß sehr gut, wie hoch es die kulturelle und wirtschaftliehe Ver- 
gangenheit und die unvergleichliche Kraft des Deutschtums einzuschätzen 



von Eötteveny, Ungarns gutes Recht. 115 

hat, und ist sich auch dessen sehr wohl bewußt, daß es sich nur in Har- 
monie mit ihm entwickeln kann. Deshalb sollte sich die österreichische 
Politik vor allem angelegen sein lassen, daß der österreichische Staats- 
gedanke unter den Völkern Österreichs genügend Wurzel fasse, damit 
dem ungesunden Zustand endlich ein Ende bereitet werde, daß die Tschechen 
nach Rußland hinschielen und die Südslawen von einem Trialismus träumen. 
Dann wird der österreichische Staatsgedanke auch in der Brust eines jeden 
österreichischen Staatsbürgers festen Fuß fassen. Solange aber in Öster- 
reich eine Politik betrieben wird, welche sich nur dann als 
stark erweist, wenn es gilt Ungarn niederzuringen, sich aber 
sogleich als machtlos erweist, sobald es sich um die Vormacht- 
stellung des Deutschtums in Österreich handelt, kann es wirklich 
niemanden wundernehmen, wenn sich der österreichische Staatsgedanke und 
somit eine kraftstrotzende Individualität des zukünftigen österreichischen 
Staates der Volksseele nicht kräftig genug einprägen will. 

IV. 

Was nun die Abhandlung von Prof. v. Philippovich betrifft, so 
besteht sein erster Irrtum in der Behauptung, daß auch Ungarn durch Heirat 
und Erbschaft unter das Szepter der Habsburger gelangt sei. Das ist in 
dieser Form durchaus nicht zutreffend. Wir wollen zwar nicht in Zweifel 
ziehen, daß zwischen dem Kaiser Maximilian und dem König von Ungarn 
Uläszlö (Wladislaw) IL ein derartiger Vertrag getroffen wurde; doch konnte 
Ungarn seiner Verfassung nach durch ein solches Abkommen nicht gebunden 
werden, da keine konstitutionelle Nation ihr wichtigstes Recht, wie es das 
Recht der Königswahl darstellt, ohne befragt zu werden verlieren kann. 
Als die Türken am 29. August 1526 bei Mohäcs einen verhängnisvollen Streich 
vollbrachten und der letzte Sproß der in Ungarn regierenden Jagellonischen 
Dynastie Ludwig IL, der Sohn Wladislaws IL, den Heldentod fand, eroberten 
die Türken einen beträchtlichen Teil Ungarns, und danach spalteten sich die 
leitenden Kreise des ungarischen Reiches in zwei Parteien. Die eine war 
der Ansicht, daß Ungarn nur durch ein nationales Königtum gerettet werden 
könnte; sie wählte deshalb den Wojwoden Siebenbürgens, Johann von 
Szapolya. zum König. Die andere Partei vertrat den Standpunkt, daß 
Ungarn sich mit Rücksicht auf die Türkengefahr dem römischen Reich an- 
schließen müsse, dem es auch durch verwandtschaftliche Beziehungen des 
in der Schlacht bei Mohäcs gefallenen Königs Ludwig IL verbunden war, 
da die Gemahlin des Königs, Maria, sowohl die Schwester des deutsch-römischen 
Kaisers Karls V. als des Erzherzogs Ferdinand von Österreich, die Ge- 
mahlin Ferdinands aber die Schwester des in der Schlacht gefallenen Königs 
Ludwig H. war. Es gehört zu den historischen Tatsachen, daß in Ungarn 
damals längere Zeit hindurch zwei gekrönte Könige herrschten, nämlich 
Szapolya und Ferdinand von Österreich und die Vereinigung des Landes erst 
nach langwieriger gegenseitiger Bekriegung im Jahre 1538 im Frieden von 
Nagyvärad (Großwardein) zustande kam, welche das Anrecht Ferdinands auf 
den ungarischen Thron sicherte. Doch ist es ebenso eine Tatsache, daß 
Ferdinand von den ungarischen Ständen am 1. Dezember 1526 in Pozsony 
(Preßburg) aus freiem Entschluß zum König gewählt wurde, wie er dies 
auch in mehreren an die Stände gerichteten Reskripten und andern Doku- 
menten anerkannte. (In einem derselbe erklärte der König wörtlich : In regem 
Hungariae electi sumus.) Daß übrigens die Herrscher Ungarns in ihren 

8* 



116 von Eötteveny, Ungarns gutes Recht. 

Privatverträgen über den Thron nicht verfügen konnten, geht auch daraus 
hervor, daß Ungarn noch anderthalb Jahrhunderte hindurch nach 
der Wahl Ferdinands ein Wahlkönigreich blieb und dem freien 
Königswahlrecht erst 1687 entsagte, und zwar auf verfassungs- 
gemäßem Wege, d. h. in einem diesbezüglichen Gesetz, jedoch 
diesmal nur zugunsten der tu änn liehen Linie der Habsburger. Erst später, 
im Jahre 1723. in der sogenannten Pragmatischen Sanktion dehnte es 
diese Erklärung auch zugunsten der weiblichen Linie aus, indem es das Erb- 
recht beider Linien derselben anerkannte. Doch verbürgte in demselben 
Gesetz der damalige König Karl III. (als römisch-deutscher Kaiser Karl VI.) 
zugleich die Unabhängigkeit und die verfassungsgemäße Regierung des Landes, 
und zwar gab er dieses feierliche Gelöbnis nicht nur im eigenen, sondern 
auch im Namen seiner Nachfolger auf dem Throne. Zwischen dem als 
erblich erklärten ungarischen Königtum und der verfassungs- 
mäßigen Regierung des Landes besteht daher ein Junctim, welches 
zu einer ernsten Zeit, wo die Nation mit der Dynastie in einen Verfassungs- 
konflikt geriet, auch zur Geltung gelangte, wie hierauf bereits hingewiesen 
wurde. Am 4. März 1849 wurde nämlich die sog. Olmützer Verfassung er- 
lassen, welche als eine Strafe für die damaligen Freiheitsbewegungen die 
Unabhängigkeit Ungarns aufhob und das Land einfach dem österreichischen 
Kaiserstaat einverleibte, worauf einen Monat später, am 14. April 1849, der 
damals in Debreczen tagende ungarische Reichstag die Dethronisation der 
Habsburger gerade auf Grund des erwähnten Fundamentalgesetzes verkündete. 
Diese historischen Ereignisse sind nur dann verständlich, wenn man weiß, daß 
der Gedanke des innigen Zusammenhanges zwischen dem erb- 
lichen Königtum und der ungarischen Reichsverfassung nicht 
bloß in den Köpfen der ungarischen Rechtsgelehrten, sondern 
auch im Volksbewußtsein tief eingewurzelt ist und somit die Ver- 
nichtung des letzteren in traurigen Zeiten, wo die königliche Macht und die 
Selbständigkeitsidee der Nation einander entgegengestellt waren, auch die 
Nullifizierung des ersteren nach sich zog. 

Den zweiten Fehler begeht Philippovich mit der Behauptung, daß 
Siebenbürgen im Jahre 1691 Österreich angegliedert wurde. In der 
Geschichte ist hiervon nichts bekannt. Tatsache dagegen ist es, daß Sieben- 
bürgen nach der Schlacht bei Mohäcs anderthalb Jahrhunderte hindurch ein 
selbständiges ungarisches Fürstentum war und 1691 den König 
von Ungarn, Leopold L, zum Fürsten wählte. Seit dieser Zeit kam 
es also unter das Zepter der Habsburger, doch gehörte es keineswegs 
und nie zu Österreich, sondern bildete auch weiterhin ein Fürstentum 
mit eigenem Landtag, welcher bis 1848 bestehen blieb. In diesem Jahre 
wurde dann Siebenbürgen mit Ungarn durch ein diesbezüglich einstimmig 
gebrachtes Landesgesetz wieder vereinigt, und es entsandte nun seine Vertreter 
auf den ungarischen Reichstag. Es ist also wirklich schwer zu begreifen, 
wie denn Philippovich aus diesem Umstände auf eine Angliederung Sieben- 
bürgens an Österreich schließen kann. 

Der dritte Irrtum des Verfassers besteht darin, daß er den „Gedanken" 
der Selbständigkeit Ungarns, welche, wie er sich äußert, Österreich gegen- 
über in rücksichtsloser Weise angewendet wird, als ein selbst heute noch 
vorhandenes Phantom bezeichnet. Darauf wollen wir nur erwidern, daß 
die Selbständigkeit Ungarns kein bloßer „Gedanke" ist, sondern 
eine tausendjährige „historische Tatsache", welche nicht nur 



von Eötteveny, Ungarns gutes Kecht. 117 

von den Ungarn, sondern auch von ihren rechtmäßigen Herrschern 
zu unzähligen Malen bekräftigt, beeidigt und verbürgt, wurde, 
und auch jetzt noch von jedem ungarischen König bei seiner 
Thronbesteigung eidlich bekräftigt wird. Dies geschah auch an- 
läßlich der letzterfolgten Krönung Franz Josephs I. zum König von Ungarn 
im Jahre 1867. Daß diese durch königlichen Eid und historische Daten be- 
stätigten Tatsachen keine bloßen „Gedanken" sind, das wird wohl auch 
Philippovich zugeben müssen, falls er über diese Fragen mit genügender 
Objektivität nachdenkt. Was jedoch im Zusammenhang damit seine Bemer- 
kung betrifft, daß die Ungarn unter Maria Theresia bloß Lärm schlugen, als aber 
die Herrscherin in Gefahr war, ihr nur einige Tausend Mann zu Hilfe schickten, 
so ziehen wir zwar nicht in Zweifel, daß sein zitierter Gewährsmann, der 
Fürst Khevenhüller, sich über unsere Vorfahren in so bedauernswerter Weise 
geäußert hat, doch verneinen wir aufs entschiedenste, daß er damit die Wahr- 
heit gesagt hat. Ist es doch eine geschichtlich erhärtete Tatsache, daß Maria 
Theresia bei der Thronbesteigung ihren Schlitz einzig bei den ungarischen 
Ständen sah, und deshalb persönlich auf dem Preßburger Keichstag erschien, 
um ihre Unterstützung anzurufen. Dieser königliche Schritt war auch von 
sichtbarem Erfolg begleitet, da bekanntlich nicht nur in dem damaligen 
Erbfolge-, sondern auch im sich anschließenden sog. siebenjährigen Kriege 
die von Ungarn aufgebrachten Truppen heldenhaft kämpften. Auch gab es 
unter den ungarischen Heerführern hervorragende Persönlichkeiten, wie z. B. 
Hadik, Esterhazy, Palffy und andere, deren Verdienste in dem der Kaiserin 
und Königin Maria Theresia gewidmeten Denkmal in Wien dadurch verewigt 
wurden, daß ihre Porträts am Sockel der Statue angebracht sind. 

Durch den nach dem Jahre 1849 einsetzenden österreichischen Absolu- 
tismus wurde naturgemäß der Selbsterhaltungstrieb des Ungartums wach er- 
halten, und es ist bloß selbstverständlich, wenn sich dies auch mehrmals 
äußerte. Daß es aber solche Verschwörungen gegeben hätte, wie der Ver- 
fasser angibt, davon ist uns nichts bekannt, abgesehen von einzelnen Exal- 
tierten, die es jederzeit gibt. Doch hieraus den Schluß zu ziehen, daß das 
Land in Untreue verfiel, und die Tendenz, Ungarn auf diese Weise vor dem 
Ausland als unzuverlässig hinzustellen, ist weder angebracht noch loyal. Das 
Jahr 1818 schuf mit Zustimmung seines Königs ein modernes Ungarn. Einige 
Monate darauf stellten sich aber zwischen der Dynastie und dem Lande be- 
dauerliche Gegensätze ein, auf welche wir hier aus Mangel an verfügbarem 
Eaum nicht näher eingehen können. Die Nation erhob darauf die Waffen 
und verteidigte — wie dies leider öfter schon geschehen mußte — seine 
Rechte, und bloß mit russischer Hilfe konnte sie im nächstfolgenden Jahre 
zur Kapitulation gezwungen werden. Der daraufhin einsetzende Absolutismus 
konnte einem so verfassungstreuen Volke, wie es die Ungarn sind, der Natur 
der Sache entsprechend, nichts weniger als angenehm sein. Doch wäre es 
ein grober Irrtum anzunehmen, daß dies Regime vielleicht für Österreich 
vorteilhaft gewesen wäre. Denn die größten Niederlagen Österreichs 
fallen ebenfalls in diese Epoche. Wo ein Regime in nicht ganz zwei 
Jahrzehnten von so vielen schweren Schlägen betroffen wird, kann es doch 
wohl nicht als ein glückliches bezeichnet werden? Dieser Umstand gab eben 
die Grundursache zum Ausgleich, da man einsah, daß mit dem alten Kurs 
gebrochen werden mußte, dessen Unhaltbarkeit erwiesen war. Diese Tatsache 
liefert aber auch einen glänzenden Beweis dafür, daß Ungarn nicht nur seine 
eigenen, sondern auch die Interessen der ganzen Monarchie vertrat, als es 



118 von Eötteveny, Ungarns gutes Recht. 

die verfassungsgemäße Entwicklung der Monarchie als conditio sine 
qua non hinstellte. Wie denn auch die damaligen ungarischen Politiker, 
allen voran — wie wir dies schon einmal betonten — Deäk und Andrässy 
offen erklärten, daß mit der Wiederherstellung der ungarischen Verfassung 
gleichzeitig auch Österreich eine Verfassung erhalten müsse, womit sie sich 
kein geringes Verdienst darum erwarben, daß auch.für Österreich seine heutige 
Verfassung erwirkt wurde. Im § 23 des XII. ungarischen Gesetzesartikels 
von 1867 wird nämlich erklärt,^ daß Seine Majestät mit seinen übrigen Ländern 
(also mit den österreichischen Kronländern) bei völliger Wahrung der Unab- 
hängigkeit beider Parteien, als mit konstitutionell regierten Völkern 
zu verkehren geneigt ist. § 25 desselben Gesetzes verfügt als Grundbestim- 
mung, daß bezüglich der gemeinsamen Angelegenheiten auch in den übrigen 
Ländern Sr. Majestät ein vollkommen verfassungsgemäßer Zustand 
ins Leben treten soll, da Ungarn über gemeinsame Angelegen- 
heiten bloß mit den verfassungsgemäßen Vertretern derselben 
verhandeln kann. Diese Zitate — glauben wir — beweisen zur Genüge, 
daß Ungarn zur gefährlichen Zeit der Vorsprecher nicht nur seiner eigenen, 
sondern auch der Verfassungsgemäßheit Österreichs war. Es muß ferner 
auch noch jene Tatsache festgestellt werden, daß zu der Zeit, wo das un- 
garische Ausgleichsgesetz schon perfektuiert war, in Österreich noch die 
sogenannte Sistierungsepoche währte und der frühere Reichsrat suspendiert 
war. Der ungarische Reichstag jedoch, oder — wie ihn Philippovich ironisch 
nennt — die ungarischen Magnaten waren von der Überzeugung, daß die 
Monarchie bloß auf konstitutionellem Wege gedeihen kann, in einem solchen 
Maße durchdrungen, daß sie die konstitutionelle Regierung Österreichs als 
Grundbedingung des Ausgleichs aufstellten. 

Auch darin ist der Verfasser in einem gewaltigen Irrtum, wenn er der 
Ansicht ist, daß Ungarn bloß auf seine inneren Angelegenheiten 
eine Ingerenz besitzt, und noch dazu bemerkt, daß dieses Recht Ungarn 
„zugestanden" wurde. Der Herr Verfasser möge nun verzeihen, wenn wir 
darauf hinweisen, daß wir e» auch hier mit einem historischen Falsum zu 
tun haben, denn der 1867er Ausgleich enthält kein Zugeständnis, 
sondern besteht in der neuerlichen Konstatierung ein er tausend- 
jährigen Tatsache, und selbst in den zwischen Ungarn und 
Österreich für gemeinsam erklärten Angelegenheiten ist die 
Unabhängigkeit Ungarns zweifellos gewahrt. Bekanntlich haben 
wir nur drei gemeinsame Angelegenheiten mit Österreich, nämlich die äußere 
Politik, das Kriegswesen, sowie die auf die beiden bezüglichen Finanzen. 
Letzteres ist also eigentlich keine gemeinsame Angelegenheit, denn jeder der 
beiden Staaten besitzt seine besondere Finanzverwaltung und der gemeinsame 
Finanzminister hat bloß die Aufgabe, die ihm von dem ungarischen und dem 
österreichischen Finanzminister für die zwei gemeinsamen Angelegenheiten 
zugewiesenen Summen zwischen denselben zu verteilen. Das Kriegswesen 
ist insofern gemeinsam, als Ungarn und Österreich ein gemeinsames Heer 
und eine gemeinsame Kriegsmarine besitzen, doch gehören die Fragen der 
Wehrmacht, des Wehrsystems, der Bestimmung des Rekrutenkontingents und 
die Dislokation des Heeres nicht in die Kompetenz der von den beiden 
Staaten aus Parlamentsmitgliedern zur Austragung gemeinsamer Angelegen- 
heiten gebildeten Delegationen, sondern vor die Gesetzgebungen Ungarns 
und Österreichs. Wie kann also aus alledem der Schluß gezogen 
werden, daß Ungarn bloß hinsichtlich der inneren Verwaltung 



von Eötteveny, Ungarns gutes Recht. 119 

selbständig sei? Kann doch in Ungarn nicht einmal das jährliche Re- 
krutenkontingent gestellt werden, wenn kein diesbezügliches ungarisches 
Gesetz die Regierung hierzu ermächtigt, wie dies ja auch schon vorgekommen 
ist. Ferner wird selbst die Aushebung der Rekruten in Ungarn nicht durch 
den gemeinsamen Kriegsminister, sondern durch den ungarischen 
Hon ved-(Landesverteidigungs-) Minister verordnet, kurz, das fer- 
tige Heer ist zwar eine gemeinsame Institution, doch das Zu- 
standebringen desselben ist für Ungarn eine speziell un- 
garische Angelegenheit. Was aber die äußeren Angelegenheiten be- 
trifft, so ist zwar das Organ derselben, der k. und k. Minister des Äußern, 
ein gemeinsames Organ, doch wird im ungarischen Xu. Gesetzesartikel von 
1867 bezüglich Ungarns verfügt, daß der königlich ungarische Minister- 
präsident berufen und zugleich auch verpflichtet ist, sich in 
den Fragen der äußeren Politik im ungarischen Reichstag zu 
äußern. Gerade der jetzige Weltkrieg lieferte nun zu wieder- 
holten Malen ein klassisches Beispiel hiezu, da infolge der Be- 
ratungsunfähigkeit des österreichischen Parlaments die Welt 
über die weltpolitische Stellung nicht nur Ungarns, sondern 
auch der ganzen Monarchie in zahlreichen Fällen nur aus den 
Erklärungen des ungarischen Minister Präsidenten Grafen Stephan 
Tisza unterrichtet wurde. Unter solchen Umständen die Behauptung 
zu wagen, daß Ungarns Selbständigkeit bloß auf die innere Verwaltung be- 
schränkt sei, ist ein kaum entschuldbarer Irrtum. 

Warum Ungarn an den gemeinsamen Ausgaben nicht in demselben 
Verhältnis teilnimmt, wie Österreich, wurde bereits in meiner, dem Herrn 
Prof. Sieger erteilten Antwort erörtert, doch ist es uns unverständlich, warum 
Herr Prof. v. Philippovich das Zustandekommen des 1867er Ausgleichs kon- 
sequent auf das Jahr 1869 verlegt. Anfangs glaubten wir, es mit einem 
Druckfehler zu tun zu haben, doch da die Jahreszahl in konsequenter Weise 
falsch zitiert wird, blieb nichts anderes übrig, als anzunehmen, daß der Ver- 
fasser die diesbezüglichen ungarischen Gesetze nicht durchgelesen hat, da 
doch sämtliche Ausgleichsgesetze, ferner das königliche Inauguraldiplom ent- 
haltende, als auch das den Ausgleich mit Österreich und endlich das den 
Krönungseid enthaltende, alle nicht von 1869, sondern von 1867 stammen. 

Der Herr Verfasser behauptet auch, daß die Aufrechterhaltung der 
historischen Ansprüche Ungarns auf seine ehemaligen Provinzen und Vasallen- 
länder, welche auch bei der Krönung dadurch zum Ausdruck gelangte, daß 
die Fahnen und Embleme derselben beim Krönungszug vorangetragen werden, 
bloß „Politik" sei. Denn warum werden nicht — sagt der Herr Verfasser — 
auch die Fahnen Steiermarks, Schlesiens, Mährens und Niederösterreichs 
herumgetragen, welche einst doch auch unter ungarischer Herrschaft standen? 
Darauf können wir nur Folgendes antworten. Erstens gehörten die durch 
Philippovich angegebenen Kronländer nie in ihrem ganzen Umfange zu 
Ungarn. Zweitens war unsere Herrschaft über dieselben nur sehr flüchtig. 
Drittens bildeten sie zu jener Zeit, als die Habsburger auf den ungarischen 
Königsthron kamen, bereits den Besitz dieser Herrscher. Viertens hindert 
uns die monarchistische Gemeinsamkeit mit Österreich sowie die Identität 
der Person des Herrschers daran, unser historisches Anrecht auf damals 
schon als österreichische Provinzen geltendes Territorium zu vertreten. Da- 
gegen gehören jene Länder, welche in früheren Zeiten ungarisches Gebiet 
waren, zum Teil aber bereits zurückerworben, jedoch statt an Ungarn an 



120- von Eötteveny, Ungarns gutes Recht. 

Österreich angegliedert wurden, in eine andere Kategorie. Von Bosnien und 
der Herzegowina endlich steht es außer Zweifel, daß sie zu den (xebietsteilen 
des ehemaligen Ungarn gehörten. Aus diesem Grunde wurde auch das 
historische Anrecht Ungarns auf diese beiden Provinzen in der königlichen 
Annexionserklärung von 1908 anerkannt. Was endlich Dalmatien betrifft, so 
ist es zweifellos, daß es sich hier de jure um einen Teil der Länder der 
heiligen ungarischen Krone handelt. Das diesbezügliche historische Recht 
Ungarns wird übrigens innerhalb des Rahmens des ungarischen Reiches auch 
von Kroatien und Slavonien aufrechterhalten. Der Banus von Kroatien wird 
nämlich vom König auch heute noch als Banus der Länder Kroatien, Slawonien 
und Dalmatien ernannt. Der Sabor (Landtag) in Zagreb (Agram) bildet 
offiziell den Landtag von Kroatien-Slawonien und Dalmatien. Endlich ist 
das Organ, durch welches die kroatische Landesautonomie in den Rahmen 
des ungarischen Beiches eingefügt wird, der in Budapest residierende könig- 
lich ungarische Minister für Kroatien-Slavonien und Dalmatien, der zugleich 
ein Mitglied des ungarischen Kabinetts und dem ungarischen Reichstag ver- 
antwortlich ist. Diesen Tatsachen entgegen steht zwar Dalmatien zurzeit 
unter österreichischer Verwaltung, doch ist es nicht minder eine historische 
Tatsache, daß dies im Frieden zu Campoformio (1797), als das Land unter 
das Szepter des Kaisers und Königs Franz geriet, nicht aus dem Grunde 
geschah, weil Österreich ein Anrecht darauf gehabt hätte, sondern weil es 
früher einen Bestandteil des ungarischen Reiches gebildet hatte. Dieser 
Auffassung wurde auch von einer Huldigungsdeputation der dalmatinischen 
Bevölkerung vor dem damals in Dalmatien einrückenden österreichischen 
General Rukawina Ausdruck verliehen, da die dortige Bevölkerung gewillt 
war, dem König von Ungarn den Eid der Treue zu leisten. Der damalige 
Minister des Äußeren. Graf Thugut, fand es aber kritisch, wenn Ungarn eine 
ausgedehnte Küste besitze, und da Ungarn unter den damaligen schwierigen 
Verhältnissen zur Wahrung seiner Rechte nicht die nötige Energie auf- 
wenden konnte, unterblieb die Rückverleibung Dalmatiens, was jedoch einer 
Entsagung des Rechtes keineswegs gleichbedeutend ist. Als Ungarn mit 
Kroatien-Slawonien im Jahre 1868 zur Regelung der schwebenden Fragen 
einen Ausgleich schloß, wurde der Rechtsanspruch auf Dalmatien sowohl 
im XXX. ungarischen, als auch im konformen I. kroatischen Gesetzesartikel 
von demselben Jahre von neuem enunziert. 

Philippovich stützt sich bei der Erörterung der historischen Prämissen 
des österreichisch-ungarischen Zollvertrages größtenteils auf die bezügliche 
Arbeit Sieghardts, weshalb wir auf fein näheres Einlassen des ungarischen 
Standpunktes, welches eher in einer an Sieghardt gerichteten Antwort am 
Platz wäre, diesmal verzichten. Was aber die Bemerkung des Verfassers 
über das 18R7 vereinbarte wirtschaftliche Abkommen betrifft, so erachten wir 
es als unsere Pflicht, wiederum auf einen schweren Irrtum hinzuweisen. Am 
Schlüsse des I. Teiles seiner Ausführungen stellt nämlich der Verfasser die 
Behauptung auf: „Zu den auswärtigen Angelegenheiten gehört 
auch der auswärtige Handel." Ferner behauptet er am Ende des 
IV. Teiles: „Ich will von der politischen Frage absehen, ob Ungarn nach 
der durch die neue Erkenntnis zu bindender Einheit führenden pragmatischen 
Sanktion das Recht hätte, Zwischenzölle einzuführen." Die erste 
Bemerkung enthält also die Behauptung, daß infolge der gemeinsamen 
äußeren Vertretung mithin auch der auswärtige Handel eine 
gemeinsame Angelegenheit sei, die zweite Bemerkung aber das Zu- 



von Eötteveny, Ungarns gutes Recht. . 121 

geständnis, von der Erörterung gewisser, wie er meint, unliebsamer Fragen 
absehen zu wollen. 

Beide Bemerkungen sind sehr geeignet dazu, den mit den österreichisch- 
ungarischen Verhältnissen nicht vertrauten Fremden irrezuführen. Daher ist 
es unsere Pflicht, auch diese Frage auf Grund der Gesetze zu beleuchten. 

Der XDI. Gesetzesartikel von 1867 beruht auf dem Grundsatz, daß infolge 
der Statuierung der gemeinsamen Verteidigung Ungarns, sowie der dem 
Szepter Seiner Majestät untergeordneten anderen Königreiche und Länder 
durch die pragmatische Sanktion, als Mittel derselben einesteils die Leitung 
der äußeren Angelegenheiten, anderenteils das Heer dienen. Da aber die 
Erhaltung beider Faktoren mit Kosten verbunden ist und Opfer erfordert, 
wurde auch das auf diese zwei Faktoren bezügliche Finanzwesen als gemeinsam 
statuiert. (Vgl. §§ 8 — 22 des erwähnten Gesetzes.) Dies sind die sog. ge- 
meinsamen pragmatischen Angelegenheiten. Im § 52 jedoch wird 
bestimmt, daß es außer diesen auch noch andere wichtige öffentliche 
Angelegenheiten gibt, deren Gemeinsamkeit zwar nicht aus der pragmatischen 
Sanktion sich ergibt, sondern die teils aus politischen Bücksichten, teils aus 
gemeinschaftlichen Interessen zweckentsprechender im gegenseitigen Ein- 
verständnis gesondert geregelt werden können. Zu den letzteren gehören 
1. die gemeinsam aufgenommenen Staatsdarlehen, 2. die Handels- 
angelegenheiten, 3. das Geldwährungssystem und 4. das in einem 
späteren Gesetz geregelte Notenbankwesen. Was speziell die Handels- 
angelegenheiten betrifft, so wird diesbezüglich in § 58 des 
Gesetzes verfügt, daß dieselben in den Ländern der ungarischen 
Krone, die von den andern Ländern Sr. Majestät rechtlich voll- 
ständig separiert sind, von der unabhängigen ungarischen Regie- 
rung zu versehen sind, welche auch berechtigt ist, die Handels- 
angelegenheiten durch Zwischenzollinien zu regeln. (In dieser 
Bestimmung ist also schon die Berechtigung der Zwischenzölle enthalten.) 
Da aber — so heißt es weiter im § 59 — zwischen den beiden Staaten 
zahlreiche gemeinsame Interessen vorhanden sind, ist das unga- 
rische Parlament „geneigt", mit den anderen Ländern Sr. Majestät 
von Zeit zu Zeit ein Zoll- und Handelsbündnis zu schließen. 
Aber in dem Fall — heißt es weiter im § 68 — , daß eine Verein- 
barung nicht gelingt, bleibt das gesetzliche Selbstbestimmungs- 
recht Ungarns vorbehalten. Auf Grund dieser.prinzipiellen Erklärungen 
kam das erste Zoll- und Handelsbündnis zwischen Ungarn uud Österreich im 
Jahre 1867 zustande (der letzte Paragraph des XVI. Gesetzesartikels von 1867 
bestimmt die Dauer desselben auf zehn Jahre.) Seit dieser Zeit wurden die 
Zoll- und Handelsangelegenheiten zwischen den beiden Staaten durch er- 
neuerte Verträge von zehn zu zehn Jahren geregelt. Der jetzige 
Vertrag geht mit 31. Dezember 19 17 zu Ende. Deshalb sind zwecks, 
neuerlicher Regelung die Verhandlungen zwischen den beiden Regierungen 
schon seit längerer Zeit wieder eingeleitet, um entsprechende Gesetzesvorlagen 
rechtzeitig den beiden Legislativen unterbreiten zu können. Die Behauptung 
Philippovichs entbehrt also jeder gesetzlichen oder logischen Grundlage und 
muß leider als vollständig aus der Luft gegriffen angesehen werden. 

Die beiden Staaten stehen eben miteinander in einem Vertrags- 
verhältnis und der Vertrag wird nur dann erneuert, falls es beide 
Parteien für gut erachten, eine Erneuerung unterbleibt aber, falls 
sie als schädlich erscheint. Eine These aufzustellen, wonach das Zoll- und 



122 von Eötteveny, Ungarns gutes Recht. 

Handelswesen eine aus der pragmatischen Sanktion sich ergebende 
gemeinsame Angelegenheit zwischen Österreich und Ungarn sei, bedeutet 
aber zugleich auch eine Negation der verfassungsmäßigen Eechte 
Österreichs, was der Verfasser doch sicherlich nicht bezweckte. Endlich 
ist auch eine jede vom 1867er Ausgleich abweichende Interpretierung der 
darin enthaltenen gemeinsamen Angelegenheiten eine Sache Ungarns und 
seines Königs, aber nicht Österreichs. Denn auch der Ausgleich 
wurde von uns nicht mit Österreich geschlossen, sondern mit 
dem König von Ungarn, indem damals Seine Majestät als öster- 
reichischer Kaiser zugleich auch das ohne Parlament admini- 
strierte Österreich vertrat. 



Am Ende unserer Entgegnung angelangt, möchten wir noch folgende 
Tatsachen feststellen. 

Jeder ungarische Patriot, und insbesondere jedermann, der sich in Ungarn 
theoretisch oder praktisch mit Politik beschäftigt, hegt den aufrichtigen Wunsch, 
mit den andern Ländern Sr. Majestät in Frieden leben und arbeiten zu können, 
denn dies erfordert nicht nur das Interesse beider Staaten, sondern auch 
der Monarchie und des Herrscherhauses. Doch ist dies nur dann 
möglich, wenn die gegenseitigen Rechte stets respektiert werden, und keine 
Partei darnach trachtet, die Tatsachen oder die zu lösenden Probleme ein- 
seitig darzustellen. Leider verfielen die drei Verfasser, die noch dazu öster- 
reichische Universitäts-Professoren sind, von denen eine Objektivität hätte 
vorausgesetzt werden können, in diesen uns Ungarn zur Genüge bekannten 
alten Fehler. Da es uns aber absolut notwendig erscheint, daß das Ausland, 
insbesondere aber unsere treuen Waffenbrüder, die Reichsdeutschen, von 
unserer Lage in vollkommen einwandfreier Weise orientiert werden, mußten 
wir es als unsere elementare Pflicht erachten, zur Aufklärung der Nicht- 
eingeweihten die obigen, auf gesetzlichen und historischen Daten ruhenden 
Erörterunsren zu veröffentlichen. 



IL 

Der russisch-japanische Vertrag yom 3. Juli 1916 
Seine Entstehung und sein Inhalt 

Von Herbert Mueller 

Der Vertrag, den die Vertreter Rußlands und Japans am 3. Juli 1916 
in St. Petersburg unterzeichneten, ist von einschneidender Bedeutung für die 
Geschichte Ostasiens und der Welt. Im Jahre 1853 von Commodore Perry 
genötigt, aus der alten Zurückgezogenheit herauszutreten und seinen ersten 
Handelsvertrag mit den Vereinigten Staaten zu schließen 1 ), hat Japan in 
■wenigen Jahrzehnten eine außergewöhnliche Entwicklung durchgemacht 2 ). 
Bis 1899 noch gezwungen, die Konsulargerichtsbarkeit für die fremden Unter- 
tanen in seinem Bereich anzuerkennen, trat es 1902, nur drei Jahre später, 
bereits in ein Bündnisverhältnis zu einer der ersten Großmächte der Welt, 
zu Großbritannien. Noch waren seinem starken Wollen Schranken gesetzt: 
das Bündnis mit England von 1902 (1905 revidiert, 1912 erneuert), die En- 
tenten mit Rußland 1906 und mit Frankreich 1907 und schließlich die Ver- 
ständigung mit den Vereinigten Staaten im Schriftwechsel zwischen Takahira 
und Elihu Root vom 30. November 1908, sie alle verpflichteten Japan zur 
Wahrung der Unabhängigkeit und Integrität Chinas. Ohne die Verpflichtung 
dazu, schien es, war ein politischer Vertrag Japan unmöglich. Am 3. Juli 1916 
hat es nun seinen ersten Vertrag dieser Art geschlossen, der keine Verpflichtung 
zur Wahrung der Unabhängigkeit und Integrität der ostasiatischen Festlands- 



J ) Es ist ein in mehr als einer Hinsicht charakteristisches Zeichen neu- 
japanischer Geschichtsfälschung, daß der Ministerpräsident Graf Okuma in 
der Kokumin Shimbun vom 10. Juli 1916 den Amerikanern das unbezweifel- 
bare Verdienst der Erschließung Japans ab- und Rußland zusprechen will. 
Nikolaus Rosanow, den Okuma an die Stelle Perrys setzen möchte, über- 
brachte zwar am 9. Oktober 1804 schon ein Schreiben des Zaren Alexander I. 
an den Shogun, nahm aber Brief und Geschenke, deren Annahme auf das 
Entschiedenste abgelehnt wurde, wieder heim, ohne von Japan mehr gesehen 
zu haben, als den Zaun, der den ihm zu Spaziergängen angewiesenen Platz 
von 100 zu 40 Schritten umschloß. Dieser „Eröffner Japans" rächte sich 
für die angetane Kränkung durch einen feigen Überfall auf die japanischen 
Ansiedlungen auf der Insel Sachalin. 

2 ) 1856 empfing es den ersten ständigen Vertreter einer fremden Macht 
(Townsend Harris für die Vereinigten Staaten), 1871 entsandte es seinen 
ersten Gesandten. 1863 noch ordnete ein Kaiserlicher Erlass die Vertreibung 
der „Barbaren" an, 1872 erst wurden die Edikte gegen das Christentum auf- 
gehoben. 1890 erhielt es ein Parlament (Zweikammersystem), in dem aber 
nur etwa 2 °/ der Bevölkerung vertreten sind. 



124 Mueller, Der russisch-japanische Vertrag vom 3. Juli 1916. 

macht enthält. Japan hat freie Hancl im Osten und eine europäische Groß- 
macht, Bußland, bürgt dafür. Dieser Vertrag verdient die eingehendste 
Betrachtung und sollte im ganzen Komplex der politischen und wirtschaftlichen 
Fragen Ostasiens und der Welt gewürdigt werden. Da Baum und Zeit dafür 
nicht zu Gebote stehen, seien hier wenigstens die Entstehung des Vertrages 
und die Aufnahme, die ihm die Welt bereitet hat,- soweit als heute möglich 
untersucht. Der Tragweite des Vertrages entspricht die lange. Vorbereitung 
seines Abschlusses, entspricht auch die weitgebende Benutzung des modernsten 
Mittels der Diplomatie, der Presse auf beiden Seiten. Dementsprechend 
hat auch sie hier besondere Berücksichtigung gefunden. 

Die Vorbereitung des Vertrages 

Im November 1914 wußte die in Peking erscheinende Zeitung Chih- 
chang-jih-pao zu berichten, daß in Mukden im Frühjahr desselben Jahres 
Verhandlungen zwischen dem früheren Generalgouverneur von Liaotung, 
General Fukushima, und einem ungenannten Vertreter Bußlands stattgefunden 
hätten. Das Ergebnis dieser Mukdener Verhandlungen sei am 22. Mai 
1914 festgelegt worden und habe in folgendem bestanden: 1. besondere 
Bestimmungen über den russisch-japanischen Handelsverkehr, 2. für den Fall, 
daß Japan von einem europäischen Gegner angegriffen wird, verpflichtet sich 
Bußland zur Hilfeleistung, 3. wird Japan in einen Krieg mit den Vereinigten 
Staaten verwickelt, so wird Bußland an der Blockade San Franziskos mit- 
wirken, 4. für den Fall der Verwicklung Bußlands in einen europäischen 
Krieg verpflichtet sich Japan zur Lieferung von Kriegsmaterial, 5. Kußland 
sagt Japan seine Unterstützung in der Einwanderungsfrage zu; kommt es 
darüber zu einem Kriege, so wird Bußland Japan gegen alle Feinde decken. 
Zugleich gab das chinesische Blatt die Meinung wieder, daß das Bündnis 
auch gegen China gerichtet sei (s. Ostasiatischer Lloyd vom 4. XII. 14). 
Es läßt sich zurzeit nicht nachprüfen, welcher Art die damals gepflegten 
Unterhandlungen waren und welchen Abschluß sie fanden. Auf jeden Fall 
bleibt es zu bedauern, daß die Meldung der Chih-chang-jih-pao keinerlei 
Beachtung fand, ein Geschick, das sie leider mit fast allen Äußerungen der 
ostasiatischen Presse teilt. Trifft sie zu, so hätten wir in den Mukdener Ver- 
handlungen vom Mai 1914 einen neuen Beweis dafür, in welch umfassender 
Weise sich Bußland für den Krieg mit Deutschland vorbereitete. 

Bis Mitte September 1914 lagen in Japan nach der Asahi Shimbun 
bereits russische Bestellungen auf Kriegsmaterial im Werte von 
15—20 Millionen Yen vor. Die Bestellungen häuften sich von Monat zu 
Monat. Bis Ende 1915 waren allein von Begierungs wegen Lieferungen im 
Gesamtwerte von 80063100 Yen erfolgt. Mit den zunehmenden russischen 
Bestellungen mehrten sich auch in der japanischen Presse die Stimmen, die 
eine Entschädigung für die Unterstützung Bußlands in territorialer Forin 
forderten, und zwar wurde zunächst nur Sachalin genannt. 

Von Anfang an wurden aber auch weitere Gesichtspunkte gefunden 
und wurde der Nutzen betont, der sich für Japan, insbesondere im Hinblick 
auf seine Stellung zu China, aus einem Bündnis mit Bußland ergeben würde. 
Schon am 16. November 1914 schrieb der Korrespondent der Morning Post 
aus Tokio ah sein Blatt, daß in Japan die Neigung zu einem Bündnis 
mit Bußland bestände tind daß bereits hochgestellte Persönlichkeiten Japans 
mit einflußreichen Kreisen Bußlands Fühlung genommen und auch dort die 
Bereitwilligkeit zu Verhandlungen festgestellt hätten (Mukdener Verhand- 



Mueller, Der russisch-japanische Vertrag vom 3. Juli 1916. 125 

ungen?). Es könne als sicher angenommen werden, daß es schon darum 
zu einem solchen Bündnis kommen werde, weil Japans Interessen in China es 
forderten. Noch aber waren die Meinungen in Japan geteilt. Im Januar 1915 
wandte sich die Zeitschrift Taiyo an verschiedene hervorragende Japaner, 
um ihre Ansichten über ein russisch-japanisches Bündnis zu hören. Von den 
Antworten, die nur zum Teil zustimmend waren, interessiert am meisten der 
Passus in der Zuschrift des früheren Handelsministers Nakekoshi, daß der 
Hauptwert eines russisch-japanischen Bündnisses darin liegen würde, daß 
Japan dann seine ganze Energie der Lösung der pazifischen Probleme zu- 
wenden könne. Das aber besagt Gegnerschaft zu Amerika. Von einem 
Gegensatz zu England wurde noch nicht gesprochen. 

Mitte Juli 1915 *) kam es sodann in der japanischen Presse zu erneuter, 
ausgiebiger Erörterung der Frage eines russisch-japanischen Bündnisses. Es 
tauchte die sehr bestimmte Meldung auf, daß nicht nur der plötzlich im Juni 
nach Tokio berufene Genro 2 ) sich mit dieser Frage beschäftigt habe, sondern 
daß auch die verfassungsmäßigen Faktoren, in erster Linie also das Aus- 
wärtige Amt, Schritte zur Herbeiführung eines russisch-japanischen Bündnisses 
getan hätten. Es folgte ein halbamtliches Dementi, das jedoch die Preß- 
diskussion nicht verstummen ließ. Von den pazifischen Plänen ist in dieser 
Zeit nun überhaupt nicht mehr die Eede, sondern nur noch von dem Wert, den 
das neue Bündnis für Japans Festlandpolitik haben könnte. In der Zwischen- 
zeit hatte eben Japan am 18. Januar 1915 seine berühmten 21 Forderungen an 
China 3 ) gestellt und dabei den Widerstand Englands, zugleich aber die Nach- 
giebigkeit Eußlands erfahren, für das Sasonow in der Duma erklärte, daß die 
japanischen Forderungen — sie bedeuteten einen scharfen Eingriff in die 
Souveränität Chinas — mit den Interessen Eußlands in Ostasien nicht im 
Widerspruch ständen. Der Widerstand Englands hatte aber genügt, um 
Japan zu veranlassen, die Forderungen der in der englischen Presse besonders 
inkriminierten Gruppe V in seinem Ultimatum vom 7. Mai 1915 fallen zu 
lassen, oder vielmehr sie von den übrigen Forderungen abzutrennen, um, wie 
es in dem Ultimatum wörtlich heißt, „sie später gesondert zu behandeln". 



J ) Bemerkt sei, daß das Abgeordnetenhaus, das eine starke Majorität 
der Opposition aufwies, im Dezember 1914 nach Hause geschickt und daß 
bei den Neuwahlen im März 1915 von der Begierung mit solchem Erfolg 
gearbeitet wurde, daß sich für das Kabinett Okuma 233 Stimmen, für die 
Opposition nur 144 Stimmen ergaben. 

2 ) Der Genro ist eine in der Verfassung nicht vorgesehene und erst 
1898 in Erscheinung getretene Einrichtung. Zu ihm gehörten ursprünglich 
die Staatsmänner der Eestaurationszeit : Fürst Jto, Fürst Yamagata, Marquis 
Matsukata und Marquis Inouye. Heute bilden ihn Fürst Yamagata, Marquis 
Matsukata und Fürst Oyama. Yamagata ist der Führer der Militärpartei 
(Choshu-Clan). Marquis Matsukata gilt für den Hauptvertreter jener Richtung 
in der japanischen Politik, die eine Ausdehnung Japans in südlicher Richtung 
wünscht. Während des Krieges ist der Genro stärker als früher hervorgetreten. 
Er hat den Anschluß Japans an die Londoner Deklaration ohne (und gegen") 
das Parlament befürwortet und überhaupt die äußere Politik Japans während 
der letzten beiden Jahre bestimmt. 

3 ) Diese und die ganzen auf die sich daran knüpfenden chinesisch- 
japanischen Verhandlungen bezüglichen Dokumente sind in einer von der 
National Review of China veröffentlichten Zusammenstellung „The Sino- 
Japanese Crisis 1915" (Shanghai 1915) zu finden und eingehender Lektüre 
empfohlen. 



126 Mueller, Der russisch-japanische Vertrag vom 3. Juli 1916. 

Der englische Einspruch und das von Sasonow bewiesene Entgegenkommen 
gaben von nun an der öffentlichen Meinung Japans die Richtung an: seit 
Februar/März 1915 häuften sich die Kritiken Englands, seiner Kriegsführung, 
insbesondere aber des Wertes des englisch-japanischen Bündnisses l ). So ist 
auch bei der im Juli 1915 neu einsetzenden Preßerörterung die Mehrzahl 
der Blätter sich wohl bewußt, daß der Abschluß eines Bündnisses mit Ruß- 
land eine Abkehr von England bedeuten würde. Die halbamtliche Japan 
Times bringt einen Artikel eines japanischen Generals, der gerade darum 
vor einem solchen Bündnis warnt: denn so brächte es zwar Rußland große 
Vorteile, Japan aber nur Nachteile. In Rußlands Interesse liege es, zu einer 
Verständigung mit Deutschland zu kommen, in Japans, unabhängig zu bleiben. 
Wichtiger als Bündnisfragen wäre die Vermehrung der Armee. Jiji Shimbun 
ist ganz entschieden gegen ein russisch-japanisches Bündnis, weil es als gegen 
England gerichtet ausgelegt werden könnte, Nichi Nichi Shimbun und Yorodzu 
darum, weil sich das Verhältnis der Mächte zueinander, insbesondere zu 
Deutschland, nach dem Kriege jetzt noch nicht übersehen lasse. Im übrigen muß 
auch Rußland sich manches herbe Wort gefallen lassen, wie in der Kokumin 
dieses, daß es erst noch auf den Schlachtfeldern den Wert eines Bündnisses 
mit sich beweisen müsse. Allerdings würde ein Bündnis mit Japan ihm 
wegen der freien Hand, die es damit dann im nahen Orient erhielte, viel 
bedeuten. Japan müsse zum mindesten auf eine äquivalente Gegen- 
leistung bedacht sein. Worin diese bestehen könnte, deutete im Oktober 
desselben Jahres Ki Inukai (bis zu der Eröffnung des Parlamentes im Jahre 
1890 Leiter der Hochi Shimbun, seitdem ununterbrochen Mitglied des Unter- 
hauses und Führer der Kokuminto - Gruppe in der oppositionellen Progres- 
sistenpartei) in einer Besprechung mit Parteifreunden an. Er sagte — hierin 
ganz in Übereinstimmung mit den Äußerungen des Korrespondenten der 
Morning Post im November 1914 — , daß ein Einvernehmen zwischen Japan 
und Rußland unumgänglich notwendig sei, wolle jenes seine Pläne in China, 
insbesondere in der Mandschurei und Mongolei durchführen. In diesem Sinne 
wurde die Frage des russisch-japanischen Bündnisses auch von dem Genro 
im Zusammenhange mit der chinesischen Frage behandelt. 

Inzwischen hatte sich auch die russische Presse in bemerkenswerter 
Weise geäußert. Aus den verschiedenen Äußerungen greifen wir einen Artikel 
der Russkoje Slowo vom 3. Juli 1915 heraus, der besonders beachtenswert 
ist. In ihm heißt es: 

„Wir haben schon öfters auf die Gleichmäßigkeit der russischen 
und japanischen Interessen im fernen Osten hingewiesen. In demselben 
Maße aber, wie die Sympathien Japans für Rußland während des 
Krieges gestiegen sind, haben sich die Beziehungen zwischen Japan 
und den Westmächten abgekühlt. Zwar hat Japan auf das Sorgfältigste 
die ihm nach dem englisch-japanischen Bündnis obliegenden Pflichten 



') Solcher Kritik gegenüber fielen auch von englischer Seite in Ostasien 
scharfe Worte. „Ein Brite" fordert in der Peking Gazette vom 19. Juli 1915, 
daß England sich von dem Bündnis mit Japan lossage, weil dieses seine 
Vertragspflicht gegenüber China ständig und methodisch verletze. Der „ruhm- 
reiche Sieg" Japans über Tsingtau werde von späteren Geschlechtern als der 
schlechteste Dienst eingeschätzt werden, den Japan England geleistet habe. 
Die Ehre und die Interessen Englands forderten möglichst baldige Kündigung 
des Bündnisses. Die japanfeindliche Haltung der Engländer in China wird 
nun ein ständiger Beschwerdegrund in Japan. 



Mueller, Der russisch-japanische Vertrag vom 3. Juli 1916. 127 

erfüllt und ist auch der Londoner Deklaration beigetreten. Gleich- 
zeitig aber griff in der japanischen Gesellschaft einige Enttäuschung 
Platz über die bisherigen Grundlagen der japanischen äußeren Politik. 
Als nämlich im vorigen Herbst nach der Einnahme Kiautschous und 
der Säuberung der Meere von den deutschen Kreuzern die Frage 
angeschnitten wurde, japanische Truppen nach Frankreich zu schicken, 
verstand es die englisch-französische Diplomatie nicht, diesen Wünschen 
entgegenzukommen. Wenn also Japan bisher nicht in Europa ein- 
gegriffen hat, so ist es nicht deshalb geschehen, weil es grundsätzlich 
ablehnt, sich in den europäischen Krieg einzumischen '), sondern nur, 
weil die politischen Vorbedingungen für dieses Eingreifen fehlten. 

Der Abschluß eines russisch-japanischen Bündnisses ist daher 
jetzt für beide Teile gleich nötig und wünschenswert. Nur die Frage 
ist zu klären: Soll die Wirksamkeit des Vertrages auf Ostasien be- 
schränkt bleiben, oder sollen die vertraglichen Verpflichtungen die 
gegenseitige Bürgschaft enthalten für den Bestand des gesamten 
Gebiets, einschließlich des Einflußgebiets jeder der beiden Mächte? 
Japans Waffenhilfe in Europa würde mit großer Dankbarkeit und ohne 
falsche Scham aufgenommen werden. Die Hindernisse für das Er- 
scheinen japanischer Truppen an der Weichsel sind rein technischer 
Natur, es sind besonders die Schwierigkeiten der Versorgung der 
japanischen Armee mit allem Nachschub auf dem Landwege. Wenn 
also Japan mit Bußland einen Bündnisvertrag auf breitester Grundlage 
abschließen will, müßte es auch seine Beziehungen zu England und 
Frankreich in ihrem ganzen Umfange einer Durchsicht unterziehen, 
was die Lösung der Frage außerordentlich verwickelt macht 2 ). 

Viel einfacher wäre der Abschluß eines Vertrages, der lediglich 
die Einflußgebiete beider Mächte in Asien abgrenzte, und den beiden 
Vertragsm ächten die Wahrung ihrer Interessen in diesem Erdteil 
sicherte. Das ursprünglich nur auf Ostasien bezügliche englisch-japanische 
Schutz- und Trutzbündnis ist später auf Indien ausgedehnt worden. 
Die gleiche Bedeutung, die der Besitz Indiens für England hat, hat 
die freie Durchfahrt durch die Dardanellen für Bußland. Japan will 
freie Hand auf dem asiatischen Festland, Rußland freien Zutritt zum 
Mittelmeer. Ein russisch-japanisches Bündnis würde also dann von 
ungeheurer Bedeutung für die Weltpolitik sein, wenn Bußland die 
Bürgschaft für die japanischen Interessen im fernen, Japan die für 
die russischen Interessen im nahen Orient übernähme. Wenn es sich 
um ein bewaffnetes Eingreifen Japans in den europäischen Krieg 
handeln sollte, so könnte dies aus technischen Gründen nur in Japans 
Beteiligung an den Dardanellenkämpfen bestehen. 

Zwar wird der Abschluß eines russisch-japanischen Bündnisses 
auf obiger Grundlage manche Schwierigkeiten haben, es ist aber nicht 
anzunehmen, daß sich auf der langen Strecke vom Bosporus bis zum 
Stillen Ozean nicht zwischen den Interessen der beiden Vertragsmächte 
und denen Englands und Frankreichs ein Ausgleich finden lassen sollte." 

Die russischen Hoffnungen auf japanische Waffenhilfe fanden von Anfang 
an ebensowenig Gegenliebe in Japan, wie die schon im Dezember 1914 von 



*) Dies ist nicht richtig. Von ministerieller Seite wie auch in der 
Presse ist wiederholt betont worden, daß eine Verwendung japanischer Truppen 
in Europa unter allen Umständen ausgeschlossen sei. 

') Diese Bemerkung ist durchaus richtig und gilt auch für das abgeschlossene 
Bündnis. Die japanische Presse hat sich bereits früher in gleicher Weise 
geäußert und fordert nun nach Abschluß des Bündnisses mit Bußland die 
Revision der übrigen Verträge. Darüber weiter unten. 



128 Mueller, Der russisch-japanisclie Vertrag vom 3. Juli 1916. 

Pichon ausgesprochene Erwartung, daß Japan sich durch Entsendung eines 
Expeditionskorps am Kriege in Europa beteiligen werde. Ja, es verstummten 
auch nicht die Stimmen, die sich überhaupt gegen ein Bündnis mit Rußland 
aussprachen. So glaubte im November 1915 noch der frühere japanische 
Gesandte in Peking, Ijuin, im Japan Magazine vor einem russisch-japanischen 
Bündnisse warnen zu müssen. Es würde zwar nicht von vornherein gegen 
den Geist des englisch-japanischen Bündnisses verstoßen. Gegen wen aber, 
würde man fragen, sollte es gerichtet sein? Gegen Deutschland kaum, da 
Japan dessen Wettbewerb auf dem chinesischen Markte zunächst nicht zu 
fürchten brauche. Man solle sich mit den bestehenden guten Beziehungen 
zu Rußland zufrieden geben und an den Abschluß neuer Verträge erst gehen, 
nachdem der Krieg beendet und das Kräfteverhältnis der Mächte besser zu 
übersehen sei. Immerhin gingen die Erörterungen in Japan weiter und ein 
im November 1915 gemachter, im Dezember und später wieder im März 1916 
wiederholter Versuch. Ükuma zu stürzen und durch den Generalgouverneur 
von Korea, Feldmarschall Terauchi. zu ersetzen, sowie das Attentat auf Okuma 
am 13. Januar 1916 sind vielleicht damit in Verbindung zu bringen und der 
Befürchtung entsprungen,- daß die Interessen Japans nicht mit der von der 
Militärpartei gewünschten Energie vertreten werden könnten 1 ). 

Die Entstehung des Vertrages 

Wann die Verhandlungen zwischen den beiden Regierungen 
aufgenommen wurden, ist schwer zu sagen. Immerhin haben sie sicher 
spätestens im Herbst 1915 begonnen. Japanischerseits waren an den Ver- 
handlungen 2 ) besonders der Justizminister Ozaki und der stellvertretende 
Generalstabschef Tanaka nebst dem Genro beteiligt. Schon im Januar 1916 
erklärte der japanische Premierminister Graf Okuma einem Interviewer des 
Kokumin, daß Japan im Begriff stände, wertvolle Bergbau- und Forstrechte 
in Nord-Sachalin zu erwerben, sowie sich an Bergwerks- und Industrie-An- 
lagen in Sibirien zu beteiligen. Die japanische Presse sah ihre kühnsten 
Wünsche schon erfüllt. Im Februar wurde die Abtretung Nord-Sachalins an 
Japan gemeldet und Anfang März, daß Japan den Schutz der russischen 



1 ) Indessen ist nicht zu übersehen, daß der mit den Marineskandalen 
von 1913/14 von der Regierung zurückgetretene Satsuma-Clan überhaupt mit 
allen Mitteln daran arbeitet, wieder zur Herrschaft zu kommen. Wird es 
ihm nicht gelingen, seinen Kandidaten, den Grafen Kato als Premierminister 
durchzusetzen, so dürfte der Feldmarschall Terauchi die besten Chancen 
haben. Gegen Kato soll vor allen Dingen Fürst Yamagata Bedenken haben, 
Bedenken, die bei Terauchi wohl wegfielen. Inzwischen ist Okuma tatsächlich 
gefallen und Terauchi sein Nachfolger geworden. 

2 ) Nicht ohne Einfluß auf sie war wohl, daß im November 1915 Eng- 
land, Frankreich und Rußland, offenbar in der Absicht, die japanische Ost- 
asienpolitik zu durchkreuzen, China zu bewegen versuchten, sich der Entente 
anzuschließen, seine Arsenale in den Dienst der Entente zu stellen, und gegen 
die Deutschen und ihre Verbündeten innerhalb seiner Grenzen feindlich auf- 
zutreten. Der Versuch schlug gänzlich fehl. Seine einzige Folge war eine 
außerordentliche Verschärfung der äntienglischen Polemik in der japanischen 
Presse, Am 13. Dezember 1915 begann die berühmt gewordene Artikelserie 
der Yamato Shimbun ,.Japans Rat an England", in der die vollständige 
Wertlosigkeit des englisch-japanischen Bündnisses in seiner jetzigen Gestalt 
durch eine Reihe zum Teil sehr bekannter Persönlichkeiten nachgewiesen wurde. 



Mueller, Der russisch-japanische Vertrag vom 3. Juli 1916. 129 

Interessen östlich des Baikalsees übernehmen werde. Inzwischen war am 
13. Januar 1916 der Großfürst Georg Michailowitsch in Tokio zum 
Besuch des Mikado eingetroffen, angeblich um ihm — reichlich verspätet — 
die Glückwünsche des Zaren zu der am 10. November 1915 in Kyoto voll- 
zogenen Krönung auszusprechen. Während der Großfürst vom Mikado 
empfangen wurde und die japanischen Militärwerkstätten besichtigte, fanden 
zwischen dem in seinem Gefolge eingetroffenen Direktor in der ostasiatischen 
Abteilung des russischen Ministeriums des Äußern, Kosakoff, und dem Baron 
Ishii. seit August 1915 als Nachfolger Baron Katos Minister des Äußern, ein- 
gehende Besprechungen statt. Die japanische Presse, die den Großfürsten 
freundlichst (die Yomiuri Shimbun gar in russischer Sprache) begrüßte, ver- 
gaß nicht, sehr deutlich zu betonen, wie stark Bußland dem japanischen 
Reich für die Hilfeleistung im Kriege verbunden sei: statt ihm, wievielleicht 
in Bußland vermutet wurde, in den Bücken zu fallen, habe es ihm Kanonen, 
Gewehre, Munition und Kriegsmaterial aller Art geliefert, ja, ihm sogar eine 
Anleihe gewährt. Letzteres wird nicht erwähnt ohne zu betonen, daß es 
für Japan — sollten noch weitere Anleiheforderungen kommen — eventuell 
doch kein reines Vergnügen sein könnte, aus einer Schuldner- eine Gläubiger- 
nation zu w r erden (Nichi Nichi Shimbun vom 1. Januar 1916). Chugai Shogyo, 
ein den Finanzkreisen und früher Marquis Inouye nahestehendes Blatt, nimmt 
die Anwesenheit des Großfürsten und die an sie geknüpften Gerüchte zum 
Anlaß, um auszuführen, daß Bußland, wie es sich seinerzeit, von Japan ge- 
schlagen, nach Westen gewandt habe, nun, von den Mittelmächten geschlagen, 
sich naturgemäß wieder nach Osten wenden w T erde. Ohne im freundlichen 
Einvernehmen mit Japan könne es hier aber nichts erwarten. Und so sei 
es wohl zu verstehen, daß man neuerdings in Rußland soviel von einem 
russisch-japanischen Bündnis spräche. Es sei eingeschaltet, daß die japanische 
Presse auch schon in früheren Äußerungen immer von einer russischen Ini- 
tiative zu den Verhandlungen gesprochen hatte, genau so wie die russische 
Presse stets behauptete, daß die Initiative von Japan ausgegangen sei. Jetzt 
werden auch bestimmte Forderungen gestellt, so die Abtretung der Bahn- 
strecke Changchun-Harbin und die Gewährung weitgehender Fischereirechte 
(Asahi vom 7. und vom 19. Januar 1916). Wieder tauchen Bedenken wegen 
Englands auf. Jiji Shimpo (vom 19. Januar 1916) fürchtet von einem russisch- 
japanischen Vertrage Unstimmigkeiten mit dem bisherigen Verbündeten. 
Sekai (vom selben Datum) will diesen Vertrag aber gerade, weil er ein Gegen- 
gewicht gegen England sei: Rußland sei ein halbasiatischer Staat, es habe 
gelernt, „daß die weiße Rasse mehr zu fürchten sei als die gelbe" und suche 
darum Anlehnung an Japan. Japan könne das nur mit gleichen Gefühlen 
begrüßen, habe es seinerseits doch schon genug unter der Anmaßung der 
englischen Kaufleute und unter den Intriguen jener Macht zu leiden gehabt, 
die versuche, sich im Yangtzetal zu etablieren. Der Krieg habe die diplo- 
matischen Pläne Englands zerstört. Möge es sich ruhig über eine russisch- 
japanische Annäherung aufregen! Das ist ein offenes Wort. Welch merk- 
würdiger Gedankengänge aber die japanische Presse auch fähig ist, zeigt ein 
Artikel der Osaka Asahi (vom 2. Februar), der zunächst hervorhebt, daß an 
den Gerüchten von einem Erkalten der russisch-englischen Beziehungen etwas 
Wahres zu sein scheine, um damit die Forderung zu begründen, Rußland 
mehr als bisher durch Kriegslieferungen zu unterstützen: so handele Japan 
im Sinne des englisch- japanischen Bündnisses und England täte klug, Japan 
selbst dazu aufzufordern! Eine russisch -japanische Annäherung sollte keine 
Zeitschrift für Politik. 10. 9 



130 Mueller, Der russisch-japanische Vertrag vom 3. Juli 1916. 

bösen Gefühle in England wecken. Ungefähr in dieselbe Kategorie gehört 
es, wenn die Osaka Mainichi Shinibun (am 24. Februar) meint, Rußland sei 
im Westen von Deutschland, im Osten von China (!) bedroht, und brauche 
darum Anschluß an Japan. Im ganzen jedenfalls gewinnt man aus den 
japanischen Presseäußerungen zu Anfang 1916 den Eindruck, als ob man sich 
in Japan in dem Moment, als der Besuch des Großfürsten die Annäherung 
an Rußland unterstrich, klar war, daß hiermit ein gewichtiger Schritt ab von 
der bisherigen Politik getan wurde, und sich bestrebte, dieses irgendwie zu 
verdecken. 

Gleich nach der Rückkehr des Großfürsten, der Ende Januar Japan 
verließ, wurden die Verhandlungen in St. Petersburg wieder auf- 
genommen. Auf japanischer Seite war Botschafter Baron Ichiro Hotono 
tätig, auf russischer der Minister des Auswärtigen Sasonow, unterstützt von 
seinem Gehilfen Neratow und dem Direktor der ostasiatischen Abteilung 
Kosakow. Anfang März wurde auch der russische Botschafter in Tokyo, 
Malewski-Malewitsch, von seinem Posten ab und nach Petersburg berufen. 
Die Verhandlungen drohten mehrmals zu scheitern. Am 5. April schon 
glaubte die Nichi Nichi Shimbun in einem Extrablatt den Abschluß eines 
russisch-japanischen Vertrages melden und seinen Hauptinhalt wiedergeben 
zu können. Das japanische Ministerium des Äußern dementierte die Nach- 
richt sofort und verbot sogar ihre Weitergabe durch Kabel. Sie dürfte aber 
gerade darum die von Japan gestellten Forderungen einigermaßen 
richtig wiedergeben. Danach waren die Hauptpunkte: 1. Rußland tritt die 
Eisenbahn Charbin — Changchun an Japan ab, 2. Japan verpflichtet sich, Ruß- 
land bis zur Beendigung seines Krieges mit Deutschland mit Waffen und 
Munition zu versehen 1 ), 3. Rußland gewährt den Japanern, die sich in Nord- 
sachalin, in der Zone der nordchinesischen Eisenbahn und in der Nord- 
mandschurei im Ackerbau, im Handel und in der Industrie betätigen wollen, 
besondere Vorteile, 4. Rußland verwandelt Wladiwostok in einen offenen 
Handelshafen und verzichtet auf alle militärischen Maßnahmen, die zu Miß- 
verständnissen mit Japan führen können, 5. Rußland und Japan verpflichten 
sich zu gegenseitiger Achtung ihrer Interessen in der Mandschurei und der 
Mongolei, 6. Japan übernimmt, sofern Rußland es verlangt, während des 
gegenwärtigen Krieges die Unterdrückung aller Unruhen in der russischen 
Einflußsphäre, 7. Rußland räumt, falls Japan es für geboten erachtet, in China 
„zur Aufrechterhaltung der Ordnung" einzuschreiten, ohne den territorialen 
Bestand und die Unabhängigkeit des Landes anzutasten, ihm Handlungsfreiheit 
ein und wird an seine Seite treten, falls eine dritte Macht interveniert. 
Bemerkenswerterweise gab die Nowoje Wremja die Punkte 1 und 3 als 
richtig zu und verwahrte sich nur dagegen, daß Punkt 4 den Japanern 
konzediert sei; es handele sich lediglich um eine japanische Forderung. Auf 
jeden Fall standen die Verhandlungen damals schon kurz vor dem Abschluß. 

In einem Interview, das Nichi Nichi Shimbun am 6. April veröffent- 
lichte, erklärte Graf Okuma, daß ein Einvernehmen mit Rußland demnächst 
veröffentlicht werden würde, und fuhr fort: 



! ) Als Beispiel der vorzüglichen Zusammenarbeit von Diplomatie und 
Presse kann gelten, daß im Frühjahr 1916 sich die Artikel mehrten, in denen 
die Regierung angegriffen wurde, sie schwäche durch die Lieferungen an 
Rußland die Verteidigung Japans und gebe vielleicht wichtige Geheimnisse 
preis. 



Mueller, Der nissisch-japanische Vertrag vom 3. Juli 1916. 131 

„Da der Hauptpunkt der neuen Abmachungen die Wahrung des 
Friedens im Orient und die Aufrechterhaltung der territorialen Inte- 
grität Chinas betrifft, auf die sich auch der englisch-japanische Bündnis- 
vertrag bezieht, so ist es nötig, sich darüber mit England ins Benehmen 
zu setzen (sie). Daneben gibt es auch noch Verschiedenes mit Ruß- 
land zu verhandeln, was noch einige Tage in Anspruch nehmen 
dürfte. Ich hege keinen Zweifel daran, daß das Abkommen, wenn es 
erst veröffentlicht ist, die Mißverständnisse unserer chinesischen Nach- 
barn und der Weltmächte beseitigen und Japans Stellung im Orient 
und in der Welt festigen wird. Was der Inhalt des Vertrages sein 
wird, kann ich noch nicht mitteilen. Aber das darf ich wohl sagen, 
daß in ihm auch verschiedene Gegenleistungen für die Dienste, die 
Japan Rußland geleistet hat, enthalten sind." 

Hervorzuheben ist die Bemerkung über die Notwendigkeit, sich zugleich 
mit England ins Benehmen zu setzen. Sie wird von der Tokyo Mainichi 
Shimbun (vom 8. April) unterstrichen. Damit im Zusammenhange steht, daß 
schon im Februar die Chugai Shogyo (11. Februar), die für das Organ der 
Bank von Japan gilt, von einer Revision des englisch-japanischen Bündnis- 
vertrages sprach, die im Gange sei, entsprechend der gründlichen Veränderung, 
die die Stellung Japans in Ostasien seit Ausbruch des Krieges erfahren habe. 
Die Möglichkeit, daß Japan vielleicht in China die volle Verantwortlichkeit 
für die Sicherheit fremden Lebens und Eigentums zu übernehmen haben 
werde, hätte diese Revision notwendig gemacht. Mehr könne darüber nicht 
gesagt werden. Dieselbe Frage wurde von anderen Zeitungen aufgegriffen 
und u. a. in der März-Nummer der Zeitschrift Taiyo eingehend besprochen. 
Es braucht kaum gesagt werden, daß das Bestehen solcher Verhandlungen 
von beiden Regierungen abgestritten wurde. 

Die Vermutung liegt somit nahe, daß es Schwierigkeiten mit Eng- 
land waren, die den Abschluß des russisch-japanischen Vertrages April 1916, 
den auch Graf Okuma damals für die nächsten Tage in Aussicht gestellt 
hatte, schließlich doch verhinderten. Japan mag es aber auch als unangenehm 
empfunden haben, daß gerade in jenen Tagen, am 31. März der Vertreter 
der Russisch-Asiatischen Bank in Peking, de Hoyer, mit dem chinesischen 
Verkehrsminister, Liang Tun-yen, einen Vertrag über den Bau einer russischen 
Bahn von Charbin über Mergen nach Blagowestschensk am Amur mit einer 
Zweiglinie Mergen — Tsitsihar abschloß. Dadurch 1 ) betonte Rußland sein 
Interesse an der Nordmandschurei, und zwar in einer darum besonders merk- 
würdigen Form, als es sich im wesentlichen um die Strecke der im Jahre 1913 
von Knox vorgeschlagenen Aigun-Bahn handelte, gegen die seinerzeit Ruß- 
land und Japan protestierten. Jedenfalls wurden die weiteren Verhandlungen, 
sei es allein zwischen Japan und Rußland, sei es unter Heranziehung Eng- 
lands, in größerer Heimlichkeit als bisher geführt. Die japanische Presse 
begnügte sich mit gelegentlichem Hinweis auf schwebende Verhandlungen 
wegen der ostchinesischen Eisenbahn, und die europäische sowie amerikanische 
Presse besprach bis in den Juni hinein immer noch die Alarmnachricht der 



*) Daneben zeigten die russischen Zeitungen plötzlich ein auffallendes 

Interesse für den fernen Osten. So wurde berichtet, daß neuerdings Nord- 

i Sachalin besonders viele Auswanderer anziehe, und alle möglichen Pläne 

: bezüglich Wladiwostoks tauchten auf: Ausbau des Hafens, Errichtung einer 

I Universität u. a. m. Also auch hier auf russischer Seite bewußte Benutzung 

der Presse zur Beeinflussung der schwebenden Verhandlungen. 



132 Mueller, Der russisch-japanische Vertrag vom 3. Juli 1916. 

Nichi Nichi Shiinhun vom 3. April, die im Mai durch die Russkoje Slowo 
eine seltsame Auferstehung gefeiert hatte. Das dann am 3. Juli endlich 
zustande gekommene Bündnis, das zuerst durch eine Meldung aus Dairen 
(Dalny) vom 4. Juli bekannt wurde, wirkte darum wie eine Überraschung. 

Die Publikation des Vertrages vom 3. Juli 1916 
Die Publikation des Vertrages erfolgte unter merkwürdigen Umständen, 
die zugleich auch ein Licht auf die offiziell nicht bekanntgegebenen Ab- 
machungen werfen. Die erste Nachricht von seinem Abschluß brachte 
Rußkoje Slowo vom 5. Juli 1916 in folgendem Telegramm aus Dalny 
(Dairen) vom 4. Juli: 

„Der Offiziosus der Südmandschurischen Eisenbahngesellschaft '), 
an deren Spitze hervorragende japanische Persönlichkeiten stehen, teilt 
aus Tokio mit, daß das russisch-japanische Protokoll unterzeichnet ist. 
Das Protokoll ist einer außerordentlichen Versammlung des Genro 
vorgelegt worden, der es ohne Veränderung annahm. Der Inhalt ist 
kurz folgender: 1. Beide Regierungen handeln gemeinsam bei Ver- 
teidigimg ihrer Interessen in China und Sibirien, wenn eine dritte 
Macht sie bedroht, 2. die Untertanen der vertragschließenden Mächte 
genießen volle Freiheit bezüglich des Aufenthaltes und ihrer Unter- 
nehmungen in Sibirien und in der japanischen und russischen Einfluß- 
sphäre, sowohl in der Mongolei als in der Mandschurei, 3. die Schiff- 
fahrt auf dem Sungari, bisher ein Privileg der Russen, wird in 
gleicherweise auf die Japaner ausgedehnt. Zusatzartikel: Die Strecke 
der ostchinesischen Eisenbahn von dem Sungari bis Kuan-cheng-tze 
(= Changchun) geht an Japan über." 

Eine Depesche aus Tokio desselben Blattes vom gleichen Datum bereitete 
bereits darauf vor, daß nur ein Teil der Abmachungen publiziert werden 
würde. Diese auch ihres sonstigen Inhaltes wegen wichtige Depesche lautete: 

„Was das jüngst unterzeichnete russisch-japanische Protokoll 
anbetrifft, so wird gemeldet, daß es aus zwei Teilen bestehe, von 
denen der wichtigere geheim gehalten bleibt: in diesem Teil ver- 
stehen sich Rußland und Japan zu einem Defensivbündnis. Das Pro- 
tokoll widerspricht weder dem russisch-französischen, noch dem japanisch- 
englischen Bündnis. In der festgesetzten Einflußsphäre der beiden 
Mächte wird einmütiges Handeln vorgesehen. Der geheime Teil 
löst restlos die chinesische Frage für beide Mächte. Die Dauer 
des Vertrages ist zehn Jahre, vom Tage der Unterzeichnung an. Im 
Falle, daß bei Ablauf des Vertrages der Krieg noch andauert, wird 
die Geltungsdauer des Vertrages bis zum Friedensschluß verlängert." 

Am 7. Juli waren die russischen Zeitungen dann in der Lage, den Text 
des Vertrages zu veröffentlichen. Von den vier Artikeln, deren Inhalt die 
South Manchurian Daily News am 4. Juli wiedergegeben hatte, enthielt er 
lediglich die Abmachungen des ersten Artikels. In Japan wollte man offenbar 
m-sprünglich einen größeren Teil der Bestimmungen veröffentlichen. Außer 
der Meldung in den South Manchurian Daily News spricht dafür auch, daß in 
Tokio am Abend des 7. Juli der in Petersburg publizierte Text ohne die 
Einleitungsformel als „Hauptinhalt" bekannt gegeben und zugleich von dem 
Auswärtigen Amt mitgeteilt wurde, daß es infolge einer Unterbrechung im 
Kabelverkehr via Chosen (Korea) nicht in der Lage sei, den vollen Text zu i 



*) Gemeint ist die South Manchurian Daily News. 



Mueller, Der russisch-japanische Vertrag vom 3. Juli 1916. 133 

veröffentlichen (siehe Japan Advertiser vom 8. Juli). Am 8. wurde der Text 
offiziell in Tokio als Beilage zum Reichsanzeiger publiziert, wörtlich mit der 
Veröffentlichung vom 7. Juli übereinstimmend. Die Publizierung der Neben- 
abkommen wurde für die nächsten Tage in Aussicht gestellt. Sie ist bisher 
nicht erfolgt. Was war inzwischen wohl geschehen, daß der volle Text nicht 
veröffentlicht wurde? Warum hatte Rußland — oder ist vielleicht ein anderer 
Staat anzunehmen — Einpruch erhoben ? 

Der Wortlaut des Vertrages 
Der veröffentlichte Text des Abkommens lautet in der im Organ der 
russischen Regierung, der Pravitelstvennij Vestnik No. 136 vom 24. Juni/7. Juli 
1916, veröffentlichten französischen Fassung wie folgt: 

Le Gouvernement Imperial de Russie et le Gouvernement Imperial 
du Japon, resolus d'unir leurs efforts pour le maintien d'une paix 
constante en Extreme-Orient, s'entendent sur ce qui suit: 

Article I. 

La Russie ne fera partie d'aucun arrangement ou combinaison 
politique diriges contre le Japon. 

Le Japon ne fera partie d'aucun arrangement ou combinaison 
politique diriges contre la Russie. 

Article IL 
Dans les cas oü les droits territoriaux ou les interets speciaux en 
Extreme-Orient de l'une des Parties Contractantes reconnus par l'autre 
Partie Contractante, viendraient ä etre menaces, la Russie et le Japon 
se consenteront sur les mesures a prendre en vue de l'appui ou du 
concours ä se preter pour la sauvegarde de la defense de ces droits 
et interets. 

En foi de quoi, les soussignes, düment autorises par leurs Gou- 
vernements respectifs, ont signe cette Convention et y ont appose 
leurs sceaux. 

Fait ä Petrograd, le 20 juin (3 juillet) 1916, correspondant au 
3-eme jour du 7-eme mois de la 5-eme annee de Taisho. 

(signe) Sazonow. (signe) Motono. 

(L. S.) (L. S.) 

Die Aufnahme des Vertrages 
Die Aufnahme des Vertrages in den verschiedenen Ländern war sehr 
verschieden. In Japan wurde sein Abschluß als ein bedeutender Sieg 
empfunden und gefeiert. Es darf vielleicht hervorgehoben werden, daß die 
Börsenmakler in Tokio die ersten waren, die ihn feierten: sie veranstalteten 
einen Umzug, der vor dem Palais des Mikado mit Banzai-Rufen endete. Die 
Schulen wurden geschlossen. Städte, Vereine, Private veranstalteten Feiern. 
Zwischen den Parlamenten, den Stadtverwaltungen und Handelskammern 
Japans und Rußlands wurden Depeschen gewechselt. Graf Okuma wurde 
zum Marquis gemacht und die anderen am Zustandekommen des Vertrages 
beteiligten Personen mit kaiserlichen Ehren überschüttet. Die Presse erklärte 
sich durchweg befriedigt, auch jene Organe, die dieses Bündnis solange 
bekämpft hatten. In immer neuen Artikeln feierten sie diesen „unblutigen 
Sieg Japans 1 ', bis sich schließlich die Osaka Mainichi Shimbun veranlaßt sah, 
davor „aus Rücksicht auf die Gefühle des neuen Bundesgenossen" (!) zu warnen. 



134 Mueller, Der russisch-japanische Vertrag vom 3. Juli 1916. 

In Rußland äußerte man sich allerdings weniger enthusiastisch. 
Sazonow gab folgende gewundene Erklärung ah: 

„Das russisch-japanische Abkommen ist ein politischer Akt von 
hoher Bedeutung. Der jetzige Krieg eröffnet eine Reihe von Problemen 
für Rußland, deren Lösung unsere Aufmerksamkeit für viele Jahre auf 
den Westen richten wird. Auf Grund unserer Solidarität mit Japan 
in den Fragen des fernen Ostens können wir uns ganz der Lösung 
dieser Probleme in der Gewißheit widmen, daß keine Macht sich 
hinter China stecken kann, um ihre ehrgeizigen Pläne zu verwirk- 
lichen." 

Wenige Tage später trat er vom Amt zurück. P. Miljukow verfehlte 
nicht zu betonen (Rjetsch vom 25. Juli 1915), daß er mit Sazonows Politik 
im fernen Osten wenig einverstanden und von der Zweckmäßigkeit ihrei 
ganzen Richtung nicht gerade überzeugt sei. Er fragt: „Sollte es möglich 
sein, daß dieses Gebiet der persönlichen Einwirkung des Ministers am meisten 
entzogen blieb? Es war wohl nicht ohne Berechtigung, daß jedesmal, wenn 
die Zeitungen neue Erfolge in der Politik im fernen Osten meldeten, ein 
anderer Name genannt wurde, der Name des Mannes, der jetzt erster Gehilfe 
des neuen Ministers werden soll (i. e. Neratow)?" 

Die Presse konnte sich nicht mit der Freiheit äußern, die sie sich 
wohl wünschte. Der erste Leitartikel des Rjetsch über das neue Bündnis 
in der Nummer vom 9. Juli wurde von der Zensur gestrichen. Andere von 
ihr durchgelassene Äußerungen stellen resigniert fest, daß die Vorteile auf 
seiten Japans liegen. In Russkoje Slowo vom 7. Juli gibt W. Michailowski 
zu, daß damit Rußland sein Gesicht vom Osten ab und definitiv nach Westen 
gewandt habe. Es heißt darin: 

„Japan als Inselland mit dichter Bevölkerung braucht transmarine 
Kolonien zur Abwanderung seines Überschusses; daher gehören natur- 
gemäß zu seinem Interessengebiet die warmen Länder des Südostens 
des asiatischen Erdteils. Rußland dagegen hat seine territoriale Aus- 
breitung in der Richtung zum Stillen Ozean bereits zum Abschluß 
gebracht, indem es an die große asiatische Wüste und die dichtbesie- 
delten Länder der gelben Rasse, die ihre tausendjährige Kultur haben, 
stößt. Daher kreuzen sich Japans und Rußlands Interessen nirgends. 
Wir brauchen die Produkte der hochentwickelten japanischen Industrie 
und können den Japanern Brot und Korn (sie!) abgeben. Die Auf- 
rechterhaltung des Friedens und des politischen Gleichgewichts ist 
beiden Nationen, die jetzt ein Bündnis schließen, gleich teuer. 

Der Abschluß des russisch-japanischen Bündnisses zeugt davon, 
daß Rußland sein Gesicht definitiv Europa zugekehrt hat, wo 
zurzeit die größten nationalen Aufgaben, von denen die Zukunft des 
russischen Volkes abhängt, der Lösung harren. Das Bündnis mit Japan 
deckt unseren Rücken im fernen Osten und macht dem blöden Schlag- 
wort von der gelben Gefahr ein Ende, das unsere ehemaligen Freunde 
an den Ufern der Spree in Umlauf gesetzt haben. Die deutschen 
Diplomaten haben bis jetzt die süße Hoffnung genährt, daß sie mit 
Japan nach dem Kriege enge Beziehungen auf dem Boden der Auf- 
teilung Chinas anknüpfen würden und die Regierung des Mikado auf 
uns hetzen könnten [!]. Wie Rauch sind diese leichtfertigen Hoff- 
nungen zerstoben. Japan ist nicht nur der Londoner Deklaration bei- 
getreten '), sondern hat auch an der Pariser Wirtschaftskonferenz teil- 



*) Allem Anschein nach mit der Befristung auf ein Jahr. 



Mueller, Der russisch-japanische Vertrag vom 3. Juli 1916. 135 

genommen, die den Wirtschaftskrieg nach Friedensschluß proklamiert 
hat 1 )- Das Bündnis vom 20. Juni (3. Juli) festigt definitiv die neue 
Position Japans." 

Der D j e n schreibt am 9. Juli recht kritisch : 

„Der Vertrag von 1910 genügte mehr oder weniger den Fragen 
der Friedenszeit, seit Beginn des Krieges erwies er sich als ungenügend. 
Es wurden neue Verhandlungen nötig und bereits im April d. J. brachte 
die „Nichi-Nichi" eine sensationelle Nachricht. Es waren Punkte 
eines Vertrages, der zwischen Bußland und Japan abgeschlossen sein 
sollte. Diese Nachricht wurde dementiert. Und wirklich brachte der 
Vertrag vom 24. Juni a. St. nicht den Vertrag, der im japanischen 
Blatt abgedruckt war. In jener Bedaktion war der Vertrag viel aus- 
führlicher, er enthielt sechs Artikel statt der zwei, die in der letzten 
offiziellen Bedaktion zu finden sind .... Man kann nicht sagen, daß 
das Original des Vertrages die Mitteilung der „Nichi-Nichi" über 
die großen Bechte und Privilegien, die Japan sich ausbedungen haben 
soll, Lügen straft. Die übergroße Unbestimmtheit des Vertrages schließt 
die Möglichkeit seiner Beurteilung aus, denn es ist unbekannt, welchen 
Sinn der Artikel 2 des soeben unterzeichneten Vertrages hat. Auch 
Artikel 1 gibt keine wünschenswerte Klarheit. Es wäre das beste 
gewesen, wenn im Vertrage das zukünftige Programm der Aktionen 
Bußlands und Japans in China aufgenommen wäre." 

Endlich kommt auch B j e t s c h am 10. Juli zu Wort. In dem Leit- 
artikel über die politische und militärische Lage heißt es: 

„Der russische Vertrag schließt sich in ziemlich gleicher Weise 
dem Punkt 5 und dem Punkt 1 des englisch-japanischen Vertrages 
vom 12./25. August 1905 an, der es den vertragschließenden Parteien 
zur Pflicht macht, keine Verträge abzuschließen, die den gemeinsamen 
Aufgaben widersprechen, und in , offenherzlichen Meinungsaustausch 
zu treten, wenn die Bechte und Interessen, die im Bündnis erwähnt 
sind, in Gefahr geraten'. Jedoch enthält unser Vertrag nicht einen 
dem Punkt 2 des Vertrages von 1905 entsprechenden Punkt, dem- 
zufolge die vertragschließenden Mächte verpflichtet sind, ,dem Bundes- 
genossen im Fall eines durch nichts provozierten Überfalles oder einer 
agressiven Bewegung einer dritten Macht sofort zu Hilfe zu eilen'. 
Es ist anzunehmen, daß das Fehlen dieses Punktes nicht nur auf der 
Vieldeutigkeit solcher Ausdrücke wie ,durch nichts provozierter Über- 
fall' beruht, sondern auch auf der geringen Feststellbarkeit der mög- 
lichen Feinde und möglichen Konfliktgründe. 

Aus der von uns gestern gebrachten (von der Zensur gestrichenen!) 
historischen Skizze kann der Leser ersehen, daß das Gebiet der Inter- 
essen Japans, das von ihren Bundesgenossen zu verteidigen sein könnte, 
in schnellem Wachsen begriffen ist — insbesondere seit diesem Kriege. 
Dieses Anwachsen kommt in einer Beihe von Verträgen zwischen Japan 
und China zum Ausdruck, die vor rund einem Jahr abgeschlossen 
wurden. Im Text unseres Vertrages fehlt jedoch ein genauer Hinweis, 
ob diese Verträge (betr. die Zukunft von Schantung und Kiautschou, 



*) Dazu ist zu bemerken, daß die japanische Presse die Teilnahme an 
dieser Konferenz aufs schärfste gemißbilligt hat, woraufhin offiziös ausgegeben 
wurde, daß mit der Teilnahme noch nicht gesagt sei, daß Japan auch die 
Beschlüsse annehmen werde. Dementsprechend erklärte Egi, der Sekretär 
des Kabinetts, als die Beschlüsse der Pariser Konferenz am 22. Juni 1916 
in Japan veröffentlicht wurden, ausdrücklich, daß sie in keiner Weise bindend 
seien (Japan Advertiser 23. Juni 1916). 



136 Mueller, Der russisch-japanische Vertrag vom 3. Juli 1916. 



die Rechte Chinas in der Südmandsehurei und in der östlichen inneren 
Mongolei, das Gebiet des Eisenbahnhaus, das Gebiet der Anleihen, die 
japanischen Ratgeber in China) zu den von uns anerkannten Rechten 
und Interessen Japans gehören, die von uns gegen dritte Mächte ge- 
schützt werden müssen. 

Es ist anzunehmen, daß jedenfalls die Bestrebungen 
Japans im »Stillen Ozean, wo Japan mit Amerika in Konflikt 
geraten kann, nicht zu diesem Gebiet gehören." 

Hofft also Rjetsch noch, daß der Vertrag Rußland in einem japanisch- 
amerikanischen Konflikt nicht die Hände binde, so sind andere Stimmen 
entschieden dieser Ansicht. Freie Hand gegen Amerika, in China selbst und 
in der ganzen Mandschurei, das ist nach Russkoje Slowo vom 8. Juli 
der Ertrag des Bündnisses für Japan. Dieses Blatt schreibt: 

Der Bündnisvertrag zwischen Rußland und Japan trägt zweifel- 
los defensiven Charakter, da beide Mächte sich lediglich zum Schutz 
der territorialen Rechte und der von beiden anerkannten Interessen 
verpflichten. Folglich ist zwischen Rußland und Japan eine Einigung 
in der Abgrenzung ihrer territorialen Rechte und ihrer politischen und 
wirtschaftlichen Interessen im fernen Osten erzielt worden. Offenbar 
haben sie sich nicht nur die Territorien, die gegenwärtig im Besitz, 
der vertragschließenden Parteien sind, garantiert, sondern auch ihre 
Interessengebiete innerhalb der chinesischen Republik festgelegt (sie!). 
Die Einzelheiten dieses Übereinkommens über die Interessengebiete 
sind zurzeit noch unbekannt bis auf die eine, daß Rußland den Zweig 
der chinesischen Ostbahn nach Kwang-tcheng-tze an Japan verkauft 
hat. Indem wir uns dieses Restes aus der Zeit des Kwangtungaben- 
teuers traurigen Angedenkens entledigen, sagen wir uns von allen 
und jeden Ansprüchen auf die mittlere Mandschurei los. Übrigens- 
brauchen wir in Wahrheit auch die nördliche Mandschurei 
überhaupt nicht (sie!), insbesondere seitdem der Verkehr auf der 
Amurbahn eröffnet worden ist. Wenn man noch von unserm Inter- 
essengebiet reden kann, so gilt das nur (sie!) in bezug auf die 
Mongolei und Ostturkestan. Am wichtigsten ist die Tatsache, 
daß wir uns für den Fall neuer Komplikationen in Europa und Vorder- 
asien endgültig den Rücken gedeckt haben. Japan hat seinerseits 
sich den Rücken für den Fall eines Zusammenstoßes mit 
Amerika gedeckt (sie!). Zurzeit erscheinen diese Möglichkeiten 
recht weit entfernt, aber nach einem russischen Sprichwort schützt 
Gott den, der sich selbst schützt. Rußland und Japan haben jetzt 
freie Hand und können von nun an ruhig der zukünftigen Lösung der 
nationalen Aufgaben, die ihnen durch den Gang der Geschichte gestellt 
werden, entgegensehen." 

Natürlich fehlt es auch in der russischen Presse neben solchen Auf- 
richtigkeiten nicht an Phrasen. Um nur ein Beispiel anzuführen, sei der 
Fortsetzung dieses Artikels folgender Abschnitt entnommen: 

„Das russisch-japanische Bündnis ist eine der wichtigsten Etappen 
auf dem Wege zur Sicherung des allgemeinen Friedens und der Ruhe 
nicht nur in Asien, sondern auch in den andern Erdteilen. Wenn der 
blutige Kaiser vorher gewußt hätte, daß er selbst statt des von ihm 
erwarteten Überfalles Rußlands durch Japan ein Ultimatum von der 
Regierung des Mikado erhalten würde, wäre das Feuer des Weltkrieges 
kaum entstanden. Wie mit Rußland, ist Japan mit England durch 
einen Bündnisvertrag gebunden, wobei die Grundgedanken des englisch- 
japanischen und des russisch-japanischen Bündnisses in ihren wesent- 



Mueller, Der russisch-japanische Vertrag vom 3. Juli 1916. 137 

lichsten Zügen zusammenfallen. Die Sicherung der Unabhängigkeit 
Chinas und der Politik der offenen Tür ■ — das ist die gemeinsame 
Losung, die sich die Politik der drei größten asiatischen Mächte in 
gleicher Weise zu eigen gemacht hat (nur steht von ihr in dem neuen 
Vertrag zum Unterschied vom englisch-japanischen und anderen kein 
Wort darin !). Als unvermeidliche Folge dieser Situation muß sich 
früher oder später der Abschluß eines französisch-japanischen Bünd- 
nisses (sie!) ergeben, da ja Frankreich dieselben Ziele der Aufrecht- 
erhaltung des Friedens und des politischen Gleichgewichts an den Ufern 
des Stillen Ozeans verfolgt. Je mehr solcher Bündnisverträge abge- 
schlossen werden, um so fester werden sich die Bande der Freundschaft 
und der gemeinsamen Arbeit der führenden Kulturstaaten (sie!) erweisen." 

In England bewies die Presse, wie gut sie in der Hand des Zensors 
liegt. Wenige Blätter allerdings nur gaben sich dazu her, den Vertrag be- 
geistert als einen neuen Schlag gegen Deutschland zu preisen. Im allgemeinen 
bemühte man sich zu betonen, daß Japan sich durch diesen Vertrag nur noch 
fester der Entente verbunden habe. Kritisch verhielt sich von den großen 
Blättern lediglich die Morning Post, wenngleich in außerordentlich vor- 
sichtiger Form. Am 11. Juli 1916 läßt sie sich aus Petersburg drahten, daß 
das Abkommen darum, weil es Rußland im Osten Sicherheit verschaffe und 
seine volle Energie für Europa frei mache, zwar als ein neues Bindemittel 
für den Verband angesehen werden könne. Daneben aber „ist das Abkommen 
zweifellos bis zu einem gewissen Grade eine gemeinsame Erklärung der beiden 
Mächte des Ostens, die sich in die Worte zusammenfassen ließe: Hände weg 
-von China!" Daraus ließe sich unseres Erachtens für England gewiß eine 
beachtenswerte Folgerung ziehen: in der Statistik des chinesischen Seezolls 
für 1912 erscheint das britische Imperium mit 280 Millionen Taels in der 
Einfuhr und mit 134,6 Millionen Taels in der Ausfuhr, das bedeutet einen 
Gesamthandel von 1,245 Millionen Mark. Eine Folgerung zieht aber die 
Morning Post nicht. Nur das Londoner Arbeiterblatt Justice ist etwas 
offener. Am 13. Juli schreibt es: 

„Das russisch -japanische Schutz- und Trutzbündnis, von dem 
unsere ganze kapitalistische Presse erklärt, es finde die Zustimmung 
Englands und seiner Verbündeter, ist eine sehr ernst zu nehmende 
Angelegenheit. Das kann man schon daraus entnehmen, daß man 
ohne weiteren Kommentar darüber hinweggehen will. Man muß auf- 
merksam den Eifer verfolgen, den Japan China gegenüber entwickelt, 
seit Europa genug mit Deutschland zu tun hat, und die Vereinigten 
Staaten als ein gefährlicher Gegner zu Land oder zu Wasser nicht 
mehr in Betracht kommen. Inzwischen sind Tsingtau, die Marschall- 
und andere Inseln in die Hände der Japaner gelangt. Ihr Einfluß an 
der Küste und im Innern Chinas wächst von Tag zu Tag. Jetzt haben 
Rußland und Japan vereinbart, daß sie gegenseitig ihren Einfluß im 
nördlichen China fördern wollen. Was hält sie noch ab, ganz China 
sich in jeder Richtung gefügig zu machen? England und Frankreich 
müssen einfach gute Miene zum bösen Spiel machen. Wir sind alle 
dafür, daß Asien den Asiaten gehört. Aber daraus folgt nicht, daß, 
wenn moskowitische und japanische politische und wirtschaftliche Herr- 
schaft in China sich ausbreiten, dies für die ganze übrige Welt eine 
Wohltat ist. Man sollte über diese Angelegenheit frei dis- 
kutieren. Inzwischen wird unserer Auffassung nach die Lage für 
die Vereinigten Staaten aus mehr als einem Grund immer gefährlicher." 

Der Wunsch der Justice nach freier Diskussion wurde nicht erfüllt. 
Daß die englische Presse in ihren Äußerungen im allgemeinen tatsächlich 



138 Mueller, Der russisch-japanische Vertrag vom 3. Juli 1916. 

durchaus nicht die Auffassung im Lande spiegelte, geht daraus hervor, daß 
«m 13. Juli im Unterhause die Frage gestellt wurde, ob die Eegierung von 
den russisch-japanischen Verhandlungen unterrichtet war. Die Frage wurde 
von Lord Robert Cecil, Unterstaatssekretär im Auswärtigen Amt, dahin 
beantwortet, daß Japan die Punkte des Vertrages vor Abschluß vertraulich 
mitgeteilt habe, weiterer Meinungsaustausch aber nicht erfolgt sei. 

Merkwürdig ist, daß gerade in Frankreich, dessen delirierende Presse 
sonst das neue Bündnis ■ — das trotz aller deutschen Intriguen zustande ge- 
kommen sei! — in unzähligen Festartikeln feierte, auch vernünftige und 
besorgte Stimmen zu Worte kamen. So schrieb Eenaudel in der Humanite 
vom 10. Juli, daß das neue Bündnis doch einiges Beunruhigendes enthalte, 
und fährt nach der Frage, ob dieses „Defensivbündnis" die „Expansions- 
interessen" der beiden Mächte schützen solle, fort: „Wenn dieses russisch- 
japanische Bündnis eine drohende Teilung Asiens bedeuten sollte, wobei China 
selbst bedroht würde, so wäre das ein Fehler, dessen Folgen unsere Kinder 
fraglos zu spüren bekämen." Ausführlichere Wiedergabe verdient ein Artikel 
des alten Ostasien -Politikers Fernand Farjenel im (Euvre vom 13. Juli. 
Er schreibt: 

„Man kann wohl die Bedeutung des neuen Vertrages, der Ruß- 
land mit Japan verbindet, kaum überschätzen : das ganze in lang- 
jähriger mühesamer Arbeit von der Diplomatie aufgebaute politische 
Gebäude im fernen Osten kann dadurch umgestaltet werden. Der 
Vertrag umfaßt in seiner Wirkung China, Indochina und Indien. Er 
stellt die Herrschaft auf dem Stillen Ozean zur Diskussion und läßt 
die Vereinigten Staaten auf der Szene erscheinen, die schon beunruhigt 
die Sonne Japans sich so hoch über dem Horizont erheben sehen. 
Wahrlich, die orientalische Frage', von der immerhin der fürchter- 
lichste Krieg ausgegangen ist, den die Welt gesehen hat, verblaßt, 
vergleicht man sie mit der schon lange gestellten, heute aber präzi- 
sierten Frage des fernen Ostens. Diese stellt nicht nur die Großmächte 
Europas in das Spiel ein, sondern die der ganzen Welt, deren wirt- 
schaftliche und politische Rivalitäten, deren soziale Affinitäten oder 
Gegensätze hier auf dem weiten asiatischen Kontinent ein ungeheures 
Feld für ihre Kämpfe finden. Zwei militärische Großmächte nehmen 
schon ihre Stellung ein." 

Farjenel hält sich nicht bei der Frage auf, was für eine Rolle Deutsch- 
land nach dem Kriege unter dem Einfluß dieses Vertrages in Ostasien spielen 
werde. Aber wird Japan Tsingtau an China zurückgeben? Frankreich und 
England würden es wünschen, denn sie beide hielten an dem alten Prinzip 
der Integrität Chinas fest. Andererseits brauche man sich nicht zu wundern, 
wenn die Dispositionen einer kriegführenden Macht in zwei Jahren Krieg 
sich änderten. Wollen Japan und Rußland etwa auf eigene Rechnung die 
alte Politik des früheren deutsch-französisch-englisch-russischen Konsortiums 
wieder aufnehmen, das gemeinsam, wenn auch durch indirekte Methoden, 
China zu regieren und seine Bodenschätze auszubeuten gedachte? Was aber 
würde Amerika dazu sagen, das damals schon Skrupeln hatte, jenem Kon- 
sortium beizutreten, und das sich jetzt zu so gewaltigen Rüstungen entschlossen 
hat? Man mag hoffen, daß es zu keinem Konflikt zwischen den beiden von 
so gegensätzlichen Gefühlen erfüllten Ländern, den Vereinigten Staaten und 
Japan, kommen werde. Das eine aber ist sicher, daß Japan den Beistand 
seines Verbündeten England den Anforderungen, die die Lösung der vor 
ihm liegenden Riesenprobleme ihm stellen, für nicht mehr gewachsen hält 



Mueller, Der russisch-japanische Vertrag vom 3. Juli 1916. 139 

und dieses auch ausspricht. „Diese Frage", fährt Farjenel fort, „ist sehr 
delikat und man wird verstehen, daß unter den heutigen Umständen man 
nicht allzusehr auf die übrigens tief genug gehende Divergenz in den An- 
schauungen der beiden Verbündeten eingehen kann." Japan will nicht den 
Wachthund Englands spielen, das ist das allgemeine Gefühl in Japan. Merk- 
würdig sind die Beziehungen, die es zu politischen Flüchtlingen aus Britisch- 
indien unterhält. Das sind einige der vielen Momente nur, die in der ver- 
wickelten Frage des fernen Ostens eine Rolle spielen. 

Am 4. August kommt Farjenel im Progres de Lyon wieder auf diese 
Frage zurück. In einem langen Artikel, der mehrere Zensurlücken aufweist, 
bespricht er eingehend die offen englandfeindliche Haltung der japanischen 
Presse und die ehrgeizigen Pläne, die weite Kreise in Japan hegen, Kreise, 
die das ganze Militär umfassen und die das Vertrauen des Mikado genießen. 
Sollte man diese Pläne auch nicht zu hoch einschätzen, so müsse man sie 
doch kennen, um die amerikanischen Maßnahmen richtig beurteilen zu können. 
Dieses sind weit offenere Worte, als auch nur ein einziges englisches Blatt 
zu äußern wagte. 

In Italien selbst wertete man den Vertrag kritisch. So schrieb der 
Abgeordnete und Ministerialdirektor im Arbeitsministerium Ruini im Messagero 
vom 25. Juli, daß Bußland jetzt, nach bitteren Erfahrungen und durch harte 
Lehren endlich gewitzigt, den Standpunkt der Japaner annehme und ihnen 
China als Einflußsphäre überlasse. Vernichte der neue Vertrag Deutschlands 
Einfluß in Ostasien, so doch nur um den Preis der Japanisierung Chinas. 
Bußland erfahre eine wahre Beschränkung des Horizontes und werde seine 
Entschädigung in Armenien und Persien suchen müssen. England wie Frank- 
reich könnten mit dem Vertrag kaum zufrieden sein und das japanische 
Monopol keinesfalls freudig begrüßen. Immerhin hätten sie vielleicht im Persi- 
schen Oolf bzw. in Syrien eine gewisse Entschädigung. Ebenso sieht auch 
Pietro Silvio Rivitta in einem lesenswerten Artikel im Corriere d'Italia vom 
10. Juli in diesem Bündnis eine Abkehr von England und von der Politik 
der offenen Tür in China; es werde eine neue chinesische Mauer errichtet, 
die Asien in zwei Hälften teile: eine westliche „europäische", und eine öst- 
liche, in der der weiße Mann nichts mehr zu sagen habe. 

Auf die Aufnahme, die der russisch -japanische Vertrag in der Presse 
Deutschlands und der übrigen Staaten der mitteleuropäischen Koalition 
gefunden hat, braucht nicht näher eingegangen zu werden. Wenngleich 
solche Unverständlichkeiten vorkamen, wie die, daß der Vertrag als neue 
Bestätigung der Integrität Chinas aufgefaßt wurde, so wurde im allgemeinen 
seine Bedei:tung für Rußland. England und Amerika doch richtig erfaßt, die 
für Deutschland aber meist ganz falsch eingeschätzt. Nicht mit Unrecht 
wunderte sich Göteborgs Posten vom 13. Juli über die in manchen deutschen 
Äußerungen zutage tretende Freude und glaubte sie nur durch einen ganz 
naiven Englandhaß erklären zu können. Ebensowenig kann hier auf die 
Stimmen des neutralen Europas eingegangen werden, die in dem Vertrage 
vom 3. Juli 1916 in jedem Falle eine Niederlage Rußlands, meist jedoch 
eine solche der ganzen Welt gegenüber Japan sahen. Hingegen ist die Auf- 
nahme des Vertrages bei den beiden Hauptinteressenten neben den Vertrag- 
schließenden, bei den Vereinigten Staaten und bei China einer besonderen 
Betrachtung wohl wert. 

Mit welchen Gefühlen Amerika den neuen Vertrag begrüßte, geht am 
deutlichsten daraus hervor, daß Senator J. Hamilton Lewis, demokrati- 



140 Mueller, Der russisch -japanische Vertrag vom 3. Juli 1916. 

sches Mitglied für Illinois, am 11. Juli schon eine Resolution im Senat ein- 
brachte, die nähere Informationen über den Zweck des Vertrags forderte 
und zu ihrer Begründung sagte: 

„Es sind Anzeichen dafür vorhanden, daß die Japaner und Russen 
uns aus dem Orient verjagen wollen. Ihre Ziele sind klar. Japan 
und Rußland wollen den ganzen Osten kontrollieren, wie England und 
Frankreich ganz Westeuropa unter ihre Kontrolle bringen wollen. Sie 
wollen China in ein Verhältnis zu sich bringen, wie das der süd- und 
mittelamerikanischen Staaten zu den Vereinigten Staaten ist. Sie 
wollen eine Monroedoktrin für den fernen Osten. Wenn die Vereinigten 
Staaten nicht das verlangen, was sie als ihr Recht betrachten können, 
wenn sie den Abschluß des russisch-japanischen Vertrages ohne Protest 
hinnehmen, dann werden die beiden Vertragsmächte mit Recht an- 
nehmen können, daß wir stillschweigend unser Placet geben, und 
werden einen Grund finden, gegen unsere Besetzung der Philippinen 
zu protestieren. Bevor noch der Vertrag die Lage beeinflussen kann, 
müssen die Vereinigten Staaten Schritte tun, die amerikanischen Inter- 
essen gegen die Wirkungen des Vertrages zu schützen." 

Schon der erste Entwurf des englisch-j apanischen Bündnisses habe eine 
Klausel enthalten, die auf ein Offensiv- und Defensivbündnis gegen Amerika 
und andere Mächte hinauslief. Aus dem englisch-japanischen Vertrag sei sie 
schließlich ausgeschaltet worden, hier in dem russisch-japanischen kehre sie 
wieder. Die amerikanischen Botschafter in Petersburg und Tokio erhielten 
die Weisung, nähere Informationen einzuziehen, und meldeten Mitte August, 
daß nach offiziellen Erklärungen Rußlands und Japans amerikanische Inter- 
essen nicht verletzt würden ! 

Die Presse war sich darin einig, daß der Vertrag in erster Linie gegen 
China gerichtet sei, dessen Souveränität und Integrität nun ernsthaft in Frage 
gestellt seien. New York Evening Post fragt, ob es wohl noch wahrscheinlich 
sei, daß der englisch-japanische Vertrag erneuert wäre, und hält es für sehr 
fraglich. New York Sun bedauert, daß kein Mann wie John Hay, der das 
Prinzip der offenen Tür in China aufgestellt habe, in der Regierung sitze. 
Die jetzige Regierung habe noch nie gezeigt, daß sie irgendwelchen Wert 
darauf lege, ihren Bürgern dieselben Rechte in Ostasien zu verschaffen, die 
Bürger anderer Staaten besäßen. In ähnlicher Weise führt die New York Times 
in einem Leitartikel „Unsere Interessen im fernen Osten" am 8. Juli aus, daß 
die amerikanische Regierung von heute sicherlich nichts zur Wahrung ameri- 
kanischer Interessen im Stillen Ozean tun werde. Ihretwegen könne ganz 
China zerstückelt und ausgesogen werden, sie werde sich nicht rühren. Aber 
das amerikanische Volk habe ein Recht zu verlangen, daß seine Interessen 
besser gewahrt würden. Jetzt sei die Zeit zum Handeln gekommen. Am 
9. Juli kommt dieselbe Zeitung nochmals auf dieses Thema zurück und be- 
dauert, daß die Vereinigten Staaten auf der Friedenskonferenz nicht vertreten 
sein würden. Es wäre Amerika nicht gleichgültig, was z. B. mit dem Deut- 
schen Besitz im Stillen Ozean geschehe. Nach amerikanischer Auffassung 
dürfte er nicht in japanischer Hand bleiben, und ebenso dächten sicherlich 
Australien und Neuseeland. Besser, die Marschall- und Mariannen -Inseln 
würden wieder deutsch. England werde gezwungen sein, sein ostasiatisches 
Programm gründlich zu revidieren. Verträge würden nicht auf die Dauer 
geschlossen und die Gruppierung der Mächte nach dem Krieg werde eine 
andere sein als heute. Mit welchen Mächten dann Amerika zur Wahrimg 
seiner pazifischen Interessen zusammengehen müsse, werde sich noch zeigen. 



Mueller, Der russisch-japanische Vertrag vom 3. Juli 1916. 141 

Immerhin könnte die Zeit des Wartens zu lange werden. Der San Francisco 
Examiner, der sich von G. Charles Hodges eine ganze Artikelserie über die 
Bedeutung des neuen Vertrages schreiben ließ, sieht in ihm die schärfste 
"Warnung an die Vereinigten Staaten (vgl. 13. Juli 1916). Nur von Japan 
bezahlte oder von Japans äußerer Freundlichkeit getäuschte Blätter könnten 
blind genug sein, das zu verkennen. Amerika muß rüsten. Honolulu Star 
Bulletin, das führende Blatt auf Hawaii, sieht in dem neuen Vertrag drohende 
Gefahren für drei Mächte: für Amerika wegen der möglichen Ausschaltung 
aus dem fernen Osten und daraus resultierender schwerer wirtschaftlicher 
Verluste, für Deutschland, weil nun eine Annäherung an Japan weiter hinaus- 
geschoben scheine denn je, Tsingtau für verloren gelten müsse und der auf- 
blühende deutsche Handel in Ostasien ernstlich gefährdet sei, für England, 
weil der russisch-japanische Vertrag ein neues Zeichen dafür sei, daß Japan 
sich von seinem alten Verbündeten entferne und rücksichtslos seine eigene 
Politik verfolge. Wie sie durchgeführt werde, zeige das Beispiel Koreas. 
Wolle Japan sich von Verdachten reinigen, die nur gar zu nahe liegen, so 
müsse es Tsingtau an China zurückgeben, sich von den deutschen Besitzungen 
im Pazifik zurückziehen und beides tun, ohne erpresserischen Gewinn dabei 
zu erstreben. 

In China wurde die Nachricht von dem Bündnis, wie aus den spär- 
lichen Äußerungen der Presse ersichtlich ist, von Chinesen wie von Europäern 
aller Nationen mit der erbitterten Resignation hingenommen, die in den 
Umständen begründet liegt. So heißt es in der englischen Peking Gazette 
vom 10. Juli, daß der Vertrag einen revolutionären Wechsel in der Situation 
im fernen Osten bedeute : wo wäre die Versicherung loyaler Wahrung der 
Integrität Chinas, die doch im englisch- japanischen Vertrag vorkomme? Sei 
ihre Fortlassung bewußt geschehen, so würde das nichts anderes bedeuten, 
als daß Rußland auf seine Rechte verzichte und Japan freie Hand in China 
gebe. So unglaublich das auch erscheine, so müsse man doch damit rechnen. 
Schleunigste Aufklärung von autoritativer Seite täte not. Das französische 
Echo de Chine gibt einige der begeisterten Artikel aus Pariser Zeitungen 
im Auszug wieder, will aber nicht glauben, daß sie Ausdruck der öffentlichen 
Meinung seien. Doch sei es bei der Lage der Dinge natürlich, daß man 
zunächst nur die unmitttlbare Wirkung auf den Krieg im Auge hat. Der 
neue Vertrag dürfte auch auf die bestehende Entente zwischen Frankreich 
und Japan einwirken. Die chinesischen Zeitungen nehmen es als gegeben, 
daß der Vertrag die Ausdehnung Japans und vielleicht auch Rußlands auf 
Kosten Chinas bedeute, und ermahnen die politischen Parteien, allen Streit 
zu vergessen (Kuo Hsing Pao vom 9. Juli), oder greifen auch die chinesischen 
Staatsmänner an, weil sie solchen Vorgängen tatenlos zuschauten (Kuo Hua 
Pao vom gleichen Datum). 

Die Bedeutung des Vertrages 

Die zahllosen Äußerungen der Presse der ganzen Welt — nur eine 
geringe Auswahl wurde hier geboten — beweisen die Bedeutung des neuen 
russisch-japanischen Vertrages vom 3. Juli 1916. Worin liegt sie? 

Der veröffentlichte Text besagt wenig. Schwerer als sein Inhalt wiegt 
die Tatsache, daß durch ihn weder Rußland noch Japan zur Wahrung der 
territorialen Integrität Chinas verpflichtet sind. Japan war bisher in diesem 
Sinne gebunden: England gegenüber durch Aniikel 1 des Vertrages vom 
30. Januar 1902 und Einleitung (Punkt b) des Vertrages vom 12. August 1905, 



142 Mueller, Der russisch-japanische Vertrag vom 3. Juli 1916. 

Frankreich gegenüber durch das Abkommen vom 10. Juni 1907, Rußland 
gegenüber durch Artikel 2 des russisch-japanischen Abkommens vom 30. Juli 
190(i, den Vereinigten Staaten gegenüber durch Punkt 4 im Notenwechsel 
vom 30. November 1908. Rußland kann seine Pläne in der äußeren Mongolei 
und Chinesisch-Turkestan, Japan seine Absiebten in der Mandschurei, in der 
inneren Mongolei und im eigentlichen China verfolgen, ohne daß der eine 
den Widerspruch des andern zu befürchten hat. Mehr als das: die beiden 
Vertragsmächte verpflichten sich zu gemeinsamer Abwehr aller von dritter 
Seite kommenden Bedrohungen ihrer „territorialen Rechte und besonderen 
Interessen im fernen Osten", soweit sie sie sich gegenseitig zugestanden 
haben. Die Abgrenzung der beiden Interessensphären sind in einem dritten 
geheimen Artikel des Vertrages zu vermuten. In die japanische Interessen- 
sphäre dürften fallen: die südliche und die mittlere Mandschurei, die innere 
Mongolei und — wenn überhaupt ausgesprochen, so in vorsichtiger Um- 
schreibung — das eigentliche China. Zur russischen Interessensphäre dürften 
wohl zählen: die nördliche Mandschurei (falls hierüber nicht noch Verhand- 
lungen schweben), gewisse Teile der äußeren Mongolei wie Barga und die 
westlichen Gebiete, schließlich Chinesisch-Turkestan. Der Koreanisierung 
Chinas durch Japan steht ein Cegner weniger gegenüber. 

Über den sonstigen Inhalt der geheimen Abmachungen kann man sich 
lediglich Vermutungen hingeben, für die die Presseäußerungen aus der Zeit 
der Vorbereitung und der Entstehung des Vertrages einen gewissen Anhalt 
bieten. Sie hier nochmals zusammenfassend zu wiederholen, liegt kein Grund 
vor. Nur sei bemerkt, daß in verschiedenen Fragen auch zur Zeit der 
Publikation des Vertrages vom 3. Juli noch keine Verständigung erzielt war 
So ist das Abkommen über den Verkauf der Strecke Sungari — Changchun 
der Ostchinesischen Eisenbahn an Japan erst bedeutend später unterzeichnet 
worden, das Abkommen über die japanischen Fischereirechte zur Zeit der 
Abfassung dieses Artikels (Ende September) noch nicht abgeschlossen. Welche 
kleinen Trinkgelder Rußland neben dem großen Preis des Verzichtes auf 
seine alten Pläne im fernen Osten für die japanischen Kriegslieferungen 
gezahlt hat, ist schließlich für die Beurteilung des neuen Bündnisses neben- 
sächlich. 

Rußland hat auf den fernen Osten verzichtet und sammelt seine Energien 
für Europa und Kleinasien. Der weiteren Unterstützung durch Japans Kriegs- 
industrien glaubt es sich sicher '). Das wiederum kommt der Entente zugute und 
erklärt die von der Ententepresse so überreichlich geäußerte Befriedigung 
über den Vertragsabschluß. Fehlt es aber schon in Rußland selbst nicht an 
Stimmen, die fragen, ob Rußland nicht zu viel hingegeben habe, so ist für 
die übrigen Mächte der Entente die Frage noch viel berechtigter, ob sie 
nicht gezwungen werden, für einen mittelbaren Vorteil einen unmittelbaren 
Nachteil zu erfahren: die neuen Verträge, die Japan ihnen nun abfordern 
will und abfordern kann, werden ihnen keinen Gegenwert für die darin 
Japan zu machenden Zugeständnisse einbringen. Lange schon wird eine 
Revision des englisch-japanischen Bündnisses gefordert. Hinzugetreten ist 
die Forderung nach der Revision des Vertrages zwischen Frankreich und 
Japan. Gefordert wird in letzterer Zeit auch ein neuer Vertrag mit den 



') Diese Annahme kann leicht enttäuscht werden. Schon Mitte Oktober 
wurde gemeldet, daß Japan in Erwartung eines Konflikts mit China seine 
Munitionssendumren zurückhalte. 



Mueller, Der russisch-japanische Vertrag vom 3. Juli 1916. 143' 

Vereinigten Staaten. Gelingt es den Ententemächten nicht, die Revision 
ihrer Verträge mit Japan bis nach Friedensschluß hinauszuschieben, so läßt 
sich voraussehen, daß sie sich den japanischen Wünschen werden fügen 
müssen 1 )- Ob auch die Vereinigten Staaten einen friedlichen Verzicht der 
Entscheidung durch die Waffen vorziehen werden, bleibt abzuwarten. Japan 
scheut diesen Krieg, wie unzählige Äußerungen erkennen lassen, nicht, wünscht 
ihn vielleicht in der Erwartung einer radikaleren Lösung aller schwebenden 
Fragen. Terauchi als Nachfolger Okumas bedeutet ein Programm, in das 
die Möglichkeit eines Waffenganges auch mit einem andern Gegner als allein 
China sicherlich eingestellt ist. Sentimentalitäten kennt die japanische 
Diplomatie nicht. Der Spezialkorrespondent des Manchester Guardian, der 
jüngst aus Ostasien zurückkehrte, schreibt am 22. August: „Der Opportunismus 
jener, die wünschen, Japans Handlungsfreiheit soweit als möglich unter noch 
undurchsichtigen Verhältnissen bewahrt zu sehen und die darum den Anschluß 
Japans an das Londoner Abkommen über gemeinschaftlichen Friedensschluß 
verdammen, repräsentiert den wahren Geist der japanischen auswärtigen 
Politik. Die Richtung japanischen Handelns wird nicht durch Sentiments 
bestimmt, sondern beruht auf Berechnung." 



*) Wenn es im Manchester Guardian (vom 22. August 1916) heißt, daß 
eine Revision des englisch-japanischen Vertrages, bei der die Unabhängigkeit 
und Integrität Chinas litten und die „offene Tür" im fernen Osten zugeschlagen 
würde, für England unannehmbar sei und dieses eher auf das Bündnis ver- 
zichten werde, so bleibt es doch fraglich, ob England heute noch die Freiheit 
einer solchen Entscheidung hat. 



IU. 

Der Wirtschaftskrieg gegen Deutschland und die 

Neutralen 

Von Karl Strupp 

I. 

Wohl nichts zeigt erschreckender, welche Kluft zwischen den Rechts- 
und Kulturanschauungen der Delegierten aller zivilisierten Staaten auf der 
II. Haager Konferenz von 1907 und den heutigen der Entente, vor allem 
Englands, klafft, als wenn man sich an den einstimmigen Beschluß erinnert, 
der damals gelegentlich der Abfassung des Neutralitätsabkommens auf luxem- 
burgischen Antrag gefaßt wurde. Zwar nicht als Rechtssatz, und daher nicht 
mit verpflichtender Kraft ausgestattet, sondern nur in Form eines „Wunsches" 
gekleidet, hieß es in ihm, „daß im Kriegsfalle die zuständigen Zivil- und 
Militärbehörden es sich zur ganz besonderen Pflicht machen sollen, den Fort- 
bestand des friedlichen Verkehrs und namentlich der kaufmännischen und 
industriellen Beziehungen zwischen der Bevölkerung der kriegführenden 
Staaten und den neutralen Ländern zu sichern und zu schützen". Danach 
war man zu der Annahme berechtigt, daß die im Zeitalter der Weltwirtschaft 
und des Weltverkehrs schon ohnehin stark in Mitleid gezogenen Neutralen 
darüber hinaus nur insoweit betroffen werden würden, als sich dies mit dem 
geltenden Völkerrechte, das mit den beiden Schlagworten „Konterbande- 
handel" und „Blockadebruch" sich prägnant wiedergeben läßt, vereinbaren 
ließe. Wer hatte geahnt, daß England, das sich zu Beginn des Krieges als 
Schützer der kleinen Nationen so gerne hinzustellen pflegte, unter brutalster 
Beiseitehebung und Vergewaltigung dieser, neben dem blutigen Kriege in 
Waffen einen in der Geschichte noch nicht dagewesenen, zweiten, wirtschaft- 
lichen Krieg entfesseln würde? „Wer hatte damit gerechnet, daß alle ver- 
traglichen Rechte, daß die Grundsätze der Haager Konvention, die völker- 
rechtlichen Normen überhaupt, kein ausreichender Schutz sein würden, um 
den Fortbestand des wirtschaftlichen Lebens eines neutralen Staatswesens 
zu gewährleisten" — so heißt es in dem II. Bericht des schweizerischen 
Bundesrats an die Bundesversammlung vom 19. Februar 1916 (S. 5). Und 
in einem andern (III.) Bericht der höchsten Schweizer Bundesbehörde vom 
15. Mai 1916 wird die Rechtslage durchaus zutreffend dahin charakterisiert: 

„Nach dem geltenden Völkerrechte ist der Binnenhandel 
zwischen den Neutralen und den kriegführenden Mächten keinen Be- 
schränkungen unterworfen. Der Neutrale ist nicht einmal gehalten, 
Ausfuhr oder Durchfuhr von Waffen, Munition und allem, was für 



Strupp, Der Wirtschaftskrieg gegen Deutschland und die Neutralen. 145 

einen Kriegführenden nützlich sein kann, zu hindern. Was die Zufuhr 
von Waren über Meer betrifft, so rechtfertigt die bloße Tatsache, 
daß ein neutrales Schiff relative Konterbande aus einem neutralen 
Lande mit der Bestimmung für ein anderes neutrales Land führt, nicht 
die Beschlagnahme dieser Ware. Was endlich den freien Transit vom 
Meereshafen nach dem neutralen Binnenlande betrifft, so ist er durch 
die Handelsverträge gewährleistet." 

Es war die Entente, die, ihrem Plane gemäß, Deutschland auszuhungern 
und wirtschaftlich zu vernichten, zunächst durch Errichtung einer rechtlich 
in mehrfacher Hinsicht ungültigen Blockade, die sich selbst über neutrale 
Küsten erstreckte, weiter durch maßlose, der Rechtsstütze entbehrende Über- 
spannung des Begriffs der (insbesondere absoluten) Konterbande, wie durch 
Oktroyierung der früher nur im anglo-amerikanischen Rechte wurzelnden 
Theorie der „fortgesetzten Reise" unter einem fadenscheinigen Rechtsmäntel- 
chen, einen mit den bestehenden Völkerrechtsgrundsätzen „im völligen Wider- 
spruch stehenden tatsächlichen Zustand" *) geschaffen und durch — an sich 
rechtlich zulässige — Ausfuhrverbote ergänzt hat. Alle diese Maßnahmen 
waren von Anfang an darauf gerichtet, durch das Medium der Neutralen die 
Einfuhr vor allem von Lebensmitteln und sonstigen Gegenständen des täg- 
lichen Bedarfs in die Länder der Zentralmächte zu verhindern, mit dem 
nicht einmal immer verhüllten Nebenzweck, die Neutralen in einen Gegensatz 
zu Deutschland und seine Verbündeten zu bringen. Denn indem England 
und seine Alliierten die Neutralen, vor allen Holland und die Schweiz, zu 
Maßnahmen zwangen, die, in ihrer Ausgestaltung und ihrer Bedeutung ver- 
schieden, sich als positive oder negative Beihilfe zu den rechtswidrigen 
Handlungen der Entente qualifizieren lassen, indem man Handlungen und 
Unterlassungen provozierte, die teils direkte Verstöße gegen bestehende Ver- 
träge, teils Duldungen von Tätigkeiten darstellen, die in ihrer Gesamtheit 
den Tatbestand des völkerrechtswidrigen Boykotts erfüllen, hätte man Deutsch- 
land die Möglichkeit an die Hand gegeben, auf dem Boden des Rechts 
Abstellung jener als völkerrechtliche Delikte zu wertenden staatlichen Aktivität 
oder Passivität zu fordern bzw. aus deren Fortdauer die äußersten Kon- 
sequenzen zu ziehen. Daß man dies in Berlin nicht getan, war ebensosehr 
der Ausdruck jener vorsichtigen Politik, die, auf dem Boden nüchterner 
Wirklichkeitsbetrachtung, uns einen in den Bereich der Möglichkeit gerückten 
Krieg auch mit der einzigen (wenn auch nur sehr bedingt!) noch neutralen 
Großmacht erspart hat, wie die Einsicht in die schwierige Lage der Neutralen. 
Denn wenn der schweizerische Bundesrat, dessen korrekte, nur von den 
Interessen des eigenen Landes getragene und streng neutral gewollte Haltung 
unbedingt anerkannt werden muß, von einem „durch Maßnahmen und Gegen- 
maßnahmen der Kriegführenden geschaffenen tatsächlichen Zustand" spricht, 
dem durch Protestationen und Rechtsverwahrungen allein nicht beizukommen 
war, mit dem man sich vielmehr auf möglichst praktische Weise 
auseinanderzusetzen hatte" 2 ), so wird damit klar umschrieben, daß 
nicht das Ob, sondern nur das Wie dieser Auseinandersetzung in 
praxi für die bedrängten Neutralen, insbesondere also für die Niederlande, 
die Schweiz und Schweden, deren Maßnahmen allein in dieser Darstellung 



*) Die in „" stehenden Worte finden sich im Bericht des Schweizer 
Bundesrats vom 15. Mai 1916. 

2 ) (III.) Bericht an die Bundesversammlung vom 15. Mai 1916 S. 30. 
Zeitschrift für Politik. 10. 10 



146 Strupp. Der Wirtschaftskrieg gegen Deutschland und die Neutralen. 

erörtert werden sollen, Gegenstand ernstester Überlegung zu bilden hatten. 
Deren ganze Schwierigkeit tritt uns für die Schweiz aus den (bis jetzt 4) 
Berichten des Bundesrats an die Bundesversammlung über die von ihm auf 
Grund des Bundesbeschlusses vom 3. August 1914 getroffenen Maßnahmen, 
für Holland aus einer vorzüglichen Broschüre entgegen, die ein ungenannter 
Holländer unter dem Titel „vier brieven over de N. 0. T." (Amsterdam 1916, 
A. Versluys) vor kurzem veröffentlicht hat. In Form eines Briefwechsels 
zwischen einem in Amsterdam und einem in Düsseldorf lebenden Holländer 
werden in ihr deutlich die mannigfaltigen wirtschaftlichen, politischen und 
rechtlichen Gesichtspunkte in Rede und Gegenrede, in Replik und Duplik 
eindringlich erörtert '). Eine Ergänzung der Notbriefe bildet der Briefwechsel 
zwischen der englischen Gesandtschaft im Haag und dem Exekutivkomitee der 
Nederlandsche Overzee-Trust-Maatschappij (im Folgenden abgekürzt N. 0. T.), 
den der ehemalige italienische Minister Ricci-Busatti mit Glossen in der 
Rivista di diritto internazionale 1915, S. 547 ff., veröffentlicht hat 2 ). 

n. 

Von den verschiedenen Institutionen, die in den neutralen Nachbar- 
staaten geschaffen worden sind, um diesen die ungefährdete Zufuhr über See 
oder aus den mit dem Deutschen Reiche und seinen Verbündeten im Kriege 
befindlichen Staaten zu ermöglichen, ist die N. 0. T. 3 ) die älteste. Eine 
private holländische Handelsgesellschaft von holländischen Vertretern des 
Handels, der Schiffahrt, der Finanzwelt und aus Personen bestehend, die 
England zum mindesten unverdächtig erscheinen mochten, ist diese bereits 
im November 1914 ins Leben getreten. Ihre Zweckbestimmung tritt klar 
zunächst aus Art. I 4 ) ihrer Verfassung, sodann aus dem abkommenartigen 
Briefwechsel zwischen dem britischen Gesandten im Haag und dem Vorstand 



') Wie für die Berichte des schweizerischen Bundesrats, so w T ären auch 
für die Notbriefe (wie ich sie abkürzen möchte) weitestgehende Kenntnis in 
Deutschland wie in andern Staaten dringend zu wünschen. Sollte insbesondere 
dem Verfasser jener Briefe zufällig dieser Artikel zu Gesicht kommen, so 
möchte ich ihn im Interesse der Sache um eine Übersetzung seiner Broschüre 
in die deutsche Sprache gebeten haben. [Bei der Korrektur hinzugefügt: 
Dies ist inzwischen erfolgt. Die Broschüre ist mit einer sehr beachtlichen 
SSS-Parallele soeben unter dem Titel „Hollands NOT" in Übersetzung bei 
Ferd. Wyss in Bern erschienen. Sie kann wärmstens empfohlen werden.] 

2 ) Wenn von italienischer Seite vor Beginn des Krieges mit dem 
Deutschen Reiche und in der offiziellen Kriegserklärung wieder und wieder 
der Beginn der Feindseligkeiten Deutschland zugeschoben wird, so genügt 
es darauf hinzuweisen, daß Ricci-Busatti a. a. 0. S. 547 ein amtliches 
italienisches Dokument vom 13. September 1915 veröffentlicht, durch das 
Italien in aller Form dem Abkommen Englands und Frankreichs mit der 
N. 0. T. beigetreten ist. Darin, d. h. in der Festsetzung, daß nur an die 
N. 0. T. gerichtete Waren aus Italien nach den Niederlanden ausgeführt 
werden dürften, war aber, der ganzen Natur des Wirtschaftskrieges ent- 
sprechend, unbedingt eine Feindseligkeit im Rechtssinne zu erblicken. 

3 ) Der holländische Volkswitz läßt die Punkte weg: „Not", weil Holland 
in Not gebracht ist. 

4 ) Dieser lautet: „Het doel der Vennootschap is: het verleenen van 
hare tusschenkomst in den ruimsten zin des woords ten behoeve van Neder- 
landsche Kooplieden of Nederlandsche Vennootschappen van Koophandel ten 
einde ondanks den bestaanden oorlogstoestand den ongestoorden aanooeren 
uitvoer van goederen zoovel mogeligjk te verzekeren. 



Strupp, Der Wirtschaftskrieg gegen Deutschland und die Neutralen. 147 

der N. 0. T. vom 19./20. Juli 1915 entgegen. Nach Art. 1 des letzteren dürfen nach 
Holland fahrende Schiffe dann nicht zurückgehalten werden, wenn sie an die 
N. 0. T. konsigniert sind und zwar auch dann nicht, wenn sie Kriegskonter- 
bande oder Waren in feindlichem Eigentum oder mit feindlicher Bestimmung 
enthalten. Dafür aber übernimmt (Art. 5) die N. 0. T. die Verpflichtung, 
daß alle auf diesem Wege nach Holland gebrachten Waren oder die aus 
ihnen hergestellten Fabrikate in den Niederlanden selbst oder in den hollän- 
dischen Kolonien verwendet und nicht nach feindlichen Staaten ausgeführt 
werden (Art .5, 8: consommation dans le pays meine; home consumption). Hat 
England den Verdacht, daß Gegenstände der Konterbande nicht der „home 
consumption" unterliegen, sondern nach feindlichen Ländern weiter aus- 
geführt werden sollen, so muß die N. 0. T. die Waren nach England 
schicken, um über sie vor englischen Prisengerichten befinden zu lassen 
(Art. 3); bei gleichem Verdacht gegenüber Gegenständen, die keine Konter- 
bande darstellen, dürfen diese dem Destinatar so lange nicht ausgeliefert 
werden, bis er nicht den Beweis für home consumption erbracht hat. Vor 
der Auslieferung der Waren muß sich die N. 0. T. jedoch mit der britischen 
Kegierung ins Benehmen setzen (Art. 4). Ist prinzipiell die Wiederausfuhr 
von Waren nach neutralen Ländern, sofern sie nicht über feindliche trans- 
portiert werden müssen, und sofern die N. 0. T. die Garantie für ihre 
Verwendung in den neutralen Staaten übernimmt, gestattet, so ist sie absolut 
verboten für Getreide und Futtermittel aller Art, Fleisch, Fische, Gemüse, 
Felle, Kupfer u. a. m. (Art. 9). In Zweifelsfällen ist der Trust verpflichtet, 
dem britischen Handelsattache im Haag (in Parenthese: dem sehr ehrenwerten 
Sir Francis Oppenheimer) alle Aufklärungen unter Beifügung von Beweis- 
material zu geben (Art. 16). An ihn sind auch Kopien aller Vertragsformulare 
einzusenden (Art. 23). 

Schon aus dieser kurzen Übersicht erhellt klar, welchen Einfluß die 
englische Regierung durch das Instrument der N. 0. T. auf das gesamte 
holländische Geschäftsleben erlangt hat. Auch wenn diese kein so gefügiges 
Werkzeug Großbritanniens wäre, als sie es tatsächlich ist, so gefügig, daß 
man sie in den Niederlanden selbst als plus anglais que les Anglais bezeichnet 
hat, würde schon ihr Vertrag genügen, um aufzuzeigen, bis zu welchem 
Grade heute der Beschützer der „kleinen Nationen" deren staatliche Selbst- 
bestimmung einzuschränken sich anmaßt. Daß dies gegenüber Holland in 
ganz besonders hohem Maße der Fall ist, liegt keineswegs in einer besonderen 
Sympathie Hollands für die Alliierten begründet, sondern, das lehren schon 
die zitierten vortrefflichen „Notbriefe" in aller Deutlichkeit, vor allem in der 
Abneigung der Niederlande, sich in die Kriegswirren mithineinreißen zu 
lassen, wie in der Sorge um den möglichen Verlust ihrer Kolonien. Daß 
Holland vom völkerrechtlichen Standpunkt aus anfechtbar handelt, kommt 
in jener Broschüre (wie in des Italieners Ricci-Busatti Glosse S. 553) ebenso 
klar zum Ausdruck, wie dort hervorgehoben wird, daß die Souveränität der 
Niederlande durch die Alliierten schwere Stöße erlitten hat und noch erleidet. 

HI. 

Energischer ist die Schweiz den auf wirtschaftliche Absperrung 1 ) 
der Zentralmächte gerichteten Forderungen der Entente gegenübergetreten. 



*) Nur diese, nicht das System der schwarzen Liste und ähnliche auch 
auf die Zeit nach Friedensschluß bedachtnehmenden Maßnahmen der Entente 
werden in dieser Abhandlung überhaupt dargestellt werden. 

10* 



148 Strupp, Der Wirtschaftskrieg gegen Deutschland und die Neutralen. 

Zwar hat auch sie zur Schaffung einer Institution ihre Zustimmung geben 
li uissen, die unter dem Namen Societe Suisse de Surveillance economique 
(amtlich abgekürzt S. S. S.) ') unter dein 27. Oktober 1915 ins Handelsregister 
eingetragen worden ist. 

Deren Zweck soll nach Art. 2 ihrer Statuten sein „die Vertretung und 
Förderung der nationalen wirtschaftlichen Interessen der Schweiz gegenüber 
Erscheinungen, die der Krieg allen Gebieten des wirtschaftlichen Lebens der 
Bevölkerung und besonders der Landwirtschaft, dem Handel, der Industrie 
und dem Gewerbe gebracht hat". So kann sie insbesondere die Überwachung 
und Garantie übernehmen für die Erfüllung derjenigen Auflagen, welche seitens 
auswärtiger Regierungen oder Privater an die Einfuhr von Erzeugnissen aller 
Art in die Schweiz hinsichtlich deren Verwendung geknüpft werden und dabei 
den schweizerischen Behörden beratend zur Seite stehen. Jene Erzeugnisse 
selbst, die der Bundesrat der S. S. S. in einer langen Liste bekannt gemacht 
hat, dürfen, wie aus Art. 3 der Ausführungsbestimmungen der S. S. S. 
ergibt, die den mit der Entente geschlossenen Abmachungen der 
Schweizerischen Regierung entsprechen, „nur innert den schweizeri- 
schen Landesgrenzen verarbeitet ödes verbraucht werden 4 '. Nach Art. 7 ist 
die Ausfuhr der durch Vermittlung der S. S. S. in die Schweiz eingeführten 
Waren sowie der daraus erstellten Fabrikate verboten. Jedoch dürfen (Art. 8) 
die unter Verantwortung der S. S. S. eingeführten Waren und die aus ihnen 
in der Schweiz erstellten Fabrikate unter Garantie der S. S. S. in neutrale 
Staaten für dortige Verwendung ausgeführt werden. Im Falle eines Transits 
„durch ein Land, das mit einem der Staaten im Kriege sich befindet, die 
bei der Gründung der S. S. S. mitgewirkt haben" (sie!) bedarf es 
einer Zustimmung dieses Landes. Anders als die N. 0. T. ist, im Hinblick 
auf die besonderen wirtschaftlichen Verhältnisse der Schweiz, die S. S. S. für 
befugt erklärt worden, solche in der Schweiz fabrizierten Artikel (unter 
prinzipiellem Ausschluß von Kupfer) nach einem Staate der Zentralmächte 
ausführen zu lassen, die unter Garantie der S. S. S. eingeführte Materialien 
in unbedeutenden Mengen enthalten. Keine Ausfuhrbewilligung darf 
jedoch für importierte Nahrungsmittel erteilt werden. Im Hinblick auf 
den schweizerischen Charakter der betreffenden Industrien ist jedoch die 
Ausfuhr erlaubt u. a. für Schokolade, Seide, Uhren, Stickereien, kondensierte 
Milch, Hutgeflechte, Frauen- und Kinder-Trikotwaren (nicht wollene). Elastique- 
gewebe, Zigarren, Zigaretten. Hüte, Frauen- und Kinderschuhe aller Art mit 
Ausnahme des Leders. Wegen der großen Wichtigkeit für die Schweiz, ver- 
mittels des Austauschverkehrs auch Waren zu erlangen, die einem Ausfuhr- 
verbot der Zentralmächte unterliegen, darf die Schweiz (vgl. Art. 11 1 a. a. 0.) 
— was eigentlich selbstverständlich ist — selbst erzeugte Waren (z. B. Agrar- 
produkte) oder Waren, deren Rohmaterialien die Schweiz selbst erzeugt oder 
deren Rohmaterialien von dem den Austausch vorbehaltenden Lande geliefert 
worden sind, ausführen. Darüber hinaus haben aber die Ententemächte, wenn 
auch nach Art. 11 Abs. 3 Satz 1 prinzipiell die durch Vermittlung der S.S. S. 
in die Schweiz eingeführten Waren nicht zum Austausch mit anderen Ländern 
benutzt werden können, zu dem berühmt gewordenen Satz 2 vertraglicl 
ihre Zustimmung gegeben, der da lautet: „Vorauszusehende Akommen, die über 
diese Fragen abgeschlossen werden, sollen in jedem einzelnen Falle Gegen- 
stand besonderer Unterhandlungen zwischen den Regierungen bilden." Nach 



*) Der Volkswitz übersetzt S.S. S. mit „Souverainete Suisse suspendue". — 



Strupp, Der Wirtschaftskrieg gegen Deutschland und die Neutralen. 149 

dem auch das Völkerrecht beherrschenden Grundsatze von Treu und Glauben 
konnte darin nur die Zustimmung der Entente erblickt werden, aus Rück- 
sicht auf den wirtschaftlich, namentlich wegen seiner Industrie, auch stark 
von den Zentralmächten abhängigen Schweizer Nachbarn, Ausnahmen von 
dem in Art. 11 Satz 1 niedergelegten Prinzip zulassen zu wollen. Um 
solche mußte die Schweizer Regierung nachsuchen 1 ), nachdem die für deutsche 
und österreichisch-ungarische Rechnung in der Schweiz lagernden erheblichen 
Bannwarenmengen zur Ausfuhr gekommen. Durch Note vom 3. April 1916 
bat der Bundesrat die Alliierten, „ihm entweder diejenigen Kategorien von 
durch Vermittlung der S. S. S. einzuführenden Waren zu bezeichnen, bezüg- 
lich welcher sie einer kompensationsweisen Verwendung zustimmen könnten, 
oder aber ihre Einwilligung zu erteilen, daß die für den deutschen und 
österreichisch-ungarischen Zentraleinkauf in der Schweiz lagernden Waren zu 
Kompensationszwecken herangezogen werden könnten, und event. zu bestim- 
men, in welchem Maße dies geschehen könnte". Die Rücksichtslosigkeit, die 
in der glatten, unter Zurückweisung jeglicher rechtlichen oder moralischen 
Verpflichtung erfolgten Absage der Entente durch Kollektivnote vom 19. Juni 
1916 liegt, wird besonders klar, wenn man in dem Berichte des Bundesrates 
liest: „Außerdem wurde die Aufmerksamkeit der verbündeten Regierungen 
auf den empfindlichen Mangel an Baumwoll-, Leinen- und Wollwaren (Kon- 
fektion und Wäsche), namentlich an für den Mittelstand und die 
Arbeiter bestimmten Kleidern und Wäscheartikeln (Hemden, 
Strümpfe, Unterkleider etc.) gelenkt. Diese Waren bezieht der schweizerische 
Handel vorwiegend aus Deutschland und mehr als 4000 Ausfuhrbewilligungen 
waren, unter der Bedingung der Rücklieferung der Rohstoffe, seitens der 
deutschen Behörden erteilt worden." Es war der deutschen Regierung gewiß 
nicht zu verdenken, wenn sie in einer kraftvollen, auf ihr gutes Recht ge- 
stützten Note vom 8. Juni 1916 die Notwendigkeit betonte, „den Umfang 
ihrer Ausfuhr nach neutralen Ländern davon abhängig zu machen, daß diese 
Länder ihrerseits dem Deutschen Reiche die Aufrechterhaltung der bisherigen 
Ausfuhr durch angemessene Zufuhren von Erzeugnissen ermöglichen, die zum 
Lebensunterhalt der an der Erzeugung der Ausfuhrwaren beteiligten Bevölke- 
rung erforderlich sind, und die bei der Erzeugung der Ausfuhrwaren und 
der Beförderung der Aus- und Durchfuhrwaren verbraucht werden". Bei der 
Verteilung der zur Ausführung verfügbaren Erzeugnisse auf die einzelnen 
neutralen Staaten werde darauf abgestellt werden müssen, in welchem Um- 
fange dieselben die Zufuhr von sogenannten Bannwaren nach Deutschland 
ermöglichten. Aus diesem Grunde wird erklärt, die Deutsche Regierung sei 
gezwungen, die Ausfuhr deutscher Erzeugnisse nach der Schweiz in bisherigem 
Umfange davon abhängig zu machen, daß insbesondere der in der Schweiz 
lagernde deutsche Besitz an Lebens-, Genuß- und Futtermitteln, Maschinen- 
ölen, Rohbaumwolle, Baumwollgarne und Baumwollgewebe zur Ausfuhr ge- 
lange. Dabei wird darauf hingewiesen, daß Deutschland im Kompensations- 
verkehr erhebliche Vorleistungen gemacht habe, die die Note auf etwa 
16'/ 2 Millionen Franken beziffert. 

In dem durch kategorische Weigerung der Entente, irgendwie, dem 
Art. 11 III gemäß, zu Kompensationen ihre Zustimmung zu geben und dem 
durch die deutsche Note geschaffenen Dilemma hat der Schweizer Bundesrat 



l ) Zum Folgenden vgl. den (IV.) Bericht des Schweizer Bundesrats vom 
9. September 1916. 



150 Strupp, Der Wirtschaftskrieg gegen Deutschland und die Neutralen. 

den Kompromißweg beschritten. Denn als Kompromiß stellt sich das am 
29. September 1916 durch Ratifikation rechtsverbindlich gewordene deutsch- 
schweizerische Abkommen über den Ausfuhrverkehr dar. Nach dessen 
grundlegenden § 1 werden — und hierin vor allem zeigt sich die Kompromiß- 
natur — für eigene Produkte und Fabrikate beiderseits Ausfuhrbewilligungen 
im Rahmen der zu vereinbarenden (nach § 3 Zug um Zug zu liefernden) 
Austauschmengen erteilt, soweit die Ware nicht durch eigene zwingende 
Landesbedürfnisse oder durch bestehende vertragliche Verpflichtungen in 
Anspruch genommen werden. Verpflichtet sich Deutschland zunächst zur 
Lieferung von Kohle, seines wichtigsten Ausfuhrprodukts, in einer kaum 
hinter den Friedenslieferungen zurückbleibenden Höhe, so weiter auch — über 
eine Zentralstelle für Eisenversorgung — zur Freigabe der zur Deckung des 
schweizerischen Bedarfs erforderlichen Mengen Eisen und Stahl. In § 4 ist 
hinsichtlich der für deutsche Rechnung in der Schweiz lagernden Bannwaren 
die bedingungslose Freigabe nach Kriegsbeendigung bestimmt, die durch 
den bisherigen Warenaustausch für die Schweiz erwachsene Kompensations- 
schuld gilt, nach § 6 als „durch dieses Abkommen" (sie!) getilgt. Hatte 
schon bisher parallel zur S. S. S. eine schweizerische amtliche Treuhand- 
stelle, und zwar für Sanitätsmaterial das schweizerische Gesundheitsamtsamt, 
für die übrigen Waren ein Ständerat, unterstützt von Schweizer Reserve- 
offizieren mit einschlägigen Fachkenntnissen, fungiert, die dafür zu sorgen 
hatten, daß nicht mit Ausfuhrverbot belegte deutsche Waren in die Entente- 
staaten gelangten, so wird nunmehr in § 5 bestimmt, daß Gesuche um 
Ausfuhr von Kriegsmaterial, die mit deutschen Erzeugnissen hergestellt sind, 
von einer bssonderen schweizerischen „Ausfuhrkommission" zu prüfen sind. 
Unzweifelhaft gibt der Vertrag der Schweiz mehr als dem Deutschen 
Reiche. Gleichwohl ist er zu begrüßen. Nicht nur weil er das ehrliche 
Bestreben der Schweiz beweist, uns, soweit es die bestehenden, aus der Wirt- 
schaftsnot der Schweiz heraus geborenen Verträge mit der Entente zulassen, 
entgegenzukommen, sondern auch, weil damit der Plan unserer Feinde zunichte 
geworden ist, unsern südlichen Nachbarn in völlige wirtschaftliche Abhängigkeit 
zu bringen, von uns abzusperren und einen offenen Gegensatz zu den Zentral- 
mächten herzustellen. 

IV. 
In Schweden hat das sog. Kriegshandelsgesetz vom 17. April 1916 
wenigstens der Errichtung der sog. Transit-Gesellschaft, einer Gesellschaft 
nach dem Muster der N. 0. T., einen Riegel vorgeschoben. Denn jenes, durch 
hohe Strafandrohungen gestützte Gesetz bestimmt in § 1: 

„Im Kriege oder bei Kriegsgefahr, in welcher das Reich sich 
befindet, oder sonst unter außerordentlichen, durch den Krieg ver- 
ursachten Verhältnissen steht dem Könige das Recht zu, für eine 
gewisse Zeit oder bis auf Weiteres zu verordnen, daß Verabredungen, 
die eine Beschränkung der Freiheit, Waren ins Reich einzuführen oder 
aus dem Reiche auszuführen oder im Reiche über dieselben zu verfügen 
bzw. Waren zu versenden oder sonst ins Reich einzuführen oder aus 
dem Reiche auszuführen oder innerhalb des Reiches zu befördern, ohne 
eine entsprechende Genehmigung nicht gültig sein sollen, falls die 
Beschränkung derart ist, daß dieselbe die Interessen fremder Staaten 
fördert oder daß dies von ihr angenommen werden kann." 

Eine Ergänzung zu diesem Gesetz bildet eine Königl. Verordnung vom 
17. Juni (Svensk Författningssamling 1916 Nr. 208), die genau formularmäßig 



Strupp, Der Wirtschaftskrieg gegen Deutschland und die Neutralen. 151 

feststellt, welche Erklärungen abgegeben werden dürfen. Lassen nun auch 
die Formulare Erklärungen zu, daß Waren nur nach Schweden selbst gebracht 
und dort verbraucht werden und ist auch die tatsächliche Lage die, daß aus 
England eingeführte Waren nicht nach Deutschland exportiert werden 
dürfen (für eigene Produkte hat sich Schweden vollste Freiheit gewahrt), so 
springt doch die völlige Gleichstellung aller Kriegführenden nach dem 
Kriegshandelsgesetz und der Königl. Verordnung ins Auge: Um, soweit das 
unter den gegebenen Verhältnissen möglich ist, beiden Kampfparteien gegen- 
über völkerrechtlich gebotene Parität zu wahren, hat die Regierung die Frage 
gleichmäßig rechtlich geordnet und die Durchführung der getroffenen Regelung 
selber in die Hand genommen. 

V. 
Der von der Entente gegen die Neutralen geübte Druck weist, graduell 
je nach Wollen und Können Englands wie der Betroffenen verschieden, alle 
Spielarten der Gewalt, von der vis absoluta gegenüber Griechenland bis zur 
vis compulsiva gegenüber unsern Nachbarn auf: Ob doch nicht einst der 
Tag kommen wird, wo dies Verfahren eine Reaktion bei den Unterdrückten 
auslöst, eine Reaktion, die genügt, all das hinwegzufegen, was unter der 
wirtschaftlich absoluten Führung Englands dieses selbst und seine Trabanten 
in ihrem von Vernichtungslust, Handelsgier und Haß geleiteten Tun erreicht 
haben oder doch erreicht zu haben glauben? Wir wollen es hoffen und 
denken an den Ausruf des Großen Kurfürsten: „Exoriare aliquis nostris ex 
ossibus ultor!" 



Besprechungen 



Baltische Literatur 

Von Valerian Tornius 

Als vor mehr als einem Jahre die deutschen Truppen nach Kurland vorstießen 
und das allgemeine Interesse sich jenem Lande an der Ostsee zuwandte, das 
einst durch die Ungunst der Verhältnisse dem Deutschen Reiche entrissen 
worden war, regte sich auch bald das Bedürfnis, über diese ehemalige deutsche 
Kolonie, die bis hinauf zum Gestade des Finnischen Meerbusens reicht, und 
von deren Schicksalen man nur eine dunkle Vorstellung in Deutschland hatte, 
einige gut unterrichtende Bücher zu lesen. Auf einmal verwandelte sich die 
seit Jahrhunderten gegenüber den Baltischen Provinzen eingenommene Gleich- 
gültigkeit in eine lebhafte Anteilnahme, gab es doch bis dahin viele Tausende 
gebildeter Reichsdeutscher, die nur eine dunkle Ahnung davon hatten, daß 
dort oben an der Ostsee Stammesbrüder lebten, die trotz aller Bedrückung 
ihres Volkstums noch immer das Erbe ihrer Väter mit aufopferungsvoller 
Liebe hüteten und ihren Stolz darin sahen, als gute echte Deutsche zu gelten. 
Und weil eben die Neigung, sich mit jenem abgesplitterten Teil des Deutsch- 
tums zu beschäftigen, bis zum oben erwähnten Zeitpunkt nicht vorhanden 
gewesen war, so fehlte auch die Literatur. Wohl gab es große, von Ein- 
heimischen geschriebene Werke über baltische Landes- und Bürgerkunde,, 
aber diese in Riga und Reval erschienenen Bücher befanden sich nur in 
wenigen Exemplaren in den Universitätsbibliotheken, waren darum nur ein- 
zelnen zugänglich und erfüllten obendrein wegen ihres breiten wissenschaft- 
lichen Inhalts nicht den gewünschten, dem allgemeinen Bedürfnis entsprechen- 
den Zweck. Es lag deshalb nahe, ein solches, in knappen Zügen gehaltenes 
Büchlein zu schaffen. 

Von diesem Gedanken ausgehend, ließ ich im Herbst vorigen Jahres 
in der Sammlung „Natur und Geisteswelt" (Verlag B. G. Teubner) ein kleines, 
den Charakter eines Abrisses tragendes Werk erscheinen, das nichts weiter 
als die Absicht verfolgte, über Landeskunde, Geschichte, Verwaltung und Ver- 
fassung, Wirtschaftsleben und geistige Kultur der „Baltischen Provinzen" 
einen kurzen, nur auf das Notwendigste sich beschränkenden Überblick zu 
gewähren. Die freundliche Aufnahme, die das Büchlein bei Publikum und 
Presse gefunden hat, bestätigt mir, daß ich mit meinem Versuche nicht fehl- 
gegriffen habe. 

Ein gleiches Ziel hat wohl auch der Balte Alexis Freiherr von Engel- 
hard t im Auge gehabt, als er sein unlängst veröffentlichtes Buch „Die deutschen 
Ostseeprovinzen Rußlands" (München, Verlag Georg Müller) verfaßte. Engel- 
hardt zieht die Grenzen nur noch weiter und behandelt ausführlicher die 
politische und wirtschaftliche Entwicklung der Provinzen. In der Haupt- 
sache stützte auch er sich auf die Literatur, die meiner Schrift gleichfalls 
zugrunde liegt: die Baltische Landeskunde von Kupffer, die Geschichtswerke 



B esprechungen . 153 



von Arbusow, Seraphim und Schiemann und eine von namhaften Kennern des 
Baltenlandes geschriebene, doch nur als Manuskriptwerk erschienene Denkschrift. 
Der Verf. behandelt zuerst die Geschichte des Baltikums. Er beginnt 
mit der Aufsegelung Livlands durch Lübecker Kaufleute im dritten Viertel 
des XII. Jahrhunderts, charakterisiert die einheimischen Bewohner Kuren. 
Liven, Esten und Letten, welche die Deutschen bei ihrer Ankunft vorfanden, 
verbreitet sich ausführlich über die Kämpfe, die der Orden mit jenen Völker- 
schaften und den angrenzenden Nachbarn auszufechten hatte, schildert die 
Entwickebmg des baltischen Städtewesens, die Konflikte zwischen Orden und 
Städten und das innere Wesen des baltischen Ordensstaates, der unter Walter 
von Plettenberg seine höchste Machtentfaltung erreicht, entwirft ein Bild von 
diesem bedeutenden Ordensmeister, zeichnet dann mit markanten Strichen den 
Verfall des Ordensstaates, seine letzten Versuche, die Selbständigkeit zu be- 
haupten, und seinen Untergang, d. h. die Teilung der Provinzen in schwedisches 
und polnisches Gebiet. Mit einer kurzen Darstellung der Geschichte des Baltikums 
unter der Herrschaft dieser beiden Mächte und mit einem Abriß der Geschichte 
Kurlands, das von 1561 bis 1795 sein Dasein als polnisches Lehnsherzogtum 
führte, schließt der Verf. diesen Abschnitt, in dem er mit Becht, trotz der 
mannigfaltigen Wechselfälle, denen die Baltischen Provinzen in diesem Zeit- 
raum ausgesetzt waren, alle bis zu ihrer Einverleibung in das Russische Reich 
stattgefundenen Geschehnisse als ein gesondertes Ganzes betrachtet, weil die 
deutsche Eigenart des Landes, ungeachtet der vielen äußeren politischen Wand- 
lungen, immer noch unangetastet blieb und weil in dem sonst so häufig 
wechselnden Regime nun endlich ein fester Zustand von längerer Dauer ein- 
trat. Was den ersten Punkt anbetrifft, so erfuhren die Provinzen unter 
russischem Szepter keine einschneidenden Änderungen. Sie sollten, „nach 
Peters Auffassung, zu einer weiten Pforte werden, durch die des Westens 
Zivilisation und Kultur nach Rußland Eingang fände". An diesem Standpunkt 
haben auch die nächsten Nachfolger des großen Zaren bis zu Alexander III. 
im wesentlichen festgehalten. Erst dieser Zar setzte sich über alle Tradition 
hinweg und wagte einen rücksichtslosen Eingriff in die verbrieften Rechte 
des baltischen Deutschtums. Sehr richtig teilt darum Verf. dieses Kapitel 
in zwei Abschnitte, den einen, der sich mit der Entwickelung der baltischen 
Verbältnisse bis zur Thronbesteigung Alexanders TJJ. beschäftigt, und den 
andern, der den Verfassungsbruch und seine Folgen schildert. Es ist auf die 
brutalen, so empfindlich in das deutsche Wesen des Baltikums einschneiden- 
den Maßnahmen, die Alexanders schlauer Helfershelfer Pobjedonoszew ersann 
und seine getreuen Schergen zur Ausführung brachten, so oft in letzter Zeit 
durch Aufsätze hingewiesen worden, daß sich eine Herzählung derselben an 
dieser Stelle erübrigt. Sie w r aren gleichbedeutend mit einer jener feindlichen 
Invasionen des XVI. und XVII. Jahrhunderts; verwüsteten sie auch nicht das 
Land und ließen sie auch nicht Städte und Dörfer in Flammen aufgehen, so 
legten sie doch die Axt an die Wurzeln einer alten blühenden Kultur. Aber 
sie konnten sie nur schädigen, obwohl es die Absicht der Regierenden war, 
sie gänzlich zu vernichten. Ungemein schwer haben es seit jenen sinnlosen 
Russifizierungsversuchen die baltischen Deutschen gehabt, schwer in doppelter 
Hinsicht, einerseits, weil es galt, das historische Vermächtnis mit aller Zähig- 
keit gegen russische Willkür zu schützen, anderseits, weil infolge der russi- 
schen Verhetzungspolitik ein Zwiespalt zwischen den bis dahin friedlich zu- 
sammenlebenden Deutschen, Letten und Esten sich auftat: ein Zwiespalt, der 
die Stellung des Deutschtums, das sich nun im eigenen Lande zwei neuen 
Feinden gegenübersah, bedeutend erschwerte. Diese die Existenz des balti- 
schen Deutschtums so bedrohlich gefährdenden Umstände, sowie die Leiden, 
denen es während der lettisch -estnischen Revolution, die so viel Hab und 
Gut vernichtete, ausgesetzt war, hat der Verf. mit sachkundiger Hand, haupt- 
sächlich Schiernanns Werk „Die lettische Revolution" als Grundlage benutzend, 
darzustellen gewußt. Auch dem unerschütterlichen Optimismus, der von jeher 



154 Besprechungen. 



die Balten ausgezeichnet hat und sie selbst in der verzweifeltsten Lage nie 
verzagen ließ und der ihnen wieder die Kraft zu neuem Schaffen verlieh, ist 
er gerecht geworden. „Sie haben sich nicht", so schließt er dieses Kapitel, 
„vom Kampfe zurückgezogen, sich nicht — wie ihre Gegner hofften — 
schmollend in einen bequemen Winkel gestellt, sondern sind mit unverwüst- 
lichem Glauben an ihre Mission herangegangen, * auf den Ruinen ein neues, 
wohnliches Haus zu errichten. So waren sie ihrer Väter wert und durften, 
bevor der Weltkrieg ausbrach, von der geretteten baltischen Scholle ruhigen 
Mutes sagen: ,Und dennoch deutsch!'" 

Nach den geschichtlichen Darlegungen behandelt Verf. eingehend die 
agrarischen Zustände, wie sie sich entwickelt haben und wie sie heute liegen. 
Er spricht über die Verteilung des Bodens, über die Ernteergebnisse und die 
Möglichkeiten einer weiteren Kolonisation. Von Wichtigkeit ist der Hinweis, 
daß die baltischen Agrarverhältnisse eine ähnliche Entwickelung wie die des 
deutschen Mutterlandes durchgemacht haben, daß die Grundlage des Wohl- 
standes der lettischen und estnischen Bauernbevölkerung auf dem deutschen 
Einfluß beruht, der von den Ritterschaften ausging, und daß das frühere gute 
Verhältnis zwischen Gutsherr und Bauer sehr bald wieder hergestellt werden 
würde, wenn man der russischen Agitation den Bogen entzöge. Daß die 
russische Regierung darauf bedacht war, diese noch zu verstärken und damit 
den deutschen Einfluß immer mehr zurückzudrängen, zeigt der im Frühjahr 
1914 gefaßte Beschluß, den reichen Domänenbesitz Kurlands aufzuteilen und 
auf dem dadurch gewonnenen Boden 300000 Bauern russischer Nationalität 
anzusiedeln. Der Krieg hat Gott sei Dank dieses Vorhaben vereitelt, aber 
auch den Weg für neue Möglichkeiten deutscher Kolonisation gewiesen. 
Bei den geringen Besiedelungsverhältnissen der Baltischen Provinzen — es 
kommen knapp 28 Menschen auf einen Quadratkilometer, eine Zahl, die sich 
durch die Flucht so vieler landeingesessener Bewohner noch erheblich ver- 
mindert hat — bietet sich hier noch Raum für viele Tausende Ansiedler. 
Es würden durch planmäßige Verteilung des Bodens nach Engelhardts An- 
gaben etwa 2300000 ha Land für eine umfassende ländliche Kolonisation 
sofort vorhanden sein, eine Zahl, die auch bis zu drei Millionen ha leicht 
gesteigert werden könne, ohne daß der Großgrundbesitz dadurch empfindlich 
getroffen würde. 

In dem letzten Teil seines Buches handelt Verf. vom baltischen Deutsch- 
tum, dessen Eigenart darin liegt, daß es nur eine Oberschicht bildet: Adel 
und Bürgertum. Beide haben von jeher die bestimmende Rolle im Lande 
gespielt und sich auch häufig befehdet. Klug abwägend beurteilt Verf. die 
Leistungen beider Stände, ohne doch auch blind für deren Schwächen zu 
sein; er zeigt, daß der Adel hier durchaus nicht so reaktionär war, wie man 
von unkundiger Seite es ihm häufig vorwirft. Und daß die Leibeigenschaft 
im Baltikum keineswegs härtere, sondern eher mildere Formen gehabt hat. 
als im übrigen Europa. Gerecht würdigt er auch das baltische Bürgertum. 
„Die baltischen Literaten", sagt er, „sind die geistige Elite des Landes, der 
hohe Stand der deutschen Kultur in den Ustseeprovinzen wäre ohne das 
Wirken dieses Standes gar nicht denkbar." Dieses Wirken äußerte sich vor 
allem in Kirche, Schule, Universität und Verwaltung. Verf. geht auf diese 
Gebiete im einzelnen genau ein und entwirft auf diese Weise von dem 
kulturellen Wirken der Deutschen nicht nur auf die eigenen Landsleute, 
sondern auch auf die eingesessenen Letten und Esten ein umfassendes und 
klares Bild. 

Es ist schade, daß dieses so vorzügliche Werk durch einen Anhang in 
seinem Werte ein wenig vermindert wird. Dieser Anhang rührt allerdings 
nicht von Engelhardt her, sondern von einem andern Autor, namens Jo- 
hannes von Guenther. Dieser wollte die Entwickelung der baltischen 
Literatur schildern und brachte dabei einen belanglosen Essay zustande, der 
sich in keiner Weise dem behandelten Stoffe würdig erweist. Auf die 



Besprechungen. 155 



Einzelheiten dieser Quartanerarbeit einzugehen, verbietet mir hier der Baum. 
Wenn jemand über die deutsche Literatur der neunziger Jahre sagt, daß sie 
sich „anfangs im sogenannten Naturalismus unappetitlich genug äußerte, 
darauf eine Zeitlang den Detailkramladen der ,Heimatkunst' aufmachte und 
endlich sein sicheres Fahrwasser im psychologischen Boman fand und in einer 
gewissen pausbäckigen Lyrik", wenn er fernerWilde einen „preziösen Schwätzer" 
nennt, dann erbringt er damit schon den Beweis, daß er die Fähigkeit für 
literarische Urteile nicht besitzt. So sind denn auch die Urteile, die er über 
die baltischen Dichter fällt, schief und irreleitend. Helene von Engelhardt 
nennt er die einzige große Dichterin, welche die Ostseeprovinzen hervor- 
gebracht hätten, Maurice Beinhold von Stern ist für ihn ein Dilettant, in den 
Bomangestalten der Frances Külpe erblickt er „Opfer dieser in Eroticis etwas 
verrückten Zeit" usw. Gewiß ist die baltische Literatur nicht reich an 
Dichtern ersten Banges, aber sie besitzt eine große Anzahl liebenswürdiger 
netter Talente, und hier, wo es darauf ankam, einen Eindruck von baltischer 
Literatur dem reichsdeutschen Leser zu vermitteln, mußten vor allen Dingen 
jene Dichter und Dichterinnen gewürdigt werden, die es verstanden haben, 
Bilder und Stimmungen ihrer Heimat, sei es ein Gedicht, sei es ein Drama, 
wiederzugeben. So mußten Carl Worms, Theophile von Bodisco, Maurice 
Beinhold von Stern und vor allem Theodor Hermann Pantenius viel ein- 
gehender gewürdigt werden, während manche Namen ruhig fortfallen konnten. 

Gerade Theodor Hermann Pantenius verdient eine ausführlichere 
Darstellung. Er ist der baltische Fontane. Damit soll kein Vergleich zwischen 
ihm und dem großen märkischen Dichter gezogen werden, sondern es soll 
nur heißen, daß er wie jener der Heimat eigenste Stimmungen zu erfassen 
wußte. Wer sich in das kurländische Wesen vertiefen will, der lese die 
beiden Bände Erzählungen, die Pantenius unter dem Gesamttitel „Im Gottes- 
ländchen" veröffentlicht hat. Dort findet er ein vortrefflich gezeichnetes 
Bild des alten Kurland mit seinen einzigartigen Menschen, unter denen jeder 
dritte ein Original ist. Kurland hat ja von jeher als Land der Originale und 
Anekdoten gegolten. Das bestätigen uns auch im reichen Maße die unter 
dem Titel „Aus den Jugendjahren eines alten Kurländers" erschienenen Er- 
innerungen von Pantenius (B. Vogtländers Verlag in Leipzig). Es ist eine 
Galerie merkwürdiger Persönlichkeiten, die man in dieser anmutigen und 
humorvollen Schrift durchwandert; Menschen tauchen auf, wie sie in Deutsch- 
land längst ausgestorben sind oder vielleicht nur in irgendeinem gänzlich 
abgeschiedenen Winkel noch leben, Menschen von Schrullenhaftigkeit, aber 
auch von wunderbarer Herzensgüte, edler Gesinnung und Charakterstärke. 
Wenn man diese Schilderungen liest, dann fühlt man sich unweht von jenem 
Zauber einer gemütsvoll-behaglichen Lebenskunst, die das Dasein unserer 
Großväter und Großmütter so reizvoll schmückte. Vielen ist sie nur im 
Gedächtnis wie ein Kindheitstraum, an den ein paar alte ererbte Möbelstücke 
im Hause ständig erinnern; doch wen der Weg nach dem Gottesländchen 
führt, der wird diesem Kindheitstraum näher sein, weil dort vieles, vieles 
von Moden und Sitten, Anschauungen und Gedanken der Vergangenheit noch 
erhalten ist, und es ginge sehr merkwürdig zu, wenn er nicht mit solchen 
Originalen, wie sie Pantenius schildert, in Berührung käme und ähnliche 
Stimmungen durchlebte, die ihm aus den Blättern dieser Erinnerungen 
entgegen wehen. 

Für die Kenntnis der baltischen Provinzen genügt eine rein deskriptive 
Literatur nicht. Sie vermag nur eine Vorstellung von ihnen zu geben, aber 
ihren wirklichen Geist und ihr eigenartiges Wesen kann sie nicht zum Aus- 
druck bringen. Hierzu ist ein Versenken in die selbstschöpferische Literatur 
des Landes notwendig, einerlei ob diese der Belletristik oder der biographi- 
schen Schilderungskunst angehört. Bomane von Pantenius, Frances Külpe, 
Theophile von Bodisco, Alexis Freiherr von Bopp, Carl Worms und Memoiren, 
wie sie Julius von Eckardt, Graf Keyserling, Ludwig Schwabe u. a. hinter- 



156 Besprechungen. 



lassen haben, werden für den Leser die besten Wegweiser sein. Natürlich 
sind letztere, namentlich zur Zeit, nicht leicht zu beschaffen. Darum wäre,. 
wie es auch scheinbar der Verlag Felix Lehmann (Berlin-Charlottenburg) plant, 
eine Auslese besonders charakteristischer Schilderungen jetzt sehr am Platz. 

In dem besagten Verlag beginnt nämlich, von Dr. Otto Graut off 
herausgegeben, eine auf 6 Bände berechnete Sammlung zu erscheinen, welche 
die baltischen Provinzen in Bild und Wort vorführen soll. Die beiden bisher 
veröffentlichten Bände geben uns einen Einblick in das Land selbst und in 
baltisches dichterisches Schaffen. Ist der erste rein illustrativ gehalten — zwei 
Balten Walter von Engelhardt und H. von Bösen haben ihn zusammen- 
gestellt — und gewährt er durch die abwechslungsreich ausgewählten und 
recht geschickt aneinander gereihten Abbildungen auch dein Nichtkenner der 
Provinzen eine ziemlich deutliche Vorstellung von Land und Stadt, so erteilt 
der andere wenigstens eine flüchtige Auskunft über die literarische Leistungs- 
fähigkeit der Balten. Es sind hier eine Anzahl von Novellen und Dramen 
älterer und jüngerer baltischer Autoren zu einer Sammlung vereinigt. Der 
Herausgeber Hellmuth Krüger hat sich zur Aufgabe gestellt, keine Bruch- 
stücke, sondern nur geschlossene Werke zu nehmen. Es mußte deswegen 
auf größerere Schilderungen, die jedoch das haitische Milieu besser gekenn- 
zeichnet hätten, verzichtet werden. Meines Erachtens wäre es der Aufgabe 
sinngemäßer gewesen, den letzten Weg einzuschlagen und obschon Frag- 
mentarisches, aber immer das Baltikum Charaktisierende zu bringen. Lenzens 
„Pandaemonium Germanicum" hat wohl für den Literarhistoriker, aber für 
den allgemeinen Leser nicht das geringste Interesse. Die übrigen noch aus- 
stehenden Bände werden noch über Architektur, Plastik. Malerei, Lyrik, Märchen 
und Sachen der baltischen Provinzen unterrichten und dann zum Schluß, 
wie ich schon oben erwähnte, ausgewählte Stücke aus der ziemlich reich- 
haltigen baltischen Memoirenliteratur bringen. 

Gleichzeitig mit dieser Publikation ist im „Gelben Verlag" (Dachau) 
eine andere unter dem Titel „Das Baltenbuch'' erschienen, das Dr. Paul 
Bohrbach herausgegeben hat. Auch dieses Werk will nicht die baltischen 
Provinzen beschreiben; es will bloß Zeugnisse deutscher geistiger Kultur aus 
dem baltischen Lande vorlegen, die — wie es in dem Vorwort heißt — nicht 
nur ein sentimentales, sondern auch ein historisch-politisches Recht darauf 
haben, daß man sie in Deutschland hört und sich mit ihnen beschäftigt. Er 
sind Auszüge aus Werken berühmter Balten. Charakteristiken und Skizzen, 
die wohl geeignet scheinen, in dem Unkundigen die Lust zur Vertiefung in 
das baltische Geistesleben zu wecken. Das Buch hat, wie alles, was Bohrbach 
schriftstellerisch unternimmt, einen fest umrissenen Charakter und ein scharf 
bestimmtes Ziel, nämlich dies: mühelos dem deutschen Leser zum Bewußtsein 
zu bringen, wieviel deutsche Kraft dort jenseits Polangen bis zum Gestade 
des Finnischen Meerbusens jahrhundertelang bis in die Gegenwart tätig war,, 
um deutsche Kultur vor dem Ansturm des Slawentums zu schützen. 



Rudolf Kj eil en . Die Großmächte der Gegenwart. Übersetzt von Dr. C. Koch. 
Leipzig 1914. B. G. Teubner. 208 S. — Derselbe, Die Ideen von 1914. 
Eine weltgeschichtliche Perspektive. Deutsch von Dr. C. Koch. Leipzig 
lülö. S. Hirzel. 46 S. — Derselbe, Die politischen Probleme des 
Weltkrieges. Übersetzt von Dr. Friedrich Stieve. Leipzig 1916. B. G. 
Teubner. 142 S. 
Der Zufall hat es gewollt, daß der Gothenburger Soziologe B. Kjellen 
(jetzt Professor in Upsala) seine zuerst 1 905 in 2 Bänden, und dann 1911/13 
in einer vielbändigen Umarbeitung in schwedischer Sprache erschienenen 
Vorlesungen über die Lebensformen des Staates, unmittelbar vor dem Aus- 
bruch des Weltkrieges in einem deutschen Auszuge erscheinen ließ, dessen 



Besj)rechungen. 157 



gedrängter Reichtum ohne jene Vorarbeiten kaum denkbar gewesen wäre. 
So wurde das Buch für das deutsche Publikum, dem es im August 1914 in 
die Hände gelegt ward, wider Willen zu einem der zeitlich ersten Stücke 
der Kriegsliteratur, man darf wohl sagen zu einem ihrer wertvollsten und 
unabhängigsten Stücke, und wirkte, in seiner Grnndauffassung durch den 
ehernen Gang der Ereignisse bestätigt, auf breite Schichten fast wie eine 
Offenbarung} der unausgesetzte Absatz bewies die tiefe Dankbarkeit für ein 
Buch, das ohne ein Produkt des Krieges selbst zu sein, doch als ein wissen- 
schaftliches Ergebnis des vorangegangenen Jahrzehntes der Großmachtkon- 
stdlationen, die zum Kriege führte, begriffen werden muß. Die neueste Schrift 
Kjellens führt an denjenigen Problemen, die durch das Ringen des Weltkrieges 
in den Vordergrund gerückt worden sind, seine früheren Aufstellungen fort. 

Man hat alsbald bei uns bemerkt, daß Kjellens Auffassung der Staaten 
als außerordentlich komplexer, von höchster Mannigfaltigkeit der Bedingungen 
getragener und vom individuellsten Leben, erfüllter Gebilde, als „moralischer 
Energien", auf Ranke, auf sein Programm in den „Großen Mächten" (1833) 
und die Praxis seiner Geschichtsschreibung zurückgeht; ja noch über Ranke 
hinaus, bis zu Heeren und seiner realistisch-biologischen Betrachtung der 
europäischen Mächte lassen sich die Fäden verfolgen. Es hat vielleicht einen 
tieferen Sinn, daß eine solche (den alten Großmächten eher fremde) Auf- 
fassung, die eine gewisse sich über die eigene Nation erhebende Objektivität 
voraussetzt, einst gerade inmitten des rings von großen Mächten umgebenen, 
selber aber von ihrem Machtkampf ausgeschlossenen Deutschlands entstand; 
und daß sie jetzt auf dem Boden Schwedens wieder aufgenommen wird, das 
in so vielfältigen geistigen, wirtschaftlichen oder geographischen Beziehungen 
an das Europa des Westens, der Mitte und des Ostens geknüpft ist und 
sich mit allen Teilen innerlich auseinandersetzen muß. So hat auch die 
schwedische Kriegsliteratur sich zu den kämpfenden Parteien am unabhängig- 
sten und objektivsten — bei allem Sichhingezogenfühlen zu Deutschland 
(das auch Kj eilen bekennt: „amica Germania, sed magis amica veritas") — 
zu stellen vermocht. Sie verfügt durchgängig über eine innere Unabhängigkeit, 
die z. B. den von prinzipiellstem Neutralitätsstreben erfüllten, aber aus Sorge 
um den Bestand ihres übernationalen Mischstaates zu mehr als vorsichtiger 
Unfreiheit genötigten Äußerungen mancher Deutsch -Schweizer in der Regel 
versagt bleibt. 

Die Mittel der biologischen Erfassung staatlicher Individualitäten haben 
sich in den hundert Jahren seit Heeren außerordentlich verfeinert, und die 
auf gründlichste Studien gegründete Betrachtungsweise Kjellens verfügt über 
eine vielseitige und lebendige Methode, die ihre Ergebnisse mit treffsicherer 
Formulierung auf das eindrucksvollste vorträgt. In den Vordergrund sind 
bei ihm — man fühlt sich dabei häufig an Ratzel erinnert — die geographi- 
schen, oder nach seiner Ausdrucksweise die geopolitischen Gesichtspunkte 
gerückt. An dieser Stelle scheint mir auch die stärkste erzieherische Wirkung 
seiner Bücher zu liegen; darüber vergißt man gern, daß diese Gesichtspunkte 
gelegentlich überspannt werden (z. B. S. 58 Entfernung vom Rhein und 
bayrischer Partikularismus, S. 129 Kordilleren und Panamerikanismus). Mit 
Nachdruck wird auch — was der Krieg uns ganz geläufig gemacht hat — 
das Maß der wirtschaftlichen Autarkie als unerläßliches Attribut jeder Groß- 
macht festgestellt. So allseitig die Betrachtungsweise Kjellens zu sein an- 
strebt, um die biologischen Merkmale einer staatlichen Struktur als Äußerungen 
eines lebendigen Ganzen zu erfassen — am ausgezeichnetsten scheint mir 
die Anschauung der englischen inneren und äußeren Staatspolitik gelungen 
zu sein — , so überwiegt durchgängig der Sinn für diejenigen Kräfte, von 
denen Bismarcks Wort gilt: „quae numero ac pondere dicuntur." Weiter 
zurückliegende historische Zusammenhänge und verwickelte geistige 1 ) Unter- 

J ) Man kann z. B. Wilde und Shaw nicht als „vorsätzlich unmoralische 
Schriftsteller" nebeneinander stellen. 



158 Besprechungen. 



gründe vertragen die scharf herausarbeitende und simplifizierende Methode 
nicht so gut wie die konkreten Tatsachen der greifbaren Wirklichkeit 1 ). Man 
versteht es durchaus, daß die sichere Hand des schwedischen Gelehrten in 
dem komplizierten Aufbau Österreich-Ungarns auch einmal vorbeitastet — 
fragen wir Reichsdeutsche uns nur selber, wie verbreitet bei uns unter den 
Gelehrten, die es angeht, von der öffentlichen Meinung ganz abgesehen, 
ein tieferes Verständnis dieser Probleme vor dem Kriege war. 

Die zweite Schrift über die Ideen von 1914 steht auf dem Boden der 
deutschen Staatsauffassung, und enthält in deren Sinn eine scharfe Absage an 
den „unorganisch gefaßten Kosmopolitismus und überbetonten Individualismus". 
Sie enthält manchen treffenden Satz, wie z. B. über den westeuropäischen 
Kulturbegriff : „ihr Kulturkultus ist eine abgöttische Verehrung der Ober- 
fläche des Lebens auf Kosten seiner Tiefe und seines Wertes." Man kann 
nur dankbar sein, daß Erkenntnisse, die in Deutschland unter dem erzieheri- 
schen Druck des Krieges in Fluß gekommen sind, in so wirkungsvoller Gestalt 
schwedischen Studenten vermittelt werden und inmitten der allgemeinen 
Flut des Nichtverstehenwollens wahres Verständnis schaffen. Gewisse For- 
mulierungen sind von den Schriften von Sombart und Plenge, die beide, 
besonders der erstere schon zu Überspitzungen neigen, stark beeinflußt; so 
kommen in der durch den Vortragszweck gebotenen Schematisierung die 
Gegensätze Freiheit — Ordnung, Gleichheit — Gerechtigkeit nicht so tief 
heraus, wie der Verf. sie ohne Zweifel zu sehen imstande ist. Mit Nach- 
druck stellt er der „Erklärung der Menschenrechte" die große Erklärung der 
Pflichten, den kategorischen Imperativ Kants gegenüber. Wenn er in diesem- 
Zusammenhange gelegentlich Worte Gustav Adolfs anführt, so werden uns 
Deutschen auch die gemeinschaftlichen Grundlagen verwandter Ideale sichtbar. 

Die von Kjellen vor dem Kriege geübte Methode der Staatsbetrachtung 
erscheint in seinem in diesem Jahre erschienenen Buch über die politischen 
Probleme des Weltkrieges zu einer praktischen Anwendung gebracht: sie 
vermag zugleich eine Probe auf ihre Richtigkeit zu machen, indem sie in 
den Kern und die innersten Ursachen des gegenwärtigen Ringens vorzustoßen 
sucht. Dieses neue Buch ist, wie es nicht anders sein kann, durch die in- 
zwischen erschienene Kriegsliteratur (vor allem die deutsche, in zweiter Linie 
die englische) befruchtet, und muß sich demgemäß, da es sich nicht nur 
um Tatsachen , sondern manchmal auch um irreale Zukunftsfragen und 
-forderungen handelt, hin und wieder auf einem unsichereren Boden bewegen; 
inmitten der lichtvollsten Aufklärungen über die innersten Triebkräfte des 
Krieges gleitet sie auch wohl einmal in die rein publizistische Sphäre hin- 
über. Der Nachdruck liegt auch hier auf den großen geopolitischen (Ruß- 
land — England — Deutschland) und ethnopolitischen (Nationalität«- und 
Rassen-) Problemen. Kjellen verteidigt sich dabei gegen die ihm als allzu 
schematisch vorgeworfene Überspannung des Nationalitätsprinzips, und indem 
er es nunmehr nach verschiedenen Seiten hin vorsichtig einschränkt, scheint 
er mir einer Verständigung mit seinen Gegnern schon näher zu kommen; 
die Macht des historischen Zusammenwachsens in einer staatlichen Gemein- 
schaft könnte immerhin noch höher eingeschätzt werden. Man erkennt aus 



') Ich habe diesen Eindruck auch von dem Aufsatz „Versuch eines natür- 
lichen Systems der Staatsformen", durch den Kjellen den Lesern dieser Zeit- 
schrift (VIII, 427 — 451) bekannt ist. Ich möchte der Schematisierung ihr Recht 
nicht bestreiten, selbst wenn sie Dinge bewältigen will, die auch bei exaktester 
Stoffbeherrschung nicht restlos in das Schema eingefügt werden können. 
Für bedenklich aber erachte ich, wenn sie die Reihenfolge der Typen, die 
zur Beschreibung und begrifflichen Abgrenzung an sich unentbehrlich sind,. 
zu einem gesetzmäßigen Ablauf macht, der den Anspruch erhebt, als ein 
natürliches System der Staatsformen (oder wenigstens als der Ansatz 
dazu) aufgefaßt werden. 



Besprechungen. 159 



seinen eigenen Darlegungen, daß es sich bei den verschiedenen Nationalitäten- 
problemen doch um höchst inkommensurable Größen handelt, deren .ganz 
individueller Charakter durch eine zusammenfassende Betrachtung leicht in 
Gefahr kommt, verwischt zu werden; da sie letztlich praktisch nur durch 
die Macht gelöst werden können, so wird das theoretische Gegeneinander- 
abwägen immer auf Schwierigkeiten stoßen. Das gilt vollends für die Rassen- 
fiagen, die durchweg nur als Verkleidung eines machtpolitischen Dranges 
der Staaten aufzufassen sind. In wirksamer Weise wird die Konfrontierung 
der österreichischen und der russischen Nationalitäten- und Rassenprobleme 
zu dem Schlußergebnis (S. 99) hinausgeführt: „damit sind die Rassengesichts- 
punkte faktisch beseitigt und die Rollen definitiv vertauscht: Rußland ist 
nicht länger der Kläger in diesem großen Prozeß, es ist der Angeklagte — 
und die Anklage lautet dahin, daß es sich im Dienste einer niederen Idee 
an einer höheren vergriffen hat." 

In allen diesen Zukunftsfragen (in deren materielle Erörterung ich hier 
nicht eintreten kann) 1 ) vermag Kj eilen nicht immer die amtlich beweisbaren 
Absichten der großen Mächte zugrunde zu legen, sondern er muß sich 
manchmal mit der publizistischen — und kritisch sehr unterschiedlich zu 
bewertenden! — Vertretung gewisser Ideen als Quellenmaterial begnügen. 
Nun aber überwiegt unzweifelhaft in der deutschen Publizistik die unverant- 
wortliche Privatarbeit, während die englische Publizistik, auf so verschiedenen 
Wegen sie vermöge ihrer inneren Parteistellung auch wandeln mag, fast 
immer im bewußten Dienste oder in einem halbbewußten Dienstverhältnis 
zu der offiziellen Politik ihres Landes arbeitet. Zum Beispiel führt Kjellen 
(S. 35) die in der Londoner Finanzchronik vom 4. April 1903 geschriebenen 
Sätze des Afrikapolitikers Harry Johnston an : „Wäre ich ein Deutscher, so 
würde ich in meinen Zukunftsträumen ein großes deutsch -österreichisch- 
türkisches Zukunftsreich vor mir sehen, etwa mit zwei Haupthäfen : Hamburg 
und Konstantinojael, mit Häfen an der Nord- und Ostsee, am Adriatischen 
und Ägäischen Meer, ein Reich, das seinen Einfluß durch Mittelasien und 
Mesopotamien bis nach Bagdad und darüber hinaus geltend machen könnte. 
Dieses zusammenhängende Imperium von der Mündung der Elbe bis zu der 
des Euphrat wäre gewiß ein Ziel, so stolz, wie es eine große Nation nur 
anstreben kann." Läßt sich ein besserer Kronzeuge für die geopolitischen 
Endziele Deutschlands als ein so wohlwollender Ausländer denken? Ein nüch- 
terner Beobachter freilich wird sich fragen, warum diese warme Liebe zu 
uns? warum zugleich diese phantastische Überspannung realer Ziele? (man 
bemerke besonders „mit Bagdad und darüberhinaus"): er wird rückblickend 
den Nachdruck auf das Datum April 1903 legen. Es ist der Monat, in dem 
die entscheidende Weltschwenkung Englands (in der Reise König Eduards 
nach Paris und der englischen Ablehnung einer Beteiligung am Bagdadbahn- 
projekt) deutlich wird. Sollte das Übermaß in der Ausmalung Johnstons, die 
indirekt jedem politischen Engländer eine riesige Weltgefahr zeigte, vielleicht dazu 
dienen, die notwendige Wendung zu Frankreich hin der öffentlichen Meinung 
schmackhaft zu nftchen? Man braucht diese Frage nur zu stellen, um sie 
beantwortet zu haben, wobei ich es durchaus dahingestellt sein lasse, ob 
Johnston selber sich seiner Rolle (die er immerhin aus seinem afrikanischen 
Gesichtswinkel gutgläubig spielen mochte) restlos bewußt war. Kjellen be- 
spricht in demselben Zusammenhange auch die Mitteilungen, die Johnston 
in seinem Vortrage vom 24. Februar 1915 über das im Sommer 1944 para- 
phierte deutsch-englische Abkommen gemacht hat. Nach den vorliegenden 
Notizen enthalten sie ein Gemisch von Realitäten, Phantasien und berechneten 
Unrichtigkeiten; zu den letzteren gehören die Angaben über die Deutschland 
angeblich auferlegten Gegengaben (Abtretung Französisch -Lothringens und 

') Unter den Besprechungen verweise ich auf die von P. Rassow (Preuß.. 
Jahrb. Sept. 1916), ohne mir jede ihrer Aufstellungen anzueignen. 



160 Besprechungen. 



Überlassung Luxemburgs an Belgien). Es liegt dalier kein Grund vor, von 
dem Ganzen mit Kj eilen auszurufen: „Das war Deutschlands Vogel in der 
Eand, der fortflog, als der Krieg zu dröhnen anfing."' Es sind nichts als John- 
stonsche Tauben auf dem Dache, deren nachträgliche Vorzeigung jedem andern 
Zwecke eher als dem der historischen Objektivität dienen mochte. 

Zum Schluß nur noch eins. Hoffen wir. daß die höchst verdienstvollen 
Arbeiten und Anregungen (Ljellens dazu beitragen, den Wissenschaftszweig 
der Staatenkunde, der schon in den Tagen Schlözers und der Göttinger Schule 
eine Rolle bei uns spielte, von neuem in Deutschland heimisch zu machen, 
sowohl in dem Universitätsbetriebe als auch in der populären Literatur: für 
die in den Fragen der auswärtigen Politik so häufig dilettantische „öffent- 
liche Meinung" gibt es keinen bessern Weg zum politischen Verständnis. 

Hermann Oncken. 

Eduard Meyer, Weltgeschichte und Weltkrieg. Stuttgart 1916. Cotta. 
XIX und 189 S. 

Unter den deutschen Historikern, die seit Beginn des Krieges ihre im 
Dienste der Wissenschaft gewonnenen Erkenntnisse dem Vaterlande zur 
Verfügung gestellt halten, steht der bekannte Berliner Historiker Eduard 
Meyer mit an erster Stelle. Es war zu erwarten, daß gerade er das Wort 
ergriff, wo es sich um eine Sache handelte, die auf eine lange Zukunft hinaus 
die Geschicke der Welt bestimmen muß und in der neben dem Streit der 
Waffen doch auch die literarische Diskussion in Presse und Flugschriften nicht 
ohne Wert ist und ihre Sachwalter verlangt. Meyers ganze wissenschaftliche 
Vergangenheit mußte ihn in diesen Tagen zu publizistischer Betätigung 
drängen; hat er doch die Arbeit eines langen Lebens darangesetzt, über den 
Staat, sein Wesen und seine Zwecke nachzudenken und aus den Geschicken 
vergangener Völker Lehren für die Gegenwart zu gewinnen. Seine staats- 
theoretischen Ansichten, denen man fast auf jeder Seite seiner zweifellos 
großzügigen „Geschichte des Altertums" begegnet und die er in systematischer 
Form in dem einleitenden Bande, den „Elementen der Anthropologie", 
niedergelegt hat, sind freilich nie ohne Widerspruch geblieben, und viele 
haben sich zumal an dem Grundgedanken gestoßen, der sich als eine bis 
in ihre letzten Konsequenzen hinein zu Ende gedachte Lehre vom Macht- 
staate darstellt. So hat denn auch das Buch, das Meyer im Verlauf des 
Krieges über England geschrieben hat (England, seine staatliche und politische 
Entwicklung usw., Stuttgart, Cotta), auch in deutschen politischen Kreisen 
manche Bedenken und Erörterungen hervorgerufen; und wenn jetzt der vor- 
liegende Sammelband vielleicht auch weniger beachtet und diskutiert werden 
sollte, so liegt das nur daran, daß drei von den fünf hier vereinigten Auf- 
sätzen schon unter den Kundgebungen deutscher Historiker, die die „Süd- 
deutschen Monatshefte" in den Jahren 1914 und 1915 veröffentlicht haben, 
erschienen sind und so die Anschauungen und Absichten des Verfassers durch 
die große Anzahl seiner Veröffentlichungen bereits bekannt und in der 
Publizistik hinreichend geprüft und erwogen worden sind. 

Wir finden in diesen Aufsätzen alle Gedanken des Historikers Meyer 
wieder und auf die Verhältnisse der Gegenwart angewendet. Besonders der 
theoretische Aufsatz über den ..Staat" bringt in gedrängter und für weiteste 
Kreise berechneter Zusammenstellung die Lehren, die in den „Elementen 
■der Anthropologie" entwickelt und begründet wurden: also die seinerzeit viel 
umkämpfte These, daß der Staat älter sei als der Mensch und in den Vor- 
stufen der menschlichen Entwicklung wurzle, weiterhin die Lehre, daß Macht 
und nicht Gerechtigkeit eigentliches Wesen und höchster Zweck des Staates 
sei und darum die Erwägungen der äußeren Politik allen anderen Rück- 
sichten voranzugehen haben; schließlich die Auffassung, daß der Staat als 
die letzte und heiligste Organisationsform der Menschen zu gelten habe. 



Besprechungen. 161 



Von diesen Lehren aus ergeben sich für Meyer praktische Folgerungen für 
die Gegenwart und Zukunft: nur vom eigenen Interesse und vom politischen 
Nutzen, nicht von Träumereien und Sentimentalitäten darf sich ein politisch 
gebildetes Volk leiten lassen und darum darf es in einer so schwierigen 
Lage, wie die des deutschen Volkes jetzt ist, nur das eine Ziel im Auge 
haben, zu verhüten, daß eine solche Lage jemals wiederkehren kann! In 
überaus glücklicher Parallele wird in zwei Aufsätzen über die Entstehung 
der italischen Nation und die Entwicklung der römischen Weltherrschaft 
gezeigt, wie Rom in den Tagen des hannibalischen Krieges, der mit dem 
unsrigen so große Ähnlichkeit besitzt, auf den Weg zur Weltpolitik gezwungen 
wurde, wollte es der abermaligen Bildung einer so gefährlichen antirömischen 
Koalition mit Erfolg vorbeugen. Daß aber eine solche Politik durch eine 
Art von immanentem Zwange zu Weltherrschaftsplänen führen müsse, glaubt 
Meyer nicht. Er vertraut auf die zurückhaltende und alle ausschweifende 
Politik von sich weisende Kraft eines gesunden und wohlhabendenBauernstandes 
und auf die Verständigkeit und den richtigen Sinn einer bodenständigen, 
eingewurzelten Monarchie. Daß alle Erscheinungen des gegenwärtigen Lebens, 
die seinen Anschauungen Recht geben, von ihm besonders erwähnt werden, 
ist selbstverständlich ; nicht ohne Absicht betont der Aufsatz über die „Ein- 
wirkung des Weltkrieges auf die Kultur und die Kulturaufgaben der deutschen 
Zukunft" die unleugbare Tatsache, daß der Traum von einer überstaatlichen 
Harmonie und einer universellen Kultur am 1. August 1914 zusammengebrochen 
ist und dadurch die dominierende Stellung des Staates nur um so schärfer 
emporgehoben worden sei. Ob aber diese Rechtfertigung, die seine historisch- 
politische Anschauung durch die Gegenwart erfährt, darum auch von der 
Zukunft gilt und die Völkertrennung bestehen bleiben muß, ist schließlich 
doch zum größten Teil eine Frage des Glaubens und des Willens. 

Franz Schnabel (zurzeit im Felde). 



Eduardo C. Llorens, Der Krieg und das Recht. Aus dem Spanischen 
übersetzt von Ang. Strube. Hamburg 1916. Broschek & Co. 112 S. 
Die in guter Übersetzung veröffentlichte Schrift eines Spaniers, der dem 
deutschen Standpunkt im Krieg gerecht werden will, ist in die Form der 
Entgegnung auf einen ententefreundlichen Aufsatz der in Buenos-Aires er- 
scheinenden Zeitung La Naciön (Beilage Nr. 15 660) gekleidet. Das erste 
Kapitel behandelt die Vorgeschichte und man kann der Darstellung des 
österreichisch-serbischen Streites um so mehr Lob geben, als der Verfasser 
seine völkerrechtliche Bewertung der Ereignisse fast durchweg auf die An- 
sichten der hervorragendsten französischen, italienischen und englischen Inter- 
nationalisten zu stützen vermag. Bei aller Anerkennung der Festigkeit, mit 
der bisher, Vielen überraschend, Frankreich sich in die unbedingte Führer- 
schaft Englands gefugt hat, werden wir doch immer wieder, auch für spätere 
Zeiten, darauf hinweisen können, daß die französisch-italienische Yölkerrechts- 
und Kriegs-Jurisprudenz bis zum Sommer 1914 der anglo-amerikanischen scharf 
entgegengesetzt war; ich habe das in einer Besprechung des Fioreschen 
Hauptwerks im Archiv für öffentliches Recht Bd. 35 S. 218 f. an der 1915 
erschienenen Neuauflage nachgewiesen. Kürzer und weniger glücklich ist 
der Verf. in der Behandlung der Greyschen Aktionen. Daß sein Konferenz- 
vorschlag „nicht ernst gemeint" gewesen sei, halte ich für ganz unrichtig; 
vielmehr hätte Grey eiueÜberstimmungDeutschland-Österreichs mit italienischer 
Hilfe auf diesem Kongreß sicherlich lieber gesehen als den Krieg. Auch über 
die belgische Frage kann natürlich in einer so kurz gefaßten Darstellung 
nichts abschließendes gesagt sein; über den Unterschied der neutralen und 
der neutralisierten Staaten geht der Verf. ablehnend, ohne Begründung, 
hinweg. Daß er für den deutschen Standpunkt des Notrechts Verständnis 
zeigt, ist bei einem Neutralen besonders hervorzuheben (S. 52 f.); gerade 
Zeitschrift für Politik. 10. j 1 



162 Besprechungen. 



wer diese Erklärung des Einmarsches in Belgien festhält, wird aber nicht 
zugleich die Anschauung verfechten wollen, daß der Vertrag, der die belgische 
Neutralität gewährleistete, gar keine Geltung gehabt habe oder von Deutsch- 
land habe einseitig aufgehoben werden können. (Auf S. 57 stehen einige 
höchst bedenkliche Sätze, die wir jedenfalls für die deutsche Völkerrechts- 
wissenschaft ablehnen, z. B. „der Staat, der etwas vereinbart, ohne daß es 
die Folge eines für ihn unglücklichen Krieges "gewesen wäre, tut es selbst- 
redend zu seinem Nutzen und hat zweifelsohne das Recht, sich von dem 
Vertrage loszusagen, sobald dieser ihm zum Schaden gereicht".) Im Schluß- 
kapitel über den Seekrieg ist mit Recht die englische Blockadepolitik zum 
Mittelpunkt der Darstellung gemacht. Ihr und dem Hungerkriegsprinzip des 
englischen Rechts verdankt die Welt fast alle Abweichungen vom bisherigen 
Völkerrecht, die der Krieg gebracht hat. 

AI brecht Mendelssohn Barthold y. 



Leopold von Vietinghoff , gen. Scheel. Die Sicherheiten der deutschen 
Zukunft. Leipzig 1915. Dieterich. 31 S. — Raimund Friedrich 
Kaindl, Deutsche Siedlung im Osten. (34. Heft der von Ernst Jäckh 
herausgegebenen Flugschriften: Der deutsche Krieg.) Stuttgart 1915. 
Deutsche Verlagsanstalt. 40 S. — Dietrich Schäfer, Das deutsche 
Volk und der Osten. Vortrag gehalten in der Gehe-Stiftung zu 
Dresden am 6. Februar 1915. Leipzig 1915. B. G. Teubner. 43 S. 
Die Zukunft des deutschen Volkes zu sichern, muß als das Ziel des 
Krieges ins Auge gefaßt werden. Nicht Feindlosigkeit haben wir zu sichern, 
wohl aber eine Stärke, die uns jeder möglichen Gegnerschaft gewachsen macht. 
Die Sicherheiten für eine rechte deutsche Zukunft, die wir zu erstreben haben, 
bestehen in erster Reihe in alledem, was nötig ist, das deutsche Volk gesund 
und stark zu erhalten und ihm eine gesunde Entwicklung zu verbürgen. Die 
Gesundheit eines Körpers, auch eines Volkskörpers, besteht im Gleichgewicht 
seiner Glieder und Organe. Das Gleichgewicht unsers Volkskörpers ist gestört 
durch die relative Abnahme der landwirtschaftlichen Bevölkerung, durch die 
Zusammendrängung der überwiegenden Masse in Städten und Industriebezirken. 
Ursache dieser Gleichgewichtsstörung ist, daß unser Land dem wachsenden 
Volkskörper zu eng geworden ist, und die Einschnürung seine Entwicklung 
hemmt. Darum ist Landzuwachs nötig und Kolonisation des neuerworbenen 
Landes. Auf die Einrede, daß wir ja nicht einmal für innere Kolonisation 
genug Bauern haben, weil Landflucht die bäuerliche Bevölkerung vermindert, 
ist zu erwidern, daß eben die Landknappheit, die Einengung, die Ursache 
des verkehrten Blutumlaufs ist. Diese Thesen Vietingshoffs, die immer noch 
von einflußreichen Kreisen bestritten werden, habe ich selbst in meinem 
Kriegsbüchlein „Der Weltkrieg und die Zukunft des deutschen Volkes" (Berlin 
1915. Emil Felber.) ausführlicher als er begründet. Seinen andern beiden 
Thesen vermag ich mich nicht anzuschließen. Die eine betrifft die Schwierig- 
keiten, welche nach Angliederung eroberter Territorien deren Bevölkerung 
verursacht. Vietinghoff führt aus: der Versuch der Entnationalisierung sei 
aussichtslos, und die Option habe sich in der bisherigen Form nicht bewährt; 
sie sei zum Nationalitätenaustausch fortzubilden. Die jetzt kriegführenden 
Mächte sollten „beim Friedensschluß darauf Bedacht nehmen, die erforder- 
lichen vertraglichen Grundlagen zu schaffen, welche eine Übersiedelung 
staatsfremder Staatsangehöriger in das Gebiet des Volkes, zu dem sie gehören, 
nicht nur erleichtern, sondern planmäßig mit allen Mitteln fördern", dl) sich 
das so leicht machen würde, wie Vietinghoff glaubt, mag dahingestellt bleiben; 
indes ich meine, Gebiete mit einer fremdsprachigen Bevölkerung alter und 
hoher Kultur solle man, abgesehen von kleinen militärischen Grenzregulierungen, 
überhaupt nicht annektieren; Volksmassen von niederer Kultur dagegen hat 
jedes hochkultivierte Volk nötig zur Verrichtung niederer Dienste (man braucht 



B esprechungen . 163 



darin nicht so weit zu gehn wie die Engländer, die Millionen anderer Nationalität 
zu eigener Bereicherung im Frieden und im Kriege verbrauchen); überdies 
würden sich die im Osten Annektierten nach Väterchens Begiment, dessen 
eigentlichem Volke sie ja gar nicht angehören, kaum zurücksehnen. So- 
dann meint der Verf.: die Grenzen müssen wenigstens an einer Flanke so 
gestaltet werden, daß wir sämtliche von dieser Seite her möglichen Gegner 
militärisch in der Hand haben; wegen der ungeheuren Größe Bußlands aber 
könne die östliche diese Flanke nicht sein. Daß die westliche leichter zu 
sichern ist, mag richtig sein; aber sollte es mit Hilfe der zu befreienden 
Fremdvölker nicht auch im Osten möglich werden? Mit dem Eingehen auf 
dieses Thema würden wir in die vorläufig noch verbotene Erörterung der 
speziellen Kriegsziele geraten. An der Weisheit dieses Verbots scheint Vieting- 
hoff zu zweifeln, und ich stimme ihm bei, wenn er in der Einleitung sagt: 
„Das deutsche Volk wird — des bin ich gewiß — den letzten Blutstropfen 
hingeben, um den Kindern und Kindeskindern alle Sicherungsnotwendigkeiten 
für eine rechte deutsche Zukunft zu erstreiten, aber das deutsche Volk wird 
sich dazu doch nur fähig und bereit erzeigen, wenn ihm Name und Art der 
Sicherheiten genannt werden. Sonst ficht es über die reine Abwehr der 
Feinde, die ja schon gelungen ist, hinaus ins Leere, und wer wollte behaupten, 
daß bei einem Kampf ins Leere je höchste Opferbereitschaft zu finden war?" 
Kaindl erzählt kurz die Geschichte der deutschen Ansiedlungen im Osten, 
besonders in den Karpathenländern. erinnert daran, wie sie vom alten Reiche 
im Stich gelassen worden sind, wie der Gang der neueren Entwicklung den 
Expansionsdrang westwärts über die See gelenkt, und wie der Krieg dann 
die Blicke wieder nach Osten gerichtet hat. Er huldigt dem großdeutschen 
Ideal, weist aber die falsche Fassung zurück, die ihm die österreichischen 
Alldeutschen gegeben haben: die habsburgische Monarchie müsse im Interesse 
des Deutschtums erhalten bleiben. Er bekämpft den Bat, die Deutschen der 
bedrohten Vorposten ins Vaterland zurückzurufen ; diese müßten als Verbreiter 
deutscher Kultur ausharren; die Heimat habe sie, habe besonders ihre Schulen 
und ihre Presse zu unterstützen. „Von welchem Werte die deutsche Presse 
z. B. in Bumänien wäre, um gegenüber den von Rußland erkauften Blättern 
aufklärend zu wirken, liegt auf der Hand. Das „Deutsche Bukarester Tag- 
blatt" wird selbst von Rumänen gern gelesen, weil sie daraus die Wahrheit 
über die Lage erfahren." — Auch Schäfer erzählt die Geschichte des Deutsch- 
tums im Osten, behandelt besonders ausführlich Polen und kommt zu dem 
Ergebnis: „Sicherung unsers Staatsgebietes, Baum für unsre den Boden an- 
bauende Bevölkerung sind zwei (Grundbedingungen für den Bestand unsers 
Beiehes und Volkes, die vornehmsten. Die wichtigste Voraussetzung für ihre 
Erfüllung ist Festigung unsrer Stellung im Osten . . . Soll der Dreizack in 
unsre Faust kommen, so müssen wdr unsrer Stellung auf dem Festlande sicher 
sein; das ist aber nur möglich, wenn wir nach Osten hin gedeckt sind." 

Carl Jent seh. 

Ernst Molden, Zur Geschichte des österreichisch -russischen Gegensatzes. 

Die Politik der europäischen Großmächte und die Aachener Konferenzen. 

Wien 1916. L. W. Seidel & Sohn. 184 S. 

Der Verfasser dieses Buches, ein junger Wiener Historiker, hat vor 

einigen Jahren eine sehr interessante, auf Quellenstudien beruhende Arbeit 

über die Orientpolitik des Fürsten Metternich zwischen 1829 und 1833 er- 

! scheinen lassen. Durch den Vertrag von Münchengrätz über die orientalischen 

i Angelegenheiten hatte Österreich einen Sieg über Bußland davongetragen. 

j Das Zarenreich war ausgezogen, um die südosteuropäische Frage ohne, ja 

gegen die Habsburger Monarchie zu lösen, und es mußte sich im Jahre 1833 

j bequemen, den Wünschen Wiens Bechnung zu tragen. Allerdings vermied 

' es Metternich, eine aktive Orientpolitik zu treiben, und er faßte seine Ansicht 

einmal in dem Satze zusammen: Das Hinweisen Österreichs nach dem Orient 

11* 



164 Besprechungen. 



sei ein Mittel, das mit dem Wegweisen Österreichs aus dem Okzident zu- 
sammenlaufe. Der Staatskanzler, den Mulden bewundert, hat mit dieser Auf- 
fassung gewiß keinen Seherblick verraten. 

In seinem neuen, sehr gründlichen Buche entwirft der junge Wiener 
Historiker ein lebhaftes Bild der diplomatischen Verhältnisse, die sich nach 
den napoleonischen Kriegen ergeben haben, um schließlich die Verhandinngen 
auf dem Aachener Kongreß — man sollte eigentlich von Konferenzen 
reden — einer sorgfältigen Untersuchung zu unterziehen. Auch diesmal hat 
Ernst Molden in den Archivbeständen Umschau gehalten ; in ganz außer- 
ordentlichem Maße ist ihm aber seine Kenntnis der einschlägigen Literatur 
zustatten gekommen. Die gründliche, gegenwartsentrückte Studie entpupp! 
sich als eine höchst aktuelle Arbeit, denn sie zeigt, daß es nichts Neues unter 
der Sonne gibt. Sehen wir doch einen russischen Imperialismus am Werke, 
der allerdings in den beiden Ausländern im Dienste des Zaren, in Capodistria 
und Pozzo, seine Hauptvertreter fand. Der Gegensatz zu Österreich wird 
zum Mittelpunkte der politischen Bestrebungen, während ein Bündnis mit 
Frankreich, wo als Nachfolger Talleyrands der Herzog von Bichelieu — dank 
dem russischen Einflüsse — die diplomatischen Geschäfte leitet, in den Vorder- 
grund der Erwägungen tritt. Überall arbeiten russische Agenten gegen die 
Habsburger Monarchie, und die in den letzten Jahren sattsam bekannt- 
gewordenen Mittel der Aufhetzung und Verführung werden bereits zur An- 
wendung gebracht. Das Zarenreich empfindet eine besondere Sehnsucht nach 
der Unabhängigkeit der Italiener, um Österreich in Lombardo-Venetien Un- 
annehmlichkeiten zu bereiten; es bevormundet den spanischen Hof, strebt 
nach einer Position im Mittelmeer, intrigiert in Montenegro und auf Korfu, 
scheut nicht davor zurück, selbst in Dalmatien Zwietracht zu säen und förderj 
den Ehrgeiz des Paschas von Ägypten, um den orientalischen Plänen des 
russischen Imperialismus Vorschub zu leisten. 

Aber neben dieser starken gegen Österreich gerichteten Strömung gibt 
es allerdings auch eine andere Richtung, die mit der Habsburger Monarchie 
Frieden halten will. Sie erweist sich schließlich als stärker, weil Zar Alexander, 
durch verschiedene Eindrücke beeinflußt, ihr seine Unterstützung leiht. Es 
war für Metternich eine freudige Wahrnehmung, als er diese Tatsache fest- 
stellen konnte. Sie hat den Aachener Konferenzen auch ihr Gepräge 
Andererseits ist es sehr anregend, aus dem Buche Moldens zu erfah 
sich in der Zeit vor 1818 Österreich und Preußen auf das engste zusam 
schlössen, wie eine mitteleuropäische Gemeinschaft entstand, und zwar aus 
dem Bedürfnis heraus, gegen die Verbindungsbestrebungen in Paris und I 
St. Petersburg ein Gegengewicht zu schaffen. 

So wird die objektive Geschichtserzählung zur eindrucksvollen Lehr- 
meisterin. Das Verständnis für die Gegenwart gewinnt an Tiefe, denn man 
sieht Zusammenhänge und Gesetzmäßigkeiten. War es doch schon für den 
geistreichen Gentz klar, daß Bußland und Frankreich natürliche Bundes- 
genossen seien. Aber freilich, zur Zeit des Aachener Kongresses stand Eng- 
land diplomatisch auf Seiten Mitteleuropas, und hierin hat sich allerdings ein 
gewaltiger Wandel vollzogen. Im Jahre 1818 fanden sich die fünf Groß- 
mächte zusammen, und die Lebensdauer dieser Allianz wurde auf zehn bis 
zwanzig Jahre eingeschätzt. Man irrte sich in dieser Annahme. Aber zunächst 
bewährte sich das „europäische Konzert" — Metternich gebrauchte die Wendung 
„diplomatisches Konzert" — und Österreich hatte den Ruhm einer führenden 
Macht. Richard Ch arm atz. 



iche fest- 
gegeben, j 
aren, wie 
lsammen- i 



Justus Hashagen, England und Japan seit Schimonoseki. Essen 1915. 
G. D. Baedeker. 115 S. 
Eine angemein fleißige und weiten politischen Horizont verratende 
Arbeit. Hashagen zieht so ziemlich alle weltpolitischen Veröffentlichungen 



Besprechungen. 16& 



an, die mit der vorliegenden Frage in Beziehung zu setzen sind. Treffsicher 
versteht er es, bei Behandlung der englischen Politik deren europäische und 
weltpolitische Motive auseinander zu halten. 

Die englische Politik selbst bietet das alte Bild. Stets zeigt sie sich 
bedacht, das „europäische Gleichgewicht" zu erhalten, d. h. die gegenseitige 
Eifersucht der Mächte zu schüren. Immer ist sie am Werke, den jeweils 
stärksten Gegner politisch einzukreisen. Mit Vorliebe wandelt sie maskiert 
auf krummen Wegen und immer behält sie die englische Presse als dienst- 
williges Werkzeug in der Hand. Eine merkwürdige Erscheinung diese wohl- 
disziplinierte Presse im Staate des Individualismus und Antimilitarismus. 
Ebenso merkwürdig wie die gänzlich undisziplinierte Presse in Deutschland, 
dem Staate der Einordnung in die Staatsidee und der straffsten militärischen 
Organisation. 

Auch den alten Erbfehler verleugnet die englische Politik in ihren Be- 
ziehungen mit Japan nicht. Den Fehler, aus Dünkel und Gleichgültigkeit 
fremdem Wesen gegenüber, die Kräfte der Partner und Gegner falsch einzu- 
schätzen. Er wird England hoffentlich in diesem Kriege noch zum Unheil 
gereichen. Im Fall Japan, wo England erst auf die falsche, die chinesische, 
Karte setzte, gelang es ihm ziemlich leicht, umzuschwenken. 

Sehr eingehend weist Hashagen die Lockerung des englisch-japanischen 
Bündnisses seit dem Frieden von Porthmouth nach, als England aus europäi- 
schen Gründen eine zu große Demütigung Kußlands verhinderte und sich 
ihm wieder näherte. Er ist gleich anderen der Meinung, daß Japan Hin- 
durch ein englisches Geldgeschenk — die Angaben schwanken zwischen 
100 und 200 Millionen Jen — zum Vorgehen gegen Deutschland bestimmt 
werden konnte. Er sagt dem englisch-japanischen Bündnis ein katastrophales 
Ende voraus. Augenscheinlich in der geheimen Hoffnung, daß in dem „welt- 
geschichtlichen" Kampf zwischen angelsächsischem und japanischem Imperalis- 
mus dieser den Sieg davon tragen möge. Deutschland könne diesem Kampfe 
mit Ruhe entgegensehen, worunter offenbar zusehen verstanden werden soll. 

Tatsächlich haben die Japaner inzwischen — vielleicht wieder durch 
ein Geldgeschenk bewogen — ihre Versicherung, nur gemeinsam mit den 
Mächten des Vierverbandes Frieden zu schließen, wiederholt. Andererseits 
haben sie sich jeder feindlichen Handlung gegen Deutschland enthalten. 
Keinen Zweifel ließen sie aber stets darüber, daß sie nicht gewillt sind, 
irgendeinen Konkurrenten in ihrem Machtgebiet zu dulden. Was endlich 
ihre Politik anbetrifft, so hat sie an Rücksichtslosigkeit, Verschlagenheit und 
imperialistischer Tendenz der englischen niemals nachgestanden. 

Der weltgeschichtliche Kampf zwischen England und Japan wird also 
dem Austreiben des Teufels durch Beelzebub gleichen, welch letzterer sich 
sodann zum ausschließlichen Herrn der Lage zu machen gedenkt. Ihm wird 
Deutschland nie und nimmer ruhig zusehen dürfen, will es nicht endgültig 
aus der ostasiatischen Politik ausscheiden. Je weniger Deutschland nach dem 
Kriege an Landerwerb im fernen Osten denken darf, den es nicht zu schützen 
vermag, um so mehr wird es in jenen Gebieten der politischen Anlehnung 
bedürfen. Andernfalls könnte es gleich auch wirtschaftlich abdanken. Ähn- 
lich steht es mit den anderen Mächten. Somit wird die Zukunft wohl in 
Ostasien eine politische Neugnrppierung sehen, die möglicherweise ein über- 
raschendes Bild ergibt. 

Hashagens Arbeit liest sich nicht immer leicht, ist aber dafür um so 
reicher an positivem Tatsachenmaterial. Dankenswert sind die Beilagen, 
unter denen sich auch die drei englisch-japanischen Bündnisverträge von 1902, 
1905 und 1911 befinden. Paul Leutwein. 



166 Besprechungen. 



Schwedische Stimmen zum Weltkrieg. Übersetzt und mit einem 
Vorwort versehen von Friedrich Stieve. Leipzig -Berlin 1916. 
B. G. Teubner. V. und 203 S. 1 ) 

Es ist nicht leicht, über dieses Buch in wenigen Worten zu berichten ; 
es ist eine Tendenzschrift, und will es in ganz bewußter Weise sein, freilich 
eine Tendenzschrift im besten Sinne des Wortes, welche nicht einseitig ver- 
hetze», sondern welche von großen allgemeinen Gesichtspunkten aus aufklären, 
bildend und belehrend, ja erziehend wirken will 2 ). 

Über die Entstehung der Schrift unterrichtet das Vorwort des Über- 
setzers in kurzen Worten: ihr Zweck war oder ist, die politische Erstarrung 
in der Frage von Neutralität oder aktiver Politik Schwedens, welche nach 
den ersten Monaten des Völkerringens das schwedische Parteileben ergriffen 
hatte, und die das schwedische Volk in seiner Gesamtheit über den inneren 
Gegensätzen die gewaltigen Aufgaben von Gegenwart und Zukunft fast ver- 
gessen ließ, zu bannen ; es galt, einer entschlossenen zielbewußten Politik 
zugunsten der Zentralmächte den Weg zu weisen. Des großen Schweden- 
königs Gustav Adolf stolzes, kühnes Wort, das er nach der Landung in 
Deutschland dem Gesandten seines ängstlichen hohenzollernschen Schwagers 
zurief: „Was ist das für ein Ding Neutralität? ich verstehe es nicht. Freund 
oder Feind — tertium non dabitur" scheint gewissermaßen als Motto über 
dem gesamten Inhalt dieses Buches zu schweben. Die Verfasser haben es 
vorgezogen, unter dem Deckmantel der Anonymität zu schreiben, „um ihre 
Meinungen für sich sprechen zu lassen — ohne persönliche Kursnotierung, 
die in unserem von Parteien zersplitterten Land jedes objektive Urteil 
erschwert"; wer jedoch die schwedische Publizistik während des Weltkrieges 
verfolgt hat, wird unschwer die Namen der einzelnen Verfasser mit ziemlicher 
Sicherheit feststellen können. 

Freilich bis zu einem gewissen Grade gehört das Werk, einen so 
bleibenden Wert es in publizistischer und kulturhistorischer Hinsicht hat und 
behalten wird, einer durch die furchtbaren Erfahrungen des Weltkrieges 
bereits teilweise vergangenen und überwundenen Periode an: es ist noch 
erfüllt von der zu Beginn des großen Kampfes vorherrschenden naiv senti- 
mentalen Anschauung, als ob die Stammesverwandtschaft der germanischen 
Völker politische Gegensätze zu überbrücken, aus der Welt zu schaffen ver- 
möchte, während doch die herbe Gegenwart, uns Deutsche leider zu spät, dar- 
über belehrt hat, daß lediglich rücksichtsloseste Wahrung des politischen Inter- 
esses ohne irgendwelche gefühlsseligen Anwandlungen zum Ziele führen wird. 

In fünf Kapitel ist der Stoff gegliedert oder richtiger in vier, denn das 
letzte lediglich politisch orientierte Schlußkapitel zieht nur das Fazit aus den 
voraufgegangenen historischen und kulturpolitischen Erörterungen und Aus- 
führungen. Das Ergebnis ist. wenn man von Einzelheiten aus dem reichen 
Inhalt, des ganzen Werkes absieht, daß für Schweden eine Politik der Neu- 
tralität die gefährlichste und verhängnisvollste werden kann, daß jedoch, 
falls eine Wahl getroffen werden muß, nur das Deutsche Reich als Bundes- 
genosse ernstlich in Frage kommt. 



') Niedergeschrieben am 11. August 1916. 

2 ) Kurz hingewiesen sei auf die kleine Schrift von Dr. Adrian Molin: 
„Schweden und der Weltkrieg" [,.Der deutsche Krieg." Politische Flug- 
schriften, herausgeg. von Ernst Jäckh. Heft 77. Stuttgart-Berlin (Deutsche 
Verlagsanstalt) 1916. 32 S.]. welche ähnliche Gedanken wie ,,Die schwedischen 
Stimmen" erörtert, freilich die Bedenken gegen Schwedens Eintritt in den* 
Weltkrieg schärfer hervorhebt: .,Eine der Hauptbedingungen einer schwe- 
dischen Aktion muß also stets die sein: Volle Einsicht über die Absichten 
Deutschlands dem östlichen Feinde gegenüber und die größtmöglichen poli- 
tischen realen Garantien, daß sie ausgeführt werden" (S. 32). 



Besprechungen. 167 



Wer auch heute noch über die treibenden und hemmenden Kräfte im 
schwedischen Parteileben und bei der schwedischen Regierung sich unter- 
richten will, der braucht nur dieses kurze Kapitel durchzulesen. In treffenden 
Worten, die in ihrer epigrammatischen Kürze oft über ihren eigentlichen Zweck 
hinaus dauernde Bedeutung erlangen, wird das Verfehlte der schwedischen 
Neutralitätspolitik wie jeder Neutralitätspolitik überhaupt von Seiten der 
kleineren Mächte in einem Völkerringen wie dem gegenwärtigen gegeißelt 
(S. 196): „Nur die Neutralitätspolitik ist stark, die ihre Grenzen kennt und 
genau weiß, daß die Neutralität ihre Aufgabe erfüllt, solange sie zum Besten 
der Reichsinteressen dient, aber auch keinen Tag länger. Schwach und ver- 
derblich ist eine Neutralität quand meme, die im Grunde nichts anderes 
will, als dem Kriege ausweichen, mag es dabei auch mit dem Reich gehen, 
w T ie es will." S. i97: .,Eine wirkliche Neutralität kann es für Chile oder 
Peru geben, für die keine tieferen Interessen auf dem Spiele stehen, nicht 
aber für Schweden, für das der Ausgang des Kräftezusammenpralls Leben 
oder Tod bedeuten kann." S. 201 : , .Letzten Grundes handelt es sich nicht 
einmal um den politischen und materiellen Gewinn — es gilt für ein Volk 
wüe für den einzelnen, seine Pflicht zu tun und die Folgen auf sich zu nehmen. 
Dies ist das einzige Mittel, um sich die Achtung vor sich selbst und das 
Recht zum Leben zu bewahren, zu einem Leben, das etwas anderes bedeutet 
als nur das Vegetieren des Körpers. Wir müssen unser Schicksal selbst 
lenken. Unsere Passivität ruft der Welt zu: Hier ist ein Volk, das nichts 
will und sein Geschick aus den Händen anderer entgegennimmt" und dann 
zum Schluß in weiterer Ausspinnung dieses Gedankens das schöne und stolze 
Bekenntnis (S. 203), das man allen Kleinmütigen und Friedensseligen auch 
bei uns zurufen möchte: „das einzig Notwendige ist, daß Schweden lebt, nicht 
daß wir leben." Das sind Worte, welche nicht allein für Schweden, sondern 
für alle kleinen neutralen Staaten Geltung haben, und wenn bisher in besonders 
krasser Weise nur Griechenland die schlimmen Folgeerscheinungen einer 
solchen unentschlossenen Politik am eigenen Leibe erfahren hat, so ist sicher 
keiner dieser Staaten vor gleichem Schicksal sicher: es wäre das erstemal, 
daß im Kampf der Großen nicht die haltlosen und schwächlichen Kleinen 
die Zeche hätten zahlen müssen. Adolf Hasenclever. 



Eduard Meyer, Nordamerika und Deutschland. Berlin 1915. Curtius. 116 S. 
In dieser kleinen Schrift sucht der berühmte Altertumsforscher die 
tieferen Ursachen der für viele von uns unerklärlichen deutschfeindlichen 
Strömung, die in der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung der Vereinigten 
Staaten von Amerika vorherrscht, zu ergründen. Die Entstehungsgeschichte 
des Krieges, die Verletzung der belgischen Neutralität, manche Entstellungen 
und Übertreibungen der englischen Presse mögen dazu beigetragen haben, 
die uns feindliche Richtung zu verstärken, aber es ist sicher — und hierin 
ist Meyer in vollem Umfang beizustimmen — daß der Boden bereits vor 
dem Ausbruch des Weltkrieges wohlvorbereitet war, daß seit langer Zeit eine 
Abneigung gegen Deutschland bestanden hat. Ob dabei die Eifersucht und 
der Neid auf unsere wirtschaftliche Entwicklung wirklich eine starke Rolle 
gespielt hat, ist mir zweifelhaft; wohl aber empfindet der Amerikaner, wie 
Meyer richtig ausführt, unsere staatlichen Institutionen als etwas Fremdartiges, 
ja sogar als etwas Feindseliges. Man muß dabei bedenken, daß ihm diese 
gewöhnlich nur im Zerrbild dargestellt werden. Es wäre ein schwieriges, 
aber interessantes Problem, einmal festzustellen, inwieweit die Auswanderer 
aus Deutschland, insbesondere die 48er, das Urteil der Amerikaner über unsere 
staatlichen Zustände in einem uns nachteiligen Sinne beeinflußt haben. Es 
handelt sich jedenfalls um alte weitverbreitete Vorurteile und Stimmungen, 
die in geschickter Weise von der von unseren Feinden beeinflußten Presse 
und Agitation benutzt worden sind. Es ist deshalb auch so schwer dagegen 



1 68 Besprechungen. 



anzukämpfen; ob und wie es möglich ist, darüber wird nach dem Kriege 
zu reden Bein. 

Dom Aufsatz von Meyer sind als Anhang einige Abhandlungen beige- 
geben: ein Artikel von dem amerikanischen Professor Hall über die englische 
Presse, ein Aufsatz des englischen Professors Conybeare gegen die Politik 
von Sir Edward Grey heim Ausbruch des Krieges, und schließlich eine 
Abhandlung, die den irisch- nationalen Standpunkt gegen England zur 
Geltung bringt. P a u i tj a r m s t g (1 1 e r# 

Julius Goebel, .Tr.. The Recognition Policy of the United States. (Studies 
in History, Econoinies and PnbUc Law. Columbia University, Vol.LXYI. 
N. 1). New York 1915. Longmans Green & Co. 228 S. 
Die Schrift verdient in Deutschland gerade jetzt beachtet zu werden, 
eben weil sie in ihren juristischen und politischen Gedankengängen durchaus 
amerikanisch ist. Daß die Anerkennung neuer Staatenbildungen nach dem 
Krieg für das Verhältnis der Vereinigten Staaten zu Europa von großer Be- 
deutung und von sehr unheilvoller Bedeutung für England und Rußland 
werden kann, leuchtet ein: England insbesondere wird, gleichviel ob es sein 
Einvernehmen mit den Vereinigten Staaten bis zum Schluß des Kri 
aufrecht halten kann oder nicht, für die kommenden Jahre mit einem 
wachsenden Selbständigkeilstrieb sowohl Irlands als der Kolonien zu rechnen 
haben, die sich vom Mutterland nicht nur aus echtem Separatismus, sondern 
auch aus gekränktem, von der englischen Regierung nicht genügend gewürdigtem 
Jingoimperialismus abwenden könnten. Immer wird dabei die Anerkennung 
seitens der Vereinigten Staaten eine sein - bedeutende Rolle spielen. 

Kann uns die geschichtliche Einleitung des Buches nichts Neues bringen, 
so sind die folgenden Kapitel über die Anerkennungspolitik in der franzö- 
sischen Revolution, gegenüber den spanischen Staaten in Mittel- und Süd- 
amerika, gegenüber Texas — hier sind auch für den gegenwärtigen Konflikt 
zwischen der Union und Mexiko wichtige Aufschlüsse zu finden — und 
schließlich das Hauptstück des ganzen Buches, die Darstellung der Aner- 
kennungskonflikte zwischen der Unionsregierung und England im Bürgerkrieg 
reich an Einzelheiten, die teils der europäischen Literatur unbekannt waren, 
teils durch den Zusammenhang der Darstellung und die vorsichtige, sichere 
Bewertung erst in ihrer Bedeutung erkannt werden können. Freilich ist 
auch hier die schließliehe Lehre die, daß bei allem, im ganzen genommen 
aufrichtigen und gelegentlich stark idealistischen Doktrinarismus der Unions- 
politik doch ihre Grundsätze auch in der Anerkennungsfrage sich nach ihren 
jeweiligen Bedürfnissen wandeln. Was ihnen gegenüber andere Mächte, deren 
Provinzen im Abfall oder Aufruhr stehen (man denke an den von Goebel 
mit Recht scharf mißbilligten Fall der Mission Mann nach Ungarn) recht 
erschienen war, das wird unbillig, wenn England es im Fall der Südstaaten- 
erhebung gegenüber der Union selbst verwendet, und die de facto-Theorie 
erfährt eine grundsätzlich sehr bedenkliche Korrektur durch das Voranstellen 
des Nichtinterventionsprinzips: ist eine neue Staatengründung, wie das mexi- 
kanische Kaiserreich, mit Hilfe der fremden Intervention zustande gekommen, 
so begründet man die politisch erwünschte Nichtanerkennung des faktisch 
sicherten neuen Wesens einfach damit, daß man sagt, die Verletzung des 
Nichtinterventionsprinzips sei für die Neugründung kausal und das mache 
diese Gründung seihst nichtig. (S. 194 f.: ebenso bedenklich die auch von 
Goebel getadelte Politik gegenüber Panama 1904, S. 217.) 

Auch für das Verfassungsrecht der Union, insbesondere für die Be- 
stimmung des Trägers ihrer auswärtigen Politik, gibt das Buch sehr wert 
volle Beiträge. Albrecht Mendelssohn Bartholdv. 



Abhandlungen 



in. 
Die Ostgrenze Ägyptens und der Suezkanal 

Von Georg Steindorff 

Nachdem am 4. August 1914 Englands Kriegserklärung an 
Deutschland erfolgt war, veröffentlichte bereits am 6. August 
das offizielle ägyptische Amtsblatt einen Tags zuvor vom ägypti- 
schen Ministerrate gefaßten Beschluß, daß die ägyptische Re- 
gierung die aus dem Kriegszustand zwischen England und 
Deutschland sich ergebenden Maßnahmen zur Verteidigung 
Ägyptens ergreifen werde. Als Begründung für diese einer 
tatsächlichen Kriegserklärung Ägyptens an Deutschland gleich- 
zustellenden Maßnahmen wurde angeführt, daß das von briti- 
schen Truppen besetzte Nilland dem Angriff der Feinde Englands 
ausgesetzt sein könne. Das war natürlich nur ein nichtiger 
Vorwand. Ein kriegerisches Vorgehen Deutschlands gegen 
Ägypten hat wohl weder die englische noch die ägyptische 
Regierung befürchtet ; man wollte lediglich eine Handhabe 
erlangen, um den rücksichtslosen Vernichtungskampf gegen den 
in Ägypten besonders kräftig blühenden deutschen Handel 
eröffnen zu können, und dieser Wirtschaftskrieg wurde auch 
sofort aufs energischste unternommen. Zahlungsverbote an 
deutsche Firmen, Anleiheverbote, das Verbot des Schiffsverkehrs 
mit deutschen Häfen, das Verbot des Exports von Kriegsmaterial 
und Kohlen sowie anderer Waren nach Deutschland und Einfuhr- 
verbote für deutsche Waren nach Ägypten wurden erlassen. 

Als sich dann aber im Oktober des ersten Kriegsjahres 
auch die Türkei gegen die englischen Übergriffe zur Wehr setzte 
und am 12. November 1914 den damaligen Dreiverbandsmächten 
offiziell den Krieg erklärte, wurde auch Ägypten den Schau- 

Za 11 



170 Steindorff, Die Ostgrenze Ägyptens und der Suezkanal. 

platzen des großen Völkerringens zugesellt. Unsere Augen 
richteten sich nach dem alten Pharaonenlande, nach der Stelle, 
wo - - um das oft zitierte Wort Bismarcks zu wiederholen — 
das Genick des gewaltigen englischen Kolosses ruht. Man 
glaubte, daß am Suezkanal oder gar am Nil bald eine der 
großen Entscheidungen, vielleicht sogar die Entscheidung des 
Weltkrieges fallen müsse, und Optimisten wähnten, daß schon 
nach wenigen Monaten die türkischen Heere von Syrien aus 
unter der Fahne des Propheten über den Kanal marschieren, 
von der ägyptischen muhammedanischen Bevölkerung mit Jubel 
empfangen, in Kairo einziehen und die verhaßten Engländer 
aus dem Lande vertreiben würden. 

Freilich Kenner von Land und Leuten schüttelten über so 
enthusiastische Erwartungen den Kopf. Sie wußten — und 
ein Blick auf die Karte zeigte es jedem einwandsfrei — , daß 
die Wege von der Türkei nach Ägypten, genauer gesagt von 
Palästina zum Suezkanal, durch weite wasserlose Wüsten führten, 
daß keine Straßen, geschweige denn Eisenbahnen vorhanden 
waren, um einem großen modernen Heere den nötigen Nach- 
schub an Truppen, Munition und Lebensmitteln zuzuführen, 
daß dagegen die Verteidiger Ägyptens das reiche Nilland mit 
seinen bequemen Schienenwegen und wohlausgebauten Wasser- 
straßen im Rücken hatten. 

Zunächst freilich hatte es den Anschein, als werde Ägypten 
wirklich ein Hauptkriegsschauplatz werden, und die Ereignisse — 
von der Presse durch kühne Überschriften aufgebauscht — 
schienen den Erwartungen der Optimisten Nahrung zu geben. 
Schon in den ersten Novembertagen beschossen englische Kreuzer 
das im Osten der Sinaihalbinsel am gleichnamigen Golf gelegene 
Akaba und versuchten vergeblich, dort Truppen zu landen. 

Zu gleicher Zeit gingen türkische Truppen, besonders be- 
rittene Beduinen, über die ägyptische Ostgrenze vor und eroberten 
mehrere bis dahin von schwachen Garnisonen besetzte Punkte: 
das an der von Akaba nach Suez durch die Sinaihalbinsel 
führenden Karawanenstraße gelegene en-Nachl, einen auch mili- 
tärisch sehr wichtigen Ort, und die auf dem Wege von Gaza 
nach Ägypten gelegene kleine Grenzfestung el-Arisch. 

Bald darauf begannen auch Kämpfe in dem Wüstengelände 
östlich vom Kanal und am Kanal selbst bei Kantara. Diesen 
ersten Aufklärungsversuchen folgte im Februar und März 1915 
ein größerer Angriff, den die Vorhut der gegen Ägypten ope- 
rierenden türkischen Armee durch die Wüste nach dem Suez- 



Steindorff, Die Ostgrenze Ägyptens und der Suezkanal. 171 

kanal unternahm. Sein Ziel richtete sich namentlich gegen den 
südlichen Teil des Kanals, auf Posten südlich des Timsach-Sees 
und auf die Stationen zwischen den Bitterseen und dem Golf 
von Suez (Schalüf und Madama). 

Freilich irgendwelchen dauernden militärischen Erfolg haben 
diese Kämpfe nicht gehabt. Und doch besitzen sie ihre große 
Bedeutung. Sie haben gezeigt, daß — wie es Enver Pascha 
in der Kriegssitzung des türkischen Parlaments im Oktober 1915 
ausgedrückt hat — ein türkischer Angriff gegen den Suezkanal 
und Ägypten nicht nur möglich ist, sondern daß er — von 
geeigneten Kräften ausgeführt — auch unbedingt von Erfolg 
begleitet sein wird. 

Dazu war allerdings noch eine Vorbedingung zu erfüllen: 
die Zugangswege nach Ägypten mußten verbessert, eine Ver- 
bindung der ägyptischen Ostgrenze mit den Bahnen Palästinas 
hergestellt werden. Was Palästina zu Beginn des Weltkrieges 
an Bahnen besaß, war recht wenig. In Betracht kam eigent- 
lich nur die große Hedschäzbahn, die Eisenbahn, die am Rande 
der syrischen Wüste entlang von Damaskus nach dem Hedschäz, 
dem peträischen Arabien, mit dem Endziel Mekka führte. Im 
Jahre 1901 auf Befehl des Suitaus Abdul Hamid begonnen, 
war sie vor allem dazu bestimmt, die jährliche Pilgerfahrt der 
Muhammedaner nach dem heiligen Mekka zu erleichtern. Bei 
Ausbruch des Krieges war sie unter der Leitung des deutschen 
Oberingenieurs Meissner Pascha von türkischen Soldaten in 
einer Länge von 1303 km bis nach Medina vollendet. 

Von dieser Hauptlinie zweigte bei der Station Derat eine 
Querbahn in westlicher Richtung nach der Mittelmeerküste zum 
Hafenplatze Haifa ab, während eine zweite palästinensische 
Querbahn den Küstenort Jaffa mit Jerusalem verband. Es galt 
nun vor allen Dingen mit möglichster Beschleunigung diese 
Bahnen miteinander in Verbindung zu setzen, d. h. einen 
Schienenweg zur südlichen Linie Jaffa — Jerusalem zu schaffen. 
So wurde eine neue, zunächst nur militärischen Zwecken die- 
nende Linie gebaut, die bei er-Ramle, dem alten Lydda, ab- 
zweigend nach Süden lief. Sie führt durch die Wüste Juda, 
ein wasserloses Steppenplateau, nach Bir es-seba, dem alten, in 
der Bibel mehrfach genannten Beerseba. Dieser Platz war erst 
wenige Jahre vor dem Kriege wieder besiedelt worden und 
zählte nicht mehr als 800 Einwohner, die mit den zahlreich 
hier verkehrenden Beduinen ihren wohl nicht allzu einträglichen 
Handel trieben. Jetzt ist der kleine Marktflecken zur Haupt- 



172 Steindorff, Die Ostgrenze Ägyptens und der Suezkanal. 

stadt des Schol, der Steppe, geworden, zum Mittelpunkt der 
militärischen Unternehmungen gegen Ägypten. In erstaunlich 
kurzer Zeit entstanden hier wirtschaftliche und kulturelle An- 
lagen verschiedenster Art: ausgezeichnet geleitete Krankenhäuser, 
Werkstätten für Eisen- und Holzarbeiten, * Bäder, die zugleich 
Erziehungs- und Hygieneanstalten für die Bevölkerung sind, 
eine Eisfabrik, eine Druckerei, in der sogar eine Zeitung gedruckt 
wird, sowie eine Zentrale für Erzeugung von Elektrizität, durch 
die der Ort nicht nur mit elektrischer Beleuchtung versehen, 
sondern auch mit dem Besitz eines Kinos begnadet wird. 

Von Beerseba geht die Bahn weiter in südwestlicher Richtung 
über er-Ruhebe, dem Rehobot der Bibel, um bei Hafir el-Audschä 
ihr vorläufiges Ende zu finden. Daß in der wasserlosen Wüste 
zur Versorgung der Bahn zahlreiche Brunnen angelegt werden 
mußten, bedarf wohl keiner besonderen Erwähnung. Auch die 
Wüstenstraßen wurden aufgebessert und zum Teil sogar für 
Automobile fahrbar gemacht; kleinere Pfade, auf denen nur 
der wegekundige Beduine mit seinen Kamelen gezogen war, 
wurden gleichfalls für die militärischen Zwecke ausgebaut. 

So waren denn die notwendigsten Vorbereitungen getroffen, 
um einen neuen größeren Vorstoß nach Ägypten und dem Suez- 
kanal zu unternehmen. Den Hauptstützpunkt des türkischen 
Heeres bildete das am Mittelmeer gelegene el-Arisch, das denn 
auch oft genug von den Engländern vom Meere her durch 
Flugzeuge mit Bomben und Maschinengewehren angegriffen 
wurde. Der Schauplatz der neuen Kämpfe lag freilich weiter 
westlich, kaum mehr als 40 km vom Suezkanal entfernt, bei 
dem von den Türken gehaltenen Katja und noch weiter west- 
lich bei er-Rummäni und nördlich davon bei Muhammedije, 
wo die Engländer stark befestigte Stellungen bezogen hatten. 
Bereits im April setzten diese Kämpfe ein, und am ersten Oster- 
feiertag, dem 23. April, erlitten die Engländer eine, schwere 
Niederlage, bei der durch einen Handstreich eine größere Ab- 
teilung samt dem Stabe von den Siegern gefangen genommen 
wurde. Während der folgenden Monate wurden die kriegerischen 
Unternehmungen fortgesetzt, die freilich weniger die Zerstörung 
des Suezkanals oder gar dessen Überschreitung, als vielmehr 
die Beunruhigung der englischen Linien zum Ziele hatten. 
Die englischen Truppen waren jetzt besonders durch Kavallerie 
verstärkt worden, die mittels einer vom Suezkanal aus gebauten 
zweigleisigen Vollbahn bequem nach dem Kampfplatze heran- 
geführt wurde; vor dieser Übermacht zogen sich die Türken 



Steindorff, Die Ostgrenze Ägyptens und der Suezkanal. 173 

nach einer für sie ungünstig verlaufenen Schlacht am 3. August 
in sichere Stellungen weiter östlich zurück. Nach diesem nicht 
wegzuleugnenden Erfolge setzten die Engländer ihren Bahnbau 
an der Küste entlang in der Richtung auf el-Arisch fort und 
waren dadurch imstande, am 23. Dezember 1916 diesen von 
nur schwachen türkischen Streitkräften verteidigten Platz an- 
zugreifen und einzunehmen. Auch die von den Türken bei 
dem etwa 32 km südöstlich von el-Arisch gelegenen Maghdaba 
gehaltene Stellung wurde nach erbittertem Widerstände von den 
an Zahl weit überlegenen Engländern genommen. Von el-Arisch 
aus unternahmen die britischen Truppen am 9. Januar 1917 
einen Angriff auf die befestigten türkischen Stellungen an der 
Grenze bei Teil Rifäh. Nach fünfstündiger tapferer Gegenwehr 
mußten die Türken sich auch hier zurückziehen; eine durch 
das Wadi Schelläle in der Richtung auf Chan Junis (östlich 
von Teil Rifäh) vorgehende türkische Hilfsabteilung konnte 
leider ihr Ziel nicht erreichen. 

Damit haben die Kämpfe an der Ostgrenze und auf der 
Sinaihalbinsel einen vorläufigen Abschluß gefunden. Da aber 
weder die Westgrenze Ägyptens, wie die ohne große Mühe 
von den Engländern abgewiesenen Angriffe der sennusitischen 
Stämme zeigen, ernstlich von einer feindlichen Heeresmacht 
angegriffen werden kann, noch auch im Sudan nach der Nieder- 
werfung des vom Sultan von Darfur organisierten Aufstandes 
eine Beunruhigung der englischen Herrschaft zu erwarten ist, 
so bleiben die Gebiete im Osten des Suezkanals nach wie vor der 
Hauptkriegsschauplatz im Kampfe gegen Ägypten, und wir 
können nur wünschen, daß die Engländer an dem weiteren Vor- 
rücken gehindert werden und es nicht allzu lange dauere, bis an 
dieser Stelle von neuem die türkischen Angriffe sich entfalten, 
und jene einsamen Wüstengebiete die Blicke der Welt wieder 
auf sich lenken. 



Wie die Ostgrenze Ägyptens im Altertum verlief, können 
wir im einzelnen nicht mehr genau bestimmen. Sie wurde 
durch den Lauf des östlichsten, jetzt verschwundenen Nilarmes, 
der wenig östlich von dem heutigen Port Said beim alten Pelu- 
sium seine Wasser ins Meer ergoß, ferner durch das sumpfige 
Ostufer des heutigen Mensale-Sees und den Rand des sich nach 
Südwesten hinziehenden Fruchtlandes bestimmt, also etwa durch 
eine Linie, die vom alten Pelusium über el-Kantara am Suez- 



174 Steindorff, Die Ostgrenze Ägyptens und der Suezkanal. 

kanal nach es-Salhie und Faküs lief. In der Gegend von Faküs 
war um den Beginn des zweiten vorchristlichen Jahrtausends 
ein von Nord nach Süd verlaufender Grenzwall erbaut, die so- 
genannte „Fürstenmauer", eine hohe, durch Türme verstärkte 
Verteidigungsmauer. Dieser ägyptische" Limes endete wahr- 
scheinlich im Wädi Tumilät bei der Trümmerstätte von Teil 
Rotäb, nicht weit von dem durch die Niederlage Arabi Paschas 
(1882) bekannten Teil el-kebir. Die ägyptischen Texte erzählen 
uns, daß diese Fürstenmauer „gemacht war, um die Asiaten 
abzuwehren" und die westlich davon gelegene fruchtbare Land- 
schaft Gosen gegen die Einfälle der Beduinen zu schirmen. 
Jenseits der ägyptischen Grenze war die Wüste; auf ihren Besitz 
legten die Ägypter keinen Wert, hatte sie doch auch nur durch 
die Karawanenstraßen, die durch sie nach Syrien führten, 
einige Bedeutung. 

Um die Mitte des zweiten Jahrtausends wurde auch der öst- 
liche Teil des Wädi Tumilät der Kultur erschlossen und wohl 
zu gleicher Zeit der diese Landschaft bewässernde, vom Nil 
bei Faküs abzweigende Kanal bis in die Gegend des heutigen 
Ismailia verlängert und weiter südwärts nach Suez geführt. 
Durch diesen Kanal wurde der Nil mit dem Roten Meere ver- 
bunden, und wir hören aus ägyptischen Denkmälern, daß um 
das Jahr 1500 v. Chr. die Schiffe der Königin Hatschepsut von 
dem Weihrauchlande Punt an der Somaliküste durch das Rote 
Meer ohne Unterbrechung auf dem Nil nach der Hauptstadt 
Theben fahren konnten. Durch diese Erweiterung des Kultur- 
landes und die neugeschaffene Verkehrsstraße verschob sich 
auch die ägyptische Grenze weiter nach Osten nach der Land- 
enge von Suez. Im östlichen Wadi Tumilät entstanden blühende 
Ortschaften, wie die in der Bibel (2. Moses 1, 11) erwähnten 
Vorratsstädte Pithom und Ramses, und südlich von el-Kantara 
(am Suezkanal) wurde von den Pharaonen als neues Bollwerk 
gegen die Wüstenbeduinen und etwaige Angriffe von Syrien 
her die Festung Zaru erbaut. 

Die von den Gelehrten der französischen Expedition auf- 
gebrachte und seither oft wiederholte Annahme, daß sich auf 
der Landenge von Suez seit dem Altertum die geographischen 
Verhältnisse geändert hätten und daß noch unter der Herrschaft 
der Ptolemäer und römischen Kaiser, also in den letzten vor- 
und nachchristlichen Jahrhunderten der Meerbusen von Suez 
sich viel weiter nach Norden erstreckt habe als heutzutage, kann 
jetzt als abgetan gelten, und wir dürfen für die Antike auf dem 



Steindorff, Die Ostgrenze Ägyptens und der Suezkanal. 175 

Isthmus dieselben topographischen Verhältnisse annehmen, die 
uns heute noch entgegentreten 1 ). 

Während des Mittelalters und bis in die Neuzeit hinein 
blieb die Ostgrenze Ägyptens dieselbe, und noch bei der Er- 
öffnung des Suezkanals wurde sie von einer Linie gebildet, die 
von Suez in nordöstlicher Richtung nach el- Arisch verlief. Erst 
später wurde die gesamte Sinaihalbinsel dem ägyptischen Reiche 
zugeschlagen und dadurch eine neue Ostgrenze geschaffen. 
Zunächst nicht genau festgelegt, wurde sie erst vor elf Jahren 
1906 durch einen zwischen der ägyptisch-englischen und der 
türkischen Regierung geschlossenen Vertrag fest bestimmt. Sie 
verläuft in einer ziemlich schnurgeraden Linie von Teil Rifäh 
(Rafa), dem antiken Raphia, am Mittelmeer bis zum nördlichen 
Ende des Golfs von Akaba. Akaba selbst liegt bereits auf türki- 
schem Gebiet. Den Anlaß zu dieser endgültigen Grenzregulierung 
bot der seinerzeit viel besprochene und politisch nicht unwichtige 
Akaba-Streit. 

Im Jahre 1905 waren auf der Sinaihalbinsel bei den im 
Osten wohnenden Beduinen, wie das wohl alljährlich vorkam, 
einige blutige Raubzüge geschehen. Diesen Anlaß benutzte die 
englische Regierung, um eine kleine Kameltruppe auszusenden, 
die Unruhestifter zu bestrafen und noch andere „administrative 
improvements" einzuführen. Ganz so harmlos waren aber wohl 
diese Vorgänge nicht. Die türkische Regierung sah wohl mit 
Recht in dem, was sich hier an der Grenze bei Akaba, im 
Wadi Taba, abspielte, die Vorboten von Angriffen der Eng- 
länder auf unbestreitbar türkisches Gebiet. Die Türken ergriffen 
Gegenmaßregeln, die die Engländer als „Übergriffe" bezeichneten; 
Taba wurde besetzt, und dem englischen Truppenführer klar 
und deutlich mitgeteilt, daß man ihn mit Waffengewalt zurück- 
weisen werde, wenn er etwa den Versuch machen sollte, sich 
mit Gewalt in den Besitz des übrigens ziemlich bedeutungslosen 
Platzes zu setzen. Die Sache schien zu größeren Konflikten 
kommen zu wollen, doch einigte man sich schließlich: eine 
Grenzkommission wurde ernannt, die den Streit schlichtete und 
die politische Grenze so, wie oben gesagt, festlegte. Die Kriegs- 
flamme, die sich leicht an den Strohhütten von Taba am Golf 
von Akaba hätte entzünden können, war für einige Zeit erstickt. 

So ist denn jetzt im Osten dem eigentlichen Ägypten und 
dem Suezkanal als mächtiger Schutzwall ein Gebiet von unweg- 

') Vgl. 0. Küthmann, Die Ostgrenze Ägyptens (Berliner Doktor-Disser- 
tation). Berlin 1911. 



176 Steindorff, Die Ostgrenze Ägyptens und der Suezkanal. 

samen Gebirgen und fast wasser- und menschenleeren Wüsten 
vorgelagert, das einen Umfang von rund 60000 qkm besitzt. 

Die ägyptische Ostmark umfaßt im Norden die afrikanisch- 
asiatische Landenge, die, am Suezkanal beginnend, nach Osten 
sich erstreckt, und die eigentliche Sinaihalbinsel, die als drei- 
eckige Landmasse in das Rote Meer vorspringt und im Westen 
vom Meerbusen von Suez, im Osten durch den Golf von Akaba 
begrenzt wird. 

Betrachten wir zunächst einmal die Sinaihalbinsel etwas 
näher. Ihre Größe beträgt etwa 25000 qkm; sie entspricht 
also ungefähr an Umfang der Insel Sizilien. Ihren südlichen 
Teil nimmt ein ungemein wildes Granitgebirge ein, das von 
tiefen Schluchten und runden Tälern zerklüftet ist. Die Felsen- 
kämme der schwer zugänglichen roten und grauen Granitberge 
entbehren fast jeder Vegetation. Weder Baum noch Strauch 
wurzelt auf den sonnendurchglühten Wänden. Wie ein Labyrinth 
verzweigen sich die zahlreichen Täler; die Karawanenstraßen 
machen oft so unerwartete Wendungen, „daß diese Felsen wildnis 
zum Angriff ebenso ungeeignet ist, wie zur Verteidigung. Oft 
muß man die Kamele abladen, damit sie über einen 5 m 
hohen Felsenriegel hinwegklettern können, oder die Talrinne 
verengt sich zu einem so schmalen Spalt, daß ihn nur un- 
beladene Tiere passieren können" x ). 

In dem Katharinenberge, der bis zu 2600 m ansteigt, er- 
reicht das Gebirge seine höchste Erhebung. Etwas niedriger, aber 
immerhin noch recht beträchtliche Berge sind der Dschebel Musa 
(2292) und der Dschebel Serbäl (2060 m). Am Nordabhang des 
Dschebel Musa liegt in einem schmalen Tale das berühmte St. Ka- 
tharinenkloster, das etwa von 20 — 30 griechischen Mönchen 
bewohnt wird 2 ). Es nimmt die Stelle eines von Kaiser Justinian 
im Jahre 350 n. Chr. gegründeten Kastells ein, in dem die von 
den Beduinen bedrängten Eremiten vom Dschebel Serbäl Schutz 
fanden. Justinian schenkte den Mönchen hundert römische und 
hundert ägyptische Sklaven mit Weib und Kind. Die Nach- 
kommen dieser Hörigen haben sich bis auf den heutigen Tag 
erhalten. Es sind die Dschebelije, die jetzt noch dem Sinai- 
kloster dienstbar sind, aber von den muhammedanischen Be- 



1 ) Joh. Walther, Zum Kampf in der Wüste, am Sinai u. Nil. Leipzig-1916. 

2 ) Näheres über das Kloster findet man in der Monographie: Das 
Katharinenkloster am Sinai von Johann Georg, Herzog zu Sachsen. Leipzig 
und Berlin 1912. 



Steindorff. Die Ostgrenze Ägyptens und der Suezkanal. 177 

duinen verachtet und „Nazarener" und „Fellachen" geschimpft 
werden, obwohl auch sie längst zum Islam übergetreten sind l ). 
An die südliche Granitregion des Sinai schließt sich etwa 
von der Mitte der Halbinsel an nordwärts die Wüste et-Tih, 
ein mäßig hohes Kalksteingebirge, das von zahlreichen Tälern 
durchschnitten wird. Nach dem Meere zu flacht sie sich all- 
mählich ab und geht in ein ebenes Tafelland über, eine ungeheure 
Sandwüste, deren Dünen sich an vielen Stellen, besonders auch 
im Westen in der Gegend des Suezkanals, zu ganz beträcht- 
licher Höhe erheben. Wir stehen hier in einem Gebiete, das 
dem Wanderer die allergrößten Schwierigkeiten bereitet und für 
größere militärische Unternehmungen so ungeeignet wie nur 
möglich ist. Truppen können in dem oft kniehohen Flugsande 
nur mühsam vorwärts kommen, und Artillerie heranzubringen 
erfordert die größten Anstrengungen. Dazu kommt, daß in 
den Frühjahrsmonaten sich oft große Staubwinde erheben, die 
die Luft in dichte Sandwolken hüllen und stundenlang jede 
Orientierung unmöglich machen. 



Das Wort, das der Herr an Moses am Berge Horeb richtet 
(2. Mose 3, 5), darf von der ganzen Sinaihalbinsel gelten: 
„Zeug deine Schuhe aus von deinen Füßen, denn der Ort, 
darauf du stehest, ist heiliges Land." Durch die Geschichte 
und ganz besonders durch die Sagen des Alten Testaments ist 
dieses öde Gebirgs- und Wüstenland mit einem wunderbaren 
Schimmer verklärt worden. 

Bis in das vierte vorchristliche Jahrtausend, vielleicht sogar 
in ein noch höheres Altertum, können wir die Geschichte der 
Sinaihalbinsel zurückverfolgen. Bereits damals entsandten 
die ältesten ägyptischen Pharaonen Expeditionen nach den Berg- 
werken im Wädi Maghära (nordwestlich von Dschebel Serbäl), um 
Kupfer und Malachit nach Ägypten zu holen. Die Führer 
dieser Unternehmungen verewigten an der Stätte ihrer Arbeit 
ihre Namen und den des Pharao; wir sehen an den Felswänden 
Bildwerke, die den Ägypterkönig darstellen, wie er die Sinai- 
beduinen, mit denen diese Expeditionen manchen harten Strauß 
zu bestehen hatten, beim Schöpfe faßt und mit der Keule erschlägt. 

Der Weg, den die Ägypter einschlugen, um zu diesen Kupfer- 
gruben zu gelangen, ist freilich nicht derselbe, den heute die 



J ) Baedekers Palästina und Syrien (7. Aufl. 1910) S. 186. 
Zeitschrift für Folitik. 10. 12 



178 Steindorff, Die Ostgrenze Ägyptens und der Suezkanal. 

Karawanen von Suez aus, der Küste des Roten Meeres folgend, 
ziehen. Im Altertum marschierten die Sinaifahrer vom ägypti- 
schen Niltale aus zunächst ostwärts durch die arabische Wüste 
zu einem Hafen am Roten Meere und fuhren dann mit ihren 
primitiven Schiffen in nördlicher Richtung in den Golf von Suez, 
um nach der Landung in wenigen Tagemärschen das ersehnte 
Ziel zu erreichen. Wundersames konnten dann die kühnen 
Seefahrer von ihren Reisen berichten, wenn sie mit ihren 
Schätzen in die Heimat zurückgekehrt waren, staunenswerte 
Märchen von Zauberinseln, ähnlich denen, die die antiken Indien- 
reisenden oder die arabischen Schiffer des Mittelalters zu er- 
zählen wußten. 

So interessant nun auch diese älteste Geschichte der Sinai- 
halbinsel ist, die wir aus ägyptischen Quellen schöpfen, ihre 
weltgeschichtliche Bedeutung haben die unwirtlichen Land- 
schaften an der ägyptischen Ostgrenze doch erst erhalten durch 
die Sagen des Alten Testaments vom Auszug der Kinder Israels, 
von der Gesetzgebung Mose und vom Zuge der Israeliten durch 
die Wüsten zwischen dem Nillande und Palästina. 

Es ist jetzt wissenschaftlich allgemein anerkannt, daß die 
biblischen Geschichten vom Glück und Ende Israels in Ägypten 
bereits in ihren verschiedenen Quellenschriften nicht wirkliche 
Historien erzählen, sondern sagenhaft gestaltete Überlieferungen 
sind, zu Nutz und Frommen der Gegenwart umgestaltet. Diesen 
Erzählungen gegenüber befindet sich der Historiker in einer 
ähnlichen Lage, wie wenn er etwa für die Geschichte der Völker- 
wanderung als Quelle das Nibelungenlied zu benutzen hätte, 
das ja auch wirkliche Ereignisse in freier Form dichterisch neu 
gestaltet und mit sagenhaften Zutaten ausgestattet hat, so daß 
der wahre historische Kern kaum noch herauszuschälen ist. 

Wie die Bibel erzählt, fordert Moses vom Pharao freien 
Abzug für den im Lande Gosen geknechteten Stamm Israel 
mit der Begründung, daß der Gott Jahve ihm befohlen habe, 
ein Opferfest (es handelt sich um das Passahfest) am Berge 
Horeb in der östlichen Wüste zu feiern. Nach langen Be- 
mühungen gelingt es schließlich Mose, vom Könige die Genehmi- 
gung zu diesem Zuge zu erlangen. Aus dem Lande Gosen 
führt er die Hirten der östlichen Wüste jenseits der ägyptischen 
Grenze zu. 

Der nächste Weg zu dem ersehnten Ziele wäre nun die 
große Karawanenstraße gewesen, die vom heutigen el-Kantara 
an der Küste des Mittelmeers entlang nach Osten führt. Aber 



Steindorff, Die Ostgrenze Ägyptens und der Suezkanal. 179 

Gott hatte für sein auserwähltes Volk einen anderen minder 
bequemen Weg bestimmt. Er meinte nicht mit Unrecht, daß 
es das Volk reuen könne, wenn es mit den die Karawanen- 
straße beunruhigenden Beduinen Kämpfe zu bestehen habe, 
und daß bei ihm dann leicht der Wunsch entstehen werde, 
nach Ägypten zurückzukehren. So bogen denn die Israeliten 
auf dem Wege in die Sinai wüste gegen das ,, Schilf meer" um; 
in diesem „Schilfmeer" dürfen wir wahrscheinlich einen der 
großen Wüstenseen vermuten, durch die der heutige Suezkanal 
geleitet ist, den ,, Timsach-See" oder einen der ,, Bitterseen". 

Der ägyptische Pharao, seinen Entschluß bereuend, setzt 
den Auszüglern nach, ein Entrinnen ist fast unmöglich; liegt 
doch vor ihnen die weite Seefläche, in ihrem Rücken folgen 
die Ägypter mit ihren schnell fahrenden Streitwagen. Da tritt 
in der Nacht ein heftiger Ostwind ein, der das Meer trocken 
legt und Israel glücklich an das östliche Ufer gelangen läßt. 
Die nachsetzenden Ägypter haben dagegen mit ihren Kriegs- 
wagen in dem sumpfigen Gelände Schwierigkeiten; dazu kehrt 
gegen Morgen das Wasser in seinen gewöhnlichen Stand zurück 
und überrascht die Verfolger. ,,So errettete Jahwe an jenem 
Tage Israel vor den Ägyptern" — „Rosse und Reiter hat er 
ins Meer gestürzt" (2. Mose 14 u. 15). Nunmehr führt Moses 
die Israeliten durch die Wüste zu dem Gottesberg Horeb, wo 
nicht nur das angekündigte Opferfest gefeiert, sondern auch 
durch die Gesetzesgebung der Grund zur israelitischen Religion 
gelegt wird. 

Diesen historisch und religionsgeschichtlich so bedeutsamen 
Horeb haben wir mit größter Wahrscheinlichkeit an der Süd- 
grenze Kanaans, etwa auf der Grenzlinie der Türkei und Ägypten, 
südlich von Hafir el-Audschä zu suchen. 

Eine andere jüngere Überlieferung gibt nun aber nicht 
den Horeb, sondern vielmehr den ,,Berg Sinai" als den Schau- 
platz der Gesetzgebung an. Wo dieser gelegen hat, ist ganz 
und gar unsicher. Früher hat man angenommen, daß er einer 
der höchsten Gipfel des gewaltigen Gebirgsstockes im Süden 
der Halbinsel sein müsse. So behaupteten die Mönche des 
sechsten christlichen Jahrhunderts, der Sinai sei der jetzt Dschebel 
Müsa („Mosesberg") genannte Berg; neuere Gelehrte, wie Lepsius 
und Georg Ebers haben den Nachweis versucht, daß es viel- 
mehr der Dschebel Serbäl sei. Aber beide Annahmen sind aus 
Gründen, die hier nicht näher ausgeführt werden können, aus- 
geschlossen — und so bleibt die Frage, wo denn der berühmte 

12* 



180 Steindorff, Die Ostgrenze Ägyptens und der Suezkanal. 

,, Sinai" der jüngeren Tradition gelegen hat, wohl für alle Zeiten 
ungelöst. 

Wenn wir nun auch nicht wissen, welcher Berg der Sinai 
eigentlich gewesen ist: sein Name haftet an dem Gebirge und 
an der Halbinsel, an diesem jetzt militärisch und politisch so 
wichtigen Grenzlande Ägyptens. 



Wasserarm und an sehr wenig Stellen anbaufähig, war die 
Sinaihalbinsel von jeher schwach bevölkert. Nur 4 — 5000 Be- 
duinen finden Nahrung auf ihr; im westlichen Teile friedliche 
Stämme, die den Steinbock jagen, Mühlsteine und Holzkohle 
nach Ägypten führen und die vorwiegend griechischen Pilger 
nach dem Katharinenkloster geleiten. Kriegerischer sind die 
Stämme im Osten. 

Alle diese Beduinen sind Muhammedaner, wissen aber nur 
wenig vom Islam und feiern noch in heidnischer Weise ihre 
besonderen Nationalheiligen, zu denen auch Moses zählt, mit 
Tieropfern. 

Größere Ansiedlungen besitzt die ägyptische Ostmark nicht. 
Die bedeutendste ist das am Golfe von Suez gelegene Tor (Tür), 
das freilich auch nur wenig mehr als 1000 Einwohner zählt. Zur 
Zeit der Wallfahrten nach Mekka ist hier die Hauptquarantäne 
der Pilger. In der Nähe der Stadt hat die ägyptische Regierung 
ein großes Lazarett erbaut, das mit den modernsten Desinfektions- 
einrichtungen und bakteriologischen Untersuchungsanstalten aus- 
gestattet ist. In den Baracken und Zelten können über 15000 Per- 
sonen Unterkunft finden. Zur Wallfahrtszeit entwickelt sich 
dann auch in der Wüste bei Tor ein reges Leben und ein leb- 
hafter Marktverkehr. Händler von Suez und von Kairo kommen, 
um den Pilgern schlechte Waren für teures Geld zu verkaufen. 

An Verkehrswegen besitzt die Sinaihalbinsel nur zwei 
größere Straßen, die von einiger Bedeutung sind. Sie haben 
schon im Altertum existiert. Die eine beginnt in der Gegend 
des heutigen Suez und führt in ziemlich östlicher Richtung 
nach Akaba. Es ist dies die alte Pilgerstraße, auf der noch 
im 19. Jahrhundert die von Ägypten kommenden Wallfahrer 
nach Mekka gezogen sind. An ihr liegt der kleine befestigte 
Ort Kal c at en-Nachl, an dem auch noch mehrere andere 
kleinere Straßen und Saumpfade zusammenstoßen. Jetzt ist J 
dieser Platz eine nicht unwichtige militärische Station, die von i 
den Türken gehalten wird. 



Steindorff, Die Ostgrenze Ägyptens und der Suezkanal. 181 

Viel lebhafter und für den Verkehr bedeutsamer ist die 
zweite Straße, die von el-Kantara am Suezkanal, der Mittelmeer- 
küste folgend, nach Syrien führt. Auf ihr sind schon vor 
Jahrtausenden die Heere der Pharaonen nach Palästina und 
Syrien marschiert; auf ihr kamen die Assyrer, die Perser und 
Mazedonier nach dem Nillande ; sie sah im Mittelalter die Kreuz- 
fahrer und vor mehr als hundert Jahren das Heer Bonapartes, 
als er seinen Zug gegen die Türken nach Akka unternahm. 
Welche Bedeutung sie in diesem Kriege hat, habe ich schon 
vorhin kurz dargelegt. Liegen doch an ihr die vielgenannten 
Plätze Katja und el-Arisch. — Erwähnung verdient vielleicht 
noch ein dritter Weg, der etwa in der Mitte zwischen den beiden 
Hauptstraßen von Hafir el-Audschä in westlicher Richtung nach 
Ismailija am Suezkanal führt und strategisch nicht ohne 
Nutzen ist. 

Neuerdings 1 ) ist versucht worden, der Sinaihalbinsel auch 
eine wirtschaftliche Bedeutung zuzumessen und ihren 
Stein- und Sandwüsten eine glänzende Zukunft zu prophezeien, 
wenn man sich nur entschließen würde, die vorhandenen Verkehrs- 
wege weiter auszubauen und die Bewässerung durch künstliche 
Anlagen zu sichern. Man hat recht leichtfertig eine Fata Mor- 
gana vorgezaubert, wie sich dann das menschenleere, wasser* 
und vegetationslose Wüstenland bevölkern und in fruchtbare 
Gefilde verwandeln werde. Vor solchen enthusiastischen Zukunfts- 
träumen kann nicht genug gewarnt werden; allerdings sind 
während des Krieges an den „Straßen" Brunnen angelegt worden; 
der bekannte Wünschelrutenforscher von Graeve hat nach 
Wasseradern gesucht und soll auch einige gefunden haben. 
Dadurch ist es nicht nur gelungen, die türkischen Truppen mit 
Wasser zu versorgen, sondern auch an den Brunnenplätzen eine 
erfreuliche Bodenkultur zu erzielen. Schon früher hatten die 
Beduinen an den nicht ganz wasserarmen Plätzen Wassermelonen, 
Gerste, Feigen, Rizinus und Mais gebaut und auch einige Dattel- 
palmen gezogen, und solche Pflanzungen sind jetzt vermehrt 
worden. Größere Länderstrecken sind aber nur in der Nähe 
der Mittelmeerküste, z. B. in der Gegend von el-Arisch bebaut, 
und hier kann zweifellos bei einer rationellen Bewässerung und 
sorgsamen Bestellung das Ackerland noch vermehrt werden. 
Man hat auch vorgeschlagen, die zur Zeit der Winterregen in 
den Wüstentälern niederströmenden Wassermengen durch Stau- 

x ) Th. Preyer, Ägypten und Indien (Ullsteins Männer und Völker, 
Berlin 1916), S. 116 ff. 



182 Steindorff, Die Ostgrenze Ägyptens und der Suezkanal. 

werke aufzufangen und an die tiefer gelegenen Plätze zu ver- 
teilen. Ob aber durch derartige, gewiß sehr kostspielige Be- 
wässerungsanlagen wirklich größere Strecken völlig ertraglosen 
Bodens in schneller Zeit in hochwertiges Kulturland mit drei- 
facher jährlicher Ernte verwandelt werden können, scheint mir 
mehr als zweifelhaft zu sein, und so wird man damit rechnen 
müssen, daß auch in Zukunft das Innere der Sinaihalbinsel 
genau so öde bleibt, wie bisher. 

Wie weit in den Gebirgen noch unentdeckte wertvolle 
Bodenschätze schlummern, läßt sich natürlich ohne sorgfältige 
geologische Untersuchungen nicht bestimmen. Die alten Ägypter 
haben, wie schon erwähnt, in den Bergwerken am Südwestrande 
der Halbinsel Kupfer und Türkise gewonnen ; auch an anderen 
Stellen sollen Kupferlager nachgewiesen sein. Doch muß erst 
noch der Nachweis erbracht werden, ob sich ein Abbau dieser 
Mineralien bei den heutigen, gegenüber dem Altertum sehr stark 
vermehrten Betriebskosten lohnen würde. 

Wichtiger und wertvoller sind die Petroleumquellen, die 
sich an mehreren Punkten der Westküste finden : an der Bucht 
von Dschemsa und nördlich davon am Dschebel ez-Zet, und die 
jetzt auch von den Engländern ausgebeutet werden. Vielleicht 
steht auch hier und da Steinkohle und Braunkohle an, und die 
Beduinen, die ihre Berge ebenso genau kennen, wie sie in ihren 
Berichten unzuverlässig sind, haben noch von dem Vorkommen 
anderer edler und unedler Metalle zu berichten gewußt. 

Aber alles das sind höchst unsichere Mitteilungen, und so 
wird man die Hoffnungen auf einen ausgedehnten und gewinn- 
bringenden Bergbau auf der südlichen Sinaihalbinsel ebenso- 
wenig rechnen dürfen, wie auf die blühende Landwirtschaft in 
ihrer nördlichen Hälfte. 

So behält die Ostmark Ägyptens lediglich ihre strategische 
Bedeutung als Schutzwall gegen Ägypten und als breite Ver- 
teidigungslinie des Suezkanals, der die eigentliche geographi- 
sche, wenn auch nicht politische Ostgrenze des Nillandes bildet. 
. * * 

Der Plan, die Schranken zu beseitigen, die der Isthmus 
von Suez dem Weltverkehr bereitete, und der Wunsch, eine 
Verbindung zwischen dem Mittelländischen und dem Roten 
Meere herzustellen, ist uralt l ). Bereits der sagenhafte ägyptische 

l ) Vgl. zu dem Folgenden meine Schrift „Ägypten in Vergangenheit 
und Gegenwart" (Ullsteins Männer und Völker, Berlin 19 15), in der auch die 



Steindorff, Die Ostgrenze Ägyptens und der Suezkanal. 183 

König Sesostris soll einen Kanal, der den Nil und damit das 
Mittelmeer mit dem Roten Meere verband, angefangen oder 
wenigstens geplant haben. Er gab ihn aber wieder auf, weil 
ihm gesagt worden war, daß der Wasserspiegel des Roten Meeres 
höher als der des Flusses sei und das Land daher vom Meere 
überflutet werde. 

Trotzdem kam die Wasserstraße zur Ausführung, und wir 
haben gesehen, wie um die Mitte des zweiten vorchristlichen 
Jahrtausends die ägyptischen Schiffe gradeswegs vom Roten 
Meere und vom Golf von Suez auf dem durch das Wädi Tumilät 
führenden Kanal nach dem Nil gelangen konnten. 

Als dann um die Wende des ersten vorchristlichen Jahr- 
tausends die politische Macht des Pharaonenreichs zurückging, 
scheint auch dieser alte Verkehrsweg verfallen zu sein. Erst zu 
Beginn des sechsten vorchristlichen Jahrhunderts machte sich 
der ägyptische König Necho daran, die alte Wasserstraße nach 
dem Roten Meere wieder in Stand zu setzen ; eine große Menge 
von Arbeitern wurde angestellt; aber noch vor der Vollendung 
wurde das Wiederherstellungswerk auf Befehl des Pharao ab- 
gebrochen. Es war nämlich durch ein Orakel geweissagt worden, 
daß der Kanal nicht Ägypten zugute kommen, sondern ledig- 
lich der Herrschaft der Fremden, der Barbaren — man dachte 
dabei wohl an die immer mächtiger werdenden Babylonier — 
vorarbeiten werde. Erst ein Jahrhundert später, als das Niltal 
zu einer Provinz des Perserreichs geworden war, wurde von 
Darius Hystaspes (526 — 468 v. Chr.) der Plan des Necho wieder 
aufgenommen und nunmehr auch wirklich zu Ende geführt. 

Jahrhundertelang blieb diese alte Wasserstraße in Ordnung, 
ja sie wurde sogar von den griechischen Beherrschern Ägyptens, 
den Nachfolgern Alexanders des Großen, die den Handel sehr 
begünstigten, noch weiter ausgebaut und an der Stelle, wo sie 
ins Rote Meer mündet, mit großen Schleusenanlagen versehen. 

Als dann in der römischen Kaiserzeit der Kanal abermals 
verfallen war, ließ ihn der Kaiser Trajan (98 n. Chr.) wieder 
herstellen und mit einem neu angelegten verbinden, der bei dem 
ägyptischen Babylon, dem heutigen Alt-Kairo, seinen Ausgang 
hatte. Auch die ersten arabischen Herrscher haben dem all- 



Geschichte des Suezkanals ausführlicher behandelt ist; sowie aus der sonstigen 
überaus reichen Literatur über den Suezkanal besonders die ausgezeich- 
neten Arbeiten von Werner von Grünau, Die Staats- und völkerrechtliche 
Stellung Ägyptens (Leipzig 1903) und Eud. Dedreux, Der Suezkanal im inter- 
nationalen Rechte unter Berücksichtigung seiner Vorgeschichte (Tübingen 1913). 



184 Steindorff, Die Ostgrenze Ägyptens und der Suezkanal. 

mählich wieder verschlammten und versandeten Kanal ihre 
Sorgfalt zugewendet, um vom Nil aus ihr Getreide ohne Schwierig- 
keiten gradeswegs über das Rote Meer nach dem arabischen 
Mutterland befördern zu können. Seit dem achten Jahrhundert 
geriet er von neuem in Verfall, und als der Kalif Mansür im 
Jahre 768 einen Teil davon aus strategischen Gründen zuschütten 
Heß, wurde dieser uralte Wasserweg überhaupt nicht mehr 
befahren. 

Während des Mittelalters tauchten nun verschiedene Pläne 
auf, die Landenge von Suez zu durchstechen. Vornehmlich 
waren es im 15. Jahrhundert die Venezianer, die durch ein 
solches Unternehmen ihren Handel neu beleben und sich einen 
bequemeren Weg nach Indien schaffen wollten. Aber an die 
Ausführung dieser Projekte ging man nicht. Da war es 1671 
kein Geringerer als der Philosoph Leibniz, der den Gedanken 
von neuem aufnahm und dem Könige Ludwig XIV. von Frank- 
reich unterbreitete. Wohl auf Veranlassung der deutschen 
Fürsten, die die Eroberungslüste des Sonnenkönigs von Deutsch- 
land ablenken wollten, verfaßte er in lateinischer Sprache eine 
Denkschrift „Epistola ad regem Franciae de expeditione aegyp- 
tiaca" und schlug darin eine Eroberung Ägyptens, ,,das von 
allen Ländern der Welt das bestgelegene sei, um die Herrschaft 
über die Erde und Meere zu gewinnen", und weiter eine Durch- 
stechung des Isthmus von Suez vor. Der kühne Plan wurde 
lange am französischen Hofe erwogen, schließlich wurde aber 
doch nichts zu seiner Verwirklichung getan. 

Erst nach der Eroberung Ägyptens durch Bonaparte (1798) 
trat man in Frankreich dem Projekt, das Mittelländische Meer 
mit dem Golf von Suez zu verbinden, wieder näher. Der fran- 
zösische Ingenieur Lepere wurde beauftragt, die Möglichkeit 
eines solchen Unternehmens zu berechnen. Sein Gutachten fiel 
aber sehr zurückhaltend aus, da er von der Annahme ausging, 
daß der Spiegel des Roten Meeres ziemlich zehn Meter über 
dem des Mittelmeers liege und daß daher zahlreiche und kost- 
spielige Schleusen zur Regelung des Wassers errichtet werden 
müßten. 

Freilich blieben Leperes Berechnungen nicht ohne Wider- 
spruch. Neue Studien wurden angestellt, und der Beweis er- 
bracht, daß der Meeresspiegel auf beiden Seiten der Landenge 
von Suez nicht wesentlich voneinander abweiche, und daher die 
Ausführung des Kanals zur Verbindung beider Meere sehr wohl 
möglich sei. 



Steindorff, Die Ostgrenze Ägyptens und der Suezkanal. 185 

So wurde denn das Problem der Kanalerbauung besonders 
von französischer Seite wieder aufgegriffen. Enfantin, der Führer 
der sozialistischen Saint-Simonisten, schrieb die Durchstechung 
der Landenge von Suez, ebenso wie die der Landenge von 
Panama mit großer Begeisterung auf sein Programm und unter- 
nahm im Herbst 1833 mit etwa 50 gleichgesinnten Genossen 
eine Studienreise nach Ägypten. Dort versuchte er Mehemet 
Ali für seinen Plan zu gewinnen. So sehr sich aber dieser für 
das neue Projekt interessierte — schließlich überwog doch bei ihm 
die Fülle der politischen Bedenken und hielt ihn ab, den mit Be- 
geisterung vorgetragenen Anregungen Enfantins Folge zu geben. 

„Wenn ich" — so sprach er sich ganz offen aus — „den 
Kanal anlege, so beschenke ich Ägypten mit einem Bosporus, 
und das ohnehin schon reichlich begehrte Land wird zum 
Gegenstand ehrgeiziger Bestrebungen werden, die für mein Werk 
und für meine Nachkommen gefährlich sein würden." 

Schließlich fand man einen Weg zur Vermittlung der 
politischen Interessengegensätze: das große Unternehmen sollte 
auf einer internationalen Grundlage aufgebaut werden. So kehrte 
denn Enfantin 1845 befriedigt nach Europa zurück und schrieb 
in seinem Bericht: „Wir haben das Bewußtsein, dieses große Werk 
so vorbereitet zu haben, wie noch niemals ein großes industri- 
elles Unternehmen vorbereitet wurde; nun müssen wir es auch so 
vollenden, d. h. ohne nationale Eifersüchtelei, durch das freund- 
schaftliche Zusammenwirken der drei großen Völker, welche die 
Politik oft getrennt hat und die Industrie vereinigen muß." 

Es gelang Enfantin, mehrere kaufmännische Größen, vor 
allem auch den Leipziger Großkaufmann Dufour, einen Mann 
von weitem kaufmännischen und politischen Blick, ferner den 
Fürsten Metternich für das neue Unternehmen zu interessieren, 
und so wurde bereits 1846 eine Studiengesellschaft „Societe" 
d'Etudes du Canal de Suez" gegründet, um den Plan des Suez- 
kanals endgültig auszuarbeiten und Vorbereitungen für seine 
Verwirklichung zu treffen. Sie zerfiel in drei Gruppen: eine 
französische, eine englische und eine deutsch -österreichische. 
Jede dieser Gruppen verpflichtete sich, ein Drittel des gemein- 
samen Betriebskapitals zu finanzieren. Die deutsche Gruppe 
wurde von der sächsischen Regierung mit einem nicht unbeträcht- 
lichen Vorschuß unterstützt, so daß die Vorarbeiten von hier 
aus bald in Angriff genommen werden konnten x ). 

*) Zur Beteiligung Deutschlands und Österreichs an den Vorarbeiten für 
den Bau des Suezkanals vgl. Georgi-Dufour, Urkunden zur Geschichte des 



186 Steindorff, Die Ostgrenze Ägyptens und der Suezkanal. 

Die deutsch -österreichische Gruppe zählte zehn Mitglieder 
— unter ihnen Dufour und den nachmaligen sächsischen Finanz- 
minister Georgi — , und jedes dieser Mitglieder erwarb durch 
Einzahlung von 5000 Frcs. das Recht auf einen Gründeranteil 
in der künftigen Gesellschaft, — der Wert eines derartigen 
Gründeranteils würde übrigens heute einschließlich der Zinsen 
und Zinseszinsen rund 4 Millionen Frcs. betragen. Außerdem 
gehörte der deutsch-österreichischen Gruppe noch der öster- 
reichische Ingenieur Alois Negrelli an, der sich durch den Bau 
von Gebirgsbahnen in der Schweiz und Österreich verdient 
gemacht hatte und als ein technisches Genie ersten Ranges galt. 

Negrelli ging dann auch 1847 nach Ägypten und konnte 
hier von neuem feststellen, daß das Niveau der beiden zu ver- 
bindenden Meere das gleiche sei — und so wurde schließlich 
sein Plan, den Kanal gradlinig auf dem kürzesten Wege ohne 
Schleusen anzulegen, als der billigste und am leichtesten durch- 
zuführende von der Studiengesellschaft genehmigt. 

Alles war in bestem Gange; da trat eine entscheidende 
Wendung ein, die durch den Franzosen Lesseps herbeigeführt 
wurde. Ferdinand von Lesseps war im Jahre 1833 als Beamter 
des französischen Generalkonsulats nach Kairo gekommen und 
hatte hier auch die Bekanntschaft Enfantins gemacht. Die Folge 
davon war, daß auch er in den Bann des Suezkanal-Projektes 
kam. Zwar wurde er 1838 aus Ägypten abberufen, aber er 
ließ trotzdem seine Pläne nicht fallen. 1849 nahm er seinen 
Abschied aus dem diplomatischen Dienst und widmete sich 
von jetzt an ausschließlich der Aufgabe, die Durchstechung 
des Isthmus von Suez durchzuführen. 

Unabhängig von der internationalen Studiengesellschaft 
wandte sich Lesseps 1852 an die Pforte, erhielt aber von ihr 
den Bescheid, daß die Frage des Kanalbaus eine rein ägyptische 
Angelegenheit sei und sie nichts angehe. Nun sondierte er 
Abbas- Pascha, den damaligen Beherrscher Ägyptens, bekam 
aber auch von ihm eine ablehnende Antwort. Aber Lesseps 
ruhte nicht. 1854 starb der brave, allen europäischen Neue- 
rungen abgeneigte Abbäs, und Mohammed Said, ein Sohn Mo- 
hammed Alis, trat die Regierung an. Mit ihm war Lesseps 
von seinem ersten ägyptischen Aufenthalt her, wo er dem jungen 
Prinzen Reitunterricht erteilt hatte, eng befreundet. Diese 
Freundschaft glaubte die französische Gruppe der internatio- 

Suezkanals (Leipzig 1913). und Alfred Demiani, Deutschlands Anrecht an 
den Suezkanal (Süddeutsche Monatshefte. September 1916). 



Steindorff, Die Ostgrenze Ägyptens und der Suezkanal. 187 

nalen Studiengesellschaft sich zunutze machen und auch von 
seiner Verwandtschaft mit dem französischen Kaiserhause — 
Lesseps war der Onkel der eben auf abenteuerlichem Wege auf 
den Thron gelangten Kaiserin Eugenie — profitieren zu können. 

So wurde Lesseps noch im Herbst 1854 nach Ägypten 
gesandt, um von dem neuen Herrscher die Konzession für die 
Erbauung des Kanals zu erwerben. Dies gelang auch. Der 
Statthalter Said Pascha ging auf die Pläne der Gesellschaft ein 
und erteilte unter dem 30. November 1850 in einem in türki- 
scher Sprache abgefaßten Ferman seinem Freunde Lesseps die 
Ermächtigung, zum Bau des Suezkanals eine Finanzgesellschaft 
zu organisieren, mit der ausdrücklichen Bestimmung, daß allen 
denjenigen Personen, welche früher — sei es durch Geld, sei 
es durch ihre Studien oder sonstige Beziehungen — zur Aus- 
führung des Unternehmens beigetragen hatten, Gründeranteile 
in der neugegründeten Gesellschaft zugesichert werden sollten. 
Daß diese Bestimmung auch die Beteiligung der deutschen 
Mitglieder der Studiengesellschaft verbürgte, steht außer allem 
Zweifel; hatten sie doch nicht unerhebliche Geldmittel für das 
Studium der Kanalfrage aufgewendet, und das Negrellische 
Projekt war in erster Reihe ihr Verdienst. 

Die Vollmacht, die Said Pascha ausgestellt hatte, lautete 
nun aber nicht direkt auf den Namen der Studiengesellschaft, 
in deren Auftrag und mit deren Gelde Lesseps nach Ägypten 
geschickt worden war, sondern auf den Namen des Herrn von 
Lesseps selbst. Es wurde dies damit begründet, daß man im 
Orient nicht gewöhnt sei, dergleichen Berechtigungen an ano- 
nyme Gesellschaften zu erteilen. Man glaubte in der Studien- 
gesellschaft mit einem freilich allzu weitgehenden Vertrauen, 
daß sich schon eine Form finden lassen werde, um die Über- 
tragung der Vollmacht auf die Hauptgesellschaft bewirken zu 
können. Dieses Vertrauen hat Lesseps schmählich getäuscht. 
Mit einer Rücksichtslosigkeit sondergleichen, mit Ränken und 
Schlichen aller Art — selbst vor Urkundenfälschungen nicht 
zurückschreckend — , hat er es fertig gebracht, die alte Gesell- 
schaft beiseite zu schieben und — seine Konzessionsurkunde 
in der Tasche — eine eigene, und zwar lediglich französische 
Gesellschaft zu gründen: die ,,Compagnie universelle du Canal 
de Suez". 

Mit ihrer Hilfe ist er der eigentliche Erbauer des Kanals 
geworden und hat — dieses Verdienst soll ihm nicht bestritten 
werden — mit ungewöhnlicher Energie die unzähligen techni- 



188 Steindorff, Die Ostgrenze Ägyptens und der Suezkanal. 

sehen, klimatischen und diplomatischen Schwierigkeiten glücklich 
überwunden und schließlich dem großen Werke zum Siege 
verholfen. 

Die Ansprüche der deutschen und österreichischen Mitglieder 
der Studiengesellschaft waren durch Lesseps' Machenschaften 
geschickt unterdrückt, ihre Rechte ohne weiteres anuliert wor- 
den; der Name Negrelli wurde überhaupt nicht mehr genannt. 
Neuerdings sind nun die verbrieften Rechte der Mitglieder der 
deutsch-österreichischen Gruppe von deren Erben, namentlich 
von der Tochter Negrellis vor den Pariser Gerichten geltend- 
gemacht worden; ein umfangreiches Belastungsmaterial gegen 
Lesseps und die Suezkanalgesellschaft wurde vorgelegt — aber 
bei dem starken Einfluß, den die Suezkanalgesellschaft auch 
auf die innere Politik Frankreichs und somit auch auf die 
Rechtsprechung ausübt, ist bisher keiner der Prozesse zugunsten 
der deutsch - österreichischen Kläger entschieden worden. Auf 
den Verlauf dieses Rechtsstreites kann hier nicht näher ein- 
gegangen werden; nur ein Kuriosum, das des pikanten Bei- 
geschmacks nicht entbehrt, möge bei dieser Gelegenheit er- 
wähnt werden x ). 

Als Negrellis Tochter im Jahre 1900 selbst nach Paris 
gereist war, um ihre und ihrer Verwandten Ansprüche bei den 
französischen Gerichten geltend zu machen, überlegte sie lange, 
welchen der berühmtesten Advokaten sie sich als Rechtsbeistand 
auswählen sollte. Da fiel ihre Wahl auf den damals noch jungen 
Raymond Poincare. Er war zu jener Zeit schon Deputierter 
und Minister der schönen Künste gewesen, galt als ebenso ehr- 
geizig, wie unbestechlich. Er erklärte sich nach anfänglichen 
Bedenken schließlich bereit, die Vertretung der Negrellis zu 
übernehmen — wohl weniger aus Interesse an der Sache, als 
in der Hoffnung, den Prozeß politisch verwerten und mit seiner 
Hilfe die politischen Höhen erklimmen zu können. Bald aber 
führten ihn seine politischen Wege in die Nähe der Suezkanal- 
gesellschaft, vor allem in Beziehungen zu dem Verwaltungsrat 
der Gesellschaft, Jonnart, der der Gruppe der sozialen Pro- 
gressisten angehörte, die Poincare' zum Ministerpräsidenten 
machen wollte. Das vertrug sich natürlich nicht mit den Pflichten 
des Anwalts einer Streitsache, die gegen die Interessen der Gesell- 



l ) Hierüber gibt der Aufsatz „Poincare als Anwalt der Frau von Ne- 
grelli" in der „Österr. Illustrierten Rundschau", 3. Jahrg., Heft 7, am besten 
Aufschluß. 



Steindorff. Die Ostgrenze Ägyptens und der Suezkanal. 189 

schaft gerichtet war. Und so wurden Poincares Beziehungen 
zu Negrellis Erben gelöst. — 

Im November 1869 war der Suezkanal vollendet und wurde 
unter märchenhaften Festlichkeiten, die der Khedive Ismail 
veranstaltete, dem Weltverkehr übergeben. 

Bekanntlich hatte der Plan des Suezkanals stets den größten 
Widerstand bei der englischen Regierung gefunden. England 
hegte wohl den Wunsch, eine leichtere und direktere Verbindung 
mit seinen großen indischen Besitzungen zu gewinnen; aber 
auf der anderen Seite stand die Furcht, daß nun auch andere 
Nationen von den Vorteilen der neuen Straße Gebrauch machen 
könnten und daß dadurch sein Handel mit Indien Schaden 
erleiden möchte. Dazu sagte man sich in London mit vollem 
Rechte, daß, wenn Frankreich den Kanal ausführe, sein Ein- 
fluß sich nur noch stärker als bisher am Nil geltend machen und 
es sich vielleicht gar wieder zum Oberherrn des reichen Landes 
machen würde. England stachelte die Türkei auf — kein Mittel 
wurde gescheut, dem unbequemen Projekt entgegenzuarbeiten. 
Als aber trotz alledem der Kanal zustande gekommen war und 
sich bald seine ungeheure Wichtigkeit für den Weltverkehr 
und, nachdem die ersten Krisen überwunden waren, auch seine 
Rentabilität herausstellte, setzte England alles daran, den Kanal 
politisch und auch wirtschaftlich unter seinen Einfluß zu bringen. 
Aden war bereits 1839 in englische Gewalt gekommen und zum 
Gibraltar des Orients geworden. Gelang es den Engländern 
nun noch, sich den Besitz des Suezkanals zu sichern, so war 
auch das Rote Meer ein englisches Mare clausum. 

Als durch die Verschwendungssucht des Vizekönigs Ismail 
zu Anfang der 70 er Jahre die Schuldenlast Ägyptens mehr 
und mehr gewachsen war, und sich der leichtsinnige Fürst in 
seinen Finanznöten nicht mehr zu helfen wußte, benutzte Eng- 
land diese Gelegenheit, die in den Händen Ismails befindlichen 
176602 Stück Kanalaktien zum Preise von rund 4 Mill. Pfund 
Sterling anzukaufen und dadurch den Suezkanal wirtschaftlich 
in englischen Besitz und unter vorwiegend englischen Einfluß 
zu bringen. 

Mehr als England hatten Deutschland und Österreich er- 
kannt, welche Bedeutung der neuen Seestraße für Handel und 
Wandel der Völker zukomme. Schon kurze Zeit nach Eröff- 
nung des Suezkanals wies z. B. der österreichische Gesandte 
in einem Bericht an seine Regierung darauf hin, daß Osterreich, 
begünstigt durch die Nähe des Suezkanals, mit der Zeit der 



190 Steindorff, Die Ostgrenze Ägyptens und der Suezkanal. 

Transportvermittler des eigenen und des Bedarfs von Deutsch- 
land und Mitteleuropa werden könne, und daß hierbei die In- 
teressen Österreichs mit denen Deutschlands identisch seien; 
Triest müsse das südliche Hamburg Deutschlands und Öster- 
reichs werden. Wie stark die Schiffahrt der Mittelmächte im 
Suezkanalverkehr unmittelbar vor dem Kriege gewesen ist, zeigt 
die Tatsache, daß an den 5373 Schiffen, die im Jahre 1912 
den Kanal passierten, nächst England, das mit 3335 Dampfern 
vertreten war, Deutschland den größten Anteil mit 698 hatte- 
Sodann folgen die Niederlande mit 343, Österreich-Ungarn mit 
248, Frankreich mit 220 Schiffen. 

Daß es für die Mittelmächte angesichts dieser starken Schiff- 
fahrtsinteressen eine Notwendigkeit ist, auch in Zukunft die 
fortdauernde freie Benutzbarkeit des Suezkanals sich zu sichern, 
liegt auf der Hand. 

Eine wesentliche und schwierige Frage, die man bereits 
während des Baus erwogen hatte, war bei der Eröffnung des 
Kanals noch ungelöst: wie konnte der Kanal, an dem alle 
Nationen gleiches Interesse hatten, völkerrechtlich gesichert 
und die Schiffahrt auf ihm während eines Krieges jeder feind- 
lichen Handlung entzogen werden? Schon Lesseps hatte ver- 
schiedene Vorschläge gemacht, den Kanal zu neutralisieren, 
und als die Pforte 1866 nach langem Schwanken schließlich 
die Genehmigung des Unternehmens erteilte, war auch ihre 
wesentlichste Bedingung die Neutralisierung der Wasserstraße. 
Die Verhandlungen zwischen den verschiedenen Kabinetten 
setzten denn auch sofort nach der Vollendung ein. Konferenzen 
über Konferenzen wurden abgehalten, immer neue Entwürfe und 
Kompromißentwürfe aufgestellt; aber es dauerte fast zwanzig 
Jahre, bis endlich ein völliges Einvernehmen unter den Mächten 
erzielt wurde. 

In dem vielgenannten Vertrage von Konstantinopel vom 
29. Oktober 1888 wurde „eine endgültige, die freie Benutzung 
des Suezkanals zu jeder Zeit und für alle Mächte sicher stellende 
Regelung herbeigeführt". Die entscheidenden Artikel dieses 
Vertrages sind die folgenden: 

Art. 1. Der maritime Suezkanal wird stets, in Kriegszeiten wie 
in Friedenszeiten, jedem Handels- und Kriegsschiffe ohne Unterschied 
der Flagge frei und offen stehen. Dementsprechend kommen die 
vertragschließenden Teile überein, die freie Benutzung des Kanals in 
Kriegs- wie in Friedenszeiten nicht zu beeinträchtigen. Der Kanal 
wird niemals der Ausübung des Blockaderechts unterworfen werden. 



Steindorff, Die Ostgrenze Ägyptens und der Suezkanal. 191 

Danach steht die freie Durchfahrt in Kriegszeiten selbst 
den Kriegsschiffen der kriegführenden Mächte zu. Mit Recht 
hat daher Laband x ) darauf hingewiesen, daß es unzutreffend 
ist, den Kanal als neutralisiert zu bezeichnen, da in diesem 
Falle die Kriegführenden gerade von seiner Benutzung aus- 
geschlossen werden. 

Art. 4. Da der maritime Kanal laut Artikel 1 des gegenwärtigen 
Vertrages in Kriegszeiten selbst den Kriegsschiffen der Kriegführenden 
als freie Durchfahrt offen steht, so wird bestimmt, daß kein Kriegs- 
recht, kein Akt der Feindseligkeit, noch auch irgend ein Akt zum 
Zwecke, die freie Schiffahrt auf dem Kanal zu hindern, im Kanal und 
in seinen Einfahrtshäfen, sowie im Umkreise von drei Seemeilen von 
diesen Häfen ausgeübt werden darf, selbst falls das ottomanische Eeich 
eine der kriegführenden Mächte wäre. 

Mit der Ausführung des Vertrages wurden die in Ägypten 
bestellten Agenten der den Vertrag schließenden Mächte beauftragt, 
also die Vertreter des Deutschen Reiches, Österreich- Ungarns, 
Frankreichs, Großbritanniens, Italiens, der Niederlande, Ruß- 
lands, Spaniens und der Türkei. 

Bei jedem Anlasse, wo die Sicherheit des Kanals oder die freie 
Durchfahrt durch denselben bedroht sein sollte, werden diese auf Be- 
gehren von dreien unter ihnen und unter Vorsitz des Doyens zusammen- 
treten, um die nötigen Feststellungen vorzunehmen. Sie werden die 
Regierung des Khedive von der Gefahr, welche sie erkennen, in 
Kenntnis setzen, damit dieselbe die geeigneten Maßregeln zum Schutze 
des Kanals und zur Sicherung seiner freien Benutzung ergreife. — 

Sollte aber die ägyptische Regierung nicht über hinreichende 
Mittel verfügen, um der Durchführung des Vertrages Achtung zu ver- 
schaffen, so hat sie sich an die Kaiserlich Ottomanische Regierung zu 
wenden, die die erforderlichen Maßnahmen zu treffen hat. 

Man kann sich beim Lesen dieses letzten Artikels eines 
Lächelns nicht erwehren und muß sich die Frage vorlegen: 
Was sind überhaupt Verträge? Schon in dem ersten Falle, 
wo diese Vertragsbestimmung Bedeutung gewann, war sie nicht 
durchzuführen: in einem Augenblicke, wo die ägyptische Re- 
gierung von England geleitet wurde und von den 9 Vertrags- 
staaten nicht weniger als 7 im Kriege miteinander standen. 

Nach dem Vertrage dürfen auch im Gebiete des Kanals 
keine Minen gelegt, keine Schiffe gekapert oder mit Beschlag 
belegt und keine die freie Durchfahrt hindernden Vorkehrungen 
getroffen werden; — auch hier ist gerade das Gegenteil ge- 
schehen: im Suezkanal und seinen Häfen liegen oder lagen, 



*) Deutsche Juristen-Zeitung, 19. Jahrg., Nr. 13—24 (1. Dezember 1914), 
S. 1313 ff. 



192 Stein dorff, Die Ostgrenze Ägyptens und der Suezkanal. 

Zeitungsberichten zufolge, nicht weniger als 18 gekaperte Han- 
delsschiffe Bremer und Hamburger Reedereien. Und wie sehr 
das Kanalgelände zum Kriegsgebiet gemacht worden ist, das 
haben die bisherigen militärischen Unternehmungen zur Genüge 
gezeigt. 



Wie werden sich nun solche Ereignisse, wie wir sie jetzt 
am Suezkanal erlebt haben, in Zukunft vermeiden lassen; wie 
wird nach dem Weltkriege eine wirkliche Neutralisierung dieser 
wichtigen Seehandelsstraße zu erreichen sein? Die Weltpolitik 
der Mittelmächte erfordert unbedingt, daß bei der großen Schluß- 
abrechnung auch die Sicherung des Suezkanals als ein Haupt- 
posten eingestellt werde. Diese Sicherung hängt aber auf das 
engste zusammen mit der künftigen Gestaltung der ägyptischen 
Verhältnisse; denn darüber darf man sich keinem Zweifel hin- 
geben, daß diejenige Nation, die Ägypten in ihrer Hand hält, 
zunächst auch die Macht besitzt, die Kontrolle über den Suez- 
kanal auszuüben. 

Wir können nur hoffen und wünschen, daß es gelinge, 
die englische Herrschaft über das Nilland zu beseitigen und 
aus Ägypten, das jetzt britisches Protektorat unter der „Re- 
gierung" eines völlig willenlosen Scheinsultans geworden ist, 
einen selbständigen, etwa unter türkischer Oberhoheit stehenden 
Staat zu machen. Dann wird natürlich von selbst die aus- 
schließlich englische oder vielleicht englisch- französische Ver- 
waltung und Beherrschung des Suezkanals aufhören, und der 
Kanal tatsächlich das werden, was er nach dem Vertrag von 
Konstantinopel sein sollte: eine allen Mächten in Kriegs- wie 
in Friedenszeiten offene und freie Seestraße. 

Nehmen wir aber den für die Mittelmächte weniger gün- 
stigen Fall an, daß England seine Vormacht über Ägypten auch 
nach dem Kriege aufrecht zu erhalten vermag und am Nile 
alle Souveränitätsrechte ausübt: wie lassen sich dann sichere, 
nicht willkürlich zu beseitigende Garantien für die Freiheit des 
Suezkanals gewinnen? Ich gehöre nicht zu den kühnen Op- 
timisten, die da vorschlagen, daß Deutschland sich einen Teil 
der von Frankreich zu fordernden Kriegsentschädigung in Suez- 
kanalaktien auszahlen lassen solle, so daß es neben England zu 
einem Haupteigentümer des Kanals werde und mühelos einen 
maßgebenden Einfluß auf dessen Verwaltung gewinne. Um 
dieses schöne Ziel zu erreichen, müßte eine Vorbedingung 



Steindorff, Die Ostgrenze Ägyptens und der Suezkanal. 193 

gegeben sein, daß der französische Staat die fraglichen Anteils- 
scheine auch besitze und daß sie sich nicht etwa, was aber 
wohl in Wirklichkeit der Fall ist, in Privateigentum befinden 
und dem Staate gar nicht zur Verfügung stehen. 

Gangbarer ist vielleicht ein anderer Weg, daß nämlich die 
Ansprüche der seinerzeit von Lesseps schnöde hintergangenen 
deutsch - österreichischen Gründergruppe des Kanals zu An- 
sprüchen des Deutschen Reiches und Österreich-Ungarns um- 
gestaltet und, durch Wiederherstellung dieser Rechte, diejenigen 
Zustände in der Verwaltung und Nutzung des Suezkanals ge- 
schaffen werden, die den ursprünglichen Vereinbarungen der 
Gründer Rechnung tragen. Dann wird ein altes, schweres Un- 
recht gut gemacht und der schon von Enfantin beabsichtigte 
internationale Charakter der Wasserstraße hergestellt werden. 
Freilich eine Freihaltung des Suezkanals, seine wirkliche 
Neutralisierung im Falle eines künftigen Krieges, bei dem das 
britische Reich wieder in Mitleidenschaft gezogen wäre, ließe 
sich selbst durch die weitgehendeste Beteiligung Deutschlands 
an dem Besitze und der Verwaltung des Kanals nicht erzielen. 
Auch wenn Deutschland Millionen von Aktien in seiner Hand 
hielte, so würde es doch nicht den Kanal vor jedem Gewaltakt 
schützen und etwa verhindern können, daß die in Ägypten 
herrschenden Engländer, den völkerrechtlichen Bestimmungen 
zum Trotz, an den Kanalufern Feldbefestigungen anlegen oder 
andere kriegerische Maßnahmen in der neutralen Zone des 
Kanals treffen. 

Eine wirkliche Sicherung des Suezkanals, auch für den Fall 
eines Krieges, ist nur dann zu erreichen, wenn die Ostgrenze 
Ägyptens anders gelegt wird, als sie von den Engländern in 
kluger Voraussicht künftiger Ereignisse durch den Vertrag von 
1906 geschaffen worden ist. Wenn die englisch-ägyptische Re- 
gierung auf den Besitz der Sinaihalbinsel damals so großes 
Gewicht gelegt hat und, um die Grenzlinie Teil Rifäh — Akaba 
festzuhalten, nicht vor einem schweren Konflikt mit dem otto- 
manischen Reiche zurückgeschreckt ist, so dachte sie nicht an 
eine künftige wirtschaftliche Aubeutung dieser armseligen Wüsten- 
gebiete. Sie hoffte nicht phantastisch auf noch nicht gefundene 
und durch die Wünschelrute hervorzuzaubernde Wasserquellen, 
auf die Produkte der noch unentdeckten Mineral- und Kohlen- 
lager. Die Sinaihalbinsel sollte das feste, nicht zu überwindende 
Bollwerk zum Schutze des Suezkanals werden. Glücklicherweise 
ist auch auf diesem Kriegsschauplatze eine falsche Rechnung 

Zeitschrift für Politik. 10. 13 



194 Steindorff, Die Ostgrenze Ägyptens und der Suezkanal. 

gemacht worden. Die staunenswerten Leistungen der Techniker 
und die Kraftanstrengungen der türkischen Truppen haben durch 
die Wüsten und Berge der Sinaihalbinsel Wege gebahnt und 
sind allen Schwierigkeiten und Entbehrungen trotzend bis an 
den Suezkanal vorgedrungen. Dauernd und fest an ihm Fuß 
zu fassen war freilich nicht möglich; das hat schließlich doch 
die menschenfeindliche schroffe Natur des Landes und die noch 
mangelhafte Beschaffenheit der Zugangsstraßen verhindert. Um 
so mehr muß aber bei dem künftigen Friedensschlüsse alles 
versucht werden, um den Schutzwall des Sinai niederzulegen, 
die bisherige unnatürliche Schutzgrenze Ägyptens zu beseitigen 
und den Suezkanal selbst zum Grenzflusse zwischen Afrika und 
Asien, zwischen Ägypten und der Türkei zu machen. Dann 
wird vom Ostufer des Kanals aus eine Kontrolle über die große 
Wasserstraße und ihre Westufer ausgeübt und jede feindselige 
Vorbereitung schon im Frieden verhindert werden können. 



IV. 



Das Wahlrecht 

in Wilhelm von Humboldts Entwurf einer Ständischen 

Verfassung für Preußen vom Jahre 1819 

Von Siegfried Kaehler 
Dr. Berthold von Möller zum Gedächtnis 

Motto: „Eine Verbesserung der Militärverfassung allein hätte 
noch nicht geholfen; man mußte sich entschließen, jene 
schlummernden Geister der Nationen, von denen bisher 
das Leben mehr unbewußt getragen worden, zu selbst- 
bewußter Tätigkeit aufzuwecken." 

Ranke, Die großen Mächte. 
(Abhandlungen und Versuche I, 1872, p. 37.) 

IV. Das Wahlrecht Humboldts in Beziehung 
auf den Begriff der volonte generale. 

V. Begründung und Bedeutung des direkten 
Wahlrechtes. 

VI. Die Gleichheit der Wahlfunktion bezogen 
auf die Staatseinheit. 



,po- 



I. Geschichtliche Voraussetzungen. 
1I„ Begründung des Wahlrechtes auf die 

litische Korporation". 
III . DasWahlrecht in Beziehung auf das Problem 

der Staatseinheit. 



I. 

Außer der Beamtenernennung durch den Landesherrn und 
außer dem Anfalle ständischer Gerechtsame und patrimonialer 
Obrigkeit durch Erbgang gibt es im alten Preußen auch eine 
Übertragung öffentlicher Funktionen durch Wahl *). Sie trägt 
ihr besonderes Gepräge von zwei Merkmalen, welche ihre Wirk- 
samkeit beschränken und zugleich ihr Wesen von dem der 
heutigen Wahl deutlich abheben: Sie wird nur ausgeübt von 
Korporationen; und die aus ihrer Wahl hervorgegangenen 
öffentlichen Organe bedürfen, mit einigen Ausnahmen, landes- 

*) Zu folgendem ist zu vergleichen: Max Lehmann, Freiherr vom 
Stein, Bd. H, 1903. (Weiter zitiert Lehmann, Bd. II.): Das alte Preußen, 
V. Abschn.; v. Meier, Beform der Verwaltungsorganisation unter Stein und 
Hardenberg, 2. Aufl. bes. v. Thimme, 1912. (Weiter zitiert v. Meier, Beform), 
I. Abschn., Kap. 4/5, IV. Abschn., Kap. 2. H. Preuß, Städtisches Amts- 
recht, 1902. 

13* 



196 Kaeh ler, Wahlrecht in v. Humboldts Entwurf e. Stand. Verfassung v.J. 1819. 

herrlicher Bestätigung. Es handelt sich dabei um ständische 
und um städtische Wahlen. In dem Falle der Kreisstandschaft 
wird der Gewählte aus der Körperschaft selbst delegiert. Ist 
er nur zu dem Behuf ständischer Vertretung oder zur Besorgung j 
rein ständischer Angelegenheiten bestimmt, wie es z. B. bei den 
ritterschaftlichen Deputierten zum kurmärkischen Landtag in ! 
Berlin oder bei den Verordneten zum kurmärkischen Kredit- j 
werk der Fall ist, so bedarf es einer Bestätigung der Wahl j 
nicht 1 ). Handelt es sich aber um ein ständisches Amt, dessen j 
Bereich über das ständische Interesse hinaus in das staatlicher j 
Verwaltung übergreift — so bei Bestellung von Landrat, Kreis- i 
deputierten und Deichhauptmann — , dann bewirkt die ständische \ 
Wahl nur die Präsentation, und der Gewählte gelangt zum I 
Amtsantritt erst durch unmittelbare Bestätigung des Königs j 
oder durch die mittelbare königlicher Behörden 2 ). Das stän- k 
dische Wahlrecht besitzt also im 18. Jahrhundert bei der un-i 
mittelbaren Berührung mit der staatlichen Sphäre keine autonom ! 
wirkende Kraft mehr und bleibt auf die Form der Nominierung i 
beschränkt 3 ). Ebenso liegen die Dinge beim städtischen Wahl- 
recht, welches in der Hauptsache nur für die Zusammensetzung 
der Magistrate in Betracht kommt und in jedem Falle der j 
Bestätigung der königlichen Behörden bedarf 4 ). Es unterscheidet I 
sich von dem ständischen Wahlrecht, das wir als Delegierung}] 
bezeichneten, nach seiner Wirkung dadurch, daß in der Stadt 
die privilegierte Korporation erst durch das Wahlrecht zustande i 
kommt, indem das Kollegium — auf dem Wege der ,,patri-jj 
monialen Selbsterzeugung der Obrigkeit" 5 ) — durch Wahl aus 



1 ) v. Bassewitz, Die Kurmark Brandenburg, Bd. I, 1847, p. 132,! 
135/136. 

2 ) 1. c. 166. 

3 ) v. Below, Territorium und Stadt, p. 209 ff. v. B. behandelt die 
Deputiertenwahl des amtssässigen Adels in Kursachsen und Ostpreußen und 1 , 
bemerkt dazu : „Es handelt sich hier nicht um eigentliche Wahl der Ver-I 
treter. Es war nämlich Sitte, daß die Edelleute eines Amtsbezirkes im Be- 
suche der Landtage wechselten, damit alle an die Keihe kämen." Trotzdem, 
wird auch auf die hier und unten angeführten Fälle Jellineks Definition, 
Anwendung finden: „Wählen im staatsrechtlichen Sinn ist Ernennung eines ; 
Staatsorganes, im weitesten Sinne des Organes irgend eines Gemeinwesens 
durch eine Mehrheit von physischen Einzelwillen, aus welchen durch Rechts-; 
Vorschriften ein einheitlicher Wille gebildet wird. Schon die Ernennung, 
durch eine kollegiale Behörde kann daher als Wahl bezeichnet 1 
werden." (System der subjektiven öffentlichen Rechte, 1892, p. 151.) 

4 ) v. Meier, 1. c. 75. 

5 ) Preuß, 1. c. 41. 



I 



Kaehler,Wahlrechtinv.HumboldtsEntwurfe.Ständ.Verfassungv.J. 1819. 197 

einer Reihe von Bewerbern oder Präsentierten die jeweils not- 
wendige Ergänzung ihrer Zahl mittels der Kooptation herbei- 
führt 1 ). Für diesen Zustand hat das A.L.R. die Norm auf- 
gestellt: „Wo die Gemeinde das Wahlrecht hat, wird selbiges 
der Regel nach durch die Magistrate ausgeübt 2 )." Neben dieser 
unbeschränkten Kooptation der Magistrate findet sich dort, wo 
sogenannte Repräsentanten der Bürgerschaft vorgesehen sind, 
ein durch Präsentation der „Stadtverordneten" eingeschränktes 
Ernennungsrecht des Magistrates für diese Kollegien 3 ). Das 
Wahlrecht des 18. Jahrhunderts in Preußen, dessen Haupttypen 
etwa hier bezeichnet wurden, stellt sich somit dar als ein inter- 
korporatives und heteronomer Bestätigung bedürftiges Recht, 
das überdies, wenn man auf das Ganze der staatlichen Ver- 
hältnisse sieht, nicht nur keine Verbindung, vielmehr Trennung 
der mit ihm ausgestatteten Volkskreise voneinander bewirken 
muß. 

Gerade das Gegenteil dieser verderblichen, isolierenden 
Wirkung erwartete der Gesetzgeber von dem Wahlrecht der 
Städteordnung von 1808. Institutionell zwar besteht eine Art 
von Kontinuität zwischen dem alten und dem neuen Wahl- 
verfahren durch die Bestimmung, daß die äußeren Formen der 
Wahl in Anlehnung an jeweils bestehendes Herkommen für 
das erste Mal zu gestalten seien 4 ). Prinzipiell aber stehen das 
alte und neue Wahlrecht nach ihrer Begründung wie nach 
ihren Zielen im vollendeten Gegensatz. An die Stelle des Wahl- 
privilegs von Magistrat, Repräsentanten, Innungen und Zünften 
tritt die Wahl der Bürgergemeinde, in der Form eines nicht 
schlechthin allgemein, aber einheitlich gedachten Wahlrechts 
der Bürger, auf Grundbesitz oder bestimmtem Zensus beruhend. 
Und mit dem Wahlprivileg verschwindet auch die „privat- 

i rechtliche" Einrichtung von Vollmacht und Instruktion 5 ). Die 
grundsätzliche Bedeutung des Wahlrechts, wie die Städteordnung 

j unter dem Einfluß Freys es ausgebaut hat, ist nicht nur von 
Max Lehmann in etwas enthusiastischer Weise, sondern auch 
von seinem Gegner E. v. Meier, wenn auch widerwillig genug, 
anerkannt worden 6 ). Die Städteordnung enthält die erste 



x ) v. Meier, 1. c. 

') A.L.R, Teil II, Tit. 8, § 122; v. Meier, 1. c. 77. 

9 ) 1. c. 83/84. 4 ) 1. c. 79. 6 ) 1. c. 81. 

6 ) Lehmann II p. 452 ff.; v. Meier, Französische Einflüsse auf die 
Staats- und Rechtsentwicklung Preußens im 19. Jahrh., Bd. II, 1908, p. 315 ff. 
Weiter zitiert v. Meier II. 



198 Kaehler, Wahlrecht in v. Humboldts Entwurf e. Stand. Verfassung v. J. 1 819. 

öffentlichrechtliche Formulierung des Repräsentativprinzipes 
innerhalb der preußischen Gesetzgebung. Die von der Gesamt- 
heit der „Bürger" gewählten Stadtverordneten sollen sich daran 
halten, so heißt es in dem vielberufenen § 110, daß „das Gesetz 
und ihre Wahl ihre Vollmacht, ihre "Überzeugung und ihre 
Ansicht vom gemeinen Besten der Stadt ihre Instruktion sind, ; 
ihr Gewissen aber die Behörde, der sie deshalb Rechenschaft 
zu geben haben. Sie sind im vollsten Sinne Vertreter der ; 
ganzen Bürgerschaft." E. v. Meier hat in diesem Passus einen I 
„Phrasenartikel" sehen wollen; und man wird sich auch eines 
gewissen Kontrastgefühles nicht erwehren können, wenn man ; 
das hochgetragene Pathos dieser Worte in Gedanken in Be- 
ziehung bringt zu den kleinen und oft kleinlichen Verhältnissen 
ostelbischer Landstädtchen, deren Vorstehern dieser Satz Norm 
ihres Handelns sein sollte 1 ). Und doch, — auch wenn es in den 
meisten Fällen zutrifft, daß die Tätigkeit der Stadtverordneten 
„fast nur mit materiellen Interessen" sich befaßt 2 ) — so wird 
jener Eindruck des Kontrastes von Ideal und Wirklichkeit durch 
den anderen verdrängt werden, daß hinter den schwungvollen - 
Worten eine tiefe und großzügige Anschauung sich birgt, die 
auch das Kleine unter großem Gesichtspunkt erfaßt. Getragen 
von jenem „veredelnden Zutrauen zum Menschen" 3 ) ist sie 
davon durchdrungen, daß eine neue Beziehung zwischen dem 

1 ) 1. c. 321. Das Niveau, von dem aus der Streit v. Meier-Lehmann 
geführt ist, rückt in sehr bezeichnende Beleuchtung, wenn man die Bemer- 
kungen nebeneinander stellt, welche beide zu der in der St.O., abweichend 
vom französischen Vorbild (Constit. v. 1791, Titre III c. 1, Sect. 1, a. 7), 
hervorgehobenen Bedeutung des „Gewissens" für die öffentliche Wirksamkeit 
gemacht haben. Wfihrend L. (1. c. 453) fein beobachtet, wie der „deutsche 
Kantianer" (Frey) den Bestimmungen der französischen Gesetze „den Appell 
an das Gewissen hinzugefügt" habe, kommt v. M. nach einem Rückblick auf 
die Misere kleinstädtischer Interessenpolitik zu dem Urteil: „Im großen und 
ganzen handelt es sich hier um eine jener Nonnen, die ebensogut hätten 
wegbleiben können, ohne daß die städtischen Angelegenheiten sich irgendwie 
anders entwickelt haben würden. Es ist das einer jener .Phrasenartikel', 
der etwa auf derselben Höhe steht, wie jener andere Importartikel ,Die 
Wissenschaft und ihre Lehre ist frei'. Auch in der Fassung haftet ihm etwas 
Phrasenhaftes an. Das Gewissen ist doch keine Behörde usw." 
Vgl. dazu neuerdings in „Beform", 2. Aufl., 480, A. 169, die Bemerkung 
Thimmes, welcher nicht im Verdacht stehen kann, v. Meiers Autorität nicht 
hoch genug einzuschätzen, v. M. findet Zustimmung bei Hintze, Br.Pr.Fg. 
XXI, 320. 

2 ) v. Meier II 319. 

s ) Lehmann II 458; Freys Denkschrift beginnt mit den Worten: 
„Zutrauen veredelt den Menschen, ewige Vormundschaft hemmt sein Reifen. 1 ' 



Ka e h 1 e r , Wahlrecht in v. Humboldts Entwurf e. Ständ.Verfassung v. J. 1819. 199 

Leben des Einzelnen und dem Leben der Gesamtheit, zum 
mindesten in der Idee, wirksam zu werden im Begriff steht; 
eine Verbindung, die, wie Stein wohl an Eichhorn schreibt, 
„sich bildet aus der unmittelbaren Teilnahme am Öffentlichen 
als Gemeingeist, der entspringt aus der Liebe zur Genossen- 
schaft, deren Mitglied man ist, und durch sie sich erhebt zur 
Vaterlandsliebe" a ), und deren innerstes Prinzip es ist, „nach 
Kantischer Ansicht zu handeln in jedem Augenblick als handle 
man für die Ewigkeit" 2 ). 

„Wenn man sagt, daß sie (die St.O.) einen regen und 
lebendigen Bürgersinn voraussetze, so fordert man dasjenige 
mit ihrem Daseyn, was sie erst hervorbringen soll" 3 ) — so 
verteidigt Humboldt in der Städteordnung zugleich das eigene 
Unternehmen gegen mißtrauende Verständnislosigkeit. Und 
wie er die innere Verwandtschaft des Gesetzes mit dem Geist 
ständischer Verfassung in dem gemeinsamen Ziel der Erweckung 
des Gemeingeistes deutlich werden läßt (E. I § 3, 2 und sonst), 
so sieht er in der Städteordnung den schon in der Wirklichkeit 
gegebenen Kern, an welchen die geplanten ständischen Institu- 
tionen sich angliedern sollen 4 ); so übernimmt er aus ihr den 



*) G. H. Pertz, Denkschriften des Ministers Frh. v. Stein über deutsche 
Verfassungen, Berlin 1848, p. 39. (Zitiert Pertz, Denkschr.) 

2 ) Hb. an Nicolovius, 25. III. 1809: „. . . . Ein Postulat in weiland 
Kantischem Sinne. ,Um auch nur für den Augenblick mit Wirksamkeit 
handeln zu können, muß man annehmen, das Handeln sei für die Ewigkeit.'" 
Quellenschriften zur deutschen Literaturgeschichte, hgg. v. A. Weitzmann, 
I, 1894, p. 6. 

3 ) Wilhelm v. Humboldts Gesammelte Schriften, herausgegeben von 
der K. Pr. Akademie der Wissenschaften, Berlin 1903. (Im folgenden zitiert: 
G. S. I etc. Die beiden Denkschriften zur Ständischen Verfassung finden 
sich G. S. XH und zwar die vom 4. n. 1819 p. 225—296; die vom Oktober 
1819 p. 381—455. Sie werden zitiert als E. I und E. H.) E. H 28. Vgl. dazu 
den typischen Angriff v. Massows auf die St.O. v. Meier, Reform 2. Aufl. 
477 A. 153 und das entgegengesetzte Gutachten Dohnas. 

4 ) E. I § 63 und sonst; bes. E. II, p. 419. Im Konzept von E. I § 63 
stand noch der Passus (G. S. Xn 253 A); „Es wäre aber zu untersuchen, ob 
dieselbe in der Ausarbeitung und hernach in der Ausführung nicht von dem 
Geiste abgewichen ist, in dem der erste Entwurf dazu gemacht war, und 
inwiefern sie in Rücksicht auf die allgemeine Verfassung vielleicht Abänderung 
erforderte." Dieser Passus ist dann gestrichen, und es findet sich in den 
beiden Entwürfen kein Anhalt dafür, in welcher Richtung Hb. eine Revision 
gewünscht hätte. Im November 1819 hat er sich sehr deutlich gegen die 
Tendenz auf Verlängerung der Wahlfristen der Ehrenämter ausgesprochen 
(XH 469 ff.) ; und aus der Arbeit vom Januar 1831 (1. c. 527 ff.) geht hervor, 
daß Hb. später sogar der Bezirkswahl wegen ihres allgemeineren Charakters 



200 K a e h 1 e r , Wahlrecht in v. Humboldts Entwurf e. Ständ.Verfassung v. J. 1819. 

Grundsatz, daß die Abgeordneten der Provinzial- und Allgemeinen 
Stände „sich nicht als Mandatarien der Distrikte oder Stände 
ansehen, welche sie gewählt haben, sondern ihrer eigenen freien 
Überzeugung folgen müssen" *). Wenn dies Verhältnis der 
Abhängigkeit vom Vorbilde gewiß nicht in jeder Beziehung 
zwischen der Städteordnung und Humboldts Entwürfen besteht, 
so trifft es gerade im Blick auf das gemeinsame Ziel und auf 
das neue Mittel, dessen beide sich zur Begründung politischer 
Beziehungen bedienen, bei dem Wahlrecht in besonderer Weise 
zu. Die Städteordnung verleiht das Wahlrecht zunächst den 
mit Grundbesitz angesessenen Bürgern, den Unangesessenen 
nur nach bestimmtem Zensus 2 ) ; mit anderen Worten das Wahl- 
recht der Städteordnung, weiche neben wahlunfähigen Bürgern 
auch noch Schutzverwandte innerhalb einer und derselben 
städtischen Gemeinde kennt, ist das einer „politischen Korpo- 
ration", wie Humboldt sie zur Grundlage seines Verfassungs- 
planes machen wollte. Denn wenn Humboldt auch von dem 
Grundsatz ausgeht, daß die Wahlen zu den ständischen Be- 
hörden jeder Stufe „unmittelbar und geradezu vom Volke" 
vorzunehmen sind 3 ), so ist dabei nicht an ein „unbedingtes 
Wahlrecht aller Eingeborenen" zu denken. Nicht das Volk in 
seiner numerischen Masse, sondern das Volk, soweit es in den 
„politischen Korporationen", welche wiederum nur den Eigen- 
tümer zulassen, zusammengefaßt wird, ist Träger des Wahlrechts 4 ). 
In dieser Eigenschaft, Eigentümerwahlrecht zu sein, liegt die 
einzige wesentliche Einschränkung, welche das geplante Wahlrecht 
und zwar in der Richtung auf die Allgemeinheit erfährt. Denn 
sowohl gegen das Verfahren, durch abgestufte Wahlkollegien 
hindurch die Mitglieder der repräsentativen Körperschaften aus 
den Wahlberechtigten sorgfältig auszusieben, wie es im Frank- 
reich Napoleons und der Restauration geschah 5 ), als auch gegen 

vor der „privilegierenden" Klassen- oder Korporationswahl den Vorzug gab 
(534/35). Es kann demnach aus der Streichung des oben zitierten Passus 
im Konzept jedenfalls nicht geschlossen werden, daß Hb. die St.O. als gerade 
im Punkte des Wahlrechtes zu weitgehend ansah. 

') E. n 45. Vgl. Gendarmerieedikt I § 10. 

*) St.O. § 40, 74. 

■) E. n 37; E. I 45, 133. 

4 ) E. I 58, 61; E. H 28. 

*) Vgl. G. Meyer. Das parlamentarische Wahlrecht, hgg. v. G. Jellinek, 
1901, p. 74 ff., 87 ff. (Weiter zitiert: Meyer, P. W.) — A. Tecklenburg, 
Die Entwicklung des Wahlrechts in Frankreich seit 1789. 1911. Zitiert: 
Tecklenburg. 



K a e h 1 e r , Wahlrecht in v. Humboldts Entwurf e. Stand. Verfassung v. J. 1 81 9 . 201 

die mittelbare Wahl durch Wahlmänner verhält Humboldt sich 
durchaus ablehnend 1 ). Er folgt auch in diesem Punkt dem 
Beispiel der Städteordnung 2 ). 

II. 
Es wäre ja überhaupt irrtümlich, den heute fast mehr 
dem Gefühl als dem Begriff nach gebräuchlichen Unterschied 
zwischen kommunalem und politischem W ahlrecht auch auf die 
Entwürfe Humboldts anzuwenden. Das von ihm geplante Wahl- 
recht ist sowohl politisch wie kommunal, insofern auch das 
parlamentarische Wahlrecht zu den Allgemeinen Ständen, die 
in der Sphäre des Gesamtstaates, d. i. der „eigentlichen Sou- 
veränität" 3 ) stehen und somit unzweifelhaft rein politischer 
Natur sind, und insofern auch dieses Recht in Formen des 
kommunalen Lebens ausgeübt wird 4 ). Denn der Deputierte der 
ländlichen wie der städtischen Gemeinde geht aus derselben 
Wahl innerhalb kommunaler Körperschaften hervor, wie der 
Abgeordnete der Provinzial- und der Allgemeinen Stände; und 
ebenso besteht hinsichtlich des Kreises der Wahlberechtigten 
wie der Wahlfähigen zwischen den kommunalen und politischen 
Wahlen ein Unterschied nicht 5 ). Diese Beobachtung führt zurück 
auf den Grundsatz Humboldts von der Identität von Gemeinde 
und Wahlkorporation, von Wähler und Aktivbürger: „Glieder 
der Gemeine wären nur die Glieder von Korporationen und 

*) E. I 45, 139; E. n 37 — hier die Bezugnahme auf das französische 
Gegenbeispiel. 

2 ) St.O. § 93. 

8 ) Vgl. Einleitung zu E. II, G. S. XII 395 unt. „Historisch zu bemerken 
ist, daß die preußische Monarchie nur als Gesamtmonarchie unumschränkt 
ist" ; vgl. E. I 150 über das Verhältnis von „ständischer Verfassung" ohne 
allgemeine Stände und von „Allgemeinen Staatsmaßregeln". 

4 ) „Da alle übrigen ständischen Einrichtungen auf der Gemeindever- 
fassung als ihrer Grundlage ruhen, so sind diese in der Gemeindeordnung 
enthaltenen Bedingungen der Bürgerbefugnisse auch ebenso die Grundlage 
aller anderen, in den höheren ständischen Wirkungskreisen." E. II 23. 

6 ) Eine Ausnahme bildet allerdings die Zusammensetzung des Kreis- 
tages, E. II Art. 31. Einem Gedanken Vinckes folgend erörtert Hb. (E. I 142) 
die Frage, ob man nicht doch eine Abstufung vornehmen solle im Wahl- 
recht: Nicht jeder zu lokaler Wahl berechtigte Bauer habe das nötige Ver- 
ständnis für die weitergreifenden ständischen Wahlen; aber dieser billigen 
Erwägung stellt Hb. den Gedanken entgegen, daß man vermeiden müsse, ■ 
auf diese Weise „zwei Klassen von Landständen" entstehen zu lassen; dieser 
Gedanke der einheitlichen Ständewahl hat sich offenbar im E. II durchgesetzt, 
denn E. I 142 wird nicht mit seinem Nachbarparagraphen übernommen (E. ü 37) 
und die Frage dort auch gar nicht erörtert. 



202 K a e b 1 e r , Wahlrecht in v. Hunibol dts Entwurf e. Stand. Verfassung v. J. 181 9. 

keine anderen" 1 ). Es erhebt sich damit als nächste die Frage 
nach der Zusammensetzung sowohl wie nach der Bedeutung 
der „Korporation" innerhalb des ständischen Systems. Von der 
hohen Warte der Menschenrechte hatte die konstitutionelle 
Theorie ihren zukunftsfrohen Ausblick auf das verheißene Land 
des neuen Staates getan. Die Aufgabe, zwischen den Höhen 
des Ideals und den Niederungen der politischen Wirklichkeit, 
der sozialen Interessengegensätze, zu vermitteln, hatten die 
verschiedenen gesetzgebenden Versammlungen Frankreichs auf 
der steinigen und staubigen, nicht selten auch sumpfigen Paß- 
wanderung der Wahlrechtsgestaltung zu sehr verschiedener Lö- 
sung geführt. Seitdem findet sich kein Verfassungsinstrument 
jener Zeit, in dem nicht — sei es vom Fels oder vom Hügel 
der Menschen- oder Grundrechte — dem Staatsbürger ein solcher 
begeisternder Ausblick auf die Segnungen der kommenden Zeit 
geboten würde. Die Wirklichkeit der politischen Aktivierung 
des Bürgers durch das Wahlrecht mochte oft genug von um 
so tieferem Schatten bedeckt sein, je höher der Berg der Theorie 
sich zum Himmel erhoben hatte. Es fehlen denn die Grund- 
rechte auch in Humboldts Plänen nicht. Fällt sonst wohl der 
Gegensatz zwischen Grund- und Wahlrecht sofort ins Auge, so 
überrascht bei Humboldt die geringe Spannung zwischen dem 
idealen und dem realen Element der subjektiven Rechte — die 
Grundrechte sind an Zahl gering und von nüchtern bemessener 
Tragweite; so wird im besonderen bei näherer Betrachtung die 
Gleichartigkeit im Aufbau beider deutlich. Humboldt ist weit 
entfernt davon, die Grundrechte als eine Mitgift anzusehen, 
welche der Mensch aus dem vorstaatlichen Zustand in den 
politischen Verband mit hinüberbringt, oder irgendwelche kau- 
salen Beziehungen zwischen ihnen und dem Staat anzunehmen, 
wie es in der Declaration von 1789 geschieht 2 ). Vom Staate 
vielmehr läßt Humboldt diese Rechte dem einzelnen erteilt 
werden ; es sind nicht absolute Rechte des vereinzelt gedachten 
Individuums, es sind relative Rechte des in geschichtlich ge- 
gebenen Beziehungen lebenden Bürgers. Nicht anders steht es 
für Humboldt mit dem Wahlrecht: Er kennt ein Wahlrecht 
des einzelnen nur, sofern dieser Mitglied einer Genossenschaft 
oder Korporation ist 3 ). Dies gilt in allgemeiner Anlehnung an 

') E. I 58. 8 ) Declaration von 1789, A. II, XII. XVI. 

3 ) E. I 58, II 36. p. 435 wird ein Eepräsentativsystem abgelehnt, 
„indem der einzelne bloß durch sich selbst, gleichsam als numerische Einheit 
gilt"; „wo jeder im Volk unmittelbar Teil des Ganzen, nicht Teil des Teiles 






Ka eh ler, Wahlrecht in v. Humboldts Entwurf e. Ständ.Verfassung v.J. 1819. 203 

die Städteordnung für den Bürger; in der gleichen Richtung 
sollen die Bestimmungen der noch zu erlassenden ländlichen 
Gemeindeordnung sich bewegen; es gilt aber auch für den 
Adligen. Denn Humboldt ist durchaus nicht gemeint, nach 
dem landständischen Herkommen, namentlich der westdeutschen 
Territorien, dem angesessenen Adel Virilstimme in seiner ständi- 
schen Vertretung zu erteilen, wie doch selbst Vincke 1818 
noch vorgeschlagen hatte. Auch der adlige Rittergutsbesitzer 
soll nach Humboldt im Prinzip — die Ausnahmen werden noch 
zu besprechen sein — nur als Glied einer politischen Korpo- 
ration ein Wahlrecht haben *•). 

Die Zugehörigkeit zur politischen Korporation beruht auf 
einem doppelten Moment: auf einem objektiven, insofern Grund- 
besitz, Vermögen oder Erwerb in bestimmtem Umfang, weiter: 
unbescholtener Ruf und Indigenat, d. h. Ortsansässigkeit, vor- 
ausgesetzt werden und im zutreffenden Falle an sich schon die 
Berechtigung beilegen. Sodann auf einem subjektiven, der Er- 
klärung, der Genossenschaft zugehören zu wollen, welche im 
Falle mangelnden Indigenats zu erfolgen hatte 2 ). Die Möglich- 
keit der Abgabe einer Erklärung setzt, wenn sie nicht zur Not- 
wendigkeit erhoben ist, auch das Unterlassen derselben voraus 
— diese Selbstverständlichkeit wird für den besonderen Fall 
von erheblicher Bedeutung, wenn man sich erinnert, daß die 
Städteordnung ebenso wie das A.L.R. neben den Bürgern die 
Schutzverwandten bestehen läßt. Es sind dies eine Klasse von 
Einwohnern, denen es gestattet ist, eine Reihe von Gewerben 



ist". — Ein natürliches Wahlrecht des einzelnen, soweit er als Eigentümer 
überhaupt wahlberechtigt ist, kennt z. B. Condorcet: „On entend par droit 
de cite le droit que donne la nature ä tout homme qui habite un 
pays, de contribuer a la formation des regles aux quell es tous les habitants 
de ce pays doivent s'assujettir pour le maintien des droits de chacun" 
(Marquis de Condorcet, Essai sur la Constitution et la fonction des assem- 
blees provinciales, 1788; in: Oeuvres de Condorcet, publ. par A. Condorcet- 
Olonnor et M. F. Arago, Paris 1847; t. VIII, p. 147 ff. (Zitiert: Condorcet VU1.) 
Vgl. Tecklenburg 35: Bei 0. „ist das Stimmrecht, da er beschließende 
Vollversammlungen der Bürger nicht kennt, immer ein Wahlrecht." 

*) Vincke: „Mir würde es angemessen erscheinen, alle mündigen adligen 
Grundbesitzer, deren Vermögen zu der Erwartung berechtigt, daß sie ein 
tüchtiges Element der Verfassung abgeben werden, für geborene Mitglieder 
der Stände zu erklären." Das entsprechende Einkommen sollten 3000 Thlr. 
sein. Pertz, Denkschr. 81/82. Dagegen E I § 60: Es muß demnach nicht 
einmal eine besondere Wahlkorporation des Adels in den Städten gebildet 
werden. 

2 ) E. I 61; II 23. 



204 K a e h 1 e r , Wahlrecht in v. Humboldts Entwurf e. Stand. Verfassung v. J. 181 9. 

zu betreiben, den Vorteil städtischer Siedelung zu genießen, 
ohne an den Rechten und Pflichten des Bürgers nach der kom- 
munalpolitischen Seite hin teilzunehmen l ). Sie zum Eintritt in 
die Bürgergemeinde zu zwingen, bot die St.O. keine Handhabe; 
„die Bildung der städtischen Bürgerschaft beruhte mithin großen- 
teils nicht auf Gesetz, sondern auf subjektivem Belieben". Die 
kommunale Sphäre zog also nicht ohne weiteres und aus eigener 
Kraft in den Bereich ihrer Rechte und Pflichten jeden Ange- 
sessenen, wie es dann die preußische St.O. von 1853 ziemlich 
konsequent tat, und wie es vor allem die staatliche Sphäre der 
französischen Revolution getan hatte 2 ). Gleich der Bürger- 
gemeinde der Städteordnung besitzt die politische Korporation 
Humboldts keine selbsttätige Anziehungskraft, keine angliedernde 
Zwangsgewalt. Vielmehr — da die Korporation die Grundform, 
,den Kern des inneren Staatslebens ausmachen soll — bleibt 
der Eintritt in die Sphäre aktiven politischen Lebens nicht, 
wie zu Zeiten des Ancien regime, von dem Befinden der als 
solcher privilegierten Bürgerschaft, sondern von dem Willen 
des einzelnen abhängig. Das ist ohne weiteres deutlich 
für den oben vorgesehenen Fall der Beitrittserklärung zur Ge- 
nossenschaft, wobei der Neueintretende sich über den Besitz 
der geforderten Eigenschaften auszuweisen hat. Es steht außer 
Zweifel, daß das Zusammentreffen des subjektiven Willens mit 
den objektiven Merkmalen, welche die Berechtigung ausmachen, 
hier die Grenzlinie bildet, auf welcher Individuum und All- 
gemeinheit, Staat und Einzelmensch in lebendige Berührung 
treten. Andererseits: Auch da, wo die geforderten Bedingungen 
an sich schon gegeben sind, stellt ihre Geltendmachung erst 
die wirksame Beziehung zwischen der Korporation und ihrem 
Gliede her. In beiden Fällen entscheidet die individuelle Willens- 
erklärung, welche beide Male auch unterbleiben kann, ohne daß 
eine andere Folge einträte als die, daß der Verzichtende oder 
Unterlassende außerhalb des Bereichs politisch -ständischer Be- 
rechtigung und Verpflichtung sich befindet, aber nicht außer- 
halb des staatlichen Verbandes, besonders nicht des staatlichen 
Schutzes. Gegen ein staatliches Gebilde von so geringer Kraft 



») A.L.R. H, VIII, 1 § 5. 

■) v. Meier, Reform 2. Aufl. 287, 292/293. St.O. von 1853 § 3: „Alle 
Einwohner des '.Stadtbezirkes mit Ausnahme der servisberechtigten Militär- 
personen . . . gehören zur Stadtgemeinde. Als Einwohner werden diejenigen 
betrachtet, welche in dem Stadtbezirk nach den Bestimmungen der Gesetze 
hren Wohnsitz haben." 



K a e hl er , Wahlrecht in v. Humboldts Entwurf e. Stand. Verfassung v. J. 1819. 205 

selbsttätigen Zwanges würde in der Tat der Vorwurf der Jugend- 
schrift: daß aus dem Staate und der Gesellschaft gehen einerlei 
sei *) — sich nicht erheben lassen. Die reine Theorie Humboldts 
hält demnach, so scheint es, an dem Gedanken fest, daß dem 
Leben des einzelnen ein staatsfreier Bereich gewahrt bleiben 
müsse — doch ein Leben in voller Loslösung vom Staate ist 
für Humboldt nicht mehr Ideal, jedenfalls nicht mehr soziales 
Ideal. Es ist nicnt anders: Das Menschenalter zwischen 1792 
und 1819 hat im völligen Gegensatz zu einst von der Gesell- 
schaft, dem weitgespannten, weltbürgerlichen Rahmen von 
Humboldts Jugendleben, den Ton verlegt auf den Staat, den 
von den Grenzen geschichtlicher Bedingtheit enger umzogenen 
Schauplatz seiner Mannestätigkeit. Und wie die Wandlung der 
Geschicke den einstigen Standpunkt Humboldts in sein Gegen- 
teil verkehrte, so läßt sie ihn auch ein völlig entgegengesetztes 
Ziel verfolgen. Denn das Leben in der Gesellschaft, jenes 
Treiben auf dem an alle Gestade brandenden Meer der Kultur 
erscheint nur mehr als der gegebene unbestimmte Stoff, welcher 
in der vom Gemeingeist getragenen tätigen Anteilnahme am 
Staate seine höhere Form gewinnt. Das formende und gestaltende 
Prinzip aber ist der dem Staate zugewendete Wille des einzelnen, 
dem an der Wurzel selbst des innerstaatlichen Lebens, bei der 
Bildung der politischen Korporation, die Entscheidung zufällt. 
Mit anderen Worten: es wird zwar nicht durch eine volonte 
generale der Staat erst geschaffen 2 ); aber der in ungezählter 
Wiederholung sich bekundende Wille des einzelnen, seine politi- 



*) G. S. I 132. Hb. kommt im Zusammenhang der Forderung, daß 
der viel regierende Wohlfahrtsstaat der Zustimmung jedes einzelnen bedürfe, 
zu der Feststellung, daß dieser Forderung auch durch repräsentative Mehr- 
heitsentscheidung nicht Genüge geschehe: „Dem nicht Einwilligenden bliebe 
also nichts übrig, als aus der Gesellschaft zu treten, dadurch ihrer Gerichts- 
barkeit zu entgehen und die Stimmenmehrheit nicht mehr für sich geltend 
zu machen. Allein dies ist beinahe bis zur Unmöglichkeit erschwert, wenn 
aus dieser Gesellschaft gehen, zugleich aus dem Staate gehen heißt." Dies 
kann sowohl gegen den preußischen Staat der im A.L.R. seine Unter- 
tanen in Stände nach sozialen, „gesellschaftlichen" Gesichtspunkten einteilt 
(v. Meier H 26) als auch gegen Rousseaus Zwangsgewalt in Gewissenssachen 
sich richten (Contrat social, litt. IT eh. 8; vgl. Jellinek, Menschenrechte, 
2. Aufl., 6/7). In beiden Fällen gibt es als Ausweg nur die Auswanderung 
— Rousseau sieht ja schon die Verbannung vor — , und damit tritt gerade 
das ein, was Hb. vermeiden will : der empfindlichste Eingriff des Staates in den 
Lebensbereich des einzelnen. 

2 ) In diesem Sinne verstand Hb. in der Jugendschrift den „Grundvertrag", 
dem er historische Wirklichkeit zuzuerkennen geneigt ist, G. S. I 131. 



206 K a e h 1 e r , Wahlrecht in v. Humboldts Entwurf e. Ständ.Verf assung v. J. 1819. 

sehen Rechte ausüben zu wollen x ), gibt im ganzen genommen 
als eine volonte generale die Grundlage ab für das neue ständisch 
politische Leben 2 ). Und zwar als volonte generale in dem so- 
wohl normativ-ideellen als quantitativ-historischen Sinne, wie er 
im Anschluß an Rousseau in der Deklaration von 1789 seinen 
Ausdruck gefunden hat 3 ). Man mag der Ansicht sein, daß die 
Natur der angedeuteten Beziehungen bei dieser innersten Kern- 
bildung des ständischen Wesens nicht ganz mühelos erkennbar 
ist. Sie wird deutlicher hervortreten, sobald man das Wesen 
und die Tragweite des eigentlichen, die Zusammensetzung der 
ständischen Körperschaften bedingenden Wahlrechts sich vor 
Augen stellt. 

III. 

Man wird bei einer Beurteilung und Analyse von Hum- 
boldts Programm es sich immer gegenwärtig halten müssen, 
daß es sich im Bereich der sogenannten Verfassungsfrage nicht, 
wie dann später 1848 nur darum handelte, eine spezifische 
Amalgamierung zweier schon eng zusammengeschlossener Ele- 
mente — des Geistes des einheitlich gefügten Beamtenstaates 
und der Wünsche des liberalen Bürgertums — zu bewirken. 
Vielmehr stellte sich neben die Verfassungsfrage mit gleicher, 

') Vgl. die sehr bezeichnende Definition, die Hb. von seinem Stände- 
system gibt, nach welchem „jeder im Volk . . . seine politische Gel- 
tung . . . aus Individualität und den politischen Rechten der 
Klasse, der er angehört, erhält. E. II 36 p. 435 unt. 

2 ) Einen ganz verwandten Gedanken bietet Rousseau C. s. 1. III c. 1 
Abs. 15, wo er von dem Verhältnis der volonte generale zur Exekutive 
handelt und betont, daß das Zahlenverhältnis mehr nur als Beispiel diene: 
„Les rapports dont je parle ne se mesurent pas seulement par le nombre 
des hommes mais en general par la quantite d'aetion, laquelle se 
combine par des multitudes de causes." Dieser Passus sowie die Note 
1. H c. 2: „pour qu'une volonte soit generale il n'est pas toujours necessaire 
qu'elle soit unanime, mais il est necessaire que toutes les voix soient comptees, 
toute exclusion formelle rompt la generalite", weisen trotz der begriff liehen 
Scheidung von volonte generale und volonte de tous (1. H c. 3) darauf hin, 
daß Rousseau doch zuweilen mit einer körperlichen, quantitativen und daher 
genetischen Vorstellung von der volonte generale arbeitet, und daß daher 
die von Stammler und Jellinek vertretene Ansicht von dem rein normativen 
Charakter der volonte generale einer gewissen Einschränkung bedarf. Vgl. 
Jellinek, Das Recht des modernen Staates I, 2. Aufl., 1905, p.204; Stammler, 
Lehre vom richtigen Recht, 1902, p. 112; Wirtschaft und Recht, 2. Aufl., 
1906, p. 166, 678; Revue de Metaphysique et Morale, Mai 1912, p. 385. 

s ) „La loi est l'expression de la volonte generale, tous les citoyens ont 
droit de concourir personellement ou par leurs representants ä sa formation", 
Decl. von 1789 a. VI-C. S. 1. II c. 2 Note. 



K a e h 1 e r , Wahlrecht in v. Humboldts Entwurf e. Stand. Verf assung v. J. 1 819. 207 

wenn nicht mit größerer Dringlichkeit das Problern der all- 
gemeinen Verwaltungsorganisation und in ihr das besondere 
der Verschmelzung des alten und neuen Staatsgebietes. Ahn- 
lichen Aufgaben hatte das Preußen des 18. Jahrhunderts mit 
seiner Behördenorganisation zu seinem Ruhme genügt. Aber 
jetzt war es auf anderes als nur auf die Schaffung institu- 
tioneller Einheitlichkeit — im weitesten Sinne der Verfassung 
wie der Verwaltung — abgesehen. Was hier erstrebt und 
geplant wurde, sollte doch nur dienen als sichtbarer Unterbau 
und Träger eines Bewußtseins der einzelnen um die Einheit 
des Ganzen, als die Form, welche ein neues, über die alten 
Kreise von Adel und Beamtentum hinausgreifendes Staatsgefühl 
zugleich wecken und zur Geltung bringen sollte. Im Hinter- 
grunde aller politischen Bedenken und Sorgen stand als das 
schwerste und entscheidende das Problem der Staatseinheit 1 ). 
Die Zeiten allerdings, in denen nach dem berufenen Wort 
Schulenburgs Preußen nur einen föderativen Staat ausmachte 2 ), 
in denen das Gemeinwesen, dem als Vaterland man mit Leib 
und Seele sich zugehörig fühlte, selbst noch in den Augen des 
jugendlichen G. v. Vincke die engste landschaftliche Heimat 
bedeutete 3 ), in denen der König wohl als Landesherr zum 
Territorium gehörte, das Bewußtsein der Zusammengehörigkeit 
aber für den Kern der Bevölkerung nicht über die Anschau- 
lichkeit des landschaftlichen Lebens hinaus führte, — diese 
Zeiten waren seit Jena und Tilsit vorüber und sollten auch 
nach dem Willen der leitenden Männer nicht wiederkehren. 
Doch gegen den Gedanken der Staatseinheit regten sich die 
alten partikularen Tendenzen und die neue romantische Theorie, 
und verdächtigten sie als Gleichmacherei und Einerleiheit, als 
Egalisierung und Nivellierung 4 ). Denn sie galt, und nicht zu 
Unrecht, als ein Erzeugnis der französischen Revolution. Diese 
hatte es augenscheinlich werden lassen, wie die Staatseinheit 
in dem Gedanken der Gleichheit und Freiheit ein Vehikel 
besaß, welches ihr in den Bereich individueller Besonderheit - 
sei es der Landschaften oder der Stände oder endlich der 



*) Sehr bezeichnend für die Schwierigkeiten, welche dies neue Problem 
mit sich brachte, sind die eingehenden und etwas mühsamen Auseinander- 
setzungen Hb.s über das Verhältnis von Staat und Provinz, November 1819, 
G. S. XH 457/58, 465/66. 

2 ) Lehmann II 13. 

3 ) v. Bodelschwingh, G. v. Vincke, I 1853 z. B. 36, 38, 49, 55. 

4 ) E. 1 136. Hb. bestreitet das Zusammenfallen von Einheit und Einerleiheit. 



208 K a e h 1 e r , Wahlrecht in v. Humboldts Entwurf e. Stand. Verfassung v. J. 1819. 

einzelnen, Eingang verschaffte wie nichts zuvor. Als im Sommer 
1807 in Riga und Nassau die großen organisatorischen Pläne 
für das Preußen des Tilsiter Friedens entstanden, da begann 
zuerst der neue Gedanke der Staatseinheit wirksam zu werden. 
Wenn Hardenberg es als Symbol die'ser Idee in Vorschlag 
brachte : „der ganze Staat heiße künftig Preußen" x ), so lag in 
ihm die Forderung beschlossen, daß die Untertanen des Königs 
als Glieder eines Ganzen, als Preußen schlechthin sich fühlen 
sollten. Aus dem Einheitsgedanken hatte der Staat der Reform 
in der zentralisierten Verwaltung und in der Proklamierung 
der allgemeinen freien Untertanenschaft sich zwei Klammern 
zu schmieden verstanden, mit denen er sein Land und sein 
Volk fester und in breiteren und tieferen Schichten als zuvor 
umfaßte. Es lag an der Ungunst der Zeitumstände, an der 
Unfertigkeit der inneren Verhältnisse, wenn ihnen noch auf 
Jahre hinaus jenes doppelte Korrelat der allgemeinen Wehr- 
pflicht und der Volksvertretung mangelte, die erst dann hinzu- 
treten konnten, wenn neben dem Gedanken der Einheit auch 
der der Freiheit dem Staate so dienstbar wie fruchtbar ward. 
Für den besonderen, augenblicklichen Zweck des Krieges hatte 
die Wehrpflicht bereits dem Staate die dingliche und persönliche 
Leistung an Gut und Blut jedes Untertanen zugeführt. Für 
den dauernden Zustand des alltäglichen Lebens im Staate be- 
durfte dieser, so meinte mit den einstigen Führern der Reform 
auch Wilhelm v. Humboldt, eines Elementes, welches noch 
anders geartet war als selbst der Einsatz des Lebens im Kriege 2 ). 
Er bedurfte der immer erneuten Anteilnahme des individuellen 
Willens 3 ). Denn über das unmittelbare Heimatsgefühl, welches 

1 ) Ranke, S. W. 46, 482. 

2 ) Vgl. dazu das Schreiben Steins an Eichhorn. Pertz, Denkschr. 36 ff., 
bes. 38: „In welchem Grade würde hierdurch (Unterlassung der Erfüllung 
der Zusage vom 22. Mai 15) nicht der Unwille des Volkes gereizt und die 
moralische Kraft des Staates gelähmt, da jene (die Verfassung) dessen Mangel 
an physischer Kraft, der aus seiner geographischen Lage, aus seinem wenigen 
Reichtum und seinem Unzusammenhang entsteht, ersetzen soll und ersetzen 
kann. Auf dieser moralischen Kraft nur kann unser Verteidigungs- und 
unser Finanzsystem beruhen, die Bereitwilligkeit zu den großen Opfern, die 
beides im Kriege fordert, kann nur durch Gemeingeist erzeugt werden, der 
nur da wurzelt, wo eine Teilnahme am Gemeindewesen statt hat." 

3 ) E. I § 12: Humboldt definiert von den „Drei Gattungen des Lebens 
im Staat" als erste das „passive Fügen in die eingeführte Ordnung", als 
zweite „die Teilnahme an der Gründung und Erhaltung der Ordnung aus 
dem allgemeinen Beruf, als tätiges Mitglied der Staatsgemeinschaft, was das 
eigentliche Geschäft des Staatsbürgers ist". Man vergleiche die früheren 



K a e h 1 e r , Wahlrecht in v. Humboldts Entwurf e. Stand. Verfassung v. J. 1819. 209 

aus der erlebten Anschaulichkeit der umgebenden Verhältnisse 
erwächst, hinaus erhebt sich in der „Idee der Staatseinheit" 
an jeden einzelnen ein Anspruch, welcher sich weniger an das 
Gefühl als an den Gedanken, weniger an den Instinkt als an 
den Willen richtet l ). Die Staatseinheit, weniger reell als ideell, 
kann verwirklicht werden nur als Idee und durch einen Willen, 
der die unsichtbare, abstrakte Gemeinschaft zu wollen imstande 
ist. Dieser Wille ist einmal verkörpert in der Regierung, dem 
König und dem Beamtentum; in ihnen aber ruht er auf zu 
schmaler Grundlage. Darum soll die ständische Verfassung 
den Willen des Volkes dem Staate zuwenden und ihn in ihren 
Formen, von denen die Wahl eine der wesentlichsten ist, zum 
Ausdruck bringen. Die Form der Wahl aber ist der typische 
Ausdruck des Prinzipes der Freiheit 2 ). Deutlich genug trägt 
sie die Spuren ihrer Herkunft aus dem französischen Rechts- 
leben dort, wo sie zuerst in Preußen in der Städteordnung auf- 
tritt. Im bewußten Gegensatz zur französischen Wahlpraxis 
hat Humboldt allerdings auch die Formen des Wahlverfahrens 
gestalten wollen 3 ); in einer wesentlichen Beziehung aber, in 
der theoretischen Begründung des Wählens, steht auch er 
unter dem nachweisbaren Einfluß der einen großen Quellader 
revolutionärer Gedanken, der Rousseauschen Idee der volonte 
generale. 

Nicht daß an einer Stelle der Entwürfe ausdrücklich vom 
„Gesamtwillen" die Rede wäre, so ist sie es um so mehr vom 

Äußerungen von 1814 G. S. III 344. Ferner spricht Hb. von der Nichtigkeit 
politischer Gebilde, welche sind „nicht getragen vom selbständigen Willen 
ganzer Nationen", 1. c. 351. 

*) „Die Einheit ist leicht und unwiederbringlich verletzt: Denn sie ist 
eine Idee, eine in die Handlungen der Regierung gelegte Modifikation und 
daher leicht zu zerstören." G. S. XII 483. 

2 ) Lehmann n 455 spricht von der Egalisierung, welche Freys Pläne 
in den mannigfachen Stadtverfassungen bewirken mußten, und fährt fort: 
„Das Prinzip der Gleichheit wirkte aber weiter und verband sich mit dem 
der Freiheit, bei den Franzosen wie bei Frey. Wahl ist fast das erste Wort, 
das Frey in seinem Entwürfe braucht. So heißt es auch gleich im 2. Artikel 
des französischen Dekretes: „Die Beamten und Glieder der Munizipalitäten 
sollen auf dem Wege der Wahl ersetzt werden." Und die Bedeutung des 
Wahlverfahrens der St.O. selbst veranschaulicht etwas früher P r e u ß , 1. c. 41, 
mit folgender Formel: „Die primäre Rechtsform für genossenschaftliche Organ- 
bildung von unten herauf ist die Wahl. An die Stelle der patrimonialen 
Selbsterzeugung der Obrigkeit . . . tritt ... die Wahl, die Wiederherstellung 
des organischen Bindegewebes zwischen dem Gemeinwesen und der Obrigkeit 
als zwischen dem Organismus und seinen Organen." 

s ) Vgl. die Ablehnung der indirekten Wahl E. II 37, 445. 
Zeitschrift für Politik. 10. 14 



210 Kaehler, Wahlrechtin v. Humboldts Entwurf e. Stand. Verfassung v. J. 1819. 

„Gemeingeist" und „Bürgersinn", in dessen Erweckung und 
Erhaltung der eigentliche Zweck der Verfassung von Humboldt 
gesetzt wird x ). Dieser Gemeingeist hat bei näherem Zusehen 
augenscheinlich einen doppelten Charakter. Einmal spiegelt 
sich in ihm ganz konkret das Bild des in der politischen und 
kirchlichen Gemeinde tätigen, erbgesessenen Bauern, wie ihn 
Stein in der Zeit seiner Verwaltungstätigkeit und späteren An- 
sässigkeit in Westfalen, als Mitglied z. B. der Erbentage, kennen 
und als den gegebenen Träger alles dessen, was er etwa an 
Selbstverwaltung wünschte, schätzen gelernt hatte 2 ). Wenn be- 
sonders Stein von diesem Gemeingeist redet, so klingt immer 
etwas von dem Stolze an, der mit fast mitleidigem Blick auf 
den Besitzlosen des eigenen Gutes sich freut — und dieser 
mitleidige Blick Steins trifft auf die solchen Besitzes gänzlich 
baren östlichen Provinzen. Aber sie sollen an diesem Gemein- 
geist Teil erhalten; die Formen, in denen er im Westen zur 
Geltung kommt, sollen für die ganze Monarchie das Mittel 
werden „zur Erziehung des Volkes zur Einsicht und Tat" 3 ); 
der Besitz des einen Volksteiles soll dem anderen zum Ziel 
werden : Zu dem beschreibenden konstatierenden Charakter des 
Begriffes tritt der fordernde, normative hinzu. In der Anwendung 
auf den einzelnen aber trägt er die Besonderheit an sich, daß 
die persönliche Eigenschaft, Gemeingeist zu haben, zwar die 
Voraussetzung bildet für die Richtung auf die Allgemeinheit, 
zugleich aber von dieser erst die entscheidende Bestimmung 
erfährt, so daß beides in unlösbarer Verschränktheit miteinander 
verbunden ist, ähnlich der Verknüpfung von materiellem und 
formalem Element in Rousseaus volonte generale. 

Das Mittel, dessen der neue Gedanke sich bedient, um 
seines Stoffes, des bisher so gut wie staatsfremden Bürgers und 
Untertanen sich zu bemächtigen, ist in dem fast allgemeinen 
Wahlrecht Humboldts gegeben. Die Wahl ist der Radius, 

') E. I 3, 2, 73; E. II 3, 6 und sonst. Auch schon an Nicolovius 1811, 
1. c. 25. Eine Verfassung soll „den selbsttätigen Geist der Nation befördern". 

2 ) z. B. Denkschr. p. 63 — eine nähere Schilderung der „Erbentage" 
bei Vincke 1. c. 78; doch beachte man dessen Ausführungen dort p. 74, 
welche eine recht pessimistische Beurteilung der Verwendbarkeit der land- 
gesessenen Bevölkerung zu Aufgaben der Selbstverwaltung enthalten. 

3 ) G. S. 12, 399. Diese in Hb.s Munde ungewohnte Forderung stammt 
allerdings in ihrer Formulierung aus der bisher noch unveröffentlichten 
und wohl Stein zuzuschreibenden Denkschrift, dd. Nassau 10. X. 1815; es 
heißt da: „Denn durch Erziehung des Volkes zur Einsicht und Tat kann 
eine Staatsverfassung allein begründet werden" (Kopie im Archiv Tegel). 



Ka ehler, Wahlrechtinv.Humboldts Entwurf e. Stand. Verfassung v.J. 1819. 211 

welcher die zentrifugalen Punkte der Peripherie mit dem Zen- 
trum des Staates, der auf Einheit gerichteten Tendenz der Re- 
gierung in Verbindung erhält. Denn stellt man die Frage, in 
welchen Formen der Gemeingeist nun zur Geltung kommen 
soll, so geht es ja auf den ersten Blick aus den vorliegenden 
Entwürfen hervor, daß vor allen Dingen eine gewisse Art von 
Selbstverwaltung in Betracht kommt. Der „verwaltende" Bürger 
wird dabei in ganz ähnlicher Weise in den Bereich des Staates 
einbezogen, wie der absolutistische Staat im Beamtentum eine 
interessierte Klasse sich geschaffen hatte; und wie er somit die 
Formen seines Widerspiels anzunehmen nicht vermeiden kann, 
so besteht auch für ihn die Gefahr, gleich dem Beamtentum 
in den Fehler des überheblichen und eigensüchtigen „Korpo- 
rationsgeistes" zu verfallen l ). Aber dieser Irrweg gerade soll 
vermieden werden, denn der Kreis derer, welche man in un- 
mittelbare Berührung mit dem politischen Leben und dem Staate 
bringen will, greift, da man „die vernünftige Stimme der Nation 
vernehmen" will, über den Kreis der gewählten ständischen 
Beamten hinaus und zurück auf die Wählerschaft selbst. Unter 
diesem Gesichtspunkt verteilt sich das Schwergewicht des neuen 
Rechtes für den Gesetzgeber mindestens zu gleichen Teilen auf 
den nächsten Zweck wie auf das Mittel, auf den Gewählten 
ebenso wie auf den Wähler. Ja man wird zweifeln können, 
ob nicht der Schwerpunkt etwa zugunsten des letzten verrückt 
ist. Denn es gibt zwei Instanzen, denen die ständische Korpo- 
ration ihr Dasein dankt : Zunächst dem Staat, der Existenz und 
Kompetenz aus eigener Machtvollkommenheit ihr zuweist; und 
daneben den Wähler, welcher der staatlich bestimmten Form 
den Inhalt zuführen soll durch seine Wahl 2 ). Und diese stän- 
dischen Korporationen Humboldts sind entgegen allem herge- 



') E. I § 134, bes.: Der Korporationsgeist würde „um so schädlicher 
sein, da hier nicht von Volkskorporationen, sondern nur von Amtskorpora- 
tionen die Eede wäre . . . Amtskörper widerstehen . . . mit dem Eigensinn 
von Individuen, nur verstärkt durch ihre Mehrzahl. Der Munizipalgeist würde 
in die Provinzialstände übergehen, der dieser in die allgemeinen . . ." Man 
vergleiche dazu, was Rousseau C. s. 1. III c. 2 ausführt von den Gefahren 
der „volonte commune des magistrats qui se rapporte uniquement ä l'avantage 
du prince, et qu'on peut appeler volonte de corps, laquelle est generale 
par rapport au gouvernement, et particuliere par rapport & l'Etat, dont le 
gouvernement fait partie". und besonders gegen Ende des c. 2: „plus le 
magistrat est nombreux, plus la volonte de corps se rapproche ä la volonte 
generale". Vgl. über die Verwandtschaft mit Condorcet Anm. 112. 

2 ) Vgl. die oben gegebene Darstellung p. 10/11. 

14* 



212 Kaehler, Wahlrecht in v. Humboldts Entwurf e. Stand. Verfassung v. J. 1 819. 

brachten Ständewesen auch auflösbar. Denn das Zurückgreifen 
auf die Mandanten im alten Ständewesen hatte nur eine Be- 
rufung bedeutet, die sich stets innerhalb des gleichen privile- 
gierten Willens hielt. Nun, da auch für Humboldt der Gewählte, 
nach ganz moderner Auffassung, kein Mandatar mehr sein soll 1 ) t 
geht die Berufung, wenn die Regierung diese ständischen Be- 
hörden auflöst, von ihrem Willen an einen prinzipiell ganz 
anderen Willen, den der Wähler 2 ). Diese Auflösbarkeit der 
Stände entscheidet mit der scharfen Abgrenzung gegen die zu 
eigenem Recht bestehenden Landstände den repräsentativen 
Charakter von Humboldts System. Von den Konstitutionen 
amerikanischer und französischer Provenienz und ihren Nach- 
ahmungen unterscheidet sich Humboldts Entwurf nun freilich 
weniger durch die recht durchsichtige historische Einkleidung 
als durch die Tatsache, daß nicht eine einzige Versammlung 
im Zentrum des Staates, sondern eine Reihe mannigfaltiger 
Körperschaften den Willen der Gesamtheit vertritt, und eine 
völlige Repräsentation von territorialer Stufe zu territorialer Stufe 
bis hinauf in die abstrakteste politische Form, die eigentliche 
Staatsregierung, bewirkt 3 ). In diesem System ist eine Form 
entworfen zur Darstellung des politischen Verstandes des Volkes, 
wie das Heer der allgemeinen Wehrpflicht seine politische 
Kraft zur Darstellung gebracht hatte — , dieser Parallelismus 
steht in tiefer innerer Verbindung: Hier war dem Verfassungs- 
werk seine große geschichtliche Aufgabe gestellt im Ausgleich 
des „Widerspruchs zwischen den militärischen und bürger- 
lichen Institutionen, denn diese lähmen den Gemeingeist, 
jene, indem sie alle zur Landwehr aufrufen, setzten ihn voraus, 
und ohne ihn sinkt Landwehr weit unter den ehemaligen 
Zunftsoldaten" 4 ). 



*) E. H 454. 

2 ) In diesem Sinne wird die Auflösung erwähnt E. I 31. 

a ) Vgl. dazu z. B. den Ausdruck Hb.s, daß durch die abgestufte Ver- 
fassung gesichtete Vorschläge ..von jeder Seite zum höchsten Punkt der 
Beratung über die allgemeinen Angelegenheiten des Staates" gelangen, E. I 16; 
ferner noch bezeichnender in der Kritik der , .Repräsentativverfassungen" 
XH p. 394 Z. 4 von oben stand im Konzept des Entwurfes hinter ..sie orga- 
nisierten die Einrichtungen von oben herab" noch der gestrichene Ausdruck 
„oder nur in ihren obersten Regionen". 

4 ) Stein an Eichhorn: Denkschr. p. 39; das Zitat geht dort weiter: 
„Ihn beseelte wenigstens der Zunftgeist, jene ohne durch höhere Motive 
belebt, sinkt zur gemeinen Landmiliz herunter." 



K a eh ler, Wahlrecht in v. Humboldts Entwurf e. Stand. Verfassung v.J. 1819. 213 

IV. 

Wie neben der Linie die Landwehr stand, in deren Er- 
richtung es ja auch weniger auf den Offizier als auf den Wehr- 
mann abgesehen war, so hätte der innere Bau Preußens auf 
dem doppelten Fundament von Beamtentum und ständischer 
Organisation geruht, deren stärkstes Widerlager in den breiten 
Schichten der Wähler und nicht in den „Amtskörpern", den 
ständischen Beamten zu suchen ist — oder hat uns hier die 
willkommene Parallele zu einer Verkennung der Absichten 
Humboldts verführt? Erinnert man sich, welchen Wert Hum- 
boldt auf den Gedanken legt, daß es mit der Einrichtung von 
Wahlversammlungen und beratenden Kammern nicht getan sei, 
daß es vielmehr „auf die ganze politische Organisation des 
Volkes selbst" ankomme *), so wird es zweifelhaft werden, ob 
mit dieser Forderung, die so deutlich auf den ganzen eigentüm- 
lichen Apparat ständischer Verwaltung abzielt, die hier gegebene 
Bewertung von Wähler, Wählen und Wahlrecht sich in Ein- 
klang bringen läßt. Doch gibt Humboldt selbst ein Mittel an 
die Hand, welches von der Vermutung und der allgemeinen 
Überlegung auf den sicheren Boden des Beweises überleitet. 
Es kommt für die Beurteilung eines Wahlrechts sehr viel darauf 
an, in welchen Abständen die Wahlberechtigten zur Ausübung 
ihrer Rechte und damit zum unmittelbaren Eingreifen in das 
politische Leben berufen werden. Nun finden sich in den Ent- 
würfen Humboldts ins einzelne gehende Angaben über diesen 
wichtigen Punkt nicht; nur im allgemeinen setzt er die „Funktions- 
dauer" der Abgeordneten zu Provinzial- und Allgemeinen Ständen 
auf 7 — 8 Jahre fest, so daß bei einer Periodizität von 2 resp. 
4 Jahren jede Ständeversammlung mindestens 2 Sessionen über- 
dauern würde. Für Humboldt stehen die Kommunalwahlen ja 
im gleichen Range mit den „Parlamentswahlen". Daher kommt 
es trotz dieser langen Frist durch die zu verschiedenen Zeit- 
punkten vorzunehmenden Wahlen zu den einzelnen Repräsen- 
tationsstufen dahin, daß bei einer sukzessiven Einführung der 
vierfach abgestuften ständischen Gesamtorganisation mindestens 
alle zwei Jahre eine ständische Wahl vorzunehmen ist. Und 
so erweist sich die im Zusammenhang zunächst überraschende 
Äußerung Humboldts durchaus als zutreffend: „Wenn die 
Wahlen nur alle 7 — 8 Jahre vorkommen, so erscheinen sie wie 

*) E. I § 16. 



214 Ka eh ler, Wahlrecht in v.Humboldts Entwürfe. Stand. Verfassung v. J. 1819. 

wiederkehrenden Fiebern verglichen hat. Es ist daher besser, 
ihnen durch öftere Wiederholungen den Charakter gewöhnlicher 
bürgerlicher Akte zu geben" J ). 

Aber Humboldt weiß die Häufigkeit und mit ihr die Be- 
deutung des Wählens doch tiefer zu begründen als mit einer 
immerhin angreifbaren Vorbeugungsmaßregel; im Frankreich 
der Restauration hatte man aus der gleichen Rücksicht, „dem 
Volke die Aufregungen einer allgemeinen Wahl zu ersparen", 
an der jährlichen Teilerneuerung festgehalten, welche die 
napoleonische Verfassung anordnete 2 ). Aber diese Rücksicht 
lag doch mehr im Interesse der Regierung als der Regierten. 
Daß für Humboldt gerade diese in erster Linie Gegenstand der 
Fürsorge sind, beweist seine Stellungnahme in der Frage der 
Befristung der ständischen Amter. Er ist ein Gegner der Ver- 
längerung der Amtsdauer auf mehr als 6 resp. 12 Jahre, wie 
sie die Städteordnung bestimmte, oder gar auf Lebenszeit: 
denn „es ist nicht billig, daß die dermaligen Gemeindeglieder 
auf so lange Zeit hin den nachfolgenden das Recht einer neuen 
Wahl entziehen", und wenig später spricht er diese Ansicht 
noch schärfer aus: „Bei lebenslänglicher Wahl entscheidet die 
jetzige Generation für die folgende und beraubt sie der Aus- 
außerordentliche Energien des Volkes, wie man sie denn mit 



') E. I 144 ; vermutlich bezieht Hb. sich hier auf das englische Beispiel, 
vgl. Meyer, P. W. 671/72. Nach den dürftigen und verstreuten Angaben 
ist es nicht ganz leicht, den genauen Sinn des § 144 zu verstehen und ein 
Bild von der tatsächlichen Abwicklung der Wahlen zu gewinnen. Die St.O. 
§§ 86, 87 bestimmte jährliche Teilerneuerungen der Stadtverordneten; Hb. hat 
dagegen nichts eingewendet. Auf der entsprechenden ländlichen Stufe hat 
er in dem Entwurf zur Gemeindeordnung von 1817 § 10 (G. S. XII 150) 
alle zwei Jahre die „Stellvertreter erneuern" lassen wollen, und man kann 
annehmen, daß auch die Deputierten zum Kreistag in der gleichen Frist zu 
wählen sind, da E. I 152 die Wahlen zu Provinzial- und allgemeinen Ständen 
ebenfalls im Abstand von zwei Jahren vorzunehmen vorschlägt. Doch läßt 
E. DI31 auch die Möglichkeit offen, daß der jährlich zusammentretende Kreistag 
jedesmal erst zu wählen ist. Da Hb. noch Ende Oktober 1819 das Zustande- 
kommen der Gemeindeordnung „für den Lauf des Wintere" erwartet (XII 409), 
so würden im Oktober 1820 etwa die ersten ländlichen Wahlen erfolgt sein, 
denen sich die der Kreisstände frühestens im Herbst hätten anschließen 
können, wenn nicht erst zu Anfang 1821 : mit einer den Angaben von E. I 152 
entsprechenden Änderung in den Abständen würden dann 1822 Wahlen zu 
den Provinzialständen, 1823 wieder ländliche Gemeindewahlen, 1824 die ersten 
zu den allgemeinen Ständen stattgefunden haben; nebenher gingen die jähr- 
lichen Stadtverordneten-Teilwahlen, so daß in der Tat dafür gesorgt war, 
die Wahlen „zu einem gewöhnlichen bürgerlichen Akt" zu machen. 

2 ) Meyer 1. c. 674. 



Kaehler, Wahlrecht in v. Humboldts Entwurf e. Stand. Verfassung v.J. 1819. 215 

Übung ihres Rechtes" x ). Ganz im gleichen Sinn vertritt Hum- 
boldt das Recht des künftigen gegen das gegenwärtige Geschlecht 
in der Frage, ob die Adelskorporation — auch diese gehört ja 
zu der Zahl der durch Wahl begründeten öffentlich-rechtlichen 
Verhältnisse — befugt sein solle, durch Beschluß der Korporation 
als Voraussetzung der Zugehörigkeit die Ahnenprobe einzu- 
führen; es wird diese Möglichkeit abgelehnt mit den Worten: 
„daß der Staat es nicht erlauben kann, den Willen der zu 
dieser politischen Korporation neu Hinzutretenden durch ihren 
(der schon Berechtigten) Willen zu binden" 2 ). 

Man kann gerade diese Begründung nicht ohne Bedenken 
hinnehmen : Denn eine Bindung fremden und noch nicht ver- 
tretenen Willens wird in jedem Beschluß repräsentativer Organe 
ausgesprochen. Der von Humboldt erhobene Einwand läßt sich 
dann gegen jede Maßnahme repräsentativer Körperschaften und 
in Fällen geltend machen, wo nicht die drohende Gefahr der 
„Kastenbildung" ihm eine besondere sachliche Rechtfertigung 
zu verleihen scheint. Ja, dieser Gedanke muß in seinen Fol- 
gerungen zu ganz radikalen, staatsauflösenden Ergebnissen, in 
letzter Linie zu Rousseaus Position vom nicht vertretenen Willen 
führen 3 ). Und in der Tat liegt hier eine Fernwirkung seiner 
Ideen vor, in erster Linie der Ablehnung der Repräsentation 
durch Rousseau — sie an der überleitenden Stelle aufzufangen 
und zu beobachten, gibt die Schrift über den Staat von 1792 
erwünschte Gelegenheit. Humboldt hat dort ganz im Sinne 
Rousseaus gegen das Prinzip der Repräsentation wie gegen das 
der Mehrheitsentscheidung sich gewendet 4 ), und „die Not- 
wendigkeit der Einwilligung jedes einzelnen" als Forderung für 
das Zustandekommen und die Wirksamkeit politischer Institu- 

l ) St.O. § 146. E. II 25, 414: Die Gemeinden sollen nicht berechtigt 
sein, denen, die nach ihnen wählen, vorzugreifen. 

ä ) E. I § 92. 

3 ) Zu vergleichen etwa 1. I c. 5 Abs. 3: ,,La loi de la pluralite des 
suffrages est elle-meme un etablissement de Convention, et suppose au moins 
une fois l'unanimite", ferner II 5 Abs. 1 (vgl. S. 20H Anm. 2). Ganz im Gegen- 
satz dazu II 4 Abs. 7; die Frage wird überhaupt von Rousseau widerspruchs- 
voll behandelt und bedürfte besonderer Untersuchung. 

4 ) C. S. 1. II c. 15: „Les deputes du peuple ne sont donc ni ne peuvent 
etre ses representants, ils ne sont que ses commissaires: ils ne peuvent rien 
conclure definitivement ... Le peuple anglais pense etre libre, il se trompe 
fort: il ne l'est que durant l'election des membres du parlement; sitot qu'ils 
sont elus, il est esclave, il n'est rien." — Vgl. II c. 1 Abs. 2: ,,le souverain 
qui n'est qu'un etre collectif, ne peut etre represente." Der von der vol. gen. 
abweichende Mehrheitsbeschluß „n'est qu'une volonte particuliere - ' II c. 5 Abs. 6. 



216 Kaehler, Wahlrecht in v. Humboldts Entwurf e. Stand. Verfassung v. J. 1819. 

tionen aufgestellt. Er hat dann später im Verlauf der Schrift 
wohl die Formulierung verwendet: „der Staat, d. i. der gemeinsame 
Wille der Gesellschaft" ! ), und hat noch in der Oktoberdenkschrift 
in unverkennbarem Anklang an die berühmte Kritik, die Rousseau 
an der englischen Verfassung übt, es dem modernen Repräsentativ- 
system zum Vorwurf gemacht, „daß auf das Volk das Ganze 
nur im Augenblick der Wahlen und durch die Reaktion der 
Gewählten wirkte" 2 ). Ebenso wird es nicht der Aufmerksamkeit 
entgangen sein, wie in dem oben angeführten Satz „der Staat 
kann nicht erlauben, den Willen der neu Hinzutretenden durch 
ihren Willen zu binden", und in dem anderen, „daß die jetzige 
Generation die folgende nicht der Ausübung ihres Rechtes 
berauben dürfe", wie hier eine an Übereinstimmung grenzende 
Ähnlichkeit zutage tritt mit der berufenen Erklärung der Konvents- 
verfassung, „une generation ne peut assujetir ä ses lois. les 
generations futures", jener einzigen Bestimmung der französischen 
Konstitutionen, welche den Gedanken Rousseaus „la loi d'hier 
n'oblige pas aujourd'hui" zum Ausdruck bringt 3 ). Es könnte 
durch die auffallende Verwandtschaft, welche die Sätze Hum- 
boldts mit jener republikanischen Bestimmung nach Wortlaut 
und Gedankengang aufweisen, gerechtfertigt erscheinen, auch 
für diesen Fall ein Abhängigkeitsverhältnis von bestimmter 
Vorlage anzunehmen, wie es Lehmann für einzelne Bestim- 
mungen der Entwürfe zur St.O. und dieser selbst nachgewiesen 
hat. Aber eine, auf das Ganze der Geistesrichtung Humboldts 
gesehen, so vereinzelte Übereinstimmung kann gegen die sonst 
unverhohlene Ablehnung, welche die revolutionäre Verfassungs- 
bewegung wiederholt von Humboldt erfährt, nicht ins Gewicht 
fallen. Sie würde an der Tatsache, daß Humboldt mit seiner 
Verfassung bewußt andere Ziele verfolgte als die französische 
Bewegung, nichts ändern können 4 ). Anderseits kann bei einer 
solchen Häufung von Gedanken mit ihrem unverkennbaren 
Gepräge französischer Herkunft von eigentlicher Zufälligkeit 
ebensowenig die Rede sein, wie es ein Zufall ist, daß gerade 
im Blick auf die adlige Neigung zu kastenmäßiger Abschließung 



J ) G. S. I 131/32, 193. 

2 ) G. S. XH 394. 

3 ) Decl. etc. von 1793 Art. 28 b. — C. S. 1. III c. 11. 

4 ) Wilhelm und Caroline v. Humboldt in ihren Briefen. Hgg. v. 
A. v. Sydow. 7 Bde. Berlin 1906 ff. (Zitiert Bf. I etc.) Bf. VI 463: „In 
dem Abscheu gegen die neuen französischen Verfassungen war ich immer einerlei 
Meinung mit Stein." 



Kae hl er, Wahlrechtin v.HumboldtsEntwurfe.Ständ.Verfassung v.J. 1819. 217 

Humboldt die schärfste Formulierung findet. Stein empfand 
dem Adel gegenüber ganz anders als Humboldt 1 ). Hardenberg 
würde den gleichen Gedanken etwa mit dem Hinweis auf die 
Unverträglichkeit von Ahnenprobe und Kastengeist mit Opinion 
und Zeitgeist begründet haben 2 ). Es ist um so bezeichnender 
für Humboldt, daß er nicht das eine soziale Vorurteil mit dem 
anderen bekämpft, daß er vielmehr auch hier wieder seinen 
Standpunkt von dem des Individuums, des vom sozialen Zwang 
bedrohten Einzelnen nimmt. 

Seltsam genug mutet es zwar an, in einem rein politischen 
Entwurf einer eingehenden Begründung der Unsittlichkeit von 
erzwungen standesgemäßen Ehen zu begegnen: „daß Ehen 
andere Hindernisse finden sollen, als in dem Willen der sich 
verheiratenden Personen und derer, von welchen sie unmittelbar 
abhängen, liegen, noch andere Reizmittel, als die gegenseitige 
Neigung und individuelle Konvenienz" 3 ). Aber ist es nicht 
ohne weiteres begreiflich, wie gerade in dieser Frage der Wunsch, 
die individuelle Sphäre von vornherein gegen drohende Ein- 
griffe zu sichern, laut werden muß, da alles, was auf den Adel 
und die Adelskorporation Bezug hat, Humboldt in seiner künftigen 
Stellung als ihr Glied mit betrifft? Indem die Möglichkeit 
sozialen und politischen Zwanges in dem eigensten Lebens- 
bereich spürbar wird, empfindet Humboldt ihre Unerträglichkeit 
mit der gleichen Lebhaftigkeit wie vor einem Menschenalter. 
Darum und obschon er, ganz anders als einst, nicht mehr 
gegen, sondern für den Staat denkt, stellt Humboldt sich so 
offenkundig auf den Standpunkt des Individuums, weil es der 
Standpunkt seiner Jugend und weil er es auch noch in diesem 
Augenblicke ist. Und doch, vielleicht ist es zu weit gegangen, 
von einem Standpunkt, von bewußter Stellungnahme zu reden. 
Was im Gedanken an Zwang irgendwelcher Art, der auf die 
Selbstbestimmung in dieser zartesten Frage geübt werden könnte, 
von Widerspruch und entschiedener Ablehnung sich regt, ist 

l ) 1. c. 444/45. Hb.s Abneigung und Steins Vorliebe für Majorate. 

*) Man vergleiche z. B. Hardenbergs Ausführungen über den Adel in 
der Rigaer Denkschr. ; Ranke, Hardenberg IV Anh. 20 ff. 

3 ) E. I 93. Man vergleiche die Forderung unbeschränkter Auflösbarkeit 
der Ehe G. S. I 192/93; die Einschiebung des Passus „und derer, von welchen 
sie unmittelbar abhängen 1 ' erscheint gegenüber den rücksichtslosen Ansichten 
der Jugendschrift fast wie ein Niederschlag der Erfahrungen, welche Hum- 
boldt in dieser Hinsicht in seiner Familie machen mußte; jedenfalls muß sie 
als eine erhebliche und eigentlich dem Zusammenhang unvermittelte Ein- 
schränkung des Elans des ersten Satzes empfunden werden. 



218 Kaehler, Wahlrecht in v. Humboldts Entwurf e. Stand. Verfassung v. J. 1819. 

eher der Widerschein jener tiefsten, gemeinschaftsfernen Grund- 
stiminung Humboldts, welche mit den wesensfremden Ein- 
drücken, die Erfahrung und aus dem Erleben erwachsene Über- 
zeugung über sie gelagert haben, doch nicht zur Einheit ver- 
schmolzen ist. Aus der Verborgenheit der innersten Natur 
plötzlich emporquellend, führt dieser Strom eine Woge von 
Erinnerungen herauf aus ferner Vergangenheit, Reminiszenzen 
früher Empfindungen, entscheidender Eindrücke, unbestimmt 
und undeutlich vielleicht, aber unverlierbarer Besitz wie unerläß- 
liche Bedingung auch der späteren Entwicklung — und daß 
zu diesen großen Jugendeindrücken das revolutionäre Denken 
und Geschehen in seinem ganzen Umfang gehörte, bedarf 
keines weiteren Beweises x ). 

Nun ist allerdings, was an Anregungen und Gedanken in 
jener Epoche an Humboldt herantrat und von ihm aufgenommen 
wurde, seiner innersten Richtung entsprechend ganz in seine : 
individualistische Auffassung hineingezogen worden. Denn daß 
er damals dem zeitgenössischen Mißverständnis, welches den 
hochgespannten Zwangscharakter der volonte generale zugunsten 
des scheinbar individualistischen Ausgangspunktes des Sozial- 
Vertrages übersah, etwa entgangen sei, dafür wird sich kaum 
der Beweis führen lassen 2 ). Die Erinnerung an jene Epoche ; 



x ) Es wäre irreführend, aus der sorgsamen Art, in welcher Hb. nament- 
lich in E. I auf die benutzten Materialien zurückgreift, den Schluß zu ziehen, 
als sei es leicht, auf die Spuren seiner Quellen oder besser der in anregenden 
Gedanken zu kommen. Selbst ein Eousseau, von Montesquieu zu schweigen, 
setzt sich doch mit den Thesen seiner Vorgänger auseinander. Hb. dagegen 
hat die Eigenart des abstrakten Denkers, im eigentlichen Sinne nur für sich 
und von den eigenen Voraussetzungen aus, das Problem zu behandeln, im 
höchsten Maße ausgebildet. In diesen Voraussetzungen freilich liegt der 
ganze Bildungsgehalt der Epoche beschlossen. Und diese Tatsache nennen, 
heißt zugleich die große Aussichtslosigkeit einer Quellenuntersuchung in 
dieser Richtung aussprechen, zumal, wenn man den bezeichnenden Umstand 
bedenkt, daß Hb. in der oft tief in die politischen Einzelheiten führenden 
Korrespondenz mit der Gattin bis etwa 1814 nur eines zeitgenössischen 
Publizisten, Constants, Erwähnung tut , Bf. IV 295. Es ist eigentlich über- 
flüssig, für Hb. unter jenen Voraussetzungen irgendein Werk von Bedeutung 
namentlich hervorzuheben; trotzdem mag zur Sicherung der Annahme vom! 
besonderen Einfluß Bousseaus die Feststellung hier Platz finden, daß unter 
den verschwindend geringen Literaturverweisen der Schrift von 1792 neben 
Kant und Mirabeau Rousseau in erster Linie vertreten ist; allerdings nur mit 
Zitaten aus dem „Emile". 

*) Immerhin könnte der oben S. 205 (Anm. 1) zitierte Satz — daß dein 
sozialen Zwang auszuweichen, unmöglich sei, „wenn aus der Gesellschaft gehen 
zugleich aus dem Staate gehen heißt", den Ansatz zu einer Kritik der volonte 



K a e h 1 e r , Wahlrecht in v. Humboldts Entwurf e. Stand. Verfassung v.J. 1819. 219 

und an ihr Empfinden taucht hier auf und mit ihr die Frage : 
Ist in Wirklichkeit das Einst vom Heute überwunden? Hat 
etwa im Laufe der Jahrzehnte in dem Einzelmenschen Wilhelm 
v. Humboldt ein ähnlicher Umschlag der Ziele und der Mittel 
sich vollzogen, wie er im Verlauf der Revolution in der scharfen 
Scheidung der individualistischen von der zentralisierenden und 
despotischen Epoche durch das Jahr 1793 in die Erscheinung 
getreten ist l ) ? Der Gang der Ereignisse und der Wandel der 
Aufgabe, welche ihm jetzt gestellt ist, könnten diese Vermutung 
nahelegen; aus dem oben Gesagten aber erhellt bereits, daß 
ein schärferes Zusehen den alten Untergrund in Humboldts 
Stimmung wiedererkennen wird. Zwar ist der Staat nicht an 
die Stelle des einzelnen getreten, das Individuum aber auch 
nicht mehr in der sittlichen und kulturellen Wertordnung über 
den Staat gestellt. Vielmehr die beiden einander fremden und 
widerstrebenden Welten nähern und berühren sich in der dritten, 
bislang ungekannten Sphäre, ohne doch ineinander aufzugehen. 
Diesen gemeinsamen Boden, die „mittlere Gattung des Lebens 
im Staate" 2 ), deren Organisation Humboldts Programm als 
hauptsächliches Ziel verfolgt, als Selbstverwaltung zu bezeichnen 
und zu erklären, liegt ebenso nahe, wie es das Verständnis 
dieser Institutionen zu erschweren geeignet ist. Denn ebenso- 
wenig wie der Name war damals die Sache selbst nach ihrem 
englischen Vorbild bekannt 3 ). De Lolmes Schrift beschränkt 
sich im wesentlichen auf die Verherrlichung der parlamentari- 
schen Freiheit Englands, mit welcher er nur noch die Rechts- 
pflege in inneren Zusammenhang setzt, und Vinckes bekannte 
Darstellung der inneren Verwaltung Großbritanniens wird durch 
das rein verwaltungstechnische Interesse des Verfassers bei der 
Tätigkeit der Friedensrichter und der ihnen untergeordneten 



generale in ihrem Ausbau zur religion civile bedeuten. Zum zeitgenössischen 
Verständnis Rousseaus zu vergleichen A. Wahl, Vorgeschichte der französ. 
Revolution, Bd. I, 1905, p. 139, 142. 

x ) Vgl. A. Wahl, Zeitschr. f. Politik I 157 ff. 

2 ) E. I 12, 13. 

3 ) Selbstverwaltung als Terminus hat sich weder bei Stein noch bei 
Vincke oder Hb. feststellen lassen, doch könnte man bereits in der „National- 
anstalt" der Schrift von 1792 einen Ansatz zu Selbstverwaltungsgedanken 
finden. (G. S. I 131, 236. Vgl. Mein ecke, Weltbürgertum und National- 
staat, 2. Aufl., 1911, p. 38, Anm. 1.) 1. c. 188 weist er dann eine greifbarere 
Entwicklung auf, unterscheidet sich aber seinem Wesen nach: der freien, 
vom Staat ganz unabhängigen Verbindung der „Gemeinheiten" von dem 
Gedanken „ständischer Behörden" von 1819 durchaus. 



220 Ka e h 1 e r , Wahlrecht in v. Humboldts Entwurf e. Ständ.Verfassung v. J. 1819. 

Organe festgehalten ! ). Aus ebenso eigenartiger wie einheitlicher 
Auffassung hat Humboldt das Gefüge seiner ständischen Be- 
hörden aufgebaut. Seinen Ursprung wie seinen Zweck bestimmt 
er ihm ganz im eigensten Bereich des Staates; und doch läßt 
er es andererseits zur Lösung zwar einer besonderen Aufgabe, 
welche die gegenwärtigen Verhältnisse stellen, zugleich aber im 
Zusammenhange mit dem allgemeinen Kulturproblem der Aus- 
einandersetzung von Individuum und Staat entstehen. Von sehr 
persönlichen und ganz allgemeinen Gesichtspunkten zugleich 
ist dieser Entwurf bedingt, welcher ebensosehr in dem Glauben 
an die schöpferische Gewalt des Staates wie in dem Wunsch 
nach ihrer Begrenzung zugunsten des einzelnen wurzelt. Will 
man nach einem Vorbild, oder besser, nach einem verwandten 
Gebilde suchen, so wird es eher zum Ziele führen, statt auf 
irgendwelches Ständewesen geschichtlichen Wachstums 2 ) den 
Blick auf die konstruierenden Arbeiten des französischen Geistes 
zu richten. Dieser hatte neuerdings das Problem der Volks- 
souveränität als eine Art von Schiboleth in den Streit der 
Meinungen hineingestellt 3 ). Humboldt vermeidet es nun zwar, 
zu diesen wie zu den sonst herkömmlichen Streitfragen der 
Doktrin ausdrücklich Stellung zu nehmen. Aber es ist doch 
deutlich, daß er mit der geplanten Beteiligung des Volkes an 
verwaltenden Behörden es der Frage nach dem Sitz der 

*) Es kann gegen die hier aufgestellte Ansicht geltend gemacht werden, 
daß E. I 136 Hb. auf die englischen Grafschaften verweist, welche „einen 
ganz anderen inneren bürgerlichen Verband, als die französischen Departe- 
ments, und ein ganz anderes Gebietsverhältnis zum Ganzen haben". Aber 
gerade hier, wo man ihn erwarten könnte, fehlt der Hinweis auf self-govern- 
ment; und der Annahme, daß Hb. englische Einrichtungen nachahmen wollte, 
widerspricht einmal seine Überzeugung von der Unnachahmlichkeit der eng- 
lischen Verhältnisse (Bf. VI 228) und andrerseits die Tatsache, daß er im 
gleichen Zusammenhang den staatlichen Verwaltungsbezirk zum Kriterium 
provinzieller Zusammengehörigkeit macht und damit viel eher dem franzö- 
sischen als dem englischen Beispiel folgt. Der Terminus wird auch nicht 
getroffen in folgender Stelle: „In England ist, was man dort Provinzial- 
verwaltung nennen kann, großenteils kollegialische Einrichtung." An Motz 
(G. S. XII 311). Über die französische Herkunft der Kommunalverwaltung 
vgl. Jellinek, System der subjektiven öffentl. Rechte, 1892, 264 ff. Über 
Provinzialverwaltung und Selbstverwaltung bei Hb. wird im weiteren Verlauf 
der Arbeit noch zu sprechen sein. 

2 ) Daß Humboldts „Stände", insofern sie sich auf das stets von neuem 
„Werdende" und nicht auf das „geschichtlich Gewordene" gründen, mit dem 
„historischen Ständetum" nur den Namen gemein haben, wird an anderer 
Stelle ausgeführt. 

3 ) Jellinek I, 2. Aufl., 441 ff., bes. 451/52. 



Kaehler, Wahlrecht in v. Humboldts Entwurf e. Ständ.Verf assung v.J. 1819. 221 

Souveränität durchaus überhoben und damit eine Lösung ge- 
troffen hat, wie sie Rousseau für den Ausgleich zwischen dem 
„beherrschenden und beherrschten Teil der Nation" durch den 
Satz andeutete: ,,plus le magistrat est nombreux, plus la vo- 
lonte du corps s'approche de la volonte generale" x ). Diese 
verwaltenden Glieder ständischer Behörden, welche ihretwegen 
erst ins Leben treten sollten, entsprechen in hohem Grade der 
Definition von den ,,citoyens qui sont souverain d'un cöte et 
sujets de l'autre" ; und erfüllen sie nicht auch jene Forderung, 
welche Rousseau dem „gouvernement" stellt ,,qu'il fasse en 
quelque sorte dans la personne publique ce que fait dans l'homme 
l'union de l'äme et du corps" 2 ), d. h. sind sie nicht auch für 
Humboldt der eigentliche Träger staatlichen Lebens? Und 
ferner: Sucht diese Einrichtung nicht im weiten Maße die 
Erkenntnis Rousseaus, daß nur in kleinen Gemeinwesen dem 
Anwachsen der force reprimante mit Erfolg zu begegnen ist, 
in Einklang zu bringen mit der gegebenen Größe des preußi- 
schen Staates? Trifft nicht auch auf Humboldts System die 
Formel zu: ,,que le rapport des magistrats au gouvernement 
doit etre inverse du rapport des sujets au souverain" 3 )? 
D. h je größer die Zahl jener Behörden, desto beschränkter die 
herrschende Beamtenschaft in ihrer fureur de gouverner 4 ); je 
ausgedehnter und lebhafter die Teilnahme des Volkes an der 
Gesetzgebung und Verwaltung, um so verschwindender das 
Gefühl, als beherrschter Teil dem Beherrschenden ausgeliefert 
zu sein. Doch scheinen dieser Auffassung gerade die Aus- 
führungen Rousseaus zu widersprechen, mit denen er kurz vor- 
her darzutun bemüht ist, daß bei einer restlosen gegenseitigen 
Aufsaugung von legislativer und exekutiver Gewalt eben die 
volonte" particuliere vorherrschen und dadurch die so gebildete 
Regierung in ihrer Tätigkeit entschieden gehemmt werden muß 5 ). 

*) G. S. I 294. C. s. 1. III c. 2. 

2 ) 1. c. m 1 Abs. 8 und 4. 

3 ) 1. c. III 2 Abs. 12. 

*) Motto der Schrift von 1792; Rousseau nennt das die force relative 
ou l'activite du gouvernement 1. c. Abs. 10. 

°) Abs. 9: „Au contraire, unissons le gouvernement ä l'autorite legis- 
lative, faisons le prince du souverain, et de tous les citoyens autant de 
magistrats : alors la vol. de corps confondue avec la vol. gen. n'aura pas plus 
d'activite qu'elle, et laisser la vol. particuliere dans toute sa force. Ainsi 
le gouvernement, toujours avec la meme force absolue — cette force est celle 
de l'Etat dont la mesure est toujours egale (Abs. 10) — sera dans son minimum 
de force relative ou d'activite." 



222 K a e h 1 e r , Wahlrecht in v. Humboldts Entwurf e. Stand. Verfassung v. J. 1819. 

Aber Rousseau stellt diese Überlegung hauptsächlich an, um 
in dem entwickelten Gegensatz noch einen Beweis für die vor- 
aufgegangene These, daß die tätigste Regierung, die des Selbst- 
herrschers sei, zu gewinnen, und er kommt zu seinem Ergebnis 
nur durch die rein mechanische Subtraktionsmethode, durch 
die er die beiden verwandten Elemente der volonte du corps 
und der volonte generale sich aufheben und die dritte der in 
der „personne du magistrat" nebeneinander gestellten Größen 
als Rest übrigbleiben läßt. Humboldt aber hat, anders als 
Rousseau, keine These zu beweisen, sondern ein praktisches 
Ziel zu verfolgen. Daher kann er aus den gleichen Voraus- 
setzungen zu dem anderen Ergebnis gelangen, daß eben 
jene Verbindung exekutiver und legislativer Funktionen nicht 
zu einem Rückfall in die niedere Stufe, sondern zu einer neueren 
und höheren Einheit führen soll, in welcher der Gemeingeist 
gleich der volonte generale das verbindende Element ebenso wie 
das Ziel darzustellen hat 1 ). Wie es denn überhaupt betont sein 
soll, daß trotz mancher verwandter Züge, für die noch das 
eine oder andere Beispiel sich beibringen ließe 2 ), von einer 

') Man vergleiche Hb.s Besorgnis vor dem Eindringen des „Korporations- 
geistes" in die allgemeinen Stände, die nur Angelegenheiten der Gesamtheit 
entscheiden sollen (E. I 134) mit Kousseau 1. III c. 2 Abs. 6: „Dans une 
legislation parfait, la volonte particuliere ou individuelle doit etre nulle; la 
volonte de corps propre au gouvernement tres-subordonnee; et par consequent 
la volonte generale ou souveraine toujours dominante et la regle unique de 
toutes les autres." 

2 ) Es kommen u. a. folgende Stellen in Betracht: „Le gouvernement 
est un corps intermediaire entre les sujets et le souverain pour leur mutuelle 
correspondance, charge de l'execution des lois et du maintien de la liberte 
tant civile que politique" (III 1 Abs. 5) — „pour que l'Etat soit dans un 
bon equilibre il faut tont compense qu'il y ait egalite entre le produit ou 
la puissance du gouvernement pris en lui meme et le produit ou la puissance 
des citoyens, qui sont souverain d'un cote et sujets de l'autre" (1. c. Abs. 8). — 
Hält man sicli gegenwärtig, wie Hb. im Grunde doch sein ganzes System auf 
tabula rasa entwirft und mehr von logisch-konstruktiven Gesichtspunkten als 
von greifbaren Gegebenheiten ausgeht, wenn er dem bestehenden Staat dieses 
ständische Gerüst einbauen will, so wird eine gewisse Verwandtschaft mit 
Gedanken Rousseaus bemerkt werden, wie sie in folgenden Sätzen ausgesprochen 
sind: „. . . contentons-nous de considerer le gouvernement comme un nouveau 
corps dans l'Etat, distinct du peuple et du souverain et intermediaire entre 
Tun et l'autre. H y a cette difference essentielle entre ces deux corps que 
l'Etat existe par lui-meme, et que le gouvernement n'existe que par le souverain. 
Ainsi la volonte dominante du prince n'est ou ne doit etre que la volonte 
generale de la loi; sa force n'est que la force publique concentree en lui 
(der Staat ist die Zusammenfassung der einzelnen Kräfte zur Gesamtkraft, 
G. S. XII 482); sitot qu'il veut tirer de lui-meme quelque acte absolu et 



K a e h 1 e r , Wahlrecht in v. Humboldts Entwurf e. Stand. Verfassung v . J. 1819. 223 

Abhängigkeit, welche bis ins einzelne hinein bewußt dem Einfluß 
Rousseaus folgte, keineswegs die Rede sein kann. Es würde 
geringe Mühe kosten, die Fülle der Abweichungen und Wider- 
sprüche aufzuweisen, die in der Grundanschauung selbst Hum- 
boldt von Rousseau trennen und nicht nur in der Tatsache, 
daß Humboldt, anders als Rousseau, im Blick auf politische 
Wirklichkeit und Wirksamkeit seine Gedanken niederschreibt, 
ihren Grund haben. Andererseits, wenn es richtig ist, daß 
weniger die logische Geschlossenheit an sich, als die „Einheit- 
lichkeit der Stimmung" x ) es ist, welche die große Wirkung des 
Sozialkontraktes bedingt hat; so wird für den, dem die Erinne- 
rung an das Schwanken zwischen der Wahrung individueller 
Freiheit und straffer Zusammenfassung der Regierungsgewalt 
in den Anfangskapiteln des dritten Buches gegenwärtig ist, 
die wenn auch undeutliche und verblassende Spiegelung dieser 
Stimmung in den Voraussetzungen, von denen aus Humboldt zur 
Begründung des Wahlrechtes kommt, wieder Sichtbarwerden 2 ). 

V. 

Es ist oben nur im Vorbeigehen darauf hingewiesen worden, 
daß Humboldt die Wahlen „unmittelbar und geradezu vom 
Volke" vornehmen lassen will 3 ). Die Begründung, welche er 
der Forderung gibt, muß im Anschluß an die bisherigen Aus- 
führungen eine besondere Erörterung erfahren. Die angeführten 
Worte legen den Gedanken nahe, daß unter diesem unmittelbar 
vom Volke geübten Wahlrecht auch ein allgemeines und gleiches 
Wahlrecht zu verstehen sein könnte. Aber die Allgemeinheit 
des Wahlrechts scheint zunächst eine erhebliche Einschränkung 
zu erfahren durch die Bedingung, daß auf dem Lande wenig- 

independant, la liaison du tout commence ä se relächer (1. c. Abs. 17/18) . . . 
(bien que) le corps artificiel du gouvernement soit l'ouvrage d'un autre corps 
artificiel, et qu'il n'ait qu'une vie empruntee et subordonnee ... (1. c. Abs. 20) ; 
— (im Gegensatz steht jedes geschichtliche Ständetum mit eigenem Kechts- 
bereich). Dann die in Zusammenhang überraschende Bewertung des indivi- 
duellen Willens: „Moins les volontes particulieres se rapportent ä la volonte 
generale, c'est ä dire les moeurs aux lois, plus la force reprimante doit 
augmenter (III 1 Abs. 13), die an Hb.s „Die Verfassung bedarf der Ge- 
sinnung der Menschen" (G. S. XDI 422) erinnert. 

1 ) Wahl I 138. 

2 ) Dem hier Ausgeführten entgegen steht die Ansicht Meineckes 
1. c. p. 40/41. 

3 ) Vgl. oben p. 6. 



224 Kaehl er, Wahlrecht in v.Humboldts Entwurf e.Ständ.Verfassungv. J. 1819. 

stens nur der Eigentümer wahlberechtigt sein soll l ). Denn für 
die städtischen Wahlen hatte die St.O. bereits für' die Nicht- 
angesessenen ein Zensuswahlrecht eingeführt, und Humboldt 
stimmt dieser Maßnahme nachträglich aus der Überlegenheit zu, 
daß man in der Stadt „dem Besitz eines Grundstückes nicht 
einen der Natur des städtischen Gewerbes unangemessenen Wert 
beilegen" müsse. „Es scheint hier zuerst auf das Gewerbe 
anzukommen 2 )." 

Der in der St.O. für die Ausführung des Wahlrechtes ge- 
forderte Jahreserwerb belief sich auf 200 resp. 150 Taler, eine 
Summe, welche nach zeitgenössischem Urteil „für die Unter- 
haltung einer Tagelölmerfamilie eben hinreichend war" 3 ). Es 
ist möglich, daß Humboldt mit dieser sehr weiten Bemessung 
des städtischen Wahlrechts nicht einverstanden gewesen ist, 
und daß seine unausgesprochenen Wünsche auf Revision des 
Gesetzes in dieser Richtung gelegen haben 4 ). Denn später, 
1831, hat er die Frage aufgeworfen, ob nicht der erforderliche 
Jahreserwerb auf 200 — 400 Taler bemessen und sogar an eine 
Scheidung von Stimmrecht und Wahlfähigkeit gedacht werden 
könne. Aber schließlich hat er sich auch dann für die Gleich- 



*) Der Mangel an genaueren Angaben über die Grenze der politisch 
Berechtigten ist einerseits auf Hb.s Lage in Frankfurt, wo ihm als Material 
nur mehr oder weniger hypothetische Denkschriften und an Tatsachenmaterial 
wohl kaum anderes als aus den westlichen Provinzen Stammendes vorgelegen 
haben mag, andererseits auf seine eigene Unbekanntheit mit der eigentlichen 
inneren Verwaltung zurückzuführen (an Schoen G. S. XII 492). Bestimmte 
sachliche Angaben sind also nicht zu erwarten und können der Untersuchung 
nicht zugrunde gelegt werden. Daß aber Hb. in der Einbeziehung der länd- 
lichen Besitzer in die Berechtigung sehr weit gehen will, ergibt sich aus der 
Begrenzung derer, die ausgeschlossen sein sollen: „Wer auf dem platten 
Lande bloß als Mieter wohnt, teilt nicht dasselbe Interesse mit den übrigen 
Gemeindegliedern, sein Aufenthalt selbst hat keine verbürgte Dauer, und er 
zieht nicht, wie der städtische, von einem Hause, sondern von einem Dorfe 
zum anderen" (E. IT 27, 41H). Demnach soll also nicht einmal der tage- 
löhnernde Büdner, sondern nur der wandernde Tagelöhner und der zur Miete 
auf dem Dorf wohnende Handwerker nicht zur Gemeinde gehören und nicht 
wahlberechtigt sein. 

2 ) St.O. § 74. E. I 57. E. n 23, 411. 

3 ) v. Meier, Reform, 2. Aufl.. 288. Die statistischen Angaben von 
Ziekursch, Das Ergebnis der fridericianischen Städteverwaltung und die 
Städteordnung Steins, 1908, 68 ff. und 151, möchten die Ansicht v. M.s wohl 
etwas einschränken, lassen aber die Annahme für Schlesien wenigstens 
berechtigt erscheinen, daß bei einer Stimmberechtigung von 2 Drittel der 
männlichen Bevölkerung das Wahlrecht ein fast allgemeines war. 

4 ) Vgl. oben S. 199 Anm. 4. 



Ka e h 1 e r , Wahlrecht in v. Humboldts Entwurf e. Ständ.Verfassung v. J. 1819. 225 

Setzung von aktivem und passivem Wahlrecht entschieden und 
gerade dem Wahlrecht der „geringeren Klassen" eindringlich 
das Wort geredet. Der Ansatz des zur Wahl berechtigenden 
Erwerbes mit einem Mindestbetrag von 200 anstatt von 150 Taler 
hätte wohl kaum eine wesentliche Einschränkung des allgemeinen 
Charakters des Wahlrechts herbeigeführt 1 ). Sie lag damals 
ebensowenig in Humboldts Absicht wie im Jahre 1819. Das 
beweisen seine Ausführungen über das Wahlrecht des ländlichen 
Eigentümers. Für das „platte Land" hält Humboldt an der 
Angesessenheit als Voraussetzung für die Gemeindewahl wie 
für jede andere ständische Tätigkeit grundsätzlich fest 2 ). Auch 
den Adel unterwirft er dieser Bedingung. Dieser bildet die 
erste Schicht ländlicher Grundeigentümer; an ihn reihen sich 
an die bürgerlichen oder vielmehr die „nichtadligen" Besitzer 
von Rittergütern und diejenigen solcher Güter, „welche nicht 
hauptsächlich vom Eigentümer selbst bearbeitet werden". Endlich 
die „eigentlichen Bauern, das ist solche, die ihren Acker in der 
Regel und hauptsächlich selbst bestellen, und seit kürzerer oder 
längerer Zeit aus einem Verbände wirklicher Hörigkeit heraus- 
getreten sind. . . Sehr nachteilig würde es sein, es der dritten 
Klasse gewissermaßen unmöglich zu machen, zu der Verfassung 
mitzuwirken. Wenn sie nicht die aufgeklärtere ist, ist sie eine 
schlicht vernünftige, am Land und dem Bestehenden hängende, 
und gutgesinnte." Man müsse sie mit der voraufgehenden 
Klasse — es ist dabei wohl an Freigutsbesitzer und Kölmer zu 
denken — zu ständischen Zwecken zusammenfassen, „und nach 
dem Steuersatz den Anteil an der Verfassung festsetzen. Allein 
alsdann dürfte der Steuersatz nicht zu hoch sein. Ein Steuersatz, 
der durch seinen Betrag den nicht sehr bemittelten Bauer aus- 
schlösse, brächte sehr leicht den Übelstand hervor, daß die 
Wahlen auf eine Mittelklasse von Individuen fielen, die, ohne 
zu der Intelligenz wahrer Bildung zu gelangen, sich von dem 
schlichten, aber gesunden Verstände des Landvolkes entfernt 
hätten" 3 ). Die in Aussicht genommene Zensusbeschränkung, 
von der übrigens nicht weiter die Rede ist, würde nur auf die 
Wählbarkeit Anwendung gefunden und gewiß in den sozialen 
Verhältnissen der Zeit ihre unleugbare Berechtigung gehabt 

1 ) G. S. XH 532, 36. 

2 ) E. I 56, 57 Anm. E. II 27, 416, dazu die grundsätzliche Formulierung: 
„Das Wahlrecht muß auf etwas fest an dem Land Haftenden beruhen." 
Pertz V 392/93. 

s ) E. H 36, 444. 
Zeitschrift für Politik. 10. 15 



226 Ka ehl er, Wahlrecht in v. Humboldts Entwürfe. Ständ.Verfassungv. J. 1819. 

haben. Aber es ist deutlich, wie Humboldts Absicht darauf 
gerichtet ist, den Rahmen der Berechtigung den städtischen 
Verhältnissen entsprechend sehr weit zu spannen. Und wenn 
er den bayerischen Zensus von 10 Gulden, welcher die Wähl- 
barkeit der ländlichen Abgeordneten bedingt und ,,die vielen 
Postmeister" statt der Bauern in die Kammer geführt hatte, 
schon zu hoch findet, so kann man daraus und aus dem oben 
Mitgeteilten schließen, daß in seiner Ausdehnung auch auf die 
ärmeren bäuerlichen Schichten das geplante Wahlrecht doch 
als ein nahezu allgemeines zu bezeichnen gewesen wäre 1 ). 
Darum erscheint jener Satz ,,wenn sie nicht die aufgeklärtere 
ist, so ist sie eine schlicht vernünftige, am Land und dem 
Bestehenden hängende und gutgesinnte", wie eine ausdrückliche 
an Steins Sprache erinnernde Zurückweisung der kühlen und 
herzlosen Sätze, mit denen Constant den Ausschluß der bäuer- 
lichen und arbeitenden Bevölkerung vom Wahlrecht begründet : 
,,Je ne veux faire aucun tort h la classe laborieuse. Cette 
classe n'a pas moins de patriotisme que les autres classes. 
Elle est prete souvent aux sacrifices les plus heroiques, et son 
dOouement est d'autant plus admirable, qu'il n'est recompense 
ni par la fortune ni par la gloire. Mais autre est, je le pense, 
le patriotisme qui donne le courage de mourir pour son pays, 
autre est celui qui rend capable de bien connaitre ses interets. 
II faut donc une condition de plus que la naissance et l'äge 
prescrit par la loi. Cette condition, c'est le loisir indispensable 
ä l'acquisition des lumieres, ä la rectitude du jugement. La 
propriete seule assure ce loisir: la propriete seule rend les 
hommes capables de l'exercice des droits politiques 2 )." Wie 
tief und wie bezeichnend für den Gegensatz nicht nur der 



*) Vgl. E. I 105. Das bayrische Edikt über die Ständeversammlung vom 
26. V. 18 bestimmt § 8d für das passive Wahlrecht der Abgeordneten der 
Städte und Märkte, „daß sie mit einem freieigenen Vermögen oder einem 
bürgerlichen Gewerbe ansässig seien" (vgl. dazu die Formel E. II 23 „Ansässig- 
keit mit liegenden Gründen oder anderem Vermögen"); daß sie von dem 
wenigstens seit 3 Jahren besessenen Grundstück „an Häuser- und Rustikal- 
steuer ein Simplum von 10 Gulden, oder an Gewerbsteuer einen für die 
dritte Hauptklasse festgesetzten Betrag von 30 — 40 G. entrichten", oder einen 
aus beiden Steuern kombinierten gleich hohen Betrag; § 8e für die Wähl- 
barkeit der ländlichen Abgeordneten ein seit 3 Jahren besessenes „frei 
eigenes oder erbliches nutzbares Eigentum" mit einem Steuersimplum von 
10 G.; und zwar nur aus Häuser-, Rustikal- und Gewerbsteuer mit Ausschluß 
der Personal- und indirekten Steuer (§ 9). 

2 ) B. de Constant, Reflexions sur les Constitutions etc., Paris 1814, 
p. 107. 






K a e h 1 e r , Wahlrecht in v. Humboldts Entwurf e. Stand. Verfassung v. J. 181 9. 227 

Individuen, sondern auch der geschichtlichen Zusammenhänge, 
denen sie zugehören, ist der Spalt, der sich hier auftut zwischen 
dem Propagator des liberalen Konstitutionalismus und dem 
Urheber dieser in ihren Formen so schlichten und in ihrer 
Wirkung so tiefgreifenden „ständischen" Verfassung! Nun die 
großen Bewegungen, denen jener ungestüme und unwissende, 
„nativistische" Patriotismus die Bahn freigemacht und seine 
elementare Kraft geliehen hat, zu ihrem Ziel gekommen sind, 
soll seine Kraft ungenutzt, zurückgedrängt im Verborgenen 
bleiben, bis die Not sie vielleicht wieder zu Dienst und Hilfe 
derer entfesselu mag, die jetzt im wärmenden Schein der Friedens- 
sonne an dem ausschließlichen Besitz alles dessen, was Staat 
ist, und an der klugen Kunst, ihn zu nutzen und gedeihen zu 
lassen, sich erfreuen wollen, wie es einst die Privilegierten des 
Ancien Regime getan. Und bei Humboldt dieselbe Erkenntnis 
von der gewaltigen Kraft, die — nicht in der „arbeitenden 
Klasse", aber im „Volk" — sich birgt; und zu der Erkenntnis 
der Wunsch, diese Kraft in ihrer stetigen und sicheren Ruhe 
zur festen und dauernden Grundlage, zur tragenden Kraft des 
Staates zu machen, sie zu nutzen und in der Fassung in höhere 
Formen sie zugleich zu veredeln — wieviel ehrlicher ist nicht 
dieser Idealismus bei allem Anschein der Nüchternheit und 
sogar der Zaghaftigkeit. Aber hat Constant nicht trotz der 
rhetorischen und kalten Phrase die Überlegenheit des geschulteren 
Wirklichkeitssinnes vor Humboldt voraus? Es ist die Stellung- 
nahme Constants sehr wohl zu verstehen, wenn man in ihr 
den Niederschlag der wechselvollen und bitteren Erfahrungen 
begreift, welche die Wandlungen der französischen Verfassung 
seit 1789 ihm eingetragen hatten. Aber es ist ja weniger die 
Erfahrung, welcher Constant hierin folgt — sie hatte ihn viel- 
mehr belehrt, daß auch die proprietaires schlechte Gesetze 
machen können *) — , sondern die von Condorcet übernommene 
Theorie, welche allein im Eigentümer den Staatsbürger sehen 
will 2 ). Sie birgt neben dieser Forderung noch ein Element in 
sich, welches, folgerichtig aufgefaßt, allerdings mit Constant 
zu der ausschließlichen Bewertung des liegenden Eigentumes 



') „Durant notre revolution, les proprietaires ont, il est vrai, concouru 

avec les non-proprietaires ä faire des lois absurdes et spoliatrices. C'est que 

1 les proprietaires avaient peur des non-proprietaires revetus du pouvoir. Hs 

< voulaient se faire pardonner leur propriete . . . Les fautes ou les crimes 

des proprietaires furent une suite de l'influence des non-proprietaires 1. c. 110/11. 

2 ) Tecklenburg, 114. 

15* 



228 K aekler, Wahlrecht in v. Humboldts Entwürfe. Stand. Verfassung v.J. 1819. 

als der Grundlage jeglicher politischen Berechtigung führen 
muß. Dieses Element bildet der doppelte Gedanke, daß der 
Bürger nicht nur durch Grundbesitz mit der Grundlage des 
Staates, dem Boden, fest verwachsen, daß er auch unabhängig 
und durch seine Unabhängigkeit „aufgeklärt" sein muß, weil 
in allen politischen Abstimmungen der an sich so schwer 
erreichbare objektive Wahrheitsgehalt von größter Bedeutung 
ist 1 ). Rationalistischer calcul des 18. Jahrhunderts trifft hier 
in der Theorie Constants zusammen mit den geschichtlichen 
Erfahrungen der erlebten Revolutionsperiode, welche sein Ge- 
sichtsfeld zweifellos vor Humboldt um manchen tieferen Einblick 
in die soziale Bedingtheit des politischen Lebens erweitert 
haben 2 ). Interessant genug zu beobachten, wie diese so fremden 
Elemente gerade jene Mischung eingehen, welche den Wünschen 
der liberalen bourgeois entspricht, und welche darum in der 
prosperite nationale, in dem die Privatinteressen summierenden 
interet public die höchste politische Angelegenheit sieht, und 
daher der Repräsentation ihr Ziel setzt in der transaction 
commune der Lokalinteressen 3 ). Ihm ist der Staat eben doch 
zur großen Geschäftsangelegenheit geworden, und ein direktes 

1 ) 1. c. 36/37. 

2 ) Man vergleiche etwa die oben zitierte Gegenüberstellung von Eigen- 
tümer und Nichteigentümer, dazu den Satz: „La crainte de perdre ce qu'on a, 
rend pusillauime, et l'on imite alors la fureur de ceux qui veulent acquerir 
ce qu'ils n'ont pas" (111). Oder den Gedanken, daß das Eigentümerwahlrecht 
dem Zustrom, der aus wirtschaftlichen und persönlichen Gründen nach der 
Hauptstadt sich richtet, hemmen müsse: „L'election directe repousse les pro- 
prietaires vers les proprietes, dont, sans eile, ils s'eloignent'' (132/33). Ferner 
die Beobachtung, wie auf dem Lande der verwandtschaftliche Zusammenhang 
der Bevölkerung die politisch-technische Unterscheidung zwischen den kleinen 
Eigentümern und den Arbeitern fast verwischt, und die erste Gruppe zum 
Fürsprecher der zweiten macht (1. c. Anm.), oder endlich die glänzende 
Charakteristik des neuen politischen Typs, des Advokaten, der mit der propriete 
qu'on ä nomee intellectuelle ebenso im Lande wurzelt wie der Besitzer 
wirklichen Eigentums ((Euvres I 2, 1818, p. 296/97)). 

3 ) Die unangesessenen Einwohner „ne sont plus interesses que les 
etrangers ä une prosperite nationale dont ils ne connaissent pas les elements 
(Reflexions 106); l'interet public n'est que le resultat des interets particuliers 
combines; il ne differe d'eux que comme un Corps differe de ses parties . . . cet 
interet jmblic n'est autre chose que les interets individuels mis reciproquement 
hors d'etat de se nuire". La representation atteint son but general in der 
transaction commune der Lokalinteressen (128/29). Darum sollen die Reprä- 
sentanten, damit sie sich nicht, wie die von oben ernannten Deputierten 
der napoleonischen Verfassung von der Nation isolieren, haben eine respon- 
sabilite locale im Hinblick auf la maniere d'etre du departement qu'ils repre- 
sentent (130). 



K a e h le r , Wahlrecht in v. Humboldts Entwurf e. Ständ.Verf assung v. J. 1819. 229 

Wahlrecht fordert er in der Hauptsache deswegen, damit die 
kleineren Geschäftsteilhaber nicht wie bisher unter Napoleon 
übervorteilt werden ; aber er fordert es nicht, um einer geistigen 
oder moralischen Zusammenfassung der Nation willen 1 ). Die 
letzte Schicht des Volkes, die sein Wahlrecht erfassen würde, 
sind die langfristigen Pächter 2 ). 

Aber auch indem man von Condorcets Voraussetzung des 
ländlichen Grundbesitzes als Vorbedingung politischer Tätigkeit 
ausgeht, braucht man nicht im Ergebnis mit Constant sich 
zusammenzufinden. Das beweist Humboldt. Condorcet und 
mit ihm dann die Bestimmungen der Revolutionskonstitutionen 
machen für die Ausübung des Wahlrechtes persönliche Unab- 
hängigkeit zur Bedingung. Als abhängig gelten für ihn 3 ), und 
wie wir sahen auch für Constant 4 ), alle, die den Ertrag des 

*) Die election directe wird bewirken „d'etablir des relations frequentes 
entre les diverses classes de la societe — eile necessite de la part des classes 
puissantes des menagements soutenus envers les classes inferieures" (131). 
Deswegen ist ein „corps electoral unique inadmissible et l'election directe in- 
dispensable". Aber es muß dies alles, um recht verstanden zu werden, im 
Gegensatz zu dem Listen- und Ernennungswahlrecht des napoleonischen 
Systems aufgefaßt werden. Doch darf man auch nicht den sich weder 
bewährenden Sinn Constants für sozialen Druck und Gegendruck übersehen. 

2 ) „Celui qui tient ä long bau une ferme d'un revenu süffisant" (112). 

3 ) Condorcet VIII 132: Der citoyen muß haben „une volonte raison- 
nable, libre et non corrompue", und er muß vom Ertrag des Grundbesitzes 
(revenu foncier) leben (134). Citoyens sind die, qui peuvent tirer leur sub- 
ßistance entiere de leur propriete; dagegen sind auszuschließen vom Bürger- 
recht ceux que leur pauvrete et leur maniere de vivre forcent ä la depen- 
dance (1. c). — Constit. 1791, Tit. ILT c. I sect. DI a. II: pour etre citoyen 
actif il faut ... 5) n'etre pas dans un etat de domesticite, c'est ä dire, 
de serviteur ä gages. Constit. 1795 Tit. II § 13: Das Bürgerrecht wird sus- 
pendiert „par l'etat de domestique ä gages, attache au service de la personne 
ou du menage". Eine Ausnahme vom Prinzip macht die Constit. 1793 decl. 
§18. — Condorcet führt die domesticite als Hinderungsgrund an, 1. c. 142. 

4 ) Daß Constant eigentlich nur eine Wahlbeteiligung der Kreise, die 
etwa der englischen gentry entsprechen, wünschte, ergibt folgende Stelle: 
„Quiconque n'a pas d'un revenu territorial . . . la somme süffisante pour 

| exister pendant i'annee, sans etre tenu pour travailler pour autrui, n'est paa 
; entierement proprietaire. II se retrouve quant a la portion de propriete qui 
lui man que, dans la classe des salaries. Les proprietaires sont maitres de 
son existence, car ils peuvent lui refuser le travail. Celui qui possede le 
revenu necessaire pour exister independamment de toute volonte" 
etrangere, peut donc seul exercer les droits de cite. Une condition 
de propriete inferieure est illusoire, une condition de propriete plus elevee 
est injuste" (Reflexions, 111). Letzten Grundes konnte man mit diesem 
Prinzip auch alle Beamten, die neben persönlichen Einkünften vom Gehalt 
lebten, ausschließen; es bleibt doch immer ein sehr aristokratisches Wahlrecht. 



230 K a e h 1 e r , Wahlrecht in v. Humboldts Entwürfe. Stand. Verfassung v. J. 1819. 

Grundbesitzes durch Lohuarbeit ergänzen müssen, um ihr Leben 
zu fristen. Nun weist aber Condorcet selbst auf die Stellen 
hin, an denen der Damm der Theorie im gegebenen Fall dem 
Druck der praktischen Bedürfnisse, ohne als Ganzes hinfällig 
zu werden, nachgeben kann. Die Darstellung muß an diesem 
scheinbar fernliegenden Punkt etwas länger verweilen, da es 
aus den Darlegungen Tecklenburgs nicht ganz deutlich wird l ), 
daß bei Condorcet das Bürgerrecht (le droit de cite) eine doppelte 
Funktion in sich schließt. Wir werden es gerade darin als 
das Urbild von Humboldts verwaltenden Repräsentativbehörden 
anzusehen haben. Wer des Bürgerrechtes fähig ist, hat sowohl 
das Stimmrecht bei der Wahl zu den von Bezirk zu Bezirk 
abgestuften Repräsentationsversammlungen, wie er andererseits 
im Prinzip auch wählbar ist und damit Zutritt nicht nur zur 
assemblee d'election, sondern auch zur assemblee d'administra- 
tion hat 2 ). Das Recht der Ausübung des Bürgerrechtes im 
vollen Umfange (l'exercice du droit de cite) steht nur dem Eigen- 
tümer zu ; der Nichteigentümer ist hiervon ganz ausgeschlossen ; 
nicht dagegen von jedem Stimm- oder Wahlrecht: denn nur 
dann ist der Satz verständlich: ,,1'idee de n'accorder le droit 
de cite qu'ä ceux qui possedent mi revenu en propriete fon- 
ciere, süffisant pour leur subsistance, et de donner seulement 
ä ceux qui ont une propriete moindre le droit d'eUire un 
representant qui exerce en leur nom le meme droit de cite, 
parait meriter la preference sur toutes Celles qui ont ete mises 
en usage ou proposees jusqu'ici". Nur dann auch die Ver- 
sicherung, daß mit diesem Wahlrecht die ärmeren Klassen nicht 
zugunsten der reicheren ausgeschaltet seien: ,,du moment oü 
l'on accorde le droit de cite ä la plus faible propriete, cette 
objection cesse" 3 ). Und verständlicher wird auch jene Begrün- 
dung des indirekten Wahlrechts, auf deren Widerlegung Hum- 
boldts Ausführungen in E. I § 139 offenbar gerichtet ist: ,,mais 
alors on peut avoir un autre motif d'etablir (des assemblees 
d'election): le peu de lumieres de la plupart de ceux qui jou- 
issent du droit de cite, et ä qui par consequent il vaut mieux 
de confier le soin de choisir des electeurs, c'est ä dire des hom- 
mes en qui on ne doit chercher que du sens, de la probite et 
de bonnes intentions, que celui d'elire leurs representants de 
qui on doit exiger des qualites dont un moindre nombre d'hom- 

') 1. c. 36/7. 

2 ) Vin 145 imt. L46. 

:1 ) 1. c. 128, 130. 






Kaehl er, Wahlrecht in v.Humboldts Entwurf e.Ständ.Verfassungv. J. 1819. 231 

mes peuvent etre juges competents" x ). Um einen gemeinsamen 
Irrtum beider Autoren vorauszunehmen: Condorcet hat gleich 
Humboldt die Entwicklung, welche die Einrichtung der Wahl- 
männer überall genommen hat; daß nämlich der Wahlmann 
gewählt wird nicht aus dem Zutrauen heraus, „daß er eine 
gute Wahl machen wird", sondern nachdem und weil er sich 
auf den Kandidaten einer bestimmten Partei verpflichtet hat 2 ), 
— sie haben beide diese Entwicklung nicht vorausgesehen. Denn 
des ersteren Aufmerksamkeit ist im wesentlichen auf die gewählte 
Körperschaft, die des anderen mehr auf den einzelnen Wähler 
gerichtet, und ihr Blick ist zu nah oder zu weit eingestellt, um 
das zwischen diesen beiden grundlegenden Elementen sich er- 
hebende und sie verbindende dritte Element der Partei in den 
ungewissen Zukunftsmöglichkeiten zu erkennen. Denn hinter 
dem so bezeichnenden Paradoxon Humboldts, daß selbst ein 
beschränkter Kopf wohl eines Abgeordneten allgemeine Fähig- 
keiten beurteilen, aber auch der Klügste nicht voraussagen könne, 
ob ein Wahlmann eine vernünftige Wahl machen wird, birgt 
sich nicht nur das Gefallen an scharfsinniger, ja spitzfindiger 
Unterscheidung, sondern eben ein Interesse am einzelnen 
Wähler 3 ), welches mit dem Nachweis der Sinnlosigkeit der in- 
direkten Wahl um so mehr freie Bahn schafft für die Forderung, 
mit der unmittelbaren Wahl „ein eigentliches Band der Teil- 



') 1. c. 147. Es besteht noch die Möglichkeit, den electeur als identisch 
mit dem representant von p. 128 anzusehen. Aber hier handelt es sich nur 
um das Wahlrecht, während p. 128 noch das ganze droit de cite, d. h. auch 
die Teilnahme an den verwaltenden Behörden, in Frage steht. Würde man 
in dem representant, den die Eigentümer minderen Grades wählen sollen, 
noch eine besondere Klasse von Stellvertretern, die an sich wieder erst Ur- 
wähler in der assemblee d'election sein würden, sehen wollen, so würde dieser 
Annahme nicht nur die Umständlichkeit des Verfahrens entgegenstehen, 
sondern auch das Fehlen jeder Angabe, wie diese Stellvertreter zu wählen 
sind. Die Unklarheit in Tecklenburgs Darstellung entsteht aus der zu nahen 
und ausschließlichen Verbindung von Bürger- und Stimmrecht, 1. c. 35. 

2 ) Vgl. Meyer P.W. 524/25. 

*) Wenn Rotteck, Ideen über Landstände 1819, p. 78. behauptet: 
„Nur mein Gewählter ist mein Manm; Wen er weiters wählt, der ist mir 
fremd, ja kann mir zuwider sein", so trifft er wohl sehr in die Nähe der 
Stimmung von Vincke und Hb. Aber seine juristische Deduktion von der 
willkürlichen Gewaltenübertragung durch Wahlmänner auf der einen Seite, 
seine Vertrautheit mit dem für Hb. noch unbekannten Parteiwesen und dessen 
Wahlmachenschaften auf der anderen beweisen hinlänglich, daß er von einem 
ganz anderen Wege her zum gleichen Ziele strebt, und daß gegen ihn Hb.s 
Wiuerlearung' nicht gerichtet sein kann. 



232 K aehler,Wahlrecbtin v. Humboldts Entwurf e.Ständ.Verfassungv. J. 1819. 

nähme zwischen dem Wähler und Gewählten anzuknüpfen" J ). 
Auf eine solche unmittelbare Verbindung des einzelnen mit den 
Korporationen, welche die Gesamtheit vertreten, kommt für 
Humboldt es doch vor allem an, auch wenn seine Ausdrucks- 
weise matter und unpersönlicher gehalten ist, als die lebhaftere 
und anschaulichere Sprache Vinckes. Darum befindet er sich 
auch in dem Bestreben, der Gefahr der Cliquenbildung in den 
gewählten Körperschaften, dem „Korporationsgeist" vorzubeugen, 
in so auffallender Übereinstimmung mit Condorcet, daß man 
in der Vermutung, Humboldt folge hier bewußt fremder An- 
regung und Darstellung, vielleicht nicht zu weit gehen wird 2 ). 

') E. II 37, 445. Vgl. dazu den entsprechenden Passus bei Vincke, 
Pertz, Denkschr., 78: „Das alles hat auch den großen Vorteil, daß den 
Menschen die Sache wichtig und interessant wird, daß sie ein Gefühl ihrer 
bürgerlichen Ehre und ihres Wertes, ihres Einflusses, der eigenen — wenn 
schon nur eingebildeten — wirksamen Teilnahme am Begieren dadurch 
gewinnen; von diesem allen wird aber nichts, wenn nicht die Persönlichkeit 
der Wähler durch eigene direkte Wahl mit der Persönlichkeit ihrer Vertreter 
in Beziehung gebracht und innig verknüpft wird, und es ist wahrlich dringend, 
die Sache dem größeren Teil wichtig und interessant zu machen." 

2 ) Hb.s Ausführungen: E. I 133: „Gewiß nicht zu billigen wäre es, 
wenn die Provinzialstände gar aus ihrer Mitte wählen sollten und also Wähler 
und Gewählte zugleich wären. Die Majorität in ihnen, und damit ihr ganz 
individueller Amtsgeist und Amtscharakter gingen alsdann unmittelbar in die 
allgemeine Versammlung über." § 134: „Die drei genannten Körper einen 
aus dem anderen hervorgehen zu lassen, würde Einseitigkeit zur Folge haben, 
und die Geschiedenheit des Korporationsgeistes hervorbringen, der um so 
schädlicher sein müßte, als hier nicht von Volkskorporationen, sondern von 
Amtskorporationen die Rede wäre. Deputierte, die zugleich Mitglieder der 
Provinzialversammlung sind, werden zu leicht bloß Organe ihrer Versamm- 
lungen, anstatt rein ihre eigene Meinung oder die öffentliche ihrer Provinz 
auszusprechen, da es nicht fehlen kann, daß eine Versammlung nach einiger 
Zeit einen gewissen Charakter und gewisse Maximen annimmt . . . Amts- 
körper widerstehen, wie man an den Parlamenten in Frankreich gesehen hat, 
mit dem Eigensinn von Individuen, nur verstärkt durch die Mehrzahl. Der 
Munizipalgeist würde in die Provinzialstände, der dieser in die allgemeinen 
übergehen, und da er in den verschiedenen Provinzen nicht derselbe sein 
kann, würden in den allgemeinen Ständen schroff geschiedene Massen starr 
nebeneinander stehen . . . Auch halten Individuen nie so einseitig zusammen, 
wenn sie bloß aus derselben Landschaft gewählt, als wenn sie schon als 
Kollegen in demselben Geschäft verbunden gewesen sind." — Und nun 
Condorcet VIII p. 118: Diese Versammlungen haben zwei Entwicklungs- 
möglichkeiten vor sich: „Elles peuvent etre animees de l'esprit public ou 
d'un esprit aristocratique, devenir des corps isoles dans l'Etat, ou rester 
les representants des citoyens." p. 119: „il s'agit de savoir si les assemblees 
sont bien constituees pour la nation; que tout corps, consuite sur sa propre 
Constitution, tend par une pente naturelle, ä desirer, meme de tres bonne 
foi, ce qui augmente son autorite et l'importance de ses membres; que, cree 



K a e h 1 e r , Wahlrecht in v. Humbol dts Entwurf e. Ständ.Verf assung v. J. 1 819. 233 

Für Humboldt wie für Condorcet handelt es sich dabei darum, 
den esprit public, den „Gemeingeist", der etwas sehr anderes 



aujourd'hui, il aura besoin de se defendre demain d'etre guide par 
cet esprit de corps qui nait ä l'instant nieme oü les hommes se 
reunissent entre eux." p. 146: Die allgemeine Wahl in den Wahlver- 
sammlungen ist „une barriere des plus fortes contre la pente naturelle 
qui entraine vers 1' aristocratie tous le corps, meme les plus 
populaires dans leur origine." p. 174: C. bekämpft die Forderung: 
„que les membres d'une assemblee provinciale eussent ete membres d'une 
assemblee de districte, ceux-ci d'une assemblee municipale; mais l'avantage 
apparent de cette disposition expose ä un grand danger, a celui de reunir 
ces assemblees en une espece de corps, d'y faire naitre un esprit 
particulier etranger et des lors souvent oppose ä l'esprit public." 
Es ist oben p. 211 Anm. 1 auf die Kritik hingewiesen worden, welche Rousseau 
an dem esprit de corps der Magistrate übt und auf ihre Verwandtschaft mit 
Hb.s Besorgnissen. Der Gedanke als solcher, wie er bei R. und Hb. sich 
gleichmäßig vorfindet, ohne daß er gerade von R. bei Hb. angeregt sein 
müßte, erhält bei C. die anschauliche Erläuterung am Beispiel gegebener 
Verhältnisse und Möglichkeiten, welche ganz mit den von Hb. geplanten 
politischen Formen übereinstimmen. Die gleichen Aufgaben und Voraus- 
setzungen rufen die gleichen Besorgnisse und vorbeugenden Maßnahmen 
hervor. C. bietet augenscheinlich die für Hb. maßgebende Anregung in 
dieser Frage; und diese ist eine der wichtigsten innerhalb des ganzen Pro- 
blemes. Zwei Gründe sprechen noch besonders dafür, daß Hb. an dieser 
Stelle unter dem Einfluß der Schrift C.s steht. Die Verwendung des Wortes 
„Munizipalgeist" bietet einen Anhalt für die Art, in der Hb. das Vorbild 
benutzt: nicht einfach abschreibend, sondern indem er dem übernommenen 
Wort, und zwar an der Stelle, die dem Sinne der Vorlage parallel geht — 
p. 174, § 134 Mitte — , sofort eine weitere Bedeutung beilegt und unter 
„munizipal" alles zusammenfaßt, was unterhalb der Provinzialstände an 
ständischen Organen gegeben ist. Darum kann es auch nicht in Betracht 
kommen, daß unter den Papieren, die Humboldt von Stein übernommen 
hatte, die schon zitierte Denkschrift vom 10. X. 1815 — ihr hat Hb. die 
„Grundformel" über die Gemeindeordnung entnehmen wollen (E. I § 56) — 
mehrfach von französischen Munizipaleinrichtungen redet. Es stehen dabei 
immer nur städtische Angelegenheiten in Frage; und in den Paragraphen, 
in denen Hb. auf die genannte Denkschrift zurückgreift, kommt das Wort und 
auch sonst in den beiden Entwürfen nicht vor. Um so mehr darf man in 
seinem Vorkommen hier einen Hinweis auf jene Vorlage erblicken. Und 
dann: wie anders wäre die Anspielung auf die französischen Parlamente an 
dieser Stelle zu erklären, wenn man diese Tatsache nicht auf eine ganz frische 
und nachhaltige Berührung mit dem Gedankenkreis Condorcets, der dem 
näheren Freundeskreis des durch die Parlamente gestürzten Turgot angehört 
hatte (Wahl I 235 Anm. 9, 259 u. öfter) zurückführen will? Beide Gründe 
zusammengenommen, machen m. E. eine ganz starke Beeinflussung Hb.s 
durch C, für die es sonst keinen überlieferten Anhalt gibt, für welche aber 
an anderer Stelle und oben sachliche Gründe verschiedener Art angeführt 
sind, zur Gewißheit. — Auch mag noch darauf hingewiesen sein, daß in dem 
mir bekannten Material Hb.s kein Passus vorkommt, der den „Charakter" 
des Wahlkandidaten so in den Vordergrund rückt, wie Condorcet (p. 146) 



234 K a e h 1 e r . Wahlrecht in v. Humboldts Entwurf e. Stand. Verfassung v. J. 1819. 

ist als Constant's interet public, in seiner Reinheit zu er- 
halten. Daß beide aber, so wenig sie die Kollegienwahl 
wünschen, gleichmäßig ein Pluralwahlrecht, welches bei dem 
Eigentümerwahlrecht leicht aus der Sache zu folgen scheint 1 ), 
nicht kennen, hat verschiedene Gründe,, wenn sie bei beiden 
auch wiederum auf die Grundidee zurückführen. Condorcet 
lehnt die Pluralwahl ausdrücklich ab, weil in jeder Wahl 
die Anerkennung einer Wahrheit liege, und eine solche An- 
erkennung nur einmal vollzogen werden könne und dürfe 2 ). 
Ein derartiges intellektuelles Interesse an der Wahl besteht für 
Humboldt nicht; sein scheinbares Einlenken in diese Richtung 
(E. I § 139) wird nur durch den Gegensatz zu Condorcets Be- 
gründung hervorgerufen. Ihm kommt es nicht so sehr auf 
das Resultat der Wahl als auf den Wählenden selbst an, der 
an dem Akt der Wahl wie an dem Gewählten, sei es auch mit 
etwas gewaltsamen Mitteln, sei es selbst in einer Art von Rausch 
der Aufregung, sich beteiligt fühlen soll 3 ). Er hatte im vorauf- 
gegangenen Jahr die Wahlen in London mit angesehen, und 
die Bedenken gegen die aufregenden Volkstumulte dabei konnten 
doch den Eindruck von der politischen Bedeutung derartig be- 
wegter Tage nicht überwiegen 4 ). Weil es für Humboldt zunächst 



mit dem electeur-sens, probite, bonnes intentions — und Humboldt (§ 139) 
mit dem Abgeordneten — Charakter, Verbindungen, persönlichen Interessen 
in übereinstimmender Reihenfolge es tun; bei Hb. in gewandter Übertragung, 
welche den affirmativen Ton C.s zu neutraleren Ausdrücken abschwächt. 

') Deswegen bestimmt z. B. das bayrische Edikt vom 26. V. 18 in § 17 b 
ausdrücklich, daß wer „allenfalls mehrere Grundbesitzungen mit gutsherrlicher 
Gerichtsbarkeit im Regierungsbezirk hat, nur Eine Stimme abzugeben hat". 

'-) Vgl. Tecklenburg 36. 

3 ) Das beweist der Hinweis auf Vinckes lebhafte Schilderung der bäuer- 
lichen Wahlen, E. I 139; Denkschr. p. 78. 

4 ) Eingehende Schilderungen solcher Wahlszenen bringen die Briefe 
vom 19./23. VI. 1818 Bf. VI, 225 ff., 233/34, und es ist bezeichnend genug, 
daß Hb. auch aus dem Wahlgetümmel von Westminster einen Weg findet 
zurück zur Antike. „Diese Art der Volkswahlen ist wirklich das Einzige in 
jetziger Zeit, das noch den Einrichtungen derselben Art bei den Alten gleich- 
kommt, und man kann sich danach einen anschaulichen Begriff davon bilden" 
(228). Andererseits: „Es ist nichts so Schreckliches, als eine Pöbelmasse. 
Die versammlten Tausende werden wie ein Einziges, nur einen Körper 
habendes, unsinniges und bewußtloses Tier, und es ist an keine Beschwichti- 
gung und Verständigung mehr zu denken. In der Regel aber . . . weiß das 
englische Volk sehr gut die Schranke zu finden. Selbst jene Masse hat ihr 
richtiges Gefühl bewiesen" (235). Ganz ähnlich hat Constant, 1. c. 139, über 
Hergang und Wirkung der englischen Wahlen geurteilt: le lendemain d'une 
election, il ne restait plus la moindre trace de l'agitation de la veille. Le 



K a e h 1 e r , Wahlrecht in v. Humboldts Entwurf e. Ständ.Verf assung v. J. 1819. 235 

und vor allen Dingen auf Gemüt und Willen des Wählers 
ankommt, stellt er sich, wenn er Folgen und Bedeutung des 
Wahlrechts betrachtet, zunächst und in erster Linie auf dessen 
Standpunkt 1 ). Und dieser Standpunkt ist nicht der des wohl- 
habenden und aufgeklärten Besitzers, der mit Urteil und Um- 
sicht seine Entscheidung trifft; sondern es ist der des von den 
nächsten Eindrücken bestimmten und in engem Gesichtskreis 
befangenen geringen Mannes. Denn, dächte Humboldt nur an 
jene Kreise, die namentlich Constant vor Augen hat, so wären 
alle diese Erwägungen überflüssig. Erinnert man sich, daß 
Condorcet das Bürgerrecht bereits ä la plus faible propriete 
knüpfen wollte, so wird man darin die gegebene Möglichkeit 
sehen, unter Wahrung des Prinzipes des Grundbesitzes zu einer 
so allgemeinen Ausdehnung des Wahlrechtes zu kommen, bei 
welcher der Grundbesitz nur noch für das Land, und zwar zu 
einem fast nur formalen Kriterium politischer Berechtigung 
geworden ist. Hierbei hat Humboldt die Linie der möglichen 
Entwicklung, die von Condorcets Voraussetzungen ausgeht, also 
nicht abgebrochen, wenn er sie auch bis zur äußersten Grenze 
gedehnt hat. Dem Ausgangspunkt nähert ihn dann wieder 
der Grundsatz, daß alle durch dieses breite Wahlrecht über- 
tragenen Funktionen ehrenamtlich geführt werden sollen 2 ) ; dazu 
war eine gewisse Wohlhabenheit, die dem Tagelöhner nicht 
erreichbar war, unerläßlich. Humboldt nimmt damit den Doppel- 
begriff des droit d'election und des droit d'administration, welche 
das droit de cite Condorcets ausmachen, wieder auf und läßt 
das in ihm liegende Moment sozialer Scheidung wirksam werden. 
Aber es bleibt das mehr ein nur formales Festhalten an dem 
Prinzip, während Constant den ursprünglichen sozialen Sinn 
und Inhalt des physiokratischen Gedankens zweifellos reiner 
erhalten hat. Doch war das wesentlich Doktrin. Und was 
Constant an erlebter sozialer Erfahrung vor Humboldt voraus 
hat, das macht ihn an politischem Idealismus ärmer und läßt 
ihn die Grenze des innerstaatlichen Lebens gerade gegen jene 

peuple avait repris ses travaux. mais l'esprit public avait recu l'ebranlement 
salutaire, necessaire pour le ranimer". 

l ) „Das erste ist doch, wenn man gute Wahlen fordert, daß man sich 
in den Sinn der Wählenden versetzt" (E. I 139). „Es ist ein notwendiges 
Erfordernis, daß der Wählende den zu Wählenden aus der Nähe und nicht 
bloß durch den Ruf und vom Hörensagen kennt . . . Jeder wird lieber und 
besser wählen, wenn er in seinem gewohnten Kreise bleibt, als sich in der 
Menge verliert" (138). 

•) E. I 69. 



236 K a e h 1 e r , Wahlrecht in v. Humboldts Entwurf e. Stand. Verfassung v. J. 1 819. 

Schichten ziehen, die für Humboldt wie für Stein erst das 
eigentlich zukunftsfähige „Volk" bedeuten. 

VI. 

Es ist im vorstehenden der Versuch gemacht, den Umfang 
des Wahlrechtes und seine Begründung als eines unmittelbaren 
Volksrechtes darzustellen; so bleibt dann noch die Frage zu 
erörtern, ob und inwieweit es ein gleiches ist. Humboldt selbst 
stellt gar nicht prinzipiell die Frage nach Gleichheit oder Un- 
gleichheit des Wahlrechtes. Und auf den ersten Blick scheint 
ein ungleiches Wahlrecht aus der Natur des ständisch abge- 
stuften Systems von selbst hervorzugehen. Bei genauerem Zu- 
sehen aber ergibt sich, daß eine wirklich bevorrechtete Stellung 
nur die kraft Erbrechts oder sonstiger besonderer Bestimmungen 
zu persönlicher Standschaft Berufenen genießen 1 ). 

Wo hingegen es sich überhaupt um „Wählen" handelt, 
d. h. auch bei der überwiegenden Masse des Adels, findet in 
der Tat eine rechtliche Bevorzugung nicht statt. Auch der 
angesessene Adel übt sein Wahlrecht aus nur innerhalb der 
adligen Korporation, wie jeder andere Landeigentümer und der 
Städter in der ihm entsprechenden „politischen Korporation" 
zu wählen hat. Und auch der Adel wählt keinen Mandatar 
seines Standes, sondern der Abgeordnete der adligen Korporation 
ist Glied der allgemeinen Repräsentation wie jeder andere 2 ). 
Eine soziale Ungleichheit wird geschaffen, so gesteht Hum- 
boldt selbst zu, indem überhaupt eine besondere Korporation 
des Adels gebildet wird 3 ). In der politischen Funktion aber, 
welche der Staat ihr zuweist, ist sie den anderen Korporationen 
durchaus gleichgestellt; sie wie die anderen dienen dem gleichen 

») E. I 108. 

2 ) E. I 109b, die „adlichen Wahldeputierten" gehören nicht zur ersten 

Kammer, „sondern sie fänden natürlich ihren Platz in der zweiten 

Kammer mit den übrigen Grundeigentümern und Ständen". 111: Eine nur 
adlige erste Kammer „scheint den Adel zu sehr von den anderen Staats- 
bürgern abzusondern, bietet keinen wahren Einteilungsgrund der beiden 
Kammern, da dieser unmöglich in der adligen Qualität allein liegen kann". — 
E. II 45, 454: „Die Abgeordneten dürfen sich nicht als Mandatarien der 
Distrikte oder Stände ansehen, sondern müssen ihrer eigenen freien Über- 
zeugung folgen." Vgl. dazu Condorcet 1. c. 147, 149; die Deputierten sollen 
sich nicht als representants particuliers sondern als representants communs 
betrachten, die nach raison und justice und nicht nach interet de leurs 
commettants zu stimmen haben. 

3 ) E. I 112 spricht Hb. von dem „Vorrecht des Adels, eine eigene Wahl- 
korporation zu bilden". 



Kaeh ler, Wahlrecht in v.Humboldts Entwurf e. Stand. Verfassung v.J. 1819. 237 

Staatszweck. Die verfassungsrechtliche Scheidung trennt nicht 
adliges vom nichtadligen Wahlrecht als verschiedene Rechts- 
sphären, sondern Wahlrecht und Standschaft. Darum kann 
Humboldt auch mit vollem Recht es aussprechen, daß die 
Grundlage seines Systems die „Gleichheit des Anteils aller an 
der Verfassung" sei. Darf man diesen Satz aber in Beziehung 
zum Wahlrecht setzen, ohne seinem Sinn Zwang anzutun? 
Der Satz findet sich mitten in der zusammenfassenden Recht- 
fertigung, mit welcher Humboldt sein System und vor allem 
die Bildung der Provinzialstände gegen den Vorwurf in Schutz 
zu nehmen bemüht ist, „daß es die Nation zu sehr in ver- 
schiedene Teile spalte" l ). Er ist darum genötigt, den Gedanken 
zu begründen, daß seine Gliederung der Nation nicht mit der 
revolutionären Zersplitterung Frankreichs zu verwechseln, daß 
Einerleiheit und Einheit nicht einander gleichzusetzen sei : ,,Die 
Einheit eines Staates beruht nicht auf der Einerleiheit der 
bürgerlichen und politischen Verhältnisse in allen seinen Teilen, 
sondern nur auf der Gleichheit des Anteils aller an der Ver- 
fassung, und auf der festbegründeten Überzeugung, daß die 
eigentümlichen und daher jedem gewohnten und werten Ein- 
richtungen nur insofern sichern und gefahrlosen Bestand finden, 
als man zusammen unverbrüchlich am ganzen hält 2 )." Wie 
aber läßt die „Gleichheit des Anteils aller an der Verfassung" 
mit der materiellen Bevorrechtung der persönlichen Standschaft 
und der sozialen Bevorzugung des Adels sich in Einklang 
bringen? Der Schlußsatz deutet wohl die Richtung an, in 
welcher die Antwort zu suchen ist. Zwar, von materieller 
Rechtsgleichheit, von einem gleichen Wahlrecht in modern- 
demokratischem Sinne, kann in der Tat nicht die Rede sein 3 ). 

') E. I 183. *) E. I 136. 

3 ) Man kann vielleicht gegen die hier vorgenommene Deutung des 
„Anteils aller" die Einwendung erheben, daß unter den „Teilen" in erster 
Linie die Landesteile, Provinzen zu verstehen sind und nur gesagt sein soll, 
in ihnen müsse für ein Gefühl staatlicher Zusammengehörigkeit gesorgt 
werden. Dieser Einwand würde eine Bewertung der überkommenen Land- 
schaftsgrenzen in sich schließen, welcher die Ausführung Hb.s über den 
Zusammenhang von Verwaltungs- und Verfassungseinteilung durchaus wider- 
spricht. Es wird bei der wenig durchsichtigen Ausdrucksweise Hb.s m. E. 
niemals grammatikalisch genau entschieden werden können, ob in dem 
zitierten Satz „aller" und „jedem" zu beziehen ist auf die Provinzen als 
Teile des Staates, welche die politischen Korporationen ausmachen. Die 
hier gegebene Deutung bezieht sich auf die zuletzt Genannten, wozu z. B. 
E. II 435 unt. die Ausführung Hb.s berechtigt, daß in einer demokratischen 
Verfassung „jeder im Volk unmittelbarer Teil des Ganzen, nicht Teil des 



238 K a e h 1 e r , Wahlrecht in v. Humboldts Entwurf e. Stand. Verfassung v. J. 1 819. 

Gleich aber ist, und hier mag an das, was früher über den 
Gemeingeist ausgeführt ist, erinnert sein — gleich aber ist, 
wie das Ziel, das „Ganze", so der von allen geforderte Akt 
des Wollens, welches auf dieses Ziel gerichtet ist; und im 
Wahlrecht, das die Verbindung zwischen dem einzelnen und 
den Formen des Ganzen herstellt, seinen politischen Ausdruck 
rindet. Gleich ist die individuelle Willensleistung, welche über 
das Chaos landschaftlicher und sozialer Mannigfaltigkeit hinaus 
als vereinheitlichende Form auf die Staatseinheit gerichtet ist, 
und diese selbst erst trägt und darstellt. Denn „die politische 
Einheit eines Staates ist ganz etwas anderes, als der complexus 
aller seiner Teile" *), sie ist eine „Idee", welche mit dem Verstand 
wie besonders mit dem Willen erfaßt sein will ; und darum 
kann „der Anteil aller an der Verfassung" nur ein „gleicher" 
sein, formell und ideell. Und schließlich nicht doch auch 
materiell? Denn von einem Pluralwahlrecht kann bei dieser 
Auffassung ebensowenig wie bei der Condorcets, und bei Hum- 
boldt ebenso wie bei ihm aus der grundlegenden Idee heraus, 
die Rede sein 2 ). Allerdings — es liegt in diesem Satz des 
§ 136 weniger eine Feststellung als eine Forderung, ähnlich 

Teiles ist", wie es in einer ständischen Verfassung der Fall sein würde. 
Hb.s Interesse ruht ja vorwiegend auf diesen, durch und für den Staat zu 
organisierenden „Teilen" oder „Ständen", die von den überkommenen Ständen 
sich völlig unterscheiden. Denn sie sollen ja gleichmäßig durch den ganzen 
Staat hin entstehen, unbeschadet der Verschiedenheit der bürgerlichen Ver- 
hältnisse. — Der „Anteil an der Verfassung" ist an sich ein recht dehnbarer 
Begriff; er kann, wie Condorcet droit de cite, aktives und passives Wahlrecht 
bedeuten. Das zweite umfaßt einen sehr viel engeren Kreis von Berechtigten 
und würde in dem angeführten Zusammenhang wenig am Platze sein; der 
Zusammenhang vielmehr leitet darauf, unter dem „Anteil an der Verfassung" 
die am weitesten ausgreifende politische Form, d. h. das Wahlrecht oder 
besser das Wählen als Funktion zu verstehen; in diesem Sinne ist der Aus- 
druck von Hb. schon E. I 104b gebraucht. 

') G. S. XII. 498 (Hier ist Teil = Provinz), 483. 

■) Das Wahlrecht nach „politischen Korporationen" ist nicht mit einem 
abgestuften Klassenwahlrecht zu verwechseln; die Wahlkorporationen stehen 
gleichgeordnet nebeneinander. Es fehlt allerdings bei Hb. jede genauere 
Angabe über die Zahl von Abgeordneten, welche jede der drei Korporationen 
einer Provinz, z.B. in die Provinzialstände zu schicken hätte; wonach sich 
dann erst beurteilen ließe, ob in der Wirkung dieses Wahlrecht eine tat- 
sächliche Bevorzugung oder Zurücksetzung der einen oder der anderen Volks- 
schicht herbeigeführt haben würde. Ein mehrfaches Stimmrecht nach Art des 
etwa gleichzeitig in Frankreich eingeführten double vote (Meyer P. W. 97, 
Ges. v. 29. VI. 1820) liegt Hb. ganz fern. Überhaupt weichen seine Gedanken 
von dem Wahlrecht der Restauration so stark ab, daß eine Vergleichung 
überflüssig erscheint. 



K a eh 1 e r , Wahlrecht in v. Humboldts Entwurf e. Stand. Verfassung v. J. 1 819. 239 

wie in dem verwandten Gedanken Rousseaus: ,,ce qui generalise 
la volonte c'est moins le nombre des voix que l'interet commun 
qui les unit" *). So nebeneinander gestellt, lassen die beiden 
Sätze es deutlich werden, wie nahe verwandt die Gesamt- 
anschauung ist, von der aus jeder von beiden den einzelnen 
dem politischen Ganzen eingegliedert ; und wie in dem Bereich 
dieser Anschauung sehr leicht da, wo eine Berechtigung etwa 
abgemessen werden soll, die Grenze überschritten wird, die das 
Recht von der Pflicht scheidet. Wenn wir oben gesehen haben, 
wie bei der Bildung der Wahlkorporation dem persönlichen 
Willen eine fast bedrohliche Bedeutung eingeräumt worden ist, 
so ist es wohl immer klarer zutage getreten, daß dieses persön- 
liche Element seinen Sinn und sein Recht erhält nur als Teil 
und Träger des Gemeingeistes, der sittlichen Ergänzung und 
Belebung der gegebenen politischen Staatseinheit. Je stärker 
so die Anziehungskraft des Staates auf den einzelnen sich 
geltend macht, um so weiter weicht das Gebiet einer diesen 
in seinem Bereich sichernden Berechtigung zurück, und hinter 
dem seltsam gemischten Gebilde des Wahlrechts, wie Humboldt 
es sich dachte, tritt als die bewegende Kraft hervor der sittliche 
Anspruch des neuen Staates auf den ganzen Menschen und 
auf seinen Willen. Seine Wirkung, seine Unentrinnbarkeit 
hatte Humboldt im eigenen Leben erfahren müssen. Und was 
er erfahren, sollte jetzt durch ihn zum gestaltenden Prinzip 
einer neuen ,,Form" geschichtlicher Individualität werden. 

Auf dem Boden historischen Ständetums ist dieses „ständische" 
Wahlrecht nicht gewachsen — ist diese Versicherung nicht 
sehr überflüssig, und ist nicht überhaupt die Frage nach dem 
Woher? über das Maß hinaus erörtert worden vor jener nach 
Zweck und endlicher Wirkung? Fragt auch der Schnitter 
groß nach Wind und Regen, die die Garben reiften, wenn sie 
vor dem Schlag seiner Sense zu Boden sinken? Wäre dem 
Werke Humboldts ein Reifen und Fruchtbringen in der Wirk- 
lichkeit beschieden gewesen, so wäre der Tadel berechtigt. So 
aber bleibt der geschichtlichen Untersuchung nur die Frage 
nach den tieferliegenden Kräften, von denen der verschüttete 
Keim die erste Nahrung gezogen, von denen sein ferneres 
Wachstum bedingt gewesen wäre. Die Kräfte, die zu ihrem 
Teil das Zeitalter umgestalteten, sind es, auf deren Spuren die 
Untersuchung als auf entscheidende Momente der Entwicklung 



x ) C. S. 1. II c. 4 Abs. 7. 



240 K a e h 1 e r , Wahlrecht iu v. Humboldts Entwurf e. Stand. Verfassung v. J. 1 819. 

getroffen ist. Wir meinen das Fortwirken des „welterschüttern- 
den Werkes" Rousseaus x ) und des Geschehens der Revolution: 
ohne den ganzen Gedankenkomplex, der an das Wort volonte 
generale sich knüpft, konnte dies ständische Wahlrecht Hum- 
boldts nicht gedacht, und kann es heute nicht verstanden 
werden 2 ). 



1 ) Jellinek I 2. Aufl. 204. 

2 ) „Ebensowenig wie Stein hängt W. v. Humboldt mit der französischen 
Revolution zusammen", mit diesen Worten leitet v. Meier seine Besprechung 
des „Reformprogramms" Humboldts ein (II 481). Und im besonderen zieht 
er über einige der hier behandelten Punkte — Begründung der direkten 
Wahl, Mandatsdauer etc. — die Summe seines Urteils in den Worten: „Alles 
antifranzösisch" (488). Was v. Meier darunter des weiteren versteht, läßt 
sich aus etwa folgenden Sätzen entnehmen: Daß man im Preußen der Reform 
vor sich habe „eine Reaktion gegen die Ideen des 18. Jahrhunderts in reli- 
giöser und politischer Beziehung, gegen Naturrecht, gegen . . . Rationalismus 
für geschichtliche Rechtsauffassung, für deutsche Vorzeit, für sittliche und 
religiöse Erneuerung. Aus dem ureigenen deutschen Geiste ist die Steinsche 
Reform hervorgegangen, deren Keime schon im Boden lagen; . . . man hat 
nicht ,vom Gegner gelernt' (201), für Stein hätte es bei allen seinen Reform- 
maßregeln gar keine französische Revolution zu geben brauchen" (395). 
Die plumpe Problemstellung einer Ansicht, welche einem in seinen Wurzeln 
wie in seinen Wirkungen so vielfach verzweigten Ereignis wie der franzö- 
sischen Revolution und der ihr vorausgehenden und sie begleitenden geistigen 
Bewegung gegenüber nur die Alternative „Anhänger oder Gegner" offen läßt, 
hat von berufener Seite die entsprechende Zurückweisung erfahren (Hintze, 
Br. Pr. Fg. XXI 315. Gierke, Internat. Wochenschr. III 1909 Nr. 6, 7 p. 165). 
Trotzdem kann eine Ansicht, welche für die stattgehabte Beeinflussung, für 
die Tatsache, daß man das politische Leben eines Staatswesens und die in 
ihm maßgebenden Männer nicht willkürlich aus dem Zusammenhang der 
Zeitereignisse und der sie bestimmenden Ideen herauslösen kann, einen 
stichhaltigen Beweis erbringen will, sich nicht mit dem Argument begnügen : 
„. . . Stein durchdrang sein Reformwerk mit den fortschrittlichen Ideen, die 
das Jahrhundert beherrschen sollten. Aus Frankreich brauchte er sie nicht 
zu holen, sie lagen in der Luft" (Gierke 1. c. 167). Es mußte darum der 
vielleicht an mancher Stelle zu sehr ins Einzelne gehende und schwerfällige 
Versuch gemacht werden — in unserem Falle ja nur für W. v. Humboldt, 
der aber von v. Meier mit Recht sehr nahe an Stein gerückt wird — nach- 
zuweisen, in welcher Weise und in welchem Umfang man derartigen Wir- 
kungen im Konkreten nachgehen kann. Neben der Gefahr der Schwerfälligkeit 
wird man dabei auch der der Einseitigkeit nur schwer entgehen können. 



Zum Stand der politischen Probleme 

Zusammenfassende und vergleichende Übersichten 



IV. 
Das persische Problem 

Von James Greenfield 

I. 

Jedesmal, wenn das Reich der Schahenschahe nach Überwindung des 
periodisch wiederkehrenden Verfalls zu neuer Macht und Blüte emporwuchs, 
war es ihm beschieden, sich einer von Grund aus veränderten Umgebung 
gegenüber zu finden — ist Persien doch das einzige Staatswesen des geschicht- 
lichen Altertums, das seine Existenz durch die Zeiten und Wechselfälle hin- 
durch in die Gegenwart herüberrettete, während in seinem Umkreis Reiche 
entstanden und vergingen, Nationen einander in der Vorherrschaft ablösten. 

Die erste Periode der persischen Geschichte, die achämenidische (559 
bis 330 v. Chr.), wurde politisch wie auch in kultureller Hinsicht durch die 
Beziehungen zu dem Griechentum wesentlich beeinflußt. Der Vorstoß, den 
Cyrus und nach ihm Darius I. und Xerxes gegen die Griechen unternahmen, 
verwandelte sich aber bald in eine Defensive, um schließlich mit der Unter- 
werfung Irans durch Alexander d. Gr. zu enden. 

Als dann nach jahrhundertelanger Fremdherrschaft das Reich sich unter 
den Sassaniden (226 — 651 n. Chr.) wieder kraftvoll emporrichtete, war es 
nunmehr das römische Imperium, mit dem es sich als seinem einzig eben- 
bürtigen Nachbarn messen mußte. Zwar vermochte es dem römischen Vor- 
dringen nach Osten mit Erfolg Schranken zu setzen, aber in der Folge wurde 
es, durch innere Zwistigkeiten geschwächt, eine leichte Beute der neu auf- 
strebenden arabischen Weltmacht. 

Nach einer langen Periode tatsächlicher und nomineller Herrschaft der 
Chalifen, des Zerfalls des Reiches in kleinere Fürstentümer und verheerender 
Einfälle der Seldschuken, Mongolen und Turkmenen erlebte Persien unter 
den Sefaviden (1501 — 1721 n. Chr.) eine Wiedergeburt zu neuem politisch 
und kulturell selbständigen Nationaldasein. Die alte Zarathustrareligion war 
zwar inzwischen der Lehre Muhammeds gewichen und die Überflutungen der 
barbarischen Nomadenvölker hatten das Land verwüstend der alten Kultur 
und kunstvollen Industrie schwere Wunden geschlagen und die Bevölkerung 
mit fremden Elementen durchmengt. Aber der persische Genius, stark genug, 
Zeitschrift für Politik. 10. 16 



242 Greenfield, Das persische Problem. 

um selbst der Kultur der arabischen Sieger seinen Stempel aufzudrücken, 
vermochte um so mehr in den Grenzen Irans selbst alles Fremde seiner Eigenart 
zu assimilieren — durch die Annahme und Ausbildung des Schiitismus den 
Islam persischen Ideen anzupassen und durch das Band national -persischer 
Überlieferung und Poesie die Eindringlinge mit den Angestammten zur natio- 
nalen Zusammengehörigkeit zusammenzuschweißen. Handel und Industrie. 
Kunst und Wohlfahrtspflege lebten wieder auf und Isphahan, von Schah 
Abbas d. Gr. (1586 — 1628 n. Chr.) zur Residenz erhoben, konnte sich bald 
den stolzen Titel Nisfi Dschehan, d. h. die Hälfte der Welt, beilegen; es war 
größer 1 ), es war prächtiger als das damalige Paris, eine Weltstadt unter den 
wenigen Weltstädten jener Zeit. 

Für die auswärtige Politik des sefavidischen Persiens waren die Be- 
ziehungen zu der in die Erbschaft des oströmischen Reiches eingetretenen 
Türkei mit dem Sultan-Chalifen an der Spitze von maßgebender Bedeutung, 
Beziehungen, die weniger durch die Gemeinsamkeit der Religion als durch den 
leidenschaftlichen Antagonismus konfessioneller Trennung beherrscht wurden. 

Dem Verfall des sefavidischen Reiches folgte wieder eine Periode innerer 
Umwälzungen, bis gegen Ausgang des 18. Jahrhunderts der Kadseharenchef 
Agha Muhammed Schah (1794 — 1797), die Herrschaft an sich bringend, den 
Grund zu dem kadscharischen Reiche des gegenwärtigen Persiens legte. Die 
vorangehende Zeit der inneren Wirren war im Vergleich zu der das sefavi- 
dische von dem sassanidischen Reich trennenden Übergangsperiode sehr kurz 
gewesen, sie hatte bei weitem nicht so entsetzliche Spuren von Verwüstung 
hinterlassen wie ehedem die Einfälle der Seldschuken, Mongolen und Turk- 
menen und war im übrigen zum Teil ausgefüllt durch die weise Regierung 
des Kerim Chan Zend über einen Teil des Landes und durch die großartigen 
und beutereichen Eroberungszüge Nadir Schahs nach der Türkei und nament- 
lich nach Indien. So hätte sich das neue kadscharische Reich wie vor ihm 
das sefavidische und noch rascher als dieses erholen und zu der Kraft und 
Blüte vergangener Zeiten wieder aufschwingen müssen. Aber das geschah 
nicht. Vielmehr nahm die Zerrüttung von Jahrzehnt zu Jahrzehnt zu und 
führte schließlich zu dem kläglichen Zustand von heute, da von der einstigen 
Herrlichkeit Irans nur noch die Erinnerung übriggeblieben ist. Es entspricht 
jedoch nicht der Gerechtigkeit, wollte man für diese ungünstige Entwickelung 
lediglich die Unfähigkeit der kadscharischen Schabe verantwortlich machen, 
ein Irrtum, in den Perser und fremde Beobachter bei der Beurteilung der 
persischen Verhältnisse häufig verfallen. Die Ursachen liegen tiefer und 
hängen vorwiegend zusammen mit der veränderten Umgebung, in der Persien 
unter den Kadscharen zu neuem Leben erwachte. 

Während des Chaos, welches der kadscharischen Epoche voranging, 
hatte sich wieder einmal ein gründlicher Szenenwechsel in der unmittelbaren 
Nachbarschaft des Reiches vollzogen. Die Türkei, bisher Persiens einziger 
ebenbürtiger Rivale in Vorderasien, mit dem es sich — im wesentlichen gleich 
in kultureller Entwickelung und in den Hilfsmitteln des Krieges und Friedens 
— mit mehr oder weniger Glück geschlagen und vertragen hatte, war vom 
Zenit ihrer Macht herabgestiegen und hatte aufgehört, für die auswärtige 
Politik Irans von maßgebender Bedeutung zu sein, diese Rolle nunmehr den 
ersten Mächten Europas überlassend: Mächte, deren fortgeschrittener Kriegs- 



') Isphahan soll zu jener Zeit eine Einwohnerzahl von 600000, nach anderer 
Angabe sogar von 1 Million Seelen gehabt haben. 



Greenfield, Das persische Problem. 243 

kunst gegenüber jeder Widerstand von vornherein aussichtslos war, deren 
durch maschinelle Verfertigung verbilligten Fabrikate die alteinheimische 
persische Industrie im leichten Wettbewerb vernichten mußten, deren Eivalität 
untereinander im Lande des Löwen und der Sonne ein neues Gebiet ihrer 
zersetzenden Tätigkeit zu suchen kam und zu deren ganz anders gearteten 
Kultur es galt Stellung zu nehmen — abweisend oder ohne Übergang auf- 
nehmend, beides gleich verhängnisvoll. 

Im Laufe des 18. Jahrhunderts hatte Großbritannien in Indien festen 
Fuß gefaßt, im Norden klopfte das Zarenreich drohend an die Pforten Irans, 
nachdem es durch die Annexion des ehemals unter persischer Oberhoheit 
stehenden Georgiens die kaukasische Grenzscheide Europas überschritten hatte, 
und das napoleonische Frankreich warf den düsteren Schatten seiner welt- 
umspannenden Pläne auch über das ferne Reich der Schahenschahe. Für 
England galt es, seine indischen Besitzungen vor einem Angriff über Persien 
zu schützen, für Napoleon und Rußland andererseits die Wege für einen 
solchen Angriff zu ebnen, und für sie alle gemeinsam, das Reich für ihre 
wirtschaftlichen Ziele nutzbar zu machen. 

Den Engländern gelang es 1801 mit Fethali Schah, der 1797 seinem 
Onkel Agha Muhammed Schah auf den Thron gefolgt war, einen Defensiv- 
vertrag zu schließen, der die persische Regierung verpflichtete, zu verhindern, 
daß die Franzosen sich an den persischen Küsten oder auf den persischen 
Inseln festsetzten. In dem Firman, durch den die Gouverneure angewiesen 
wurden, die Bestimmungen des Vertrags auszuführen, heißt es, recht charakte- 
ristisch für die Schärfe, mit der die Rivalität der Mächte in Persien einsetzte: 
„Sollten Angehörige der französischen Nation versuchen, eure Häfen oder 
Grenzen zu überschreiten oder sich an den Küsten oder Grenzen festzusetzen, 
so sollt ihr sie vertreiben und ausrotten und nicht zulassen, daß sie irgendwo 
Fuß fassen. Es steht euch vollkommen frei und ihr seid ermächtigt, sie zu 
beschimpfen und zu erschlagen." 

Als dann aber während des für Persien unglücklichen Krieges mit Ruß- 
land im Jahre 1805 der Schah die nach dem obigen Vertrag ihm angeblich 
zustehende Unterstützung Englands vergebens nachgesucht hatte, wandte er 
sich schmollend an Napoleon, der damals auf der Höhe seiner Macht stand und 
sich bereit erklärte, die Russen zur Rückerstattung der eroberten persischen 
Provinzen zu nötigen und dem Schah Waffen und Offiziere zur Reformierung 
seiner Armee zu überlassen, falls dieser seinerseits England sofort den Krieg 
erklären, über Afghanistan in Indien einfallen und französischen Truppen 
den Durchzug durch Persien gestatten wollte. Infolge des mittlerweile zu- 
stande gekommenen Tilsiter Vertrags endeten indes die französisch -persi- 
schen Verhandlungen mit dem bescheidenen Ergebnis, daß General Gardanne 
als Gesandter Napoleons in Begleitung einer Anzahl französischer Instruktions- 
offiziere nach Teheran kam und im Namen seines Kaisers, „der Sieger und 
Haupt aller christlichen Monarchen geworden sei", den französisch-persischen 
Vertrag von 1808 abschloß, wonach den Gesandten, Konsuln und Kaufleuten 
Frankreichs der Vorrang vor den Gesandten, Konsuln und Kaufleuten der 
übrigen fremden Nationen gegeben werden sollte. 

Die Gefahr einer solchen Wendung der persischen Politik für die briti- 
schen Interessen in Indien lag zu klar am Tage, als daß die Engländer nicht 
alle Anstrengungen machen sollten, den verlorenen Einfluß am Teheraner 
Hofe zurückzugewinnen. Die Stimmung des Schah kam ihren Wünschen 
entgegen. Er hatte von Napoleon zu viel erhofft, um nicht über das Wenige, 

16* 



244 Greenfield, Das persische Problem. 

das ihm schließlich geboten wurde, arg enttäuscht zu sein. Die an Ruß- 
land verlorenen Provinzen blieben ihm verloren; Offiziere, Waffen und 
dazu noch reichlich Geld konnte er auch von den Engländern haben. So 
kamen denn die englisch-persischen Verträge von 1809 und 1812 zustande, 
die alle bisherigen Verträge und Allianzen Persiens mit europäischen Mächten 
für null und nichtig erklärten und den Schah ausdrücklich verpflichteten, 
europäischen Truppen den Durchzug nach Indien zu verwehren, während 
England ihm seinerseits Truppen und Subsidien zusagte für den Fall, daß 
europäische Streitkräfte in persisches Gebiet einfallen sollten. 

Durch den englisch -persischen Defensivvertrag von 1814 wurde die 
Allianz erneut bekräftigt und die gegenseitige Unterstützung im Falle eines 
feindlichen Angriffs näher bestimmt. Aber schon 1828 war die britische 
Diplomatie recht froh, die Aufhebung der auf die Pflicht gegenseitiger Unter- 
stützung bezüglichen Artikel zu erreichen, hatte doch der russisch-persische 
Feldzug von 1826/28 zur Evidenz gezeigt, zu welchen mißlichen Konsequenzen 
und Verwickelungen eine derartige Verpflichtung England führen könnte. 
Später wurden die Allianzverträge von 1809, 1812 und 1814 überhaupt außer 
Kraft gesetzt. 

Indes konnte das Vorwiegen oder selbst die einfache Geltung französi- 
schen Einflusses in Teheran nach der Lage der Dinge nichts weiter als eine 
rasch vorübergehende Episode in der Geschichte der auswärtigen Beziehungen 
Persiens sein. Nach dem Abgang Napoleons von der Weltbühne hörte das 
ferne Frankreich auf, eine Rolle in der persischen Politik zu spielen, das 
Feld Rußland und England überlassend, deren Rivalität zueinander fortan 
für die Geschicke des Landes richtunggebend sein sollte. Wobei die Wag- 
schale des Einflusses immer mehr zugunsten Rußlands sich neigte, je weiter 
es seine Grenzen auf Kosten Persiens vorzuschieben in der Lage war. 

Noch unter der Einwirkung der napoleonischen Versprechungen erklärte 
Fethali Schah 1811 Rußland den Krieg, um Georgien, Derbend und die anderen 
verlorenen Teile Transkaukasiens zurückzuerobern. Der Krieg hatte aber für 
Persien einen unglücklichen Verlauf und endete mit dem Gulistaner Vertrag 
von 1813, der den Schah zur Abtretung noch weiterer Provinzen des Kaukasus 
nötigte. Im Jahre 1826 brach, durch die Initiative des Kronprinzen Abbas 
Mirza herbeigeführt, der Krieg mit den Russen erneut aus. Der Mißerfolg 
begleitete auch dieses Mal die persischen Waffen und begründete in Persien 
nun für immer die Überzeugung von der Unbesiegbarkeit der russischen 
Soldaten und von der Nutzlosigkeit jeden Versuchs, gegen den russischen 
Stachel zu locken. Der Turkmentschaier Friedensvertrag von 1828, der den 
Krieg beendete, schob die Grenzen Rußlands bis zu dem Araxesfluß vor und 
machte den Kaspisee, wenn auch nicht juristisch, so doch tatsächlich, zu einem 
russischen Meer. Vom Araxes bis nach Tebris, der Residenz des Kronprinzen, 
war nur noch eine Distanz von etwa 135 km, und von dem Hafen Euzeli 
am Kaspisee bis zu der Hauptstadt Teheran eine Entfernung von nicht mehr 
als 380 km. 

Dem wuchtigen Druck des russischen Kolosses aus greifbarer Nähe 
konnten englisches Geld und englische Drohungen auf die Dauer nicht das 
Gegengewicht halten. Der russische Einfluß stieg. Er stieg namentlich nach 
der Thronbesteigung Muhammed Schahs (1834), der körperlich krank und 
geistig unfähig die Zügel der Regierung dem vollkommen unter russi- 
schem Einfluß stehenden Großvezier Hadschi Mirza Aghassi in die Hand gab. 
Hinter den persischen Feldzügen gegen Herat in den Jahren 1839, 1852 und 



Greenfield, Das persische Problem. 245 

1855 verbarg sieb die führende Hand der russischen Diplomatie, die von der 
persischen Annexion dieses wichtigen Bollwerks auf der Straße nach Indien 
für sich selbst einen wertvollen strategischen Gewinn erhoffte. Nur durch 
Aufbietung ihrer äußersten Mittel, durch die Besetzung persischer Gebiete 
am Golf und Landung indischer Truppen gelang es den Engländern jedes- 
mal, die Teheraner Regierung zur Zurückziehung ihrer Truppen von Herat 
zu zwingen und sie schließlich durch den Friedensvertrag von 1857 zur 
völligen Verzicbtleistung auf Afghanistan zu verpflichten. 

Inzwischen war im Jahre 1848 der jugendliche Nassireddin Schah seinem 
Vater auf den Thron gefolgt und die Umsicht seines außerordentlich be- 
fähigten Großveziers Mirza Taghi Chan machte sich zuuächt in dem Bestreben 
einer Emanzipation von äußeren Einflüssen geltend, das namentlich auch durch 
den Anschluß Persiens an die übrige europäische Welt ein Gegengewicht 
gegen die englisch -russische Präponderanz zu schaffen suchte und Hand in 
Hand ging mit Reformen in der inneren Verwaltung des Landes. Leider 
fiel dieser größte Staatsmann des kadscharischen Persiens schon 1851 den 
Hofintriguen zum Opfer, ohne durch einen Nachfolger von gleicher Begabung 
ersetzt werden zu können» Immerhin verstand es Nassireddin Schah, England 
und Rußland auf dem Gebiete der persischen Politik gegeneinander auszu- 
spielen und dadurch, sowie durch seine Europareisen und durch den Abschluß 
von Handelsverträgen mit den übrigen europäischen Mächten und mit den 
Vereinigten Staaten von Amerika eine gewisse Selbständigkeit nach außen 
zu behaupten. 

Aber auch er konnte sich auf die Dauer dem Einfluß Rußlands nicht 
entziehen , das durch die Eroberung Turkestans den ganzen Norden Per- 
siens umklammert hielt und durch die Vereitelung zweier wichtiger Kon- 
zessionen, die der Schah den Engländern erteilt hatte, diesem keinen Zweifel 
darüber ließ, wie sehr selbst die Engländer jeder Verwickelung mit den 
Russen aus dem Wege gingen und wie mächtig schon der russische Einfluß 
in seinem Reiche Wurzel gefaßt hatte. Das 1872 dem Engländer Baron 
de Reuter für die Dauer von 70 Jahren bewilligte Monopol zum Bau und 
Betrieb von Eisen- und Straßenbahnen, Bergwerken, Wasserleitungen, für die 
Ausbeutung der Staatswäldereien und allen unbebauten Landes, sowie das 
Vorzugsrecht, betreffend die Gründung einer Nationalbank, und alle sonstigen 
wirtschaftlichen Unternehmungen (Straßen, Telegraphen, Mühlen, Faktoreien, 
Werkstätten usw.) — eine Konzession, die gleichbedeutend war mit der 
gänzlichen Auslieferung des ökonomischen Persiens an die Engländer und 
wegen der unvermeidlichen politischen Verwickelungen, die sie nach sich ziehen 
mußte, in England selbst recht abfällig beurteilt wurde — mußte zurück- 
genommen werden, als der Schah sich einer geradezu drohenden Haltung 
der Russen gegenüber sah. Die im Hafenplatz von Mahmudabad an der 
Mazandaraner Küste verrostenden Lokomotiven und verfallenden Dämme zeugen 
noch heute von der Plötzlichkeit, mit der das großartige Werk der Auf- 
schließung Persiens kaum begonnen, wieder im Stiche gelassen werden mußte. 

Kein besseres Schicksal war dem 1890 einer englische Gesellschaft er- 
teilten Taliakmnnopol ') beschieden, das 1892 schon gegen Zahlung einer 
Entschädigungssumme von 500000 £ wieder zurückgezogen werden mußte, 
als eine von den Russen geschürte, und von der persischen Geistlichkeit 



J ) Über eingehendere Angaben siehe Greenfield: Die Verfassung des 
persischen Staates (Berlin 19U4), S. 134 ff. 



246 Greenfield, Das persische Problem. 

energisch betriebene Opposition zu gefährlichen Ausschreitungen im Volke 
führte. Ein' Fiasko bedeutete auch die 1890 gegründete englische Persian 
Bank Mining Corporation, die freilich weniger durch politische Schwierig- 
keiten als infolge der Unrentabilität, die sich für einen Bergwerkbetrieb im 
größeren .Stile aus dem Fehlen billiger Transportmöglichkeiten ergab, 1894 
ihre Arbeit in Persien wieder einstellte. 

Gewiß hatte die britische Diplomatie im Laufe der Zeit wohl vermocht, 
zum Vorteil des Handels ihres Landes wertvolle handelspolitische Zugeständ- 
nisse, namentlich in Südpersien, zu erlangen, so die Eröffnung des Karun- 
flusses (1888 bis Ehvaz und später bis Schuschter) für die Schiffahrt, die 
Gründung der Imperial Bank of Persia mit dem Monopol der Banknoten- 
ausgabe, die Konzession für eine Anzahl Telegraphenlinien, die Indien 
mit Europa verbinden . und für die Chausseebauten Quetta — Killa-Robat, 
Ehvaz— Isphahan (1897), Schuschter— Dizful— ( huremabad— Burudschird— Sul- 
tanabad— Kuni — Teheran, mit der Abzweigung Kum— Kaschan (1890). die 
von der indischen Grenze resp. dem persischen Golf in das Innere Persiens 
führen sollten ')• Aber diese Erfolge waren gering gegenüber den das britische 
Prestige in Persien stark beeinträchtigenden Mißerfolgen auf politischem und 
handelspolitischem Gebiet und wurden außerdem reichlich aufgewogen durch 
Äquivalente an die Russen in Form von Straßenkonzessionen vom Kaspisee 
(Pirebazar) über Kazwin nach Teheran (1893), von Kazwin nach Hamadan 
und von Dschulfa nach Tebris, ferner durch die Eröffnung der russischen 
Diskonto- und Leihbank in Persien, die Konzession zur Ausbeutung der reichen 
Bodenschätze des an Rußland grenzenden Bezirks Karadagh an russische 
Staatsangehörige (1898) und die den Russen gegenüber (1890) eingegangene 
Verpflichtung des Schah, für die Dauer von zehn Jahren keine Bahnkonzes- 
sionen zu erteilen, eine Verpflichtung, die 1910 auf weitere zehn Jahre ver- 
längert wurde und den Zweck hatte, zu verhindern, daß andere den Russen 
im Bau von Eisenbahnen in Persien zuvorkämen. War die Diskonto- und 
Leihbank in Wirklichkeit nichts anderes als ein vom russischen Finanzmini- 
sterium finanziertes und ihm unterstelltes Unternehmen mit handelspolitischen 
Aufgaben, so konnte die von Nassireddin Schah geschaffene persische Kosaken- 
brigade unter dem Kommando russischer Offiziere als ein vorzügliches In- 
strument zur Befestigung des russischen Ansehens im Mittelpunkt des irani- 
schen Reiches angesehen werden. 

Der russische Einfluß erreichte seinen Gipfelpunkt, als nach der Er- 
mordung Nassireddin Schahs (1896) sein Sohn Muzaffereddin, ein humaner, 
aber kränklicher und willenschwacher Herrscher, den Thron der Kajani be- 
stieg. Von Tebris aus, in der unmittelbaren Nähe der russischen Grenze, 
wo er dem Herkommen nach als Kronprinz residiert hatte, mochte er den 
überwältigenden Eindruck von der russischen Macht auf den Thron mit- 
gebracht haben, ein Eindruck, der auch auf die Vertrauten seiner Tebriser 
Umgebung, Fermanferma, Hakim-ul-Mulk, Emiri Behadur u. a., die ihn nach 
Teheran begleiteten, um dort einflußreiche Ämter einzunehmen, nicht ohne 
Nachwirkung geblieben war. Dazu kam noch, daß Ali Asker Chan (Amini 
Sultan), der seit 1888 das Großvezierat bekleidet und seit der Tabakmonopol- 
affäre den Einfluß der Russen in Persien gründlich zu würdigen gelernt 



l ) Für näheres über diese und andere Konzessionen der Fremden in 
Persien sei hingewiesen auf die §§ 22 und 23 derselben Schrift von Dr. 
Greenfield. 



Greenfield, Das persische Problem. 247 

hatte, nach einer kurzen Zeit der Ungnade, die dem Thronwechsel folgte, 
mit Hilfe seiner russischen Freunde, aus dem Zufluchtsort in dem Heiligtum 
von Kum herausgeholt, wieder auf den hohen Posten erhoben wurde und 
gestützt auf die Eussen — es hieß, er hätte selbst die russische Staatsan- 
gehörigkeit erworben — die Geschicke des Landes fast unumschränkt leitete. 
Der anglophile Amini Dowleh, der ihn ersetzen sollte, war nicht imstande 
gewesen, die drückende Geldnot am Teheraner Hofe zu beseitigen. Der ver- 
storbene Schah hatte entgegen aller Erwartung statt eines reichgefüllten 
Schatzes beträchtliche Schulden hinterlassen und durch die Entschädigungs- 
summe für das mißglückte Tabakmonopol die verhängnisvolle Bahn auswär- 
tiger Verschuldung betreten. Der Thronwechsel verursachte außerordentliche 
Ausgaben. Rückständige Gehälter mußten beglichen und kleinere Bankvor- 
schüsse getilgt werden. Vor allem brauchte der Schah die Mittel für eine 
Europareise, die er zu Kurzwecken zu unternehmen gezwungen war. Die 
Bemühungen Amini Dowlehs in Staaten, die kein unmittelbares politisches 
Interesse an Persien hatten, wie Frankreich und Holland, eine Anleihe auf- 
zunehmen, mißlangen und seine Anleiheverhandlungen mit Londoner Kapi- 
talistenkreisen (1898) scheiterten an der Forderung des Kontrollrechts über 
die Zölle, die diese zur Bedingung der Anleihe machten, und an dem energi- 
schen Protest der Bussen und Bussenfreunde gegen das Zugeständnis einer 
solchen Bedingung. 

So kam Ali Asker Chan 1898 von neuem in das Sedaret, und unter der 
Protektion seiner russischen Gönner gelang es ihm, im Jahre 1900 durch 
die Disconto- und Leihbank die erste russische Anleihe im Betrage von 
227 2 Mill. Rubeln (mit 5 % Zinsen und amortisierbar in 75 Jahren) aufzu- 
nehmen mit der Verpflichtung für Persien, aus der Anleihe alle auswärtigen 
Schulden zu begleichen und bis zur Tilgung der russischen Schuld ohne 
Rußlands Zustimmung keine Anleihen im Auslande zu machen. Nur für den 
Fall der unpünktlichen Verzinsung und Amortisation wurde ein russisches 
Kontrollrecht über die Zölle Nordpersiens vereinbart. 

Diese für die persischen Verhältnisse beträchtliche Summe war aber bald 
zur Tilgung der früheren Schulden und für die erste Europareise (1900) des 
Schah aufgebraucht und nachdem einmal die Scheu vor auswärtigen Anleihen 
gewichen, folgten der ersten weitere Anleihen in Rußland im Betrage von 
12 Mill. (1901) und 20 Mill. Rubeln (1902), die gleichfalls zum größten Teil 
für; die späteren Europareisen des Schah (1902 und 1905) unproduktiv ver- 
wendet wurden. 

Es ist nicht zu verwundern, daß eine solche gedankenlose Schulden- 
wirtschaft, die schließlich zum Staatsbankerott und gänzlicher ökonomischer 
Abhängigkeit von Rußland führen mußte, Gefühle tiefsten Mißbehagens im 
Lande auslöste. Die Unzufriedenheit wurde immer lauter. Sie richtete sich 
gegen den eigenmächtigen Großvezier und verhalf seinen zahlreichen Gegnern 
am Hofe schließlich 1903 seine Abdankung durchzusetzen, nicht ohne, daß 
es ihm noch vorher gelungen wäre, durch den Abschluß einer Zolldeklaration 
mit den Russen, diesen einen weiteren erheblichen Dienst zu leisten. Die 
russisch-persische Zolldeklaration von 1902 *) ersetzte den im Turkmentschaier 
Handelsvertrag von 1828 vereinbarten Zollsatz von 5°/ ad valorem durch 
einen auf die Interessen des russischen Handels zugeschnittenen Zolltarif mit 
der Verpflichtung für die persische Regierung, den Tarif auch auf den Handel 

') Siehe Greenfield: Die Verfassung des persischen Staates, S. 339 ff. 



248 Greenfield, Das persische Problem. 

mit den übrigen Staaten anzuwenden. Diese hatten sich in ihren Handels- 
verträgen mit Persien mit der Aufstellung der Meistbegünstigungsklausel 
(ohne Festsetzung eines bestimmten Zollsatzes) begnügt und konnten auch 
jetzt nur beanspruchen, wie die Russen behandelt zu werden. 

Hatte Rußland durch die an ihre Anleihen geknüpfte Bedingung für lange 
Zeit der finanziellen Abhängigkeit Persiens von einer anderen Macht als von 
ihm selbst vorgebeugt, so schob es durch die Zolldeklaration von 1902 jeder 
seinem Handel mit Persien etwa nachteiligen Zollvereinbarung des Schah für 
immer einen Riegel vor, denn die Deklaration ist ein Bestandteil des Turk- 
mentschaier Vertrags und dieser ist für „ewige Zeiten" geschlossen. 

n. 

So standen die Dinge in Persien, die das Bild einer gänzlichen Aus- 
schaltung des britischen Einflusses und die Gefahr des Eintritts russischer 
Bevormundung immer deutlicher am Horizont der persischen Zukunft er- 
kennen ließen, als ziemlich unerwartet zweierlei Ereignisse in den Lauf der 
persischen Geschichte eingriffen, um ihr eine neue Wendung zu geben, die 
die Grundlagen der Staatspolitik im Inneren und nach außenhin völlig ver- 
schieben mußte: Die Einführung der konstitutionellen Regierungs- 
form im Jahre 1906 und der Abschluß des englisch-russischen 
Abkommens von 190 7. 

Die Reformtätigkeit in Persien begann am Anfang des 19. Jahrhunderts, 
nachdem die Berührung mit Europa eine intensivere geworden war, und er- 
streckte sich zunächst auf das Heerwesen. Im Mittelpunkt der Militärreform 
stand der leider noch als Kronprinz 1833 verstorbene tatkräftige Abbas Mirza, 
und als Lehrkräfte dienten nacheinander französische, englische und später 
österreichische Instruktionsoffiziere. Sie führte indes lediglich zur Verkümme- 
rung der hergebrachten feudalen Wehrverfassung im Sinne des persischen 
Sprichworts: „Die Krähe wollte den Gang der Wachtel nachahmen und ver- 
lernte darüber auch den eigenen." Aus der allmählich heranreifenden Er- 
kenntnis heraus, daß eine militärische Erstarkung ohne gleichzeitige Reform 
des Verwaltungswesens und Förderung des allgemeinen Fortschritts in geistiger 
und materieller Hinsicht unmöglich sei, und unter dem Eindruck der Reform- 
ära in der benachbarten Türkei in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts 
unternahm nach der Thronbesteigung Nassireddin Schahs (1848) sein genialer 
Großvezier Mirza Taghi Chan die ersten ernstlichen Schritte zur Neugestal- 
tung der persischen Staatsverwaltung nach europäischem Vorbild. Es war 
keine leichte Aufgabe, die er sich gestellt hatte. Ein schonungsloser Kampf 
gegen die eingerissene Korruption und Mißwirtschaft, gegen die Bigotterie 
der mächtigen Priesterschaft und die Selbstsucht des liederlichen Beamten- 
tums, den er schließlich (1852) mit seinem Leben bezahlen mußte. Die von 
ihm begonnene Reformarbeit wurde dann unter Mitwirkung einiger verstän- 
diger Würdenträger, die auch die dreimalige Europareise Nassireddin Schahs 
veranlaßten, fortgesetzt, aber mit immer abnehmendem Ernst und im ganzen 
recht geringen Erfolg. Durch den Bau von Telegraphen und die Einrichtung 
der Post wurde zwar die Kontrolle der Provinzen erleichtert und der Beamten- 
willkür Schranken gezogen, die in Teheran gegründete Hochschule und andere 
Schiden in den Provinzen trugen einiges zur Aufklärung der Beamten bei, 
die Rechte der Untertanen wurden betont und infolge der intensiveren Be- 
rührung mit Europa verfeinerten sich die Usancen der Regierung. Aber alle 
Versuche zu radikalen Reformen blieben ergebnislos. Kulturarbeiten der 



Greenfield, Das persische Problem. 249 

Regierung scheiterten an der Unzuverlässigkeit der Bamten und den Treibe- 
reien der Geistlichkeit. Reformen in der Verwaltung stießen auf die Un- 
wissenheit und Bestechlichkeit der Machthaber und die Teilnahmlosigkeit des 
Volkes. An Fremde vergebene Konzessionen mußten infolge innerer und 
äußerer Einflüsse z. T. wieder rückgängig gemacht werden, und als Nassireddin 
Schah 1896 der Kugel Mirza Muhammed Rizas zum Opfer fiel, war die Periode 
persischer Staatsreformen mit dem zum landläufigen Sprichwort gewordenen 
Mißton „Persien verträgt keine Reformen" längst ausgeklungen. 

Inzwischen hatte aber eine Bewegung von unten, aus dem Volke heraus, 
gegen die unhaltbaren Mißstände zu keimen begonnen. Die auch in Persien 
sich ausbreitenden panislamischen Ideen von der Reformbedürftigkeit der 
Islamwelt, der umsichgreifende Babismus mit seinen vielfach modernen 
Anschauungen und die zunehmende Bekanntschaft weiterer Schichten des 
Volkes mit den Zuständen in den zivilisierten Ländern trugen den Geist der 
Kritik und Unzufriedenheit in weite Kreise der Gesellschaft : eine Kritik, die 
reichliche Nahrung fand in der Schuldenwirtschaft und Russenergebenheit 
Ali Asker Chans und eine Unzufriedenheit, die wesentlich gefördert wurde 
durch die Verteuerung der Lebensmittel durch mehrere aufeinanderfolgende 
Mißernten um die Wende des 19. zum 20. Jahrhundert und ferner durch 
das Mißbehagen, mit dem man die Übertragung der Zölle, des Post- und 
Paßwesens an immer zahlreicher ins Land berufene belgische Beamte und 
ihre, wie man behauptete, den russischen Interessen zugeneigte und nicht 
immer taktvolle Tätigkeit verfolgte. 

Als dann der Großvezier Ali Asker Chan abgesetzt und später durch 
Ein ed Dowleh ersetzt wurde, war dieser nicht der geeignete Mann, die 
Gegensätze zu versöhnen; vielmehr fachte sein energisches und rücksichts- 
loses Vorgehen die Leidenschaften um so mehr an. als sie durch die in jener 
Zeit im benachbarten Rußland sich abspielenden revolutionären Vorgänge 
immer neuen Antrieb erhielten. Unter wesentlicher Mitwirkung der eng- 
lischen Gesandtschaft, bei der die demonstrierenden Verfassungsfreunde Schutz 
und Asyl suchten und fanden, proklamierte Muzaffereddin Schah am 6. August 
1906 das Verfassungsmanifest und der erste Medschlis (Unterhaus) konnte 
schon am 7. Oktober desselben Jahres feierlich eröffnet werden 1 ). 

Am 8. Januar 1907 starb Muzaffereddin Schah und am 31. August des- 
selben Jahres kam die englisch-russische Verständigung in betreff Persiens 
zustande. 

Aus einem Artikel des „The Near East", den die persische Zeitung 
„Ra'd" (Nummer vom 1. Januar 1914) in Übersetzung wiedergibt, geht 
hervor, daß schon 1888 der britische Gesandte in Teheran Sir Henry Drum- 
mond Wolff seinem russischen Kollegen, dem Prinzen Dolgoruky, gegenüber, 
die Frage einer englisch-russischen Verständigung über Persien angeregt 
hatte. Lord Salisbury war mit dem Vorgehen seines Gesandten einverstanden, 
und der Zar Alexander III. soll im Sinne seiner Erklärung, daß bei dem 
Mangel englisch-russischer Gegensätze in Europa eine Verständigung in Asien 

*) Eingehendere Angaben über die persische Revolution sind zu finden 
in dem in den „Blättern für Vergl. Rechtsw. u. Volkswirtschaftsl." (1911, Nr. 7) 
veröffentlichten Vortrag von Dr. J. Greenfield, „Die persische Verfassung 
vom Jahre 1906". Darüber und über die Verfassung hat Greenfield ferner in 
Nr. 4 und 9 von 1906, Nr. 6 von 1909 derselben Zeitschrift und in den Jahr- 
büchern der „Internationalen Vereinigung für vergl. Rechtsw. und Volks- 
wirtschaftsl." berichtet. 



250 Greenfield, Das persische Problem. 

wohl die Grundlage dauernder Freundschaft schaffen könnte, dem Projekt 
sympathisch gegenübergestanden haben. Nachdem aber Sir Henry aus 
Gesundheitsrücksichten gezwungen war. seinen Teheraner Posten aufzugeben, 
schliefen die Verhandlungen ein, und die englisch-russische Rivalität in Persien 
wurde mit unverminderter Schärfe fortgesetzt, bis das Auftreten einer dritten 
Macht in Asien, nämlich Deutschlands, den Anlaß zur Wiederaufnahme der- 
selben und ziiin Abschluß des Abkommens von 1907 bot. 

Das englisch-russische Abkommen vom 31. August 1907 wird motiviert 
durch den beiderseitigen Wunsch, die Integrität und Unabhängigkeit Persiens 
zu wahren ') und durch die Aufrechterhaltung der Ordnung in diesem Reiche 
seine friedliche Entwickelung, unter Anerkennung gleicher Vorteile 
für den Handel und die Industrie aller anderen Nationen, dauernd 
zu verbürgen. Aber mit Rücksicht auf das besondere Interesse an geordneten 
Zuständen, das Rußland in den an das russische Reich und England in den 
an Afghanistan und Belutschistan grenzenden Provinzen haben und um 
jedem Konflikt ihrer Interessen in diesen Provinzen vorzubeugen, wurde 
vereinbart: In den persischen Provinzen nördlich der Linie Kasri-Schirin — 
Isphahan — Jezd — Khakh bis zum Treffpunkt der russisch-persisch-afghanischen 
Grenze (mit Einschluß der genannten Ortschaften) verpflichtet sich England, 
weder für sich noch zugunsten britischer oder dritter Staatsangehöriger, 
irgendwelche politische oder kommerzielle Konzessionen (für Eisenbahnen, 
Banken, Telegraphen, Straßen, Speditions- und Versicherungsunterneh- 
mungen usw.) nachzusuchen bzw. zu unterstützen und andrerseits sich der 
Erlangung solcher Konzessionen durch die russische Regierung weder direkt 
noch indirekt zu widersetzen. Eine entsprechende Verpflichtung zugunsten 
Englands übernimmt Rußland bezüglich der persischen Provinzen südlich 
der Linie von der afghanischen Grenze über Gazik— Birdjand — Kirman bis 
nach Bender Abbas (mit Einschluß der genannten Ortschaften). In der 
zwischen den beiden Linien liegenden neutralen Zone sollen sich die Kon- 
trahenten der Erteilung von Konzessionen an die Untertanen des anderen 
Teils nicht widersetzen, ohne sich vorher darüber verständigt zu haben. 

Die bereits bestehenden Konzessionen — so namentlich die vertragliche 
Haftung der persischen Zolleinnahmen (mit Ausnahme derjenigen von Fars 
und dem persischen Meerbusen) für die bisherigen russischen Anleihen und 
die der Zölle von Fars und dem persischen Meerbusen, sowie der Einkünfte 
der Post und Telegraphen und der Fischerei an der Kaspimeerküste für die 
bisherigen Schulden an die Imperial Bank of Persia — werden durch das 
Abkommen nicht berührt. Falls aber infolge eintretender Unregelmäßigkeiten 
in der Verzinsung und Tilgung dieser Schulden die Notwendigkeit der Aus- 
übung des vorbehaltenen Kontrollrechts sich ergeben und diese sich auch 
auf die Zone des Gegenkontrahenten erstrecken sollte, so soll durch freund- 
schaftlichen Meinungsaustausch das Kontrollverfahren in einer Weise geregelt 
werden, die jede den Prinzipien des Übereinkommens nicht entsprechende 
Einmischung in die gegnerische Zone auszuschließen geeignet ist. 

Das Abkommen vom 31. August 1907 hat die Frage des persischen 
Meerbusens unberührt gelassen. Für England war diese Frage stets ein 
noli ine tangere. der empfindlichste Punkt seiner persischen Politik. In einem 
Schreiben vom 29. August 1907 beauftragte Sir Edward Grey den englischen 



l ) Eine Versicherung, die im Laufe der letzten 70 Jahre fünfmal zwischen 
England und Rußland wiederholt worden ist! 



Greenfield, Des persische Problem. 251 

Botschafter in Petersburg unter Hinweis auf die ganz besonderen Interessen, 
welche England auf Grund seiner hundertjährigen Tätigkeit in diesen Ge- 
wässern besitze und die während der Verhandlungen von Rußland ausdrück- 
lich anerkannt worden seien, der Regierung des Zaren gegenüber zu betonen, 
daß das Abkommen in keiner Weise den status quo im persischen Meerbusen 
ändere and keinerlei Wechsel der britischen Politik bezüglich des Golfes 
impliziere. 

Aber auch mit diesem Vorbehalt wäre das Abkommen von 1907 vom 
Standpunkt der persischen Interessen Englands gesehen, kaum zu verstehen, 
wenn es sich dabei nicht eben nur um ein Glied in dem Gesamtarrangement 
der englisch-russischen Beziehungen in Vorderasien (Afghanistan, Tibet) und 
vielleicht auch darüber hinaus handelte. Anderweitigen Vorteilen zulieb 
sah sich die britische Regierung genötigt, Rußland in der persischen Frage 
bis zur äußersten Grenze der Möglichkeit entgegenzukommen. Ein Entgegen- 
kommen freilich, dessen Anfechtbarkeit den Männern der Opposition und 
namentlich dem in den vorderasiatischen Dingen kompetenten Lord Curzon 
in der Sitzung des Oberhauses vom 6. Februar 1908 reichlich Stoff zur 
schärfsten Kritik bot. Es wurde darauf hingewiesen, daß die durch das Ab- 
kommen Rußland zugewiesene Zone, weit entfernt davon sich nur auf die 
an dieses Land grenzenden persischen Provinzen (Azerbeidschan, Gilan und 
Chorassan) zu beschränken, tatsächlich auch Mazandaran am Kaspisee, der 
keineswegs russisch sei, umfasse und im Westen an der türkischen Grenze 
entlang weit nach Süden bis Kasri-Schirin — 400 (engl.) Meilen von der 
russischen Grenze entfernt — hinreiche, um dort den für den britischen 
Handel überaus wichtigen Karawanenweg Baghdad — Chanekin — Teheran in 
sich zu schließen. Sie erstrecke sich ferner auf Isphahan, das in der Mitte 
zwischen dem persischen Golf und dem Kaspisee liegt, und auf Iezd, wo die 
Russen keinerlei Interessen hätten. Überhaupt bestände in einem großen 
Teil der Rußland zugesprochenen Zone kein Überwiegen russischer Interessen; 
eher sei das Gegenteil der Fall. Die russische Zone, über 6 / 16 von ganz Persien 
sich ausbreitend, sei nochmal so groß wie die englische ( 3 / 16 ) und enthalte 
7 wichtige Handelsstraßen und von den 12 persischen Städten mit mehr als 
30000 Einwohnern 11. darunter auch die Hauptstadt Teheran, während der 
englischen Zone, die überdies spärlich bevölkert und ökonomisch bedeutungs- 
los sei, nur eine solche Stadt und eine einzige Karawanenstraße verblieben 
seien. Für den Schutz Indiens sei es wohl wichtig, daß Seistan in die 
britische Zone falle, aber der Umstand, daß ein Teil der afghanischen Grenze 
außerhalb geblieben sei, beeinträchtige diesen Schutz. An den Städten 
Schiras und Buschehr und an dem Flusse Karun, die zu der neutralen Zone 
gehören, sei England in hohem Maße interessiert. Auch wären die britischen 
Interessen, betreffend den persischen Meerbusen, nicht genügend wahrgenom- 
men worden. 

Regierungsseits hob Sir Edward Grey unter anderem hervor, daß es 
nicht im Interesse Englands liege, seinen Einfluß weiter als das ihm zu- 
gewiesene Gebiet auszudehnen, da es sonst seine indische Armee erheblich 
verstärken müßte. 

In Rußland wurde das Abkommen von 1907 (abgesehen von Gruppen 
der extremen Rechten und Linken) beifällig aufgenommen und auch in Deutsch- 
land glaubte man in ihm keine Verletzung der deutschen Interessen in Persien 
sehen zu müssen, da ja diesen durch die Anerkennung des Prinzips der offenen 
Tür für den Handel aller Nationen Rechnung getragen war. Deutschlands 



252 Greenfield, Das persische Problem. 

Interessen in Persien lagen vornehmlich auf kommerziellem Gebiet, die aber 
an Bedeutung wesentlich zunahmen, als der deutsch-persische Handel im Laufe 
der letzten Jahrzehnte ganz erhebliche Fortschritte machte ') und die bevor- 
stehende Vollendung der Baghdadbahn, die Frage ihres Anschlusses an das 
künftige persische Bahnnetz in den Gesichtskreis rückte. 

Auf Grand der Besprechungen gelegentlich der Potsdamer Monarchen- 
begegnung von 1910 kam am 1!). August 1911 das deutsch-russische Abkom- 



') Deutschland, das im Jahre 1901/02 noch an achter Stelle des persi- 
schen Außenhandels gestanden hatte, nahm 1913 bereits die vierte Stelle ein. 
Berücksichtigt man aber, daß bei einem guten Teil des türkisch-persischen 
Handelsverkehrs es sich tatsächlich um deutsch-persischen Güteraustausch 
handelt, der über die Türkei geht, so muß Deutschland ein viel größerer 
Anteil, als die Statistik aufweist, eingeräumt werden. 

1913 hatte der deutsch-persische Handel (abgesehen von dem indirekten 
Verkehr über die türkischen Plätze) einen Wert von 24316252 Kran (1 Kran 
= ca. 38 Pf.). 

Davon Import nach Persien . . . 21387831 Kran, 
Export aus Persien .... 2928421 Kran. 

Die Hauptartikel des deutschen Imports setzten sich zusammen aus: 
Zucker (ca. 4,18 Mill. Kr.), Geweben aus Baumwolle (ca. 2,34 Mill. Kr.), Ge- 
weben aus Seide und Baumwolle (ca. 2,17 Mill. Kr.), Geweben aus Wolle 
(ca. 1,99 Mill. Kr.). Geweben aus Wolle und Baumwolle (ca. 1,09 Mill. Kr.), 
anderen Geweben (ca. 1,4(5 Mill. Kr.), Indigo und chemischem Kermes (ca. 0,98 
Mill. Kr.) usw. Die Hauptexportartikel waren: Zerealien (ca. 1,22 Mill. Kr.), 
Teppiche (ca. 0,80 Mill. Kr.), Gummi (ca. 0,57 Mill. Kr.), Häute und Felle 
(ca. 1,47 Mill. Kr.) usw. 

Ein großes Hindernis für den deutsch -persischen Handel ergibt sich 
aus dem russischen Transitverbot (seit 1883) für nach Persien bestimmte 
europäische Waren, durch das diesen der vorteilhafte Schienenweg durch 
Bußland bis zur persischen Grenze versperrt ist. so daß ihnen nur noch die 
umständlichen und kostspieligen Karawanenwege über Trapezunt bzw. über 
Baghdad oder den persischen Golf offen stehen. 

Die durch die Weltpostkonvention von Born vom 26. Mai 1906 ermög- 
lichte Sendung von Waren über Rußland nach Persien in Postpaketen bis 
zu einem Gewicht von 5 Kilo gab dem deutschen Handel mit diesem Lande 
neue Anregung. 1913 erreichten etwa 40°/ des deutschen Imports auf diesem 
Wege den persischen Markt. So wichtig dieser Weg auch für den deutschen 
Handel war, berechtigte seine geringe Bedeutung für die allgemeine Einfuhr 
Persiens keineswegs die Befürchtungen der russischen Begierung, daß dadurch 
dem Transitverbot erheblicher Abbruch geschehen könnte. 1913 betrug der 
Wert der persischen Einfuhr durch Postpakete ca. 31.11 Mill. Kran. Zieht 
man von dieser Summe den auf Bußland selbst entfallenden Teil und die 
Silbereinfuhr für die Münze ab, so bleiben nur noch ca. 24.80 Mill. Kran, 
was nur etwas mehr als 4°/ der Gesamteinfuhr Persiens ausmacht. Die 
Schwierigkeiten, welche die russische Begierung dennoch 1913 dem inter- 
nationalen Postkolliverkehr nach Persien durch Sperrung einiger russischer 
Linien für den Kolliverkehr überhaupt machte, wurden auf Vorstellungen auch 
seitens Deutschlands wieder beseitigt. 

So sehr sich auch der deutsche Handel mit Persien in den letzten Jahren 
entwickelt hat, er ist noch weit entfernt davon, neben dem englischen und 
russischen Handel wesentlich ins Gewicht zu fallen. 

Der russische Handel mit Persien hatte 1913 einen Wert von ca. 630 Mill. 
Kran. Davon Einfuhr nach Persien für 328980042 Kran, 

Ausfuhr aus Persien f ür 30" 87 i 858 Kran, 
zusammen 629 857 900 Kran. 



Greenfield, Das persische Problem. 253 

raen zustande, durch das Deutschland — „von dem Grundsatz ausgehend, daß 
der Handel aller Nationen in Persien gleichberechtigt ist, und in der Erwä- 
gung, daß Rußland in diesem Lande besondere Interessen besitzt, während 
Deutschland dort nur Handelsziele verfolgt" — den durch das Abkommen 
vom 31. August 1907 geschaffenen Zustand Rußland gegenüber anerkannte 
und erklärte, nicht die Absicht zu haben, in der russischen Zone für sich 
selbst Eisenbahn-, Wegebau-, Schiffahrts- oder Telegraphenkonzessionen nach- 
zusuchen oder solche Gesuche von Deutschen oder von fremden Staats- 
angehörigen zu unterstützen ')• 

Die russische Regierung ihrerseits verpflichtete sich, „keinerlei Maß- 
nahmen zu treffen, die den Bau der Baghdadbahn hemmen oder die Beteili- 
gung fremden Kapitals an diesem Unternehmen hindern könnten". Allerdings 
mit dem ziemlich dehnbaren Zusatz . . . „vorausgesetzt natürlich, daß für 
Rußland daraus keinerlei Opfer pekuniärer oder wirtschaftlicher Art erwachsen". 
Sie verpflichtete sich ferner, die Konzession für den Bau einer Bahn von 
Teheran nach Chanekin einzuholen, um durch sie das von ihr in Nordpersien 
beabsichtigte Eisenbahnnetz an die Zweigstrecke der Baghdadbahn Sadidjeh — 
Chanekin anzuschließen. Spätestens zwei Jahre nach Fert.gstellung dieser 
Zweigstrecke muß der Bau der Teheran — Chanekinlinie begonnen und im Zeit- 
raum von weiteren vier Jahren vollendet werden. Erfolgt der Beginn in der 
festgesetzten Zeit nicht, so soll die russische Regierung die deutsche davoD 
benachrichtigen, daß sie auf die Konzession für die Bahnlinie Teheran — Chane- 
kin verzichtet, und Deutschland steht es dann frei, seinerseits die Konzession 
nachzusuchen. 

Die russische Regierung' behält sich vor, die Linienführung der Strecke 
Teheran — Chanekin unter Berücksichtigung der deutschen Wünsche festzu- 
setzen, den Bau nach Belieben auch einer fremden Finanzgruppe zu über- 
tragen und schließlich unabhängig davon, wie sich der Bau vollziehen wird 2 ), 
„sich in jeder ihr erwünschten Form an den Arbeiten zu beteiligen und . . 
gegen Erstattung der von dem Erbauer tatsächlich aufgewendeten Kosten in 
den Besitz der Eisenbahn einzutreten". 

Endlich sollen beide Regierungen den internationalen Verkehr auf den 
Linien Teheran — Chanekin und Chanekin — Baghdad fördern, alle Maßnahmen, 
die ihn behindern könnten, so die Einführung von Durchgangszöllen oder 
die Anwendung von Differenzierungen, vermeiden und sich gegenseitig an 

Der britische Handel ist schon seit langem von dem russischen an 
die zweite Stelle zurückgedrängt. Er repräsentierte 1913 aber noch immer 
(einschl. Britisch-Indien) einen Wert von ca. 210 Mill. Kran: 

Einfuhr nach Persien für 153181074 Kran. 

Ausfuhr aus Persien für 56 618494 Kran, 

zusammen 209 799568 Kran. 

Der Gesamtaußenhandel der persischen Reiches belief sich 1913 auf 

ca. 1 Milliarde Kran. Davon Einfuhr für 567575639 Kran, 

Ausfuhr für 436333271 Kran, 
zusammen 1003908910 Kran. 
') Die entsprechende Verpflichtung Englands Rußland gegenüber ging, 
wie wir oben sahen, weiter und bezog sich auf politische und kommerzielle 
Konzessionen jeder Art, so namentlich auch auf Bank-, Transport-, Versiche- 
rungsunternehmungen usw. 

2 ) Also auch für den Fall, daß die Linie von Deutschland gebaut 
werden sollte. 



254 Greenfield, Das persische Problem. 

allen Tarif- oder sonstigen Privilegien, welche eine von ihnen bezüglich der 
Linie Teheran — Chanekin erlangen würde, teilnehmen lassen. 

In Persien selbst war die Empörung über das Abkommen von 1907, 
das so tiefschneidend in den politischen Zustand des Landes eingriff und über 
den Kopf seiner Regierung hinweg von Fremden eigenmächtig abgeschlossen 
worden war, erklärlicherweise eine große und fand in den Reden des Me- 
dschlis und in der durch die Verfassung von der Zensur befreiten Presse 
lauten Widerhall. 

Die gelegentlich der Notifikation des Abkommens von dem englischen 
Gesandten der persischen Regierung gemachte Erklärung, daß die Vertrag- 
schließenden durch dasselbe die Unabhängigkeit Persiens für immer zu sichern 
und künftighin jeden aus Interessenkonflikten sich ergebenden Vorwand zu 
Einmischungen auszuschalten wünschten, stand in einem zu großen Wider- 
spruch zu den Tatsachen, um überzeugend wirken zu können. Die Regierung 
des Schah lehnte es vielmehr ab, das Abkommen anzuerkennen und verharrte, 
unterstützt von der öffentlichen Meinung, auf ihrem Standpunkt, bis sie sich 
schließlich 1911 der im Dezember dieses Jahres mit verschärftem Nachdruck 
gestellten, einem Ultimatum sehr ähnlichen Forderung nachgebend — und 
wohl auch durch die inzwischen erfolgte deutsch-russische Verständigung, 
betreffend Persien, entmutigt — genötigt sah, zu erklären, daß sie den Be- 
stimmungen des Abkommens von 1907 nicht zuwiderhandeln werde. 

HI. 

Hatte das Abkommen von 1907 in die Beziehungen Persiens zu Eng- 
land und namentlich zu Rußland einen Ton der Gereiztheit hineingetragen, 
die zu einer dauernden Spannung und häufigen Konflikten führen mußte, so 
nahm andrerseits die Entwickelung der inneren Politik des Reiches einen 
nicht weniger beunruhigenden Verlauf. Muhammed Ali Schah, der nach dem 
Tode seines Vaters (8. Januar 1907) den erledigten Thron bestieg, hatte noch 
als Kronprinz in Tebris den konstitutionellen Ideen gegenüber eine starke 
Abneigung an den Tag gelegt. Als Schah konnte er erst nach langwierigen 
und konfliktreichen Verhandlungen zur Unterzeichnung der vom Medschlis 
ausgearbeiteten „Grundgesetze" und zur Eidesleistung auf die Verfassung 
(10. Oktober 1907) bewogen werden. Das Mißtrauen gegen ihn und seine 
reaktionäre Umgebung blieb aber bestehen; deren Entfernung wurde vom 
Medschlis und namentlich von den zahlreichen konstitutionellen Klubs 
(endschumen) energisch verlangt, während diese ihrerseits eigenmächtig in 
die Verwaltung eingriffen und Regierung wie Parlament terrorisierten. Ah 
Asker Chan, den der neue Herrscher wieder an die Spitze der Regierung 
gestellt hatte, erlag am 31. August beim Verlassen des Medschlis einem 
Anschlag, und einem Staatsstreichversuch des Schah im Dezember folgte am 
29. Februar 1908 das mißglückte Bombenattentat auf diesen selbst. 

Das Land befand sich in einem Zustand vollkommener Anarchie, als 
Muhammed Ali Schah sich verleiten ließ, im Junil908 durch seine Kosakenbrigade 
das Parlament zu bombardieren und die Volksvertreter auseinanderzutreiben. 
Doch sollte er sich nicht lange seines Erfolges erfreuen. Der Kampf gegen 
den eidbrüchigen Herrscher verbreitete sich bald — unter der Billigung der 
hohen Geistlichkeit, die sich von Anfang an auf die Seite der Verfassungs- 
freunde gestellt hatte — von Tebris aus über ganz Persien und endete mit 
der Besetzung der Hauptstadt (13. Juli 1909) durch die Streitkräfte der 
Konstitutionalisten unter Sipahdar, dem Bachtiarenchef Serdari Assad und 



Greenfield, Das persische Problem. 255 

dem Armenier Jeprem. Muhammed Ali Schah suchte voreilig Zuflucht in 
der russischen Gesandtschaft, dankte ab und reiste nach Rußland, um in 
Odessa seinen Aufenthalt zu nehmen. Zum Schah wurde am 16. Juli sein 
dreizehnjähriger Sohn Ahmed Mirza ausgerufen und die Regentschaft dem 
Azed el Mulk und später, als dieser starb (1910), dem Nasr el Mulk übertragen. 

Das Verhalten der englischen und russischen Regierung den persischen 
Verfassungsbestrebungen gegenüber war von entgegengesetzten Beweggründen 
geleitet. Während die englische Gesandtschaft sich von Anfang an der ver- 
fassungsfreundlichen Demonstranten annahm, ihnen Zuflucht bot, ihre Wünsche 
dem Muzaffereddin Schah übermittelte und in der Richtung der Verfassungs- 
gewährung auf ihn einwirkte, waren die Russen, die soeben die Revolution 
in ihrem eigenen Lande unterdrückt hatten, keineswegs geneigt, eine solche 
in dem Nachbarstaate zu fördern. Daran änderte auch das Abkommen von 
1907 nichts. Das reaktionäre Gebahren Muhammed Ali Schahs und seiner 
Umgebung, zu der auch der Chef der Kosakenbrigade Liachoff und der In- 
timus Schapschal — beide Russen — zählten, wurde angeblich im stillen 
durch den russischen Gesandten Hartwig unterstützt 1 ). Und als der Schah, 
weniger unter dem Zwang der Tatsachen als infolge eigener Unfähigkeit, 
vorschnell das Feld räumte, mußten die Russen zwar seine Absetzung zu- 
lassen, aber sie sorgten dafür, daß er sich unbehindert nach Rußland begeben 
konnte und daß ihm für den Verzicht auf den persischen Thron ein Jahres- 
gehalt von 65000 Toman ausgesetzt wurde. Sie konnten in diesem Punkte 
um so mehr nachgeben, als der Ex-Schah in ihren Händen ein geeignetes 
Schreck- und Pressionsmittel abzugeben geeignet war und außerdem die letzten 
Kämpfe gegen ihn, die Gelegenheit geboten hatten, durch Entsendung russi- 
scher Truppen, in Nordpersien die russische Herrschaft tatsächlich zu begründen. 

Nach der Abdankung Muhammed Ali Schahs wurde ein Kabinett ge- 
bildet, in dem Sipahdar und Serdari Assad die führenden Männer waren. 
Aber das normale Leben wollte nicht zurückkehren. Es waren namentlich 
drei Fragen, die das Land in dauernder Gährung erhielten, den besten 
Teil der Aufmerksamkeit der Regierung und der Medschlis in Anspruch nahmen 
und zugleich häufigen Anlaß zu hemmenden und unruhestiftenden Spaltungen 
und Reibungen innerhalb dieser Körperschaften und zwischen ihnen boten: 

1. Die mit der Finanznot zusammenhängende Anleihefrage. 

2. Die Frage der Besetzung Nordpersiens durch russische Truppen und 
sonstiger Übergriffe seitens Rußlands. 

3. Die Intriguen des Ex-Schah und seiner Anhänger. 

Es wird nötig sein, auf diese für die neuste Politik Persiens überaus 
wichtigen Fragen näher einzugehen. 

Was erstens die Anleihefrage betrifft, so wurde bereits oben zu zeigen 
versucht, wie in den letzten Jahren des Absolutismus die persische Regierung 
mit vollen Segeln in eine folgenschwere Schuldenwirtschaft hineinsteuerte. 
Die Einführung der Verfassung machte diesem Treiben zunächst ein Ende. 
Der Medschlis wollte von einer auswärtigen Anleihe nichts mehr hören und 
versuchte durch die Schaffung einer Nationalbank, den Bedarf im Lande 
selbst zu decken. Aber der Versuch scheiterte an dem Mangel an Geld und 



*) Hartwig wurde später — wie man annimmt, auf Wunsch der eng- 
lischen Regierung — abberufen und als sein Nachfolger kam nach Teheran 
der liberalen Ideen zugängliche Poklowski-Kosel — sehr zur Unzufrieden- 
heit der Novoe Wrenrja. 



256 Greenfield, Das persische Problem. 

Vertrauen in Persien. Durch kleinere innere Anleihen, durch teils freiwillige 
and teils zwangsweise Kollekten von einigen Millionen konnte man sich nur 
eine kurze Zeit über Wasser halten. Auch der Verkauf eines Teils der Kron- 
juwelen, den man ernstlich ins Auge faßte, hätte nur eine vorübergehende 
Hilfe gebracht. Als schließlich der Medschlis, die Unumgänglichkeit einer 
größeren Ausländsanleihe einsehend, seine Zustimmung dazu gab, erklärten 
sich England und Rußland (Februar 1910) bereit, je 4 Mill. Rubel zu leihen, 
stellten aber zur Bedingung, daß jedem von ihnen innerhalb seiner Zone das 
ausschließliche Recht, Militärinstrukteure zu ernennen und Bahnbauten aus- 
zuführen, vorbehalten sein und außerdem Rußland die Konzession für die 
Schiffahrt auf dem Urumiasee gewährt werden sollte, Bedingungen, die von der 
persischen Regierung als unannehmbar zurückgewiesen wurden. Aus den Pro- 
vinzen liefen zahlreiche Telegramme gegen die Anleihe ein und selbst die Frauen 
in Teheran hielten unter dem Vorsitz der Gattin Jeprems Protestversammlungen 
ab. Der Medschlis redete in seinem Aufruf wieder einer inneren Anleihe das 
Wort und genehmigte (April 1910) einen Gesetzentwurf zur Emission sechs- 
prozentiger Scheine im Werte von 10 Tuman — garantiert durch die Ein- 
künfte der Krongüter. Listen wurden aufgelegt und die Nedschefer ange- 
sehenen Geistlichen gingen durch Zeichnung von 20000 Tuman mit gutem 
Beispiel voran. Aber aus der inneren Anleihe wurde auch dieses Mal nichts. 
Im November 1910 waren wieder Verhandlungen mit Londoner Instituten im 
Gange mit dem Ergebnis, daß Persien eine Anleihe von l x / 4 Mill. £ (Zinsen 
5 n / , Subskriptionspreis 96 V L » °/ , rückzahlbar 1966) zur Konversion schweben- 
der Schulden und für Allgemeinzwecke des persischen Schatzamtes gewährt 
wurde. Die Anleihe, der gewisse Zolleinkünfte des persischen Meerbusens 
zur Basis dienten, wurde im Juli 1911 in London zur Zeichnung aufgelegt. 
Bei dem geringen Erfolg mußten die Garanten die ungezeichnete Hälfte 
selbst übernehmen, und da gerade in dieser Zeit die Landung des Ex-Schahs 
in Persien erfolgte, fiel der Kurs bald weit unter den Emissionspreis. 

Aber damit war dem dringenden Geldbedürfnis nicht abgeholfen. Die 
Staatseinnahmen, durch die andauernden Unruhen schon stark beeinträchtigt, 
gingen zum erheblichen Teil für den Schuldendienst auf. Sie genügten kaum 
zur Deckung der dringendsten Ausgaben, geschweige denn, daß etwas für 
die notwendigen Reformarbeiten übriggeblieben wäre. Die Geldnot blieb per- 
manent und die Regierung war jahraus jahrein auf Vorschüsse der englischen 
und russischen Banken angewiesen. So erhielt sie auch 1913 wieder von den 
Russen und Engländern je 200000 £ und von den letzteren außerdem noch einen 
Betrag von 100 000 £ zur Organisation der Gendarmerie, Beträge, die als Avancen 
für eine neue größere Anleihe gedacht waren, die aber nicht zustande kam. 
In dem Rechnungsjahr vom 21. März 1912 bis 20. März 1913 betrug 
der Schuldendienst über 2 Mill. Tuman (1 Tuman = 10 Kran = ca. 3,80 Mark), 
und zwar '): 

Für die russischen Anleihen im Betrage von 32,5 Mill. Rubel 978 184 Tuman, 
„ „ „ „ „ „ „ 6 Mill. Tuman . 652464 „ 
„ „ englischen „ „ „ „ l 1 /* Mill. £ . . 349357 „ 
„ ,. Vorschüsse der Bank of Persia im Betrage von 314 20 8 £ 91736 „ 
2071741 Tum. 2 ). 

') Nach der persischen Zeitung Ra'd vom 9. November 1913. 
2 ) Es wurden außerdem 704945 Tuman zur Tilgung einer Avance der 
russischen Bank in der Höhe von 125000 £ (nebst Zinsen) ausgezahlt. 



Greenfield, Das persische Problem. 257 

In dem Voranschlag für das Geschäftsjahr vom 21. März 1914 bis 20. März 
1915 war für den Schuldendienst aber schon die Summe von ca. 2,75 Mill. 
Tuman eingestellt *) : 

An die englische Bank 672983 Tuman, 

„ „ russische Bank 2063291 „ 

„ verschiedene Gläubiger 19091 

2 758365 Tuman. 
Das war mehr als 20 °/ der Gesamteinnahmen des persischen Schatzes, 
die nach dem obigen Etat sich auf ca. 13,4 Mill. Tuman beliefen und sich 
aus den nachstehenden Posten zusammensetzten: 
Einnahmen : 

Aus den Krongütern und direkten Steuern (maliat), die fast aus- 
schließlich auf dem Bauernstand lasten . . 5953500 Tuman, 

aus den Zöllen 4500000 „ 

vom Opium 800000 „ 

aus den Paßgebühren 550000 „ 

von den Telegraphen 611200 „ 

aus verschiedenen Quellen (Pacht von Berg- 
werken usw., Münze, Stempelmarken, Kon- 
zessionsgelder usw.) 997725 „ 

Summe der Gesamteinnahmen 13412425 Tuman. 
Diesen Einnahmen gegenüber standen als unaufschiebbare Ausgabeposten 
die Ausgaben: 

Für den Schulden dienst 2758365 Tuman, 

für die Forderung der Deutschen Waffenfabrik . 30222 „ 
für Gehälter 

der ausländischen Beamten. . 33095 2 ) 
der Teheraner Stadtverwaltung 175000 
der Staatsbeamten mit nur 50% 

Auszahlung 1 000000 3 ) 

für den Medschlis und die Krönung 150000 „ 

für den Hof 

Zivilliste 500000 | 

Pension des Ex-Schah .... 65000 / 575000 
Pension Salar ud Dowlehs ... 10000 J 
für den Sicherheitsdienst 

Gendarmerie 2500000 1 

Teheran er Polizei 360000 > 3724000 „ 

Kosakenbrigade 864000 J 

Summe der dringenden Ausgaben 8445682 Tuman. 

Für den Rest der Beamtengehälter, für die Armee und für sonstige 

Verwaltungsbedürfnisse, von Reformarbeiten ganz zu schweigen, blieb somit 

ein Betrag von nicht ganz 5 Mill. Tuman übrig, der keineswegs hinreichte, 

i um weitere Anleihen überflüssig zu machen. 

1 ) Nach der persischen Zeitung Ra'd vom 16. April 1916. 

2 ) Tatsächlich repräsentiert dieser Posten einen viel höheren Betrag, 
der zum größten Teil unter anderen Posten (Zölle, Gendarmerie) bereits 
verrechnet ist. 

3 ) Die Rückständigkeit der Gehälter ist zu einem chronischen Übel 
geworden. 

Zeitschrift für Politik. 10. 17 



1208095 



258 Greenfield, Das persische Problem. 

Einen weiteren Grund zur Beunruhigung boten die russischen Truppen- 
sendungen nach Persien und die mit diesen beginnende stärkere Einmischung 
Rußlands in die inneren Angelegenheiten des Landes, namentlich in die 
Verwaltung der ihm vorbehaltenen Zone. 

Das Signal zu der Empörung gegen den .Staatsstreich Muhammed Ali 
Schahs vom Juni 1908 hatte Tebris gegeben, wo denn auch die Unruhen 
unter der Führung Sattar Chans, Bagher Chans und anderer einen recht 
hartnäckigen Charakter annahmen und vom 23. Juni ab, da sie ausbrachen, 
zehn Monate lang die Stadt in dauernder Erregung hielten. Im Inneren 
kämpften die konstitutionell gesinnten Stadtteile gegen die reaktionären und 
von außenher kamen nacheinander Rahim Chan, Ein ed Dowleh, Sipahdar 
und Fermanferma mit ihren Mannschaften, um im Auftrage Muhammed Ali 
Schahs den Aufruhr zu unterdrücken. Ein energisches Vorgehen gegen die 
Stadt, etwa durch wirksame Beschießung, war mit Rücksicht auf die dort 
lebenden Europäer nicht angängig, und so mußte sich Ein ed Dowleh, welcher 
schließlich allein die Belagerung fortsetzte, darauf beschränken, die Lebens- 
mittelzufuhr abzuschneiden. Die Not stieg in der Stadt und die hungernde 
Bevölkerung begann schon die Läden zu plündern. 

Als dann im April 1909 von den Konsuln Englands und Rußlands be- 
unruhigende Nachrichten einliefen über die Absicht der Menge, durch Angriffe 
auf die Europäer eine fremde Intervention herbeiführen zu wollen, ließ die 
russische Regierung, der es angesichts der drohenden Gefahr unschwer 
gelungen war, die englischen Bedenken zu überwinden, am 25. April 1909 
2 kombinierte Bataillone, eine Maschinengewehrabteilung und eine Batterie 
über die Grenze nach Tebris vorrücken, nachdem sie bereits im Dezember 1908 
500 Soldaten der Greuzwache geschickt hatte. Russische Kriegsschiffe er- 
schienen vor Enzeli, um dort Soldaten zu landen, und eine Anzahl Kosaken 
mit Maschinengewehren gingen zur Verstärkung der Konsulatwachen in Rescht 
und Mesched ab. Als dann die Dinge sich in Teheran immer mehr zuspitzten, 
kam am 16. Juli auch nach Kazwin eine Abteilung, bestehend aus dem 
Lobinski Kosakenregiment, einem Fußbataillon und einer Batterie. Durch 
eine Zirkularnote an die Mächte vom 3. Juli 1909 rechtfertigte die russische 
Regierung ihre Truppensendungen mit der Gefahr, die sich aus dem Vor- 
rücken der Bachtiaren und Revolutionäre gegen die Hauptstadt für die 
Sicherheit der europäischen Gesandtschaften, Institute und Untertanen, sowie 
die Enzeli-Teheran-Straße ergäbe. Die Truppen sollten nur bei drohender 
Gefahr in die Hauptstadt einrücken und im übrigen sich jeder Einmischung 
in die inneren Angelegenheiten enthalten und nur solange in Persien ver- 
bleiben, bis Leben und Vermögen der Fremden vollkommen gesichert seien. 
Eine weitere Note, welche die Gewährung von Schutz und Zuflucht dem 
Muhammed Ali Schah in der russischen Gesandtschaft bekanntgab, sprach 
sich ungefähr in demselben Sinne aus. 

Mit diesen Zusicherungen ließ sich aber die Tatsache, daß die russischen 
Truppen in der Folge, anstatt zurückgezogen zu werden, vielmehr verstärkt 
wurden, kaum in Einklang bringen. Der Thronwechsel war vollzogen, die 
Ruhe in der russischen Zone wiederhergestellt — sie konnte jedenfalls mit 
geringeren Abteilungen aufrechterhalten werden — und die Türken, welche 
auf Wunsch der Verfassungsfreunde im April 1909 Urumia besetzt hatten 
und in Azerbeidschan weiter vorgedrungen waren, mußten während des 
Balkankrieges unter der Pression Rußlands das persische Gebiet wieder 



Greenfield, Das persische Problem. 259 

räumen 1 ). So läge, wie man meinte, ein Rechtfertigungsgrund für die 
Weigerung der Russen, ihre Truppen ganz oder wenigstens teilweise zurück- 
zuziehen, nicht mehr vor und ihre Versicherung, daß der vorläufige Verbleib 
derselben durch den Stand der Dinge geboten und selbst von dem größten 
Teil der Bevölkerung gewünscht sei, fand weder in England, geschweige 
denn bei den Persern Glauben. Auf die Anfrage Dillons in der Unterhaus- 
sitzung vom 16. September 1910, „ob der Staatssekretär irgendwelchen Grund 
zu der Annahme habe, daß die Russen auch nur im entferntesten die Absicht 
hätten, das nördliche Persien zu räumen", entgegnete wohl Sir Edward Grey: 
„Ich bin der Meinung, daß die Geschichte dieses Ereignisses mich sogar nach 
der Ansicht Dillons zu sagen berechtigt, daß die Mitteilungen, die die Russen 
selbst über ihre Politik machten, durchaus Glauben verdienen." Diese offizielle 
Auffassung war aber weit entfernt davon, in England eine allgemeine zu 
sein, und auch die Regierung hatte durch die baldige Einschiffung ihrer 
gelegentlich des Staatsstreichs vom Juni 1908 in Buschehr gelandeten Truppen 
versucht, mit gutem Beispiel voranzugehen. Das Beispiel fand aber keine 
Nachahmung. Die russischen Truppen wurden vielmehr sukzessive vermehrt — 
so namentlich auch durch die Entsendung einer Strafexpedition von 6000 Sol- 
daten nach Tebris, veranlaßt durch einen Angriff auf das russische General- 
konsulat dieser Stadt im Dezember 1911; sie erreichten nach persischer Quelle 
Anfang 1914 eine Stärke von ca. 17 500 Mann, die in den verschiedenen 
Zentren Nordpersiens stationiert waren. Erst im Frühjahr 1914 ließ sich 
eine größere Bereitwilligkeit der russischen Regierung feststellen, in der 
Besetzungsfrage den persischen und englischen Wünschen entgegenzukommen. 
Im Mai zog sie ihre Truppen aus Kazwin zurück, wo ihr Aufenthalt in der 
unmittelbaren Nähe der Hauptstadt besonders schwer empfunden wurde, und 
der neue russische Gesandte in Teheran, Kerostotitz, erklärte einem Korre- 
spondenten der Times, daß sowohl der Vizekönig von Kaukasus als auch er 
selbst dem Wunsche der persischen Regierung in der Frage der Zurück- 
ziehung ihrer Truppen freundlich gesinnt seien. Es sei damit bereits begonnen 
worden und eine Fortsetzung für das Frühjahr in Aussicht genommen, wenn 
auch viele Perser den Ausbruch neuer Unruhen in Azerbeidschan befürch- 
teten, sobald die russischen Soldaten von dort entfernt sein würden. 

Es unterliegt keinem Zweifel, daß der friedliche und wohlhabende Teil 
der Bevölkerung, durch die Unruhen der Revolutionsjahre ermüdet, in dem 
Verbleib der russischen Truppen eine Garantie für die Dauer des ungestörten 
geschäftlichen Lebens erblickte. Die Ordnung und verhältnismäßige Rechts- 
sicherheit wurden, wenn auch mit gepanzerter Faust, aufrechterhalten. Aber 
wenn die Wohltat der Ordnung versöhnend wirkte, so verstimmte andrerseits 
eben die gepanzerte Faust, die sie schaffen sollte. DeDn nicht so sehr die 
Besetzung selbst und auch nicht die Einmischung in die Verwaltung der 
besetzten Gebiete waren es als vielmehr unkluge Rücksichtslosigkeit und 
Mangel an Takt, die einen maßlosen Unwillen gegen die Russen erzeugten 

*) Die Zurückziehung der türkischen Truppen hatte schon im Februar 1910 
begonnen. Nach der Räumung wurde eine türkisch-persische Kommission 
eingesetzt, um unter Mitwirkung Delegierter Englands und Rußlands die 
strittigen Fragen der türkisch-persischen Grenze zu untersuchen. Auf Grund 
der Vorarbeiten dieser Kommission kam das Grenzabkommen vom 17. No- 
vember 1913 zustande, welches auch von den Vertretern Englands und 
Rußlands unterzeichnet worden ist und einer näheren Demarkierung durch 
eine gemischte Kommission zur Basis dienen sollte. 

17* 



260 Greenfield, Das persische Problem. 

and ihren Namen den Persern verhaßt machten. Das Bombardement des 
Heiligtums von Mesched, in dem die gegen die Russen und den reaktionären 
Schah demonstrierenden Verfassungsfreunde Zuflucht gesucht hatten, und die 
Hinrichtung des hohen Geistlichen Siqat ul Islam durch den Galgen am 
Aschuratage von 1912 in Tebris waren unverzeihliche Fehler, weil unerhörte 
Sakrilegien für die religiösen Empfindungen der Perser, deren Erinnerung 
allein für lange Zeit genügen wird, den Abscheu gegen ihre Urheber in den 
Herzen der Moslems wachzuerhalten. 

Nachdem die Russen eine genügende Anzahl von Truppen nach den 
verschiedenen Provinzen des nördlichen Persiens geschickt hatten, konnte 
es ihnen nicht schwer fallen, die Ordnung herzustellen. Boykotte gegen die 
russischen Waren und antirussische Demonstrationen als Folge der ins Sta- 
dium der Aktivität getretenen reaktionsfreundlichen Einmischungspolitik Ruß- 
lands wurden rasch und zum Teil blutig ') unterdrückt. Die Gouverneure 
waren meist nur noch Werkzeuge in den Händen der Russen und mehr als 
alle Samed Chan (Sudscha ud Dowleh), der General-Gouverneur von Azerbei- 
dschan, der wichtigsten Provinz Persiens, dessen Absetzung die Teheraner 
Regierung vergebens versuchte und der. mit Bluturteilen nicht sparsam, jede 
Unruhe im Keime erstickte, womit er den Haß aller Gegner der Russen 
und der Reaktion — die für die persischen Patrioten bald identische Be- 
griffe wurden — auf sein Haupt sammelte. Seine den Geboten der Zentral- 
regierung gegenüber an den Tag gelegte Mißachtung ging schließlich soweit, 
daß er die Steuern seiner Provinz unter dem Vorgeben, daß der Schatz ihm 
für die lokalen Ausgaben Geld schulde, für eigene Rechnung eintreiben 
ließ und sich sogar weigerte 2 ), die Krönung des neuen Schahs und das Aus- 
schreiben für die Medschliswahlen in Azerbeidschan bekanntzugeben, bis 
ihm von dem russischen Generalkonsul die Mitteilung zuging, daß der russischen 
Regierung die Vornahme der Wahlen erwünscht sei. 

Der neu ernannte russische Generalkonsul Arloff wurde bei seiner An- 
kunft in Tebris im Februar 1914 mit beispiellosen Ehren empfangen. Selbst 
die Läden blieben an dem Tage geschlossen. Seine erste wichtige Handlung 
bestand in einer Bekanntmachung (Anfang Aj)ril 1914), daß vom Beginn des 
neuen persischen Jahres (21. März 1914) ab, die russischen Untertanen und 
Schutzbefohlenen ihre Grundsteuern und Abgaben durch das Konsulat an 
die russische Diskonto- und Leihbank zu zahlen hätten; das gelte auch für 
Güter, die von Persern an Russen verpachtet worden seien 3 ). Aber auch 
sonst schaltete und waltete er in Gemeinschaft mit Samed Chan so unbe- 
kümmert um die Existenz und Intentionen der Teheraner Regierung, daß 
Azerbeidschan tatsächlich als eine russische Provinz gelten konnte und im 
englischen Unterhaus die Anfrage gestellt wurde, ob das Vorgehen der 
russischen Beamten in dieser Gegend nicht gegen das Abkommen von 
1907 verstoße. 

Nicht viel anders sahen die Dinge auch in den übrigen Provinzen des 
Nordens aus. Böses Blut machte namentlich die Ansiedlung russischer Ko- 



! ) So die russenfeindliche Demonstration in Mesched im Juni 1909, 
bei deren Unterdrückung 130 Personen ihr Leben einbüßten. 

•) Ende 1913 und Anfang 1914. 

3 ) Eine Maßregel, die viele Perser veranlaßte, sich unter russische Pro- 
tektion zu stellen, um sich so den Schikanen der persischen Steuereintreiber 
zu entziehen. 



Greenfield, Das persische Problem. 261 

lonisten (aus dem europäischen und asiatischen Eußland) in den fruchtbaren 
Gebieten der Flußtäler von Atrak und Gurgan und in der Gegend von 
Astarabad. Die Einwanderung, unterstützt durch die Taschkenter Behörden, 
begann 1913, und schon Anfang 1914 betrug die Zahl der Kolonisten 
3 — 4000 Seelen. Ein weiterer starker Zustrom von 50000 (wie dem „The 
Near East" gemeldet wurde) oder gar von 100000 (nach den Berichten der 
persischen Zeitung Ba'd) war im Laufe des Jahres 1914 zu erwarten und auf 
Anregung des Grenzbeamten Lauroff beschloß die Taschkenter Regierung, 
den Chef der Turkestaner Kolonisation Sachareff zur Regelung der Einwan- 
derung nach Persien zu entsenden. Die Kolonisten erwarben von den ein- 
heimischen Chans ihre Güter zu sehr niedrigen Preisen x ), die aber infolge 
Einmischung von Spekulanten bald wesentlich in die Höhe getrieben wurden. 
Die persische Zeitung Ra'd, dessen Vertreter gegenüber der russische Gesandte 
erklärt hatte, daß in der Angelegenheit ihm von der persischen Regierung 
noch keine Mitteilung zugegangen sei, wies mit Nachdruck auf die Bedeutung 
der Frage hin. Entweder blieben die Eingewanderten russische Untertanen, 
dann bedeute der ganze Vorgang eine Verletzung des Art. 5 des Turkmen- 
tschaier Vertrags von 1828, nach dem Ausländer nicht berechtigt sind, in 
Persien Liegenschaften zu erwerben, oder aber sie würden die persische 
Staatsangehörigkeit annehmen und in diesem Falle müßte durch rechtzeitige 
vertragliche Regelung der Frage künftigen Schwierigkeiten vorgebeugt werden. 
Durch den Krieg dürfte die Einwanderung eine Unterbrechung.erlitten haben. 
Das Memorandum der persischen Regierung vom 27. Juni 1914 2 ) an 
den russischen Gesandten, dessen Kopie dem englischen Vertreter zugestellt 
wurde, weist — die persischen Beschwerden und Wünsche gegenüber den 
russischen Übergriffen zusammenfassend — auf die folgenden vier Punkte hin: 

1. Die rechtswidrige Einmischung der russischen Konsuln in die Steuer- 
angelegenheiten von Azerbeidschan und anderer Provinzen, die auf die 
ordnungsmäßige Finanzwirtschaft störend einwirke. 

2. Der Kauf und die Pacht von Liegenschaften durch Russen unter 
Nichtachtung der Bestimmung des Art. 5 des Turkmentschaier Vertrags. 

3. Die Umtriebe Samed Chans, der, gestützt auf den russischen General- 
konsul, bei Gelegenheit der Krönungsfeierlichkeiten Mangel an Treue gegen 
den Schah, und durch seine Weigerung in Azerbeidschan, die Medschliswahlen 
vorzunehmen, sowie durch eigenmächtige Erhebung und Zurückhaltung der 
Steuern einen hohen Grad von Ungehorsam bekundet habe. 

4. Die Frage der in Persien befindlichen russischen Truppen, für deren 
Zurückziehung die bevorstehende Krönung des jungen Schahs die beste Ge- 
legenheit böte. 

Im engsten Zusammenhang mit der verfassungsfeindlichen Politik der 
Russen wurden von der öffentlichen Meinung die reaktionären Umtriebe des 
Ex-Schah und seiner zahlreichen Anhänger gebracht, die sich zusammensetzten 
aus allen solchen, die mit den Neuerungen unzufrieden waren, sei es, weil 

') Nach Ansicht der persischen Zeitung Ra'd (N. N. vom 17. März und 
19. Juli 1914) fehlte es dabei auch nicht an einer gewissen Pression seitens der 
Russen, denen die Lokalbehörden und Geistlichen, selbst an den Geschäften 
interessiert, hilfreich an die Hand gingen. Die Geistlichen verfaßten die 
Verkaufsurkunden und es kam ihnen nicht darauf an, gelegentlich auch 
Kirchen- und Krongüter mitzuverkaufen. Das erworbene Land wurde ab- 
gesteckt und mit einer russischen Fahne versehen. 

2 ) Nach der persischen Zeitung Ra'd vom 2. Juli 1914. 



262 Greenfield, Das persische Problem. 

sie darin eine Einbuße ihres Einflusses erblickten, sei es aus Gewinnsucht oder 
sonstigen Rücksichten höchst persönlicher Natur und die sowohl unter der 
Geistlichkeit 1 ) und den Vornehmen als auch im Parlament so gut wie in der 
Regierung zahlreich vertreten waren. 

Nach der Entfernung Muhammed Ali Scbahs hörten die Machenschaften 
seiner Anhänger keineswegs auf. das Land in Atem zu halten. Schon in 
den letzten Monaten des Jahres 1909 brachen regelrechte Kämpfe zwischen 
den Reaktionären und Verfassungsfreunden in Hamadan aus, in Zendschan 
herrschte helle Rebellion, während ein Freund des Ex-Schah, Rahim Chan 
mit seinen Reitern aus Karadagh und unterstützt von den Schahsewannen 
die Stadt Ardebil plünderte und den gegen ihn ausgezogenen Sattar Chan 
zwang, unverrichteter Dinge nach Tebris zurückzukehren. Es war haupt- 
sächlich der Tatkraft Jeprem Chans zu verdanken, daß die gefährliche Bewe- 
gung unterdrückt werden konnte, bevor sie das ganze Land ergriffen hatte. 
An die Spitze einiger Truppen gestellt, gelang es ihm sehr bald, in Zendschan 
durch Gefangennahme mehrerer Hundert Rebellen und Vertreibung ihres 
Anführers Qurban Ali die Ruhe wieder herzustellen und Ardebil von den 
Schahsewannen und den Banden Rahim Chans zu säubern, um schließlich diesen 
selbst in seinem Gebiet von Karadagh derart zu bedrängen, daß er, Ahar 
räumend, keinen anderen Ausweg mehr sah, als sich durch die Flucht auf 
russisches Gebiet zu retten (Februar 1910). Dort fand auch er ein Asyl, 
trotz aller Proteste der persischen Regierung, die seine Auslieferung verlangte. 
In Teheran, Rescht und an verschiedenen Orten Chorassans wurden Anfang 
1910 eine Anzahl Agenten des Ex-Schah aufgegriffen. 

Indes dauerte die Agitation im geheimen fort. Die Schahsewannen- 
stämme waren für Muhammed Ali Schah gewonnen, Städte wie Sebzewar und 
Harmud befanden sich in den Händen seiner Anhänger und in Kurdistan 
hatte sein Bruder Salar ud Dowleh eine ansehnliche Streitmacht zu seiner 
Unterstützung zusammengezogen und drang über Kirmanschah und Hamadan 
gegen die Hauptstadt vor, als er selbst plötzlich im Juli 1911 auf einem Ver- 
gnügungsdampfer in Verkleidung und unter falschem Namen in Kümüschtepe am 
Kaspisee in der Nähe von Astarabad in Begleitung seines Bruders Schua' es 
Selteneh und seines ehemaligen Ministers Sa'd ud Dowleh landete. In Ma- 
zandaran war die Stimmung für ihn günstig. Am 22. Juli zog er in Astarabad 
ein und begab sich von dort nach Sari, während sein Anhänger Serdari 
Arschad nach Damghan vordringend, diese Stadt am 8. August den Regierungs- 
truppen entriß. 

Die russische Regierung stellte in Abrede, von dem Anschlag des Ex-Schah 
unterrichtet gewesen zu sein oder ihm gar Vorschub geleistet zu haben. Sie 
enthielt sich jedenfalls, der Erregung in England Rechnung tragend, jeder 
Einmischung"), und so gelang es nach anfänglicher Bestürzung der Teheraner 
Regierung und dem Medschlis, mit Unterstützung der Nedschefer Geistlichkeit, 
die Muhammed Ali mit dem Bannfluch belegte, und mit Hilfe Ieprems und 
der Bachtiaren, die man gegen den Prätendenten wie seinen Bruder Salar 
ud Dowleh ins Feld schickte, den Eindringling zur Aufgabe seines Planes 
und Rückkehr nach Rußland zu nötigen. 

') Ausgenommen die in Nedschef und Kerbela residierenden angesehen- 
sten persischen Geistlichen, die von Anfang an sich für die Verfassung er- 
klärten und ihre Durchführung durch ihre Autorität erst möglich machten. 

*) Sie begnügte sich damit, für alle Fälle Truppen an der Azerbeid- 
sohaner Grenze zusamenznziehen. 



Greenfield, Das persische Problem. 263 



Salar ud Dowleh — von Ieprem und nachdem dieser im Kampfe fiel 
von Kerri (ebenfalls Armenier) zurückgetrieben — machte noch einige Zeit 
die westlichen Provinzen unsicher, bis ihm schließlich durch die Vermittlung 
der Gesandten Englands und Rußlands ein Jahresgehalt von 10000 Tuman 
ausgesetzt wurde, unter der Bedingung, daß er Persien verlassen sollte. Er 
hält sich seitdem in der Türkei auf. 

Hielten nun einerseits die Machenschaften der Freunde des Ex-Schah 
und die Übergriffe der Russen die Gemüter in dauernder Spannung und 
hinderte andrerseits die permanente Bedrängnis des Staatsschatzes jede 
Reformarbeit auf dem Gebiet des Sicherheitsdienstes und der allgemeinen 
Verwaltung, so vollendeten die Zerwürfnisse in Teheran selbst im Schöße 
der Regierung und des Medschlis den allgemeinen Zustand der Zerfahrenheit. 

Nach der Abdankung Muhammed Ali Schahs wurde von dem Regenten 
Azed el Mulk im November 1909 ein Kabinett gebildet, in dem den Vorsitz 
und das Kriegsministerium der Sipahdar erhielt, während Serdari Assad mit 
den inneren und der ehemalige Gesandte in London Ala es Selteneh mit den 
äußeren Angelegenheiten betraut wurden. Aber schon im Februar 1910, als 
der Medschlis dem Ala es Selteneh sein Mißtrauen aussprach, weil es ihm 
nicht gelungen war, die Zurückziehung der russischen Truppen durchzusetzen, 
demissionierte das ganze Kabinett. Die Demission wurde zwar auf Wunsch 
des Regenten zurückgenommen, aber die Uneinigkeit im Kabinett und Medschlis 
und zwischen ihnen ließ eine ersprießliche Zusammenarbeit nicht aufkommen. 
Dem Sipahdar warf man russophile Neigungen 1 ) vor und Eifersüchteleien 
zwischen ihm und dem Serdari Assad traten immer deutlicher in den Vorder- 
grund. Im Medschlis hatte jeder von ihnen und außerdem der Ex-Schah und 
die Russen ihre Parteigänger. Es bildeten sich zwei Parteien, die der Ge- 
mäßigten (Etedaliun), die zu Sipahdar und zum Teil auch im stillen zur 
Reaktion hielten, und die der Demokraten, zu denen die Freunde einer 
unsreschmälerten Durchführung der Verfassung und alle unentwegten Gegner 
des alten Regimes zählten. Die Ermordung Seid Abdullahs, des angesehenen 
Begründers und Führers der gemäßigten Partei, zeugt für die Maßlosigkeit, 
in die die Parteizwistigkeiten bald ausarteten. Im April 1910 war die 
Kabinettkrisis wieder akut und Sipahdar brachte im Medschlis einen Antrag 
zur Bildung eines gemäßigten Ministeriums ein der wieder neue Reibungen 
zur Folge hatte. 

So war man in einen unheilvollen Wirrwarr geraten, wo Regierung und 
Parlament, in sich und untereinander uneinig, wenig geeignet waren, dem 
Unfug der zahlreichen revolutionären Klubs, die in allen Dingen mitreden 
wollten, und dem überhandnehmenden Räuberwesen in den Provinzen zu 
steuern, als Azad el Mulk, der achtzigjährige Regent, mit dem Tode abging. 
Zur Regentschaft wurde Nasr el Mulk berufen (November 1910), der dank 
seinem uneigennützigen und vornehmen Charakter und seiner hohen Bildung — 
er hatte in Oxford studiert und ist mit den führenden englischen Staats- 
männern befreundet — einer ungeteilten Popularität sich erfreute. Zu der 
hohen Würde erhoben, konnte er sich nicht länger der Erkenntnis von der 
Notwendigkeit einer energischeren Regierungsweise verschließen, so wenig 
diese auch seinem Naturell entsprach. In Teheran war inzwischen unter der 
Leitung Jeprem Chans eine leistungsfähige Polizei entstanden, der es denn 



') Er besitzt große Güter in Gilan in der Nachbarschaft Rußlands und 
seine wirtschaftlichen Interessen neigen sich nach diesem Lande hin. 



264 Greenfield, Das persische Problem. 

auch ohne allzu große Schwierigkeit gelang, die Freiheitskämpfer (Mudschahids) 
in der Hauptstadt zu entwaffnen, einen Putsch der Revolutionäre, an dem 
sich auch Sattar Chan, der auf Veranlassung der Russen aus Tebris entfernt, 
in Teheran aber mit außerordentlichen Ehren empfangen worden war 
(April 1910), beteiligte, niederzuwerfen und schließlich 1911 den Befehl zur 
Auflösung des zweiten Medschlis auszuführen. 

Nasr el Mulk verließ aber bald darauf, angewidert durch die innere 
Zwietracht und äußeren Widerstände Persien, um mehrere Jahre in Europa 
zu verweilen, während im Lande selbst die Minister befreit von der Kontrolle 
des Medschlis und der Presse nach althergebrachter Weise fortwirtschafteten 
und mehr und mehr unter die englisch-russische Bevormundung gerieten. 
Nach der Ausschaltung des Parlaments und der öffentlichen Meinung war 
die Widerstandsfähigkeit der persischen Regierung gegenüber äußeren Ein- 
flüssen stark herabgemindert und reichte jedenfalls nicht mehr hin, die An- 
erkennung des Abkommens von 1907 und die Absetzung des Amerikaners 
Shuster 1 ) erneut abzulehnen, als diese durch das sogenannte englisch-russische 
Ultimatum vom Dezember 1911 mit größtem Nachdruck gefordert wurden. 
Eine persische Zeitung charakterisiert diese Periode mit den Worten: Ruß- 
land in seiner Zone und der englische und russische Gesandte im Zentrum 
bevormunden die persische Regierung. Ohne ihre Zustimmung wird kein 
Minister und kein Gouverneur ernannt, die Konsuln beherrschen in den 
Provinzen die Gouverneure. Die Einberufung des Medschlis scheitert an dem 
Widerstand Rußlands, dessen Truppen Nordpersien besetzt halten. Anleihen 
dürfen nur noch mit der Zustimmung der englischen und russischen Regierung 
aufgenommen werden und diese erörtern persische Eisenbahnfragen, ohne 
unsere Regierung davon in Kenntnis zu setzen. Was ist demnach von der 
Unabhängigkeit Persiens übriggeblieben ? 

Unzufrieden waren die Wortführer der Konstitutionellen, welche zum 
Teil in das Ausland geflüchtet, immer dringender die Wiedereinberufung des 
Medschlis forderten, unzufrieden waren aber auch die Engländer, weil die 
aus den Unruhen und dem Räuberwesen sich ergebende Unsicherheit in 
Südpersien allmählich einen Grad erreichte, der den britischen Handel ernstlich 
gefährdete. In Fars, der größten Provinz des Südens, nahmen die Unbot- 
mäßigkeiten der Stämme kein Ende, die Belutschen führten ihre Raubzüge 
aus bis nach Bam und nach Kirman, und die Luren, sich mit der Brand- 



x ) Nachdem der zweite Medschlis die Ernennung eines fremden Schatz- 
meisters, ohne dessen Genehmigung keine Zahlungen erfolgen sollten, be- 
schlossen hatte, wurde Shuster für diesen Posten berufen. Sein Eifer, jeden 
Einfluß von außen auf sein Ressort auszuschließen, brachte ihn bald in 
Konflikt mit den belgischen Zollbeamten und den Gesandtschaften, namentlich 
mit den Russen und Engländern, die schon mit Rücksicht auf ihre Anleihen 
auf die Kontrolle über den Schatz nicht verzichten konnten. Nach der Ent- 
fernung Shusters wurde der Belgier Mornard mit der Funktion des Schatz- 
meisters betraut. Er organisierte die Finanzen und vereinheitlichte die 
Steuererhebung durch die Ernennung unmittelbar dem Schatzamt unterstellter 
Beamten in den Provinzen. Von der Linken vielfach angegriffen, gab er 
indes im Juli 1914 seine Demission und das Kabinett des Mestofi el Memalek 
kehrte zu der alten Gepflogenheit zurück, indem es die Leitung und Ver- 
antwortlichkeit des Schatzamtes dem Finanzminister übertrug, ihm aber als 
Gerant des Schatzes den Belgier Henyssens beigab. Jetzt nach der Besetzung 
Persiens durch die Russen ist Henyssens mit der verantwortlichen Leitung 
des Schatzamtes betraut worden. 



Greenfield, Das persische Problem. 265 



Schätzung von Burudschird und Umgebung nicht begnügend, streiften sengend 
und plündernd bis an die Grenzen von Irak und Hamadan. Auch in Kurdi- 
stan, Kirmanschah, Gerus, Kaschan, Astarabad, Mazandaran und Schahrud 
und Bestam waren nachhaltige Störungen der öffentlichen Sicherheit an der 
Tagesordnung. 

1913 gewährte die englische Bank der persischen Regierung eine An- 
leihe von 100000 £, um den Bestand der von schwedischen Offizieren organi- 
sierten l ) und geführten Gendarmerie auf 6000 Mann (davon 2000 Berittene) zu 
erhöhen und setzte sie so in den Stand, die Teheraner Polizei zu reorganisieren, 
Abteilungen in den südlichen Ortschaften zu bilden und einen umfassenderen 
Sicherheitsdienst auf den Landstraßen einzurichten. Das energische Vorgehen 
der Gendarmerie gegen die Räuber und Rebellen, wobei zwei der schwedi- 
schen Offiziere — einer auf dem Wege Teheran — Hamadan und der andere 
bei dem Treffen von Kazrun (November 1913) — ihr Leben verloren, war 
zwar recht erfolgreich, vermochte aber nicht die Ordnung nachhaltig wieder 
herzustellen. Im Frühjahr 1914 brachen aufs neue Unruhen in Burudschird 
und Luristan aus, die blutige Kämpfe der Gendarmen mit den Rebellen 
nach sich zogen und die Ernennung des energischen Nizam es Selteneh 
zum Gouverneur dieser Gegend veranlaßten. 

In England wurden Stimmen laut, die eine aktivere Politik in Südpersien 
verlangten, ähnlich derjenigen der Russen im Norden, wo es diesen gelungen 
sei, durch ihre Truppen die Ruhe zu sichern. Die englische Regierung hätte 
selbst die wenigen Sipahis der Konsulatswachen zurückgezogen. Sie sollte 
wenigstens auf die Vermehrung der Gendarmerie und vielleicht auch auf 
ihre Führung durch britische Offiziere bedacht sein. Die Verhandlungen im 
Unterhause (19. Juni 1914) ließen die Möglichkeit der eventuellen Landung 
britischer Truppen offen, wenn auch Churchill den vereinbarten Dienst der 
Stämme und die Tätigkeit der Gendarmerie für die Sicherheit des Naphtha- 
unternehmens für ausreichend erklärte und Sir Edward Grey die Entsendung 
von Sipahis als letzten, aber wohl unnötigen Ausweg bezeichnete. 

Tatsächlich war seit langem wfieder eine zunehmende Tätigkeit der 
Engländer im Süden Persiens wahrnehmbar, die namentlich in der Petroleum- 
und Eisenbahnfrage zum Ausdruck kam. Auf Grund einer 1901 dem australi- 
schen Kapitalisten d'Arcy für die Dauer von 60 Jaliren erteilten Konzession 
zur Ausbeutung der Naphthaländereien Südpersiens erfolgte 1909 die Gründung 
der Anglo-Persian Oil Company. Das Programm der britischen Regierung, 
im Kriegsfall über Ölreserven zur Heizung der Marine an verschiedenen 
Punkten der Welt zu verfügen, bewog sie am 20. Mai 1914, einen Vertrag 
mit dieser Gesellschaft abzuschließen, wonach letztere ihr Aktienkapital auf 
4 Mill. £ erhöhen und davon für 2 Mi 11. £ Stammaktien und 1 Hill. £ Vor- 
zugsaktien der britischen Regierung überlassen sollte. Durch die auf diesem 
Wege erworbene Mehrheit von 2000 Aktien und das dem Schatzamt und der 
Admiralität vorbehaltene Recht, je einen Vertreter mit Vetorecht im Auf- 
sichtsrat zu ernennen, sicherte sich die Regierung die Kontrolle über die 
Beschlüsse der Gesellschaft. Die Naphthaländereien und die Anlagen der 
Company befinden sich aber in der neutralen Zone, und zwar zum Teil in 
einem von den unruhigen Bachtiarenstämmen bewohnten Gebiet. Wenn auch 
die Häuptlinge dieser Stämme durch eine geringe Kapitalbeteiligung und 
jährliche Bezüge von 3000 £ an dem Gedeihen des Betriebs interessiert sind, 



x ) Seit 1911. 



266 Greenfield, Das persische Problem. 

so blieb noch immer Grund genug zu Besorgnissen, namentlich im Hinblick 
auf den unzureichenden Schutz der 150 (englische) Meilen bis zum Golf sich 
hinziehenden Böhrenleitung der Anlagen. Die Wichtigkeit des Naphthaunter- 
nehmens für die britische Politik ließ immer deutlicher erkennen, wie erheb- 
lich doch die englischen Interessen in der neutralen Zone sind, während die 
Schwierigkeiten, welche sich aus der Außerachtlassung dieses Unistandes in 
dem Abkommen von 1907 ergaben, und nicht minder die Angriffe russischer 
Blätter konservativer Bichtung gegen den britischen Petroleum vertrag — 
den sie als dem obigen Abkommen widersprechend bezeichneten, obgleich er 
sich auf einer Konzession aufbaute, die vor 1907 erteilt worden war und 
folglich durch dasselbe nicht berührt wurde ') — den Wunsch nahe legten, 
durch eine Bevision des englisch-russischen Abkommens noch nachträglich 
den Interessen Englands in Südpersien Bechnung zu tragen. 

Auch die Eisenbahnfrage gab ähnlichen Erwägungen Baum. Während 
Bußland den Bahnbau auf der Strecke Dschulfa — Tebris 2 ) schon Ende 1913 
— bald nach Erlangung der Konzession (6. Februar 1913) — in Angriff nehmen 
und diese au das kaukasische Bahnnetz sich anschließende, für die Erschließung 
Nordpersiens wichtige Linie in der ihm zugeteilten Zone und unter dem 
Schutz seiner in Azerbeidschan stationierten Truppen ungestört ausführen 
konnte*), lagen die Dinge für England wesentlich anders. Für den britischen 
Handel sind Bahnlinien von Bedeutung, die vom persischen Golf nach Norden 
führen, also in der neutralen Zone zu liegen kommen und außerdem unsichere 
Gebiete nomadisierender Stämme durchlaufen müssen. Die Studien für eine 
Linie, die Muhammerah mit Churemabad oder Burudschird verbinden sollte, 
zeitigten schon recht üble Erfahrungen. Am 6. Februar 1913 4 ) war dem 
„Persian Bailways Syndicate Limited" das Vorrecht für diese Strecke erteilt 
worden, aber die vorbereitenden Studien, auf Grund derer die Bedingungen 
der Konzession festgestellt werden sollten, stießen auf erhebliche Schwierig- 
keiten. Die mit der Tracierung der Linie betraute englisch-persische Kom- 
mission konnte bis Ende 1913 erst die Strecke Churmabad — Dizful ungefähr 
festsetzen. Sie hatte sehr unter der Unsicherheit der Straßen und der Feind- 
schaft einiger Lurenstämme zu leiden gehabt. Um die Fortsetzung der Arbeit 
zu ermöglichen, beabsichtigte die persische Begierung im Frühjahr 1914 eine 
genügende Anzahl von Gendarmen nach Burudschird zu schicken. 

Infolge der in Südpersien herrschenden Unsicherheit war auch die Frage 
der Kupferminen in Kirman, deren Konzession ein Engländer nachsuchte, 
in der Schwebe geblieben r> ). 



') Wie das Sir Edward Grey in der Unterhaussitzung vom 19. Juni 1914 
den Befürchtungen gegenüber, daß der Vertrag der britischen Begierung 
mit der Anglo- Persian Oil Company möglicherweise Anlaß zu politischen 
Komplikationen geben könnte, betonen zu müssen glaubte. 

2 ) Mit einer Abzweigung von Sofian nach Gav — Tscheschmeh oder 
Scharaf — Chaneh (am Urumiasee). Bussischerseits wurde auch eine Konzession 
für den Dampferverkehr auf dem Urumiasee angestrebt; die Verhandlungen 
hatten aber bis Anfang 1914 noch zu keinem Ergebnis geführt. 

3 ) Die Eisenbahnlinie Dschulfa — Tebris ist im Frühjahr 1916 feierlich 
eröffnet worden. 

4 ) Also zu gleicher Zeit mit der russischen Dschulfa-Tebris-Konzession. 

5 ) Anfang August 1914 beabsichtigte die persische Begierung, den Vertrag 
endlich abzuschließen. 



Greenfield. Das persische Problem. 267 

Auch das 1913 auftauchende Projekt einer transpersischen Bahn machte 
die Konsolidierung und Klärung der Zustände zur Notwendigkeit. Im Frühling 
dieses Jahres bemühte sich ein Syndikat aus Angehörigen der Ententestaaten 
um eine große persische Bahnkonzession im Anschluß an eine Anleihe, die 
der persischen Begierung bewilligt werden sollte. Indes konnte die Verein- 
barung, wonach Vertreter des Syndikats behufs Einleitung der Verhandlungen 
nach Teheran kommen sollten, bis Anfang 1914 noch nicht ausgeführt werden, 
weil ein definitives Einvernehmen in der Frage zwischen England und Kuß- 
land noch nicht erzielt worden war. 

Angesichts des Drängens Englands und der persischen Verfassungspartei 
und mit Bücksicht auf die bevorstehende Volljährigkeit und Krönung des 
jungen Schahs, die einerseits die Kegentschaft beendeten und andrerseits die 
Einberufung des Medschlis zur Abnahme des Krönungseides notwendig machten, 
entschloß sich endlich Nasr el Mulk nach Persien zurückzukehren, nicht ohne 
vorher in London und Petersburg die Beschwerden und Wünsche seines 
Landes vorgetragen zu haben. Bei der englischen Regierung begegnete er 
auf williges Entgegenkommen und es wurde ihm nahegelegt, auf der Rück- 
reise auch Petersburg zu besuchen. Die Verhandlungen des Begenten mit 
den Staatsmännern dieser Begierungen drehten sich hauptsächlich um die 
Grenzen der anglo-russischen Einmischung in die inneren Angelegenheiten 
Persiens, um die Fragen einer größeren Anleihe, verschiedener Konzessionen 
und namentlich der Wiedereröffnung des Medschlis. Sasanow versprach, der 
Einberufung des Medschlis russischerseits keine Schwierigkeiten entgegen- 
zustellen. 

Nachdem in einer Versammlung hoher geistlicher und weltlicher Würden- 
träger vom 11. November 1913, die Nasr el Mulk bald nach seiner Bückkehr 
.zusammenberief, die Eröffnung des Parlaments beschlossen worden war, 
wurden gegen Ende 1913 die Wahlen ausgeschrieben und der junge Sultan 
Ahmed Schah konnte vor der Krönungszeremonie am 21. Juli 1914 den 
Verfassungseid vor dem dritten Medschlis 1 ) leisten. 

IV. 

So lagen die Dinge, als der Weltkrieg ausbrach und Persien vor neue 
Probleme stellte. Der junge Schah war gekrönt, der Medschlis eröffnet, die 
Presse von ihren Fesseln hefreit und mit Mestofi el Memalek — den der 
Schah nach der Demission Eala es Seltenehs 2 ) am 3. August mit der Kabinett- 
bildung betraute — war ein Freund der demokratischen Bichtung an die 
Spitze der Begierung gestellt. Sollte es ihrer Zusammenarbeit nicht gelingen, 
»us der durch den Krieg geschaffenen Lage Vorteile auch für Persien zu 
erzielen und vor allem seine gefährdete Unabhängigkeit wieder herzustellen? 
Jetzt oder nie, ermahnte die Zeitung Ka'd, eine solche Gelegenheit kehre 
nur in Jahrhunderten wieder. 



l ) Freilich waren noch lange nicht alle Volksvertreter beisammen und 
die nötige Zahl mußte durch Hinzuziehung von Mitgliedern des alten Me- 
dschlis ergänzt werden und noch im August war die für die Eröffnung des 
Medschlis vorgeschriebene Anzahl noch nicht zugegen. 

*) Eala es Selteneh, ehemaliger Gesandter in London, war vor der 
Krönung Premier und blieb auch nachher bis zum 3. August auf diesem 
Posten. Der gewesene Begent Nasr el Mulk verließ bald nach Kriegsausbruch 
Persien, um sich nach London zu begeben. 



268 Greenfield, Das persische Problem. 

Bei dem vollkommenen Mangel an militärischer Bereitschaft stand 
Persien zur Geltendmachung seiner Forderungen zunächst freilich nur der 
diplomatische Weg offen, dem aber in einem Augenblick, da England und 
Kußland, durch den Krieg vollauf in Anspruch genommen, kaum geneigt 
sein konnten, ihre Lage in Persien zu erschweren, ein wesentlich anderer 
Wert beizumessen war als in Friedenszeiten. Tatsächlich hatte denn auch 
die persische Diplomatie anfangs einige Erfolge zu verzeichnen, so die Er- 
wirkung der russischen Zustimmung zur Übersiedelung des Kronprinzen l ) 
nach Tebris, um dort dem Herkommen nach als General-Gouverneur von 
Azerbeidschan zu residieren 2 ), woraus sich die Absetzung des verhaßten 
Samed Chan von der Statthalterschaft dieser Provinz von selbst ergab, so 
auch die auf Wunsch der persischen Regierung erfolgte Entfernung eines 
englischen Kriegsfahrzeugs aus dem Flusse Karun, in den es am Kriegsbeginn 
eingedrungen war. 

Hatte aber für Persien anfänglich kein Anlaß und auch nicht die 
Möglichkeit vorgelegen, dem Krieg und den kriegführenden Teilen gegenüber 
seine Stellung zu präzisieren, so änderte sich das durch den Eintritt der 
Türkei in den Krieg, infolgedessen an der Westgrenze des Reiches ein 
neuer Kriegsschauplatz entstand und durch die Verkündung des Heiligen 
Kriegs die ganze Islamwelt in Bewegung geriet. Von einem Anschluß an die 
Entente, von dieser selbst kaum ernstlich erwogen, konnte bei den religiösen 
Empfindungen der Perser nicht die Rede sein. Selbst in früheren Zeiten, 
als der Schah noch unumschränkt herrschte und an Stelle des erstarkten 
Solidaritätsgefühls der Muhammedaner von heute der schiitisch-sunnitische 
Sektenhader die Zwietracht förderte, hat die persische Regierung es niemals 
gewagt, in Verbindung mit Rußland gegen die Türkei vorzugehen. Ein 
Versuch in dieser Richtung im Herbst 1853 erregte in einem Grade den 
Unwillen seines Volkes, daß der Schah seine Absicht, die Russen gegen die 
Türken zu unterstützen, unausgeführt lassen mußte. 

Andrerseits war aber auch das englisch-russische Prestige stark genug, 
um in den Augen der persischen Staatsmänner die Anlehnung an die Türkei 
und ihre Verbündeten als ein recht gefährliches Unternehmen erscheinen zu 
lassen. So blieb der Regierung nur der dritte Weg, die Erklärung ihrer 
Neutralität übrig, die sie denn auch im Oktober offiziell abgab. Im Medschlis 
begegnete dieser Schritt keinem Widerspruch und den Zeitungen und Pro- 
vinzen wurde die strikte Beobachtung der Pflichten der Neutralität nach- 
drücklich eingeschärft. 

Dadurch war aber ein Zustand geschaffen, der keine Dauer versprach. 
Die Volksstimmung war nach den Ereignissen der letzten Jahre den Russen 
nicht günstig, und sie wurde ausgesprochen türkenfreundlich, nachdem die 
in Nedschef und Kerbela residierenden angesehensten persischen Geistlichen 
sich durch ihre Fetwas mit den Türken für solidarisch erklärt und die Teil- 
nahme der Schiiten an dem Dschihad gegen die Feinde des Islams als eine 
religiöse Pflicht proklamiert hatten. Auch in dem Medschlis neigten sich die 
Sympathien immer mehr nach der Seite der Türkei, je mehr durch den 
Verlauf der Wahlen und die Rückkehr eines Teils ihrer verbannten Führer 



*) Kronprinz ist der jüngere Bruder des Schahs. Seine Übersiedelung 
nach Tebris war seit langem schon ein Wunsch der persischen Regierung. 

2 ) Als wirklicher Gouverneur fungiert eigentlich der ihm beigegebene 
Vertreter (pischkar). 



Greenfield, Das persische Problem. 269 

die Demokraten dort überwiegende Bedeutung erlangten. Für diese Partei, 
die einzige in Persien, die sich durch idealistische Gesichtspunkte leiten läßt, 
galt die Bekämpfung der russischen Gefahr als das vornehmste Mittel und 
die Anlehnung an die Türkei und die Zentralmächte als der allein richtige 
Weg zur Rettung der persischen Verfassung und Selbständigkeit. Der Kampf 
gegen die Russen schien nicht mehr so aussichtslos, nachdem ihre Nieder- 
lagen an der deutschen Front und anfänglich auch im Kaukasus den Begriff 
von der russischen Unwiderstehlichkeit bedenklich erschüttert hatten, und 
die Anlehnung an die Türkei erschien jetzt um so wertvoller, als hinter ihr 
die siegreich vorwärts dringenden Armeen Deutschlands standen. Sollte da 
Persien tatenlos zuschauen, während es als Mittel- und Bindeglied zwischen 
den islamischen Ländern — der Türkei, Afghanistan und Indien — für die 
Ausbreitung und das Übergreifen des Religionskrieges von ausschlaggebender 
Bedeutung werden konnte? 

Die Vorstellungen der persischen Regierung, die Russen möchten durch 
die Zurückziehung ihrer Truppen aus Persien ihr die Wahrung der Neutra- 
lität ermöglichen und den Türken jeden Vorwand zur Verletzung persischen 
Gebiets ihrerseits entziehen, hatten nur geringen Erfolg. Vielmehr griffen 
die Russen zu Gewaltmaßregeln — wie die Verhaftung der gegnerischen 
Konsuln ') und Angehörigen in Tebris und ihre Überführung nach Tiflis 
(November 1914), die Verfolgung und teilweise Hinrichtung der Türken- 
freunde in Urumia, die den russischen Konsul vertrieben hatten (November 
1914) — um die für sie gefährliche panislamische Bewegung in Persien im 
Keime zu ersticken: Maßregeln, die die Gegensätze verschärften, aber 
nicht verhindern konnten, daß sich viele der als Sunniten dem Sultan stets 
ergebenen persischen Mukrikurden den über Urumia und Soutschbulagh gegen 
Tebris vorstoßenden türkischen Truppen anschlössen (Dezember 1914). 

Tebris blieb freilich nur kurze Zeit in türkischem Besitz, und heran- 
gezogenen russischen Verstärkungen gelang es im Mai 1915, die Türken auch 
aus dem Salmas- und Urumiagebiet zu verdrängen und damit die russische 
Autorität in Nordpersien wieder herzustellen. Der einflußreiche Chan von 
Maku war den Russen treu geblieben, hervorragende Häuptlinge der Kurden- 
stämme Simko, Abdurrizak und Karanej-Agha (Mamasch) beeilten sich, ihnen 
ihre Ergebenheit zu bekunden' 2 ) und durch die Besetzung des Wangebiets 
im Mai 1915 hatten die russischen Truppen von Persien aus die Offensive 
auf türkisches Gebiet getragen. 

Indessen entwickelten sich die Verhältnisse in dem übrigen Persien 
weniger nach dem Wunsche der Alliierten. Nachdem die Neutralität Persiens, 
die die eigene Regierung zu schützen nicht in der Lage war, längst aufge- 
hört hatte, von den Kriegführenden respektiert zu werden, waren Anfang 
1915 türkische Abteilungen in das Gebiet von Kirmanschah eingedrungen, 
ein Umstand, der auf die Kreise der persischen Türkenfreunde anfeuernde 
Wirkung ausübte. Im Medschlis kam die türkenfreundliche Stimmung laut 



') Der deutsche Konsul konnte sich durch die Flucht in das amerikanische 
Konsulat retten. 

2 ) Im März 1916 kamen, der Einladung des russischen Grenzkommissars 
folgend, die Häuptlinge des einflußreichen nordpersischen Stammes der Schah- 
aewannen in dem Grenzort Beleaswar zusammen und gaben bei dieser Gelegen- 
heit in einer Depesche an den Vizekönig von Kaukasus ihrer Ergebenheit 
und ihrer Bereitschaft, Rußland zu dienen, Ausdruck. 



270 Greenfield, Das persische Problem. 

zum Ausbruch. Dem ententefreundlichen Minister Fermanferma wurde vor- 
geworfen, daß er eigenmächtig die schiitisch-persischen Stämme der Gegend 
zum Kampfe gegen die osmanischen Streitkräfte aufgeboten habe. Das 
Kabinett Ein ud Dowleh demissionierte. Ihm folgte ein neues Ministerium, 
und dieses mußte wieder einem dritten weichen .und sie alle konnten sich 
der von den Demokraten geleiteten allgemeinen Stimmung, die zum Bruche 
mit der Entente drängte, nicht entziehen. 

Die Verhältnisse spitzten sich immer mehr zu. Türkische Blätter meldeten 
mit Genugtuung von russenfeindlichen Neigungen einflußreicher persischer 
Stämme, von der Bildung persischer Freischärlerkorps, von Propagandazügen 
persisch -türkischer Emissäre nach Afghanistan und von Kundgebungen des 
Emirs dieses Landes im Sinne eines türkisch-persisch-afghanischen Islamdrei- 
bundes mit der Spitze gegen Rußland und Britisch-Indien '). Und die Entente- 
gesandten beschuldigten die persische Regierung der Duldung der gegneri- 
schen Propaganda in Persien und hielten ihr vor, nichts getan zu haben, 
um die Ermordung des russischen Konsuls Kawer, den Angriff auf den russi- 
schen und britischen Konsul in Kongiur. die Verletzung des englischen Kon- 
suls in Isphahan, die wiederholten Anschläge gegen den englischen Konsul 
in Schiras, die Ermordung britischer Offiziere in Ruschehr, die Entfernung 
des englischen und russischen Konsuls aus Kirmanschah zu verhindern oder 
nachträglich zu sühnen. Sie habe vielmehr die Bildung von freischärlerischen 
Banden, die in Persien und Afghanistan die muhammedanische Bevölkerung 
gegen die Alliierten aufreizten, zugelassen und tatenlos zugesehen, wie selbst 
unter Aufsicht ihrer Gendarmen Waffen und Munition in die deutsche Ge- 
sandtschaft übergeführt wurden. 

Als zu alledem noch Gerüchte von der Existenz eines geheimen deutsch- 
persischen Bündnisvertrags aufkamen, verlangte die russische Presse mit 
Nachdruck ein energisches Vorgehen der Entente in Persien, um nicht auch 
dort wie auf dem Balkan schließlich unangenehme Überraschungen zu erleben. 

Die Ernennung des Großfürsten Nikolai Nikolajewitsch zum Vizekönig 
von Kaukasien ließ schon auf die Absicht der Entfaltung einer größeren 
russischen Aktivität an der asiatischen Front schließen. Es dauerte denn 
auch nicht lange, als die in Enzeli gelandeten Abteilungen den Befehl er- 
hielten, nach Kazwin, aus welcher Stadt die russischen Truppen kurz vor 
Kriegsausbruch zurückgezogen worden waren, vorzurücken. 

Unter dem Druck, den die in Kazwin eingetroffenen russischen Truppen 
auf die nahe Hauptstadt ausübten, beeilte sich die Regierung des Schah zu 
erklären (Oktober 1915), daß sie künftig ihre Neutralität streng wahren werde. 
Um ihr die Mittel dazu in die Hand zu geben, wurde ihr von den Gesandten 



') Nach einer Meldung des russischen Blattes „Ruskia Wedemosti" 
aus Teheran vom November 1916 (Horizon vom 8. November 1916) soll an- 
geblich der Emir von Afghanistan ein Doppelspiel getrieben haben. Er hätte 
die im Herbst 1915 zu ihm gekommenen Delegierten Deutschlands scheinbar 
herzlich empfangen und mit ihnen verhandelt, im geheimen aber ihre Ab- 
sichten der indischen Regierung mitgeteilt. Erst mehrere Monate später 
hätten die Deutschen den Verrat durchschaut und durch die Flucht sich zu 
retten gesucht. — Aber wenn auch diese Meldung auf Tatsachen beruhen sollte, 
so steht es nichtsdestoweniger fest, daß in Afghanistan ebenso wie in Persien 
das Volk mit seinen Sympathien auf der Seite der Türken stand, und daß 
auch afghanische Freiwillige an den Kämpfen gegen die Russen und Eng- 
länder sich beteiligten. 



Greenfield, Das persische Problem. 271 

Englands und Rußlands das Moratorium für den Anleihedienst und außerdem 
eine Avance von 2 Mill. Tuman — in monatlichen Eaten (180000 Tuman) 
auszahlbar und unter englisch-russischer Kontrolle verwendbar — bewilligt. 
Denn die Staatskasse war wieder leer. Selbst der Sold für die Gendarmerie 
war seit vielen Monaten im Rückstand und die schwedischen Offiziere hatten 
schon lange vorher mit ihrem Rücktritt gedroht, falls der rückständige Betrag 
von 23000 £ bis Anfang August nicht ausgezahlt sein würde. 

Das so erzielte Einvernehmen dauerte indes nicht lange. Die Gerüchte 
von einem deutsch-persischen Bündnis wollten nicht verstummen und die 
russischen Berichte meldeten ferner von dem Aufenthalt von 300 türkischen 
und einer Anzahl zum Teil aus kaukasischen Gefangenenlagern geflüchteter 
österreichischer Soldaten in Teheran, für die ebenso wie für die persischen 
Mudschahids die Gesandten der Zentralmächte Wohnungen gemietet und 
Waffen- und Munitionsdepots angelegt hätten. Es hieß dann noch, daß ein 
Abgesandter Enver Paschas, in Begleitung von 45 in türkischen Militärschulen 
ausgebildeten Persern in Teheran eingetroffen sei und dem persischen Kriegs- 
minister Sipahdar unter anderem auch die symbolischen Geschenke eines Korans 
und einer Pistole überreicht habe, und daß schließlich Vorbereitungen im 
Gange seien, um bei der religiösen Erregung in der bevorstehenden Aschura- 
zeit einen Handstreich gegen die Gesandten und Angehörigen der Entente- 
mächte zu inszenieren. 

Ob nun diese Gerüchte den Tatsachen entsprachen oder nicht, sie ge- 
nügten jedenfalls der russischen Heeresleitung, den Abmarsch ihrer Truppen 
von Kazwin nach der Hauptstadt anzuordnen. Die Ankunft der Russen in 
Iengi Imam (etwa 40 km vor Teheran) am 7. November rief in Teheran tiefe 
Bestürzung hervor und veranlaßte die persische Regierung zu der Erklärung, 
daß sie keinerlei Verträge mit den Gegnern der Entente eingegangen sei x ), 
vielmehr bereit wäre, die Pflichten der Neutralität strengstens wahrzunehmen 
und in diesem Sinne die ententefeindliche Agitation zu unterdrücken, die 
Mudschahids zu entwaffnen, die Presse zu zügeln, Strafexpeditionen nach 
Hamadan, Kurdistan, Kirmanschah, Isphahan usw, zu entsenden und die 
vertriebenen Konsuln Englands und Rußlands nach Isphahan und Kirman- 
schah zurückzuführen. Der englische und russische Gesandte versicherten 
ihrerseits, daß der Vormarsch der Truppen nur zum Schutze ihrer Staats- 
angehörigen und keineswegs in feindseliger Absicht erfolgt sei und daß sie 
außerhalb der Hauptstadt, in Karadschi, verbleiben würden, um wieder zurück- 
gezogen zu werden, sobald die Gefahr abgewendet sei und die persische Re- 
gierung ihre Neutralitätspflichten erfüllt habe. 

Eine Avance von 100000 £ wurde dem persischen Schatzamt bewilligt 
und Bachtiarenreiter kamen nach Teheran, um im Sicherheitsdienst die 
Gendarmen zu ersetzen, von denen mehr als die Hälfte 2 ) sich mit ihren 
schwedischen Offizieren den Demokraten und ihren Freunden angeschlossen 
hatten und in den folgenden Kämpfen sich als ihre besten Stützen erwiesen. 

Die Ankunft der russischen Truppen vor Teheran hatte aber noch eine 
andere Wirkung. Sie veranlaßte die demokratischen Abgeordneten mit ihren 
Leitern Suleiman Mirza und Suleiman Chan zugleich aber auch den tür- 



*) Eine ähnliche Mitteilung machte am 28. Oktober der persische Ge- 
sandte in Paris dem französischen Ministerpräsidenten. 

2 ) Etwa 3500 Mann, die hauptsächlich zu den in den südpersischen 
Städten garnisonierenden Abteilungen gehörten. 



272 Greenfield, Das persische Problem. 

kischen Botschafter und die Gesandten der Zentralni ächte Mitte November 
ans der Hauptstadt sich zu entfernen '), nachdem sie, wie die russischen 
Meldungen behaupten, vergebens versucht hätten, den Schah mit sich zu 
führen, um seine Eesidenz von Teheran nach Isphahan zu verlegen. Ea 
heißt, Hof und Kabinett hätten lange geschwankt, ob sie dem Drängen der 
Demokraten nachgeben oder in Teheran bleiben "und mit den Alliierten sich 
verständigen sollten. Die Plötzlichkeit des russischen Vorgehens und die 
Drohung, im Falle einer Flucht des Hofes den Ex-Schah auf den Thron 
zurückzuführen und bis zu seiner Ankunft ihn durch dessen seit kurzem aus 
Europa zurückgekehrten Bruder Schua' es Selteneh vertreten zu lassen, ließ 
jedenfalls das letztere ratsamer erscheinen. 

Nachdem so die Ententediplomatie in der Hauptstadt vollkommen freien 
Spielraum gewonnen hatte, begann sie neue Verhandlungen mit der persi- 
schen Regierung (20. November), welche ihr Entgegenkommen durch die 
Veranstaltung von Haussuchungen und Entwaffnungen in Teheran und durch 
Bekanntmachungen in den Provinzen (Ende November), daß das gute Ein- 
vernehmen mit England und Rußland wieder hergestellt sei, zu beweisen 
suchte. Die einzige Schwierigkeit lag noch in der Person Mestofi el Memaleks, 
der seit einigen Monaten wieder an der Spitze der Regierung stand. Seine 
Begünstigung der Ziele der Demokraten war bekannt und aus dieser Ge- 
sinnung heraus erklärte er am 8. Dezember den Gesandten Englands und 
Rußlands, daß er die Fortsetzung der Verhandlungen mit ihnen mit dem 
Willen des Volkes nicht vereinbaren könne und gab seine Demission. Zu 
seinem Nachfolger wurde Ende Dezember der ententefreundliche Fermanferma 
ernannt und dieser wurde wieder Anfang März 1916 durch den ausge- 
sprochenen Russenfreuud Sipahdar ersetzt 2 ). Die Zentralregierung war damit 
widerstandslos unter den Einfluß der Alliierten geraten. 

Inzwischen hatten die aus Teheran geflüchteten Demokraten in der 
heiligen Stadt Kum das „Komitee der nationalen Verteidigung" 3 ) gegründet 
und auf eigene Faust England und Rußland den Krieg erklärt. Sie zer- 
ztörten die telegraphische Verbindung der Hauptstadt mit Südpersien und 
Indien *) und entfalteten eine rege Agitation für ihre Sache im Süden und 
Westen des Reiches. Der Erfolg war zunächst groß. Die einflußreichen 
Geistlichen von Kum und Isphahan erklärten sich für das Komitee, die 
Gouverneure (mit wenigen Ausnahmen) schlössen sich ihm an, in den Städten 
Hamadan, Kirmanschah, Burudschird, Suitanabad, Kaschan, Isphahan. Jezd, 
Schiras u. a. m. bildeten sich Freischärlerkorps und ein Teil der Stämme 
sowie die Gendarmerieabteilungen stellten sich zu seiner Verfügung. Tele- 
graphische Sympathiekundgebungen aus allen Teilen des Reiches und selbst 



') Am 21. November kehrten der türkische Botschafter und der öster- 
reichisch-ungarische Gesandte nach Teheran zurück. Auch einige Medschlis- 
abgeordnete folgten der Aufforderung der Regierung, nach der Hauptstadt 
zurückzukommen. Der türkische Botschafter wurde bei einem Jagdausflug 
am 9. Februar 1916 bei Karadschi festgenommen und über Rußland nach 
der Türkei geschafft. 

*) In sein Kabinett traten, vielleicht, mit einer Ausnahme, lauter Russen- 
freunde als Minister ein. Es heißt, die Engländer hätten den Verbleib des 
Kabinetts Fermanferma lieber gesehen. 

3 ) Welches später auch „Komitee zur Verteidigung des Islams" genannt 
würde. 

4 ) Die aber von der Regierung bald wieder hergestellt wurde. 



Greenfield, Das persische Problem. 273 

aus Teheran häuften sich in Kum und der Geldbedarf konnte durch Beschlag- 
nahme der Begierungsgelder und der Kassen der Filialen der englischen 
Bank, ferner durch Zuwendungen, freiwillige Sammlungen und Zwangs- 
anleihen usw. — freilich in unzureichendem Masse — gedeckt werden. In 
Isphahan und Jezd wurden die Angehörigen der Ententestaaten verhaftet, 
aus Kirman flüchteten sie sich mit ihren Konsuln nach Bender Abbas und 
in Schiras entführten die Gendarmen den britischen Konsul, 5 Engländer und 
10 Sipahis in die Berge von Tangistan (Mitte November) und vertrieben, 
unterstützt von der örtlichen Bevölkerung, den Mudschahids von Kazerun 
und dem Stamme Kaschkuli nach zehntägigem Kampf den anglophilen Vize- 
Gouverneur Gawam ul Mulk mit seinen Leuten aus der Stadt (Ende De- 
zember). Freilich blieb die Haltung der beiden mächtigsten Stämme Süd- 
persiens — der Kaschkajis und der Bachtiaren unbestimmt und abwartend. 
Sowlet ud Dowleh, der Häuptling der ersteren, hatte seinem Verwandten 
Gawam ul Mulk in Schiras keinen Beistand geleistet, während die Bach- 
tiarenchefs bisher im allgemeinen als englandfreundlich galten. 

Indes ließ das schnelle Vorgehen General Baratows, der die russische 
Expeditionsarmee befehligte, dem Kumer Komitee nicht viel Zeit, seine 
Kräfte hinreichend zu organisieren und mit den Türken, die zudem durch 
die Belagerung Bagdads stark in Anspruch genommen waren, nahe Fühlung 
zu nehmen. 

Das nächste Ziel der russischen Operationen war Hamadan, wo seit 
dem Sommer 1915 die gegnerischen Agenten eine Anzahl Reiter angeworben, 
das Lokalblatt sowie einige Geistliche und Notabein für ihre Sache gewonnen 
und schließlich nach einem Zusammenstoß mit den persischen Kosaken (22. No- 
vember) sich der Stadt bemächtigt und die Angehörigen der Alliierten ge- 
nötigt hatten, nach Kazwin zu flüchten. Um den Vormarsch der aus Kazwin 
heranrückenden russischen Streitkräfte aufzuhalten, schickte ihnen das Kumer 
Komitee einige Tausend Gendarmen und Mudschahids entgegen. Diese er- 
litten aber am 13. Dezember eine Niederlage bei Aweh (zwischen Kazwin und 
Hamadan) und nach der Bezwingung des Sultanbulagh - Passes stand den 
Russen der Weg nach Hamadan offen. Am 14. Dezember zogen sie in diese 
Stadt ein 1 ). 

Von Hamadan aus gingen die russischen Truppen in zwei Richtungen 
vor. Der linke Flügel nahm die Richtung nach Südosten und besetzte am 
22. Dezember Kum, nachdem er zwpi Tage vorher die ihm entgegengeschickten 
Gendarmen bei Savah geschlagen hatte. Durch den Verlust von Kum, der 
das Komitee zwang, nach Rahdschird und, von den Russen verfolgt, weiter 
nach Suitanabad und, nachdem auch diese Stadt am 19. Januar 1916 ge- 
nommen war. über Burudschird und Nehavend nach Kirmanschah zu fliehen, 
infolge ernster Zerwürfnisse im Komiteelager, hauptsächlich aber durch die 
von den Russen am 23. Dezember dem Komiteeanhänger Emiri Hischmet 
zwischen Robat Kerim und Karadschi (20 km vor Teheran) beigebrachte 
Niederlage, durch die die Hauptstadt sich gänzlich von dem Einfluß der 
Komiteepartei befreite, verschlechterte sich die Lage der Ententegegner in 
Persien ganz erheblich. 



*) Schon vorher hatte sich in Hamadan infolge der Ankunft von etwa 
500 persischer Kosaken und der Nachricht von der Belagerung Bagdads 
durch die Engländer und von dem Anrücken russischer Truppen ein Stim- 
mungswechsel zugunsten der Alliierten vollzogen. 

Zeitschrift für Politik. 10. lg 



274 Greenfield, Das persische Problem. 

Inzwischen hatten sich das Zentrum und der rechte Flügel der russischen 
Streitkräfte von Hamadan aus nach Kirmanschah zu in Bewegung gesetzt. 
Bei der Bedeutung dieser Stadt als Verbindungstor zwischen der Türkei und 
Mittel- und Südpersien war ihr Besitz für beide Teile gleich wichtig — für 
die Russen, um diese Verbindung abzuschneiden und für ihre Gegner, um 
sie aufrechtzuerhalten. Waren schon sejt dem Frühjahr 1915 türkische Ab- 
teilungen in die Gegend von Kirmanschah eingedrungen und hatte das Kumer 
Komitee bei Beginn seiner Tätigkeit seine Hilfskräfte — Gendarmen, Mudscha- 
hids, Leute aus den Stämmen der Sendschab i, Kelhuri usw. — dort mobilisiert, 
so strömten jetzt auch alle aus ihren früheren Stellungen (Hamadan, Kum, 
Kaschan, Isphahan, Suitanabad, Burudschird usw.) verdrängten Komiteefreunde 
in Kirmanschah zusammen, um diesen wichtigen Platz gegen die Russen zu 
verteidigen. Das dorthin geflüchtete Komitee bildete eine Nebenregierung, 
an deren Spitze als Premierminister und Oberbefehlshaber der General- 
Gouverneur von Burudschird und Luristan, Nizam es Selteneh, stand, während 
sein Sohn und Suleiman Mirza als Minister des Auswärtigen bzw. des Innern 
fungierten. 

Aber die Tätigkeit der Streitkräfte des Komitees wurde vor allem 
durch Mangel an Ausrüstung und Munition behindert, während andrerseits 
die Russen keine Zeit zur Ausnützung ihrer bisherigen Erfolge versäumten. 
Nachdem sie den Assadabad-Paß und die Stadt Nobaran, und nach einer 
Schlacht vom Ende Januar 1916 auch den wichtigen Stützpunkt Kengavar 
genommen und durch die Besetzung von Nehawend, Burudschird (12. Februar) 
und der Ebene von Kazaz Kamareh die Verbindungen Kirmanschahs mit 
Südpersien stark gefährdet hatten, gelang es ihnen, den Feind nach einem 
zweitägigen Kampf gegen etwa 3000 Türken und angeblich 10000 Leute 
Nizam es Seltenehs am 22. Februar aus dem befestigten Paß von Bid-Sorch 
und dann auch aus Sahneh und Bistun zu vertreiben und am 24. Februar 1916 
die Stadt Kirmanschah selbst zu besetzen. Von Kirmanschah aus drangen 
die Russen weiter vor und nahmen Mitte März das Dorf Kerind und Anfang 
Mai die Grenzstadt Kasri Schirin. 

Mit der Besetzung von Kirmanschah durch die Russen war auch das 
Schicksal Südpersiens besiegelt. Von der Türkei abgeschnitten, verlor es 
seinen wichtigsten Rückhalt. Von Kum aus vordringend, hatten die Russen 
Ende Dezember Kaschan eingenommen. Ihr nächstes Ziel war Isphahan, 
wohin sich ein Teil der Komiteeleitung begeben hatte. Bei der Nachricht 
von dem russischen Anmarsch beeilte sich jedoch die Geistlichkeit von Isphahan, 
dem neuen Kabinett in Teheran ihre Unterwerfung anzuzeigen mit der Bitte, 
zu verhindern, daß die russischen Truppen ihre Stadt besetzten. Da zugleich 
die Komiteeführer und ihre Anhänger und Freunde Isphahan verließen und 
der von Teheran ernannte General-Gouverneur unbehindert dort einziehen 
konnte, wurde der Bitte, die vielleicht auch englischen Wünschen entgegen- 
kam, zunächst entsprochen. Der Umstand aber, daß der Bachtiare Serdari 
Sowlet 1 ) im März mit seinen Gendarmen und Mudschahids plötzlich in die 
Stadt eindrang und sich ihrer bemächtigte, bot den Russen die erwünschte 



') Wohl gereizt durch die Absicht der Teheraner Regierung, die Ver- 
waltung Isphahans Zilli Sultan zu übertragen. Bis zu der Einführung der 
Verfassung war dieser General-Gouverneur von Isphahan und einer Anzahl 
anderer südlicher Provinzen gewesen. Nach seiner Verbannung hatten Chefs 
des Bachtiarenstammes an der Spitze der Isphahan er Regierung gestanden. 



Greenfield, Das persische Problem. 275 



Veranlassung, auch ihrerseits vorzugehen und nach der Vertreibung Serdari 
Sowlets am 19. März Isphahan zu besetzen. 

In Isphahan hatten die Russen die Grenze der ihnen durch das Abkommen 
von 1907 zugewiesenen Zone erreicht. Es galt nun den letzten Widerstand 
der Komiteefreunde in Schiras und Kinn an zu brechen, aber Schiras befindet 
sich in der neutralen und Kirman gar in der britischen Zone. Die Engländer 
selbst hatten sich damit begnügt, den Aufstand in Buschehr durch die Be- 
schießung der Stadt und Landung einiger Truppen zu unterdrücken und in 
Bender Abbas und Neh (ca. 300 km nordöstlich von Kirman) mit schwachen 
Kräften zu demonstrieren. In Buschehr übergaben sie dann die beruhigte 
Stadt dem Gouverneur des Schah und schifften ihre Truppen größtenteils 
wieder ein und auch die bis Neh vorgestoßenen Soldaten zogen sich nach 
Zurücklassung einer Wache nach Osten zurück. Es hatte den Anschein, als 
ob die Engländer in Südpersien weder selbst aktiv vorzugehen, noch einem 
solchen Vorgehen seitens der Russen Vorschub zu leisten wünschten, daß sie 
es vielmehr vorzogen, durch die Reorganisation der Gendarmerie und Unter- 
stützung der ententefreundlichen Gouverneure und Stämme die persische Re- 
gierung selbst in den Stand zu setzen, mit eigenen Kräften die Ruhe in 
Südpersien wieder herzustellen. So geschah es auch in Schiras und Kirman. 

Von der Vertreibung des anglophilen Vizegouverneurs Gawam ul Mulk 
aus Schiras war bereits oben die Rede. Seitdem befand sich diese Stadt in 
den Händen der Komiteefreunde und bildete nach der russischen Besetzung 
von Kirmanschah und Bedrohung Isphahans der Sammelpunkt ihrer in Persien 
übriggebliebenen Streitkräfte. Die Absicht, von Schiras aus in Gemeinschaft 
mit den Mudschahids von Borazdschun (etwa 40 km vor Buschehr) unter der 
Führung Agha Dschafar Scheichs, die Engländer in Buschehr anzugreifen, 
blieb ohne Ergebnis, nachdem es diesen gelungen war, die in Buschehr aus- 
gebrochenen Feindseligkeiten gegen sie rasch zu unterdrücken. Seitdem 
waren in Schiras arge Zerwürfnisse zwischen der Bevölkerung und den An- 
hängern des Komitees und unter diesen selbst in die Erscheinung getreten. 
Die Bevölkerung wünschte dringend die Entsendung eines Gouverneurs aus 
Teheran und wurde darin auch von einem Teil der Komiteeleute unterstützt. 
Infolge dieser Uneinigkeit gelang es Gawam ul Mulk, der inzwischen von 
Buschehr aus mit englischen Geschützen und Führern ausgerüstet worden 
war und auf Teheraner Anweisung hin Verstärkungen aus dem ihm ver- 
wandten Stamme der Kaschkajis erhalten hatte, nach schwachem Widerstand 
die Gegner in die Flucht zu schlagen und Mitte April die Stadt wieder unter 
seine Botmäßigkeit zu bringen. Eine Anzahl der Komiteeführer, sowie An- 
gehöriger der Zentralmächte und schwedischer Gendarmerieoffiziere wurde 
gefangen genommen. Der von Teheran ernannte General-Gouverneur, dem 
Truppen unter dem Kommando eines amerikanischen Offiziers mitgegeben 
wurden, konnte sich nun nach seinem Amtssitz begeben und Gawam ul Mulk 
unternahm Schritte zur Befreiung der nach Tangistan entführten Engländer. 
Diese wurden einige Monate später gegen Gefangene der Gegner ausgetauscht. 

In Kirman war nach anfänglicher Gährung die Ruhe wiederhergestellt, 
als im März die Ententegegner durch Handstreich sich der Stadt bemächtigten 
und von den dort befindlichen Arsenalen und Geschützen Besitz ergriffen. 
Indes vermochte, der mit dem Gouverneur vertriebene Kommandant von 
Kirman, Serdari Nosret, nach Heranziehung von Verstärkungen bald wieder 
die Stadt zu bezetzen und die Gegner gefangen zu nehmen. Die Ankunft 
einer britischen Kolonne unter General Sir Percy Sykes Mitte Juni in Kirman 

18* 



276 Greenfield, Das persische Problem. 

(vermutlich von Bender Abbas her) hatte wohl mehr eine politische Bedeutung. 
Kirman liegt in der britischen Zone. 

So ist es den Alliierten dank der russischen Anstrengungen gelungen, 
in verhältnismäßig kurzer Zeit die ihnen feindliche Bewegung in Persien zu 
unterdrücken und durch die Besetzung der Zugänge an der türkisch-persischen 
Grenze, die Verbindung der Türkei mit den übrigen islamischen Ländern 
Vorderasiens abzuschneiden. Die in Persien operierende russische Armee 
wurde vor einiger Zeit auf einen Bestand von etwa 50000 Mann geschätzt. 
Sie dürfte inzwischen durch beständige Nachschübe erheblich verstärkt worden 
sein. Ihre hauptsächliche Verwendung findet sie jetzt nach der Besetzung 
des Landes an der türkischen Grenze, wo sie von Choi und Salmas aus in 
Armenien eingedrungen ist und von Sinneh 1 ), Sakkez und Banneh aus über 
Rewanduz nach Mosul zu und von Kirmanschah und Kasri Schirin aus in 
der Richtung nach Bagdad Vorstöße macht. 

V. 

Die Erhaltung der Ruhe in Persien selbst erfordert geringe Kräfte. 
Mit dem wachsenden Erfolg der Russen schrumpfte die Zahl ihrer anheimischen 
Gegner rapid zusammen. Angesehene Anhänger des Komitees schwenkten 
nicht nur ab, sondern suchten sich durch die Verhaftung ihrer ehemaligen 
Freunde bei den Alliierten beliebt zu machen 2 ). Die Chane von Luristan, 
die Stämme Kurdistans, der Mudschahidenanführer Ali Siakuhi, Dschafar- 
Nizam u. a. beeilten sich, ihre Unterwerfung anzuzeigen, und einflußreiche 
Geistliche, die noch vor kurzem laut den Krieg gegen England und Rußland 
gepredigt hatten, fanden jetzt nicht Worte genug, ihrer Genugtuung über 
die Wiederherstellung der Freundschaft mit ihnen und der Ordnung im Lande 
durch sie Ausdruck zu verleihen. Die Kumer Geistlichkeit glaubte sogar die 
russischen Truppen segnen zu müssen zum Danke dafür, daß sie ihre Heilig- 
tümer nicht angetastet hatten. Nizam es Selteneh, Naib Hussein und wenige 
andere, die sich nicht unterwarfen, wurden von der Teheraner Regierung als 
Rebellen behandelt und, sofern sie selbst nicht erreichbar waren, mit der 
Konfiskation ihrer Güter bestraft. 

Unruhen, die noch hier und da im Lande vorkommen, haben nur mehr 
den Charakter von Stammesfehden 3 ), ohne politischen Hintergrund von Räube- 
reien 4 ), an denen allerdings auch die versprengten Reste der Mudschakids 
nicht unbeteiligt sind. Um diesem Übel zu begegnen, trägt sich die persische 
Regierung mit dem dedanken, eine allgemeine Entwaffnung der Bevölkerung 

') Sinneh wurde im November lülö und Sakkez im Februar 191H von 
den Russen besetzt. 

) So verhaftete Nazar Ali Chan, der Häuptling von Puschtikuh. eine 
Anzahl Demokratenl'ührer, die nach der Besetzung Kirmanschahs durch die 
Russen über sein Gebiet Bagdad zu erreichen suchten. Bei Abadeh ver- 
haftete Kerbelaji Ali Chan eine Gruppe von Deutschen und Demokraten. 

s ) So unter den Turkmenen in Mazandaran und den Monda'm- und 
Kalbaghstämmen in Kurdistan. Die Fehden uuter den Karadaghstämmen 
in Azerbeidschan wurden durch eine von dem Kronprinzen selbst geführte 
Expedition beigelegt. 

') Namentlich in Mittel- und Südpersien, aber auch in Mazandaran und 
Azerbeidschan. Um die Jahreswende sprengten die Russen in Gilan die starke 
Bande des Kutschuk Chan auseinander. Die Gegend vou Kaschan machte 
Serdari Sowlet ansicher. 



Greenfield, Das persische Problem. 277 

vorzunehmen, und sie hat damit in Mazandaran bereits begonnen. Aber die 
Entwaffnung der Stämme ist eine schwer durchführbare Sache. Von prakti- 
schem Wert sind die Maßnahmen zur Verstärkung der Organe des Sicher- 
heitsdienstes. Die von schwedischen Offizieren ausgebildete und befehligte 
Gendarmerie hatte sich vor dem Kriege recht gut bewährt und die Engländer 
unterstützten — trotz der russischen Gegnerschaft gegen diese Einrichtung — 
ihre weitere Ausgestaltung. Auch nachdem sich die Gendarmen mit ihren 
schwedischen Offizieren während der letzten Kämpfe zum größten Teil auf 
die Seite der Gegner der Alliierten gestellt hatten, hielten die Engländer an 
der Auffassung von der Nützlichkeit ihres Weiterbestehens fest, um sie auch 
fernerhin für den Sicherheitsdienst in Südpersien zu verwenden und damit 
die Entsendung britischer oder gar russischer Truppen in diese Gegend über- 
flüssig zu machen. Freilich mußte eine Reorganisation von Grund aus vor- 
genommen werden. Die Offiziere, welche sich in den Augen der Entente- 
vertreter kompromittiert hatten, wurden ihrer Ämter, Titel und Orden für 
verlustig erklärt, und die wenigen Schweden, die sich ihnen loyal erwiesen 
hatten, mit der Neugestaltung betraut. Selbst die Benennung „Gendarmerie" 
wurde durch die Bezeichnung „Amnieh" ersetzt. Die Bussen ihrerseits be- 
günstigen nach wie vor die persische Kosakenbrigade und wirken auf die 
Erhöhung ihres Bestandes auf 10000 Mann hin. In den letzten Jahren war 
ihre Stärke auf etwa 2000 Mann zurückgegangen, die in der russischen Zone — 
hauptsächlich in der Hauptstadt und in der Provinz Azerbeidschan — statio- 
nierten. Im Gegensatz zu der Gendarmerie genoß die Kosakenbrigade keine 
Popularität, da sie von den Patrioten immer als ein Werkzeug Bußlands 
betrachtet wurde. 

Durch die militärischen Erfolge der Russen in Persien und die Ernen- 
nung russenfreundlicher Minister ist die Regierung mehr als je zum willen- 
losen Vollstreckungsorgan der Ententevertreter geworden. Von Medschlis- 
sitzungen ist vorläufig keine Rede mehr, wenn auch die Regierung wiederholt 
die geflüchteten demokratischen Abgeordneten aufgefordert hat, nach Teheran 
zurückzukehren. Nur wenige von ihnen leisteten der Einladung Folge. 

Als äußeres Zeichen des hergestellten Einvernehmens wurde dem General 
Baratow der hohe Timsalorden mit dem Bilde des Schahs verliehen und die 
persischen Minister schenkten Gaben zugunsten des russischen Roten Kreuzes. 
Die Russen ihrerseits zeigten sich entgegenkommend, indem sie die so scharf 
angegriffene Maßregel, nach der die Russischen Untertanen ihre Steuern statt 
an die persische Regierung an die russische Bank zahlen sollten, wieder 
aufhoben und den verhaßten Samed Chan — der während des türkischen 
Vorstoßes gegen Tebris aus Rußland nach Azerbeidschan zurückgekehrt war — 
nicht mehr in die Regierung dieser Provinz einsetzten, sondern sich mit der 
Ernennung des gleichfalls russenfreundlichen Serdari Reschid zum Stellver- 
treter des in Tebris residierenden Kronprinzen zufrieden gaben. Auch das 
Ansuchen der persischen Regierung, die in den letzten Kämpfen von den 
Russen gefangen genommenen Perser freizugeben, wurde von dem kaukasi- 
schen Vizekönig in zustimmendem Sinne beantwortet. 

Auch auf finanziellem Gebiet kehrte man zu den alten Gepflogenheiten 
zurück. In den letzten Jahren vor dem Kriegsausbruch konnte die jährliche 
Bilanz im Staatshaushalt nur durch Vorschüsse der englischen und russischen 
Bank hergestellt werden. Die Verhandlungen über eine größere englisch- 
russische Anleihe erlitten durch den Krieg eine Unterbrechung und durch 
das Ausbleiben der Vorschüsse geriet der Schatz in arge Bedrängnis. 



i 



278 Greenfield, Das persische Problem. 

Nachdem die Spannung in den Beziehungen der persischen Regierung 
zu den Alliierten aufgehört hatte, wurden Verhandlungen zur Sanierung der 
persischen Finanzen geführt mit dem Ergebnis, daß England und Rußland 
sich bereit erklärten, Persien genügende Geldmittel zur Reorganisation der 
Finanzen durch eine Spezialkommission, zu der jiuch je ein Bevollmächtigter 
Rußlands und Englands delegiert sind, zur Verfügung zu stellen '). Das 
bedeutet tatsächlich eine unmittelbare Kontrolle der Ausgaben des Schatzes 
durch die englischen und russischen Delegierten, die nach anderer Meldung 
als Beiräte des seit dem persischen Jahresbeginn (Novruz) mit der verant- 
wortlichen Leitung des Schatzamtes betrauten Belgiers, Herrn Henyssens, 
fungieren sollen. 

Anleihen und Konzessionen sind in Persien immer eng verbunden ge- 
wesen. Auch jetzt wird es nicht anders sein, und wann wäre die Gelegen- 
heit zur Erlangung von Konzessionen günstiger als zu einem Zeitpunkt, da 
die Minister zum Widerstand ungeeignet und der Medschlis und die öffent- 
liche Meinung vollkommen ausgeschaltet sind. So wird denn auch von nach- 
stehenden Konzessionen berichtet, die das Kabinett Sipahdars der russischen 
Gesellschaft Choschdaria bewilligt haben soll : 

1. Die Konzession für eine Bahn von Enzeli nach Rescht. 

2. Die Konzession für die Ausbeutung der nordpersischen Naphthagebiete 
in Gilan, Mazandaran und Astarabad auf 70 Jahre. 

3. Die Konzession für die Verwertung des Gutes Miankaleh auf 50 Jahre. 
Dieselbe Gesellschaft soll auch die umfangreichen Besitzungen des 

Premierministers Sipahdar auf 99 Jahre gepachtet haben. 

Die Zeitungen berichteten auch von der Ankunft belgischer, französischer 
und amerikanischer Kapitalisten in die Provinzen Gilan und Mazandaran, 
um dort Wäldereien, Minen und sonstige Liegenschaften zu erwerben. 

Es konnte nicht ausbleiben, daß aus der durch die russische Besetzung 
herbeigeführten Wendung der Dinge in Persien auch die Anhänger des Ex- 
Schah Nutzen zu ziehen sich beeilten. Sein verbannter Bruder Schua'es Selteneh 
war schon bald nach Ausbruch des Krieges — sehr zum Verdruß der Demo- 
kraten — nach Persien zurückgekehrt. Der verhaßte Erz-Reaktionär Emiri 
Behadur folgte den russischen Truppen auf dem Fuß. Er soll in Teheran 
mit großen Ehren empfangen worden sein, und die Regierung beabsichtigt, 
ihn nach seinem Heimatsort Karadagh zu senden, um dort die Ordnung 
wieder herzustellen. Auch die Rückkehr des verbannten Prinzen Zilli Sultan 
(Onkel des Ex-Schahs) und seine Ernennung zum General-Gouverneur von 
Isphahan steht in Aussicht. Mudschallel, der vor einigen Jahren an der Spitze 
von Stämmen in Kurdistan gegen die konstitutionelle Regierung sich auf- 
gelehnt hatte und nach seiner Festnahme in Azerbeidschän seit zwei Jahren 
als Staatsgefangener lebte, wurde auf freien Fuß gesetzt, um seinen Einfluß 
in Kurdistan für die Beruhigung dieser Gegend nutzbar zu machen. Dil 
Gegner der Verfassung treten wieder aus ihren Schlupfwinkeln heraus und 
es heißt, daß die seit Februar mehrere Wochen lang in der russischen Ge- 
sandtschaft angeblich wegen Vorenthaltuug ihrer Pensionen versammelten 

') Berliner Tageblatt vom 12. Mai 191H. Nach anderer Meldung soll 
die zugesagte Summe 1,15 Mill. Tunian betragen, die dem Wunsche der persi- 
schen Regierung entsprechend nicht in monatlichen Raten, sondern auf ein- 
mal ausgezahlt werden soll. Es heißt dort auch, daß die Regierung beschlossen 
habe, einen Teil der indirekten Steuern (auf Opium. Branntwein usw.). wie 
in früheren Zeiten zu verpachten, was einen Rückschritt bedeuten würde. 



Greenfield, Das persische Problem. 279 

Beschwerdeführer tatsächlich die Abschaffung der Verfassung, die allerdings 
zur Kürzung der erblichen Pensionen geführt hatte, verlangten. 

Iran ist an einem gefährlichen Wendepunkt seiner Geschichte angelangt. 
Wird es den demokratischen Führern und ihren Streitkräften, die unter Nizam 
es Seltenehs Führung zwischen Kasri Schirin und Baghdad neue Stellungen 
bezogen haben, gelingen, mit Hilfe der durch die englische Kapitulation von 
Kut al Amara freigewordenen türkischen Truppen, die Eussen aus Persien 
ganz oder teilweise wieder zu verdrängen? Oder werden die Eussen, falls 
sie sich in Persien zu behaupten in der Lage sind, später dann geneigt sein, 
das Land wieder zu räumen und auf den früheren Zustand des Abkommens 
von 1907 mit England und von 1911 mit Deutschland zurückzukehren. Werden 
die Engländer die Besetzung eines großen Teils des Eeiches durch russische 
Truppen mit ihren Interessen in Südpersien und im persischen Meerbusen 
für dauernd vereinbar halten? 

Schon die Anwesenheit russischer Truppen in den an Bußland grenzenden 
Provinzen vor dem Kriege fand in England starke Gegnerschaft, und die Zurück- 
ziehung der russischen Besatzung aus Kazwin, aus der unmittelbaren Nähe der 
Hauptstadt, war in erster Linie ein Zugeständnis an die britische Diplomatie. 
Wird diese es nun dulden können, daß russische Garnisonen künftig auch 
in den während des Krieges besetzten Gebieten — tief nach Süden bis zu 
der Linie Kasri- Schirin— Kirmanschah — Isphahan— Iezd — zurückbleiben? 
Diese Städte gehören nach dem Abkommen von 1907 zwar noch zu der 
russischen Zone, aber mit Rücksicht auf das tatsächliche Vorwiegen der briti- 
schen Interessen in denselben hatten die Russen es vermeiden müssen, ihre 
Machtpolitik, wie sie sie in Nordpersien entfalteten, auch auf diese Gebiete 
auszudehnen. Wird das nun anders werden und werden die Engländer es 
zulassen wollen, daß die Hauptstadt und die Zentralregierung, von allen 
Seiten durch russische Bajonette umgeben, zum gefügigen Handlanger der 
russischen Interessen herabsinkt? 

Das sind Fragen so kompliziert und abhängig von Umständen und Ein- 
flüssen gar mancher Art. daß ihre Beantwortung füglich der Zukunft über- 
lassen werden muß. Wir wollen indessen hoffen, daß das Reich der Kajaniden. 
das trotz aller Wechselfälle im Laufe seiner dreitausendjährigen Geschichte, 
seine Existenz in die Gegenwart hinübergerettet hat, auch diese Krise zu 
überwinden die Kraft finden wird, um durch sie innerlich geläutert und 
gestärkt, einer besseren Zukunft entgegenzugehen. 

Nachtrag 

Seit Juni 1916, als der obige Aufsatz geschrieben wurde, hat die mili- 
tärische Lage in Persien eine wesentliche Verschiebung erfahren. 

Durch das Scheitern der Dardanellenaktion und die Kapitulation von 
Kut al Amara wurden die Türken, eher als die Gegner es erwartet haben 
mochten, in Stand gesetzt, mit ansehnlichen Kräften die Offensive gegen die 
armenische wie die persische Front zu ergreifen. In Persien durften sie auf 
die regste Unterstützung der einheimischen Bevölkerung rechnen, die sich 
nur scheinbar den Russen unterworfen hatte und im Herzen nach wie vor 
türkenfreundlich gesinnt war. 

Das galt insbesondere für die Stämme West- und Südpersiens, die un- 
geachtet der Besetzung der nördlichen Hälfte des Landes durch die Russen 
und wichtiger Punkte zwischen Kirman und dem persischen Meerbusen durch 



280 Greenfield, Das persische Problem. 

die britischen Truppen des General Sykes Mittel und Wege fanden, mit den 
Türken geheime Verbindung zu unterhalten und durch ihre Streifzüge die 
Ruhe zu stören und den Okkupationstruppen Schwierigkeiten zu bereiten. 

In Kurdistan lebten die Unruhen unter den Stämmen immer von neuem 
auf und griffen von dort nach Garus und Chamseh über. In der Isphahaner 
Gegend waren die hauptsächlich aus Bach tiaren -und zum Teil auch Kasch- 
kajis bestehenden Banden Riza Chan Dschuzanis, Ali Chan Kaschkajis und 
Dschaferqulis tätig. Die Luren machten die Gegend zwischen Burudschird 
und Rahdschird dauernd unsicher und beunruhigten unter der Führung Ni- 
zami Sultans, eines Verwandten Nizam es Seltenehs, die Landstraßen und 
namentlich die Verbindung zwischen Suitanabad und Isphahan. In Fars 
lehnten sich der Häuptling Gazanfer es Selteneh und der Tangistaner Stamm 
gegen die englischen Truppen auf und leisteten den gegen sie entsandten 
Regierungstruppeu hartnäckigen Widerstand und in der Hauptstadt dieser 
Provinz, Schiras, mußte eine Verschwörung durch energische Maßregeln des 
Kaschkajichefs Sowlet ud Dowleh unterdrückt werden. Der Bachtiare Ser- 
dari Sowlet mit seinen vierhundert Reitern und sein Stammesgenosse Emiri 
Mufacham machten die Gegenden von Abadeh und Suitanabad unsicher, 
während Naib Hussein im Verein mit den Schanqulis und der Bande Azad 
Chans Kaschan bedrohte, nachdem er sich von Nizam es Selteneh getrennt 
hatte und nach Persien zurückgekehrt war, um angeblich seine Begnadigung 
in Teheran nachzusuchen. Unruhen waren auch unter den Stämmen in den 
übrigen Teilen Persiens, so unter den Schahsewannen in Azerbeidschan, den 
Turkmenen usw. an der Tagesordnung. 

Die Unterdrückung der überhandnehmenden Ruhestörungen, die hier 
und dort schon zu Angriffen auf schwächere russische Abteilungen übergingen 
und in demselben Maße an politischer Bedeutung gewannen, je mehr sich 
die Türken wieder der persischen Grenze näherten, bildete den Gegenstand 
ernstester Sorge für die Ententevertreter in Teheran und die persische Re- 
gierung. Die Gendarmerie war zum Teil zu den Türken übergegangen und 
im übrigen aufgelöst worden und die aus ihren Trümmern gebildete Amnieh, 
sowie die mit dem Sicherheitsdienst auf den Straßen betrauten Garasoranen 
waren keineswegs der ihnen gestellten Aufgabe gewachsen. So beschloß die 
Regierung, einflußreiche und energische Gouverneure in die Provinzen zu 
schicken, um an Ort und Stelle genügende Streitkräfte zu organisieren und 
die Stämme ihres Gebiets zur Botmäßigkeit zurückzuführen. Große Hoff- 
nungen setzte man namentlich auf Fermanferma, der Vorbereitungen traf 
mit angeblich dreitausend Kriegern nach Fars aufzubrechen, und noch mehr 
auf den Prinzen Zilli Sultan, der aus seiner Verbannung in Europa zurück- 
berufen worden war, um die Verwaltung der südlichen Provinzen: Isphahan, 
Jezd und Kaschan zu übernehmen. Er traf mit seinen zwei Söhnen im Juli 
in Persien ein, nachdem er auf seiner Reise vom Zaren und dem kaukasischen 
Vizekönig mit besonderer Auszeichnung empfangen worden war. Auch er 
sollte sich alsbald mit tausend Mann nach seinem Gouvernementssitz 
Isphahan begeben. 

Hatte aber Bchon die Ernennung Fermanfermas zum Generalgouverneur 
von Fars den Chef des Kaschajistammes Sowlet ud Dowleh — der mit seinem 
Verwandten Gawam ul Mulk Schiras zurückerobert hatte und seitdem mit 
dem Sohne des letzteren (welcher selbst im April gelegentlich einer Jagd 
verunglückte) für die Ordnung der Provinz sorgte — verletzt, so war das 
in noch höherem Maße mit den Bachtiaren der Fall infolge der Berufung 



Greenfield, Das persische Problem. 281 

Zilli Sultans zum Gouverneur von Isphahan. Dieser war zur Zeit des alten 
Regimes Generalgouverneur von Isphahan und einer Anzahl anderer südlicher 
Provinzen gewesen. Nach der Einführung der Verfassung mußte er aber al» 
Reaktionär das Land verlassen, und seitdem standen Häuptlinge des Bach- 
tiarenstammes, die von den Engländern protegiert wurden, an der Spitze 
der Isphahaner Regierung. Indes hatten die Begebenheiten der letzten Monate 
in Isphahan, Iezd und Kirman und das Verhalten Emiri Mufachams und 
Serdari Sowlets das Vertrauen der Engländer zu den Bachtiaren stark er- 
schüttert und sie veranlaßt, ihre Gunst dem zweiten großen Stamm des 
Südens, den Kaschkajis, die über 50 — 60000 Krieger verfügen sollen, zuzu- 
wenden. Die vierhundert Bachtiarenreiter, die zum Schutze der Hauptstadt 
herangezogen worden waren, wurden im Mai entlassen und der ganze Stamm 
eines geheimen Einvernehmens mit den Türken beschuldigt. Zwar wiesen 
die in Teheran weilenden Bachtiarenchefs diese Verdächtigung durch die 
Zeitungen zurück, aber das konnte nicht verhindern, daß die Gegensätze 
sich immer mehr zuspitzten und immer weitere Teile der Bachtiaren sich 
gegen die Teheraner Regierung auflehnten. Auch die von Serdari Sowlet 
im Juli angekündigte Unterwerfung erwies sich in der Folge als ebensowenig 
ernst gemeint wie die des Naib Hussein. 

Eine weitere Maßregel zur nachhaltigen Unterdrückung der Unruhen 
bestand in der Aussendung russischer Strafexpeditionen, nachdem sich die 
Unzulänglichkeit des persischen Sicherheitsdienstes, dem man ursprünglich 
die Beruhigung des Landes zu überlassen beabsichtigte, zur Genüge heraus- 
gestellt hatte. So wurden russische Abteilungen gegen die Stämme in Garus, 
wo sie die Mondamis zerstreuten und ihren Führer Schah Muhammed töteten, 
gegen Naib Hussein, Serdari Sowlet, gegen die Luren, Schahsewannen usw. 
abgesandt. 

Indes bewirkten diese Maßregeln bei der rasch sich entwickelnden 
türkischen Offensive eher eine Zunahme der Feindseligkeiten als die Ein- 
dämmung der Unbotmäßigkeit, und kaum hatten die Türken Ende Juni (1916) 
die russischen Truppen zurückdrängend die persische Grenze überschritten, 
als auch schon alle Stämme Kirmanschahs und Kurdistans sich ihnen an- 
schlössen: so namentlich die Kelhuris ') und Sindschabis, die noch vor einem 
Jahre die Türken bekämpft hatten, die Luren und die Mondam- und Kal- 
baghstämme von Garus, während die Tangistaner in Fars und die Bachtiaren 
— von denen Emiri Mofachem und Serdari Sowlet offen auf die Seite der 
Türken traten — auf die Gelegenheit warteten, das Gleiche zu tun. 

Die Türken trugen ihren Angriff an der persischen Front in zwei 
Richtungen vor: nordöstlich in der Richtung von Rewanduz nach dem Uru- 
miasee und östlich nach Kirmanschah und Hamadan zu. 

Im Frühjahr 1916 waren russische Abteilungen in die Gegend von Re- 
wanduz vorgestoßen 2 ) mit der Absicht, die rückwärtigen Verbindungen der 
Türken zu bedrohen. Es war nicht schwer, die verhältnismäßig schwachen 
russischen Kräfte im Juni zum Rückzug von Rewanduz zu nötigen, und es 



*) Nur der Häuptling der Kelhuris blieb der Teheraner Regierung er- 
geben, aber allein, ohne seine Stammesangehörigen. 

2 ) Das Zentrum ging über Sulduz auf Rewanduz, der rechte Flügel auf 
Rizan (nördlich von Rewanduz) und der linke Flügel in der Richtung Ser- 
descht — Banneh vor. 



282 (ireenfield, Das persische Problem. 



gelang den Türken, von Suleirnanieh aus weiter vordringend, den Feind aus 
Serdescht und Banneh zu vertreiben und Anfang August bis nach Soutsch- 
bulagh im Süden des Urumiasees vorzurücken. Indes wurden sie durch 
russische Verstärkungen Mitte August zur Aufgabe dieser Stadt- genötigt und 
in die Gegend von Sakkez, Banneh und Sinneh zurückgeworfen, wo die 
Kämpfe seitdem, durch den Eintritt des Winters sehr abgeschwächt, mit 
wechselndem Glück fortdauern. 

Die türkische Hauptmacht ging indes in der Richtung Kirmanschah 
vor und besetzte am 1. Juli (1916) diese Stadt, nachdem sie die Russen ge- 
zwungen hatte. Mehidescht und ihre Stellungen westlich von Kirmanschah 
aufzugeben. Nach der Schätzung des Berichterstatters eines russisch-armeni- 
schen Blattes betrug die Stärke der über Kirmanschah vorrückenden türki- 
schen Armee etwa 20000 Mann (davon 8—9000 Deutsche und Österreicher 
und Ungarn), denen sich 20 — 30000 Krieger persischer Stämme, persische 
Gendarmen und Freiwillige angeschlossen hätten. 

Von Kirmanschah aus gingen türkische Abteilungen nach Norden und 
Süden ab, um in ersterer Richtung mit den dortigen Hilfskräften in Kurdistan 
zu kooperieren und über Garus und Zendschan die russische Flanke zu be- 
drohen und nach Süden zu über Burudschird mit den Stämmen von Isphahan 
und Fars Fühlung zu gewinnen. Die Hauptmacht rückte indessen gegen 
Hamadan vor und besetzte am 10. August diesen strategisch wichtigen Ort, 
nachdem sie die Russen aus ihren Stellungen bei Kengavar vertrieben und 
in dem Gefecht vom 9. August bei Assadabad geschlagen hatte. 

Schon die Einnahme von Kirmanschah hatte in Teheran große Be- 
stürzung hervorgerufen. Das Kabinett Sipahdars erließ strenge Befehle an 
die Gouverneure und Stammeshäuptlinge. Streitkräfte zusammenzuziehen, um 
die Unruhen im Land zu unterdrücken und den Türken Widerstand zu 
leisten, und suchte in aller Eile eine Armee zum Schutze der Hauptstadt zu 
organisieren. Die nach Mazandaran geschickten Expeditionstruppen wurden 
zurückgerufen, die Amniehgendarmen in Teheran verstärkt, die Krieger 
einiger Stämme dorthin beordert und die 5 Foudsch (etwa 5000 Mann) 
regulärer Truppen, mit deren Aufstellung seit kurzem begonnen worden war, 
mobilisiert. 

Den kriegerischen Vorbereitungen schloß sich ein von der persischen 
Regierung an die Hohe Pforte gerichteter Protest gegen die Verletzung des 
persischen Gebiets an. Die Türkei antwortete, daß sie das Teheraner Kabinett 
nicht anerkenne und als den eigentlichen Vertreter des Schah den Nizam es 
Selteneh ansehe, der mit den türkischen Truppen nach Persien zurückgekehrt 
in Kirmanschah residierte und den Titel „Regent" führte. Die Spannung in 
den türkisch-persischen Beziehungen erreichte einen gefährlichen Grad und 
es wurde in dieser Zeit (Juli) viel von einer bevorstehenden Kriegserklärung 
Persiens an die Türkei gesprochen. Der Premierminister Sipahdar forderte 
sie energisch und die Gesandten Englands und Rußlands befürworteten sie. 
Aber der Umstand, daß in dem Kabinett keine Einigkeit in der Frage be- 
stand, der Schah selbst gegen die Kriegserklärung war und sehr einflußreiche 
Kreise und Persönlichkeiten von einer kriegerischen Auseinandersetzung mit 
dem Nachbarstaat gleicher Religion nichts wissen wollten, ließ einen Beschluß 
nicht aufkommen, und die Kriegserklärung hatte schon sehr an Wahrschein- 
lichkeit eingebüßt, als ihr durch die mit der Ankunft der Türken in Hamadan 
zusammenhängende Panik ein jähes Ende bereitet wurde. 



Greenfield, Das persische Problem. 283 

Die Besetzung von Hamadan und Garns durch die osmanischen Truppen 
rief in Teheran eine unbeschreibliche Verwirrung hervor 1 ). Die Hauptstadt 
sah sich, ihres wichtigen Stützpunkts verlustig, ernstlich bedroht und es lag 
die Befürchtung nahe, daß den über Kurdistan und Garus vordringenden 
türkischen Detachements gelingen könnte, im Verein mit den Schahsewannen 
und anderen Stämmen Nordpersiens die rückwärtigen Verbindungen der 
Russen zu gefährden. Armenier und Europäer entfernten ihre Familien aus 
der Hauptstadt, um sie über Rescht nach dem Kaukasus in Sicherheit zu 
bringen. Ihnen folgten die Angehörigen persischer Ententefreunde. Die 
Gelder der Banken und Archive der Gesandtschaften wurden gleichfalls in 
aller Eile fortgeschickt und die Ententegesaudten selbst hielten sich bereit 
zur Abreise. Die Miete für Eeisekutschen stieg um das Zehnfache. Der Schah 
kehrte vorübergehend von der Sommerfrische in die Eesidenz zurück, lehnte 
jedoch den Vorschlag, sich nach Mazandaran zurückzuziehen, entschieden ab. 
Fermanferma, der auf der Reise nach Fars in Kum angelangt war, kam 
gleichfalls nach Teheran zurück, während Sipahdar und Zilli Sultan sich 
nach Kazwin in das russische Hauptquartier begaben, um erst, nachdem sie dort 
beruhigende Nachrichten erhalten hatten, in die Hauptstadt zurückzukehren. 

Indes war die Stellung Sipahdars durch die letzten Ereignisse und den 
zunehmenden Einfluß der turkophilen Elemente in der Hauptstadt erschüttert. 
Er demissionierte, und als sein Nachfolger wurde vom Schah der Vossugh 
ud Dowleh ernannt, der nach anfänglicher Ablehnung seitens der Entente- 
gesandten schließlich (Ende August) auch von ihnen als Premier anerkannt 
wurde, nachdem er ein Kabinett aus gemäßigten, England und Rußland 
freundlich gesinnten Ministern gebildet hatte. 

Inzwischen hatten sich in Teheran die Gemüter wieder beruhigt, als 
es sich herausstellte, daß die Gerüchte von der Evakuierung von Kazwin, 
von Angriffen auf Mandschil und von dem weiteren Vormarsch der Türken 
den Tatsachen nicht entsprachen, diese vielmehr mit ihrer Avantgarde nur 
30 bis 35 km über Hamadan hinaus in der Richtung Zareh und Sultanbulagh 
vorgestoßen waren. Die Offensive war in Hamadan zum Stehen gekommen 
aus Gründen, die neben der Aufraffung der russischen Defensive zur größeren 
Wirksamkeit wohl auch in der rumänischen Kriegserklärung, der Erschöpfung 
der Angriffsarmee durch Verluste und Krankheiten und in den Schwierig- 
keiten des Nachschubs von Proviant und Munition hinreichende Erklärung 
fanden. Westpersien selbst war durch die beiden Feldzüge und die voran- 
gehenden und dazwischenliegenden Unruhen so gut wie verwüstet und von 
Hamadan bis zu der türkischen Operationsbasis Bagdad ist eine Strecke von 
etwa 400 km mit teilweise selbst für den Verkehr mit Lasttieren recht be- 
schwerlichen Wegen. Andrerseits hatte sich der Kriegsschauplatz der russi- 
schen Basis in Kazwin und Enzeli erheblich genähert, die mit gut chaussierten 
Straßen untereinander und durch die Dampfer auf dem Kaspisee mit dem 
Kaukasus verbunden sind. 

Auch der linke Flügel der türkischen Armee, der sich aus den über 
Rewanduz — Banneh vorgedrungenen Abteilungen und aus Detachements, die 



') Am 19. August machte die türkische Botschaft in Teheran bekannt, 
daß die türkische Armee nicht in feindseliger Absicht gegen Persien, sondern 
nur um die Islamfeinde zu züchtigen gekommen sei. Später im Oktober 
richtete der türkische Befehlshaber einen Aufruf im ähnlichen Sinne an das 
persische Volk. 



284 Greenfield, Das persische Problem. 

von Kirmanschah und Hamadan aus zu ihnen stießen, zusammensetzte, ver- 
mochte nicht seine Aufgabe einer Vereinigung mit den Stämmen Nordpersiens 
(Schahse wannen. Talischen. Karadaghlis usw.) und Bedrohung der russischen 
Flanke in dem beabsichtigten Maße zu lösen. Er besetzte Kurdistan und 
Garus (Banneh, Sakkez [26. September], Sinneh und Bidschar). aber seinem 
weiteren Vordringen nach Zendschan zu wurde hartnäckiger Widerstand 
entgegengesetzt. 

Auf dem rechten Flügel waren es weniger die türkischen Truppen als 
ihre persischen Parteigänger, die den Kampf gegen die Bussen aufnahmen. 
Sie gingen in drei Gruppen zum Angriff auf Isphahan vor. Es gelang zwar 
den russischen Abteilungen — die nach Suitanabad geschickt wurden, um 
dem rechten türkischen Flügel entgegenzutreten — zwei von ihnen zu schlagen 
(August — September) '). Aber die dritte Gruppe unter Emiri Mufachem konnte 
sich halten uud fuhr fort im Verein mit Zergham und den Söhnen Serdari 
Zafers Isphahan zu bedrohen, bis es den Bachtiaren schließlich (Anfang 
Oktober) gelang, diese Stadt zu besetzen. 

Indes blieb Isphahan nicht lange in ihrem Besitz. Zilli Sultan, der 
bald darauf als Generalgonverneur dort eintraf, begann mit großem Eifer 
die Ordnung in seiner Provinz wiederherzustellen, und es ist bezeichnend für 
die Zustände, daß er den Räuberhäuptling Maschalla Chan, nachdem er ihn 
zur Unterwerfung bewogen hatte, mit der Bewachung der Straße Isphahan 
— Kaschan betraute. Er traf auch Maßregeln gegen Riza Chan Dschuzani, 
der die Straße Isphahan — Iezd und die Gegenden von Ardistan und Nätanz 
unsicher machte. Auch Fermanferma, der Ende Oktober in Fars anlangte, 
ließ es sich angelegen sein, in seiner Provinz Ordnung zu schaffen, die Straße 
Schiras — Buschehr von Räubern zu säubern und seine Residenz Schiras dem 
Einfluß der Entente wieder zu unterwerfen. Nach einer Meldung der Agence 
Milli aus Bagdad von Anfang Februar sind in Fars erneut Unruhen aus- 
gebrochen. Die anglo-indischen Truppen mußten sich zurückziehen. 

Nach Chorassan ging im Oktober der bejahrte Russenfreund Prinz 
Kamran Mirza Amiri Kabir, um als Generalgouverneur den erst vor kurzem 
mit diesem Amt betrauten jungen Prinz Nassireddin zu ersetzen. 

Nachdem die Türken Anfang November erhebliche Verstärkungen er- 
halten hatten 2 ). nahmen sie die Offensive wieder auf und legten dabei das 
Hauptgewicht auf die beiden Flügel. So namentlich auf den linken Flügel, 
mit dem sie, ihrem anfänglichen Plan entsprechend, über Chamseh nach 
Nordpersien durchzustoßen hofften, um dann verstärkt durch die mit ihnen 
sympathisierenden Elemente dieser Gegend die russische Flanke anzufallen. 
Die Schahsewannen in Azerbeidschan waren zwar — nachdem sie in offener 
Auflehnung gegen die Teheraner Regierung lange Zeit die Gegenden von 
Mianeh und Meschkin in Aufruhr gehalten hatten — zum Teil entwaffnet 
und zur Stellung von Geiseln gezwungen worden. Aber andere Teile dieses 
aus dreißig Unterabteilungen bestehenden starken Stammes fuhren fort, den 
Geist der Aufsässigkeit wach zu halten. In dem Fominwalde von Gilan hielt 
sich ein weiterer türkischer Parteigänger, Kutschuk Chan, mit seinen Leuten 



') Die eine von ihnen bestand aus den Leuten Tscheraghali Chans. 
Viele von ihnen wurden gefangen und in Isphahan öffentlich hingerichtet. 

2 ) Ihre damalige Stärke an der persischen Front wurde russischerseits 
auf 30000 Mann Infanterie, einige Tausend Reiter, 2000 Gendarmen und 
5 — 6000 Krieger der Stämme mit 60 Geschützen und 2 Aeroplanen geschätzt. 



Greenfield, Das persische Problem. 285 

auf und er hatte erst vor kurzem die gegen ihn entsandte Teheraner Straf- 
expedition in die Flucht geschlagen, wobei der Führer der Expedition, 
Mufachem ul Mulk, sein Leben verlor. Selbst der sich als Russenfreund 
gebärdende Gouverneur von Zendschan (Chamseh), Dschehanschah Chan, — 
ein einflußreicher Stammeshäuptling — stand in geheimer Verbindung mit 
den Türken. Seine Vorbereitungen erregten das Mißtrauen der Eussen, und 
als sie ihn fassen wollten, floh er mit einem kleinen Gefolge zu den Türken. 
Aber die türkenfreundliche Stimmung und die Bereitwilligkeit, die Türken 
zu unterstützen, war in Chamseh dadurch keineswegs erstickt. 

So war die Lage in Nordpersien, als der linke türkische Flügel seine 
Offensive wieder aufnahm. Die Russen wurden aus Bidschar (Garus), welche 
Stadt sie Ende Oktober wieder besetzt hatten, hinausgedrängt und in der 
Richtung Zendschan verfolgt. Doch gelang es ihnen, die türkische Offensive, 
bevor sie Zendschan erreichte, schon am 8. 9. November zum Stehen zu 
bringen und am 14./ 15. November sogar den Bezirk Kezaz zurückzuerobern, 
der aber später wieder in den Besitz der Türken überging. 

Inzwischen war der rechte Flügel , der aus etwa 5 — 6000 Luren. 
500 Gendarmen und nur wenigen türkischen Soldaten bestand, gegen Suitanabad 
vorgegangen, welche Stadt sie seit Ende Oktober ernstlich bedrängten. Aber 
sie wurden jedesmal zurückgeworfen und erlitten Anfang Dezember eine 
Niederlage, verloren ihre Geschütze und zogen sich zurück. Nach neuester 
Meldung ist wieder türkische Kavallerie vor Suitanabad erschienen. 

Wie auf den beiden Flügeln änderte die neue Offensive auch im Zentrum 
bei Hamadan nicht wesentlich den bisherigen Stand der Dinge, wie er durch 
die Offensive von Juli- August geschaffen war: Kirmanschah, Kurdistan und 
Garus sind in türkischem Besitz und in dem übrigen Persien halten sich die 
Russen und Engländer. 

Kurz vor der Einnahme Hamadans durch die Türken wurde durch einen 
Notenaustausch am 6. August zwischen den Gesandten Englands und Ruß- 
lands und der persischen Regierung folgendes Einvernehmen erzielt, das die 
freundschaftlichen Beziehungen zwischen den drei Ländern (England, Rußland 
und Persien) endgültig befestigen und verschiedene Fragen hinsichtlich der 
finanziellen und militärischen Organisation Persiens für alle Teile günstig 
lösen sollte. Zur Aufrechterhaltung der Ordnung im Inneren und Sicherung 
der internationalen Stelluug des Reiches sei eine Erhöhung der persischen 
Streitkräfte notwendig. Im nördlichen Persien sollte die persische Kosaken- 
brigade unter russische Instruktore gestellt und ihr Bestand auf 11000 Mann 
erhöht und ein Kontingent in gleicher Stärke im Süden unter englischen 
Instruktoren gebildet werden. Bezüglich der Finanzen wurde die Einsetzung 
einer Kontrollkommission unter Vorsitz des belgischen Schatzmeisters Henyssens 
und aus je einem englischen, russischen und persischen Mitglied, sowie der 
Aufschub des Schuldendienstes vereinbart. Zum Schluß verpflichtete sich 
Persien zur Wahrung einer wohlwollenden Neutralität in dem gegenwärtigen 
Kriege. 

Aber bald nach Abschluß dieses Einvernehmens demissionierte Sipahdar, 
und Yossugh ud Dowleh, der zum Premierminister ernannt wurde, erwies 
eich weniger nachgiebig als sein Vorgänger. Er befleißigte sich einer durch- 
aus neutralen Haltung. Dadurch konnte er den gleichgesinnten Schah, der 
seit einem Jahr fern von den Regierungsgeschäften in seinem Sommerschloß 
Fehrabad verweilt hatte, zur dauernden Rückkehr nach der Hauptstadt 



28ti Greenfield, Das persische Problem. 

(25. Oktober) bewegen, wodurch die Stellung der Regierung wesentlich gestärkt 

wurde. Es beißt, die Ereignisse des letzten Jahres haben auf den jugend- 
lichen Schah einen tiefen Eindruck hinterlassen, er ist abgemagert, nach- 
denklich und sorgenvoll geworden. Er kehrte zurück, da ihm das neue 
Kabinett und wohl auch die Nähe der Türken die Möglichkeit gaben, selb- 
ständiger aufzutreten. 

Diesem Umstand ist es vielleicht auch zu verdanken, dali Vossugh ud 
Dowleh. dessen Kabinett allgemein als Übergangsministerium angesehen wurde, 
bis zur Stunde an der Spitze der Regierung geblieben ist. Freilich ruhten 
nach dem Vorstoß der Türken nach Hamadan längere Zeit die Verhandlungen 
mit den Ententegesandten, die eine Stellungnahme Vossugh ud Dowlehs nötig 
gemacht hätten. Erst im November wurde die Frage der Finanzkontrolle 
wieder akut, deren Verwirklichung die Gesandten Englands und Rußlands 
auf Grund des obigen P^invernehmens und im Hinblick auf die von ihnen 
geleisteten Vorschüsse an den Staatsschatz ') forderten. Die Kontrollkommission, 
die unter Sipahdar bereits aus je einem Vertreter der englischen und russi- 
schen Banken und einem Vertreter des persischen Finanzministeriums unter 
Vorsitz Henyssens gebildet war, hatte seit der Panik in Teheran ihre Sitzungen 
unterbrochen und wurde nach Eintritt der Beruhigung von dem neuen Premier 
nicht anerkannt, weil ihr die Bestätigung des Schahs fehlte. Auch bei einer 
anderen Gelegenheit bewies das Kabinett Vossugh ud Dowlehs eine gewisse 
Selbständigkeit, indem es das Telegramm des Scherifs von Mekka, der 
seine Unabhängigkeit bekannt gab und den Wunsch ausdrückte, mit der 
Regierung Persien s freundschaftliche Beziehungen zu unterhalten, unbeant- 
wortet ließ. 

Wie überall sind auch in Persien durch den Krieg die Lebensmittel- 
preise sehr gestiegen. Die Brotknappheit führte in Teheran zu Unruhen, 
bis die Regierung sich entschloß, durch Ergreifung energischer Maßregeln 
der Not zu steuern. Auch der ungünstige Rubelkurs wirkte auf die wirt- 
schaftliche Lage des Landes zurück und tat seinem Ausfuhrhandel erheblichen 
Abbruch. Der Rubel, regulär mit 6 persischen Krans bewertet, war seit 
Kriegsausbruch — infolge Ausfuhrverbote russischer Waren, der Steigerung 
des Silberpreises, der Ausgaben der in Persien stehenden russischen Truppen 
in russischem Papiergeld und der Kreditgewährungen der russischen Bank 
in Persien in russischer Währung — allmählich gesunken und hatte in den 
letzten Monaten 1916 den unglaublich niedrigen Stand von 1 Rubel = l*/ 2 
bis 2 Kran erreicht. Dem abzuhelfen wurde der englischen und russischen 
Bank die Erlaubnis erteilt, Silber einzuführen und in Teheran Krans zu 
münzen. Aber Sachkenner zweifeln an dem Erfolg dieser Maßregel und 



*■) Im April versprachen sie die monatlichen Vorschüsse zu verdoppeln 
und zahlten im Mai einen Betrag von 820000 Tuman zur Begleichung der 
rückständigen Raten aus. Aber auch diese Summe war ungenügend, das 
Defizit zu decken; die monatlichen Vorschüsse mußten fortgesetzt werden. 
Das Verhältnis der Einnahmen zu den Ausgaben des Staates hatte sich infolge 
der Wirren weiter verschlechtert. Nach dem Voranschlag für das Rechnungs- 
jahr vom 21. März 1916 bis 20. März 1917 stellten sich die Einnahmen auf 
14 Millionen Tuman und die Ausgaben auf I 7 Millionen Tuman. Dabeiwaren 
aber die kommenden Verwickelungen und Wirren der türkischen Sommer- 
offensive nicht berücksichtigt, die neue Ausgaben und Steuerausfälle verur- 
sachten. 



Greenfield, Das persische Problem. 287 

befürworten die Freigabe der russischen Ausfuhr nach Persien als das wirk- 
samste Mittel, dem Rubelkurs in diesem Lande wieder aufzuhelfen. 

Im November reiste Boris Wladimiro witsch als erster Großfürst nach 
Persien. In Tebris wurde er am Bahnhof vom persischen Kronprinzen und 
den Spitzen der Provinz feierlichst empfangen, und nachdem er auch Teheran 
und den Schah und in Aweh das russische Hauptquartier besucht hatte, kehrte 
er nach Bußland zurück. Auf Einladung des kaukasischen Stabs sollte auch 
der Scheich ul Islam von Transkaukasien die kaukasische und persische Front 
besuchen, wohl in der Absicht, durch seine Autorität auf die muhammedani- 
schen Elemente dort in einem der Entente günstigen Sinne einzuwirken. 



Die Frauenbewegung und der Weltkrieg 

Von Rudolf Lehmann 

Der Weltkrieg hat die Frauenbewegung in Deutschland in einem bedeu- 
tungsvollen Stadium der Entwicklung gefunden. Das, was man früher bald 
im Ernst, bald im Scherz Frauenemanzipation zu nennen pflegte, die Selbst- 
ständigwerdung der Frau, ist noch nicht im vollen Umfang durchgeführt, 
aber sie hat in einem halben Menschenalter entscheidende Fortschritte gemacht. 
Vor allem hat die Bildungsfrage, die Grundlage jedes sozialen Aufstiegs, ihre 
prinzipielle Lösung gefunden, wenn auch die Einrichtungen selbst, die dieser 
Lösung entsprechen, vorerst noch in der Entwicklung und in allmählicher 
Durchführung begriffen sind. Die Zulassung zu den Hochschulen bildet zwar 
schwerlich den Abschluß, aber doch einen vorläufig erreichten Höhepunkt 
der Bewegung für die oberen Gesellschaftsklassen. In den mittleren und 
unteren Schichten ist die allgemeine Hebung der Volksschule auch den Mädchen 
zugute gekommen. Die obligatorische Fortbildungsschule ist wenigstens in 
Sicht und eine zunehmende Menge von technischen und spezialistischen Vor- 
bildungsanstalten bereiten die Mädchen für Haushaltung, Handel, kunst- 
gewerbliche Tätigkeit vor: höhere Bewertung und bessere Bezahlung der 
weiblichen Arbeit ist überall die Folge. Auf der anderen Seite hat sich die 
„Liebestätigkeit" der Frau zur sozialen Hilfsarbeit erweitert und ge- 
wandelt. Aus den Schranken des Wohltätigkeitsvereins heraus ist diese Arbeit 
zu einem Teil des kommunalen Verwaltungswerkes, der öffentlichen Wohl- 
fahrtsorganisation geworden. Wie diese ständig an Umfang und Bedeutung 
zunimmt, so ist auch der Anteil der Frauen daran in ständigem Wachsen. 
Ihren tüchtigsten Elementen ist die Möglichkeit gegeben, einerseits im Ge- 
werbewesen, in der Fabrikinspektion, anderseits in der Jugendpflege eine 
fruchtbare Tätigkeit zu entfalten, die sie unmittelbar in den Dienst städtischer 
und staatlicher Verwaltungen stellt. 

Nach beiden Richtungen hin hat die Tätigkeit der Frauen durch den 
Krieg und seine Folgen einen starken Aufschwung erfahren. Eine ganze 
Reihe von Stellungen und Erwerbszweigen, die bisher ausschließlich oder vor- 
wiegend den Männern zufielen, stehen verwaist und der weibliche Ersatz ist 
dringendes Gebot oder nächstliegende Aushilfe. Wir finden Frauen am Pfluge 
und am Schalter, im Kontor und auf dem Katheder an Stelle der Männer, 
und mag auch diese Veränderung in den statistischen Zahlen des Arbeits- 
marktes, die ja in erster Reihe durch die Massenarbeit in den Fabriken be- 
stimmt werden, nicht deutlich zum Ausdruck kommen, so zeigt uns doch der 
unmittelbare Augenschein, daß in den höheren Berufsarten die Tätigkeit der 



Lehmann, Die Frauenbewegung und der Weltkrieg. 289 

Frauen in ganz anderem Umfang in Anspruch genommen wird, als in Friedens- 
zeiten: die Post, die Banken, der Buchhandel, die Schule sind auf sie an- 
gewiesen und bedienen sich ihrer, zum Teil mit überraschenden Erfolgen. 
Wo aber dieser letztere ausbleibt, wird voraussichtlich eine .Rückwirkung auf 
die Vorbildung der Frauen eintreten, die ihre Tüchtigkeit für die Zukunft 
erweitert und erhöht ')• 

Auf der anderen Seite hat die weibliche Tätigkeit nicht nur im Dienste 
des Boten Kreuzes, sondern auch in der öffentlichen Wohlfahrtspflege, der 
Fürsorge für die Kriegerfamilien und der Hilfsbedürftigen überhaupt, eine 
so gewaltige Ausbreitung erfahren, daß niemand vor dem Kriege sich einen 
Begriff davon hätte machen können; ein Netz von Organisationen, zum Teil 
im Nationalen Frauendienst zusammengefaßt und den verschiedensten Einzel- 
bedürfnissen angepaßt, erstreckt sich über ganz Deutschland in mehr oder 
weniger enger Zusammenarbeit mit den städtischen Körperschaften. Von 
der umfassenden Vielseitigkeit dieser Arbeit gibt Gertrud Bäumer in dem 
Hefte „Der Krieg und die Arbeit" 2 ), sowie in dem entsprechenden Abschnitt 
des größeren Buches, von dem nachher die Rede sein wird, eine wenn auch 
nur vorläufige und skizzenhafte Übersicht, denn zu einer umfassenden Darstellung 
ist freilich die Zeit noch nicht gekommen. Hierdurch ist nicht nur hinter 
der Front ein zweites Millionenheer geschaffen, das für die Erfüllung der 
Bedürfnisse der Kämpfenden wie der Hinterbliebenen unentbehrliche Arbeit 
leistet; auch durch die Art ihrer Arbeit bilden die Frauen eine wertvolle 
Ergänzung der männlichen Tätigkeit. „Niemals", sagt Gertrud Bäumer, „ist 
wohl den Frauen so deutlich gewesen wie jetzt, wie sehr sie in der sozialen 
Hilfstätigkeit neben dem Mann nötig sind. Nötig, um in einer Zeit, wo die 
Massennot mehr als je zum Schema drängt, das Unschematische, Lebendige 
zu fühlen und zu berücksichtigen, alle die vielen Härten der formalistischen 
,Fälle' durch ihre eigene ausgleichende Fürsorge zu mildern." 

Nach beiden Richtungen hin, in der Erwerbstätigkeit wie in der sozi- 
alen Hilfsarbeit, müssen die Erlebnisse des Krieges vielfach entscheidend 



') Gertrud Bäum er glaubt (in dem weiter unten zu besprechenden 
Buche S. 142 — 152) aus der Statistik des Arbeitsmarktes schließen zu müssen, 
„daß die Möglichkeit für die Frauen, leer gewordene männliche Posten zu 
besetzen, gering war". Aber dieser Schluß ist wenig überzeugend. Zunächst 
stützt er sich ausschließlich auf eine Veröffentlichung des Reichs -Arbeits- 
blattes vom Januar 1915, die heute schon überholt ist und anderen Verhält- 
nissen Platz gemacht haben dürfte: ist doch die absolute Zahl der beschäf- 
tigten Mädchen und Frauen auch hier schon und zum Teil stark im Aufsteigen. 
Hauptsächlich aber fußt Dr. Bäumer darauf, daß die Arbeitslosigkeit unter 
den Frauen andauernd größer geblieben war als die der Männer; besonders 
im Handelsgewerbe tritt das nach jener Veröffentlichung auffallend hervor. 
Daß dieses Verhältnis zum Teil eintreten mußte, weil die absolute Zahl der 
männlichen Stellensuchenden gewaltig vermindert und anderseits auch die 
Zahl der überhaupt vorhandenen Stellungen in vielen Zweigen zurückgegangen 
ist, weiß sie natürlich. Allein sie scheint nicht in gleichem Maße in Rechnung 
zu ziehen, daß die absolute Zahl der arbeitsuchenden Frauen infolge der Kriegs- 
verhältnisse unzweifelhaft zugenommen hat und weiterhin zunimmt, und daß das 
Verhältnis auch hierdurch wesentlich verschlechtert wird. Übrigens gibt sie 
selbst zu, daß es ziffernmäßige Belege über den Ersatz männlicher Kräfte 
durch weibliche zurzeit wenigstens nicht gibt. 

2 ) Der deutsche Krieg. 15. Heft. Politische Flugschriften. Herausgegeben 
von Ernst Jäckh. Stuttgart und Berlin. Deutsche Verlagsanstalt. 

Zeitschrift für Politik. 10. 19 



290 Lehmann, Die Frauenbewegung und der Weltkrieg. 

nachwirken. Diese Erlebnisse haben uns den Wert der Frauenarbeit in einer 
Weise zum Bewußtsein gebracht, wie es keine Theorie und kein Programm 
an sich vermocht hätte. Die weibliche Berufstätigkeit ist bisher eigentlich 
nur, soweit sie industrieller Art war, vom volkswirtschaftlichen Standpunkt 
aus gewertet worden. Sonst galt die allgemeine Auffassung, daß die Zu- 
lassung der Frauen zu besser lohnenden Stellungen und besonders zu den 
höheren Berufsarten ausschließlich im weiblichen Interesse liege, im übrigen 
jedoch das Wohl der Gesamtheit nicht fördere, ja unter Umständen schädige. 
Nur von weiblichen Rechten und wohl auch von Pflichten war die Bede, 
und beide wurden denen der Männer gegenübergestellt, als ob es gar keine 
gemeinsamen Interessen im Leben der Nation, in den Forderungen der 
Gesellschaft gäbe, denen beide unterzuordnen seien. Die nationale und staats- 
wirtschaftliche Bedeutung der weiblichen Erwerbsarbeit ist jetzt mit einer 
Klarheit deutlich geworden, die nicht wieder ausgelöscht oder getrübt werden 
kann. Die Folge für das Bildungswesen sowohl wie für das geschäftliche, 
überhaupt das praktische Leben werden erst nach dem Kriege im ganzen 
Umfang zur Geltung kommen. Und ebenso muß die soziale Hilfsarbeit der 
Frauen, ihre Beteiligung an der öffentlichen Wohlfahrtspflege und damit 
auch an der kommunalen Verwaltung eine dauernde Institution werden. 
Wenn sie auch nicht in dem ganzen heutigen Umfang fortdauern wird, so muß 
doch die Entwicklung auch nach dieser Seite hin weit über den Stand vor dem 
Kriege hinausführen. Und es ist nur zu wünschen, daß die öffentliche Tätig- 
keit der Frauen nicht nur auf die Wohlfahrtspflege beschränkt bleibt, sondern 
auch auf anderen Gebieten, die ihrem natürlichen Wirkungskreise nahe liegen, 
zur Geltung und Mitwirkung kommt. Ein Teil der Fehler und Mißgriffe, 
die in der Organisation der Yolksernährung während des Krieges gemacht 
worden sind, wären nebst den nachteiligen Folgen, wie Verderb von Nahrungs- 
mitteln, Zeitverluste für die Konsumenten beim Einkauf und ähnliches, wahr- 
scheinlich zu vermeiden gewesen, wenn man praktisch erfahrene Frauen zu 
den Kommissionen hinzugezogen hätte. Auch hieraus wird für die Zukunft 
die Lehre gezogen werden müssen. Daß der Arbeit auch Rechte entsprechen, 
daß die Tätigkeit der Frauen im kommunalen Dienst, wenn sie allgemeine 
Regel wird, auch zur Fähigkeit Ämter zu bekleiden und damit zur Teilnahme 
am städtischen Leben führen wird, ist vorher zu sehen. 

Freilich wird diese Entwicklung auch Schwierigkeiten und Gefahren 
mit sich bringen. Ein Teil davon ist schon jetzt deutlich am Horizonte 
sichtbar. Nicht wenigen wohlmeinenden und selbst vorurteilsfreien Männern 
wird schon der zuletzt berührte Punkt, die weibliche Betätigung an der 
öffentlichen Verwaltung, als eine solche Gefahr erscheinen. Denn es ist sehr 
unwahrscheinlich, daß die neue Bewegung, wenn sie den Frauen die kom- 
munalen Bürgerrechte gebracht hat, vor den politischen Halt machen wird. 
Die englischen Suffragettes stehen als warnendes Beispiel vor unseren Augen; 
sie haben jedenfalls bewiesen, daß es den Frauen, die an dieser terroristischen 
Propaganda teilgenommen haben, in jeder Hinsicht an politischer Reife fehlt. 
Allein in Wirklichkeit ist die Gefahr nicht groß. Gewiß, wir müssen in 
mancher Hinsicht umlernen. Die Vorstellung des überlieferten Männer- und 
Soldatenstaats wird manche Beeinträchtigung erfahren; ob zum Nachteil der 
Nation, ist aber doch mindestens fraglich. Nur übereilen darf man nicht, 
was erst eine längere Entwicklung reifen kann: erst muß die öffentliche 
Tätigkeit der Frau feste Gestalt gewonnen haben, erst muß die Vorbildung 
dementsprechend geregelt sein; den also doppelt Geschulten wird man getrost 
Rechte anvertrauen können, deren Mißbrauch das Wohl des Ganzen schädigen 



Lehmann, Die Frauenbewegung und der Weltkrieg. 291 

würde. Tatsächlich sind es bisher in Deutschland, außerhalb der Sozial- 
demokratie, nur wenige extreme Gruppen, welche die politische Berechtigung 
der Frauen als Programmpunkt in den Vordergrund gerückt haben. Daß 
die führenden Persönlichkeiten und Kreise der Frauenbewegung wenig davon 
sprechen und mit unmittelbar praktischen Forderungen in diesem Sinne 
bisher nicht hervorgetreten sind, ist schon ein Zeichen von Reife und Klug- 
heit, die nicht zu verfrühen und zu überstürzen sucht, was der Fluß der 
Entwicklung notwendig mit sich führen wird. Wünschenswert wäre es aller- 
dings, daß über die notwendige Beschränkung der politischen Forderungen 
von vorneherein Klarheit geschaffen würde. Es kann sich vernünftigerweise 
nur darum handeln, Frauen, die in wirtschaftlicher Hinsicht selbständig 
sind, wennmöglich nur denen, die sich durch eigene Arbeit erhalten oder 
an öffentlicher Arbeit teilnehmen, Rechte dieser Art zu verleihen. Das 
Stimmrecht der verheirateten Frau ist ein Unding. Und auch die Witwe, 
die ohne Arbeit im Beruf oder öffentlichen Leben von dem Nachlaß ihres 
Mannes lebt, hat moralisch und logisch keinen Anspruch auf öffentliche 
Rechte. Das sollte gerade von der interessierten Seite klar und einwandfrei 
anerkannt und ausgesprochen werden. 

Wir berühren mit dieser Einschränkung einen Punkt, wo in der Tat 
Klippen liegen. Das deutsche Familienleben, das in den letzten Jahrzehnten 
schon durch mannigfache Umstände beeinträchtigt ist, darf durch die öffent- 
liche Tätigkeit der Frau nicht noch mehr geschädigt werden. Die Kraft 
der Frau und Mutter gehört zunächst jedenfalls ihrem Hause und ihren 
Kindern und sie wird verhältnismäßig selten zu einer ernstlichen Betätigung 
über diesen Pflichtenkreis hinaus vorreichen, desto weniger, je fester diese 
Betätigung organisiert ist und je höhere Ansprüche sie erhebt. Die Kriegs- 
zeit stellt in dieser Hinsicht die höchsten Ansprüche. Aber diese werden 
im Frieden kaum beträchtlich geringer werden, eine Zeit angestrengter 
Arbeit steht uns bevor, die dem Vater noch weniger als früher Muße für 
Erziehungssorgen lassen wird, eine Zeit knapper Lebenshaltung, welche der 
vorsorgenden Mühe der Hausfrau im höchsten Maße bedarf. Die Sorge für 
den Bestand der Bevölkerung erhebt sich schon jetzt. Die Forderung, die 
Kinderzahl nicht zu beschränken, vielmehr Ersatz für das Verlorene zu 
schaffen, wird von den verschiedensten Seiten laut und schafft den Frauen 
neue Vermehrung der Pflichten. Daher fallt denn auch die Verpflichtung 
der sozialen Mitarbeit nicht sowohl den Müttern als den Töchtern zu. Sie 
wird mit Recht von den unverheirateten jüngeren und älteren Mädchen 
gefordert, soweit sie nicht genötigt sind, sich mit Berufstätigkeit anderer 
Art ihr Brot zu verdienen. Die soziale Dienstpflicht der Frau im 
moralischen Sinne des Worts wird unter den Eindrücken der Gegenwart 
und im Hinblick auf die Zukunft jeder anzuerkennen bereit sein. Aber schon 
gibt es nicht wenige und sogar führende Stimmen, die sich hiermit nicht 
begnügen, sondern eine gesetzliche Dienstpflicht und sogar ein 
staatlich eingerichtetes Dienstjahr fordern. Daß hiermit ein' tiefer Ein- 
griff in die individuelle Freiheit der weiblichen Jugend, in die Verfügungs- 
rechte der Eltern und in die bisherigen Schranken des Familienlebens voll- 
i zogen würde, wissen die Fordernden natürlich, aber sie sehen kein unüber- 
| windliches Hindernis darin. In der Tat wird man wenig dagegen einwenden 
können, daß mindestens ein Jahr sozialer Hilfsarbeit dem heranwachsenden 
j jungen Mädchen zur Pflicht gemacht wird, und es kann nur wünschenswert 
sein, daß sich eine entsprechende Einrichtung durch Brauch und Sitte 

19* 



292 Lehmann, Die Frauenbewegung und der Weltkrieg. 

allgemein einbürgert. Daß die Sitte nicht viel weniger vermag als Gesetz 
und Verordnung, ist eine alte Erfahrung. Aber selbst ein gesetzlicher Zwang 
zu solcher Betätigung wäre vielleicht ohne Schaden denkbar, wenn man ihn 
nicht schematisch verallgemeinern und hierdurch eng und drückend gestalten 
würde. Junge Mädchen, die zur Erwerbsarbeit genötigt, oder im Hause 
unentbehrlich sind, zu einem sozialen Dienstjahr zu zwingen, würde eine 
schwer zu rechtfertigende Härte sein. Daher würde die Einrichtung von 
vorneherein nicht die arbeitenden Klassen, sondern wesentlich nur die 
besitzenden Stände treffen. Zumeist ist es wohl auch so gemeint: die Gleich- 
setzung mit dem ein j ährigen Dienst der jungen Männer ist schon mit der 
Zeitbestimmung gegeben. Allein diese Gleichsetzung ist überhaupt bedenklich. 
Nicht mit dem Heereszwang, sondern nur etwa mit dem Schulzwang darf 
die Einrichtung in Parallele stehen. Nicht alle Vertreterinnen der neuen 
Forderung sind sich über die Folgen klar, die eine Übertragung des militä- 
rischen Geistes auf die Vorbildung und Tätigkeit unserer Frauen haben 
würde. Der besondere Vorzug jedenfalls, den Gertrud Bäumer, wie wir oben 
sahen, der Frauenarbeit zuerkennt: das persönliche Element, die Gegenwirkung 
gegen die Starrheit des Verwaltungsschematismus, würde unrettbar dabei ver- 
joren gehen. Denn nicht von Natur ist die Frau der Gleichförmigkeit ab- 
geneigter als der Mann — eher ließe sich vielleicht das Gegenteil feststellen — , 
sondern dadurch, daß die Mädchenerzietrang — mögen ihr im übrigen noch so 
viel Unvollkommenheiten anhaften — der Individualität bisher mehr Freiheit 
und dem persönlichen Gefühlsleben mehr Rechte gelassen hat als die Knaben- 
bildung, ist jener Vorzug den Frauen in höherem Maße erhalten geblieben. 
Ob es in irgendeinem Sinn vorteilhaft, sein würde, diesen Unterschied durch 
gleichförmigen Zwang zu verwischen, wird auch dem Freunde des Fortschritts 
zweifelhaft sein. — 

Zu Konflikten anderer Art führt die Berufstätigkeit der Frau 
durch die Ausbildung und Steigerung, die sie infolge des Krieges erfahren 
hat. Wie wir oben sahen, ist es trotz mancher Einschränkungen Tatsache, 
daß viele Stellen, die vor dem Kriege mit Männern besetzt waren, jetzt von 
Frauen versehen werden, daß die Frau in manches Berufsfeld eingedrungen 
ist, das früher den Männern vorbehalten war, und daß auf anderen das 
Verhältnis zwischen beiden Geschlechtern sich während des Krieges stark 
verschoben hat. Es ist begreiflich, wenn diese Tatsache in manchen Kreisen 
erwerbstätiger Männer Zukunftssorgen hervorruft. Nicht nur die Furcht vor 
der Konkurrenz als solcher, sondern auch die Erwägung, daß Frauenarbeit 
billiger ist und den Lohn der Männer drückt, ist hier wirksam. Es ist gewiß 
nicht wünschenswert, daß auch nur eine beschränkte Anzahl von Kriegs- 
teilnehmern bei ihrer Rückkehr ihre Stelle von Frauen besetzt finden, und 
ebensowenig kann es ersprießlich sein, wenn in Berufsfeldern, die bis dahin 
beiden Geschlechtern gemeinsam zufielen, die Frauenarbeit in Zukunft ein- 
seitig überwiegen würde. So ist es z. B. mit der Schule. Zurzeit vertreten 
Frauen bis in die oberen Klassen der Gymnasien hinein die männlichen 
Lehrer im Felde und sie haben sich nach dem allgemeinen Urteil der Sach- 
verständigen auf allen Stufen dieser Tätigkeit bewährt. Wer aber amerika- 
nische Schulverhältnisse kennt, wird die Besorgnisse der Lehrervereine ver- 
stehen und die beschwichtigenden Zusagen des preußischen Kultusministers 
berechtigt finden. In den Vereinigten Staaten sind oder waren doch noch 
bis vor wenigen Jahren 80 °/o der gesamten Lehrerstellen des Landes in 
weiblichen Händen. Grund: die Bezahlung ist so wenig im Verhältnis zu 
den Gehältern, die im Geschäftsleben gezahlt werden, daß die Männer sich 



Lehmann, Die Frauenbewegung und der Weltkrieg. 293 

nur in geringer Zahl dem Lehrberufe zuwenden, und neben denen, die ein 
pädagogischer Idealismus zum Verzicht auf höheres Einkommen geführt hat, 
finden sich unter jenen 20 % noch eine ganze Anzahl solcher, die an die 
Schule gekommen sind, weil sie nirgends anders Fuß fassen konnten. — 

Freilich darf solchen Besorgnissen und Bedenken nirgends so viel Kraft 
eingeräumt werden, daß die Frauen dadurch von irgendeinem Felde, wo sie 
sich ihrer Veranlagung nach betätigen können, ferngehalten würden. Denn 
auch ohne leichtherzigen Optimismus wird man sagen dürfen, daß diese 
Schwierigkeiten bei gutem Willen und unbefangenem Urteil auf beiden Seiten 
nicht unüberwindlich sind. Zunächst ist leider dafür gesorgt, daß auch nach 
dem Frieden auf Jahre hinaus die Frauenarbeit zum Auffüllen der Lücken, 
zur Ergänzung der männlichen Berufstätigkeit in weit größerem Umfange 
als früher nötig sein wird. Und auf die Dauer wird der Ausgleich zwischen 
der Arbeit beider Geschlechter sich voraussichtlich von selber und ohne 
stärkere Beibungen vollziehen, wenn nur erst der wirtschaftliche Körper unseres 
Volkes vom Kriege genesen und erstarkt ist, oder wie wie richtiger sagen 
dürfen, wenn er sich nur die Kraft und Gesundheit weiterhin erhält, die er 
im Kriege bewahrt hat. 

Aber begreiflich und berechtigt ist es immerhin, wenn bei der gewaltigen 
Anspannung, die der Frauenkraft in unseren Tagen zugemutet wird, wenn 
bei dem Aufschwung aller geistigen und wirtschaftlichen Bestrebungen, die 
die Kriegslage mit sich bringt, auch ihre Ansprüche, Bechte und Hoffnungen 
kräftig hervortreten und lebhaft die Gemüter ergreifen. Davon gibt die 
Literatur der Frauenfrage aus den letzten zwei Jahren Zeugnis, schon 
durch ihren äußeren Umfang, mehr noch durch die Vielseitigkeit des Inhalts 
und die Entschiedenheit der Stellungnahme. Nur ein verhältnismäßig enger Aus- 
schnitt dieser Literatur liegt mir vor. Aber er reicht hin, um ein Bild von 
der Kraft und den Zielen der Bewegung zu geben. Alle Fragen, mit denen 
sich unsere bisherige Betrachtung beschäftigt hat, treten uns hier wie in 
einem Spiegel entgegen, und in der Art, wie das geschieht, spricht sich 
sowohl die gesteigerte Stimmung der Kriegszeit, als doch auch vielfach eine 
unbeirrte Sachlichkeit aus. — 

Der erste Platz in dieser Literatur kommt dem Buche von Gertrud 
Bäumer zu, das ich schon einigemal angeführt habe 1 ). Es ist eine Samm- 
lung einzelner, in den ersten 1V 2 Jahren des Krieges entstandener Aufsätze 
und Vorträge. Aber selten ist mir ein Sammelwerk vorgekommen, das einen so 
geschlossenen und einheitlichen Eindruck macht wie dieses. Zunächst durch 
die Persönlichkeit, die ihm den Stempel aufdrückt. Eine Führerin der Frauen- 
bewegung, die ihr starkes und warmes Empfinden und Wollen durch wissen- 
schaftliche, besonders volkswirtschaftliche Studien geklärt und gefestigt hat, 
eine Frau, die Weite des Blicks mit lebendiger Unmittelbarkeit des Fühlens 
und Erlebens, Schärfe des Denkens mit weiblicher Feinheit und seelischer 
Anmut verbindet. Wie eine solche Frau den Krieg fühlend, denkend und 
handelnd erlebt, ist schon an sich von hohem Beiz zu betrachten: er wird 
verstärkt durch die Mannigfaltigkeit, ja Allseitigkeit, mit der hier die ver- 
schiedenen Seiten des Frauenlebens und der sozialen Bewegung zum Ausdruck 
kommen. Die Verfasserin macht sich selbst den Einwurf, es sei in diesem 
Buche „Praktisches und Geistiges, Volkswirtschaft uDd Sozialpolitik mit 
Gefühlserlebnissen und Weltanschauungsbetrachtungen allzu vielgestaltig ge- 



*) Gertrud Bäumer, Weit hinter den Schützengräben. Aufsätze aus 
dem Weltkrieg:. Jena 1916. Eugen Diederichs. 



294 Lehmann, Die Frauenbewegung und der Weltkrieg. 

mischt". Aber diese Mischung oder richtiger Vereinigung bedingt keinen 
Zwiespalt. Die gefühlsmäßigen Abschnitte sind mit bewußter künstlerischer 
Absicht so verteilt, daß sie eine Art von Untergrund und Rahmen bilden, 
aus denen die sachlichen Betrachtungen und Gedankenzüge scharf umrissen 
hervortreten. Begeisterte Überzeugung, aber auch die Zweifel und Fragen, 
die dem Gefühlsleben, dem weiblichen zumal, hier erwachsen, finden ihren 
Ausdruck. Besonders tief und fein behandeln die beiden Kapitel „Die Bürde 
des Hasses" und „Zwischen zwei Gesetzen" den Zwiespalt zwischen der 
Frauendevise „Nicht mit zu hassen, mit zu lieben bin ich da" und der natür- 
lichen und patriotischen Empfindung auch des Weibes in einem von Feinden 
umgebenen, in seiner Existenz bedrohten Volke. Das Bild der „Frau am 
Pfluge" erhebt sich zu geradezu dichterischer Größe und Eindringlichkeit. 
Von den volkswirtschaftlichen und sozialpolitischen Abschnitten wird 
man bei dem Charakter des Buches keine systematische Erörterung und 
Darstellung erwarten. Es werden einzelne Ausblicke und Einblicke gegeben : 
die Frauenarbeit in der Kriegsfürsorge und besonders in der Volksernährung, 
die Erscheinungen auf dem weiblichen Arbeitsmarkt und eine ganze Reihe 
verwandter Gebiete kommen in knappen Umrissen zur Darstellung. Aber 
die skizzenhafte Behandlung ist überall sachlich und auf sachlicher Unterlage 
begründet. Am Anziehendsten und zugleich am Belehrendsten sind die 
Fragen behandelt, wo Gertrud Bäumer zugleich als Frau und als National- 
ökonom spricht, wo ihr sachkundiges Wissen einem echt weiblichen Gefühl 
für Takt und Sittlichkeit zuhilfe kommt. So ist die Abhandlung über die 
deutsche Mode das Muster einer soziologischen Studie, die an eine äußerliche 
Erscheinung anknüpfend in die Tiefe dringt und zu fruchtbaren Ergebnissen 
führt. Die Modefrage wird hier zu einem Problem nationaler Kultur, nicht 
in dem völkisch engen Sinne, der an der Oberfläche haftend in jeder Anlehnung 
aus der Fremde eine Schädigung sieht, sondern durch den inneren Zusammen- 
hang mit dem sozialen und bürgerlichen Leben. „In ihrer sozialen Bedeutung 
ausgedrückt (S. 179) heißt sie: werden wir eine selbstbewußte, freie, von 
Snobismus unabhängige Mittelstandskultur bekommen, die Schönheit, Geist, 
Persönlichkeit verwirklicht und zur Geltung bringt ohne die Grundlage eines 
Einkommens von 20000 Mark aufwärts?" Noch bedeutsamer aber tritt die 
Eigenart der Verfasserin in den beiden Abhandlungen über die Bevölkerungs- 
frage hervor. Die Frauen stehen, wie sie treffend bemerkt, „gefühlsmäßig 
der Bevölkerungspolitik anders gegenüber als die Nationalökonomen, Politiker 
und Feldherren". Von dem fühlenden Verständnis des Frauenstandpunktes 
aus erwächst eine vertiefte ethische Erfassung des Bevölkerungsproblems, 
welche die Lösung nicht sowohl in materiellen Erleichterungen der Kinder- 
aufzucht als in der Festigung einer zugleich idealistischen und optimistischen, 
einer daseinsfrohen und lebensbejahenden Gesinnung findet. Vielleicht, daß 
Dr. Bäum er die „Mutterschaftsprämie", die von mancher Seite gefordert wird, 
allzu wörtlich als Belohnung auffaßt, während sie doch wohl zumeist als 
Ausgleich für die wirtschaftliche Erschwerung oder als gebührende und 
zweckmäßige Unterstützung gedacht ist. Aber sicherlich hat sie völlig recht 
mit dem Satz: „Aller Wille zum Nachwuchs beruht darauf, daß das Kind 
höher geschätzt wird als alle die Mühe, die es macht. Alle Mutterleistung 
ist Idealismus, Wille zu einer Hingabe, die ihren Lohn in sich trägt. Das 
Wesen der Muttersorge ist, daß sie sich nicht bezahlt macht." Es ist in 
keiner Weise nötig, diesen tiefsten Naturinstinkt erst zu pflanzen oder zu 
entwickeln, sondern es handelt sich nur darum, ihn vor Beeinträchtigungen 
zu wahren, ihn in einen bewußten und frohen Willen zu veredeln. „In 



Lehmann, Die Frauenbewegung und der Weltkrieg. 295 

der sinkenden Geburtenziffer prägt sich der Pessimismus gegenüber der 
Zukunft aus. Sie ist ein Spiegel eigener vergeblicher Lebenskämpfe. " Darum 
sind die besten Abwehrmittel gegen die Bevölkerungsabnahme sozial-ethischer 
Natur. „Der Glaube, daß der Tüchtige vorwärtskommt, vor allem, daß er 
anerkannt wird, der Glaube an soziale Gerechtigkeit ist ein stärkster seelischer 
Faktor für den Lebensmut und den Mut zur Elternschaft." Soziale Unge- 
rechtigkeit ist ein erstes Hemmnis einer gesunden Bevölkerungspolitik, über- 
flüssiger sozialer Ehrgeiz ein zweites. „Drum gilt es einen Kampf gegen den 
Materialismus, der in einer unwürdigen und schamlosen Art die gesellschaft- 
lichen Gradunterschiede bestimmt." „Es bedarf eines neuen Lebensstils der 
gebildeten Minderbemittelten. Daß dieser Stil geschaffen wird, ist bevölke- 
rungspolitisch wichtiger als eine Kinderzulage." Und ein dritter Faktor in 
diesem Kampfe liegt in der Erziehung. „Eine selbständige, kraftvolle Stellung 
zu ihrer eigensten Aufgabe liegt nicht in der Linie der heutigen Mutter- 
erziehung, auch wenn die jungen Mädchen noch so viel Versuchssäuglinge 
wickeln und waschen und noch so viele Nährwerttabellen auswendig lernen" 
(S. 198). In der Forderung eines von wahrer Kultur und echtem Idealismus 
erfüllten deutschen Bürgertums und einer Erziehung, die zu diesem Ziele 
führt, liegt die beherzigenswerte Zukunftslehre dieser Betrachtung. 

In einem eigentümlich ungeklärten Gegensatz dazu steht freilich die 
Forderung, auf die das Kapitel „Weltkrieg und Deutsche Bildung" hinaus- 
läuft. Hier wird in den Mittelpunkt der Grundsatz gestellt, den Maßstab 
für die Zukunft der deutschen Erziehung aus den Erlebnissen der Gegenwart 
zu nehmen (S. 215). Ist es nun an sich schon bedenklich, die Bedürfnisse 
einer hoffentlich friedlichen Zukunft unmittelbar einer Kriegszeit und einer 
Kriegszeit, wie die unsere ist, zu entnehmen, so fällt auch die Einseitigkeit 
auf, mit der als die Zukunftsaufgabe bezeichnet wird: Stärkung der Staats- 
gesinnung und Erhöhung der Arbeitsqualitäten durch alle Mittel der Auslese 
und Schulung. Geradezu verwahren aber muß man sich gegen die S. 210 
aufgestellte Forderung nach „einer Revision unserer Lehrpläne, die alles unter 
den Gesichtspunkt der Frage stellt, welche Beziehung der Unterrichtsstoff 
zu dem praktischen Leben haben kann, in das das Kind hinausgehen wird". 
Die Verfasserin redet also genau der Richtung das Wort, die man früher, 
wenn auch mit einem unzutreffenden Ausdruck, als Amerika nismus be- 
zeichnete, und dem entspricht denn auch das Bildungsziel, das sie aufstellt: 
„Wir brauchen einen deutschen Bildungstypus, der im Gegensatz zu dem 
bisher noch nicht entschwundenen Papier- und Wortmenschentum das Taten- 
menschentum verkörpert." — Ale ob eine dritte Stellung im Leben und zum 
Leben gar nicht möglich wäre! Und in einem wirklich amerikanischen Sinne 
fügt sie hinzu: „Wir brauchen als deutschen Bildungstypus, wenn wir das 
Wort richtig verstehen wollen, den .Unternehmer', den Menschen, der es wagt, 
etwas praktisch anzufangen, Verhältnisse zu bezwingen, neue Aufgaben mutig 
aufzunehmen" (S. 204). Dieser gewollte und einseitige Wirklichkeitssinn 
stimmt, wie gesagt, schlecht zu den idealistischen Forderungen, welche die 
Verfasserin sonst vertritt, und sie wird diese Anschauungen, die allzu sehr 
die Spuren der Gegenwart tragen, voraussichtlich in weniger erregten Zeiten 
revidieren und einschränken. — 

Zu dem Besten, was in jüngerer Zeit über die Frauenbewegung geschrieben 
ist, gehört auch die Arbeit von Spranger: Die Idee einer Hochschule 
für Frauen und die Frauenbewegung. (Leipzig 1916.) 

Die Anschauungen des Verfassers stehen denen der Bäumer sehr nahe; 
aber nach Anlage und Charakter ist sein Buch durchaus verschieden von dem 



296 Lehmann, Die Frauenbewegung und der Weltkrieg. 

ihrigen. Es knüpft nicht an den Krieg an und ist überhaupt wenig von 
Kriegsstimmung berührt, sondern ist aus der Tätigkeit und den Plänen des 
Verfassers für die Leipziger Frauenhochschule hervorgegangen und gipfelt 
auch in einer Reihe von Vorschlägen organisatorischer Art, die zunächst dem 
Ausbau dieser eigenartigen Anstalt gelten. Eine erweiterte Denkschrift nennt 
er seine Arbeit; sie geht freilich nicht nur dem Umfang nach über den 
Rahmen eines Memorandums hinaus, sondern sie erhebt auch die besondere 
Frage der Leipziger Einrichtung in das Licht allgemeiner Gesichtspunkte. Der 
Wert dieser Betrachtungen wurzelt im Gegensatz zu der Unmittelbarkeit des 
Miterlebens, die das Bäumersche Buch so anziehend macht, gerade in der 
natürlichen Distanz, die der Verfasser als Mann und als Hochschullehrer zur 
Frauenbewegung hat, auch da, wo er mit tätigem Anteil eingreift. Für 
seinen besonderen Standpunkt aber ist die Warnung davor charakteristisch, 
„die Aufgabe der Frauenschule allein aus einer Idee zu deduzieren, die man 
sich a priori von der Frau gemacht hat. Die Frage kann doch nur zum 
Ziel führen, wenn man sich klar macht, was Frauenkraft im Zusamenhang 
unserer heutigen Kultur bedeutet" (S. 53). Man darf mit Rücksicht auf eine 
spätere Stelle des Buches diese völlig berechtigte Ablehnung noch dahin er- 
weitern, daß uns auch die wissenschaftliche Psychologie bis jetzt wenigstens 
keinen festeren Boden für die Entscheidung der Frauenfrage gegeben hat. 
Die Grundlage für die wissenschaftliche und praktische Behandlung der Frauen- 
frage findet Spranger in der geschichtlichen Betrachtung, welche den gegen- 
wärtigen Zustand als Ergebnis einer vergangenen Entwicklung betrachtet 
und hieraus die Folgerungen und Forderungen für die Zukunft zieht. In 
einem einleitenden Kapitel skizziert er nicht sowohl die äußere Geschichte 
der Frauenbewegung als die Ideenentwicklung, die ihren Fortgang und ihre 
Ziele bestimmt hat. Er schildert sie als einen „Teilvorgang von dem großen 
politischen wissenschaftlichen Prozeß, der das 19. Jahrhundert erfüllt". Die 
Frauenbewegung war, in parallelem Gang mit der Entwicklung der männ- 
lichen Gesellschaft, ursprünglich eine Bildungsfrage in dem individualistischen 
und ästhetischen Sinne unseres klassischen Zeitalters; sie empfing inzwischen 
durch das notwendige Streben nach ökonomischer Selbständigkeit der Frau 
einen realistischen Charakter und sie vermochte durch eine allmählich sich 
entfaltende Organisationsarbeit diesen praktisch zur Geltung zu bringen. 
Sie hat endlich im letzten Menschenalter einen sozialen Charakter angenom- 
men, d. h. sie hat ihre Organisation unter den Gesichtspunkt einer über 
individuelle Gemeinschaft gestellt und — hier werden wir fast wörtlich an 
Gertrud Bäumer erinnert — „zu der Forderung der Frauenrechte ist das 
Pflichtbewußtsein des Frauendienstes hinzugetreten", des Dienstes für den 
Staat und die Gesellschaft. Mit dieser Entwicklung vollzog sich notwendiger- 
weise ein entsprechender Wandel des Ideals der Frauenbildung. Spranger 
veranschaulicht ihn an dem Wesen und der Geschichte der 1850 unter der 
Nachwirkung der Revolutionszeit in Hamburg ins Leben gerufenen „Hoch- 
schule für das weibliche Geschlecht". Die Darstellung, die sich zum Teil 
auf die Autobiographie der „Idealistin" Malwida v. Meysenbug stützt, zeigt, 
daß das letzte Ziel dieser kurzlebigen, aber für ihre Zeit bedeutsamen Grün- 
dung „Volkserziehung im Stil der Familienbildung" war, d. h. also, daß sie 
bei allem fortschrittlichen Geiste von der sozialen Fassung der Aufgabe noch 
weit entfernt blieb. 

Auch die Leipziger Hochschule, der sich der Verfasser im folgenden 
Kapitel zuwendet, zeigt in ihren verschiedenen Anfängen und Ansätzen enge 
Verwandtschaft mit dem Geist der älteren Anstalt: besonders gemeinsam ist 



Lehmann, Die Frauenbewegung und der Weltkrieg. 297 

beiden der Zusammenhang mit der Ideenwelt Friedrich Fr Übels, wie ihn 
Henriette Goldschmid, die Begründerin der Leipziger Hochschule, mit dem 
Titel ihrer Denkschrift: „Vom Kindergarten zur Hochschule für Frauen" 
zum prägnanten Ausdruck gebracht hat. Aber indem die Frauenhochschule 
neben die ältere Aufgabe einer Vertiefung der allgemeinen Franenbildung 
die neue der Berufsvorbildung stellt und den grundsätzlichen Zusammenhang 
beider durch ihre Organisation zu wahren strebt, ist sie in die moderne 
Phase der Gesamtbewegung eingetreten und muß nach den Gesichtspunkten, 
die hier zur Geltung kommen, beurteilt werden. In ihrer jetzigen Gestalt 
bezeichnet Spranger sie noch als ein schwankendes Gebilde. „Es kann im 
gegenwärtigen Stadium ihrer Entwicklung noch nicht gesagt werden, was sie 
will, vor allem deshalb, weil sie zwischen dem Ideal einer allgemeinen Hu- 
manitäts- und einer dreiteiligen Berufsbildung schwankt, ohne mit Entschieden- 
heit für die eine Seite Partei genommen zu haben" (S. 52). Was sie werden, 
was überhaupt eine weibliche Hochschule als ihre besondere Aufgabe und 
Leistung betrachten muß, nachdem ja den Frauen die männlichen Hoch- 
schulen offen stehen, zeigt der Verfasser in dem letzten Abschnitt zunächst 
aus allgemeinen Gesichtspunkten, sodann in engerem Anschluß an das in 
Leipzig Geleistete und Werdende. Entsprechend seinem geschichtlichen und 
kulturwissenschaftlichen Standpunkt geht er von der Frage aus, „was Frauen- 
kraft im Zusammenhang unserer heutigen Kultur bedeutet". Er berücksichtigt, 
daß „die Kultur der Frau zu einem großen Teil mit der Kultur des Hauses 
identisch ist". „Das Neue und Entscheidende aber liegt darin, daß die Gegen- 
wart auch die Frau gelehrt hat, ihre besondere Frauenkraft einem größeren 
Ganzen einzuordnen, statt sie in der Familie die letzte Grenze ihrer Bestim- 
mung finden zu lassen. Der neue und überraschende Typus der Frau ist 
doch nicht eigentlich die berufstäige Frau — das könnte ein Gebilde der 
Not sein; sondern die von sozialem Verantwortungsbewußtsein erfüllte Frau; 
und sie allein ist das Werk sittlicher Höherbildung." Auf zwei Hauptgebieten 
betätigt sich diese neue Frauenkultur besonders, dem der Erziehung und dem 
der sozialen Wohlfahrtspflege, und dem entsprechen zwei Arten von Bildungs- 
anstalten: Kindergartenseminar und soziale Frauenschule. Es scheint, daß 
in naher Zeit entsprechende Vorbereitungen für Krankenpflege und weib- 
liches Kunstgewerbe hinzutreten werden; die erstere ist in Leipzig bereits 
berücksichtigt. Das Spezifische dieser Bildungsanstalten liegt nun, wie 
Spranger treffend hervorhebt, nicht etwa in irgendwelchen besonderen 
Wissenschaften, denn die Wissenschaft ist allgemeingültig. „Es liegt über- 
haupt nicht auf rein theoretischem Gebiet, sondern in der Art, wie sich Theorie 
und Praxis für sie verwachsen haben." Daher kann ihre Aufgabe nicht etwa 
von den Universitäten übernommen werden. „Sie sind Berufsschulen, und 
zwar spezifisch Frauenberufsschulen, wodurch natürlich eine dies Zentrum 
umrahmende allgemeine Bildung nicht ausgeschlossen wird." Sie sind 
Frauenschulen, aber in einem klareren und bestimmteren Sinne des Worts 
als die staatlich geregelten Frauenschulen der preußischen Oberlyzeen. Die 
Aufgabe einer neuen Hochschule, und der Leipziger insbesonders, ist deshalb 
„die Zentralisierung des gesamten echten Frauenschulwesens". „Sie sei die 
Stätte, in der alle diese Fäden zusammenlaufen und von wo aus das Errungene 
verbreitet werden kann". — Man darf einer Anstalt, die in diesem Sinne aus- 
gebaut und geleitet wird, in der Tat die segensreichste Wirkung auf beiden 
Seiten der Frauenbewegung voraussagen. — 

Die übrigen Schriften zur Frauenfrage, soweit sie mir vorliegen, stehen 
in ziemlich weitem Abstand hinter den beiden bisher besprochenen zurück. 



298 Lehmann. Die Frauenbewegung und der Weltkrieg. 

Nicht nur weil sie kleineren Umfange sind und nur einzelne Seiten der Be- 
wegung behandeln, sondern weil sie zumeist auch nicht die gleiche Höhe des 
Standpunkts erreichen. Die kleine Broschüre, die als Nr. 1 der „Feldgrauen 
Flugschriften ". herausgegeben von Dr. Arnold Rüge in Heidelberg, erschienen 
ist, warnt in rein gefühlsmäßigem, ja pathetischem Ton davor, die scharfen 
Linien zu überschreiten, „die die Natur und die deutsche Kultur zwischen 
Mannestat und Frauenleistungen gezogen haben". Die Frauen werden ge- 
mahnt, sich auf ihre natürlichen Pflichtenkreise zu beschränken. Man sieht 
nicht recht, gegen welche Grenzüberschreitungen die Schrift sich eigentlich 
richtet, um so weniger, als die Gebiete der Armen-, Waisen- und Kranken- 
pflege doch auch hier ausdrücklich den Frauen zugewiesen werden, bekommt 
vielmehr im ganzen den Eindruck, daß hier die Losung ausgegeben werden 
soll, die Gertrud Bäumer mit dem Wort „Zurück zum Kochtopf!" formuliert. 
„Wir wollen wieder deutsche Frauen sein und heißen und trotzig alle die 
Gepflogenheiten behaupten, die Nichtdeutschen spießbürgerlich und lächerlich 
erscheinen. Wir sind Frauen und keine Männer und wollen Frauen sein!" 
Diese Sätze lesen sich verwunderlich, da Dr. Arnold Buge als Verfasser 
zeichnet. Sollte der verdiente Herausgeber der philosophischen Jahresberichte 
seiner Gattin oder sonst einer öffentlichkeitsscheuen Anverwandten den Liebes- 
dienst erwiesen haben, ihre Gefühlsäußerungen mit seinem Namen zu decken? 

Wesentlich gefühlsmäßig und paränetisch gibt sich auch der Vortrag 
von L. Niessen- Deiters „Frauen und Weltpolitik". (Deutsche Kriegs- 
schriften, 18. Heft. Bonn.) Er unterscheidet sich freilich von der eben 
genannten Schrift nicht nur dadurch, daß die Verfasserin auf der entgegen- 
gesetzten Seite steht, sondern auch weil sie sachliche Forderungen mit Klar- 
heit und Bestimmtheit vertritt. Sie verlangt eine bessere Vorbildung der 
Frauen für das Verständnis der Weltpolitik, um ihnen auf diese Weise einen 
Einfluß zunächst auf Gesinnungen und Anschauungen in der Familie und in 
der Erziehung, in späterer Entwicklung wohl auch unmittelbar auf das poli- 
tische Leben zu ermöglichen. Auf ein bestimmter begrenztes praktisches Ziel, 
das die Verfasserin in einem früheren Buche vertreten hat, wird hier nur 
hingedeutet: ein Zusammenschluß deutscher Frauen über die Erdteile hinweg, 
mit der Zentrale in Deutschland selbst ')• 

Die „Kriegsbriefe einer Frau", von derselben Verfasserin und in 
derselben Sammlung erschienen, gehören eigentlich nicht in die Frauen- 
literatur, wenigstens haben sie mit der Frauenfrage nichts zu schaffen, ver- 
treten auch keine besondere Richtung oder Forderung. Sie stehen den 
lyrischen Abschnitten in dem Bäumerschen Buche nahe und tragen wie diese 
zum Teil geradezu den Charakter dichterischer Erlebnisschilderungen. Eine 
persönliche Färbung erhält die Schrift besonders dadurch, daß die Verfasserin 
sich als halbe Engländerin bekennt, aber eben aus dieser Abkunft einen 
leidenschaftlichen Haß gegen England saugt, eine Empörung, die sie selbst 
als das verbindende Element dieser Schrift bezeichnet. „Möge die Zeit den 
flammenden Haß in heiligen Zorn wandeln — den heiligen Zorn in kraft- 
volle zielbewußte Überlegenheit!" 

Anspruchsvoller und wissenschaftlicher gibt sich die Arbeit von Elisabeth 
Gnauck-Kühne : Dienstpflicht und Dienstjahr des weiblichen Ge- 
schlechts. (Tübingen 1915. J. C. B. Mohr.) Die Verfasserin gründet ihre 
Gedankengänge auf ein statistisches Material, das unzweifelhaft von allgemeinen) 



') Die deutsche Frau im Auslande und in den Schutzgebieten. Berlin. 
Egon Fleischel. 



Lehmann, Die Frauenbewegung und der Weltkrieg. 299 

Interesse ist, die Gegenüberstellung der männlichen und weiblichen Erwerbs- 
tätigkeit nach der Berufs- und Gewerbezählung von 1907. Nur daß die 
Folgerungen, die sie daraus ableiten will, nicht eben zwingend erscheinen. 
Die Verfasserin tritt nämlich mit Entschiedenheit für das weibliche Dienst- 
jahr ein, und zwar für alle Mädchen des Volks und in des Wortes verwegenster 
Bedeutung: Kasernen („Diensthäuser", die als unerläßlich bezeichnet werden), 
Uniform und am Schlüsse sogar eine Prüfung, die urkundlich beglaubigt 
wird: „Ohne diesen Schein sollte die standesamtliche Eheschließung nicht 
erfolgen dürfen" (S. 31). Man darf vielleicht sagen, daß eine Forderung, 
die in einer so naiven Absurdität gipfelt, sich selbst widerlegt und nicht 
allzu ernst zu nehmen ist; jedenfalls steht zu hoffen, daß sie wenigstens in 
dieser extremen Gestalt nicht viel Anklang finden wird. 

Auf statistische Grundlagen stützt auch Prof. A. Grotjahn seinen 
Beitrag zu den Bonner Deutschen Kriegsschriften (17. Heft.): „Der Wehr- 
beitrag der deutschen Frau. Zeitgemäße Betrachtungen über Krieg 
und Geburtenrückgang." Von der Betrachtung des Geburtenrückgangs im 
letzten Menschenalter ausgehend, erwägt er streng sachlich die Ursache dieser 
Erscheinung und die Mittel, ihr zu steuern. Der Angelpunkt der Frauen- 
frage scheint ihm hier zu liegen. „Die Frauenbewegung muß die Beschäftigung 
mit der Frage der Elternschaft, der Frühehe und der Familie überhaupt in 
die erste Stelle rücken." In diesem Sinne ist der etwas rätselhafte Satz zu 
deuten: „Nur ein Erwachen des Verständnisses für die Aufgabe der Frau in 
der Hygiene der menschlichen Fortpflanzung auch innerhalb der Frauen- 
bewegung kann hier Wandel schaffen" (S. 26). Als ein Hauptmittel, die 
Geburtenziffer zu erhöhen, erscheint ihm eine „ausgiebige, alle Stände um- 
fassende Elternschaftsversicherung", neben Erbschaftsgesetzen, Steuerbegün- 
stigungen usw. Sein Standpunkt ist also ganz und gar jener des National- 
ökonomen und Sozialhygienikers, dem Gertrud Bäumer mit dem Hinweis auf 
das Empfindungs- und Willensleben des Weibes einschränkend entgegentritt. 
In der Tat, wenn man die Kurve „der weiblichen Fruchtbarkeit" betrachtet, 
die Grotjahn S. 5 mitteilt, wird man unwillkürlich an ihr Wort erinnert: 
„So als ob die deutschen Mütter gebären sollen, je nachdem das Thermometer 
der feindlichen Geburtenstatistik auf und absteigt." Mit dem idealistischen 
und gefühlsmäßigen Gesichtspunkt wird natürlich die Argumentation der 
Staatswissenschaft nicht widerlegt, sondern nur in ihren Forderungen ein- 
geschränkt und ergänzt. Beide zusammen erst geben den allseitigen Stand- 
punkt, der fruchtbar zu werden vermag. — 

Während alle diese Schriften eine allgemeinere und prinzipiellere Be- 
deutimg besitzen oder doch beanspruchen, hat die sehr verdienstliche Arbeit 
von Anna Lindemann: „Die Zukunft der Kriegswitwe" (Berlin 1916, 
Arthur Collignon) einen unmittelbar praktischen Zweck. Sie ist eine Rat- 
geberin für Kriegswitwen, besonders für solche, die genötigt sind, sich einer 
Erwerbstätigkeit zuzuwenden oder sich ökonomisch einzuschränken. Sie gibt 
auf verhältnismäßig kleinem Raum wertvolles Material, namentlich auch 
Verzeichnis von Auskunftsstellen und Stiftungen, sowie eine Reihe auf Er- 
fahrung beruhende Ratschläge zur finanziellen Einrichtung und zur Wahl 
des Berufs. In einem kurzen Schlußabschnitt klingen die Gedanken über 
die soziale Bedeutung der weiblichen Tätigkeit und die neue Stellung der 
Frau im nationalen Leben wieder, welche die Literatur der Frauenbewegung, 
wie sie uns in dieser Übersicht entgegengetreten ist, beherrschen. 



VI. 
Das Militärkirchenwesen 

Von Johannes Niedner 

Im ersten Bande dieser Zeitschrift S. 471 ff. habe ich bereits über die 
im Militärkirchenwesen sich bietenden kirchen- und staatspolitischen Probleme 
berichtet, worauf ich zunächst verweisen möchte. Es war dabei festzustellen, 
daß die neuere Entwicklung des Militärkirchenwesens bis dahin von der 
Theorie noch gar nicht bemerkt war, wie es überhaupt ein wenig beachtetes 
Dasein führte. Wem nicht die behördlichen Akten zugänglich waren, konnte 
sich nicht einmal über die bestehende Organisation zuverlässig unterrichten, 
geschweige denn die damit gegebenen politischen Probleme erkennen. Darin 
ist inzwischen Abhilfe geschaffen. Es sind mehrere Darstellungen des Militär- 
kirchen wesens erschienen, die es jetzt jedem ermöglichen, sich ein Bild dieser 
bedeutungsvollen Einrichtung zu machen. Abgesehen von kürzeren, wie 
z. B. den einschlägigen Artikeln in Dietz Handbuch des Militärrechts (1912) 
S. 521 — 528 sind dies vor allem die Arbeiten des Divisionspfarrers Lang- 
haeuser: Das Militärkirchenwesen im kurbrandenburgischen und königlich 
preußischen Heer, seine Entwicklung und derzeitige Gestalt. Metz (P. Müller) 
1912, 271 S., und von Prof. D. Dr. Freisen: Das Militärkirchenrecht in Heer 
und Marine des Deutschen Reiches, nebst Darstellung des außerdeutschen 
Militärkirchenwesens. Paderborn (Schöningh) 1913, 395 S. 

Der weitaus größte Teil der Langhaeuserschen Arbeit (230 S.) ist der 
Darstellung der historischen Entwicklung des preußischen Militärkirchenwesens 
gewidmet. Mit Recht, denn die gegenwärtige sehr verwickelte Rechtslage 
ist ohne Kenntnis ihrer historischen Entwicklung gar nicht zu fixieren, ge- 
schweige denn zu verstehen. Der Verfasser konnte hierbei eine im Kriegs- 
ministerium verfaßte sehr eingehende, leider nicht veröffentlichte, historisch 
kritische Denkschrift benutzen, in der er alles wesentliche Urkundenmaterial 
aus den verschiedenen Archiven und Akten zusammengetragen fand. Er hat 
aber auch darüber hinaus noch selbständige Archivstudien gemacht, und 
während die gedachte Denkschrift nur die Entwicklung der Organisationsform 
darstellt, bringt er manches Interessante auch über die Art der Ausübung 
der Seelsorge, insbesondere auch der katholischen. Eingehend ist besonders 
die kirchenpolitisch hochinteressante Geschichte der katholischen Feldpropstei 
behandelt. Eine kritische Sichtung des Materials unter spezifisch rechts- 
wissenschaftlichen Gesichtspunkten tritt bei Langhaeuser zurück. Es wäre 
lehrreich gewesen zu zeigen, wie die Einrichtung einer von der ordentlichen 
landeskirchlichen Verwaltung mehr oder weniger getrennten selbständigen 
militärischen Organisation zunächst nicht durch das jeweilige Verhältnis von 
Staat und Kirche bedingt war, sondern sich daraus erklärt, daß das Militär- 



Niedner, Das Militärkirchenwesen. 301 

kirchenrecht besonderes Standesrecht war. Danach sind auch manche der 
jetzt geltenden Bestimmungen, z. B. die über die Parochialzugehörigkeit, erst 
zu verstehen, deren Anwendung grade gegenwärtig in Hinblick auf die Kriegs- 
verhältnisse besondere Schwierigkeiten gemacht hat. Da die allmähliche 
Trennung der kirchlichen und staatlichen Verwaltung im 19. Jahrhundert 
auf die Organisation des Militärkirchenwesens natürlich auch nicht ohne 
Einfluß bleiben konnte, verwickelte sich dann die Kompetenzfrage außer- 
ordentlich. Das macht es erklärlich, daß bei der im Jahre 1902 getroffenen 
Neuordnung der militärkirchlichen Organisation ziemliche Unklarheit über 
die Zuständigkeiten bestand und daß über die rechtliche Bedeutung der da- 
mals erlassenen militärkirchlichen Dienstordnungen, auf denen tatsächlich die 
jetzige Organisation beruht, rechte Zweifel noch heute bestehen. Langhaeuser 
prüft diese Frage nicht näher. Er sieht die Dienstordnungen als in die 
Reichskompetenz einschlagende kaiserliche Verordnungen an, was sie jedenfalls 
nicht sind; sie sind gegengezeichnet vom Preußischen Kriegs- und Kultus- 
minister. In der Einführungsorder hatte man eben jener Zweifel wegen den 
Vorbehalt gemacht, daß Zuständigkeiten von Kirchenbehörden durch die 
Ordnung grundsätzlich nicht berührt werden, und damit freilich die Unklar- 
heiten bestehen lassen. Zu ihrer Behebung tragen die historischen Mittei- 
lungen von Langhaeuser aber jedenfalls wesentlich bei. Hoffentlich werden 
diese noch in den angegebenen Richtungen hin ergänzt in dem größeren 
historischen Werk über Militärkirchenwesen, dessen Erscheinen Heinrich 
Pohl (Ztschr. der Savigny - Stif tg., Kan. Abt. IH, 588) in nächste Aussicht 
gestellt hat. In gedrängter Form gibt Langhaeuser dann eine Übersicht über 
die jetzige Verfassung und Gestalt des evangelischen und katholischen Militär- 
kirchenwesens: Die Organisation der Militärgemeinden, die Militärgeistlichen 
und deren Dienstverhältnisse, die Ausübung der Militärseelsorge, die Militär- 
küster, dies für Heer und Marine. Es ist die erste, wenn auch kurze selbständige 
systematische Darstellung des preußischen Militärkirchenrechts und deshalb von 
praktischem Wert. In dem Literaturnachweis hätte bemerkt werden können, 
daß von der ev. mil. Dienstordnung im Jahre 1903 und von der kath. mil. 
Dienstordnung 1904 kommentierte Ausgaben erschienen sind. 

Während die Langhaeusersche Arbeit sich auf die Darstellung des 
Preußischen Militärkirchenwesens beschränkt und also, von einigen historischen 
Bemerkungen abgesehen, auch das der Konventionsstaaten des Preußischen 
Heereskontingents unberücksichtigt läßt, stellt sich Freisen die im Titel an- 
gegebene viel umfassendere Aufgabe einer Darstellung des Militärkirchen- 
wesens der wichtigeren Kulturstaaten überhaupt, wobei er die europäischen 
und amerikanischen Staaten, Indien und Japan einzeln durchgeht. Freisen 
bemerkt dabei, daß die Militärseelsorge auf dem Boden des Christentums 
erwachsen sei. welches alle Verhältnisse des menschlichen Lebens, also auch 
das Soldatenleben umfasse, während in den nichtchristlichen Ländern ein 
organisiertes Militärkirchenwesen nicht bekannt sei. Es ist für die Beurteilung 
der prinzipiellen Bedeutung des Militärkirchenwesens für das Verhältnis von 
Staat und Kirche wichtig, demgegenüber darauf hinzuweisen, daß wir ■ — was 
Freisen übrigens selbst kurz erwähnt — von alters her auch bei den nicht- 
christlichen Völkern die Beteiligung von Priestern und Kultuseinrichtungen 
im Felde finden (vgl. darüber u. a. Gottfried Ephr. Müller: Historisch-philo- 
logische Abhandlung von den Feldpriestern der Völker alter Zeiten, Dresden und 
Leipzig 1750), wie z. B., wenn ich recht berichtet bin, auch im türkischen Heer 
besonders besoldete und uniformierte Hodschas, für die Mohammedaner in 



302 Nie dn er, Das Militärkirchenwesen. 

Bosnien und der Herzegowina besondere Militär-Imame, in Rußland sogar ein 
Divisions- und Korpsmullah angestellt sind und die Funktion des Muezzin nicht 
ausfallen darf. Bei den nichtchristlichen Völkern pflegt das religiöse mit dem 
staatsbürgerlichen Leben sogar grundsätzlich noch enger verbunden zu sein, 
als in den modernen christlichen Staaten mit ihrer Tendenz zur Trennung von 
Staat und Kirche. Unter diesem Gesichtspunkt ist es besonderer Beachtung 
wert, wie sich die Staaten, in denen kürzlich der Grundsatz der Trennung von 
Staat und Kirche gesetzlich ausgesprochen ist, zum Militärkirchenwesen ge- 
stellt haben: ich habe das Band I S. 485 der Zeitschrift für Politik bereits 
angedeutet. Es kommen dabei besonders Frankreich und die südamerikani- 
schen Republiken in Betracht. Leider konnte Freisen grade über diese 
Staaten keine zuverlässigen und erschöpfenden Mitteilungen bringen, wie er 
überhauyit bei den außerdeutschen Staaten nicht überall die gesetzlichen Vor- 
schriften ermitteln konnte, mangels literarischer Vorarbeiten vielmehr im 
wesentlichen auf einen ungedruckten Vortrag des Divisionspfarrers Tiesmayer 
und Auskünfte einzelner Personen angewiesen war, deren Zuverlässigkeit nicht 
nachgeprüft werden kann. Anders steht es mit der Darstellung des deutschen 
Militärkirchenwesens, für die niemand befähigter sein konnte als der Ver- 
fasser, der sich besonders der Erforschung des deutschen partikularen Staats- 
kirchenrechts gewidmet hat. Das Miliüirkii'chenrecht ist aber bei uns noch 
ganz Partikularrecht und nicht einmal in Preußen einheitlich. So blieb dem 
Verfasser nichts übrig, als alle einzelnen Bundesstaaten, die großen und kleinen, 
einzeln zu behandeln. Damit ist denn nun jetzt alles wesentliche Material 
zusammengetragen, um uns ein Bild von der gegenwärtigen Gestaltung des 
deutschen Militärkirchenwesens zu machen. Wir finden bei Freisen vor allem 
die vielen, für die einzelnen Bundesstaaten verschiedenen, gesetzlichen Be- 
stimmungen abgedruckt oder auf ihren anderweitigen Abdruck verwiesen. 
Dabei hätte bemerkt werden können, daß die in den einzelnen Bundesstaaten 
nach Erlaß und z. T. aus Anlaß der Preußischen militärkirchlichen Dienst- 
ordnungen von 1902 ergangenen neueren Bestimmungen über das evangelische 
Militärkirchenwesen im Allgemeinen Kirchenblatt für das evangelische 
Deutschland, dem merkwürdigerweise wenig bekannten amtlichen Publikations- 
organ der deutschen Kirchenregierungen, zu finden sind. Im Einzelnen ist die 
Darstellung für die einzelnen Bundesstaaten noch ungleich. Für manche 
konnte Freisen eine Darstellung der geschichtlichen Entwicklung geben, so 
für Preußen auf Grund der Langhaeuserschen Arbeit, für Bayern und das 
katholische Militärkirchenrecht einzelner Bundesstaaten auf Grund eigner 
Studien; für andere, z. B. das sächsische evangelische Recht, fehlt sie. 

Da Freisen den ganzen Stoff erst aus dem Rohen herausarbeiten mußte, 
kann es nicht wundernehmen, daß er trotz seines gründlichen Studiums 
über Einzelheiten noch nicht erschöpfend berichten kann. Die Schwierigkeit 
einer zuverlässigen Feststellung der gegenwärtigen Rechtslage ist außer- 
ordentlich groß, denn die gegenwärtigen Rechtsverhältnisse haben sich zum 
Teil im Wege der Verwaltungspraxis entwickelt, zu deren Kenntnis der 
Verfasser meist nur durch persönliche Auskünfte gelangen konnte, die nicht 
immer erschöpfend und zuverlässig zu sein pflegen. Wenn zum Beispiel 
Freisen mitgeteilt ist. daß die Preußische evang. milit. Dienstordnung von 1902 
im Großherzogtum Sachsen- Weimar keinen Eingang gefunden habe, so ist 
das nur insofern richtig, als eine förmliche gesetzliche oder staatsvertragliche 
Bestimmung über deren Einführung allerdings nicht getroffen ist. Tatsächlich 
ist aber — was dem Verf asser offenbar nicht mitgeteilt ist — eine organi- 



Niedner, Das Militärkirchenwesen. 303 

satorische Eingliederang des Militärkirchenwesens im Großherzogtum in das 
des Preußischen Kontingents nach Maßgabe der Dienstordnung erfolgt und 
wird danach die Verwaltung gehandhabt, so daß sich in der Praxis ein etwas 
anderes Bild zeigt als nach den Mitteilungen bei Freisen, in denen von den 
Beziehungen der weimarischen Militärgeistlichen zum Oberpfarrer des Armee- 
korps und Feldpropst nichts erwähnt ist. Freisens Darstellung des partiku- 
laren Militärkirchenrechts enthält im einzelnen eine Fülle von Material zur 
Beleuchtung der kirchlichen Verfassungsverhältnisse in den einzelnen Bundes- 
staaten; schon die Form der Regelung, die man jeweils gewählt hat — 
kirchen- oder staatsgesetzliche, staatsvertragliche oder Vereinbarung nur 
zwischen Behörden, und auch hier wieder zwischen verschiedenen Instanzen — 
ist dabei von größtem Interesse. Die Notwendigkeit, für die Bundesstaaten 
Einzeldarstellungen zu geben, stand allerdings einer systematischen Ver- 
arbeitung des ganzen Stoffes von vornherein im Wege, immerhin nimmt der Ver- 
fasser zu den wesentlichen gemeinsamen Rechtsfragen Stellung, wie sie sich z. B. 
ergeben in militärischer Hinsicht, und hier wieder unterschiedlich für Kom- 
mando- und Verwaltungsangelegenheiten, aus der Konkurrenz der Kompetenzen 
des Reichs und PreußeDS und der zum Preußischen Kontingent gehörigen 
Bundesstaaten, sowie ferner aus der Konkurrenz der Kompetenz der staat- 
lichen und kirchlichen Instanzen in Kirchensachen, die wieder verschieden ist 
in den einzelnen Bundesstaaten und verschieden für die sog. Externa und 
Interna. So hat er das Verdienst, auf manche dieser Fragen erstmalig 
aufmerksam gemacht und zugleich zu ihrer Lösung beigetragen zu haben. 
Freilich wird auf diesem schwierigen Gebiet noch viel juristische Arbeit zu 
leisten sein; eine rechtsdogmatische Darstellung des Militärkirchenrechts 
fehlt noch. 

Im ganzen zeigt sich in den beiden Büchern der Stand unserer Wissen- 
schaft vom deutschen Militärkirchenwesen, und das beigebrachte Material 
genügt, um den Stand der im Militärkirchenwesen erscheinenden politischen 
Probleme, wie ich ihn im Band I dieser Zeitschrift kurz skizziert hatte, zu 
erkennen. Deren weitere Entwicklung zu verfolgen, ist nun eine besondere 
Aufgabe der Wissenschaft um so mehr, als sich diese Probleme grade gegen- 
wärtig zuzuspitzen scheinen. Durch den Krieg hat das Militärkirchenwesen 
selbst eine vielleicht nicht neue, aber doch so viel stärkere Beleuchtung 
erhalten, daß seine praktische Bedeutung schärfer als bisher hervortritt, und 
es haben alle die Organisationsfragen, mit denen seine Ausgestaltung zusammen- 
hängt, eine besondere Bedeutung gewonnen. Zunächst waren es Einzelfragen 
der praktischen Verwaltung, die zur Entscheidung drängten und, in ihrer 
organisatorischen Bedeutung erkannt, zu eingehenderer wissenschaftlicher 
Prüfung Veranlassung gaben, so die Frage der landeskirchlichen Steuerpflicht 
der im Felde stehenden Militärpersonen (vgl. die interessante grundlegende 
Entscheidung des Preußischen Oberverwaltungsgerichts vom 22. Juni 1915, 
Bd. 69 S. 295), sowie die Frage der Konkurrenz der Jurisdiktion des katho- 
lischen Feldpropstes und der Bischöfe (vgl. Linneborn, Eechtliches zur Preuß. 
Militärseelsorge in Theologie und Glaube, Bd. VII S. 529 ff.) u. a. Danach 
tritt dann aber jetzt die wesentliche Bedeutung der Militärseelsorge und ihrer 
Eingliederung in die staatlichen und kirchlichen Einrichtungen immer mehr 
hervor. Daß die Einrichtung des Militärkirchenwesens einem dauernden 
Bedürfnis entspricht, ist durch die Erfahrungen der Kriegszeit wohl erwiesen. 
Für die Kriegszeit selbst erschien sie von Anfang an nicht nur als eine von 
Staatswegen von alters her aufrecht erhaltene Einrichtung und es brauchte 



304 Niedner, Das Militärkirchenwesen. 

auch nicht erst ihr Ausbau von den kirchlichen Organen gefordert zu werden, 
sondern sie wurde von dem im Heere vereinigten wehrfähigen Volk als 
selbstverständlich angenommen und, wo sie fehlte, dringend gefordert. Gewiß 
lag dabei bewußt oder unbewußt zugrunde nicht nur das rein religiöse Be- 
dürfnis, sondern überhaupt das Bedürfnis nach geistig -sittlicher Anregung, 
das mangels anderer Einrichtungen von den Geistlichen befriedigt werden 
sollte. Aber da die sog. innere Mission im weitesten Sinne ja auch Aufgabe 
der kirchlichen Organe ist, so konnte die militärische Organisation auch der 
Befriedigimg jenes weitergehenden Bedürfnisses dienen, und sie hat ihm, wie man 
hört, hie und da in hervorragendem Maße gedient. Der Geistliche ist es immer 
noch, der nach seiner beruflichen Vorbildung besonders befähigt ist, geistige 
Anregung aller Hand zu bieten, für Lesestoff zu sorgen und sonstige mit 
der geistigen Ausbildung zusammenhängende zweckmäßige Einrichtungen, 
z. B. für Kriegsbeschädigte, zu fördern. Diese Betätigung der Geistlichen 
ist auch nicht überflüssig geworden, nachdem weitere besondere Einrichtungen 
zur geistigen Pflege der Volksgenossen im Felde getroffen sind. Jedenfalls 
aber ist nach allem, was man aus dem Felde hört, auch das Bedürfnis grade 
nach religiöser Ansprache und Aussprache in unserem Volke so überwiegend 
vorhanden, daß es schon für sich die militärische Einrichtung begründet. 

Im Kriege traten sodann die Eigentümlichkeiten der militärischen Or- 
ganisation noch schärfer als im Frieden hervor: Die straffe einheitliche Zu- 
sammenfassung unter staatlicher Leitung, das notwendige Zusammenarbeiten 
der Geistlichen der verschiedenen Konfessionen und religiösen Richtungen 
und ihre Berührung mit deu Angehörigen anderer Konfessionen und Richtungen. 
Das muß ausgleichende Wirkungen auf die Anschauungen über das Verhältnis 
des staatsbürgerlichen zum kirchlichen Empfinden und die Stellung der ver- 
schiedenen Konfessionen und Richtungen zueinander haben. Die Möglichkeit 
auch organisierten Zusammenarbeitens tritt zutage. Ob diese Wirkungen 
sich nach dem Kriege alsbald in der Rechtsgestaltung äußern werden, ist 
wohl mit Sicherheit nicht vorauszusagen. Von beachtenswerter liberaler Seite 
ist es schon ausgesprochen, die Tendenz zur Trennung von Staat und Kirche, 
die sich in der Entwicklung des staatskirchlichen Verhältnisses in der letzten 
Zeit zeigte, werde aufhören, wenn nicht gar einer rückläufigen Tendenz zur 
Staatskirche weichen; selbst von einer streng konfessionellen Seite ist jetzt 
schon die Meinung vertreten worden, daß in der evangelischen Kirche nach 
dem Kriege die förmliche, auch verfassungsmäßige Gleichberechtigung der 
so sehr verschiedenen Richtungen anerkannt werden müsse, und von früheren 
Kulturkämpfern wird sogar ein organisiertes Zusammenarbeiten der evange- 
lischen mit der katholischen Kirche jetzt für möglich gehalten. Der bisher 
unsere Kirchenpolitik beherrschende Grundsatz „schiedlich friedlich" ist 
ins Wanken geraten. Vielleicht bleiben jene Wirkungen des Krieges auf die 
Kriegsteilnehmer noch latent oder werden durch reaktionäre Strömungen zum 
Teil wieder aufgehoben, ganz ohne Bedeutung werden sie aber für die künftige 
Entwicklung wohl nicht bleiben und jedenfalls werden sie in der Kü'chen- 
politik zu beachten sein. 

Die Notwendigkeit der militärischen Einrichtung im Kriege setzt eine 
solche auch im Frieden voraus. Die Erfahrungen bei der Mobilmachung 
weisen darauf hin. Damit wäre zunächst freilich nur die Notwendigkeit 
verbesserter vorbereitender Maßnahmen gegeben, nicht die Notwendigkeit des 
Ausbaus der Militärseelsorge im Frieden selbst. Aber andere Beobachtungen 
in der Kriegszeit legen Erwägungen auch nach dieser Richtung hin nahe. 



Niedner, Das Militärkirchenwesen. 305 

Vermehrte Fürsorge für das körperliche und geistige Wohl der schul- 
entlassenen Jugend von Staatswegen war schon in der letzten Friedenszeit 
als eine immer dringlicher gewordene Forderung erkannt. Die Kriegszeit hat 
uns dann ganz besonders darauf hingewiesen, die Leistungsfähigkeit des 
heranwachsenden Geschlechts in jeder und nicht zuletzt in geistiger und sitt- 
licher Hinsicht zu stärken. Dabei wird auch die militärische Dienstzeit nicht 
unberücksichtigt bleiben dürfen. Schon bisher war ideal gefordert und auch 
praktisch betätigt, daß das Heer eine „Bildungsschule" der Nation im weitesten 
Sinne sein solle, aber es überwog doch wohl in der Dienstzeit meist das 
militär- technische so jedes andere Interesse, daß währenddem der junge 
Mann aus dem bürgerlichen Ideen- und Interessenkreis auszuscheiden schien, 
und ein im Berufssoldatentum verkörperter sog. Militarismus von manchen 
in Gegensatz zum volkstümlichen Empfinden gebracht wurde. In diese An- 
schauungen hat der Krieg auch wohl eine Klärung gebracht, insofern die 
Einheit von Heer und Volk in die Erscheinung getreten ist, in der soldatisches 
und volkstümliches Empfinden nichts Gegensätzliches enthält. Wenn diese 
Auffassung die Kriegszeit überdauert, so wird sie dahin führen, grade auch 
in der militärischen Dienstzeit noch mehr als bisher den jungen Mann in 
Fühlung mit dem Ideen- und Interessenkreis zu halten, in dem er aufge- 
wachsen, und seiner weiteren geistig-sittlichen Ausbildung besondere Auf- 
merksamkeit zu widmen. Es sind nach dieser Richtung hin ja bereits weit- 
gehende Vorschläge für Schaffung einer ganz neuen der Militärverwaltung 
eingegliederten Organisation gemacht, die in Anknüpfung an die besonderen 
Einrichtungen zur geistigen Anregung der Soldaten im Felde Gleiches in 
Friedenszeiten leisten soll. Es fragt sich, ob das durchführbar ist, und ob 
nicht auch hier zweckmäßig zunächst an die bereits bestehenden militär- 
kirchlichen Einrichtungen anzuknüpfen sein wird. Ob man die Erfüllung 
dieser weiteren Aufgabe den militärkirchlichen Organen anvertraut und ob 
diese dazu befähigt sein werden, wird für die Weiterentwicklung unserer 
Staats- und kirchenpolitischen Verhältnisse von außerordentlicher Bedeu- 
tung sein. Um sich hierüber ein Urteil zu bilden, wird man seinerzeit 
prüfen müssen, wie sich in dieser Beziehung das Militärkirchenwesen in der 
Kriegszeit bewährt hat, in der die Geistlichen mit allen Volksschichten in 
engste Berührung gekommen sind und welche Wertschätzung ihre Tätigkeit 
beim Volke gefunden hat. Es wird sich envpfehlen, hierauf auch schon 
während der Kriegszeit besonders zu achten, wo sich Gelegenheit bietet, 
ihre Tätigkeit nach dieser Richtung hin noch fruchtbarer zu gestalten und 
dabei Erfahrungen für die Zukunft zu sammeln. 

Sodann ist es das Organisationsproblem, bei dessen Lösung die durch 
den Krieg angeregte Weiterentwicklung der sonstigen staatlichen und kirch- 
lichen Organisation beachtet werden muß. Das Militärkirchenwesen muß 
vom Militär ressortieren und sich an dessen Verwaltungsgliederungen an- 
schließen. Das bedingt einheitliche Verwaltung, wenn auch vielleicht nicht 
für das ganze deutsche Heer, so doch für die 4 großen Kontingente. Diese 
Einheitlichkeit der Verwaltung herbeizuführen, erschien bisher besonders für 
das preußische Kontingent mit seinen vielen staatlichen und kirchlichen In- 
stanzen als kaum lösbares Problem. Die — an sich wohl mögliche — Ent- 
wicklung, daß sich die Instanz des Preußischen Kultusministers, entsprechend 
der des Preußischen Kriegsministers, für die militärischen Kultusfragen all- 
mählich zur Reichsinstanz oder wenigstens der die Kultusverwaltung des 
Preußischen Kontingents leitenden Instanz auswächst, ist bisher nicht be- 
Zeitschrift für Politik. 10. 20 



306 Niedner, Das Militärkirchenwesen. 

merkbar, auch unwahrscheinlich, denn es fehlt dem Kultusminister, mit Aus- 
nahme der neuen Provinzen, selbst in Preußen die Kompetenz in inner- 
kirchlichen Angelegenheiten, und es werden die rein kirchlichen Instanzen, 
die katholischen wie evangelischen, auf eine organische Verbindung ihrer 
Verwaltung mit der militärkirchlichen nicht verzichten. In der Verwaltung 
des katholischen Militärkirchenwesens wäre insoweit eine Vereinheitlichung 
in der Person des Feld